Gorleben, ein Wunder, ein Buch, gegen Atomgefahren – und für bessere Alternativen

Da hat einer die Geschichte vom Anti-Atom-Kampf und vom Atomausstieg quergebürstet. Geschichte wird nicht als kontinuierlicher Ablauf erzählt, sondern hier geht es um Stränge, Handlungsfelder, Glücks- und Unglücksfälle sowie “Dis-Kontinuitäten”, wie Autor Wolfgang Ehmke in seinem letzten Buch “Das Wunder von Gorleben” das Konzept bzw. die Gliederung beschreibt. Es ist vielleicht auch ein Werk, über ein Leben im spannenden Widerspruch. Immer wieder Gorleben und von hier aus geht der Blick in die vielfältigen Ereignisse und Kämpfe in Sachen Atomgefahren – den Widerstand dagegen und für Alternativen: Die Energiewende. Gorlebens Beitrag zu dieser Wende von Atomwahnsinn zum ersten zweiten Atomausstieg bis zu den Erneuerbaren, dazu bietet Ehmke viele viele Fakten, Hintergründe, Betrachtungen, und Verknüpfungen. Ganz schön viel, auf knapp über 150 Seiten. Vielschichtig und doch fundiert jongliert Ehmke durch eine verdammt bewegte und komplexe sozialwissenschaftliche Erzählung, natürlich ein Beitrag der antinuklearen Gegenwehr, in der Gorleben nur ein Bezugspunkt einer globalen Atomgefahr ist. Lesen bildet, einwandfrei!

Die Perspektiven auf die Jahrzehnte leidenschaftlicher Proteste und erbitterter Kontroversen, in Gorleben und Ost und West, in Deutschland, Europa und der Welt – Dimensionen, Aspekte, Perspektiven. Da braucht es viele und vieles, um das Wunder zu beschreiben. Kein Wunder, dass so viele Atomorte landauf landab miteinander verbunden werden.

Anti-AKW-Bewegung – Anti-Atom-Bewegung. Atomstrom und Atomwaffen – so kennzeichnet Ehmke die beiden Seiten der Atomenergie zwischen Reaktor und Bombe. Natürlich muss dabei Plutonium eine Rolle spielen, denn nach der gescheiterten Plutoniumfabrik in Gorleben, muss noch mal eine solche Anlage in Wackersdorf scheitern und dann noch ein Schneller Brüter in Kalkar und eine Plutoniumbrennelemente-Fabrik von Siemens in Hanau. “Plutoniumwirtschaft ist vom Tisch”, lautet das wichtig und erfolgreiche erste Zwischenergebnis.

Auch wenn der Atomausstieg in Deutschland zuletzt noch mal neue Beulen bekommen hat und Uranfabriken das nukleare Aus in Deutschland noch behindern: Der schrittweise Atomausstieg nach Fukushima, das Ende von Gorleben als Endlager: Meilensteine nicht nur einer Bürgerbewegungsgeschichte. Immer wieder war Gorleben dabei als Kultur- und Widerstandszentrum relevant, als Bezugsrahmen für europäische Atomenergie – Plutoniumtransporte aus Frankreich und Sellafield – als Demokratieort gegen Machtpolitik.

Ehmke beleuchtet, wie gleichartig in Ost und West – im realen Sozialismus und Kapitalismus – die Atomenergie mit Heilserwartungen voller Segnungen bis in die 1970er Jahre gepredigt wurde, bis dann Realität und Katastrophen den nuklearen Wahnsinn aufzeigten. Tschernobyl. Aber auch Harrisburg. In “Getrennte Systeme – geteilte Utopien” zeichnet Ehmke Spuren des Wettlaufs der Systeme nach. Tschernobyl, nicht nur eine nukleare Katastrophe und weltweite Debatte um Sicherheitsfragen und Versagen der Atomenergie. Auch ein Grund für die DDR und eine Wandlung dort, von der Ehmke berichet. Unweit von Gorleben und der innerdeutschen Grenze endet schließlich der Bau des DDR-AKW in Stendal.

Natürlich ist Gorleben und der Anti-Atom-Protest mit den Castor-Transporten verbunden. Und nicht nur dort, als nationaler Fokus des globalen Atomdesasters. An immer mehr Orten werden alle Arten von Atomtransporten nicht  nur zur Beschreibung von Atomgefahren Thema. Auch regionale Handlungsperspektiven für Atomproteste vervielfältigen sich. “Atomtransporte everywhere” heißt es bei Ehmke. Die nächsten Castoren – als kleiner Ausblick in die nächste Zukunft, werden vermutlich von Jülich und München-Garching – nicht nach Gorleben – sondern nach Ahaus rollen.

