Spurensuche: Nazi-Deutschland und die Atombombe – Kurt Diebner, Paul Harteck, schweres Wasser aus Norwegen und tote Partisanen

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Kurt Diebner (Mitte) und die Nazi-Atombombe: Tote Partisanen und Norweger für die Beschaffung von schwerem Wasser für die Forschung.

Am 20. Dezember 1943 – kurz vor Weihnachten – sitzen die Herren Diebner, Harteck, Orlicek und einige andere in Leuna (Wikipedia) zusammen. Ihr Thema: „Übernahme der SH 200-Anlagen in Norwegen nach Mitteldeutschland“. Über dem Protokoll der Besprechung (Deutsches Museum, Geheimakten) in knallrot der Stempel: „Geheim! 1. Dies ist ein Staatsgeheimnis im Sinne §88 RStG.“ Kein Wunder: Die Herren beratschlagen, wie sie die Versorgung mit dem für die Atom(bomben)forschung dringend benötigten schweren Wasser (Deuterium) sicherstellen können. Dr. Diebner ist, so vermerkt es das Protokoll, „Bevollmächtigter für Kernphysik“. Er spricht abstrakt von „politischen Gründen“, die den Nachschub des dringend benötigten schweren Wassers aus Norwegen behindern. Was er nicht ausspricht: Mehrfach hatten norwegische Widerstandskämpfer und alliierte Luftangriffe die einzige Produktionsanlage im besetzten Norwegen bombardiert oder die Transporte angegriffen. Dabei kamen viele Menschen ums Leben und Partisanen wurden erschossen. „Spurensuche: Nazi-Deutschland und die Atombombe – Kurt Diebner, Paul Harteck, schweres Wasser aus Norwegen und tote Partisanen“ weiterlesen

Spurensuche Hitlers Bombe – Atomforschung in Nazi-Deutschland – Video-Dokumentation

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Video über die Nazi-Atomforschung. Carl Friedrich von Weizsäcker (Foto: Screenshot des Videos)

Über die Entdeckung der Kernspaltung und den Stand der Atomforschung in Nazi-Deutschland berichtet eine Video-Dokumentation aus dem Jahr 1992. Darin kommen die damals noch lebenden Wissenschaftler Carl-Friedrich von Weizsäcker und Erich Bagge zu Wort, die zu den maßgeblichen Atomforschern in Nazi-Deutschland gehörten. Bagge war Mitglied der NSDAP und gründete gemeinsam mit Kurt Diebner später die Atomforschungsanlage GKSS in Geesthacht bei Hamburg.

Das Video ist hier bei Youtube zu sehen (siehe auch unten).

Über Weizsäcker berichtet die Welt vor kurzem: „Carl Friedrich von Weizsäcker hat wohl gelogen. Neue Briefe des Nobelpreisträgers Werner Heisenberg zeigen, wie sehr der Physiker seinem Schüler und dessen Arbeit im NS-Atombombenprogramm misstraute.“ Weizsäcker hatte – wie auch andere Beteiligte – immer wieder versucht, das Streben nach einer Atombombe für Hitler zu relativieren und phasenweise sogar eine Darstellung betrieben, als hätten Wissenschaftler wie Heisenberg und er die Atombombe für Hitler hintertrieben zu haben. In dem Artikel heißt es u.a. anderem: „Hier findet man seinen Schüler Carl Friedrich von Weizsäcker, von dem inzwischen bekannt ist, wie dreist er die Nachwelt belogen hat. Weizsäcker hat uns vorgeschwindelt, in Deutschland habe man sich in den Kriegsjahren nur mit „wärmeliefernden Maschinen“ beschäftigt, während man inzwischen weiß, dass er mehrere Patente auf Plutoniumbomben erworben hat.“

Die Doku versucht mit dem Stand Anfang der 90er Jahre detailliert die bis dahin bekannten Atom(waffen)-Forschung in Nazi-Deutschland aufzuarbeiten, bezieht sich dabei unter anderem auf die Berichte über die Internierung zehn führender deutscher Forscher in Farm Hall (Großbritannien). Dort wurden die Forscher vom britischen Geheimdienst für rund zehn Monate interniert und ausgiebig über deren Forschungsarbeiten befragt. Während der gesamten Zeit wurden die deutschen Atomforscher abgehört.

