Wille zur Wende – IG Metall Vize zur Energiewende

Energieverschwendung im Bild: Die Kühltürme des Vattenfall-Braunkohlekraftwerks Jänschwalde/Cottbus

In der aktuellen Ausgabe der IG Metall-Zeitung äußert sich IG Metall-Vize Detlef Wetzel zur Energiewende und warum die größte deutsche Einzelgewerkschaft sich in den nächsten Monaten verstärkt mit ihr befassen will. Die IG Metall-Zeitung finden sie auch online hier (PDF), das Interview steht auf Seite 8f. Die Fragen stellte Sylvia Koppelberg.

Was hat die IG Metall vor?

Detlef Wetzel: Wir werden uns öffentlich einmischen, die Energiewende vorantreiben und von der Regierung einfordern, dass den Worten endlich die notwendigen Taten folgen. Aber wir wollen natürlich auch unsere Mitglieder für das Thema sensibilisieren. Es geht nicht nur um andere Energie, sondern auch darum, Energie zu sparen. In den Betrieben gibt es viele Möglichkeiten dazu.

Warum ist die Energiewende so wichtig für die IGMetall?

Wetzel: Weil sie die Abkehr von der gefährlichen Atomenergie bedeutet. Weil derCO2-Ausstoß unsere Lebensgrundlagen zerstört. Weil Sonne und Wind uns unabhängig machen von den Rohstoffen anderer Länder. Aber vor allem auch, weil die Energiewende ein enormes Innovationspotenzial bietet. Die Wirtschaft kann zugleich etwas fürs Klima tun, die Kosten senken, ihre Wettbewerbsposition verbessern – und Arbeitsplätze sichern.

Wissenschaftler rechnen damit, dass es bald eine Million Stellen sein werden.

Wetzel: Bisher haben die Wind und Solarindustrie rund 380.000 Arbeitsplätze erhalten oder neu geschaffen. Ob es eine Million werden, hängt davon ab, wie die Regierung die Energiewende gestaltet.

Die Energiewende wird gern mit einem Marathonlauf verglichen. Danach haben wir noch nicht mal die ersten 5 der 42-Kilometer-Strecke hinter uns.

Wetzel: Ich habe das nicht nachgemessen. Aber es stimmt: Der Regierung fehlt der Wille zu einer echten Wende. Erneuerbare Energie muss Leittechnologie werden. Und da hilft es nicht, zu dem Thema nur Blockierer einzuladen: die großen Energieversorgungskonzerne, die nur ihre konventionellen Großkraftwerke verteidigen und den Anteil der erneuerbaren Energie so klein wie möglich halten wollen. Das zeigt sich deutlich am Umgang mit der Photovoltaik: Statt sie voranzubringen, soll die Förderung gestrichen und der Ausbau begrenzt werden.

Wird es mit dem neuen Minister Peter Altmaier besser?

Wetzel: Es wird sich zeigen, ob er sich aus der Umklammerung der Lobbyisten befreit. Ich bin allerdings nicht sehr optimistisch. Es liegt ja jetzt ein Netzentwicklungsplan vor. Mal sehen, was dabei herauskommt.

In der Photovoltaik beherrschen Pleiten und Krisen das Bild. Was müsste passieren?

Wetzel: Wenn Länder wie China deutsche Anbieter mit Kampfpreisen unter den Herstellungskosten vom Markt drängen, muss die Politik gegensteuern. Die Förderung heimischer Produkte durch wettbewerbsgerechte Regeln sollte kein Tabu sein. Wir brauchen aber vor allem eine Industriepolitik, die erneuerbare Energie gezielt fördert. Das gilt vor allem für die Forschung und Entwicklung. »Made in Europe« muss ein Qualitätssiegel werden.

Auch die Kraftwerksbauer haben Probleme, leiden unter Auftragsmangel.

Wetzel: Wenn unklar ist, wohin die Reise bei der Energiewende geht, investieren die Kraftwerksbetreiber natürlich nicht in neue Anlagen. Da geht es schließlich um riesige Investitionssummen. In den nächsten 40 Jahren werden wir aber auf neue Kohle-und Gas-Kraftwerke nicht verzichten können. Die Politik muss endlich für eine verlässliche Planungsgrundlage für die Energieträger sorgen.

Die Menschen sind nicht nur begeistert davon, was sie als Energiewende erleben: Hochspannungsleitungen und durch Windräder »verspargelte « Landschaften.

Wetzel: Manche dieser Initiativen sind von bestimmten Kreisen gesteuert. Aber die Probleme gibt es natürlich. Man kann den Bürgern die Leitungen und »Spargel« nicht einfach vor die Nase setzen. Sie wollen mitreden. Den meisten Menschen ist ja klar, dass erneuerbare Energien Riesenvorteile bieten. Angesichts der Verknappung und Verteuerung der konventionellen Energie ist erneuerbare auf lange Sicht der einzige Weg, bezahlbaren Strom zu erzeugen.

Die Energiewende kostet aber auch Milliarden. Energieintensive Branchen wie Stahl kämpfen schon lange mit steigenden Energiekosten.

Wetzel: Deshalb ist es richtig, dass sie von der Umlage befreit sind. Denn andernfalls würde der Stahl in Deutschland so teuer, dass er nichtmehr konkurrenzfähig wäre. Dem Klima wäre nicht geholfen, wenn die Stahlproduktion in Länder verlagert würde, die billiger sind, weil sie den Umweltschutz nicht so wichtig nehmen. Aber was die Regierung gemacht hat, die Umlagebefreiung auch auf andere Unternehmen auszuweiten, ist der falsche Weg: Denn das müssen private Stromverbraucher wieder ausgleichen. Im Übrigen: Steigende Energiepreise nur den Erneuerbaren anzulasten, ist falsch. Die Kosten für alle fossilen Brennstoffe steigen seit Jahren, denn sie werden immer knapper.

Die Bürger zahlen schon einen Aufschlag beim Strom. Müssen sie noch mehr bezahlen?

Wetzel: Es kann nicht sein, dass Hartz-IV-Empfängern der Strom abgestellt wird, weil sie die Energie-Umlage nicht zahlen können. Die Kosten müssen gerecht verteilt werden zwischen Anbietern, Steuerzahlern und Verbrauchern. Auch die Atomenergie ist ja hochsubventioniert worden. Die Herstellungskosten bei der Wind-und Sonnenenergie werden immer geringer und der Rohstoff, Sonne und Wind, kostet nichts. Auf Dauer ist erneuerbare Energie deutlich preiswerter als herkömmliche.

Sylvia.Koppelberg@igmetall.de

50 Prozent Ökostrom – so groß war der Anteil an Strom, den Sonne und Wind am zweiten Juni-Wochenende ins deutsche Stromnetz pumpten. Bereits über Pfingsten hatten Sonne und Wind gezeigt, was in ihnen steckt. Über die Mittagszeit meldete die Leipziger Strombörse einen Rekord von 16.000 Megawatt Solarstrom. Das zeigt: Sonne und Wind haben in Deutschland viel Potenzial. Wichtig ist nun, an brauchbaren Zwischenspeichern zu arbeiten.

Dirk Seifert