Gorleben, Anti-Atom, Wackersdorf: Immer wurde gesungen! In Whyl, in Brokdorf, in Grohnde …. Anti-Nukleare-Kulturgeschichte: Rock, Pop, Klassik. Plakate. Natürlich im Süden wie im Norden: Walter Mossmann. Und eines gehört immer mit dazu, wenn von Gorleben die Rede ist: Ort von Widerstandskultur, bis hin zur  kulturellen Landpartie, deren Vorgänger radikale “Tänze auf dem Vulkan” feierten, Malefitz oder Benefiz, Rainer von Vielen aus dem Allgäu im Wendland: “Tanz deine Revolution”. Ein besonders schönes Kapitel, das vom Ausstieg aus dem Ausstieg, von Menschenketten und anderen Großdemonstrationen berichtet und das unter allen Umständen wichtig, schon weil sie selbst ein Wunder ist und also auch zu Gorleben und Anti-Atom gehört: “Hier spielt die Musik” und die Seiten davor und dahinter!

Und dann haben wir immer noch nicht so richtig erfahren, was es denn nun mit Gorleben und der Energiewende auf sich hat.

Dokumentation: Das Wunder von Gorleben

Klappentext:

Wyhl, Brokdorf, Kalkar, Grohnde, Wackersdorf – Erfolge und Niederlagen der Anti-Atom-Bewegung wechselten einander ab, lagen nah beieinander. Gorleben nimmt in dieser Kette keine Sonderrolle, aber eine besondere Rolle ein. Spätestens ab dem Zeitpunkt, wo Castor-Transporte ins Zwischenlager Gorleben rollten, mutierte das Wendland zu dem politischen und sozialen Ort, an dem das Ende der Atomkraft, aber auch das Aus für den angezählten Salzstock Gorleben als Endlager auf der Straße und der Schiene ausgehandelt wurde. Immer wieder!

Doch was wäre geschehen, wenn Ende der 70er Jahre die WAA in Gorleben trotz des Widerstands in der Region dennoch gebaut worden wäre? Mit einem Jahresdurchsatz von 1.400 Tonnen Schwermetall: Eine solche Anlage hätte die Versorgung von rund 50 Atomkraftwerken abgedeckt. Die BRD wäre dem Nachbarland Frankreich gleich ein Nuklearland geworden. Hätte man sich dann vorstellen können, dass Jahrzehnte später, nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima Daiichi, der Atomausstieg energiepolitisch möglich gewesen wäre?

 

 

Atomenergie beenden – Atomwaffen verbieten: Umweltverband BUND ist Partnerin @ICAN

Einer der größten bundesdeutschen Umweltverbände, der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), ist ab sofort offizieller Partner der internationalen Kampagne für ein Atomwaffenverbot ICAN. Nachdem der Umweltverband auf seiner Bundesdelegiertenversammlung Mitte November 2022 in Dresden einstimmig beschlossen hatte, der Kampagne für ein weltweites Atomwaffenverbot beizutreten, verkünden jetzt mit einer gemeinsamen PM der BUND-Bundesvorstand und ICAN den Vollzug der neuen Partnerschaft gegen nukleare Massenvernichtungswaffen.

Vor dem Hintergrund der wachsenden Atomgefahren als Folge des Krieges in der Ukraine fordert der BUND gemeinsam mit ICAN die Bundesregierung auf , den UN-Vertrag zum Atomwaffenverbot zu unterzeichnen. Der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt erklärt: „Die Abschaffung aller atomaren Gefahren war und ist für uns als BUND ein großes Anliegen. Daher ist unsere ICAN- Mitgliedschaft nur Folgerichtig und es ist gut, nun Teil dieser wichtigen internationalen Kampagne zu sein.“

Die „Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons, ICAN) ist ein Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen in über 100 Ländern, die sich für den Beitritt zum Vertrag der Vereinten Nationen über das Verbot von Atomwaffen und dessen Umsetzung einsetzen. Für diese Arbeit erhielt ICAN 2017 den Friedensnobelpreis. Die gemeinsame PM von BUND und ICAN wird wenige Tage von dem Jahrestag der mehrfachen Atomkatastrophe von Fukushima veröffentlicht. Über Japan explodierten auch die beiden ersten Atombomben, die im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima und Nagasaki gezündet wurden.