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Heisenberg und Bohr nach dem Krieg. Foto: Internet

Ebenso geht der Bericht auf die Treffen von Werner Heisenberg mit dem im besetzten Dänemark lebenden Niels Bohr im Jahr 1941 ein. Weizsäcker begleitete Heisenberg und war an einigen dieser Gespräche beteiligt. Der ältere Bohr, unter dem Heisenberg lange Zeit gearbeitet hatte, war eine Art Mentor. Über den Inhalt und die Absichten dieses Treffens zwischen Bohr und Heisenberg gibt es zahlreiche Interpretationen und Deutungen. In Spektrum (Juli 1995) ist diese festgehalten:

„Er blieb eine Woche in Kopenhagen und hielt sich mehrfach in Bohrs Institut auf. Bei einem dieser Besuche führten er und Bohr ein privates Gespräch, bei dem es offensichtlich zu Missverständnissen kam. Weil Bohr ein schlechter Zuhörer war, könnten die beiden durchaus aneinander vorbeigeredet haben; keiner von beiden scheint sich Notizen gemacht zu haben, so daß niemand genau weiß, was sie wirklich besprachen.

Jedenfalls war Bohr nach dieser Unterhaltung fest davon überzeugt, daß Heisenberg an Kernwaffen arbeitete. Wie Aage Bohr sich später erinnerte, „kam Heisenberg auf die Frage nach den militärischen Anwendungsmöglichkeiten der Atomenergie zu sprechen. Mein Vater war sehr zurückhaltend und zeigte sich skeptisch wegen der großen technischen Schwierigkeiten, die gemeistert werden müßten, doch hatte er den Eindruck, Heisenberg sei der Ansicht, die neuen Möglichkeiten könnten den Ausgang des Krieges entscheidend beeinflussen, falls er sich länger hinziehen sollte“.“

Es lohnt sich, den Bericht in „Spektrum“ selbst zu lesen, um nachzuvollziehen, wie überaus schwierig die Spurensuche über die Atomforschung in Nazi-Deutschland war und ist. Es geht dort um die auch in der Video-Dokumentation enthaltene Skizze, die Bohr nach seiner Flucht aus dem besetzten Dänemark in die USA, den dortigen Atomwaffenforschern übergeben hat. Die Skizze soll das Grundprinzip eines Uran-Reaktors enthalten haben, die Bohr offenbar angesichts fehlender Kenntnisse für eine Bombe gehalten habe. Erst Ende 1943 in den USA erklärten ihm dortige Fachleute, dass es sich um einen Reaktor handeln würde. Doch ob es diese Skizze wirklich gab, ob sie tatsächlich von Heisenberg 1941 an Bohr in Kopenhagen übergeben wurde oder ob Bohr sie später auf Basis der Gespräche mit Heisenberg angefertigt hatte, konnte bis in die 90er Jahre nicht zweifelsfrei aufgeklärt werden (ob das inzwischen gelungen ist, entzieht sich meiner Kenntnis).

Der Autor Jeremy Bernstein stellt beeindruckend dar, wie kompliziert die Rekonstruktion dieser historischen Bausteine ist, selbst wenn es damals noch die Möglichkeit gab, mit einzelnen direkt beteiligten Personen persönlich zu sprechen.

Auch Mark Walker kommt in der Video-Dokumentation vielfach zu Wort. Vor allem Walker hat mit seinen Untersuchungen zum Stand der Atomforschung in Nazi-Deutschland wichtige Beiträge geliefert.

Walker hatte sich auch mit dem von Rainer Karlsch 2005 veröffentlichten Werk „Hitlers Bombe“ konstruktiv auseinander gesetzt. Darin hatte Karlsch damals Hinweise dafür geliefert, dass die Atomwaffenforschung in Nazi-Deutschland möglicherweise weiter war, als bis dahin angenommen worden war. Karlsch hatte sein Augenmerk nicht so sehr auf die Forscher-Elite um Heisenberg und Weizsäcker gerichtet, sondern ist vor allem den Tätigkeiten von Kurt Diebner (und auch Erich Bagge) nachgegangen. Diebner, Mitglied der NSDAP, war Anfang der 40er Jahre Chefkoordinator und maßgebliche Kraft im Waffenheeresamt für die Atomforschung. Unter seiner Regie entstand der Uranverein, in dem die Forschungen der beteiligten Atom-Experten abgestimmt bzw. diskutiert wurden.

