Hochradioaktiv: „Instrumentalisierte Öffentlichkeit – Drei Jahre Beteiligungsverfahren zur Standortauswahl für die langfristige Tiefenlagerung hochradioaktiver Abfälle“

Endlager für hochradioaktive und andere Atomabfälle. Das ist nicht nur eine technische oder geologische Aufgabe, sondern auch eine gesellschaftliche Herausforderung mit enormem Konfliktpotential. Wyhl, Brokdorf, Gorleben, Wackersdorf, Kalkar, Tschernobyl, Fukushima … Offenkundig ist: Die Spaltung der Atome hat fast immer auch zu einer Spaltung von Gesellschaften geführt. Daher sind Sozialwissenschaften gefordert, die Verfahren beim Umgang mit den radioaktiven Stoffen unter die Lupe zu nehmen. In einem Aufsatz unter dem Titel „Instrumentalisierte Öffentlichkeit – Drei Jahre Beteiligungsverfahren zur Standortauswahl für die langfristige Tiefenlagerung hochradioaktiver Abfälle“ widmen sich Albert Denk und Achim Brunnengräber (FU Berlin) unterstützt mit „hilfreichen Kommentaren“ von Dörte Themann, Ansgar Klein, Thomas Flüeler und Ulrich Smeddinck dieses immer wieder brisanten Thema.

Dokumentation aus der „Einleitung:

Die Öffentlichkeitsbeteiligung der Standortauswahl für die langfristige Tiefenlagerung hochradioaktiver Abfälle wurde durch die staatlichen Akteure nicht zielführend konzipiert und umgesetzt. Zwar wurden zivilgesellschaftliche Akteure in die Organisation der Beteiligungsformate eingebunden. Es kam aber in der Gesamtschau zu einer Instrumentalisierung der Öffentlichkeitsbeteiligung durch staatliche Akteure. Dies ist die These, der wir in diesem Beitrag nachgehen. Dafür blicken wir auf drei Jahre Öffentlichkeitsbeteiligung zurück, die der Fach- und Rechtsaufsicht des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) unterstellt ist.

In einem formellen Verfahren auf Bundesebene soll auf der gesetzlichen Grundlage des Standortauswahlgesetzes (StandAG 2017/2023) das Ziel verfolgt werden, einen breiten gesellschaftlichen Konsens über die Standortauswahl für ein langfristiges Atommülllager zu erzielen. Damit das Tiefenlager auch von den Betroffenen toleriert werden kann, sollen die Bürger*innen als Mitgestalter des Verfahrens einbezogen werden (ebd. Paragraf 5 Absatz 1). Der staatlich verfolgte Zweck der Öffentlichkeitsbeteiligung liegt also darin, dass Bürger*innen die Standortauswahl partizipativ begleiten und dem Verfahren Legitimität verschaffen sollen. Wie wir aufzeigen werden, zielte das bisherige Verfahren aber nicht auf einen Konsens ab, der am Ende des Verfahrens die Standortentscheidung begleiten soll. Auch die der Öffentlichkeitsbeteiligung zugeschriebene Funktion, die Auswahl des Standortes kritisch zu begleiten und dadurch eine Korrektivfunktion auszuüben (Denk 2024b: 39 ff.), wurde bisher nur ansatzweise erfüllt.“

WEITERLESEN: Hier ist der direkte Link zur PDF für diesen Aufsatz (PDF) beim Forschungsyournale – Soziale Bewegungen.
Albert Denk und Achim Brunnengräber (FU Berlin) – Instrumentalisierte Öffentlichkeit – Drei Jahre Beteiligungsverfahren zur Standortauswahl für die langfristige Tiefenlagerung hochradioaktiver Abfälle

Hier außerdem die Zusammenfassung des Aufsatzes von Denk und Brunnengräber:

Zusammenfassung: Zwischen 2020 und 2023 wurden vom Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) unter der Rechtsaufsicht des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) sechs Veranstaltungen der Öffentlichkeitsbeteiligung zur Lagerung von hochradioaktiven Abfällen umgesetzt.