Mit dem Beschluss unterstützt einer der größten deutschen Umweltverbände – wenige Tage vor dem Jahrestag der Fukushima-Katastrophe und vor dem Hintergrund wachsender Atom-Kriegsgefahren aufgrund des Kriegs Russland in der Ukraine das Ziel einer weltweiten nuklearen Abrüstung. Der BUND setzt sich damit für den internationalen Ausstieg aus der Atomenergie zur Stromproduktion sowie zur weiteren Herstellung von Uranbrennstoffen in der Bundesrepublik ein.

Der Bundesarbeitskreis (BAK) Atomenergie und Strahlenschutz, in dem Vertreter:innen aus den Landesverbänden des BUND ehrenamtlich aktiv sind, hatte bereits 2021 angesichts vielfältiger Entwicklungen beschlossen, neben der „zivilen“ Atomenergie auch die militärische Seite stärker in den Focus zu nehmen. Atomwaffenfähiges Uran im Brennstoff des Forschungsreaktors München-Garching, atomwaffenfähig angereichertes Uran in den Atomabfällen in Jülich, neue Atombrennstoffe am Rande der Atomwaffenfähigkeit für neue, in der Forschung und Entwicklung befindliche Reaktoren (SMR) hatten den Arbeitskreis alarmiert. Aber auch die Uranfabrik in Gronau, deren Betrieb bis heute vom Atomausstieg ausgenommen ist und mit der die Bundesrepublik technisch die Möglichkeit besitzt, nicht nur „normalen“ Uranbrennstoff für Atomkraftwerke, sondern „im Ernstfall“ auf Atomwaffen-Uran herzustellen, wurde als zu wenig beachtete Risiken bewertet.

Gleichzeitig zeigten sich die militärischen Risiken der Atomenergie aber auch immer stärker in der Weise, dass Atomanlagen zu Angriffszielen für Terroranschläge wurden. An allen nuklearen Anlagen in der Bundesrepublik wurden daher Nachrüstungen durch die Behörden angeordnet. In Lubmin wird wegen des nicht ausreichenden baulichen Schutzes des alten Lagers ein neues Zwischenlager notwendig. Dem Zwischenlager in Brunsbüttel hatten oberste Gerichte wegen fehlender und falscher Nachweise die Genehmigung entzogen. Selbst das Atomgesetz wurde verschärft, um Terrorschutz als Geheimsache gegen Bürgerrechte zu stärken.

In gemeinsame Sitzungen mit Vertreter:innen von Greenpeace und den internationalen Ärzt:innen zur Verhütung eines Atomkriegses  (IPPNW) hatte der BAK sich weiter über Atomwaffen und der laufenden Modernisierung und sich über die immer noch bestehenden Schäden für Umwelt und Menschen aus den früheren oberirdischen Atomwaffenversuchen der Großmächte in den 1950er und 1960er Jahren informiert. Aus diesen Diskussionen resultierte schließlich der Entwurf eines Antrages, dass der BUND die ICAN-Partnerschaft anstreben sollte. Mit der PM, in der diese Partnerschaft nun öffentlich wird, eröffnet der BUND auch die Diskussion, über die weitere Einordnung der Atomenergie auch im „Atomausstiegsland“ Deutschland.

Nicht nur die Stilllegung der letzten drei AKWs und der Uranfabriken in Gronau und Lingen und der weitere Umgang mit dem Atomforschungsreaktor in München-Garching gehören auf die Agenda des Atomausstieg. Die deutsche Unterschrift unter den Atomwaffenverbotsvertrag und damit der Abzug der Atomwaffen aus Büchel stehen damit nun auf der AGENDA des Umweltverbandes.

Gemeinsame Pressemitteilung vom 08. März 2023
Doppelte Zusendungen bitten wir zu entschuldigen!

++ BUND neues Mitglied bei ICAN – Umweltverband fordert deutsche Bundesregierung auf, Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten ++

Berlin. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ist neues Mitglied der Internationalen Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen (ICAN). „Die atomare Bedrohung ist seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine wieder stark in die Öffentlichkeit gerückt. Atomanlagen als Kriegsziele, die Gefahr eines atomaren Supergaus und eine mögliche Eskalation hin zu einem Atomkrieg, verängstigen die Menschen, nicht nur in Europa“, erklärt Olaf Bandt, BUND-Vorsitzender.

Und noch heute leiden Menschen an den Folgen der Atomwaffeneinsätze in Japan 1945 und der oberirdischen Tests der Großmächte in den 50er und 60er Jahren. Bandt: „Diese existenzielle Bedrohung für Mensch und Umwelt muss der Vergangenheit angehören. Die Abschaffung aller atomaren Gefahren war und ist für uns als BUND ein großes Anliegen. Daher ist unsere ICAN- Mitgliedschaft nur Folgerichtig und es ist gut nun Teil dieser wichtigen internationalen Kampagne zu sein.“ Das höchste Gremium des BUND, die Bundesdelegiertenversammlung, hatte den ICAN-Beitritt im November 2022 einstimmig beschlossen.

