Atomalarm in der Luft: Schlafende Piloten Ursache für AKW-Teilevakuierung? Sechs Renegade-Vorfälle

Ist der unter Sicherheitsorganen als „Renegade“ bezeichnete Luft-Atom-Alarm vom 10. März, bei dem Kampfflugzeuge wegen fehlendem Funkkontakt zu einem Passagierflugzeug starteten und das Personal fast aller deutschen Atomkraftwerke teilevakuiert wurde, durch schlafende Piloten der Air India-Maschine ausgelöst worden? WDR-Journalist Jürgen Döschner hat über Twitter auf einen entsprechenden Bericht von Aereo.de hingewiesen. Mit Bezug auf die „Times of India“ heißt es dort: „Zwei indische Linienflüge antworten der Flugsicherung nicht und lösen Großalarm im europäischen Luftraum aus. Eurofighter steigen auf, Atomkraftwerke werden evakuiert. Haben die beteiligten Piloten im Februar und März sprichwörtlich „gepennt“? Indiens Luftfahrtaufsicht DGCA vermutet das.“ Ein Video zeigt außerdem einen Luft-Alarm-Einsatz von Kampfflugzeugen mit einem Passagierflugzeug bei einem weiteren Vorfall im Februar. (Foto: Screenshot Bundeswehr-Journal. Das Hintergrundbild der Infografik zeigt zwei deutsche Eurofighter am 7. September 2009 beim Luftkampf-Training. (Foto: Ingo Bicker/Luftwaffe/Bundeswehr))

Offenbar kam das nicht zu ersten Mal vor. Dass es sich bei dem Vorfall am 10. März um einen Wiederholungsfall handelte, hatte sich durch Kommentare und Hinweise in einigen Online-Medien bereits angedeutet. Aufmerksame LeserInnen rätselten, weil sie sich an eine gleichartige Meldung über einen solchen Vorfall mit einer Air Inidia-Maschine im Februar erinnerten. Jetzt berichtet Aero: „Mitte Februar eskortierten zwei Eurofighter Jet Airways Flug 9W-118 ab Frankfurt durch den deutschen Luftraum. Bei beiden Zwischenfällen soll ein Pilot im Cockpit gedöst haben, meldet nun die „Times of India“.“

Das Bundeswehr-Journal berichtet unter der Überschrift „Eurofighter-Alarmrotten auch 2016 häufig gefordert“ über diesen Vorfall. Dort ist zu lesen: „Weil der Kontakt zu einem Passagierflugzeug über dem deutschen Luftraum für kurze Zeit nicht zustande kam, ließ die Bundeswehr am 16. Februar zwei Eurofighter des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74 aus Neuburg an der Donau aufsteigen. Hier und im norddeutschen Wittmund beim Taktischen Luftwaffengeschwader 71 „Richthofen“ sind die Alarmrotten unserer Luftwaffe – die „Quick Reaction Alert-Interceptor“-Rotten (QRA-I) – stationiert. Sie müssen in Fällen wie diesem klären, ob es sich um ein ernstes Problem oder gar um eine Luftnotlage handelt. Die deutschen Alarmrotten führten im Zeitraum 1. Januar 2016 bis 16. Februar 2017 insgesamt 14 „echte“ Alarmstarts, sogenannte Alpha-Scrambles, durch.“

Weiter schreibt das BW-Journal: „Doch zurück zum Einsatz der Neuburger Piloten am 16. Februar. Die auffällige Passagiermaschine – eine Boeing 777 der indischen Fluggesellschaft Jet Airways – war an diesem Donnerstag von Mumbai nach London-Heathrow unterwegs. Die planmäßige Route des zehnstündigen Fluges führte in nordwestlicher Richtung auch über deutschen Luftraum, an Bord 330 Passagiere und 15 Crewmitglieder.

  • Auf der BW-Homepage ist dieser Hinweis auf ein Youtube-Video über den Alarm-Einsatz am 16. Februar (Youtube), zu dem erläutert wird: „Video-Hinweis: Das besondere an dem Einsatz der Neuburger Alarmrotte am 16. Februar 2017 ist, dass von diesem Einsatz ein Filmdokument existiert. Ein Passagier des Fluges 2042 von British Airways, unterwegs von den Malediven nach London, filmte an diesem Donnerstag die ein ganzes Stück tiefer fliegende Boeing 777 von Jet Airways just in dem Moment, in dem sich die deutschen Eurofighter annäherten. (Video: Mark Stewart/YouTube)“

Wie das Fachportal Aviation Herald berichtete, war der Kontakt zu der Besatzung verloren gegangen, als die 777 von der Flugverkehrskontrolle in Bratislava nach Prag übergeben wurde (wie sich später herausstellen sollte, hatte die Eingabe einer falschen Frequenz zum Abbruch der Kommunikation mit der nächsten Bodenstelle geführt). Als die Eurofighter das Flugzeug auf einer Position etwa 100 Kilometer nördlich von Nürnberg erreicht hatten, gelang es schließlich, doch noch Kontakt zu den Piloten herzustellen. Die beiden Jäger eskortierten die indische Maschine bis an die deutsche Grenze. Eine Sprecherin der DFS Deutsche Flugsicherung in Langen bei Frankfurt erklärte danach gegenüber der Presse, ein „kurzzeitiger Loss of Communication“ komme bei Passagiermaschinen des Öfteren vor. Meist sei dies nicht dramatisch und alles kläre sich bereits nach wenigen Minuten.“

