Zuviel Schnaps: Anti-Atom-Initiativen im sicheren Einschluss

Anti-Atom-Initiativen total besoffen?Ach, diese besoffenen Anti-Atom-Gruppen. Nur Schnapsideen im Kopf. Jedenfalls, wenn man Dagmar Dehmer im Tagesspiegel glauben mag. Als „Verfehlte Debatte“ bezeichnet sie, was die Anti-Atom-Gruppen vermeintlich fordern: „Die Anti-Akw-Bewegung ist auf der Suche nach einer neuen Aufgabe: Beim Rückbau fordert sie jetzt den „sicheren Einschluss“, anstatt die Anlagen direkt abzubauen. Kommentar über eine Schnapsidee.“

Damit ein pauschales Urteil funktionieren kann, muss man sich den Gegner natürlich erst mal zurechtlegen. Das geht besonders gut, wenn man ein tolles Bild gebraucht und das liefert Schleswig-Holsteins Grüner Energieminister: Tschernobyl bekomme nun einen Sarkophag und das wäre sozusagen ein „sicherer Einschluss“. Sowas aber dürfe mit den stillgelegten AKWs in Deutschland nicht geschehen. Dehmer schreibt: „Aber beim Rückbau von Atomkraftwerken in Deutschland findet Habeck das sinnlos. Die Praktiker in den Atomkonzernen wollen die Anlagen auch lieber gleich rückbauen. Ihr wichtigstes Argument: Noch haben sie qualifizierte Mitarbeiter, die die Anlagen kennen.“

Jetzt denken wir also alle mal an Tschernobyl und finden Praktiker natürlich sowieso gleich schon mal viel besser, als solche daher gelaufenen Theoretiker: Die Anti-Atom-Initiativen fordern in allen Rückbau-Verfahren diesen „sicheren Einschluss“ und wollen den tatsächlichen Rückbau erst in vielen Jahrzehnten. Um Gottes willen, nein! Was denken die sich denn?

Dumm nur: Niemand in der Anti-AKW-Bewegung fordert das! Denn für alle Beteiligten ist klar: Die hochradioaktiven Komponenten wie z.B. die Brennelemente müssen auch bei der Variante eines „sicheren Einschlusses“ raus aus den Anlagen. Damit ist der Tschernobyl-Vergleich schon mal völlig aus dem Rennen, denn dort ist ja jede Menge hochradioaktives Material noch vor Ort. Es geht also schon mal überhaupt nicht darum: AKW abschalten, Stahlbeton-Deckel drüberstülpen und fertig ist die Hütte!

Vielmehr fordern die Initiativen, dass die Betreiber grundsätzlich vor Beginn der Stilllegung eine Alternativen-Prüfung vornehmen, wie bei der Stilllegung unter Strahlenschutz-Gesichtspunkten und vielen zu berücksichtigenden anderen Aspekten am Ende am besten vorgegangen werden sollte. Zu diesem Vergleich gehört auch die Frage des Einschlusses. (Siehe dazu unten gleich ein Positionspapier der Anti-Atom-Initiativen!)

Der geforderte Alternativenvergleich führt aber auch sonst nicht automatisch dazu, dass nach einem Ausbau der hochradioaktiven Komponenten die ganze Rest-Anlage dann einfach verpackt wird. Es kann unter vielen verschiedenen Gesichtspunkten sinnvoll sein, einzelne Bereiche vorerst nicht zu demontieren, andere aber schon. Das nennt sich dann z.B. Teileinschluss!

Am Ende muss man dann alles abwägen und entscheiden, was jeweils der sinnvolle Umgang ist. Derzeit legen die Praktiker – das heißt die Atomkonzerne – die Marschroute fest: Schnell weg damit! Ob das unter Sicherheitskriterien für alle Maßnahmen der beste Weg ist, wird gar nicht erst geprüft!

Und die Sache mit dem Personal? Dabei zu berücksichtigen wäre, was Dagmar Dehmer nicht der Rede wert findet: Die Zwischenlagerung hoch radioaktiver Abfälle wird vermutlich noch weit über das Jahr 2050 hinaus an den (ehemaligen) AKW-Standorten stattfinden. Auch bei den leicht- und mittelradioaktiven Abfällen könnte die nun kommende Zwischenlagerung an den AKW-Standorten noch länger dauern, als sich manche das wünschen, denn der Ausbau im dafür geplanten Schacht Konrad verzögert sich immer wieder. Und dann haben wir auch noch Personal, das sich um die vermeintlichen Endlager kümmern muss.

So oder so wird es also auch noch in einigen Jahrzehnten an vielen vielen Atomstandorten Personal geben müssen, das sich mit Radioaktivität und Strahlenschutz recht gut auskennen sollte! Es ist also gar nicht unbedingt so, wie es Dehmer mit Bezug auf Habeck nahe legt.

Es gibt diese derart pauschalisierte Betrachtungsweise also gar nicht, die Dagmar Dehmer den Anti-Atom-Initiativen unterstellt. Die haben sich schon seit Jahren mit den Risiken bei der Stilllegung der Atommeiler befasst und bereits im September 2015 nach langer Beratung ein umfängliches Papier dazu veröffentlicht. Positionspapier „Abschaltung, Stilllegung und Rückbau von Atomkraftwerken“ (PDF) nennt sich das, veröffentlicht auf der Homepage der Atommüllkonferenz, die die Initiativen seit vielen Jahren zwei mal jährlich bundesweit organisieren. Neben vielen anderen Aspekten (u.a. Atomausstieg muss unumkehrbar gemacht und eine umfassende Öffentlichkeitsbeteiligung bei der Stilllegung sichergestellt werden) widmet sich dieses Positionspapier auch der Frage: „Sofortiger Rückbau oder Einschluss?“ Zu lesen ist dann:

Ob ein sofortiger Rückbau oder ein „sicherer“ Einschluss erfolgen soll, muss auf der Grundlage einer Risikobewertung der Situation vor Ort erfolgen. In Rheinsberg gelangten erhebliche Mengen radioaktiver Substanzen durch das Fundament ins Grundwasser. Um unmittelbar mit der Sanierung beginnen zu können, wurde der Rückbau eingeleitet. Der Reaktorbehälter des AVR Jülich strahlt so stark, dass er frühestens in 60 Jahren zerlegt werden kann. Für Doppelblöcke, deren zweiter Block noch in Betrieb ist, kann der Einschluss wegen der Wechselwirkungen bei Störfällen und wegen der Strahlenbelastung die bessere Variante darstellen. Aufschluss kann nur durch eine vergleichende standortbezogene Betrachtung erreicht werden.

Wir fordern konkret: Die Abwägungen über das Stilllegungskonzept müssen standortbezogen erfolgen. Die Entscheidung, ob ein AKW sofort rückgebaut oder befristet eingeschlossen werden soll, muss am jeweiligen Standort aufgrund der konkreten Gegebenheiten, auf Basis einer umfassenden radiologischen Charakterisierung und unter Mitwirkung der BürgerInnen des Standortes entschieden werden. Das Atomgesetz ist dahingehend anzupassen.“

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