Kritische Massen: Volles Haus zur Atommüll-Endlager-Suche in Sterup – Schleswig-Holstein

Mehr als 160 Besucher im kleinen Örtchen Sterup bei einer Veranstaltung zum Thema „Endlager-Suche“ für hochradioaktiven Atommüll. Sagt die SHZ. Von gar 260 Interessierten sprechen die Naturfrende SH. In jedem Fall: Da bewegt sich was in der 1391 Einwohner-Gemeinde. „Nach zweieinhalb Stunden war allen Zuhörern klar: Es gibt keinen Grund zur Panik in Sterup – aber auch keinen Hinweis auf eine Entwarnung. Sie hatten alle vorhandenen Informationen erhalten – aber nicht die, auf die sie gehofft hatten“, berichtet die SHZ. Der Geologe Prof. Andreas Dahmke von der Uni Kiel und der ehemalige Co-Vorsitzende der „Endlager-Kommission“, Michael Müller (Naturfreunde), waren als Experten vor Ort. Unruhig sind die Leute, weil es früher mal hieß: Sterup wäre besser geeignet als Gorleben.

Formationen/Wirtsgesteine für Atommüll-Lager – Öko-Institut

Derzeit bereitet die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) das Suchverfahren für ein dauerhaftes Atommülllager für hochradioaktive Abfälle vor, indem sie die Geo-Daten von allen Behörden und Ämtern der Republik abfragt. Diese sollen dann anhand von Ausschluss- und Mindestkriterien ausgewertet werden und in einem Vorschlag münden, der die im weiteren oberirdisch zu untersuchenden Regionen für ein solches Atommülllager vorschlägt und an die zuständige Genehmigungsbehörde, das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BFE), weiter leitet, bevor dann der Bundestag die Regionen festlegt. In Paragraf 15 des Standortauswahlgesetzes heißt es: „Die übertägig zu erkundenden Standortregionen und das weitere Verfahren mit den Gebieten, zu denen keine hinreichenden Informationen für die Anwendung der Kriterien nach den §§ 22 bis 24 vorliegen, werden durch Bundesgesetz bestimmt.“

Nach Aussagen der Chefin der BGE, Barbara Heinen-Esser (CDU), die zuvor neben Michael Müller CO-Vorsitzende der „Endlager-Kommission“ war, wird es zu einem solchen Vorschlag in der nächsten Legislatur des Bundestages kommen, also spätestens bis 2021.

Die Beteiligung der Öffentlichkeit im neuen Suchverfahren steht unter der Regie des BFE. Allerdings: Eine Beteiligung ist erst vorgesehen, nachdem die Regionen festgelegt sind. Bis dahin kann man sich im Transparenzportal beim BFE informieren, was passiert.

Vor diesem Hintergrund war es natürlich nicht sonderlich leicht für die TeilnehmerInnen bei der Veranstaltung am 19. September in Sterup. Laut alten Berichten des Bundesamts für Geowisschenschaften und Rohstoffe sind viele Regionen in Deutschland potentiell betroffen – siehe auch die Karte oben links vom Öko-Instutit. Bis aber das Auswahlverfahren im ersten Schritt zur Festlegung der oberirdisch zu erkundenden Regionen erfolgt ist, sind sie offiziell noch kein Beteiligter im Suchverfahren.

In einer Mail der Naturfreunde heißt es über die Veranstaltung: „Bei der Diskussion ging es um sachliche Nachfragen und Anregungen zur Bewertung des Untergrunds. Dazu war auch unser früherer S-H-Energieminster Claus Möller erschienen, der darauf hinwies, dass es bereits 1999 in S-H einen Anlauf für eine Endlagersuche gegeben habe. Auch das Medieninterese war groß. Bereits gestern war eine Titelgeschichte mit Bericht und Kommentar in den Kieler Nachrichten zur Veranstaltung erschienen. Dabei waren auch die Landeszeitung sowie der NDR-Hörfunk, der sogleich ein Interview mit unserem Bundesvorsitzenden machte.“