Die Süddeutsche berichtet 2010 über eine Veranstaltung mit Karlsch und Walker: „“Es gab keine deutsche Atombombe“, sagte Mark Walker, ein New Yorker Wissenschaftshistoriker, der mit „Die Uranmaschine“ ein Standardwerk über das Kernwaffenprogramm der Nazis geschrieben hatte und deshalb mit auf dem Podium saß. Zumindest keine Atombombe, die mit dem, was die Amerikaner später auf Nagasaki abwarfen, vergleichbar gewesen wäre. Das aber würde Karlsch in dem Buch auch nicht behaupten. Alles, was er beschreibe, seien Versuche, eine Art von Kernwaffe zu bauen. Er habe, sagt Walker, Rainer Karlsch davor gewarnt, die Ergebnisse jener Versuche als Atombomben zu bezeichnen. Die Verwirrung, die dies in den Medien ausgelöst habe, sei vorherzusehen gewesen.“

Was Karlsch in seinem Buch herausarbeitet und mit vielen Hinweisen zu untermauern versucht, ist in der Tat im klassischen Sinn keine Atombombe, sondern der Versuch, über Hohlladungs-Sprengungen eine nukleare Reaktion auszulösen. Diese Art von „Atomwaffe“ würde heute mit dem Stichwort „Mini-Nukes“ bezeichnet werden.

Weiter schreibt die Süddeutsche: „Walker bemühte sich, die eigentlichen Rechercheleistungen des Buches hervorzuheben. Karlsch hatte in Moskauer Archiven beispielsweise eine Rede Heisenbergs entdeckt, nach der er, Walker, vergeblich gesucht hatte. Er hatte außerdem zeigen können, dass es neben Heisenberg eine Gruppe bislang unterschätzter deutscher Wissenschaftler gegeben hatte, die im Auftrag der SS arbeitete und offenbar weniger Skrupel hatte, eine solche Waffe zu entwickeln, als Heisenberg und Kollegen.“ (Und direkt im Anschluss schreibt der SZ-Autor: „Sie scheiterten letztlich daran, dass sie für die Bombe nicht ausreichend spaltbares Material hatten. Der Reaktor, in dem sie versuchten Uran anzureichern, lief, wenn überhaupt, nur wenige Tage.“)

Uran-Verein: Bohr-Briefe an Heisenberg im Internet veröffentlicht (Februar 2002)

Uran-Verein: Bohr-Briefe an Heisenberg im Internet veröffentlicht
Diskussion um Rolle deutscher Physiker bei der Entwicklung der Atombombe für die Nazis neu entfacht

B.O.A.-NACHRICHTEN last update: boa München, Fr. 08.02.2002 – 14:00

Nach Darstellung des dänischen Atomphysikers Niels Bohr glaubte der deutsche
Physiker Heisenberg an den Sieg der Natioalsozialisten mit Atomwaffen.
Der deutsche Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker widerspricht.
Heisenberg und Weizsäcker hatten für das NS-Regime am deutschen
Atom-Projekt „Uran-Verein“ mitgewirkt.
Das Uran-Projekt
Farm Hall
Dr. Heisenberg – oder wie er vielleicht doch lernte, die Bombe zu lieben
Zwei Genies und die Bombe.
Bücher über Werner Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis.

 

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Bohr-Briefe an Heisenberg veröffentlicht

Bericht über Treffen beider Physiker zu Atomwaffenplänen der Nationalsozialisten

Fr. 08.02.02 – Der Streit um die Rolle der deutschen Physiker Werner Heisenberg (1901-1976) und Carl Friedrich von Weizsäcker während der NS-Zeit ist neu entbrannt. Auslöser sind bislang unveröffentlichte Dokumente des dänischen Atomphysikers Niels Bohr. Die beiden Deutschen sollen 1941 bei einem Treffen im damals besetzten Kopenhagen versucht haben, Bohr von der Unausweichlichkeit eines deutschen Sieges durch noch zu entwickelnde Atombomben im Zweiten Weltkrieg zu überzeugen.

