Atomenergie spaltet: Gewaltfreie Aktion – „Evangelische Kirche und Anti-AKW-Bewegung“

„Das Beispiel der Hamburger Initiative kirchlicher Mitarbeiter und Gewaltfreie Aktion im Konflikt um das AKW Brokdorf 1976–1981“ lautet  der Untertitel, des über 400 seitigen Buches von Dr. theol. Luise Schramm. Kein Krimi und auch kein Plädoyer für zivilen Ungehorsam, aber eine faktenreiche Erzählung über die Geschichte von zivilem Ungehorsam in der Auseinandersetzung um globale ökologische Risiken und Institution Kirche am Beispiel Atomenergie. Es gibt ein paar Ausflüge in die Jahre bis zur Katastrophe von Tschernobyl und der Inbetriebnahme von Brokdorf Ende 1986. Die „Solidarische Kirche“ als Nachfolgerin der Initiative ist nicht mehr Thema der „wissenschaftlichen Reportage“. Thema aber ist die damalige Kampagne für einen „Stromzahlungsboykott“ und auch die Besetzung der Petri-Kirche nach der Selbstverbrennung von Hartmut Gründler in Hamburg. Es geht Kirche um Moral. Natürlich. Um Religion, um Menschenbild. Es geht darum, aus Geschichte zu lernen? Das Buch ist ein kontruktiver und faktenreicher Beitrag zur Geschichte des zivilen Ungehorsams, – in der Kirche, bei der Suche nach Gott und Mensch. (Komisch aber: Viele Veröffentlichtungen aus dem kirchlichen Bereich sind mir bei meiner Internetrecherche jetzt nicht aufgefallen. Aber vielleicht ist so eine alte Instituion in diesem schnelllebigen jungen Medium an der Basis noch nicht so aktiv? Aber vielleicht ist der Preis von 90 Euro für das Buch auch – inzwischen – zu prüfen?! Das Buch ist bereits 2018 erschienen.)

  • Das Buch ist bei Vandenhoek und Rupprecht erschienen: Siehe hier. Mit einem Preis von 90 Euro ist allerdings wahrscheinlich, dass junge umweltengagierte Menschen dieses Buch außerhalb von einigen Universitäten nicht wirklich zur Kenntnis nehmen können und auch viele Aktive aus den Reihen gewaltfreier Aktionsgruppen nicht.
  • Eine ausführliche Besprechung des Buches von Luise Schramm ist natürlich hier bei „Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften“ erschienen. Sie stammt von Jan-Henrik Meyer vom Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte / Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Darin bespricht er auch das Buch „Gaumer, Janine: Wackersdorf. Atomkraft und Demokratie in der Bundesrepublik 1980–1989. München 2018: Oekom Verlag , ISBN 978-3-96238-073-1, 368 S. € 29,00. “ Hier auch als PDF online! (Ich traue mich aus Urheberschutzgründen nicht, diese PDF auch direkt hier verfügbar zu machen, denke aber eigentlich, als wissenschaftlicher Beitrag müsste der Text inzwischen „öffentlich“ frei verfügbar sein! Erklärt mir, was richtig oder falsch wäre und was recht ist!)
  • Siehe auch hier das Archiv Aktiv – über die Geschichte des zivilen Ungehorsams.
  • Eine 14 seitige  Arbeit von Luise Schramm mit dem Titel „Kirchliche Anti–AKW–Bewegung zwischen Militanz und Gewaltfreiheit“ ist 2017 hier als PDF bei Nordkirche nach 45 veröffentlicht. Zu Dokumentationszwecken auch hier als PDF.
  • Die Akademie Nordkirche berichtet 2018 über eine Veranstaltung zum Buch: „Luise Schramm erschließt die Geschichte dieser kirchlichen Basisgruppe seit ihrer Entstehung im Zusammenhang mit den Großdemonstrationen gegen den Bau des Atomkraftwerkes Brokdorf und legt sowohl den Diskussionsprozess als auch die Debatten um die Aktionsweise innerhalb der Anti-AKW-Bewegung dar. Ausführlich widmet sie sich auch der Besetzung der Hauptkirche St. Petri 1979, an der auch HIkMuGA-Pastoren beteiligt waren. Die Autorin liest aus ihrer jüngst erschienenen Studie mit anschließender Diskussion.“

