Hoch radioaktiv: Atomüll-Transporte Sellafield (UK) – Brokdorf

Mitarbeiter*innen der BGZ bei der Handhabung eines leeren CASTOR-Behälters im Empfangsbereich des Zwischenlagers Brokdorf.

Während die einen sich neue Atommeiler wünschen und Risiken und Kosten weitgehend ignorieren, bleiben die Probleme mit den Atommüll-Bergen aus der bisherigen Atomstromerzeugung. Allein mehr als 150 Transporte mit den brisanten hoch radioaktiven Abfällen sollen künftig Woche für Woche per LKW quer durch NRW von Jülich in das Zwischenlager nach Ahaus. Auch aus dem Atomforschungsreaktor Garching und der ehemaligen Anlage in Berlin soll weiterer Atommüll nach Ahaus. Und noch in diesem Jahr, so die bisherigen Planungen, sollen außerdem sieben weitere Castor-Behälter aus der Plutoniumfabrik im britischen Sellafield zum Zwischenlager nach Brokdorf in Schleswig-Holstein. Auf Nachfrage von umweltFAIRaendern teilt die zuständige Genehmigungsbehörde, das „Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung“ (BASE), jetzt mit: „Die Beförderungsgenehmigung für die Rückführung von Sellafield nach Brokdorf ist noch nicht erteilt worden“. (Foto: BGZ)

  • Aktuelle Infos zu den Atommülltransporten von Jülich nach Ahaus gibt es hier bei der Bürgerinitiative und auch auf umweltFAIRaendern.de (Suchfunktion unten nutzen!)

Bereits im Jahr 2024 hatte das BASE die Einlagerung des Atommülls aus Sellafield für das Zwischenlager Brokdorf genehmigt. Die ebenfalls notwendige Transportgenehmigung steht aber noch aus.

Die flüssigen hoch radioaktiven Abfälle wurden in Sellafield in Glaskokillen eingeschmolzen. Für den Transport nach Brokdorf in das dortige Zwischenlager der BGZ wurden diese Glasblöcke in Castor-Behälter verpackt. In diesen Behältern bleibt der Atommüll auch während der gesamten oberirdischen Zwischenlagerung. Da sich die Planungen zur Endlagersuche wieder einmal verschoben haben, könnte das noch viel weitere Jahrzehnte andauern.

Kalterprobung: Tests mit leeren Castor-Behälter

Die für die Zwischenlagerung zuständige BGZ in Brokdorf hatte nach eigenen Angaben bereits in 2024 eine sogenannte Kalterprobung mit einem leeren Castor-Behälter, wie er für den Atommüll aus Sellafield eingesetzt wird, durchgeführt. Der Behälter stammte aus dem Zwischenlager Isar bei Landshut, wo er ebenfalls zu Testzwecken eingesetzt war.

Das BASE teilt auf Nachfrage von umweltFAIRaendern mit: „Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens wurde keine Kalthandhabung durchgeführt. Zu Fahrten mit leeren Behältern liegen keine Informationen vor.“ Mit anderen Worten: Für die Genehmigungserteilung durch das BASE sind diese Kalthandhabungen offenbar nicht vorgeschrieben.

Als atomrechtliche Aufsichtsbehörde teilte das in Schleswig-Holstein zuständige „Ministerium für Energie­wende, Klimaschutz, Umwelt und Natur“ aktuell auf mehrfache Nachfragen auch zum Umfang der Kalthandhabung lediglich mit, dass diese auf dem Gelände der BGZ stattgefunden hat: „Die Kalthandhabung wurde erfolgreich durchgeführt.“ Für weiteres, so die Kieler Pressestelle, wäre das BASE zu befragen. 

Für die Durchführung des Transports von Sellafield nach Brokdorf ist PreussenElektra zuständig, also der Betreiber des stillgelegten AKW Brokdorf. PreussenElektra wiederum hat für die Durchführung die Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) beauftragt. Dieses Unternehmen stellt auch die Castor-Behälter her, die für den Transport und die Zwischenlagerung eingesetzt werden. In diesem Fall sind Behälter vom Typ HAW28M im Einsatz.

Auf Anfragen von umweltFAIRaendern im März 2025 zu Umfang und Ergebnissen bei der Kalthandhabung hatte die GNS mitgeteilt: „Bitte haben Sie darüber hinaus Verständnis dafür, dass wir – auch um späteren Missverständnissen oder Spekulationen vorzubeugen – keine Angaben über die Logistik rund um die Kalthandhabungen machen können.“ Die GNS bestätigte dabei auch, dass die Behälter in Sellafield bereits beladen sind.