Der Atomwaffenverbotsvertrag wurde 2017 in den Vereinten Nationen von 122 Staaten angenommen und trat 2021 in Kraft. 91 Staaten haben den Vertrag bislang unterzeichnet, die Bundesregierung gehört nicht dazu. „Die Bundesregierung fordern wir auf, dem Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen endlich beizutreten – als klares Bekenntnis gegen diese Massenvernichtungswaffe“, so Bandt.

Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons, ICAN) ist ein Zusammenschluss von Nichtregierungs-organisationen in über 100 Ländern, die sich für den Beitritt zum Vertrag der Vereinten Nationen über das Verbot von Atomwaffen und dessen Umsetzung einsetzen. Für diese Arbeit erhielt ICAN 2017 den Friedensnobelpreis.

Daniel Högsta, Interim Executive Director von ICAN: „Klimawandel und Atomwaffen sind die beiden großen Bedrohungen für die Menschheit und sie verstärken sich gegenseitig. Daher freuen wir uns sehr, den BUND als neuen Partner gewonnen zu haben, um gemeinsam an Lösungen für diese existentiellen Krisen zu arbeiten. Umweltsanierung und Opferhilfe in ehemaligen Atomwaffentestgebieten sind ein Teil des Atomwaffenverbotsvertrages, den auch die Bundesregierung unterstützen will. Gemeinsam werden wir daran arbeiten, dass aus dieser Zustimmung der Beitritt zum Vertrag folgt.“

Die militärische und die zivile Nutzung von Atomkraft sind untrennbar verknüpft. Die Bedrohung durch Klimakatastrophe und Artensterben mit der Atomkraft-Bedrohung begegnen zu wollen, ist absurd. An diesem Samstag erinnern daher Menschen überall in Deutschland an die Reaktorkatastrophe von Fukushima vor zwölf Jahren, gegen Atomkraft und für Friedensenergien wie Wind und Sonne.

Mehr Informationen:
Anti-Atom-Frühling: Eine Karte mit allen geplanten Mahnwachen in Deutschland: https://www.anti-atom-fruehling.de/aktionskarte/

Den Aufruf hierzu finden Sie unter: https://www.anti-atom-fruehling.de/aufruf/

Kontakt: 

Juliane Dickel, Leitung Atom- und Energiepolitik, Mobil: 0176-31267936,

Mail: juliane.dickel@bund.net 

Florian Eblenkamp, Vorstand ICAN in Deutschland, Tel.: +41779761421,

E-Mail: florian@icanw.org 

Umweltausschuss im Bundestag: „Austausch über die Atomkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima sowie die aktuelle Situation in Saporischschja“

Wachsende Atomkriegsgefahren wegen Krieg Russlands in der Ukraine: Saporischschja. Da wären natürlich: die tatsächlichen Katastrophen von Tschernobyl, von Fukushima. Atomenergie ist keine zukunftsfähige Technik. Auf Antrag der Linksfraktion wird der Umweltauschuss des Deutschen Bundestages am 15. März 2023 von 11 bis 13 Uhr zu einem „Austausch über die Atomkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima sowie die aktuelle Situation in Saporischschja“ zusammen kommen.

Angelika Claußen von den mit Nobelpreis ausgezeichneten „Internationalen Ärzt:innen zur Verhütung der Atomgefahren“ (IPPNW) wird dabei sein. Außerdem die unabhängige Atomphysikerin Oda Becker.

Themen unter anderem: „Fukushima und Einleitung von radioaktivem Tritium in den pazifischen Ozean“ oder „Die Lage für Technik und Personal des umkämpften AKW in der Ukraine“. Aber auch über bundesdeutsche Uranfabriken oder auch die Bedeutung Russlands in der europäischen Atomwirtschaft, wird zu reden sein.

  • Die Homepage des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag ist hier online. Dort werden auch die Termine öffentlicher Anhörungen bekannt gegeben. Hier direkt: https://www.bundestag.de/ausschuesse/a16_umwelt/anhoerungen/937308-937308

DIW legt Studie vor: Atomenergie ist nicht nachhaltig und zukunftungsfähig – Es braucht Klima- und Plutoniumneutralität!