In dem Buch geht es um den Verlauf und in gewisser Weise um die Motive, warum Kirchen-Aktive mit Mitteln des Zivilen Ungehorsams in den 1970er und Anfang der 1980er gegen die Nutzung der Atomenergie und den Bau von Atomkraftwerken angingen, am Rande der Legalität, aber Legitim? Eine Diskussion um einen Aktivismus, der Gesellschaft und also ein Miteinander demokratisch und sozial verbessern will. Innerkirchliches Selbstverständnis und Kirche in Staat und Gesellschaft – es geht in der Frage Atomenergie, um eine Überlebensfrage der Menscheit. Es geht um Impulse, um die „Bewahrung der Schöpfung“ – auch wenn das den Bruch mit „Konventionen“ erfordert. Es geht um humanistischen Sinn, legitim, gemeinwohlorientiert – und Person.

Über den Verlauf und die Diskussionen, die Ziele und Selbstverständnis und die innerkirchliche Demokratie; – darüber gibt das Buch von Schramm zum Konflikt über den Bau des AKW Brokdorf und den damit verbundenen innerkirchlichen Konflikten im Spannungsfeld von Institution und (demokratischer) Umgang mit den Herausforderungen zivilem Ungehorsams einen detaillierten Einblick. In den 1970er Jahren als ein Bruch von Nachkriegsdeutschland im Aufstreben einer demokratischen Erneuerung gegen den Faschismus – mehr Demokratie wagen, hatte Willi Brandt empfohlen! Das wird in dem Buch historisch nicht eingeordnet, aber: Der Konflikt in dem Themenfeld wird detailliert, in jedem Fall faktenreich und gut gegliedert dargestellt.

Die Autorin, Dr. theol. Luise Schramm ist heute Pfarrerin der Ev.-luth. Kirchgemeinde Bad Schandau in der Sächsischen Landeskirche. Für ihre Darstellungen der „HIkMuGA“, so die im Buch verwandte Abkürzung für  „Hamburger Initiative kirchlicher Mitarbeiter und Gewaltfreie Aktion“, greift dich Wissenschaftlerin auch auch Archive ehemaliger Aktivist:(inn)en, wie Ulfrid Kleinert, Jan Steen und auch Wolfgang Hertle, zurück.

Informationen vom Verlag (wie oben verlinkt) als Dokumentation:

Evangelische Kirche und Anti-AKW-Bewegung

Das Beispiel der Hamburger Initiative kirchlicher Mitarbeiter und Gewaltfreie Aktion im Konflikt um das AKW Brokdorf 1976–1981 | Luise Schramm

Hardcover
2017 Vandenhoeck & Ruprecht
Auflage: 1. Auflage
452 Seiten; 23.7 cm x 16 cm
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-525-55792-1

