Holger Strohm, ein Brief an die taz und einige gute Neonazis

Auch die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow Dannenberg und Contratom haben sich von den Äußerungen Holger Strohms (Friedlich in die Katastophe, Buch und Film) distanziert: In einem Interview mit dem rechtsextremen Magazin “Umwelt & Aktiv” hatte Strohm davon gesprochen, dass es „selbst unter Nazis gute Menschen“ gäbe. Inzwischen hat sich Strohm in einem Offenen Brief an die taz geäußert (hier der Brief als PDF). Die taz hatte in ihrer Wochenend-Ausgabe über das Interview berichtet und Strohms dortige Äußerungen zitiert: “Es gebe „selbst unter Nazis gute Menschen“. Für ihn sei vielmehr „ein Maßstab, ob man gegen Atomenergie ist, ob man für die Menschheit ist“. Das Tun sei wichtig „und nicht, was man sagt“.” Siehe auch hier auf umweltFAIRaendern.de

In seinem Brief an die taz stellt Strohm fest, dass er „Jemandem“ ein Interview gab, der sich als „Vertreter einer Anti-AKW-Initiative“ vorgestellt hatte. Die Zusage dieser Person, dass „nur eine von mir autorisierte Fassung veröffentlicht wird“ würde, sei nicht eingehalten worden, was man an der „Fülle von Grammatik- und Sachfehlern“ erkennen könne.

Ok, könnte man nun sagen: Sowas kann schon mal passieren. Dann wäre es eigentlich einfach, dass Strohm das feststellt, sich distanziert und das Magazin auffordert, das Interview aus dem Netz zu nehmen. Aber nichts davon tut Strohm.

Aber davon abgesehen: Wieso eigentlich spricht Strohm gegenüber einem „Vertreter einer Anti-AKW-Initiative“ aus dem Wendland von den Nazis, dass einige von denen sogar gute Menschen wären? Im Wendland laufen nicht gerade sonderlich viele Nazi-Umweltschützer rum, schon gar nicht in Anti-Atom-Initiativen organisiert. Aus welchen Gründen also spricht Strohm seinen Gesprächspartner in dieser Weise an?

Statt einer Entschuldigung und Distanzierung, verschanzt sich Strohm in der Rolle eines zu unrecht Kritisierten: Dem Autoren Speit wirft er vor, dass „die taz arge Pirouetten schlagen“ musste, um aus „diesem sehr kritischen Interview aus dem Strohm ein Nazi zu stricken -wo ihn sich doch andere als Radikalkommunist wünschen“ … (einEN Nazi müsste es jetzt heißen…).

Mit keinem Wort wirft ihm die taz jedoch vor, dass er ein Nazi ist! Die taz strickt auch gar nicht, sondern zitiert sachlich einwandfrei (samt der Fehler!) aus dem Interview. Die taz wirft ihm dann vor: „Seine Erkenntnis, dass Nazis sich „für die Menschheit“ einsetzten, ist, gelinde gesagt, ein Euphemismus. Mit dem Interview hilft er dem Magazin bei der Etablierung über die Szenegrenze hinweg.“ (Wenn Strohm keine Kenntnis davon hatte, wem er das Interview gegeben hat, wäre der zweite Vorwurf hinfällig, sofern sich Strohm distanzieren würde.)

Also: Die taz (und auch sonst hat dies m.W. keiner getan) sagt nicht, Strohm sei ein Nazi, sondern der Vorwurf lautet: Mit diesen Äußerungen in dem Interview verharmlost Strohm die Nazis!

Weiter schreibt Strom in Verdrehung der taz-Kritik: „Wahr ist: Ich habe vor Stalinisten und strammen Konservativen Vorträge gehalten. Jeder, der etwas dazulernen und klüger werden will, ist mir willkommen. Mir aber deswegen das Statement zu unterschieben alle Nazis seien gute Menschen, ist absurd.“

Was die ersten beiden Sätze mit dem dritten Satz zu tun haben, ist nicht nachvollziehbar. Aber, wieder unterstellt Strohm der taz etwas, was die gar nicht gesagt hat – und Strohm auch nicht im Interview sagt. Kritisiert wurde – siehe oben – das was Strohm in dem Interview schlicht wirklich gesagt hat, nämlich es gebe „selbst unter Nazis gute Menschen“. Also: Es geht um einen Teil der Nazis! Und diese Aussage muss man Strohm nicht „unterschieben“, sondern die steht – unwidersprochen vom Autor – online zum nachlesen!

Wer macht hier also Pirouetten?

In seinem Brief unterstreicht Strohm dann in der Folge auch genau diese „Teilmenge“:  „Apropos Nazis: 1938 waren mindestens 80 Prozent der Deutschen gute Nazis. Aber tausende von ihnen halfen jüdischen Mitbürgern unter Lebensgefahr oder waren selbst das Opfer einer verlogenen Propaganda. So wie heute, denn nicht jeder selbstgefällige Linke ist automatisch ein guter Mensch.“

Achtung: Die folgende Passage ist aufgrund einiger Hinweise korrigiert und geändert:

Es ist nicht ohne weiteres klar, warum Strohm ausgerechnet von 1938 schreibt. Vermutlich spielt er auf die Reichskristallnacht an, als überall in Deutschland Nazis jüdische Geschäfte überfielen und plünderten, Menschen jagten und Synagogen in Brand steckten. Spätestens mit diesen Ereignissen begann die systematische Vertreibung, Enteignung und dann Vernichtung der Juden aus Deutschland. Während laut Strohm 80 Prozent der Deutschen als „gute Nazis“ über die Juden herfielen, sollen einige Tausend Nazis als „gute Menschen“ ihnen geholfen haben. Sorry, aber wer angesichs derartiger Verbrechen, wie sie die Nazis begangen haben, noch Nazi ist, trägt Verantwortung.

Und von diesen Nazis, die „gute Menschen“ waren, sind dann Tausende “selbst das Opfer einer verlogenen Propaganda” der Nazis geworden? Selbst wenn das stimmen würde, was würde es für die heutige Situation bedeuten? Wo sind die heutigen Nazis, die sich als gute Menschen den bösen, weil Ausländer verprügelnden Nazis, in den Weg stellen? Aber darüber spricht Strohm dann gar nicht, sondern macht im folgenden Satz einen Schwenk oder soll ich Pirouette sagen?

„So wie heute, denn nicht jeder selbstgefällige Linke ist automatisch ein guter Mensch.“ Was haben diese selbstgefälligen Linken denn jetzt plötzlich mit den guten und nicht so guten Nazi-Menschen zu tun? Wer hat überhaupt behauptet, dass Linke gute Menschen sind? Was will Strohm eigentlich damit sagen? Was vergleicht er hier? Die NS-Verbrechen mit welchen heutigen Verbrechen selbstgefälliger Linken?

Sorry, Holger Strohm, aber die Pirouetten sind nicht bei der taz, sondern bestenfalls bei Ihnen selbst – und das wäre wohlwollend! Und der Offene Brief unterstreicht nur, was der Inhalt des Interviews schon zeigt: Sie verharmlosen die Verbrechen der Neo-Nazis!

 

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