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in seinem aktuellen Wochenbericht die Atomenergie ausführlich unter die Lupe genommen und kommt aus wirtschaftlichen und technischen Gründen dazu, dass diese Risikotechnologie nicht zukunftsfähig ist. Dabei warnen die Wissenschaftler:innen nicht nur mit Blick auf die Legende vom billigen Atomstrom. Von Anfang an habe man die Kosten und Umweltprobleme der Atomenergie immer wieder unterschätzt oder verharmlost. Neben der Klimaneuträlität, die alle zukunftsfähigen Energietechniken sicherstellen müssen, müsste immer auch Plutoniumneutralität garantiert werden. Allzu leicht könnte Plutonium für den Bau und Einsatz von Atomwaffen mißbraucht werden. Atomstromerzeugung ist nicht nur nur teuer und im Fall von Unfällen mit schweren Schäden für Mensch und Umwelt verbunden. Auch das Problem der Endlagerung bleibt ungelöst. Auch kurzfristig gibt es keinen Grund für eine nukleare Laufzeitverlängerung, so Hirschhausen und Kemfert vom DIW. Die letzten drei Atomkraftwerke können Mitte April ohne Probleme für die Stromerzeugung abgeschaltet werden.

Über die Veranstaltung und die Teilnehmer:innen informierte das DIW hier. Das Video der Veranstaltung ist bei Youtube online. An der Diskussion nahmen Wolfram König, (Bundesamt für die Sicherheit der kerntechnischen Entsorgung, Base); Judith Skudelny, (FDP-Bundestagsfraktion); Georg Zachmann, (Bruegel), Claudia Kemfert, (DIW), Christian von Hirschhausen, (DIW) und Petra Jasper (Moderation) teil.

Fukushima mahnt – Keine Atom-Laufzeitverlängerung – Bundesweiter Anti-Atom-Frühling für den Ausstieg

UmweltFAIRaendern dokumentiert:

Dokumentation der Pressemitteilung vom 7. März 2023 vom DIW:

DIW Wochenbericht beleuchtet Perspektiven der Atomenergie in Deutschland und weltweit – Laufende und geplante Projekte entbehren technischer und ökonomischer Grundlagen – Umdenken bei Modellierung von künftigem Energiemix – Erneuerbare Energien stärker in Fokus, Nukleartechnik geht zurück – Vertiefte Forschung in Atomenergie nicht sinnvoll – Endlagersuche sollte forciert werden

Die letzten drei deutschen Kernkraftwerke „Emsland“, „Isar-2“ und „Neckarwestheim-2“ gehen am 15. April vom Netz. Angesichts der Energie- und Klimakrise werden aber nicht nur in Deutschland zunehmend Stimmen laut, die Atomforschung voranzutreiben. Alle derzeit diskutierten neuen Kernkraftprojekte sind aber ökonomisch und technisch weder zukunftsfähig noch sinnvoll. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse von Wissenschaftler*innen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). „Atomenergie war, ist und bleibt technologisch riskant und unrentabel. Daran ändern auch angeblich innovative Reaktorkonzepte nichts, die in Wirklichkeit ihren Ursprung in der Frühzeit der Atomenergie in den 1950/60er Jahren haben“, erläutert Christian von Hirschhausen, Forschungsdirekter der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt im DIW Berlin. Daher könne Atomenergie auch keinen kostengünstigen und zeitnahen Beitrag zum Klimaschutz leisten oder die Stromversorgung sichern. „Neben der Klimaneutralität brauchen wir auch eine Plutoniumneutralität, weil es nicht nur darum geht, CO2 zu reduzieren, sondern auch das gefährliche, langlebige Plutonium in den radioaktiven Abfällen.“

© DIW Berlin

Innovative Atomkonzepte mit alter, nicht bewährter Technologie?

Die DIW-Forscher*innen nehmen drei Reaktorkonzepte unter die Lupe, die aktuell die internationale Atomdebatte bestimmen: Leichtwasserreaktoren, SMR („Small Modular Reactors“) und schnelle Brüter. Kernkraftwerke der dritten Generation, Leichtwasserreaktoren mit einer elektrischen Leistung von 600 bis 1600 Megawatt, basieren auf einer Technologie der 1980er Jahre und werden noch heute gebaut. Als problematisch erweisen sich jedoch überbordende Kosten und Bauverzögerungen, wie sie seit ihrer Entwicklung in besonders eklatanter Weise in den USA und Europa beobachtet wurden.

