Ökologie – ReNaturierung: Von Menschen- und Naturbildern

Naturbild – ohne Menschen. Foto Dirk Seifert

Vor wenigen Tagen haben die Klimaretter das neue Jahrbuch Ökologie 2015 vorgestellt. „Re-Naturierung“ ist es betitelt und diskutiert mit zahlreichen AutorInnen ein wichtiges Fundament der Umweltpolitik, genauer: Das Naturverständnis. Wie geht das mit immer mehr Naturzerstörung und der Sehnsucht nach einer heilen – unberührten und wilden Natur? (Leider liegt mir das Jahrbuch nicht vor, hier ist die Inhaltsangabe mit Links auf jeweils die erste Seite der zahlreichen Aufsätze. Insofern ist das folgende keine Auseinandersetzung mit den dort veröffentlichten Texten, sondern nur eine Diskussion des Themas aus Anlass der Veröffentlichung.)

Das IÖW fasst das Jahrbuch so zusammen: „Was verstehen wir unter Natur? Dieser Frage geht der erste Teil des Buches nach und widmet sich Ideen zu einem grundlegenden Naturverständnis. Dass Renaturierung schon heute vielfältig stattfindet, zeigt der zweite Teil“Und: „Besonders wichtig ist Renaturierung auch, da sich Mensch und Gesellschaft stark von der Natur entfremdet haben. Dies zeigt der dritte Teil des Buchs: Global schreitet der Raubbau an Wäldern voran, Böden werden zerstört, die Natur wird bedrängt. Der vierte Teil des Buches zeigt ungelöste Konflikte im Mensch-Natur-Verhältnis…“

Außerdem wird dort betont: „Das Buch mag vielleicht noch nicht eine allseits befriedigende Definition des Begriffs „Renaturierung“ gefunden haben, so die Herausgeber selbstkritisch im Vorwort des Buches. Es legt jedoch das Potenzial der Idee offen und regt zum mitmachen an. Und wie immer enthält es die traditionelle Rubrik „Vordenker und Vorreiter“ und stellt ausgewählte Umweltinstitutionen vor.“

Dabei beziehen sich viele der Artikel auf sehr praktische Erscheinungen im Umwelt- und Naturbereich, sei es in den Städten, in der Landwirtschaft und anderen Lebensräumen.

Sandra Pietz schreibt bei den Klimarettern: „Die Sehnsucht nach unberührter Natur nimmt just in der Zeit zu, in der wirkliche Wildnis zur Seltenheit geworden ist. Die Naturzerstörung ist zu einem strukturellem Problem geworden, das die Menschheit zunehmend bedroht und uns das Mensch-Natur-Verhältnis neu hinterfragen lässt. Eine Re-Naturierung scheint immer wichtiger zu werden. Doch was können wir darunter verstehen? Wer oder was soll re-naturiert werden?

Dass es mit der Wiederherstellung naturnaher Lebensräume nicht getan ist und dass diese Vorstellung sogar „große Chancen für die Gesellschaft“ verbaut, darüber waren sich die Herausgeber des Jahrbuchs Ökologie 2015 einig. Auf 260 Seiten weist das Sachbuch auf diese verkürzte Sichtweise hin und sogleich darüber hinaus. Autoren aus verschiedenen Fachrichtungen und Perspektiven kommen zu Wort.“

Man muss kein Indianer sein, um zu verstehen, dass es eines besonderen Naturverständnisses bedarf, um mit der Welt so umzugehen, wie es die westlichen Gesellschaften nunmehr seit Hunderten von Jahren betreiben und sicherlich müsste man auch den Einfluss des Christentums auf diese Einstellung betrachten.