In diesem Beitrag synthetisieren wir unsere Einzelfallanalysen dieser Veranstaltungen. Unsere These ist, dass es im Verlauf des Verfahrens zu einer Instrumentalisierung der Öffentlichkeitsbeteiligung kam. Diese zeigt sich erstens in der thematischen Engführung auf das tiefengeologische Endlager und die nationalstaatliche Handlungsebene, zweitens durch die sehr geringe Beteiligung von Bürger*innen und soziale Ungleichheiten im Verfahren sowie drittens aufgrund der Dominanz staatlicher Akteure. Ein breiter gesellschaftlicher Konsens im Umgang mit hochradioaktiven Abfällen, wie es das Standortauswahlgesetz (StandAG) verlangt, ist auf diese Weise nicht zu erreichen. Dagegen sehen wir im Einbezug möglichst vielfältiger Perspektiven durch eine inklusive Öffentlichkeitsbeteiligung wesentliche Vorteile für Sicherheit und Gerechtigkeit im Umgang mit den Abfällen.

Abstract: Between 2020 and 2023, the Federal Office for the Safety of Nuclear Waste Management (BASE), under the legal supervision of the Federal Ministry for the Environment, Nature Conservation, Nuclear Safety and Consumer Protection (BMUV), conducted six public participation events on the storage of high-level radioactive waste. In this article we summarize our individual case analyses of these events. Our thesis is that in the course of the proceedings public participation was instrumentalized. This can be seen firstly in the thematic focus on the deep geological repository and the national level of action, secondly in the very low participation of citizens and social inequalities in the process, and thirdly due to the dominance of state actors. A broad social consensus on dealing with high-level radioactive waste, as required by the Siting Act (StandAG), cannot be achieved in this way. In contrast, we see significant advantages for safety and fairness in dealing with waste in the inclusion of as many different perspectives as possible through inclusive public participation.“

„DAS ATOMDESASTER – Die verdrängte Ernsthaftigkeit bei der Suche nach einem Atomendlager“

Die Suche nach einem Endlager für hochradioaktive und andere Atomabfälle wird sich – Stand jetzt – um vermutlich Jahrzehnte verzögern. Damit werden diese brisanten Strahlenabfälle weiterhin an vielen Standorten quer durch Republik und nicht nur an den ehemaligen AKWs  oberirdisch aufbewahrt. Ob die jeweiligen Behälter, in denen der Strahlenabfall verpackt ist, auch dafür geeignet sind und welche Gefahren bei 100+ statt bislang geplanter 40 Jahren „Zwischenlagerung“ hinzukommen: Das ist die eine bedeutsame Frage, die weit oben auf der Tagesordnung in Fragen Sicherheit und Schutz der Bevölkerung stehen. Eine andere: Wie konnte es dazu kommen, dass die sogenannte Endlagerung immer noch in weitere Ferne ist? Darüber denken in einem Beitrag im „Blog der Republik“ Michael Müller, damaliger Co-Vorsitzender der Endlager-Kommission von Bundestag und Bundesrat und Jürgen Voges, Journalist, Mitarbeiter der genannten Kommission und später im Nationalen Begleitgremium (NBG) zuständig für die Umsetzung des sogenannten Standortauswahlgesetzes nach.

Dokumentation: DAS ATOMDESASTER – Die verdrängte Ernsthaftigkeit bei der Suche nach einem Atomendlager – Ein Gastbeitrag von Michael Müller und Jürgen Voges – Die kurze, aber sehr folgenreiche Zeit der Atomenergie

Mitte der 1950er Jahre wurde die friedliche Nutzung der Atomenergie als Weg in ein neues Zeitalter des Wohlstands gepriesen. Die gewaltige Kraft der nuklearen Energiequelle wurde als schier unendlich hingestellt, die alle Energieprobleme der Menschheit lösen würde. Der Grund für die Atomenergie lag auch darin, mit dem Slogan „Atomkraft für den Frieden“ von der katastrophalen Vernichtungskraft der militärischen Atomkernspaltung abzulenken. Doch der Traum von der friedlichen Nutzung ist in unserem Land nach den beiden Größten Anzunehmenden Unfällen (GAU)* in Tschernobyl und Fukushima geplatzt. Aber trotz des Abschaltens aller deutschen Atomkraftwerke ist das kurze, aber riskante und teure Zeitalter der Atomenergie noch nicht vorbei. Das Erbe ist hochradioaktiven Abfall, der über eine Million Jahre in einem sicheren Verschluss gelagert werden muss, damit es nicht zu Schädigungen für Mensch und Natur kommen kann.

Hier im Blog der Republik weiterlesen.