Evangelische Kirche und Anti-AKW-Bewegung
Wie agierten kirchliche Akteure im Spannungsfeld von Anti-AKW-Bewegung einerseits und institutionalisierter Kirche andererseits? Diese Frage untersucht Luise Schramm in ihrer Studie exemplarisch anhand der Hamburger Initiative kirchlicher Mitarbeiter und Gewaltfreie Aktion (HIkMuGA) im Konflikt um das Atomkraftwerk Brokdorf.Sie erschließt die Geschichte dieser kirchlichen Basisgruppe seit ihrer Entstehung im Zusammenhang mit den Großdemonstrationen gegen den Bau des Atomkraftwerkes Brokdorf bis zur Großdemonstration im Frühjahr 1981 und legt sowohl den Diskussionsprozess als auch die Debatten um die Aktionsweise innerhalb der Anti-AKW-Bewegung dar. Weiterhin gibt sie einen tieferen Einblick in die Geschichte des von der HIkMuGA angestoßenen Stromzahlungsboykottes und untersucht, inwieweit die Diskussionen um die Atomenergie durch die HIkMuGA-Pastoren in die Gemeindearbeit, in Gottesdienste und auf Kirchentagen eingebracht wurden. Ausführlich widmet sie sich der Besetzung der Kirche St. Petri in Hamburg, an der auch HIkMuGA-Pastoren beteiligt waren, und schildert die beginnenden Institutionalisierung der Umweltverantwortung in der Nordelbischen Kirche mit der Einsetzung des hauptamtlichen Umweltbeauftragten. Ein geschichtlicher Ausblick auf die Proteste gegen das AKW Brokdorf 1986 und den in dieser Zeit entstandenen sechs Blockaden, die von der Solidarischen Kirche, in die die HIkMuGA aufgegangen ist, getragen wurden, schließt die Darstellung ab.

Frankreich kündigt Ausbau der Uran-Brennstoff-Erzeugung auf Basis teilweise bundesdeutscher Zentrifugen-Technik der URENCO an

Der französische Atomkonzern Orano baut laut Medienberichten die Herstellung von Uran-Brennstoffen an seinem Standort in Tricastin im Süden an der Rhone aus. Mehr als 1,3 Milliarden Euro sollen dort investiert werden, um die Produktionskapazitäten für angereichertes Uran auszubauen. Dabei kommen Zentrifungen zur Anwendung, in denen minimalste Gewichtsunterschiede der Uran-Isotope genutzt werden, um spaltbares Uran herzustellen. Grundsätzlich ist diese Technik in der Lage, Uran für den Einsatz in Atomkraftwerken bis hin zu Atomwaffen herzustellen. Die Technik stammt von der teilweise deutschen URENCO, die eine vergleichbare Anlage im westfälischen Gronau sowie in den Niederlanden, Grobritannien und den USA betreibt. Gemeinsam mit Orana betreibt URENCO die sogenannte ETC – Enrichment Technology Company, die die Zentrifungen entwickelt und baut. Die Ausbaupläne habe die Commission nationale du débat public (CNDP)  bereits am 5. Oktober 2022 beschlossen und Orano mit der Umsetzung beautragt. (Siehe weitere Informationen unten als Dokumention, Foto: Lager mit Uran in Pierrelatte an der alten Georges Besse.)

Mitte der 2000er Jahre hatte die weitgehend staatliche französische Atomwirtschaft sich zur Hälfte an der URENCO-Tochter ETC beteiligt. Anders als die Bundesrepublik ist Frankreich Atomwaffenstaat und benötigt angereichertes Uran nicht nur für Atomkraftwerke oder Forschungsanlagen, sondern auch für U-Boot-Antriebe oder Atomwaffensprengköpfe.

Bis zu 1,7 Milliarden Euro sollen laut Orano zur Erweiterung der Anlage Georges Besse 2 auf dem Gelände der Atommeiler in Tricastin investiert werden. Die GB2 war 2004 in Bau gegangen und die Zentrifuge der URENCO lösten in der Folge die unwirtscaftliche Diffusionstechnik ab, die auch in den USA verbreitet war. Die GB2 wurde zwischen 2011 und 2016 schrittweise in Betrieb genommen und verfügte seitdem „über eine jährliche Produktionskapazität von 7,5 Millionen Separationsarbeitseinheiten (STE), mit denen die Arbeit gemessen wird, die für die Trennung von Uran erforderlich ist. Orano möchte die Produktionskapazität der Anlage auf das Maximum von 11 Millionen STE ausbauen.“ So berichtet am 10. Februar unter anderem Les Journal de Enterprises. 

  • Siehe auch einen Bericht zur Erweiterungs-Ankündigung mit Datum 1o. Oktober 2022 bei der World Nuclear News.