Insgesamt elf Brief- und Textentwürfe des 1962 gestorbenen Bohr wurden am Mittwoch im Internet veröffentlicht. In einem 1957 oder 1958 abgefassten, aber nie abgeschickten Brief an Heisenberg schrieb Bohr: „Es hat großen Eindruck auf mich (…) gemacht, dass du und Weizsäcker eure sehr entschiedene Überzeugung zum Ausdruck gebracht habt, dass Deutschland siegen würde und es deshalb dumm von uns anderen sei, weiter auf einen anderen Ausgang zu hoffen.“

Zu den für Bohr vorher völlig unbekannten Anstrengungen Deutschlands zum Bau einer Atombombe hieß es in dem Briefentwurf: „Du sprachst in vagen Wendungen, die mir den klaren Eindruck vermitteln mussten, dass man in Deutschland unter deiner Leitung alles tat, um eine Atombombe zu entwickeln. Und dass wir nicht über Detailssprechen bräuchten, weil du so stark daran beteiligt gewesen seist und dich in den vergangen zwei Jahren mit nichts anderem beschäftigt hättest.“

Der 89-Jährige von Weizsäcker widersprach der Darstellung Bohrs. Der am Starnberger See lebende Bruder des Ex-Bundespräsidenten sagte: „Bohr ist in seiner Erinnerung einem tiefen Irrtum erlegen.“ Im September 1941 hätten Heisenberg, er selbst und andere ihre Arbeit an einer deutschen Atombombe schon ergebnislos eingestellt. „Wir waren darüber froh, denn vorher hatten wir Angst, dass wir sie für ein Scheusal wie Hitler bauen würden“, sagte er.

In Wirklichkeit soll Heisenberg den damals weltberühmten Bohr dazu bewegen haben wollen, auch die USA und Großbritannien zu einem Verzicht auf die Entwicklung vonAtomwaffen zu bewegen. „Davon wollte Bohr nichts wissen, und er hat das Gespräch sehr brüsk beendet“, erklärte von Weizsäcker. Auch Heisenberg hatte den von Bohr behaupteten Gesprächsverlauf nach Kriegsende stets bestritten und erklärt, er habe seinen Ex-Lehrer und väterlichen Freund vor allem warnen wollen.

Bohr hat den Brief geschrieben, nachdem er die dänische Übersetzung des deutschen Buchs „Heller als 1000 Sonnen“ von Robert Jungk mit der von seiner Erinnerung abweichenden Darstellung des Treffens durch Heisenberg gelesen hatte. Jungk hatte in seinem 1956 erschienenen Bestseller berichtet, Heisenberg habe Bohr zum inneren Widerstand gegen den Bau der Atombombe bewegen wollen – eine Version der Ereignisse, die noch dem Buch „Heisenberg’s War“ (1993) von Thomas Powers zu Grunde liegt. Und dieses wiederum lieferte den Stoff für das Theaterstück „Kopenhagen“ (1998) von Michael Frayn, einen Welterfolg, in dem die Geister von Niels Bohr, seiner Frau Margarethe und Werner Heisenberg darüber diskutieren, was an jenem Tag tatsächlich geschehen ist.

Den Anlass zur Veröffentlichung der elf Dokumente hatte das Drama von Michael Frayn und die darauf folgende wissenschaftshistorische Debatte gegeben. Sieht Michael Frayn sich jetzt widerlegt? „Für Bohr wie für Heisenberg muss dieses Treffen wie ein Albtraum gewesen sein, mit dem sie sich immer wieder beschäftigt haben, sagt er der Süddeutschen Zeitung. „Es ist nicht verwunderlich, dass dabei am Ende zwei Varianten entstehen.“ Niels Bohr floh 1943 über England in die Vereinigten Staaten. Für deren Atomprogramm ist er kaum noch nützlich gewesen.

Die Dokumente sind in Dänisch, in einem Fall in Deutsch, sowie generell in englischer Übersetzung im Internet abrufbar unter: http://www.nbi.dk/NBA/papers/docs/cover.html
Hinweise auf die Spekulation, dass Heisenberg seinen früheren Lehrer Bohr zu einer Mitarbeit am deutschen Atombombenprojekt „Uran-Verein“ überreden wollte, geben die Dokumente allerdings nicht.

