Hochradioaktiver Atommüll: Staatliche Zwischenlager bis 350 Millionen Euro versichert

Zum Jahreswechsel geht die Verstaatlichung der Zwischenlagerung hochradioaktiven Atommülls über die Bühne. Dann sind die Atomkonzerne endgültig aus dem Schneider und alle finanziellen und realen Risiken in staatlicher Hand, bzw. bei den SteuerzahlerInnen. Die neue Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung mbH (BGZ) will diese Verstaatlichung natürlich gut versichert antreten. Im Oktober schrieb sie die Versicherung der Standortzwischenlager, in denen der Atommüll in den Castor-Behältern aufbewahrt wird, neu aus. Demnach solle jeder Standort jeweils mit 350 Millionen Euro im Schadensfall versichert sein.

In diesem Teil der Ausschreibung (PDF) ist zu lesen: „Deckungsvariante (gebündelte Versicherung)
Für die Absicherung der 11 Standort-Zwischenlager ist eine Versicherungssumme von insgesamt 350 Mio. EUR zur Verfügung zu stellen. Im Schadensfall besteht eine unbedingte Pflicht des Versicherers zur Wiederauffüllung der Versicherungssumme, wobei die Sonderklausel gemäß Anlage 3 der Ausschreibungsbedingungen zuverwenden ist.
200 Mio. EUR Grunddeckung“.

Das Ergebnis ist leider noch nicht bekannt.

Die BGZ ist eine neue Gesellschaft für die Zwischenlagerung des gesamten hochradioaktiven Atommülls in Deutschland. Sie ist dem Bundesumweltministerium zugeordnet. Sie ist Ergebnis von Verhandlungen über die Verstaatlichung des Atommülls in Folge einer Kommission mit im weitesten Sinn VertreterInnen von Grünen, SPD, CDU und CSU sowie der FDP. Gegen eine Einmalzahlung samt vermeintlichem Risikozuschlag von in der Summe rund 23 Mrd. Euro wurde den Atomkonzernen der Weg eröffnet, sich von den langfristigen Risiken der Finanzierung der Atommülllagerung zu befreien. Dazu wurde der sogenannte Entsorungsfonds als öffentlich-rechtliche Einrichtung gegründet. Die Verstaatlichung hat zur Folge, dass die BürgerInnen bzw. SteuerzahlerInnen damit die Kostenrisiken für die langfristige Zwischenlagerung und ggfls. Endlagerung aller radioaktiven Abfälle aus der kommerziellen Nutzung der Atomenergie zu tragen haben.

Zur Geschäftsführung der BGZ: „Dr. Ewold Seeba übernimmt den Vorsitz der Geschäftsführung und leitet nun die BGZ gemeinsam mit dem technischen Geschäftsführer Wilhelm Graf und dem kaufmännischen Geschäftsführer Lars Köbler. Jochen Flasbarth legt die von ihm seit Ende 2017 neben seinem Amt als Staatssekretär im Bundesumweltministerium wahrgenommene Funktion als Vorsitzender der BGZ-Geschäftsführung zum heutigen Tag nieder.

Dr. Ewold Seeba ist Diplom-Volkswirt. In der Vergangenheit nahm er verschiedene Leitungsfunktionen in der Bundesverwaltung wahr. Hierzu gehörte die Leitung der Zentralabteilung im Bundesumweltministerium. Von 2014 bis 2016 war er erster kommissarischer Präsident des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE). Bis zu seinem Wechsel zur BGZ war er als Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) tätig.

Die BGZ gewährleistet als in privater Rechtsform organisierte Gesellschaft des Bundes den sicheren und zuverlässigen Betrieb der Zwischenlager Ahaus und Gorleben. Künftig führt die BGZ auch die Zwischenlager mit hochradioaktiven Abfällen sowie Zwischenlager mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen an den Standorten der deutschen Kernkraftwerke. Somit liegt die Verantwortung für die Zwischenlagerung der radioaktiven Abfälle der Energieversorgungsunternehmen künftig zentral in der Hand der BGZ.“

„Vergleichende Risikobewertung von Entsorgungsoptionen für hoch radioaktive Abfälle“

„ENTRIA-Arbeitsbericht-12 „Vergleichende Risikobewertung von Entsorgungsoptionen für hoch radioaktive Abfälle“ (Eckhardt, Neumann, Kreusch)“. So lautet der Titel des 12. Arbeitsberichts über den Umgang mit Atommüll im Rahmen des staatlichen Forschungsprojektes Entria. Erarbeitet wurde der Bericht von Anne Eckhardt mit Beiträgen von Wolfgang Neumann und Jürgen Kreusch. Immerhin 260 Seiten widmen die AutorInnen dieser vergleichenden Risikobewertung. Mit dem Bericht Nr. 13 ENTRIA-Arbeitsbericht-13 „Interdisziplinäre Zusammenarbeit in ENTRIA. Erfahrungen aus fünf Jahren Bearbeitertreffen“ (Kuppler, Plischke, Pohlers, Pönitz) (PDF) liegt nun auch eine Art Abschlussbericht vor ENTRIA steht für: Entsorgungsoptionen für radioaktive Reststoffe – Interdisziplinäre Analysen und Entwicklung von Bewertungsgrundlagen. Nach über fünf Jahren endet das Projekt Ende 2018 nun definitiv und die Homepage wird laut eigener Ankündigung nicht mehr gewartet. Irgendwie bemerkenswert: Die Arbeit von Entria scheint nahezu an allen Akteuren, die derzeit beim Neustart der Endlagersuche am Start sind, vorbei zu gehen.

