„Verschwörer“ gewinnen – Keine Verbrennung von Namibia-Biomasse in Hamburg

Bei der Zeit ärgert man sich (Newsletter Elbvertiefung). Da wird gerade ein Artikel online geschaltet, in dem der Autor die Proteste gegen Planungen der Umweltbehörde zum Einsatz von Holz aus Namibia für den Kohleausstieg in Hamburg in die Nähe von Verschwörungstheorien rückt, da erklärt die Behörde: „Namibisches Biomasse-Projekt – Umweltbehörde setzt Prüfprozess aus“. Erobern jetzt Verschwörungsfreaks die Welt – oder prüft die Zeit doch noch mal ihre Weltbetrachtung? So oder so: Völlig unabhängig sonstiger Betrachtungen zur Sinnhaftigkeit, ob man den Klimaschutz voranbringt, wenn man Holz aus weit entfernten Regionen für den Kohleausstieg in Hamburg verbrennt: Im Heizkraftwerk Tiefstack kommt der Einsatz schlicht nicht in Frage, weil erhebliche Umbauten erforderlich wären, die wirtschaftlich nicht vertretbar wären. Eine Erkenntnis, die im Grunde schon einige Monate alt ist und die nun die Umweltbehörde endlich offiziell bestätigt.

Während einige NGOs ihren „Begleitprozess“ zu den Prüfungen der Umweltbehörde in Kooperation mit der Bundesgesellschaft für internationale Zusammenarbeit und namibischen Stellen trotz ernüchternder Zwischenbilanz bis Ende des Jahres verlängerten, zieht die Umweltbehörde nun bezogen auf die Holzverbrennungspläne in Hamburg also eine Art Schlussstrich.

Die Gründe, warum das so ist, sind in der unten vollständig dokumentierten PM der Umweltbehörde zu finden: „In einem Zwischenergebnis hat sich herausgestellt, dass eine Verbrennung der Buschholzbiomasse (Häcksel oder Pellets) in einem Fernwärmekraftwerk zwar perspektivisch technisch möglich ist. Das städtische Unternehmen Wärme Hamburg sieht allerdings kurzfristig, in den nächsten zwei bis drei Jahren, ohne wirtschaftlich relevante Umbauten keine Möglichkeit der Nutzung von großen Mengen an Buschbiomasse.“ Klimapolitische Fragen werden gar nicht mehr weiter erläutert oder bewertet. Das Zwischenergebnis – ob als Studie, Prüfbericht oder in welcher Weise auch immer dargestellt – wird weder näher erklärt noch als weiterführende Information veröffentlicht.

Abgesehen davon, dass die technisch hochgezüchteten und optimal auf die Brennstoffe angepassten Anlagen nicht mal eben umrüstbar sind oder nur zu hohen Kosten: Hamburg hat sich gesetzlich zum Kohleausstieg bis 2030 verpflichtet und sucht mit einem Begleitgremium, das aus der Volksinitiative Tschüss Kohle hervorgegangen ist, nach Möglichkeiten, den Ausstieg zu beschleunigen. Impulse für das Namibia-Buschholz-Projekt waren auch aus Teilen der VI-Beteiligten hervorgegangen. Unabhängig von dem Begleitprozess und den Namibia-Prüfungen hatte Jens Kerstan, grüner Umweltsenator, bereits im Februar 2021 einen Ausstieg bis 2028 in der Bürgerschaft verkündet. Auf Nachfragen des linken Bürgerschaftsabgeordneten Stephan Jersch konnte der Senat allerdings im April 21 nicht erklären, wie der Senator das bewerkstelligen will.

Die Behörde will das ganze Projekt jetzt an das zuständige Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zurückgeben. Außerdem soll ein Zwischenbericht erstellt werden, der mit den am Begleitprozess beteiligten Gruppen noch diskutiert werden soll.

In dem Projekt haben sich von Anfang an widersprüchliche Anliegen überkreuzt. Die Idee, mit Buschholz aus Namibia möglicherweise den Kohleausstieg in Hamburg zu befördern, war im Grunde schnell vom Tisch, weil die erforderlichen Zeitachsen und die Lieferketten, aber eben auch die enormen technischen Umrüstungen wirtschaftlich überkritisch waren.

Hinter dieser Linie war dann aber schnell die Frage, wie Hamburg ein von der Klimakatastrophe (aber auch selbst erzeugten Klima-Problemen) betroffenes Land wie Namibia insgesamt sozial- und wirtschaftlich unterstützen könnte. Angesichts der Bedeutung, die die westlichen CO2-Emissionen, aber auch die Kolonialgeschichte insbesondere von Hamburg gegenüber Namibia hat, ein sicherlich nicht unehrenhaftes Anliegen. Aber es war von vornherein nicht nur von der fragwürdigen Klimaproblematik überschattet, sondern auch von offenkundigen Industrie- und Landwirtschafts-Interessen, die nur wenig Hamburg-Bezug hatten.