Befürworter*innen von Kernkraftwerksneubauten sehen insbesondere SMR als Hoffnungsträger, wie sie unter anderem von Microsoft-Gründer Bill Gates propagiert werden. Es handelt sich um Leichtwasserreaktoren mit einer Kapazität in der Regel bis zu 300 Megawatt. Sie sind den Studienautor*innen zufolge allerdings keineswegs innovativ, sondern gehen auf die 1950er Jahre zurück, als Atomkraft als Antriebstechnologie für Militär-U-Boote nutzbar gemacht wurde. Bereits damals konnte sich die Technik wegen Kostennachteilen gegenüber leistungsfähigeren Reaktoren nicht durchsetzen. Heute gibt es einige Pilotprojekte, etwa in den USA, Kanada und Großbritannien, die jedoch Modellrechnungen zufolge wesentlich teurer werden dürften als herkömmliche Reaktoren. Noch dazu ist die Marktnachfrage gering. Trotz jahrzehntelanger Forschung konnte kaum ein Kernkraftwerk des Typs SMR den kommerziellen Leistungsbetrieb aufnehmen. Insbesondere besteht aber keine Perspektive, die erheblichen Größennachteile durch Massenproduktion wettzumachen. Hierfür wäre bei optimistischer Betrachtung der Bau von mehreren Tausend baugleichen Kernkraftwerken notwendig.

„Technisch sind bei Atomenergie keine signifikanten Durchbrüche absehbar.“ Claudia Kemfert

Auch schnelle Brüter und andere nicht leichtwassergekühlte Reaktoren sind auf absehbare Zeit nicht wettbewerbsfähig, wie die DIW-Forscher*innen in ihrer Studie aufzeigen. Die Technik stammt ebenfalls aus dem vergangenen Jahrhundert, die meisten angeschobenen Projekte wurden wegen sicherheitstechnischer Mängel und fehlender wirtschaftlicher Perspektiven gestoppt, so unter anderem der schnelle Brüter im nordrhein-westfälischen Kalkar, der niemals in Betrieb ging und heute zu einem Freizeitpark umgebaut wurde. Da bei schnellen Brütern viel spaltbares Material entsteht, gibt es auch ein größeres Proliferationsrisiko, also die Gefahr der Weitergabe zu Atomwaffenzwecken.

Erneuerbare um ein Vielfaches günstiger als Atomenergie

„Technisch sind bei der Atomenergie keine signifikanten Durchbrüche absehbar“, bilanziert Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt im DIW Berlin. „Atomkraft ist zudem die mit Abstand teuerste Energie – und bei Weitem teurer als Erneuerbare.“ Diese Erkenntnis habe sich inzwischen auch bei der Modellierung von Energiesystemen durchgesetzt. Während zuvor aufgrund überoptimistischer Annahmen immer ein wesentlicher Anteil an Atomenergie angenommen worden sei, richte sich der Fokus nun immer stärker auf Erneuerbare und weg von Kernkraft.

Staatlich geförderte Forschung sollte sich künftig auf die Bereiche konzentrieren, von denen substanzielle Beiträge zur Energiewende zu erwarten sind“, empfiehlt Kemfert. „Dies sind etwa erneuerbare Energien oder Speichermöglichkeiten und andere Flexibilitätsoptionen, Atomkraft gehört definitiv nicht dazu. Die Bundesregierung sollte auch davon absehen, mit Atomkraft erzeugter Energie ein grünes Label anzuhängen, wie es derzeit beim Wasserstoff diskutiert wird. Stattdessen sollte mit Hochdruck nach sicheren Zwischenlagern und einem Endlager gesucht werden, um das Atomkapitel endgültig abzuschließen.“

Links

Brauchen wir neue Atomkraftwerke? - Nachgeforscht bei Christian von Hirschhausen play_arrow

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Brauchen wir neue Atomkraftwerke? : Nachgeforscht bei Christian von Hirschhausen

Themen: Energiewirtschaft , Industrie , Klimapolitik

Petra Jasper, Pressesprecherin und stellvertretende Abteilungsleitung in der Abteilung Kommunikation

Dokumentation Nr. 2 des DIW Wochenberichts 

  • Studie untersucht Rentabilität und technologische Umsetzbarkeit von Reaktorkonzepten weltweit
  • Trotz bevorstehenden Atomaustiegs auch in Deutschland Debatte über neue Reaktorkonzepte
  • Bestehende und geplante Kraftwerksprojekte sind unwirtschaftlich, auch technischer Durchbruch nicht zu erwarten
  • Umdenken in Energiesystemanalyse zugunsten erneuerbarer Energien weg von Atomenergie
  • Forderungen in Deutschland nach Forschungsförderung für den Neubau von Kernkrafwerken sind Irrweg