  • * In beiden Fällen handelte es sich nicht um einen GAU, sondern um einen Super-GAU. Der Größte Anzunehmende Unfall GAU ist derjenige, der von der Anlage beherrscht wird. Dafür ist der Meiler technisch ausgelegt worden. Diese Auslegung ist in Tschernobyl und Fukushima überschritten worden. Daher muss es Super-GAU heißen.
  • Alles zum Thema Endlagersuche auf umweltFAIRaendern.de

 

Jetzt der EU Nein sagen! Atomfusion und Iter: „Fusionsprojekt steckt in großen Schwierigkeiten“

Keine Satire: Während das weltweit größte und bedeutendste Projekt der Atom-Fusions-Forschung, der ITER in Südfrankreich, vollkommen aus dem Ruder läuft, sich weiter verteuert und eine erste Stromerzeugung für kurze Testzwecke erneut auf nunmehr 2039 verschieben wird, hat die EU ein Stellungnahme-Verfahren am Start, bei dem Unternehmen, Verbände und Bürger:innen ihre Perspektive oder Kritik einbringen können. Die EU und die Mitgliedsstaaten müssen entscheiden, ob die Fusionstechnologie mit immer neuen Milliarden-Subventionen weiter betrieben wird. Die Frist für das Beteiligungsverfahren zur Bewertung von ITER bei der EU läuft – anders als auf der Startseite genannt – bis zum 06. September 2024. Es ist schon sinnvoll, dort sein NEIN zu hinterlegen und mehr Einsatz für die Förderung der Erneuerbaren Energie zu fordern! (Foto: Betreiber ITER)

Mehr zum Thema auf umweltfairaendern:

Dass das weltweit größte Projekt für den Bau eines Fusions-Reaktors im französischen Cadarache regelmäßig massive Kostensteigerungen und immer wieder erhebliche Bauverzögerungen vermeldet, kann man eigentlich getrost im Jahreskalender eintragen. „Eine Hiobsbotschaft nach der anderen“, schreibt „Future-Zone“ über das Projekt, an dem fast alle Industriennationen rund um den Planeten irgendwie beteiligt sind. Und Science titelt gar: „Fusionsprojekt steckt in großen Schwierigkeiten„. Rund neun Jahre verzögert sich nach neuen Angaben eine Inbetriebnahme, also von 2025 auf nun 2034. Und die Baukosten dürften dann die 25 Mrd. Euro Grenze überschritten haben, wahrscheinlich wird es aber noch viel teurer.

Erste Versuche, bei denen möglicherweise dann auch ein wenig Strom zu Testzwecken erzeugt werden soll, würden erst ab 2039 erwartet. Eine Sorge: Möglicherweise springen bisherige Nationen bzw. Geldgeber in den nächsten Jahren ab, wenn sich weitere Fehlentwicklungen und Probleme zeigen oder die internationalen Spannungen und Konflikte zunehmen. China, Russland, Indien, USA und die EU sind an dem globalen Projekt beteiligt. An Landes- und Bundespolitiker:innen und viele Medien gerichtet, möchte man noch mal erinnern: Die Klimakatastrophe ist schon da! Die Fusion-Technologie – und auch die neuen smarten AKWs sind eine unverantwortliche Geldverschwendung und Hemmnis auf dem Weg in die erneuerbare Energiewende für alle!

Während sich in der Real-Forschung der ITER zum Super-GAU entwickelt, wird gern in Medien für neue Wege der Fusions-Zauber-Technik geworben und von Hoffnungen und Erwartungen fabuliert, aber meist nie von Fakten berichtet. Gespeist wird das auch von weitgehend faktenfreien Erzählungen aus den Reihen der AfD und immer stärker inzwischen von der CDU und auch der FPD (Siehe den Link oben über eine Anhörung im Bundestag). In Hessen und Bayern sollen Forschungsgelder intensiv in dieser schon seit Jahrzehnten erhoffte Technik gesteckt werden. Auch das FDP dominierte Bundesforschungsministerium will mehr Investitionen in diesen Bereich stecken. Lasertechnik soll helfen – ohne dass irgendwie ernsthafte Projekte im Raum stehen, die einen konkreten Beitrag zur Stromerzeugung in den nächsten Jahrzehnten liefern könnten. Dass Wissenschaft und Forschung für die Projektentwicklung und zur Arbeitsplatzsicherung Projekte immer wieder hoffnungsfroh beschreiben, dürfte nicht wundern. Wer aber schaut sich das genauer an? Doch es gibt auch genug Wissenschaftsverantwortliche, die deutlich sagen: Gegen die Klimakatastrophe wird die Fusionstechnik in keiner Weise helfen!

Über die Pressekonferenz der ITER-Gesellschaft berichten im Juli diverse Medien ausführlich:

Zum Abschluss dieses Beitrages frage ich ChatGPT35:

Was ist Stand beim ITER?