Weiter soll aus der Pressemitteilung von Orano hervorgehen, dass die „bereits vorhandenen 14 Module um vier weitere Module erweitert werden. Der Zeitplan sieht vor, dass die Bauarbeiten Ende 2024 beginnen und die Anlage 2030 vollständig in Betrieb genommen werden soll. Insgesamt sollen rund 50 zusätzliche dauerhafte direkte Arbeitsplätze geschaffen werden (derzeit sind rund 350 Personen in den Anlagen von Georges Besse 2 beschäftigt).“

Informationen zu den einzelnen Modulen und den schrittweisen Erweitungen der Anlage sind auch hier bei der Gemeinde von Pierrelatte zu finden, auf deren Gebiet die Atomanlagen liegen. Dort wird ausdrücklich betont, dass die GB2 zur Herstellung von „zivilem Uran“ eingesetzt wird.

Les Journal des Enterprises berichtet, dass das Erweiterungsprojekt laut Orano dem Bedarf nach einer Erhöhung „der Anreicherungskapazitäten als Beitrag zur westlichen Energiesouveränität“ diene. „Derzeit teilen sich vier große Produzenten den Weltmarkt für Urananreicherung“, „zwei westliche Anreicherer, die britische Urenco (31 % der Produktionskapazitäten) und Orano (12 %)“, sowie ein „russischer Anreicherer, Rosatom (43 %), und die chinesische CNNC (13 %).“ Das Medium betont: „Im Gegensatz zu Europa und den USA sichert Russland seine Energiehoheit heute selbst. Rosatom trägt sogar durchschnittlich 30 % zur Versorgung des westlichen Marktes bei (28 % in den USA und 31 % in Europa).“ Allerdings hängt der Auftrag zur Erweiterung sicherlich auch damit zusammen, dass Frankreich eine Erweiterung seiner Atomstromerzeugung anstrebt und auch die militärischen Anwendungen modernisiert und gestärkt werden sollen.

Nach den Berichten solle die Erweiterung auch dazu dienen, auf „eine potenzielle kurz- und mittelfristige Knappheitssituation schnell“ reagieren zu können. Damit würde auch die Abhängigkeit „der Lieferung von angereichertem Uran durch Rosatom für den westlichen Markt ganz oder teilweise eingestellt wird“, so Orano. Die Erweiterung wird so dargestellt, als reagiere Orano auf die Kriegssituation. „Vor dem Krieg in der Ukraine schätzte Orano, dass „die Nachfrage stabil bleiben würde“. Angesichts der möglichen Folgen des Konflikts schätzt Orano seinen potenziellen Markt für die Jahre 2030-2040 nun jedoch auf 11 Millionen STE pro Jahr. US-amerikanische Stromerzeuger haben bereits Handelsgespräche über die Substitution ihres angereicherten Urans aus Russland aufgenommen.“

  • Einige Übersetzungen wurde mithilfe von Deepl.com kontrolliert und verbessert!

INFORMEZ-VOUS ET EXPRIMEZ-VOUS 

Orano a saisi la Commission nationale du débat public (CNDP), qui a décidé, le 5 octobre 2022, d’organiser une concertation relative au projet d’extension de son usine d’enrichissement d’uranium Georges Besse II, située sur le site Orano du Tricastin.

La concertation préalable vise à :

• Présenter le projet au public, en diffusant une information claire et transparente et en répondant à toutes les interrogations du public relatives au projet.

• Recueillir les observations et propositions du public sur l’opportunité du projet, ses objectifs et ses principales caractéristiques, les alternatives et sa non-réalisation.

L’usine Georges Besse 2 est une installation nucléaire d’enrichissement d’uranium civil par le procédé de centrifugation. Elle dispose de 2 unités en fonctionnement, composées de 8 modules pour l’unité Sud et 6 modules pour l’unité Nord. Mise en service progressivement entre 2011 et 2016, sa capacité annuelle nominale est actuellement de 7,5 millions d’UTS1 (MUTS). L’uranium enrichi produit par l’usine, à usage exclusivement civil, permet d’alimenter l’équivalent de 90 millions de foyers annuellement2.

