Fast kritisch: US-Forscher untersuchen Uran-Würfel aus Nazi-Atomforschung

Nachbau des Versuchs-Atom-Reaktors in Haigerloch. Für eine stabile Kettenreaktion reichte es am Ende nicht.

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 entdeckten Otto Hahn und Fritz Stratmann unterstützt durch die bereits vor den Nazis nach Schweden geflohene Lise Meitner die Kernspaltung von Uran. Schnell war klar, dass die Kernspaltung enorme Mengen an Energie freisetzen kann – als Energiequelle in einem Reaktor oder als Bombe. An mehreren Stellen begann die Forschung, beides zu realisieren. Unter anderem bei den Auer-Werken in Oranienburg, nördlich von Berlin, wurden die für die Reaktor-Versuche entwickelten Uran-Würfel hergestellt. Das Uran dafür stammte unter anderem aus dem tschechischen Joachimsthal und später aus belgischen Beständen, die aus dem Kongo geplündert worden waren und die Nazi-Deutschland im Zuge des Krieges raubte. Jetzt haben zwei US-WissenschaftlerInnen einen dieser Uran-Würfel in den USA in die Finger bekommen und untersucht. Sowohl zu den Reaktor-Experimenten als auch zum Weg des Uran-Würfels aus Deutschland in die USA haben Timothy Koeth und Miriam Hiebert von der Universität Maryland im Rahmen ihrer „Spurensuche“ Interessantes zu berichten.

Update: Eine detaillierte Untersuchung an Uran-Material-Proben aus Nazi-Deutschland hat es auch schon 2015 in Deutschland gegeben. Die Studie hatte sogenannte „Heisenberg-Würfel“ sowie eine „Wirtz-Platte“ zum Gegenstand. Die Namensgebung bezieht sich offenbar auf die Experimente der Wissenschaftler, die sie benutzten. Die Würfel müssten/könnten auch „Diebner-Würfel“ genannt werden, denn Kurz Diebner (siehe auch gleich unten) hatte mit seiner Art der Würfelanordnung noch vor Heisenberg aufgezeigt, dass eine höhere Neutronenrate erzielt werden konnte. Heisenberg übernahm das später von Diebner. Die Arbeit ist hier unter der Rubrik „Angewandte Zuschriften“ online als PDF veröffentlicht: „Uran aus deutschen Nuklearprojekten der 1940er Jahre – eine nuklearforensische Untersuchung„.

  • Über die Forschungsergebnisse von Koeth und Hiebert an dem Uran-Würfel und zu seiner Herkunft berichten u.a. die NZZ, Heise Technology Review und in vollem Umfang samt weiteren Hinweisen PhysikToday. Das American Institute of Physics berichtet in einem News-Release hier. Siehe auch Science-News.
  • Über die Atom-Forschung in Nazi-Deutschland und die Entwicklung der Atomenergie in der jungen Bundesrepublik berichtet UmweltFAIRaendern.de immer wieder unter dem Stichwort „Spurensuche„.
  • Denn sie wussten, was sie tun – schrieb die Zeit 1991 anlässlich einer filmischen Rekonstruktion der NS-Atomforschung mit Blick auf die Entwicklung einer Atomwaffe. Seitdem haben weitere Forschungsaktivitäten neue Erkenntnisse gebracht. Herausragend sicher die Arbeiten von Mark Walker (Uranmaschine) und auch Rainer Karlsch (Hitlers Bombe). Zu beiden Autoren und ihren Arbeiten gibt es auf umweltFAIRaendern Hintergrundartikel.

Mit Uran-Würfeln wurde an mehreren Orten in Nazi-Deutschland versucht, eine sich selbst tragende Kettenreaktion in einem Reaktor zu entwickeln. Unter Regie von Heisenberg in Berlin und bis zum Kriegsende im Haigerloch auf der Schwäbischen Alb. Der NSDAP-Mann Kurt Diebner, phasenweise der Leiter der gesamten Atomforschung für das Heereswaffen-Amt, organisierte eine eigene Forschung vor allem in der Versuchsstätte Gottow, südöstlich von Berlin und schließlich bis zum Frühjahr 1945 in Ohrdruf / Stadtilm (Thüringen). Bei den Entwicklungsarbeiten war Diebner zumindest in einigen Punkten erfolgreicher als Heisenberg. So hatte eine seiner Versuchsanordnungen mit Würfeln deutlich mehr Neutronenfreisetzung zur Folge, als das zunächst bei Heisenbergs Experimenten gelang.

Zwischen der Gruppe von Heisenberg und der Gruppe von Diebner gab es heftige Konkurrenz. Das bezog sich auch auf die notwendigen Ressourcen für die Atomforschung. So wurden sowohl die Uran-Metalle, aber auch das erforderliche Schwere Wasser (aus Norwegen) auf die konkurrierenden Gruppen aufgeteilt. Noch wenig ist bekannt, ob und was möglicherweise auch für die Forschungstätigkeiten bei der SS und andere Nazi-Stellen aufgeteilt wurde. Doch allein für die in etwa bekannten Ressourcen von Diebner und Heisenberg kommen Koeth und Hiebert zu der Aussage, dass es Nazi-Deutschland Anfang 1945 gelungen wäre, eine tragende Kettenreaktion hinzubekommen, wenn die vorhandenen Uran-Würfel in einem Experiment gebündelt worden wären.

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