US-Atombombe, URENCO und die Bundesregierung: Atom/Energie/Bombe für Anfänger*innen

Die Tagesschau und Jürgen Döschner berichten heute: „Deutsches Uran für US-Atomwaffen?“ Ist etwas verknappt, die Überschrift, aber sie bringt es auf den Punkt, worum es geht. Der Rest, hinter der Überschrift ist nicht ganz so einfach zu verstehen und geht um viele Ecken und Kurven zwischen Technik, Wirtschaft und Politik, zwischen friedlicher und militärischer Nutzung der Atomenergie. Journalistisch ist der Bericht prima aufgemacht und vor allem mutig: Er versucht ein überaus kompliziertes, aber enorm wichtiges Problem darzustellen, im Flaggschiff der deutschen Nachrichten. Zusätzlich wird Heinz Smital im Tagesschau-Studio befragt und erklärt zusätzlich, worum es geht (Link zum Video). Was aber genau ist da eigentlich los? Worum genau geht es? Hier ein Versuch, dieses Thema noch mal darzustellen. Für Anfänger*innen in Sachen Atom/Energie/Bombe?

Die eine bedeutsame Frage der Tagesschau lautet: Darf ein Unternehmen unter deutscher Regierungs-Kontrolle, das strikt auf die Nichtverbreitung von Atomwaffentechnik festgelegt ist, Uran an ein Unternehmen liefern, das daraus bedeutsame Zutaten für die US-Atomwaffen erzeugt oder wäre das verboten?

Klar ist das verboten, mag man sich nun sagen. Dumm aber ist: 2005 soll URENCO festgestellt haben: Kein Problem, klar können wir liefern. Und die Bundesregierung hat das nach den vorliegenden Informationen nicht beanstandet, hätte also kein Problem mit solchen Lieferungen gehabt, auch wenn dann später damit die US-Atomwaffen besser funktionieren würden. So die derzeitige Informationslage, zu der die Bundesregierung aber gegenüber Tagesschau und uns allen schweigt. Nun kommt der Punkt, wo es aktuell wird: Bislang haben die USA von dieser Möglichkeit nach den derzeit vorliegenden Informationen keinen Gebrauch gemacht. Aber es gibt Anzeichen, dass sich das ändern könnte. Was also, wenn Trump sagt: Danke URENCO, bitte liefert euer Uran. Würde die heutige oder die nächste Regierung dann wie damals sagen: Kein Problem? Und wie fänden wir das dann? Gute Gründe also, hinzuschauen, was sich da zusammenbrauen könnte.

Also schauen wir uns mal genauer an, worum es technisch und praktisch eigentlich geht:

Damit so eine Atombombe richtig knallt, braucht es gewisse Zutaten, nicht nur Plutonium oder hochangereichertes Uran. Tritium zum Beispiel. Das ist sowas wie ein „Booster“ oder das RedBull der Atombombe. Es erhöht die Sprengkraft um ein Vielfaches! Die USA brauchen davon eine Menge und sie brauchen alle 12 Jahre Nachschub, damit es weiter richtig groß knallen könnte. 12 Jahre? Das ist die Halbwertzeit, also die Zeit, wo sich die Radioaktivität halbiert und damit sagen wir mal „weniger Power“ hat.

Dieses Tritium erzeugt die Atommacht USA nicht (mehr wie früher) in einer reinen Militäranlage, sondern seit Anfang der 2000er Jahre in einem normalen, also zivilen AKW zur Stromerzeugung. (In Deutschland würden wir also Brokdorf oder Grohnde oder so nehmen). Dazu hat die US-Regierung mit dem Betreiber und Stromerzeuger Tennessee Valley Authority (TVA) (also sowas wie Vattenfall hier bei uns – oder so) Verträge gemacht. So wird ein vermeintlich „ziviler“ Atomreaktor direkt zum Bestandteil des US-Atomwaffenprogramms und erzeugt weiter „friedlichen“ Atomstrom! Watts Bar 1 ist der Reaktor, in dem die von WesDyne (Westinghouse) gelieferten „Tritium Producing Burnable Absorber Rods“, kurz TPBAR, eingesetzt werden. Umgeben von jeder Menge herkömmlichen Brennelementen aus Uran werden diese TPBARs für 18 Monate im Reaktor eingesetzt. Danach werden diese TPBARs aus dem Reaktor gezogen, verpackt und zur weiteren Verarbeitung in die Savannah River Site (SRS) verfrachtet. SRS ist eine sehr alte Militäranlage. Dort wird das Tritium aus den TPBARs abgetrennt und später in die Sprengköpfe gefügt.