Ohne die Biege einer vermeintlichen Hilfe durch Namibia-Biomasse beim Hamburger Kohleausstieg aber hätte es vermutlich für die Entwicklung und Vernetzung von Kontakten mit Interessierten in Namibia und hiesigen Akteuren keine Finanzmittel gegeben. Denn ohne den konstruierten Hamburg-Bezug wäre das vor allem Sache des Bundesentwicklungsministeriums.

Die Frage, die bleibt: Was genau hat die Umweltbehörde jetzt eigentlich finanziert – denn dass das Akazien-Holz aus den Savannen in hiesigen hochspezialisierten Heizkesseln nicht unmittelbar einsetzbar war, hätte eine einfache chemische Analyse zeigen können und war – wie schon gesagt – im Grunde auch schon länger bekannt. Dafür hätte es dieses ganze Prozedere nicht gebraucht. Die jetzt mitgeteilte Erkenntnis, dass die Umweltbehörde für die Außenwirtschaftspolitik aber nicht so ganz die richtige Adresse ist, ist ja nun auch keine Überraschung.

Die Umweltbehörde hat den Prüfprozess zur Machbarkeit der Nutzung namibischer Buschbiomasse bis auf weiteres ausgesetzt. Vor einem Jahr hatte die Umweltbehörde auf Anfragen aus Namibia und von NGOs einen ergebnisoffenen Prozess gestartet, um die Chancen für eine energetische Nutzung von namibischer Buschbiomasse in Hamburg zu prüfen. Für beide Seiten sollten sich dabei Vorteile erwirken.

Umweltbehörde setzt Prüfprozess aus

Dafür sollten in Arbeitsgruppen unter Einbindung namibischer und deutscher Expertinnen und Experten aus NGOs, Wissenschaft und Verwaltung die technische Machbarkeit sowie wirtschaftliche, soziale und ökologische Aspekte geprüft werden.

In einem Zwischenergebnis hat sich herausgestellt, dass eine Verbrennung der Buschholzbiomasse (Häcksel oder Pellets) in einem Fernwärmekraftwerk zwar perspektivisch technisch möglich ist. Das städtische Unternehmen Wärme Hamburg sieht allerdings kurzfristig, in den nächsten zwei bis drei Jahren, ohne wirtschaftlich relevante Umbauten keine  Möglichkeit der Nutzung von großen Mengen an Buschbiomasse.

Die im Prozess diskutierten entwicklungspolitischen, sozio-ökonomischen und ökologischen Fragen in Namibia kann die Umweltbehörde als Landesbehörde fachlich nicht abschließend beantworten und wird diese deshalb an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) weiterreichen, mit der Bitte, diese eingehender zu beleuchten. Solange wird der Prüfprozess in Hamburg ausgesetzt.

Derzeit bereitet die Umweltbehörde einen Bericht zum aktuellen Stand des Prüfprozesses vor. Im Spätsommer soll dieser mit allen Beteiligten in den Arbeitsgruppen diskutiert werden.

BUND Hamburg: Frontenwechsel in die Umweltbehörde

Manfred Braasch verlässt den BUND Hamburg, eine Zäsur und ein Frontenwechsel. Runde 25 Jahre lang war der bisherige Geschäftsführer für den Umweltverband das Aushängeschild. Nachdem der BUND am Montag die Mitglieder intern informiert hatte und das Abendblatt bereits berichtete, verkündete die Senatspressestelle am Dienstag: Braasch arbeitet künftig für den neuen Klimabeirat in der grün geführten Umweltbehörde.

Nachdem die bisherige grüne Bürgerschaftsabgeordnete Christiane Blömeke im September letzten Jahres zur neuen Vorsitzenden gewählt wurde, wechselt Braasch jetzt in die grün geführte Umweltbehörde. Laut taz dementiert Braasch, „dass das Zusammentreffen zweier Alpha-Tierchen an der BUND-Spitze etwas mit seinem Abgang zu tun habe“.

In der Umweltbehörde übernimmt er ab Juli die Geschäftsführung für den neuen wissenschaftlichen Klimabeirat. Der BUND und Braasch hatten den Hamburger Klimaplan immer wieder deutlich kritisiert und einen Krisen-Klima-Plan gefordert.

Verschnupft reagiert laut Medienberichten der Koalitionspartner SPD und Bürgermeister Tschentscher, der in diese Personalie von der Umweltbehörde offenbar nicht eingebunden war. Das dürfte mehr als nur eine Befindlichkeit sein und auch noch mal daran erinnern, dass ein verbesserter Klimaschutz nicht so sehr am Knowhow oder an willigen oder unwilligen Personen hängt, sondern vor allem von den wirtschaftlichen Interessen bestimmt ist.

