Deutsche und die Atombombe – Geschichte bis Gegenwart

Da macht einer dann doch vor allem eine Art persönliche Abrechnung. Mit einer Friedensbewegung aus den 1980er Jahren und der späteren Außen- und Sicherheitspolitik von rot-grünen bis zu den Merkel-Regierungen. Aber es geht auch um die Rolle von Deutschen, die an der Entdeckung der Kernspaltung, der Entwicklung und Verbreitung von Atomwaffen und Reaktoren beteiligt waren  und mittendrin in der Ost-West-Konfrontation seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. „Die Deutschen und die Atombombe“, ein mindestens ambivalentes Buch von Joachim Krause, Politikwissenschaftler und emeritierter Professor für Internationale Politik am Institut für Sozialwissenschaften der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Viele Standpunkte und Einordnungen muss man nicht teilen, sondern deutlich widersprechen. Aber Ausführungen zu historischen Dingen in Sachen Atomenergie, Waffen und Reaktoren und deutscher Beteiligung einer weiterhin latenten „Kernwaffenmacht“ sind vermutlich informativ.

      • Die Deutschen und die Atombombe – Eine Geschichte von Angst, Ambivalenz und Verantwortung, von Joachim Krause, bei Theis im Verlag Herder GmbH erschienen, 1. Auflage 2026, Gebunden, 256 Seiten, ISBN: 978-3-534-61195-9

Krause erzählt, dass der damalige Außenminister Steinmeier im April 2014 auch ihn gebeten hatte „auf maximal fünf Seiten eine Bewertung der deutschen Außenpolitik vorzunehmen und dazulegen, was besser gemacht werden könnte.“ (S.230) Doch „der Beitrag wurde praktisch aus dem Verkehr gezogen“, denn auf der Webseite des Auswärtigen Amtes wurde der schlicht nicht veröffentlicht, „dafür aber viel Lobpreisung anderer Autoren“. Das ist natürlich ein Affront gegen Krause und im Grunde auch totales Politikversagen.

„Eher wurde auf Ratschläge der Friedensforschung gehört“, teilt der Autor offenkundig gefrustet mit. Das Wort Friedensforschung hat bei Krause schon deutlich einen überaus negativen Beigeschmack, ein Schimpfwort geradezu.

Das Elend deutscher Außen- und Sicherheitspolitik beginnt für Krause so richtig in den 1980er Jahren: „Die deutsche Friedensbewegung – kollektiver Realitätsverlust mit Langzeitwirkung“ überschreibt er ein Kapitel (S. 170) und zieht im weiteren einen großen Bogen des politischen Versagens, der dann in den Regierungen ab 1998 durchschlägt. Von Angst und German Angst und Lucky Germans ist die Rede.

Die aus Sicht von Krause völlig verfehlte Politik der Bundesregierungen seit rot-grün und danach hat auch einen Namen: „Rüstungskontrolle wurde in allen Koalitionen seit 1998 erneut zu einer Ideologie, deren Hauptzweck es war, Diskussionen über russische Rüstungsanstrengungen abzuwehren. Ihr Hauptideologe war der SPD-Abgeordnete und spätere Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenicht, der Entspannungspolitik, Rüstungskontrolle und die „blockübergreifende (sic!) Entspannung beschwor.“ (S.233) Dabei stellten, so Krause, die Jahre zwischen 1998 und 2022 „das dunkelste und katastrophalste Außenpolitikkapitel der Bundesrepublik Deutschland dar.“

Krause steht in allen Belangen immer an der Seite des Westens, an der Seite der NATO. Kriegstreiber und Risiko war immer und vor allem die Sowjetunion und dann Russland. Dieses Kalte-Kriegs-Bild ist offenbar der Heimatort von Krause, die NATO immer Verteidiger und die USA getriebene.