ChatGPT: „4 Websites durchsucht

Der aktuelle Stand beim ITER-Projekt, einem der größten und ehrgeizigsten Fusionsenergieprojekte der Welt, ist von bedeutenden Verzögerungen und technischen Herausforderungen geprägt. Ursprünglich war geplant, dass der ITER-Reaktor im Jahr 2025 in Betrieb geht, doch dieser Termin wurde mehrfach verschoben. Nach der neuesten Zeitplanung, die im Juni 2024 vorgestellt wurde, ist der Beginn der ersten Versuche mit Deuterium-Deuterium-Fusion nun für 2035 angesetzt.

Die Verzögerungen wurden durch mehrere Faktoren verursacht, darunter die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und technische Probleme mit einigen der kritischen Komponenten des Tokamaks, wie den Vakuumgefäßabschnitten und den thermischen Abschirmungen. Diese Probleme erforderten umfangreiche Reparaturen und führten zu einer Neuplanung des Projekts. Trotz dieser Herausforderungen bleibt das ITER-Projekt ein wichtiger Bestandteil der globalen Fusionsforschung, und die Arbeiten an der Montage des Tokamaks sowie an anderen kritischen Systemen schreiten weiter voran.

Ziel des Projekts ist es, durch den Zusammenschluss von Wasserstoffisotopen Energie zu erzeugen, ähnlich wie es in der Sonne geschieht. Dies würde eine nahezu unbegrenzte und kohlenstoffarme Energiequelle bieten. Die endgültige Betriebsaufnahme von ITER wird für die späten 2030er Jahre erwartet, wobei noch weitere technische und regulatorische Hürden zu überwinden sind​(NucNet,ITER).

Der Link von ChatGPT noch mal hier: https://www.nucnet.org/news/new-schedule-for-delayed-fusion-project-sees-initial-operation-in-2035-6-5-2024

Schweizer Atomenergie: Abhängig von russischem Uran – auch über deutsche Atomfabrik

Gerade geht der Block 2 des Schweizer AKWs Beznau nach der Revision und mit 20 neuen Uran-Brennelementen wieder an den Start. Ein uralter Atom-Reaktor, laufzeitverlängert über 40 Jahre hinaus! Internationales Recht wie ESPOO- und Aarhus-Konvention (siehe Links) unterläuft die Schweiz bei der Verlängerung der Laufzeiten über 40 Jahre hinaus. Der Uranbrennstoff vermutlich mit einer gehörigen Portion Uran aus Russland. Zusammengebaut zu Brennelementen möglicherweise im emsländischen Lingen bei ANF? Die Schweizer Energiestiftung hat jüngst in einem Gutachten auf die erhebliche Rolle Russlands bei der Atomstromerzeugung in der Schweiz hingewiesen. Russland will auch in Lingen einsteigen. Der französische Betreiber Framatome will künftig von Deutschland aus Uran-Brennelemente für Reaktoren russischer Bauweise in Osteuropa mit russischer Unterstützung herstellen. Doch egal, wo Uranbrennstoff hergestellt wird: Die nuklearen Risiken von Super-GAU und ungelöster Atommülllagerung bleiben. Vor allem, wenn Atommeiler immer länger betrieben werden, als ehemals geplant. Davor warnt auch die Präsidentin vom Bundesamt für Strahlenschutz in einem Interview.

In der Berliner Morgenpost hatte die Präsidentin des Bundesamts für Strahlenschutz, Inge Paulini – nicht zum ersten Mal – vor den nuklearen Gefahren gewarnt, die Deutschland auch trotz des Atomausstiegs weiterhin bedrohen: “Strahlung macht an den Grenzen nicht halt. In vielen Nachbarländern bleiben die Atomkraftwerke am Netz, es werden sogar noch neue gebaut. Hinzu kommen Bedrohungsszenarien, die lange vergessen waren. Die Bedrohungslage hat sich verändert, das Risiko ist aber nicht geringer geworden”. Damit könnte sie möglicherweise auch die Laufzeitverlängerung in der Schweiz im Blick gehabt haben. Weiter sagte Paulini in dem Interview: “Wir müssen uns auf Unfälle in ausländischen Atomanlagen einstellen, auf Probleme beim Transport von radioaktivem Material und auf terroristische Anschläge. Zudem wird wieder offen mit dem Einsatz von nuklearen Waffen gedroht. Wir beobachten natürlich auch genau, was in den ukrainischen Atomanlagen passiert – etwa rund um das Kernkraftwerk in Saporischschja.”