Nochmal die Frage: Darf ein Unternehmen mit deutscher Beteiligung und unter Kontrolle auch der Bundesregierung, also URENCO, das strikt auf die Nichtverbreitung von Atomwaffentechnik festgelegt ist, an diesen Reaktor in Watts Bar 1 Uran für Brennelemente liefern oder wäre das Beteiligung und Unterstützung des US-Atomwaffenprogramms und damit verboten?

Das Unternehmen mit deutscher Beteiligung heißt URENCO (URanENrichmentCOmpany), ist im Eigentum der Staaten Niederlande und Großbritannien sowie der deutschen Atomkonzerne E.on und RWE. URENCO betreibt in diesen Staaten jeweils auch Urananreicherungsanlagen. Außerdem steht eine solche Anlage seit 2010 in den USA.

Die URENCO benutzt zur Urananreicherung eine besonders effiziente Technik: Per Zentrifugen wird das in der Natur nur zu 0,7 Prozent im natürlichen Uran vorkommende spaltbare Isotop Uran-235 auf 3 – 5 Prozent angereichert, erst dann ist das „Zeug“ für den Einsatz in den „normalen“ Atomreaktoren nutzbar. Das Problem dieser Technik: Lässt man die Zentrifugen einfach länger laufen, dann kann man das Uran auch soweit anreichern, dass es für Atombomben taugt. Genau das aber darf, allen internationalen Vereinbarungen entsprechend, URENCO nicht tun. Nicht in Deutschland und den Niederlanden und auch nicht in den Anlagen in den Atomwaffenstaaten England und USA. URENCO-Technik ist geheim, weil gefährlich und darf unter keinen Umständen für militärische Zwecke eingesetzt werden.

Nicht nur die IAEO und EURATOM kontrollieren das. Die drei Gründerstaaten GB, NL und BRD haben zur Kontrolle und Zweckbestimmung auch Verträge abgeschlossen, die eine umfangreiche staatliche Überwachung über die URENCO-Anlagen garantieren soll. Die strikt geheime Technik muss unter allen Umständen vor einer Weiterverbreitung geschützt werden. Und unter keinen Umständen soll in den URENCO-Anlagen atomwaffenfähiges Uran, ja nicht mal höher angereichertes, sondern eben maximal das fünf-prozentig angereicherte Uran – und das auch nur für „friedliche“ Atomkraftwerke zur Stromerzeugung – hergestellt werden. Und damit das auch alles klappt, haben die drei Staaten das in einem Vertrag festgelegt: Der Vertrag von Almelo (und noch ein paar mehr). Darin ist auch geregelt, dass es ein Kontrollgremium, Gemeinsamer Ausschuss genannt, gibt, in dem das Prinzip der Einstimmigkeit herrscht. Andere sagen dazu auch: Es gibt ein Veto-Recht!

(Ok, das mit der Kontrolle klappt nicht immer: So ist es einem pakistanischen Spion Mitte der 1970er Jahre gelungen, wesentliche Pläne und Teile für die strikt geheime Zentrifugentechnik in der niederländischen Anlage in Almelo zu stehlen und damit die Grundlage für die pakistanische Atombombe zu legen – aber lassen wir das mal…)

So, nun zurück zur Eingangsfrage: Darf also diese URENCO ihr „normales“ Uran an einen Betreiber bzw. an ein AKW liefern, in dem auch das Tritium für die US-Atomwaffen erzeugt wird? Die URENCO als Unternehmen hat sich, als in den USA ab Mitte der 2000er Jahre das Problem Tritium nach der Schließung eines alten Militärreaktors Ende der 1990er Jahre immer größer wurde, mit dieser Frage selbst befasst und ein so genanntes „Legal Memorandum“, wir sagen Rechtsgutachten dazu, erstellen lassen.