Orano propose aujourd’hui de porter la capacité annuelle de production à 11 millions d’UTS / an, soit la capacité installée initialement prévue lors du lancement du projet en 2004. Cette extension de capacité, dans le contexte géopolitique actuel, permettrait de répondre aux besoins de nos clients électriciens occidentaux qui souhaiteraient s’affranchir de l’approvisionnement en uranium enrichi russe.

liens :

Participer à la concertation

Plus d’infos 

DOCUMENTS PROJET EXTENSION GB2

(****** die gleich genannten vier PDF-Dateien sind hier als Archiv auch hier als Zip.Datei)

 

Anti-Atom: Isar 2 runterfahren – Kundgebung am 11. Februar in Landshut

Ein Bündnis von bayerischen Atomkraftgegner:innen ruft zur Kundgebung für Samstag 11.02.2023 um 13:00 Uhr in die Innenstadt von Landshut auf. Dabei sein wird vermutlich auch der aus der Anti-WAA-Bewegung bekannte EX-Landrat Schuierer. Raimund Kamm (Landesvorsitzender des Bundesverbandes WindEnergie e.V. in Bayern (BWE Bayern) und Vorstand FORUM (Gundremmingen)) sowie weitere Redner:innen haben zugesagt, die Proteste für die endgültige Abschaltung des Atommeilers zu unterstützen. Umrahmt wird der Countdown von der Trommelgruppe Ubuntu Drummers und dem Liedermacher Armin Reiseck. Es ist wichtig den permanenten Versuchen Atomkraft wieder hochzufahren Widerstand entgegen zu setzten, heißt es beim BUND-Regensburg und der BüfA Landshut. Für den Fukushima-Jahrestag am 11. März ruft ein Bündnis unter dem Namen „runterfahren.org“ zu weiteren Aktionen für die endgültige Stilllegung der Atomenergie auf.

Dokumentation:

Das Landshuter Bündnis für Atomausstieg (BüfA) und Erneuerbare Energie ruft zur 2. Count Down Demo am Samstag, 11. Februar, auf. Spätestens am 15. April muss endgültig Schluss sein mit der Nutzung der Atomkraft in Deutschland. Der Winter hat bestätigt, dass zur Sicherung der Energieversorgung die drei noch laufenden Atomkraftwerke, darunter auch Isar II, nicht benötigt.

Alle Anstrengungen müssen jetzt in den Ausbau der erneuerbaren Energien gebündelt werden. Die Kundgebung findet an der Martinskirche in Landshut statt und beginnt um 13 Uhr. Als Redner*innen haben zugesagt: Kathy Mühlebach–Sturm (Bund Naturschutz, BüfA Landshut), Raimund Kamm, (FORUM gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik) und Johannes Hunger (Bündnis 90/Die Grünen, Vertreter der jungen Generation im Endlagersuchprozess). Musikalisch begleitet wird die Kundgebung von den Ubuntu Drummers und Armin Reiseck. Kurzfristig hat auch der Anti WAA Landrat Hans Schuierer zugesagt.

Zentrales Atommülllager Würgassen – Gefälligkeitsgutachten und politische Vorgaben – Massive Kritik an BMU und BGZ

Das Auswahlverfahren für ein bundesweites Zentral-Atommülllager für leicht- und mittelradioaktive Atomabfälle läuft auf einen Neustart hinaus. Die bisherigen Planungen und das Auswahlverfahren für einen Standort in Würgassen an der Weser sind heute auf einer Pressekonferenz mit mehreren Gutachten auseinander genommen worden. Die von vielen Kommunen in der Region unterstützte Bürgeriniative „Atomfreies Dreiländereck“ zeigte in der Präsentation massive Fehler auf und kritisierte ein Gefälligkeitsgutachten des Öko-Institut zur Standortauswahl. Die „Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung“ (BGZ) als Antragsteller und zukünftiger Betreiber eines solchen Atommülllagers dürfte erhebliche Probleme bekommen. Der BUND NRW kündigte auf der PK außerdem an, dass er mit einer Verbandsklage die Rechtmäßigkeit einer solchen Atomanlage prüfen werde, sollte es im weiteren zu einer Genehmigung kommen. (Weiter unten alle Quellen und Dokumentation, siehe vor allem „Atomfreies Dreiländereck„. Zum Öko-Institut siehe ganz unten die Doku. Auf der BGZ-Seite habe ich die nicht mehr gefunden. Kann mein Fehler sein. Zwar nicht bei der BGZ, aber beim BMU ist die Studie als PDF online oder hier direkt)