Natur als etwas dem Menschen äußeres, als Gegensatz zu Kultur, so ließe sich das vielleicht auf einen Punkt bringen, was Kern der katastrophalen Folgen menschlichen – industriell-kapitalistischen – Umgehens mit der Welt bestimmt. Pietz: „Unsere neuzeitliche – westliche – Kultur beruht im Wesentlichen auf der Abkehr von der „bedrohlichen und wilden“ Natur. Erst im Kontrast zu dieser Wildnis konnte sich die aufgeklärte Kultur definieren. Doch es wird immer offensichtlicher, dass die Lossagung von einer uns entgegenstehenden Natur zu ihrer grenzenlosen Ausbeutung und Zerstörung führt.“

Wenn man so will: Erst durch diese „Lossagung“, durch die Abtrennung des Menschen von der Natur, ließen sich Rohstoffe ausbeuten und Zerstörung auf der einen Seite und die Anhäufung von Reichtum (Waren, Kapital, Kultur) auf der anderen betreiben. Heute diskutieren und fordern wir das oft mit der „Internalisierung externer Kosten“. Das ist richtig und notwendig, dennoch reicht es nicht weit genug, weil es Umwelt weiterhin als „extern“, als immer noch irgendwie äußerlich definiert, Luft, Wasser etc. z.B. zu einer Ware macht.

Es lohnt sich durchaus über die Grundverhältnisse zu diskutieren, den Naturbegriff genauer unter die Lupe zu nehmen und sich dabei natürlich (!) auch mit dem Menschenbild auseinanderzusetzen. Die von Sandra Pietz geschriebene Aufspaltung von wilder Natur auf der einen Seite und Kultur auf der anderen, erinnert ja durchaus an z.B. Thomas Hobbes, der die Herleitung des modernen Staates (Der Leviathan) aus einer Gleichheit aller in Verbindung mit einem „Krieg aller gegen alle“ als Urzustand der menschlichen Natur betreibt. Nur durch die dem Menschen ebenfalls innewohnende Vernunft kann dieser Zustand überwunden werden, indem sie zu einem Gesellschaftsvertrag führt, in dem ein quasi Dritter das Gewaltmonopol zur Sicherung des Eigentums übertragen bekommt. (Siehe hier auf leftvision, keine Angabe über den Autor: Das Menschenbild und der Naturzustand in der Staatstheorie des Thomas Hobbes)

Setzungen wie diese von Thomas Hobbes – und vielen anderen – führen dazu, dass auf der Grundlage dieser Menschen- und Naturbilder im weiteren geschichtlichen Verlauf ein Rechtssystem als Rahmen der industriellen kapitalistischen Entwicklung entwickelt wird, in dem dieses eine unglaubliche Wirkmacht entfalten konnte und tief in staatliche und gesellschaftliche Realität und Normierung eingegraben ist.

Zum Jahrbuch Ökologie 2015 schreibt Pietz weiter: „Die Art und Weise, wie wir die Natur betrachten und ins Verhältnis zu uns setzen, hat enormen Einfluss auf unser Verhalten – und steht im Vordergrund des ersten Buchteils. Autoren wie Michael Succow oder Klaus Michael Meyer-Abich widmen sich dem Begriff „Natur“ und der Frage, wie sich unser Naturverständnis auf die Art und Weise unseres Umgangs mit dem Natürlichen ausgewirkt hat und auswirkt.“

Aber auch an anderer Stelle wird das offenbar angesprochen, jedenfalls scheint das so, wenn man die erste Seite des Beitrags von Michael Müller & Kai Niebert, beide von den Naturfreunden, sieht. Die widmen sich dort der „Ökologie als Anker politischer Entscheidungen“ und schreiben: „Seit mehr als 40 Jahren wissen viele, dass mit der Überlastung der natürlichen Senken, der Ausplünderung der Ressourcen und der Zerstörung der Biodiversität Grenzen des Wachstums überschritten worden sind. Nur wenige aber wissen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der Ausgrenzung der Natur und dem Aufstieg des Kapitalismus gibt. Um Nachhaltigkeit zu verwirklichen, bedarfes einer Wirtschaftsordnung, die von der Ökologie ausgeht – und die Natur in die Ökonomie zurückholt.“

Den Rest muss man sich kaufen: Jahrbuch Ökologie 2015,  Udo E. Simonis, Heike Leitschuh, Gerd Michelsen, Jörg Sommer, Ernst Ulrich von Weizsäcker (Hrsg.):
Jahrbuch Ökologie 2015. Re-Naturierung. Gesellschaft im Einklang mit der Natur
S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2014, 256 Seiten, 33 Abb. s/w , kartoniert, 21,90 Euro
ISBN 978-3-7776-2455-6, www.jahrbuch-oekologie.de

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