„…Wie du aus unseren Unterhaltungen in den ersten Jahren nach dem Krieg weißt, haben wir hier einen ziemlich anderen Eindruck von dem, was während dieses Besuchs geschah, als du es in Jungks Buch beschrieben hast…

…Es musste mich sehr stark beeindrucken, dass du gleich am Anfang behauptetest, du seist sicher, der Krieg werde mit Atomwaffen entschieden, wenn er nur lange genug dauere. Ich wusste zu dieser zeit überhaupt nichts von den Vorbereitungen, die in England und Amerika liefen. Als ich vielleicht ein bisschen zweifelnd schaute, fügtest du hinzu, ich müsse einsehen, dass du dich in den vergangenen Jahren nahezu ausschließlich mit dieser Frage beschäftigt hättest und nicht daran zweifeltest, dass sie (die Atombombe, Anm. d.Red.) gebaut werden könne. Deshalb ist es ziemlich unverständlich für mich, dass du denken könntest, du hättest mir einen Hinweis darauf gegeben, dass die deutschen Physiker alles tun würden, um so eine Anwendung der Atomforschung zu verhindern.“

Auszüge aus einem der jetzt veröffentlichten Briefe
von Bohr an Heisenberg (vom 26.März 1962)

 

„…Wir wussten also, dass man grundsätzlich Atombomben machen kann, haben aber den dazu nötigen technischen Aufwand eher für noch größer gehalten, als er dann tatsächlich war. Diese Situation schien uns eine besonders günstige Voraussetzung dafür, dass Physiker Einfluss auf das weitere Geschehen nehmen konnten. Denn wäre die Herstellung von Atombomben unmöglich gewesen, so wäre das Problem gar nicht entstanden; wäre sie aber leicht möglich gewesen, so hätten Physiker sicher die produktion nicht verhindern können … In dieser Lage glaubten wir, dass dieses Gespräch mit Bohr nützlich sein könne…“

Auszüge aus dem Brief von Heisenberg
an den Journalisten Robert Jungk (1958 publiziert)

 

„Er sagte mir hinterher, dass er mit falschen Vorstellungen dorthin gefahren sei. Er rechnete nicht damit, dass Bohr angesichts der deutschen Bedrohung Angst um sein Leben haben könnte und mißtrauisch gegenüber jedem Gast aus Deutschland war. Heisenberg hatte in dem Gespräch angedeutet, „wir bauen einen Reaktor“, und er signalisierte dabei nur – denn aussprechen konnte er das ja wegen der Gefahr des Geheimnisverrates nicht -, dass man nicht plante, eine Bombe zu bauen. Als Borh darauf einwand, die Kettenreaktion funktioniere doch gar nicht, und Heissenberg entgegnete, er sei überzeugt, dass es doch funktioniere, war klar wie unterschiedlich die Auffassungen der beiden über die Machbarkeit der Bombe waren. Bohr war total außer sich.“

(Hans-Peter Dürr gegenüber der FAZ, 12.02.02. Der Physiker Dürr ist Träger des alternativen Nobelpreises und einer der profiliertesten Kritiker der Atomindustrie. Dürr kam 1958 an das Göttinger Max-Planck-Institut für Physik zu Heisenberg, wo er bis zu dessen Tod im Jahre 1976 als einer der engsten Vertrauten Heisenbergs tätig war.)

 

„…Man erfährt zum ersten Mal explizit Bohrs Einschätzung über das Gespräch. Dass es damals den Anschein hatte, als ob Heisenberg und sein Reisebegleiter Carl Friedrich von Weizsäcker fest von einem Sieg Nazideutschlands überzeugt seien und dass Bohr nicht den Eindruck hatte, die deutschen Wissenschaftler wollten den Bau der Atombombe verhindern, wusste man bisher nur aus den Berichten von Bohrs Institutsmitarbeitern und seinem Sohn Aage. Direkt aus Bohrs Feder bekommt die Aussage nun größere Autorität. Gleichzeitig belegen die Schriftstücke, wie intensiv sich Bohr bis fast zu seinem Tod mit dem Gespräch und damit auch mit seiner Beziehung zu Heisenberg auseinander gesetzt hat…

…Er (Heisenberg, Anm. d.Red.) war kein Nazi. Aber er war der Chef eines der größten Forschungsvorhaben im Dritten Reich, nämlich des Uran-Projekts. Insofern galt er im Ausland als Repräsentant des Regimes auf dem Gebiet der Physik. Und als solcher wurde er auch in Dänemark wahrgenommen…

…(Bohrs Briefe) bestätigen zumindest, dass Heisenberg kein strahlender Widerstandskämpfer und keine moralische Instanz im Dritten Reich war. Er hat vielmehr seine Kompromisse mit den damaligen Machthabern geschlossen und vielfach opportunistisch gehandelt…

…Physiker verhalten sich, gutwillig ausgedrückt, in politische Dingen oft sehr naiv. Und sie sind meist so eng mit ihrer Wissenschaftswelt verhaftet, dass sie die politische Dimension ihres Tuns nicht wahrnehmen wollen. Das ist im Übrigen kein alleiniges Problem der Physik, sondern ein allgemeines Problem von geistigen und technokratischen Eliten, und zwar bis heute.“

Auszüge aus dem Interview mit dem Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann in der Wochenzeitung „Die Woche“(15.02.02). .

