Nukleare Katastrophe dauert an: 40 Jahre Atomkatastrophe Tschernobyl

26. April 1986 – Super-GAU in einem Reaktorblock des AKWs Tschernobyl, unweit von Kiew in der Ukraine, damals Teil der Sowjetunion. Eine Explosion, ein anhaltendes Feuer trägt enorme Mengen radioaktiver Strahlung zunächst in die nähere Umgebung und nach Weißrussland. Dann weiter mit dem Wind über Nord- und Westeuropa. Dort, wo es regnet, werden große Landstriche verstrahlt. Lebensmittel werden radioaktiv belastet, der Verzehr wird verboten. Um das lodernde Feuer im Reaktor zu löschen werden viele Tausend Menschen aus der Armee und andere Hilfskräfte – sogenannte Liquidatoren – eingesetzt. (Foto: IAEA)

Ihre Einsätze auf dem von der Explosion aufgerissenen Reaktordach dauern wegen der enormen Strahlung oftmals nur wenige Minuten. Viele werden hochgradig verstrahlt. Kontrollen und langfristige Versorgung für diese Menschen gibt es in der Folge nicht. Kinder erkranken in vielen Regionen und Ländern entlang der vorherrschenden Windrichtung und Regen an Schilddrüsenkrebs. Während offizielle Einrichtungen wie die Atomförder-Organisation IAEA die Zahlen von Opfern eher klein rechnen, sorgen Untersuchungen von Wissenschaftler*innen und Mediziner*innen – unter anderem von der  1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Organisation „Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges“ (IPPNW) dafür, dass von den vielen tausenden Opfern Kenntnis genommen wird.

In Folge der Atomkatastrophe von Tschernobyl entsteht in Westdeutschland – längst überfällig – das Bundesumweltministerium, welches in der DDR schon existierte. Heute widmen sich das Ministerium, die Bundesämter für Strahlenschutz und für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, aber auch andere staatliche Einrichtungen sowie Gutachtereinrichtungen der Katastrophe. Die Tagesschau berichtet: Tschernobyl: Wie hat der Unfall die Geschichte verändert? und auch: Reaktorunglück – Was vor 40 Jahren in Tschernobyl passierte. Für die SPD, die unter dem Bundeskanzler Helmut Schmidt massiv auf den Einstieg und Ausbau der Atomenergie gesetzt hatte, führte Tschernobyl in Verbindung auch mit der sogenannten Plutoniumwirtschaft (Kalkar, MOX-BE Hanau, Wackersdorf) zu einem Atomausstiegsbeschluss über lange Zeiträume.

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Es brauchte selbst in Deutschland eine weitere nukleare Groß-Katastrophe in Fukushima, um den im Jahr 2000 dann eingeleiteten Ausstieg bis 2023 umzusetzen. Wer angesichts der nuklearen Katastrophen und Atommüllberge „ergebnisoffen“ über Atomenergie verhandeln will, handelt unverantwortlich und ignorant.

Viele Organisationen und Einrichtungen aus dem Anti-Atom-Widerstand der 1970er Jahre gewinnen in Folge der Atomkatastrophe an Einfluss. Landesregierungen mit grüner Beteiligung sorgen für Sand im Getriebe. Öko-Institut, Gruppe Ökologie (später Intac) und andere kritische Wissenschaftler*innen in Bremen oder München gewinnen mit ihren Beiträgen an Bedeutung. Neue Organisationen entstehen, wie z.B. die Eltern für unbelastete Nahrung, aber auch gewaltfreie Aktionsgruppen und der zivile Widerstand intensivieren die Konflikte für einen Ausstieg aus der Atomenergie.

Und es beginnt die Energiewende. Immer intensiver werden die Erneuerbaren Energien in den Fokus gerückt und weiterentwickelt. Schon in den 1990er Jahren entstehen gegen die Förderung von Atomenergie endlich auch Förderkonzepte für die Erneuerbaren Energien. Schließlich münden diese vielfältigen von einer alternativen Bewegung angestoßenen und vielen Aktiven angetriebenen Projekte in das Erneuerbare Energien Gesetz (2000) der ersten rot-grünen Bundesregierung (ab 1998).

Trotz aller Fortschritte in Verbindung mit dem Atomausstieg wollen CDU/CSU und FDP ab 2007 den Atomausstieg zurückdrehen und eine nukleare Laufzeitverlängerung und die Erneuerbaren Energien ausbremsen. Die Laufzeitverlängerung war trotz zahlreicher Großdemonstrationen und heftigem institutionellen Widerstand beschlossen, als die Physikerin und Bundeskanzler Angela Merkel nach Fukushima Einsicht und Erkenntnis zeigte und den Atomausstieg besiegelte. Doch wie sich spätestens heute wieder zeigt: Ihr politisches Lager hat offenbar nichts dazu gelernt.

Seit den 1970er Jahre spaltet die Atomenergie die Gesellschaft, es kommt zu den größten Massen-Demonstrationen, zu den größten Polizeieinsätzen und Ministerpräsident Albrecht in Niedersachsen muss die geplante Atomfabrik in Gorleben als „nicht durchsetzbar“ verkünden. Wyhl, Brokdorf, Grohnde, Kalkar, Malville, Hanau, Wackersdorf, Zwentendorf, Gorleben und Castor, Gorleben und Endlager, Windscale (Sellafield), Majak, Harrisburg,  beinahe Brunsbüttel …  Schon zuvor hatten die Ostermärsche und später auch die Massen-Proteste gegen die NATO-Nachrüstung in den 1980er Jahre die politische Spaltkraft der Atomenergie gezeigt.

Eine neue Dimension der Risiken der Atomenergie ist inzwischen sichtbar geworden. Nicht Atomwaffen und nicht allein technisches Versagen der Reaktoren und der folgende Super-GAU sowie der Atommüll stellen eine für die Menschheit und das Leben auf diesem Planeten ungeheure nukleare Bedrohung dar. Ein Angriff mit konventionellen Kriegswaffen oder auch Terrorangriffe mit zivilen Flugzeugen könnten jederzeit eine nukleare Katastrophe zur Folge haben.

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