Update 1. September 2023: Nach dem Ende des Forschungsprojekts Entria sind die Internetseiten neu geordnet und nun beim Institut für Radioökologie und Strahlenschutz online. Die Publikationen sind daher auf dem Sever der Universität Hannover hier online. Die Entria Arbeitsberichte sind nunmehr hier online.

Bisher veröffentlichte Entria-Arbeits-Berichte (Achtung: Links führen zur Seite der Uni Hannover – siehe oben Update):

ENTRIA-Arbeitsberichte

ENTRIA ist ein in der Forschung zur Entsorgung radioaktiver Reststoffe in Deutschland neuartiges Verbundprojekt von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen, die bisher nur sporadisch kooperierten. Um seine neuen Arbeitsweisen und die Vielfalt integrierter disziplinärer Perspektiven transparent zu machen, werden in den Arbeitsberichten wichtige Zwischenergebnisse vorgestellt. Dies dient einerseits der projektinternen Information. Andererseits werden diese Zwischenergebnisse auch der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Letzteres geschieht, um Einblicke in die ENTRIA-Forschungspraxis zu gewähren und Ausgangsmaterial für spätere Veröffentlichungen offen zu legen. ENTRIA lebt vom pluralen Austausch, der durch diese Arbeitsberichte gefördert wird. Die Beiträge geben die Meinung der Autorin oder des Autors wieder.

Bisher erschienene Berichte (wird kontinuierlich erweitert):

Die ENTRIA-Arbeitsberichte werden als Schriftenreihe unter folgenden ISSN-Nummern veröffentlicht:

  • ISSN Print: 2367-3532
  • ISSN Online: 2367-3540

 

Hochradioaktiver Atommüll: Jenseits von Castor – Frankreichs Behälter TN und ein neuer von Skoda

Es muss nicht immer CASTOR sein, um hochradioaktiven Atommüll in deutschen Atomkraftwerken zu verpacken und in den Zwischenlagern langfristig zu parken. Frankreich hat den Behälter „TransNuklear“ entwickelt, in dem derartiger Müll verpackt wird und der in Deutschland zugelassen ist. Zum Einsatz kommt er in einigen Zwischenlagern wie Neckarwestheim, Philippsburg, Brokdorf, Isar (PDF, Drs: 18/9977) und Gorleben. In den Standortzwischenlagern ist das z.B. der TN 24 E („Die Beladevarianten des TN®24 E beinhalten Beladungen mit bis zu 21 Brennelementen des Typs 18×18-24, welche Uran bzw. MOX-Brennstoff enthalten können“, siehe: Änderungsgenehmigung KKI (Isar Landshut) Zwischenlager PDF bei BfE) (siehe auch hier, PDF). Nicht zugelassen aber brandneu ist ein Behälter von Skoda JS aus Tschechien, die bisher in Lizenz den Castor der GNS hergestellt haben. Erstmals soll dieser neue Behälter nun in Temelien zum Einsatz für die dortigen hochradioaktiven Brennelemente kommen.

Zum Einsatz des TN 24 E heißt es in der Drs 18/444: „Die Aufbewahrung von bestrahlten Brennelementen in Transport- und Lagerbehältern der Bauart TN®24E ist für die Standorte Brokdorf, Grohnde, Unterweser, Grafenrheinfeld, Isar, Neckarwestheim und Philippsburg beantragt worden.“

In einer dpa-Meldung (hier bei boersennews oder hier Handelsblatt) wird derzeit über einen neuen Atommüll-Behälter berichtet, der von Skoda JS aus Pilsen (Plzeň) entwickelt wurde und jetzt erstmals in Temelien eingesetzt werden soll. Weitere Einzelheiten oder Typenbezeichnungen sind der Meldung leider nicht zu entnehmen. Skoda JS gehört nicht etwa zu VW, sondern zu dem russischen Schwermaschinenkonzern OMS. Bis 2035 sollen rund 60 Stück geliefert werden. Weiter heißt es in der dpa-Meldung: „Bisher wurden in Temelin in Deutschland entwickelte Castor-Behälter eingesetzt, die in Tschechien in Lizenz gefertigt werden. Sie haben annähernd die gleiche Kapazität.“ Skoda JS informiert hier über seine Atommüllbehälter.

Über den Umgang mit Atommüll in Frankreich und die eingesetzten Behälter informiert AREVA in englischer Sprache hier. Aktuelle Kleine Anfrage über Kernbrennstofffreiheit und Rückbau deutscher Atomkraftwerke. Alle hier genannten Kleinen Anfragen stammen aus dem Büro der MdB Kotting-Uhl von den Grünen.

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