  • Zu Alarm-Einsätzen von Eurofightern berichtet das BW-Journal auch hier. Dort wird u.a. berichtet: „Sechsmal sah alles es nach einem gefährlichen „Renegade“-Fall aus“. „Nach Auskunft der Bundespolizei auf Anfrage der Welt soll es im letzten Jahr alles in allem 42 Alpha-Scrambles gegeben haben (2014: 33/2013: 18). Dabei schien die Gefahr laut Bundespolizei im Zeitraum 2013 bis 2015 so groß, dass zivile Flugzeuge sechs Mal als „Renegade“-Fall eingestuft werden mussten.“ (Darüber hatte umweltFAIRaendern hier berichtet: Atomalarm in der Luft: AKWs teilevakuiert – Wäre ein Abschuss möglich gewesen?)

Auch der Mobilitäts-Manager berichtet über den Vorfall im Februar, der demnach auch nicht der erste dieser Art war: „Es ist nicht das erste Mal, dass Piloten eines großen indischen Verkehrsflugzeugs schlafenderweise mit ihren Riesenvögeln vom tschechischen Luftraum in den deutschen eingedrungen sind. So auch am Donnerstag, 16. Februar. Da stiegen zwei Eurofighter der Bundesluftwaffe auf, um einen Jet Airways B 777 mit 300 Passagiere an Bord „abzufangen““.

Das Online-Portal berichtet über eine „B777-300 ER mit der Flugnummer 9W-118“. Die Maschine war demnach gegen 13.20 Uhr Ortszeit in Mumbai gestartet und wurde in London Heathrow gegen 17.40 Uhr erwartet. Eine Stunde vorher war sie „vom tschechischen Luftraum in den deutschen eingeflogen, wozu er allerdings keine Genehmigung hatte. Üblicherweise liegt die Flugroute weiter nördlich über Polen und der Ostsee.“

Erst bei Köln in ca. 11.000 m  stieg dann kurz vor 17 Uhr eine Alarmrotte der Bundesluftwaffe auf, heißt es in dem Bericht, denn „die beiden Piloten der Triplseseven hatten mehr als eine Stunde lang nicht auf Funksprüche der Deutschen Flugsicherung reagiert, auch nicht über die Notfrequenz. In solchen Fällen besteht der Verdacht, dass eine Maschine möglicherweise entführt worden ist oder von Terroristen für einen möglichen Anschlag missbraucht wird.“ Weiter heißt es: „Die beiden Eurofighter flogen neben dem Passagierjet auf der Flugfläche 360 her und versuchten ebenfalls mit deren Cockpitbesatzung Kontakt aufzunehmen. Das gelang denn auch“ und nachdem „die beiden Jet Airways Flugzeugführer ein Verstanden-Signal gegeben hatten, wurde die Escorte abgebrochen.“

Der Mobilitäts-Manager berichtet weiter: „Vor ein paar Jahren erst waren Piloten einer Air India Maschine im Luftraum über der Türkei eingeschlafen und wurden über Tschechien von dortigen Kampfjets begleitet, die seinerzeit aber nur bis zur deutschen Grenze mitfliegen durften. Erst kurz vor Nürnberg wachten die beiden „Schlafmützen“ auf, nachdem sie weit über 1.000 km ihre Maschine per Autopilot alleine fliegen ließen. Quelle: BW / DM“.

Obwohl das MM-Portal den Verdacht auf einen terroristischen Hintergrund anspricht und auch das BW-Journal diesen Zusammenhang nahe legt: Ob es sich offiziell um einen Renegade-Vorfall gehandelt hat und ob auch am 16. Februar Sicherungsmaßnahmen an den Atomkraftwerken durchgeführt wurden, ist den Berichten nicht zu entnehmen. 

Was den aktuellen Bericht bei Aero angeht: Offizielle Erklärungen der zuständigen deutschen Behörden, was zu dem fehlenden Funkkontakt mit der Maschine am 10. März geführt hat, liegen bis heute nicht vor. Nach derzeitigen Informationen dürfte der Funkkontakt für etwa eine Stunde ausgefallen gewesen sein. Allerdings sind die Hinweise, dass es sich um schlafende Piloten gehandelt hat, für die indische Luftfahrtaufsicht offenbar klar. Denn Aero zitiert ToI: „Als Reaktion auf die Zwischenfälle in Europa will das DGCA nun die Regeln für legalen Cockpit-Schlaf nachstellen. DGCA-Leiter B S Bhullar werde mit Airlines Maßnahmen beraten, um sicherzustellen, dass im Cockpit zu jeder Zeit zwei Personen „bei Bewusstsein sind“, schreibt die Zeitung.“

Zwar dürfen Piloten während Langstreckenflügen „kontrollierte Erholungspausen“ einlegen, heißt es in dem Bericht weiter, aber eigentlich müsste mindestens ein Pilot wach bleiben. „Bisher kontrollieren Flugbegleiter auf indischen Langstreckenflügen nur alle 30 Minuten, ob im Cockpit alles in Ordnung und zumindest ein Pilot wach ist. Wenn Kapitän oder Erster Offizier eine Ruhepause einlegen, soll ein Flugbegleiter künftig die ganze Zeit über im Cockpit bleiben.“

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