Die IPPNW Deutschland ist gerade dabei, die geplante Laufzeitverlängerung des AKW Leibstadt zum Thema zu machen. Dazu ist dieser Artikel mit vielen wichtigen Quellen und Informationen online. In einem Schreiben an den zuständigen Bundesrat Rösti, der nicht nur alte AKWs länger laufen lässt, ohne sich an internationale Rechtsanforderungen zu halten, sondern gegen jede Sinnhaftigkeit teure Atomenergie neu bauen will, hat die Ärztinnen-Organisation die Stilllegung des AKW Leibstadt gefordert. Mindestens aber müsse die Schweiz ein Verfahren mit Umweltverträglichkeitsprüfung und grenzüberschreitender Öffentlichkeitsbeteiligung durchführen.

Weitere Informationen zu dem Themenfeld auf umweltFAIRaendern.de

Dokumentation von der SES-Homepage: Schweizer Atomstrom abhängig von Russland

Marcel Tobler,

Die Atomkraft wird derzeit wieder in die Energiedebatte eingebracht. AKW-Befürworter:innen drängen auf Unabhängigkeit in der Stromproduktion. Allerdings ist Atomkraft keine einheimische Energie; die Schweizer Atomindustrie ist vollständig von Uranimporten abhängig. Davon stammen 45 % vom russischen Staatskonzern Rosatom. Mit diesem Brennstoff werden 15 % des gesamten Schweizer Stroms produziert. Dabei trägt Rosatom enorme militärische Verantwortung und ist als aktiver Akteur im völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Ukraine involviert. Die Uranimporte von Axpo legitimieren und finanzieren die Operationen dieses Konzerns mit.

Die vorliegende SES-Recherche fasst den aktuellen Wissensstand zusammen und kontextualisiert die verfügbaren Daten aus Handelsstatistiken, technischen und finanziellen Berichten. Daraus ergibt sich eine umfangreiche Datenanalyse, die die Beziehungen zwischen dem russischen Atom-Konzern Rosatom und der Schweiz detailliert nachzeichnet.

Rosatom: wirtschaftlich und militärisch bedeutend

Rosatom ist eine Staatskorporation mit über 460 Unternehmen und rund 360’000 Mitarbeitenden. Sie verantwortet sowohl das militärische als auch das zivile Atomprogramm Russlands. Die Staatskorporation kann als institutionelle Erbin des sowjetischen Atomministeriums verstanden werden und untersteht als solche direkt der russischen Regierung. Als global tätiger Konzern gehört Rosatom zu den zentralen Playern im weltweiten Nukleargeschäft. Darüber hinaus trägt der Konzern die Verantwortung für das weltweit grösste Atomwaffenarsenal.

Im Ukraine-Krieg spielt Rosatom unter anderem eine direkte Rolle. So hat Rosatom nachweislich Technologie an das russische Militär geliefert und verantwortet das besetzte Atomkraftwerk Zaporizhija, was sowohl der nuklearen Erpressung als auch der konkreten Sabotage der ukrainischen Energieversorgung dient. Rosatom steht – mit Ausnahme des Unternehmens Atomflot – (noch) nicht auf der Sanktionsliste der Europäischen Union und damit auch nicht auf jener der Schweiz. Die USA hingegen sanktionieren russische Uranimporte seit 12. August 2024.

Schweiz: zu 100 % vom Uranimport abhängig – und beteiligt am Krieg

Atomstrom ist und bleibt über den Uran-Brennstoff zu 100% ein Importgut. Die Betreiberin Axpo bezieht ihren Brennstoff für das AKW Beznau vollständig und für Leibstadt zur Hälfte aus Russland. Die Schweizer AKW benötigen damit im Schnitt pro Jahr knapp 25 Tonnen angereichertes Uran russischen Ursprungs. Das heisst: etwa 45% des Atomstroms und 15% des gesamten Schweizer Stroms stammen aus russischem Uran und damit von Rosatom. Die Axpo, die vollständig im Besitz der Kantone also der öffentlichen Hand ist, bezahlt für den Brennstoff schätzungsweise 50 Mio. Franken pro Jahr.

Wer ja sagt zur Atomenergie, sagt ja zu Pfadabhängigkeiten, die sich oft in langfristigen Knebelverträgen manifestieren. Damit nimmt man billigend in Kauf, sich auf Seiten eines Kriegstreibers wiederzufinden.