Die Möglichkeit, Kernkraftwerke mit geringer Leistung zu bauen, ist seit den 1950er Jahren bekannt und stellt daher keine Innovation dar. Im Gegenteil: Der erste in den USA entwickelte SMR-Reaktor war ein für die US-Marine entwickelter Leichtwasserreaktor für den U-Boot-Einsatz. Nach seinem Einbau in das erste kommerzielle Kernkraftwerk in Shippingport, Pennsylvania, 1957 führte er zum Siegeszug der Leichtwasser-Technologie.info Jedoch wurden diese Reaktoren mit geringen Leistungen lediglich als Ausgangspunkt genommen, um rasch zum Bau von größer dimensionierten Kraftwerken mit höheren Leistungen überzugehen. Die Suche nach Größenvorteilen führte in der Folgezeit dazu, dass die durchschnittliche elektrische Leistung von Kernkraftwerken bereits in den 1970er Jahren auf 500 MW stieg; heute liegt sie über 1000 MW (Abbildung 2).

Tabelle: Historische Beispiele für Reaktoren mit schnellem Neutronenspektrum („Schnelle Brüter“)

Bau- und Betriebszeiten

ReaktorkonzeptLandLeistung (MWth)BaubeginnBetriebStilllegungNoch aktiv (?)Durchschnittliche Kapazitätsauslastung
Experimentalreaktoren
RhapsodieFrankreich40196219671983Keine Angaben
KNK-IIDeutschland5219751977199117,10 Prozent
DFRGroßbritannien6019541959197733,80 Prozent
FBTRIndien40197219852022Keine Angaben
PECItalien120197420222022Keine Angaben
JOYOJapan140197019772007Keine Angaben
BR-10Sowjetunion/Russland55195619592002Keine Angaben
BOR-60Sowjetunion/Russland9195819642022Keine Angaben
EBR-IUSA1,2194719511963Keine Angaben
EBR-IIUSA62,5195819631994Keine Angaben
FermiUSA200195619651972Keine Angaben
FFTFUSA400197019801992Keine Angaben
CEFRChina6520002010Keine Angaben
Demonstratoren
SNR-300Deutschland76219731991Nie in Betrieb
PhoenixFrankreich563196819731983Circa 50 Prozent
PFRVereinigtes Königreich65019661974199420227 Prozent
PFBRIndien1250200320122016Keine Angaben
MonjouJapan714198519941999Von 1996 bis 2010 wegen Unfall außer Betrieb
BN-350Sowjetunion/Russland75019641972202285 Prozent
BN-600Sowjetunion/Russland147019671980202274 Prozent (1982 bis 2009)
BN-800Russland2100200620161983171 Prozent
CRBRPUSAunbekannt1982Nie in Betrieb

1 Baubeginn 1983, keine Bautätigkeit zwischen 1986 bis 2006, dann Wiederaufnahme.

Quelle: Eigene Recherche.

Die Wettbewerbsfähigkeit dieser Reaktoren hängt von drei wesentlichen Parametern ab: dem Uranpreis, den Baukosten und den Entsorgungskosten. In keinem der drei Bereiche ist ein Kostenvorteil für die schnellen Reaktoren abzusehen. Eine Berechnung des Break-Even-Preises von Uran zeigt auf, bei welchem Preis der Betrieb eines hypothetischen schnellen Reaktors mit Wiederaufbereitung genauso teuer wäre wie ein Leichtwasserreaktor ohne Wiederaufbereitung. Überschlägige Berechnungen legen nahe, dass der Uranpreis um ein Vielfaches höher liegen müsste als jener, den man am Markt beobachten kann.info Die Baukosten für den in den USA geplanten Piloten sind nicht absehbar, dürften aber wesentlich höher liegen als die der leichtwasserbasierten Technologielinie, die ihrerseits weit teurer ist als andere Energiequellen. Auch bei den Entsorgungskosten ist von dem Pilotprojekt kein Vorteil absehbar.

