Eliten – Macht – Medien: Das Problem mit der Unabhängigkeit

AtomtransporteAtlanticCartier-HH-Hafen03052014-FotoDirkSeifert-02Die Berichterstattung bundesdeutscher Medien ist in Sachen Ukraine-Konflikt heftig und vielfältig kritisiert worden. Nicht immer mit nachvollziehbaren Argumenten. Auffallend aber in jedem Fall die Einseitigkeit, mit der vom „guten“ Europa und „bösen“ Russland berichtet wurde. Das Satire-Programm „Die Anstalt“ hat das zum Anlass genommen, sich die Berichterstattung und die Hintergründe genauer anzusehen und hat dabei ans Tageslicht gezerrt, was meist lieber im Dunkeln bleiben möchte.

Hier der Beitrag aus der Sendung DIE ANSTALT (Link auf Youtube)

Die Anstalt nimmt in der Sendung am 29. April die Berichterstattung über das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine unter die Lupe und stellt fest, dass die dortigen Regelungen in Sachen militärischer Vereinbarungen (Zusammenarbeit bei Kriegseinsätzen, Rüstung) in keiner Weise von den deutschen Medien thematisiert worden sind. Dabei zitieren die Kabarettisten die ehemalige ARD-Korrespodentin Gabriele Krone-Schmalz, die in einem Zapp-Interview sagte, dass die Medien hätten sehen müssen (!), dass dieses Abkommen die Ukraine zerreißen würde.  (Das Zapp-Interview ist hier auf Youtube online: Gabriele Krone-Schmalz – Das darf nicht sein – NDR / ZAPP 16.04.2014).

Im weiteren zeigen Max Uthoff und Claus von Wagner anhand zahlreicher „Think-Tanks“, Institute und Konferenzen die enge Verflechtung von Journalisten mit diesen politisch/ökonomisch festgelegten Einrichtungen einer Herrschaftselite auf. Die in der Sendung genannten Einrichtungen fassen die beiden Kabarettisten als „Nato-Versteher“ zusammen. Im weiteren werden dann Journalisten der Süddeutschen Zeitung, der Zeit und der FAZ und ihre Verbindungen in diese Elite-Einrichtungen namentlich genannt.

Das hatte Folgen. Auf Telepolis ist unter der Überschrift „Leitartikler und Machteliten“ zu lesen: „Josef Joffe, Herausgeber der ZEIT, beschwerte sich beim Chefredakteur des ZDF, Peter Frey über angeblich falsche Darstellungen in der Satire-Sendung. Die „Anstalts“-Redaktion durfte sich mit Unterlassungserklärungen auseinandersetzen, die ihr der Herausgeber und ein Redakteur der liberalen Zeitung haben zukommen lassen. Und Stefan Kornelius, Leitartikler der Süddeutschen Zeitung, wies gegenüber dem NDR-Medienmagazin Zapp Kritik an seiner Nähe zur Elite zurück.“  (hier geht es zum Zapp-Beitrag in der NDR-Mediathek mit Kornelius)

ZAPP berichtet außerdem unter dem Titel „Transatlantik – Journalisten unter Bündnisverdacht“ (Link zur Mediathek des NDR) über den „Anstalts-Beitrag“.

In dem Beitrag auf Telepolis wird der Hintergrund des Beitrags in der „Anstalt“ verdeutlicht, auf die sich Kornelius auch bezieht: „Die akademische Grundlage für die aktuelle Diskussion um die Frage, inwieweit die Vernetzung deutscher Spitzenjournalisten sich negativ auf eine ausgewogene Berichterstattung auswirkt, bietet der Journalismusforscher Uwe Krüger mit seiner Studie „Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten“. Eine Studie, die letztlich auch Grundlage für den Beitrag in „Die Anstalt“ war und die genügend Zündstoff bietet. Krüger wollte wissen, wie eng der Kontakt zwischen deutschen Spitzenjournalisten und anderen Eliten ist. Eine aufwändige Netzwerkanalyse brachte ans Licht: Führende Leitartikler und Top-Journalisten sind eng in Elite-Netzwerke eingebunden und ihre Sicht auf „die Verhältnisse“, wie sie in ihren Artikeln zum Vorschein kommt, deckt sich erstaunlich oft mit der Sicht des „Eliten-Milieus“ in dem sie unterwegs sind (Journalismusforschung:“Ganz auf Linie mit den Eliten“, Beitrag auf Telepolis). “

Mit Uwe Krüger gibt es ein aktuelles Interview auf Telepolis unter der Überschrift „Mit dem gebotenen Hohn“ von Paul Schreyer. „Zeit-Herausgeber Josef Joffe äußert sich zum Vorwurf der zu engen Vernetzung mit den Eliten, Medienwissenschaftler Uwe Krüger antwortet auf die Kritik Joffes“.

Marcus Klöckner geht in seinem als „Debattenbeitrag“ gekennzeichneten Artikel ausführlich den Fragen nach:“Doch was hat es mit den Verbindungen zwischen Journalisten zu Think Tanks und Elite-Zirkeln auf sich? Wirken sich die Verbindungen in den Einflusssphären der diskreten Elite-Macht auch auf die Berichterstattung aus? Oder aber: Ist die Kritik möglicherweise gar nicht gerechtfertigt?“

In seinem Beitrag setzt er sich mit den Argumenten des Zeit-Herausgebers (gegen das ZDF) und des Vertreters der Süddeutschen auseinander, diskutiert über die „Machtstrukturforschung“ und zeigt unterschiedliche Umgangsweisen von Journalisten mit den „Elite-Veranstaltungen“ und Think-Tanks. Von Theo Sommer ist dort die Rede, von Jürgen Trittin und andern. Aber auch von Giovanni di Lorrenzo, der z.B. nicht mehr als Chefredakteur an der „Bilderberg-Konferenz“ für die Zeit teilnehmen will.

Unter anderem bringt Klöckner auch dieses Beispiel: „Die ZEIT erfährt gerade leidvoll was es heißt, wenn ein Redakteur an einem Strategiepapier in Sachen Neuausrichtung der deutschen Außenpolitik für einen Think Tank mitgewirkt hat, dann über dieses Papier in einem Artikel schreibt, aber nicht angibt, dass er selbst an der Erstellung des Papiers beteiligt war (Telepolis berichtete: Chaos bei Zeit Online: Mal gilt der Ethik-Kodex, mal gilt er nicht – Mittlerweile findet sich eine entsprechende Offenlegung unter dem Artikel). Von den über 500 Kommentaren unter dem aktuellen Artikel des Autors finden sich viele Leserstimmen, die die Nähe zu den Denkfabriken, in denen der Autor sich bewegt, kritisieren.“

Für Klöckner ist am Ende eines spannenden und differenzierten Artikels klar: „Es ist an der Zeit, dass die Distanz zwischen Journalisten und Machteliten größer wird.“

Satire als Bildungsarbeit: Siehe auch diesen Satire-Beitrag aus „Die Anstalt“ mit Urban Priol: Goldmann Sachs und die Politik (Youtube)

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