Abgefahren: Hochradioaktiver Atommüll auf der Nordsee – Kurs Nordenham

Abgefahren: Hochradioaktiver Atommüll auf der Nordsee – Kurs Nordenham

Die sechs Behälter mit hochradioaktivem Atommüll aus der britischen Plutoniumfabrik Sellafield sind per Schiff über die Nordsee auf dem Weg nach Nordenham. Während die Bundeskanzlerin heute im Einvernehmen mit den Landesregierungen eine weitgehende Kontaktsperre wegen der Corona-Krise verhängt hat, sollen ab dem Wochenende fast 11.000 Polizist*innen den hochgefährlichen Atommüll auf seiner Reise in das Zwischenlager nach Biblis gegen Terrorangriffe sichern. Die Landesregierung in Niedersachsen hatte wegen der Corona-Lage eine Absage des Transports gefordert. Bundesinnenminister Seehofer hat das abgelehnt. Nach seinen Angaben sind rund  5.800 Bundespolizist*innen und 5.000 Beamt*innen der Länder an dem Einsatz beteiligt.

Der BUND war zuvor mit einer Klage im Eilverfahren gescheitert, weil angeblich völkerrechtlich wichtige Verträge den Rücktransport des Atommülls vorschreiben. Dass zuvor Atommüll-Rücktransporte aus Frankreich, ebenfalls mit Staatverträgen abgesichert, um runde 20 Jahre verschoben wurden, fällt offenbar nicht sonderlich ins Gewicht. Dabei gibt es mit der französischen Regierung bis dato keine Verständigung, dass die Verschiebung einvermehmlich durchgeführt wird. Doch selbst wenn das in nachbarschaftlich guter Freundschaft wie schon mehrfach zuvor erfolgt: Grund der Verschiebung der Rücktransporte aus Frankreich in das Zwischenlager Ahaus sind möglicherweise wirtschaftliche Interessenskonflikte der an der Herstellung beiteiligten Behälter-Hersteller. Von diesen Problemen hatte die Bundesregierung im Verfahren BUND Hessen gegen Genehmigungsbehörde der Bundesregierung dem Gericht in Kassel offenbar nichts mitgeteilt.

Der BUND Hessen kritisiert mit einer Klage, dass das Zwischenlager Biblis erhebliche Sicherheitsmängel für die Lagerung des Atommülls aufweist. Wird der Behälter undicht, gibt es keine Reparaturvorrichtung. Absurderweise darf der Atommüll dennoch transportiert und zwischengelagert werden, selbst wenn sich später rausstellt, dass die Befürchtungen des BUND zutreffend sind. In Brunsbüttel hatte ein Gericht dem dortigen Zwischenlager wegen Sicherheitsmängeln die Genehmigung entzogen.  Die Ankunft des bewaffneten Spezialschiffes wird für Samstag vormittag erwartet. Auf „Castor Stoppen“ gibt es alle Infos über geplante Proteste gegen die Atommüllschiebereien. Der CASTOR-Transport erfolgt mit dem Schiff Pacific Grebe. Es hatte den Hafen Barrow-in-Furness (nahe WAA Sellafield) am Dienstag, 27.10.20 gegen 21 Uhr verlassen und ist über die Nordspitze Schottlands unterwegs nach Nordenham.

Besondere Probleme mit dem eingesetzten Castor-Behältern gibt es auch mit dem Deckelverschluss. Beim Beladen der Behälter in Sellafield hat es erhebliche Probleme mit den hochradioaktiven Abfällen gegeben, die in Glas eingeschmolzen sind.

In einer Weise von besonders interessanter Art ist die Erklärung der GNS (siehe gleich unten) mit Blick auf Sicherheit und Gesundheit (von wem? oder was?): „Gleichzeitig wird die Sicherheit des Transports der radioaktiven Abfälle in keiner Weise beeinträchtigt. Die Gesundheit aller Beteiligten und der Bevölkerung entlang der Transportstrecke haben auch weiterhin höchste Priorität.