      • Es gibt diverse Rezensionen: Hier ist eine auf „Buchschau“, vermutlich von Wolfgang Schmitt (Impressum) verfasste, die sich sehr aufwendig mit dem Buch befasst: https://buchschau.blogspot.com/2026/08/die-deutschen-und-die-atombombe.html. Auch hier wird das Buch diskutiert. https://tdhj.org/de/post/rezension-deutsche-atombombe/ TDHJ hat die Führungsakademie der Bundeswehr als Partner. Natürlich hier auch der DLF: https://www.deutschlandfunk.de/joachim-krause-die-deutschen-und-die-atombombe-100.html . Hier auch weitere Übersichten bei Perlentaucher: https://www.perlentaucher.de/buch/joachim-krause/die-deutschen-und-die-atombombe.html

Kraus streift auch den Ausstieg aus der Atomenergie zur Stromerzeugung und kommt im Kapitel zur aktuellen Lage schließlich dazu, dass er sich gegen eine deutsche Nuklearbewaffnung stellt. Die wäre „unrealistisch“, schreibt er. (Bezogen auf ein Beispiel im Zusammenhang mit URENCO als Lieferant für militärisches Uran zeigt er sich aber irgendwie schlecht informiert.) Auch eine europäische Nuklearmacht ist für Krause unrealistisch.

Im Rahmen der NATO kann er sich eine erweiterte deutsche nukleare Teilhabe auch mit Großbritannien, Frankreich und auch Polen vorstellen. Aber zu den USA gäbe es keine Alternative: Die Beschaffnung neuer Kampfflugzeuge in den USA, die auch die in Büchel stationierten US-Atomwaffen transportieren können, ist für ihn folgerichtig.

Dennoch ein paar Hinweise, warum man das Buch kennen und vielleicht auch gelesen habe sollte: Joachim Krause zeichnet die wechselvolle Geschichte der deutschen Atomwaffenfrage nach – von der nuklearen Forschung im Dritten Reich über die Diskussionen der Bundesrepublik zur atomaren Bewaffnung in den 1950er/60er Jahren bis hin zur heutigen sicherheitspolitischen Debatte über nukleare Teilhabe und die Rolle der NATO. Natürlich ist das Teil einer Erzählung von der Entwicklung des Kalten-Krieges, der Konfrontation zwischen NATO und Warschauer Pakt.

Dabei beleuchtet er:

  • Die Beteiligung deutscher Wissenschaftler (u.a. im Umfeld des „Uranprojekts“) am NS-Regime und die kontroverse Frage, wie weit Deutschland der Atombombe tatsächlich nahekam
  • Die innenpolitischen Auseinandersetzungen der Bonner Republik um atomare Bewaffnung, den Streit um die „Kampf dem Atomtod“-Bewegung
  • Die Entwicklung der nuklearen Teilhabe in der NATO und Deutschlands Position darin
  • Aktuelle Debatten um nukleare Abschreckung angesichts veränderter geopolitischer Bedrohungslagen (Russland, China)

Wie gesagt: Man muss sich die Einordnungen nicht zu eigen machen, aber informativ ist das schon.

Sie zeigt die Verflechtungen von Wissenschaft, Politik und Militär, ebenso die oft verdrängten Kontinuitäten und Brüche in der deutschen Nuklearpolitik seit 1945.

Allerdings weist die Darstellung deutliche Schlagseiten auf: Die Pauschale Abwertung sozialliberaler/grüner Positionen, die konsequent als „ideologisch“ oder naiv diffamiert werden, eine einseitige Pro-NATO-Perspektive, deutlich aus einer transatlantisch-bündnistreuen Warte geschrieben, das klingt schon nach einer Art Abrechnung.  Kritische Stimmen zur nuklearen Abschreckungsdoktrin, zu Rüstungskontrolle als Alternative oder zu den Risiken nuklearer Teilhabe kommen in dem Buch nicht differenziert zu Wort, sondern werden eher pychologisiert oder als uninformiert abgetan. Die NATO-Position wird eher als alternativlose Notwendigkeit denn als eine unter mehreren möglichen sicherheitspolitischen Optionen präsentiert.

Ein Buch mit wertvollem historischen Informationsgehalt, das aber durch seine erkennbare politische Schlagseite an analytischer Tiefe verliert. Wer eine ausgewogene Debatte über unterschiedliche sicherheitspolitische Denkschulen sucht, muss andere Literatur heranziehen.

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