Umdenken in der Energiesystemmodellierung hat begonnen

Das geringe Potenzial der Atomwirtschaft zur Entwicklung von wettbewerbsfähigen Reaktorkonzepten wird inzwischen auch in Fachkreisen der Energiesystemmodellierung und integrierter Assessment Modelle (IAM) reflektiert. Diese hatten bisher teilweise sehr hohe Anteile an Atomenergie in Klimaschutzszenarien errechnet. So war bis vor Kurzem zu beobachten, dass Atomenergie als kohlenstoffarme Technologie Berücksichtigung in Klimaszenarien fand – und dies unabhängig von deren offensichtlich fehlenden Wettbewerbsfähigkeit.info Im Mittel gehen Szenarien mit ansteigendem Anteil an Atomenergie davon aus, dass bis zum Jahr 2050 die jährliche weltweite Stromerzeugungsmenge aus Atomenergie etwa 5600 TWh beträgt – was mehr als einer Verdopplung der heutigen Stromerzeugung entspräche. Bei diesen Szenarien nahmen die Modellierer*innen bisher für Atomenergie niedrige Investitionskosten an. Gleichzeitig ging man für Erneuerbare aber von relativ hohen Kosten aus (insbesondere Solar) sowie von überhöhten Systemintegrationskosten für Erneuerbare bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Systemkosten der Atomenergie.

Jedoch hat in den Fachkreisen vor wenigen Jahren ein Umdenkprozess begonnen. Dieser führt dazu, dass sich das Energiemodellierungs-Paradoxinfo abschwächt und einer stärker an realwirtschaftlichen technischen Entwicklungen orientierten Modellierung und zugrundeliegenden Annahmen weicht. Dies zeichnet sich insbesondere durch aktualisierte Kostenannahmen für erneuerbare Energien, insbesondere für die Photovoltaik und die Kosten der Energiesystemintegration aus.info Eine Vielzahl von Modellen identifiziert inzwischen nicht mehr Atomenergie, sondern erneuerbare Energien als den wesentlichen Treiber des zukünftigen Energiemix.

Vergleicht man die Energieszenarien des Berichts des Weltklimarats (IPCC) von 2018 mit dem im Jahr 2022, ist zu beobachten, dass die Anzahl von Szenarien mit einem starken Anstieg an Atomenergie (im Zeitraum zwischen 2020 und 2100) gesunken ist und sich der Anstieg an erneuerbaren Energien erhöht hat (Abbildung 5). Lag im Sonderbericht des IPCC zum 1,5-Grad-Ziel (2018) der Schwerpunkt noch bei zunehmenden Anteilen an Atomenergie (orange Punkte), so hat sich dieser im 6. Sachstandsbericht des IPCC (2022) in Richtung steigender Anteile Erneuerbarer und sinkender Anteile Atomenergie verschoben (grüne Punkte). Auch die Modellier*innen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) weisen in einem kostenoptimalen Dekarbonisierungspfad darauf hin, dass Atomenergie in den nächsten Jahrzehnten weitgehend durch erneuerbare Energien ersetzt werden müsste.info

Irgendwas mit radioaktiver Wissenschaft? „Monumentale Verdrängung: Die neue Pro-Atom-Troika“

Die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ mischen sich mit einem Beitrag der Sozialwissenschaften in die Atomdebatte ein. Wie sehr lassen sich nukleare Realitäten ausblenden? Viele faseln (schwaches Verb) von Renaissance der Atomenergie – aber was mit dem dabei immer entstehenden Atommüll passieren soll, setzt eine ganze Gesellschaft in Angst und Schrecken. Irre. Ja klar, vor allem wenn Fakten ausgeblendet und Ideologie vorgeschaltet wird. Klar ist, die Debatte über Atomenergie beginnt in Deutschland, auch wenn Mitte April die letzten AKWs ohne Weiteres wenn und aber abgeschaltet werden. In den „Blättern“ schreiben über die „Monumentale Verdrängung: Die neue Pro-Atom-Troika“ Achim Brunnengräber, Albert Denk, Lucas Schwarz, Dörte Themann …

„Allen Warnungen vor möglichen Energie-Blackouts zum Trotz scheint die Bundesrepublik gut durch diesen bislang ausgesprochen milden Winter zu kommen. Doch damit ist die aktuelle Pro-Atom-Kampagne nicht beendet, im Gegenteil: Ganz offensichtlich soll die anhaltende Debatte um eine Verlängerung der AKW-Nutzung nur der Einstieg in eine neue Kernkraft-Ära sein. So fordert FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai – ganz im Einklang mit der CDU/CSU – ein „ideologiefreies, realitätsnahes und technologieoffenes Konzept“, das eine Laufzeit über 2023 hinaus avisiert; und die AfD vertritt in ihrer „Resolution zur Kernenergie“ sogar die Meinung, dass moderne Kraftwerke nicht nur die Natur- und Artenvielfalt schützen, sondern ressourcenschonend sind, unabhängig von Importen machen und nahezu CO2-neutral betrieben werden können. … hier weiterlesen: Monumentale Verdrängung: Die neue Pro-Atom-Troika.

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