UmweltFAIRaendern hatte mit Bezug auf Genehmigungsbehörde BASE im Zusammenhang mit den sogenannten Rücktransporten aus Sellafield nach Bayern folgendes veröffentlicht: Ziel Bayern – Isar: Hochaktiver Atommüll aus England darf ins Zwischenlager bei Niederaichbach transportiert werde Dort hatte BASE auch Auszüge zur erteilten Transportgenehmigung veröffentlicht.

Atomüll-Erbe: Hochaktive Abfälle aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente im Ausland

Der Atommüll, um den es hier geht, stammt aus der sogenannten Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente von westdeutschen Atomkraftwerken im Ausland (Sellafield GB und LaHague, F). Die damals von der Wirtschaft vereinbarten und von der Bundesregierung bestätigten Verträge beinhalteten auch die Rücknahme der dabei entstehenden radioaktiven Abfälle. Bis Anfang der 2010er Jahre ist dieser Atommüll nach Gorleben geschickt worden. Dort befindet sich ein oberirdisches Zwischenlager. Außerdem war Gorleben in einer politischen Entscheidung nach einem Gerichtsurteil in den 1970er Jahren als einziger Endlagerstandort für hoch radioaktiven Atommüll festgelegt worden. Als Teil der Atomenergienutzung und der ungelösten Endlagerung führte das zu immer wieder zu erheblichen Protesten in der Bevölkerung und Aktionen der Anti-Atom-Bewegung.

Nach dem beschlossenen Atomausstieg und den Atomkatastrophen von Tschernobyl und schließlich Fukushima kam es schließlich Anfang der 2010er Jahre zu einer neuen politischen Verständigung, um die Suche nach einem Atommüllendlager neu zu starten. Dazu wurde das Standortauswahlgesetz auf den Weg gebracht. Dazu war es auch erforderlich, diese Atommülltransporte aus dem Ausland nicht weiter nach Gorleben zu bringen, sondern sie auf weitere Bundesländer zu verteilen. Daher wurden die Zwischenlager in Biblis (Hessen), in Philippsburg (Baden-Württemberg), in Niederaichbach bei Landshut (Bayern) und in Brokdorf (Schleswig-Holstein) neben den bereits in Gorleben befindlichen Behältern als weitere Standorte benannt. Zu den vorgenannten Standorten haben die Atomtransporte bereits stattgefunden. umweltFAIRaendern.de hat dazu umfangreich berichtet. Einfach die Suchfunktion nutzen, um mehr Hintergründe zu erfahren.

Hintergrund: Ungelöste Entsorgung und Plutoniumwirtschaft

Die Nutzung der Atomenergie zur Stromerzeugung ist ohne große Mengen einer Vielzahl von radioaktivem Atommüll nicht denkbar. Bis zu einer Million Jahre müssen diese radioaktiven Abfälle aufgrund ihrer tödlichen Wirkung sicher von der Biosphäre abgeschirmt gelagert werden. Auch bei den derzeit viel beschworenen neuen Reaktorkonzepten bleibt das so.

Um von diesem Problem der ungelösten Entsorgung radioaktiver Abfälle abzulenken, hatte die bundesdeutsche Atompolitik und -wirtschaft in den 1970er Jahren damit begonnen, die hoch radioaktiven Brennelemente aus den Reaktoren nach ihrem Einsatz zur sogenannten Wiederaufarbeitung zu transportieren. Als Zwischenlösung wurde dieser Atommüll daher von den bundesdeutschen AKW-Standorten in die Plutoniumfabriken in Frankreich und Großbritannien per Zug und Schiff transportiert. Damit verbunden war die Vereinbarung, dass die Bundesrepublik nicht nur das Plutonium und Uran zurücknehmen musste, sondern auch die bei der Verarbeitung anfallenden radioaktiven Abfälle.

Geplant war, im bayerischen Wackersdorf eine deutsche Plutoniumfabrik zu bauen. Doch sowohl die enormen Kosten und Sicherheitsrisiken sorgten für massiven Widerstand aus der Bevölkerung gegen die sogenannte „Plutoniumwirtschaft“. Im Jahr 2005 schließlich wurde die Wiederaufarbeitung beendet.

Alle Projekte, die im Rahmen der Plutoniumwirtschaft geplant waren, scheiterten nicht zuletzt aufgrund der enormen Risiken und extremen Kosten. So wurde die Plutonium-Brennelemente-Fabrik in Hanau nach Störfällen geschlossen, der Plutoniumreaktor in Kalkar kurz vor der Fertigstellung aufgegeben und die Plutoniumfabrik in Wackersdorf nicht weiter gebaut. Plutonium-Forschungsanlagen waren aber z.B. in Karlsruhe in Betrieb und haben Atommüll erzeugt.

 

 

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