Kein „Endlager“ für hochradioaktiven Atommmüll: Wie geht Sicherheit bei 100 Jahren Zwischenlagerung?

Klar ist vielleicht so viel: Die oberirdische Lagerung von hochradioaktivem Atommüll in Castor-Behältern wird nicht wie ehemals von Regierenden und Unternehmen „geplant“ und versprochen 40 Jahre dauern, sondern gut und gern mal etwa 100 Jahre. Das war auf einer Tagung (Programm) der neuen staatlichen Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung mbH (BGZ) Ende Oktober in Berlin in etwa „Konsens“. Ein nicht unbedeutender Grund: Das angestrebte „Endlager“ für die möglichst sichere unterirdische Aufbewahrung dieser für mehr als eine Million Jahre gefährlichen Abfälle ist immer noch nicht gefunden und soll nach neuen politisch-rechtlichen (nicht unbedingt realistischen) Vorgaben jetzt erst ab ca. 2050 zur Verfügung stehen. Deswegen diskutierten Fachleute auf Einladung der BGZ die Frage: Wie lange halten die Castor-Behälter dich? Welchen Forschungsbedarf gibt es und welche Anforderungen müssen erfüllt sein, damit die Funktion der Behälter auch längerfristig erhalten bleibt. Denn: Ab Mitte der 2030er Jahre laufen die ersten Genehmigungen aus. (Foto: U-Bahn Berlin und hat nichts mit dem Thema hier zu tun 🙂 )

Mit einer Teilnahmegebühr von 150 Euro wurde ein gewisser Filter eingebaut, damit eher eine Fachöffentlichkeit an der Veranstaltung teilnahm, in der der Focus vor allem auf „verlängerter“ Zwischenlagerung für den Behälter, seine Einbauten und das radioaktive Inventar lag. Die Gebäude, in denen die Zwischenlagerung des hochradioaktiven Atommülls erfolgt und deren Bedeutung im Zusammenhang mit Terroranschlägen in den letzten Jahrzehnten deutlich angewachsen ist, waren kein Thema. Eine Selbstbewertung der BGZ ist hier veröffentlicht und unten dokumentiert. In vielen Beiträgen wurde auch das Thema „Heiße Zelle“ angesprochen. Nicht nur im Falle von Defekten bei Castor-Behältern wären solchen Zellen zur Reparatur erforderlich. Betreiber warten auf entsprechendes Regelwerk der Behörden – die Behörden erwarten zu den Sicherheitsauslegungen bei der verlängerten Zwischenlagerung Ansagen der Betreiber.

Neben den wachsenden Risiken bei einer verlängerten Zwischenlagerung hochradioaktiver Abfälle geht es bei der Endlagersuche in eine weitere Runde: AntiAtomGruppen und Aufsichtsbehörden laden zu Statuskonferenzen ein. Am kommenden Samstag findet in Hannover die „Alternative Statuskonferenz“ von ausgestrahlt und anderen statt. Das staatlich zuständige Bundesamt für kerntechnische Entsorgungsicherheit (BfE) wird am 14. und 15. November in Berlin seine zweite Statuskonferenz zur Endlagersuche duchführen.

Dokumentation: BGZ stellt Weichen für verlängerte Zwischenlagerung radioaktiver Abfälle

Rund 100 Expertinnen und Experten aus Deutschland und der Schweiz erörterten zwei Tage lang auf Einladung der BGZ in Berlin die wissenschaftlichen, technischen und genehmigungsrechtlichen Fragen, die mit einer verlängerten Aufbewahrung von hochradioaktiven Abfällen einhergehen.

Die trockene Zwischenlagerung in Transport- und Lagerbehältern etwa vom Typ Castor hat sich bewährt. Diese Bestandsaufnahme, die auch im Nationalen Entsorgungsprogramm der Bundesregierung zu finden ist, war auch mehrheitlich Tenor der Konferenzteilnehmer. Auf dieser Grundlage sind im Rahmen der BGZ-Veranstaltung offene Forschungsfragen identifiziert und zukünftige Aktionsfelder eingegrenzt worden, die im Zusammenhang mit der längeren Zwischenlagerung bestrahlter Brennelemente und wärmeentwickelnder Abfälle stehen. Dabei wurde auch erörtert, dass bei der Nachweisführung ein klarer Bezug zu den realen Behälter- und Inventarverhalten herzustellen ist.