Bis zum Atomausstieg: vollständige Transparenz über die Lieferketten

Solange in der Schweiz noch Atomkraftwerke am Netz sind und Rosatom als Handelspartner der Schweizer Atomindustrie akzeptiert ist, legitimiert die Axpo damit die mehr als zweifelhaften Operationen dieses Konzerns. Zudem ist es bei weitem nicht ausreichend, auf direkten Uraneinkauf in Russland zu verzichten. Vielmehr müsste Rosatom vollständig aus der Wertschöpfungskette der Schweizer Atomindustrie ausgeschlossen werden, was angesichts der gigantischen Weltmarktmacht des Konzerns sehr schwierig sein dürfte. Umso dringender ist die Forderung, dass vollständige, öffentliche Transparenz über die Lieferketten inkl. aller Beteiligungen geschaffen wird, bis das letzte Schweizer AKW vom Netz geht und kein Uranimport mehr nötig sein wird.

Dokumentantion: Beznau-2 nach Brennelementwechsel 2024 wieder am Netz

Nach erfolgreichem Brennelementwechsel hat Axpo den Block 2 des Kernkraftwerks Beznau am 19. August 2024 wieder ans Netz gebracht. Mit der neuen Beladung des Reaktorkerns startet Beznau-2 in einen neuen Betriebszyklus. 26. Aug. 2024

Beznau-1 und -2

Nach dem Brennelementwechsel nahm Beznau-2 den Betrieb wieder auf.  Quelle: Axpo

Beznau-2 war am 6. August 2024 planmässig für den Brennelementwechsel vom Netz gegangen. In den letzten zwei Wochen tauschten die Spezialistinnen und Spezialisten 20 der insgesamt 121 Brennelemente im Reaktorkern aus. Die neue Kernbeladung wurde durch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und das Bundesamt für Energie (BFE) verifiziert. Darüber hinaus wurden Prüfarbeiten, Systemtests sowie geplante Instandhaltungsarbeiten an einzelnen Komponenten durchgeführt. Die Mitarbeitenden des Kernkraftwerks Beznau wurden dabei von rund 150 externen Fachkräften unterstützt.

Nach der Freigabe des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) nahm Beznau-2 den Leistungsbetrieb schrittweise wieder auf.

Laut Apxo produziert das Kernkraftwerk Beznau sicher und zuverlässig rund 6 TWh Strom pro Jahr – und deckt damit ein Zehntel des Strombedarfs der Schweiz. Die beiden Kraftwerksblöcke werden jeweils im Frühling/Sommer für einen Brennelementwechsel oder eine Revision vom Netz genommen. Danach leisten sie wieder während rund einem Jahr – und nicht zuletzt während der Wintermonate – ihren wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit in der Schweiz.

Quelle

M.A. nach Axpo, Medienmitteilung, 20. August 2024 und Ensi, Medienmitteilung, 18. August 2024

KI und ChatGPT: Neue Atombrennstoffe – Informiert umweltFAIRaendern.de über HALEU?

Informiert umweltFAIRaendern.de über HALEU?, will ich von ChatGPT35 wissen. Wie antwortet diese alte KI? „HALEU steht für „High-Assay Low-Enriched Uranium“ und bezeichnet Uran, das einen Anreicherungsgrad von Uran-235 zwischen 5 und 19,75 Prozent aufweist. Dies ist höher als bei herkömmlichem niedrig angereichertem Uran (LEU), das typischerweise für kommerzielle Kernkraftwerke verwendet wird, aber knapp unterhalb der Schwelle von 20 Prozent, ab der Uran als waffentauglich eingestuft wird.“ Und umweltFAIRaendern?

Teilt der Algorithmusmit: „Laut umweltFAIRaendern.de hat HALEU sowohl zivile als auch militärische Anwendungen, was es besonders umstritten macht. Es wird für neue Reaktorkonzepte wie kleine modulare Reaktoren (SMRs) sowie für militärische Anwendungen wie nukleare Antriebe von U-Booten genutzt. Kritiker befürchten, dass die Produktion und Verbreitung von HALEU die Schwelle zur Herstellung von Atomwaffen senken könnte, da das Material sehr nah an waffentauglichem Uran liegt. Zudem werfen sie Fragen zur rechtlichen Zulässigkeit und den sicherheitspolitischen Implikationen der Urananreicherung auf, insbesondere im Hinblick auf bestehende internationale Verträge und die mögliche militärische Nutzung in Ländern wie den USA, Großbritannien und Frankreich​(UmweltFairaendern, UmweltFairaendern, UmweltFairaendern).

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