Die für die Durchführung der Transporte zuständige Gesellschaft für Nuklearservice (GNS), die auch die Behälter entwickelt und baut, hat auf ihrer Homepage folgende Mitteilung veröffentlicht:

(Dokumentation) Rückführungstransport aus England: Schiffspassage hat begonnen, 28.10.2020

Am gestrigen Abend hat die „Pacific Grebe“, ein Spezialschiff für den Transport radioaktiver Materialien, im englischen Hafen Barrow-in-Furness abgelegt. An Bord befinden sich sechs Behälter mit radioaktiven Abfällen aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente im englischen Sellafield. Zuvor waren die Behälter vom Typ CASTOR® HAW28M auf der Schiene von der Wiederaufarbeitungsanlage in Sellafield zum rund 65 km entfernten Hafen gebracht und dort auf das Schiff verladen worden.

Die „Pacific Grebe“ wurde im Jahr 2010 in Dienst gestellt und ist damit das jüngste Schiff der PNTL-Flotte. Erst im August 2020 hat die britische See- und Küstenwache den INF3-Status, die höchste Sicherheitsklasse für den Seetransport hochradioradioaktiver Stoffe, der „Pacific Grebe“ im Rahmen einer umfassenden Inspektion für weitere fünf Jahre verlängert.

Das Schiff wird in den nächsten Tagen in einem deutschen Seehafen festmachen, wo die Behälter für den Weitertransport ins bundeseigene Zwischenlager in Biblis vom Schiff auf Eisenbahnwaggons umgeladen werden.

Der Zug mit den sechs Spezialwaggons wird anschließend direkt bis nach Biblis fahren, wo er über das dem bundeseigenen Zwischenlagerbetreiber BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung mbH gehörende Anschlussgleis bis in unmittelbare Nähe des Zwischenlagergebäudes rangieren kann. Dort werden die Behälter abgeladen und in das Zwischenlagergebäude gebracht, wo sie vorbereitet und eingelagert werden.

Der Rückführungstransport war ursprünglich für das Frühjahr geplant gewesen, musste jedoch aufgrund der beginnenden COVID-19-Lage verschoben werden.

Erneute Messungen an allen Behältern
Im Rahmen der Umladung am Hafen werden von Sachverständigen erneut Messungen an allen sechs beladenen Waggons durchgeführt, um sicherzustellen, dass der gesetzlich vorgegebene Grenzwert für die Ortsdosisleistung („Strahlung“) während des Bahntransports zuverlässig eingehalten wird. Diese ergänzen die bereits in Sellafield an den beladenen Behältern durchgeführten Messungen, die die Voraussetzung für Genehmigung und die Durchführung des Transports waren.

Diese Messungen hatten ergeben, dass der gesetzliche Grenzwert von 100 μSv/h („Mikrosievert pro Stunde“) für die Ortsdosisleistung (ODL) in 2 Metern Abstand von der Außenfläche des Transportfahrzeugs weit unterschritten wird: Der höchste in diesem Abstand gemessene Wert liegt bei 26 μSv/h, der Mittelwert der Dosisleistung aller Behälter in 2 Metern Abstand von der Fahrzeugaußenfläche liegt für die aktuelle Rückführungskampagne bei ca. 21 μSv/h – also weniger als ein Viertel des höchstens erlaubten Wertes.

COVID-19-Schutzkonzept
Um den Rückführungstransport auch unter den Bedingungen von COVID 19 durchführen zu können, haben die beteiligten Unternehmen und Institutionen umfassende Vorsorgekonzepte und Hygieneregeln für alle Phasen des Transports erarbeitet. Diese sind vergleichbar mit den vielfältigen Maßnahmen, die inzwischen in vielen anderen Bereichen von Industrie und Logistik tagtäglich wirkungsvoll zum Einsatz kommen. Gleichzeitig wird die Sicherheit des Transports der radioaktiven Abfälle in keiner Weise beeinträchtigt. Die Gesundheit aller Beteiligten und der Bevölkerung entlang der Transportstrecke haben auch weiterhin höchste Priorität.

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Dirk Seifert

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