Im Abendblatt (hinter der Paywall) ist zu den Reaktionen von SPD und CDU zu lesen: „Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zeigte sich am Dienstag „überrascht“ von der Personalentscheidung des Umweltsenators – zumal Braasch eine „gewisse Vergangenheit in seiner bisherigen beruflichen Tätigkeit“ habe. Aus seiner neuen Rolle ergäben sich nun „Loyalitätspflichten“, so Tschentscher. Fachlichkeit sei „immer gewünscht“, er lege aber Wert darauf, „dass alle ihren Job machen und zwar so, wie es für den öffentlichen Dienst vorgesehen ist“. CDU-Fraktionschef Dennis Thering sagte, die Personalie zeige „die Kluft zwischen SPD und Grünen“ und hinterlasse „mehr als einen faden Beigeschmack“.“

In der Umweltbehörde ist man mit diesem Coup natürlich überaus zufrieden. (Unten ist die PM der Umweltbehörde dokumentiert.) Politisch dürfte der Frontenwechsel von Braasch für den BUND eine echte Herausforderung werden, nicht nur wegen der parteipolitischen Verquickungen. Umweltsenator Kerstan verweist darauf, dass Braasch ein „hervorragender Kenner der Klimapolitik (ist), der in Hamburg alle wesentlichen Akteure kennt“.

Das ist nicht so sehr ein Hinweis auf das fachlich-wissenschaftliche, sondern natürlich auf die politischen Verbindungen in die Klimabewegung. Das könnte dem Senat möglicherweise helfen, das Verständnis für die „Grenzen des Machbaren“ im Bereich Klimaschutz besser zu vermitteln. Ob es zu einer schärferen Gangart in Sachen Klimaschutz in Hamburg kommen wird und Braasch im Senat ernsthafte klimapolitische Verbesserungen erreichen kann, muss er nun zeigen. Die Klimabewegung sollte darauf achten, den Druck zu erhöhen und konkrete Maßnahmen im Blick zu behalten.

Auch das Abendblatt (hinter der Paywall) berichtet: „Beim BUND hatte es in Hamburg zuletzt bereits andere personelle Veränderungen gegeben. So hatten die Mitglieder Ende 2020 die frühere Grünen-Bürgerschaftsabgeordnete Christiane Blömeke zu ihrer neuen Vorsitzenden gewählt. Blömeke hatte gleich in den ersten Monaten gezeigt, dass sie ihre Rolle in der Öffentlichkeit aktiver auszufüllen gedenkt als ihre Vorgängerin – was nach Ansicht mancher Beobachter auch auf Kosten des bisher als Gesicht des BUND geltenden Braasch hätte gehen können.“ Auch hier betont das Abendblatt das entsprechende Dementi. Das habe mit der Entscheidung von Braasch zum Wechsel in der Umweltbehörde nichts zu tun. Von welchen „Beobachtern“ hier die Rede ist, bleibt unklar. Ebenso, warum andere mögliche Verbands-Gründe nicht erwähnt werden.

Vor dem Hintergrund dieses Wechsels ist eine weitere Personalie zu erwähnen: Denn im neuen Klimabeirat des Senats trifft der bisherige BUND-Geschäftsführer auch ein BUND-Vorstandsmitglied. Seit letztem Jahr ist Jörg Knieling, Professor und Leiter des Fachgebiets Stadtplanung und Regionalentwicklung von der HafenCity Universität Hamburg, im Vorstand des BUND – und seit kurzem auch in den neuen Klimabeirat berufen.

Dokumentation: Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft

Wissenschaftlicher Klimabeirat Leitung der Geschäftsstelle wird hochkarätig besetzt

Ende April fand die konstituierende Sitzung des wissenschaftlichen Klimabeirats des Hamburger Senats statt – nun konnte die Leitung der Geschäftsstelle des Klimabeirats mit Manfred Braasch, dem langjährigen Geschäftsführer des BUND Hamburg (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland – Landesverband Hamburg e.V.), hochkarätig besetzt werden. Die Geschäftsstelle des Klimabeirats ist in der Leitstelle Klima, die für die Koordination der Klimapolitik Hamburgs zuständig ist, angesiedelt.

Manfred Braasch hat sich erfolgreich auf die Leitung der Geschäftsstelle des wissenschaftlichen Klimabeirates des Hamburger Senats in der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) beworben. Er konnte sich im Auswahlverfahren gegen eine Vielzahl von Bewerberinnen und Bewerbern durchsetzen. Herr Braasch bringt nicht nur umfassende Kenntnisse und Erfahrungen in Umwelt- und Klimaschutzthemen mit, sondern hat auch weitreichende Erfahrungen in Gremienbetreuung und Öffentlichkeitsarbeit auf unterschiedlichen Ebenen.

Umweltsenator Jens Kerstan: „Es ist uns gelungen, Manfred Braasch für die Umweltbehörde und für wichtige Aufgaben im Klimaschutz zu gewinnen. Das freut mich außerordentlich. Manfred Braasch ist ein engagierter Klimaschützer mit Herz, ein hervorragender Kenner der Klimapolitik, der in Hamburg alle wesentlichen Akteure kennt. Das sind beste Voraussetzungen, um den neu eingerichteten wissenschaftlichen Klimabeirat geschäftsführend zu betreuen und darüber hinaus Grundsatzfragen des Klimaschutzes zu bearbeiten und in konkrete  Vorschläge für unsere Stadt zu übersetzen. Hamburg kann und will seinen Beitrag leisten, um das 1,5 Grad Ziel zu erfüllen. Manfred Braasch wird hier einen wertvollen Beitrag für die Stadt leisten. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.“

×