In dem geplanten Atommüll-Lager sollen alle leicht- und mittelradioaktiven Abfälle aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen kommen und dort nach optimierten Plänen verpackt werden, um den Strahlenmüll dann im noch im Bau befindlichen Endlager im Schacht Konrad in Salzgitter unter die Erde zu bringen. Alle? Nicht direkt. Denn nur ungefähr die Hälfte der in Deutschland anfallenden Strahlenabfälle dieser Art dürften im Schacht Konrad eingelagert werden. Was mit dem weiteren Atommüll dieser Art passieren soll, ist eher im Nebel, wenn man die bisherige Umgangsweise staatlicher Stellen betrachtet.

Schon die Sinnhaftigkeit eines solchen neuen „Zentral-Lagers“, vom Projekträger lieber Logistikzentrum genannt, verbunden mit tausenden von Transporten und Arbeitschritten, die zu einer zusätzlichen Strahlenbelastung für Anwohnende und Beschäftigte führen, ist umstritten.

(Warum ein solches neues Atommülllager aber im einige hundert Kilometer von Salzgitter entfernten Würgassen entstehen soll, bleibt in der öffentlichen Debatte weitgehend ausgeklammert. Es wäre ja im Grunde, wenn eine solche Anlage überhaupt Sinn macht, „vernünftig“, sie direkt am Schacht Konrad zu bauen. Vorn rein – sortieren – umpacken – einpacken und in den Keller bringen!)

Das Video der Pressekonferenz ist im Youtube-Kanal der Initiative online und unter der PM direkt hier anzusehen:

Dokumentation: Atomfreises Ländereck Hessen – Niedersachsen – NRW – Pressekonferenz am 07.02.2023

Die Kritik am geplanten zentralen Bereitstellungslager / Logistikzentrum Konrad im Dreiländereck Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen wird seit Bekanntgabe durch den Vorhabenträger, der Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ), immer intensiver. Zuletzt konnte belegt werden, dass ein von der BGZ wiederholt zitiertes positiv-Gutachten des Öko-Instituts unter massiver Einflussnahme des seinerzeit von der SPD geleiteten Bundesumweltministeriums erstellt wurde.

Aktuell haben die Verantwortlichen des BMUV eine Überprüfung der bisherigen Standortentscheidung durch die Fachexperten der Entsorgungskommission des Bundes (ESK) angeordnet, welche bis Ende Q1/2023 veröffentlicht werden soll. Der Region im Dreiländereck ist es wichtig das die ESK, über Unterlagen der BGZ hinaus, belastbares als auch qualitativ hochwertiges Informationsmaterial erhält, welche dem Anspruch an das Vorhaben von umfangreicher logistischer Tragweite gerecht wird. Vor allem Menschen in NRW, als auch in NI und HE werden über Jahrzehnte mit mehrfach täglichen Gefahrgut-Transporten der Klasse 7 belastet werden. Um so wichtiger ist es, dass die Entscheidungsgrundlage für die zu treffende Beurteilung der Standortentscheidung „LoK Würgassen“ auf harten Fakten beruht.

Aus diesem Grunde hat die Bürgerinitiative Atomfreies 3-Ländereck e.V. mit der Unterstützung diverser Städte, Kommunen, Landkreise und der Bevölkerung ein Gutachten zur Darstellung der hiesigen Infrastrukturgegebenheiten bei der „RegioConsult Verkehrs- und Umweltmanagement Fachagentur für Stadt- und Verkehrsplanung“, Marburg, beauftragt. Die Studie wurde im Rahmen einer Pressekonferenz im historischen Rathaus Bad Karlshafen von der Fachagentur vorgestellt und erläutert. Im Anschluss hat Rechtsanwalt Philipp Heinz, Berlin, eine rechtliche Stellungnahme abgegeben.