Wilhelm Graf stellte dazu als technischer Geschäftsführer der BGZ fest: „Wir gehen davon aus, dass das Konzept der trockenen Zwischenlagerung auch zukünftig tragfähig ist und die Einhaltung aller Schutzziele gewährleistet. Es ist jedoch unsere Aufgabe, gemeinsam mit Wissenschaftlern und Technikern den Nachweis dafür zu erbringen.“ Die vor zwei Jahren gegründete BGZ wird als Gesellschaft des Bundes die Forschungsaktivitäten auf diesem Gebiet intensiveren. Graf wies daraufhin, dass die BGZ im Rahmen ihrer Forschungsstrategie dazu eine Abteilung gegründet und mit ihrem ersten eigenen Fachworkshop Experten aus Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Behörden zur Erörterung relevanter Aspekte der verlängerten Zwischenlagerung und der entsprechenden Regelwerke zusammengebracht hat. „Wir sind zudem dabei, eine eigene Akademie aufzubauen, in der wir insbesondere die Aus- und Weiterbildung sowie die Forschungsaktivitäten bündeln möchten. Damit leisten wir auch einen wichtigen Beitrag zum Kompetenzerhalt in unserer Branche, indem wir dafür sorgen, dass auch künftig qualifiziertes Personal zur Verfügung steht“, führte Graf weiter aus.

Im Mittelpunkt der Tagung standen vor allem Fragen rund um die Dichtheit der Transport- und Lagerbehälter sowie das Verhalten der eingelagerten Brennelemente vor dem Hintergrund der längeren Zwischenlagerung. Eingangs stellte Dr. Christoph Bunzmann vom Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) den Forschungsbedarf zur Sicherheit der Zwischenlagerung bis zur Endlagerung aus Sicht der Genehmigungsbehörde dar.

Dr.-Ing. Holger Völzke von der Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung (BAM) ging in seinem Vortrag auf den Stand der internationalen Forschung zur verlängerten Zwischenlagerung ein. Sein Kollege Dr.-Ing. Konrad Linnemann erläuterte Möglichkeiten, die Unversehrtheit der Brennelemente beim Transport in Castorbehältern zu überprüfen. Völzke machte deutlich: „Wissenschaftliche Forschungen zur verlängerten Zwischenlagerung werden international vielfältig adressiert. Internationaler Austausch und Kooperation sind unverzichtbar. Wir haben auf Grundlage der bisherigen Daten und Untersuchungen keinen Anlass daran zu zweifeln, dass die Dichtsysteme der Behälter auch über 40 Jahre hinaus intakt bleiben.“

Wilhelm Graf zeigte sich abschließend mit der Veranstaltung sehr zufrieden: „Ich freue mich, dass wir uns mit vielen relevanten Akteuren aus dem Bereich der kerntechnischen Entsorgung austauschen konnten. Gerade diesen Austausch benötigen wir, um die Fragen zu beantworten, die mit einer verlängerten Zwischenlagerung radioaktiver Abfälle zusammenhängen. Wir werden daher weiterhin solche Fachkonferenzen durchführen und wichtige Ergebnisse auch im Rahmen des „Forums Zwischenlagerung“ einem breiteren Teilnehmerkreis vorstellen und erörtern.“

Hintergrund:
Die Genehmigungen für die Zwischenlager in Deutschland sind auf 40 Jahre befristet, Zwischenlager dürfen keine Dauerlösung darstellen. Ziel ist es daher, die radioaktiven Abfälle unterirdisch in einer geologischen Formation in Deutschland dauerhaft zu lagern. Mit einem betriebsbereiten Endlager ist nach dem Nationalen Entsorgungsprogramm ab dem Jahr 2050 zu rechnen. Daher reichen die ursprünglich auf 40 Jahre befristeten Genehmigungen der Zwischenlager nicht aus. Die BGZ wird demnach künftig neue Genehmigungen nach dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik beantragen, um die radioaktiven Abfälle bis zu ihrer Abgabe an das Endlager rechtssicher aufzubewahren.

Das vollständige Programm sowie Fotos der Tagung finden Sie hier: www.bgz.de

Für Rückfragen: Burghard Rosen
Leiter Presse und Standortkommunikation
Telefon +49 201 2796-1480
E-Mail Burghard.Rosen@bgz.de

Print Friendly, PDF & Email