Dieses Gutachten ist geheim, sagte die Bundesregierung jetzt dem WDR bzw. der Tagesschau. Berichten des US-Enerigeministeriums ist aber zu entnehmen: URENCO sieht keine rechtlichen Probleme Uran zu liefern, auch wenn in dem gleichen Reaktor Tritium als „by-product“ für Atomwaffen erzeugt wird. Außerdem soll laut US-Ministeriumsbericht der Gemeinsame Ausschuss, also das Kontrollorgan der drei Staaten GB, NL und BRD, dieser Auffassung zugestimmt haben. Mit anderen Worten: Auch die Bundesregierung – mit Vetorecht – sah keine rechtlichen Probleme, auf derartige Weise über URENCO das US-Atomwaffenprogramm zu unterstützen. In dem Ausschuss ist das Wirtschaftsministerium federführend, aber bei Fragen der Proliferation ist auch das Auswärtige Amt beteiligt. Laut dem Bericht des US-Energieministeriums soll das im Jahr 2005 stattgefunden haben.

Nach den derzeitigen Informationen, hat URENCO sogar in Deutschland Lieferverträge mit Westhinghouse in den USA, die Brennelemente herstellen. Nach Angaben des US-Enerigeministeriums (2014) soll es Verträge zwischen URENCO und dem Betreiber TVA geben. In einem anderen Bericht bestätigte TVA erst vor Kurzem, von URENCO beliefert zu werden. Unklar aber ist, ob dieses Uran in Watts Bar 1 eingesetzt wurde. Den vorliegenden Dokumenten ist zu entnehmen, dass die USA ein Problem darin sahen, Uran aus „ausländischer“, „ziviler“ Produktion zum Betrieb eines AUCH militärisch genutzten Reaktors einzusetzen. Mit „ausländisch“ ist in diesem Fall gemeint, dass das Eigentum und der Versorgungspfad (also Beschaffung des Natururans etc.) ausschließlich von US-Firmen oder Ministerien kontrolliert wird und keine „Nicht-Atomwaffen-Staaten“ bzw. „friedliche“ Anlagen zu beteiligen sind. Das würde nach der damaligen Auffassung des US-Energieministeriums sonst auch weltweit als falsches Signal der Vermischung von „friedlicher“ und militärischer Nutzung der Atomenergie verstanden werden und damit zur Verbreitung von Atomwaffen beitragen.

Gut, wenn es so bliebe, was die Position der USA angeht. Problematisch aber, weil die Bundesregierung als Nicht-Atomwaffen-Staat kein Veto gegen derartige Überlegungen und Bereitschaften auf Seiten der URENCO einlegte.

Die Frage heute: Was würde die Bundesregierung tun, wenn die USA sich dafür entscheiden, auch „ausländisches“ Uran für die Versorgung des Atomreaktors West Bar 1 zu verwenden und URENCO also liefern dürfte?

Für die USA geht es dabei auch um Milliardenbeträge. Es geht um die Frage, ob eine Atommacht wie die USA, dazu mit hunderten von Atomkraftwerken ausgestattet, nicht wieder eine eigene Urananreicherungsanlage braucht? 2013 haben die USA ihre eigene Urananreicherung aufgegeben. Der Grund: Sie basierte auf einem Prinzip, bei dem enorm viel Energie eingesetzt werden musste. Manchmal ist zu hören, dass sie bis zu 50 mal mehr Energie brauchte, als die URENCO-Technik. Das war nicht wirtschaftlich für die AKWs und deshalb ging die letzte Urananreicherungsanlage außer Betrieb.