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Das Uran-Projekt

Das Uran-Projekt des „Dritten Reiches“ stand unter Aufsicht des Heereswaffenamtes, das einigen Dutzend Wissenschaftlern die Aufgabe übertrug, das wirtschaftliche und militärische Potential der Kernspaltung zu untersuchen, die Ende 1938 von Otto Hahn und Fritz Straßmann entdeckt worden, und danach durch ihre frühere Kollegin Lise Meitner theoretisch erläutert worden war.

Während des Blitzkrieges von September 1939 bis zu den letzten Monaten des Jahres 1941 kamen die deutschen Wissenschaftler, die gemeinsam am Uran-Projekt arbeiteten, zu dem Schluß, das nukleare Sprengstoffe in Form von reinem 238Uran und Plutonium durch Isotopentrennung beziehungsweise einen Nuklearreaktor erzeugt werden könnten.

Sobald die Beteiligten am Uran-Projekt zu wichtigen Ergebnissen gelangt waren, teilten sie diese dem Heereswaffenamt mit und betonten zugleich die Relevanz der Ergebnisse im Hinblick auf die Herstellung atomarer Waffen. Werner Heisenberg hatte z. B. gegen Ende des Jahres 1939 dem Heereswaffenamt mitgeteilt, daß isotopisches 235Uran ein starker atomarer Sprengstoff wäre. Im Sommer 1940 meldete Carl Friedrich von Weizsäcker an die gleiche Stelle, daß ein spaltbares transuranisches Element (welches die Deutschen in der Folge als Plutonium erkannten) in einem Atomreaktor erzeugt werden könne. Zu einem späteren Zeitpunkt des gleichen Jahres bezog Otto Hahn sich auf die militärische Bedeutung der Arbeit von Weizsäckers, als er dem Heer deutlich machte, daß die Erforschung transuranischer Elemente in seinem Institut Unterstützung verdiente.

Im Januar 1942 fragte das Heereswaffenamt die Wissenschaftler des Projektes zum ersten und letzten Mal, ob Atomwaffen realisierbar seien und wann mit ihnen zu rechnen sei. Die Wissenschaftler stimmten zu, daß Atomwaffen erzeugt werden könnten, daß dies aber mindestens einige Jahre in Anspruch nehmen würde.

Der Leiter der Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes Erich Schumann kam zu dem berechtigten Schluß, daß die Nuklearforschung für den Krieg, den Deutschland führte, irrelevant war und gab das Uran-Projekt in zivile Hände.

Die Arbeit wurde im Labor von etwa fünfzig vollzeit- oder teilzeitbeschäftigten Forschern fortgeführt; man untersuchte alle Aspekte der angewandten Kernspaltung. Diese Wissenschaftler waren insbesondere bemüht, die beiden starken nuklearen Sprengstoffe 235Uran und Plutonium zu analysieren und zu erzeugen.

Obwohl die Deutschen weiterhin sehr hart an Atomreaktoren und der Isotopentrennung arbeiteten, konnten sie erst am Ende des Krieges die Ergebnisse vorweisen, zu denen Amerikaner und Briten bereits im Sommer 1942 gelangt waren. Die deutschen Wissenschaftler betonten gegenüber dem nationalsozialistischen Staat auch weiterhin den militärischen Aspekt ihrer Arbeit.

Paul Harteck versuchte 1942 das Heereswaffenamt zu überzeugen, daß die Erforschung der Isotopentrennung mehr Unterstützung verdiene, da sie die besten Aussichten auf die Erzeugung nuklearer Sprengstoffe böte. Im Februar desselben Jahres hielt Werner Heisenberg einen berühmten Vortrag über „Die theoretische Grundlage für die Energieerzeugung durch Uranspaltung“ vor einem Publikum führender Vertreter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, der Staatsbürokratie, der Streitkräfte und der deutschen Industrie. Einerseits teilte Heisenberg dem Publikum mit, daß 235Uran und Plutonium nukleare Sprengstoffe mit einer „vollkommen unvorstellbaren Wirkung“ seien, auf der anderen Seite betonte der Physiker jedoch, daß die Gewinnung dieser Sprengstoffe sehr schwierig sei und daß noch viel Arbeit vor ihnen liege.