Dokumente:

https://www.youtube.com/watch?v=_QbPEGAEXJ4

Das Öko-Institut hatte in 2020 das hier veröffentlicht:

Lagerung radioaktiver Abfälle möglich

10.03.2020
 Ehemaliges AKW Würgassen kann Zwischenlager-Standort sein

Schwach- und mittelradioaktive Abfälle, die im Endlager Konrad eingelagert werden sollen, können auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks Würgassen bis zum Weitertransport an das Endlager aufbewahrt werden. Das AKW Würgassen ist bereits seit 1997 stillgelegt; der Rückbau der nuklearen Anlagenteile ist seit 2014 abgeschlossen. Der Standort ist nach einer ersten Einschätzung des Öko-Instituts deshalb geeignet, weil er den Anforderungen der Entsorgungskommission (ESK) weitestgehend entspricht. Zudem existieren bereits zwei genehmigte Zwischenlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle auf dem Gelände. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Stellungnahme des Öko-Instituts im Auftrag des Bundesumweltministeriums (BMU).

Kriterien der Betreibergesellschaft nachgeprüft

Da am Endlagerstandort Konrad selbst nur geringe Lagerkapazitäten bestehen, müssen die einzulagernden Abfälle in einem sogenannten zentralen Bereitstellungslager (ZBL) angeliefert, vorübergehend aufbewahrt und nach Bedarf an das Endlager abtransportiert werden. Um einen geeigneten Standort für das ZBL zu ermitteln, hat die Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) verschiedene verfügbare Standorte ermittelt und im Hinblick auf sicherheitstechnische und logistische Anforderungen auf Basis der Empfehlungen der Entsorgungskommission (ESK) untersucht. Das Öko-Institut hat nun die Auswertungen der BGZ, die das ZBL planen, errichten und betreiben wird, unabhängig nachgeprüft.

Zentrale Frage bei der Auswahl des Standorts ist dabei, kann er zeitnah verfügbar sein. Nur so kann sichergestellt werden, dass das ZBL rechtzeitig in Betrieb gehen kann, um den Einlagerungsbetrieb nicht zu verzögern. Das Endlager Konrad soll voraussichtlich 2027 in Betrieb gehen. Für die Bewertung haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Öko-Instituts folgende Kriterien des BGZ nachgeprüft:

  • Entfernung des Standorts zum Endlager Konrad
  • Größe des Standortes
  • Abstand zu bestehenden Gleisanlagen zum Transport
  • Abstand zu Wohnsiedlungen
  • Kein Naturschutzgebiet

Insgesamt haben die Expertinnen und Experten des Öko-Instituts für den Standort Würgassen kein Risiko identifiziert, das die zeitnahe Umsetzung des zentralen Bereitstellungslagers behindern könnte.

„Dennoch sind aus unserer Sicht weitere Planungen, Untersuchungen und Nachweise erforderlich, die im Genehmigungsverfahren im Detail geprüft werden müssen“, betont Julia Neles, Expertin für die Lagerung radioaktiver Abfälle am Öko-Institut. „Dazu gehört etwa, ob bauliche Maßnahmen gegen Hochwasser ergriffen werden müssen.“

(Die folgenden Studien sind direkt hier und hier als PDF zum download, umweltFAIRaendern)

Studie „Stellungnahme zur Herleitung der Standortempfehlung „Zentrales Bereitstellungslager Konrad“ der BGZ“ des Öko-Instituts

Studie „Bewertung der grundsätzlichen Eignung des Standorts Würgassen für die Errichtung und den Betrieb eines Zentralen Bereitstellungslagers Konrad (ZBL)“ des Öko-Instituts

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