Zwischenzeitlich kamen aber noch große Mengen hochangereicherten Urans und auch Plutonium zusätzlich in die USA. Russland und die USA hatten sich verständigt, die Zahl der Atomsprengköpfe zu reduzieren und das damit überschüssig werdende Material in den normalen AKWs als Brennstoff zu „vermarkten“. Vor allem dieses hochangereicherte Uran ist es, auf das die USA ihre künftige Sicherung der Tritium-Produktion in Watts Bar stützen! Es wird downgeblendet, also solange verdünnt, bis es auf die schon genannten fünf Prozent spaltbaren Urans kommt.

Doch der Bau einer neuen Urananreicherungsanlage ist für die USA keine leichte Entscheidung. Sie verfügen inzwischen zwar über in Eigenentwicklung hergestellte Zentrifugen, wie sie im Prinzip auch bei URENCO eingesetzt werden. Aber im großen Maßstab sind die noch nicht im Einsatz gewesen. Und der Neubau dürfte schon einige Milliarden Dollar kosten.

Das wäre vielleicht nicht so dramatisch, wäre da nicht z.B. eine Plutoniumanlage, die das Waffenplutonium zu sogenannten MOX-Brennelementen verarbeiten soll, die dann in normalen Atomkraftwerken eingesetzt werden könnten (ist natürlich auch eigentlich komplizierter). Doch der Bau dieser Anlage ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Mitte der 2000er Jahre Baubeginn und noch heute ist die Hütte nicht fertig. Die Kosten sind explodiert und liegen inzwischen deutlich oberhalb von 15 Mrd. Dollar. Und ob die MOX-Fabrik je fertig gebaut wird, ist Gegenstand heftiger Debatten in den USA. Das ist absolut keine Werbung für die Atombranche der USA, mal ganz abgesehen davon, was mit der Pleite von Westinghouse derzeit abgeht.

Da wäre dann noch der US-Rechnungshof, auf den die Tagesschau hinweist. Der war schon vor einigen Jahren der Auffassung, dass die USA doch aus Kostengründen besser „ausländisches“ Uran für die Tritium-Produktion zulassen sollten. Und nun gibt es einen Präsidenten Trump, der – so fordern es z.B. im März 2013 Atomexperten aus der US-Administration in der defensenews – möge doch mal mit Blick auf die langen Planungs- und Baufristen für eine solche Urananreicherungsanlage Born in the USA entscheiden, wohin die Reise gehen soll, damit die „drohende Krise“ bei der Produktion von Atomwaffen-Tritium abgewendet werden kann!

Anders gesagt: Es könnte also gute Gründe geben, dass die Bundesregierung und die anderen URENCO-Staaten den USA eines klar und deutlich sagen: Wir werden kein Uran liefern, mit dem Tritium für Atomwaffen hergestellt wird!

Um es an einem gerade sonst etwas bekannteren Beispiel zu sagen, bei dem auch wieder URENCO eine Rolle spielt. Der mehr als marode Atomreaktor Tihange 2, in Belgien, unweit von Aachen, hat tausende Risse und selbst die Bundesumweltministerin sagt: Der muss eigentlich vom Netz. Das aber will die belgische Regierung nicht und die hat – so ist das nun mal – das Sagen! Nun aber wird bekannt: Die deutsche Uranfabrik von URENCO in Gronau liefert für dieses Atomkraftwerk den Brennstoff. Hilft damit also, dass in Tihange der Betrieb weiter gehen kann. Sollten wir doch besser nicht tun, oder? Können wir nichts gegen machen, sagt die Bundesumweltministerin. Ist so! (ist natürlich nicht so).

Kommen die Kritiker der Kritiker und sagen: Wenn wir nicht liefern, tun es andere. Dann doch besser wir, wegen Arbeitsplätze, Steuern und Gewinne und so! Aha. Und so machen wir es dann bald vielleicht auch bei der Atombombe?

Deshalb wäre es wichtig, dass die Bundesregierung klipp und klar Farbe bekennt, wie sie in dieser Frage heute steht! Will sie helfen, damit US-Atomwaffen funktionieren oder lieber nicht?

Meine Antwort ist klar: Niemals. Und das Thema ist zu wichtig. Deshalb lohnt es, genau hinzusehen und all die ungeklärten Fragen an die Bundesregierung zu stellen!

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