Die SHZ berichtet: „Sterup war dabei mit in den Blickpunkt geraten, weil es dort einen Salzstock gibt, alte Gutachten vorliegen und in einem Tüv-Bericht behauptet wurde, dass Sterup geeigneter sei als Gorleben. Wie sehr das Thema die Menschen in Sterup und Umgebung bewegt, zeigte die Resonanz auf eine Veranstaltung, zu der der Landesverband der Naturfreunde am Dienstagabend in das Schulzentrum eingeladen hatte. Mehr als 160 Bürger, aber auch Interessierte und Engagierte aus Hamburg und Kiel, darunter der ehemalige Schleswig-Holsteinische Energieminister Claus Möller, füllten den Raum. Als Experten standen der Geologe Prof. Andreas Dahmke von der Uni Kiel und Michael Möller bereit. Der Bundesvorsitzende der Naturfreunde saß 25 Jahre für die SPD im Bundestag und war mehr als zwei Jahre Vorsitzender der Kommission „Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe“, die das Verfahren der Suche nach einem Endlager ausgearbeitet hat.“

Der Geologe Andreas Dahmke „stellte sich als Atomkraftgegner und Spezialist für die Energiespeicherung und Raumplanung im Untergrund vor. „Ich bin allerdings kein Experte für die Endlagerproblematik“, betonte er. Der Wissenschaftler gab einen groben Überblick über die Geologie des Landes, konnte den gespannt lauschenden Zuhörern allerdings nicht mit einer klaren Aussage darüber dienen, wie wahrscheinlich ein Endlager in Sterup ist oder ob man diese Gefahr sogar ausschließen kann. „Wir wissen, wo es Salzkissen und Ton im Lande gibt, nicht aber, wie die Strukturen im Detail aussehen. Für eine solche Aussage sind sehr genaue Untersuchungen notwendig.“

Mit Blick auf frühere Studien und den Ablauf des anstehenden Suchverfahrens sagte er: „Zurückliegende Analysen und Gutachten erklärte der Spezialist als nicht relevant: „Wir brauchen neue Kenntnisse, um uns ein genaues Bild zu machen. Zurzeit wissen wir noch viel zu wenig.“ Für die Steruper eine unbefriedigende Aussage – aber offenbar bleibt ihnen keine andere Wahl als abzuwarten, ob ihr Heimatort nach der ersten Ausschlussrunde immer noch zu den Endlager-Standorten gehört oder nicht. Erst danach sind genauere Untersuchungen vorgesehen. „Wir werden keinen idealen Standort für ein Endlager finden, aber irgend etwas werden wir finden. Und das ist allemal besser als die Zwischenlager“, sagt Dahmke voraus.“

Die SHZ verweist auch auf eine Aussage von Dahmke, die vermutlich künftig noch an vielen Orten zu hören sein wird und gegen die Absichten des Standortauswahlverfahrens steht: „In seinen persönlichen Anmerkungen regte er an, auch anders zu denken: „Wenn wir uns entschließen, uns unserer Verantwortung nicht zu stellen und zu zahlen, lassen sich sicher auch vertrauenswürdige außereuropäische Standorte finden.““

Michael Müller, der sich grundsätzlich noch einmal zur unverantwortlichen Nutzung der (militärisch inspirierten) Atomenergie äußerte, verwies „auf die nun anstehenden Verfahrensschritte, die mit einem geologischen Ausschluss-Verfahren beginnen“ und erklärte das Verfahren, das später auch so genannte Regionalkonferenzen vorsieht, „in denen die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten informiert wird und Bedenken äußern darf. Formaler Einfluss ist jedoch nicht vorgesehen. Aus seiner Erfahrung riet Müller den Sterupern, sich dennoch frühzeitig einzumischen – und nicht erst, wenn schon alles entschieden sei. „Jetzt werden die Weichen gestellt“, sagte Müller, „noch gibt es keine kritische Massen, aber es wird Zeit.““

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