Die Mitarbeiter des Uran-Projektes ließen die Arbeit an diesen Stoffen nie ruhen. Als sich jedoch mit fortschreitender Zeit die Lage der Deutschen im Krieg verschlechterte, wurde die militärische Nutzung der Kernspaltung nicht mehr in der Öffentlichkeit diskutiert.

Bei Kriegsende wurden die meisten dieser Wissenschaftler verhaftet und von der Alsos-Mission verhört, einer wissenschaftlichen Geheimdiensttruppe der amerikanischen Streitkräfte. Ironischerweise glaubten die Deutschen, daß ihre Errungenschaft – die vollständige Trennung kleinster Mengen von 235Uran und ein Atomreaktor bestehend aus natürlichem Uran und schwerem Wasser, welche fast kritisch wurde (d.h. er ermöglichte beinahe eine Atomspaltungskettenreaktion und hielt diese aufrecht) – die Alliierten überflügelt hätte.

Die deutschen Wissenschaftler änderten abrupt ihre Meinung, als die Nachricht des Angriffs auf Hiroshima enthüllte, daß die Amerikaner Atomwaffen gebaut und eingesetzt hatten. Zehn dieser Wissenschaftler waren in England interniert. Sie wollten die Nachricht zunächst nicht glauben. Sogar nachdem sie überzeugt waren, daß die Amerikaner eine Atombombe gebaut hatten, hielten die Deutschen in Farm Hall untereinander an ihrer Argumentation fest, daß einige Aspekte ihrer Arbeit der Arbeit der Amerikaner überlegen sein könnten.

Nach und nach, als immer mehr Informationen über das amerikanische Projekt zu ihnen durchdrangen, mußten sie zugeben, daß die Amerikaner sie übertroffen hatten. (Quelle: Mark Walker – Das Uran-Projekt http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-95/9521401m.htm ; in „Der Griff nach dem atomaren Feuer. Die Wissenschaft 50 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki“. Herausgegeben von U. Albrecht, U. Beisiegel, R. Braun und W. Buckel, Frankfurt a.M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1995. )

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Carl Friedrich von Weizsäcker
widerspricht Darstellung Bohrs

Fr. 08.02.02 – Carl Friedrich von Weizsäcker widerspricht vehement der Darstellung Bohrs in einem Interview der Süddeutschen Zeitung: Er sei mit Heisenberg in gleichsam diplomatischer Mission nach Kopenhagen gefahren. Man habe Bohr davon überzeugen wollen, dass die Deutschen in absehbarer Zeit nicht in der Lage sein würden, sich mit Atombomben zu bewaffnen. Gemeinsam müsse man nun dafür sorgen, dass der Krieg mit konventionellen Waffen beendet werde. „Bohr hat nicht verstanden, was Heisenberg wollte“, sagt Weizsäcker.

Mehr unter:
http://www.sueddeutsche.de/aktuell/sz/artikel120515.php

„Neben Max Planck und Otto Hahn gehörte Werner Heisenberg zu den wenigen renommierten Physikern, die im Nazi-Deutschland blieben, obwohl er wiederholt Angebote hatte ins Ausland zu gehen – weil er sein Land nicht im Stich lassen wollte, wie er sagte. Doch statt sich zu verkriechen und Integrale zu lösen, wurde er bereitwillig Leiter des deutschen Uran-Projekts und bereiste auch als Repräsentant der „Deutschen Kultur“ die okkupierten Gebiete. Heisenberg war mit Sicherheit kein Nazi, aber er war auch nicht der Widerstandskämpfer, zu dem ihn Robert Jungk stilisiert hat – ohne dass Heisenberg dagegen protestiert hätte. Die antisemitische Propaganda der Nazis hat ihn verstört, aber seine Reaktion war nur „akademisch“, wie es der Berliner Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann nennt. In Farm Hall zeigte er sich über die Nachricht von Hiroshima schockiert, weniger wegen politischer Konsequenzen oder menschlicher Tragödien, sondern vielmehr weil ein anderes Team als sein eigenes es geschafft hatte, die Bombe zu bauen.“ Jeanne Rubner in der Süddeutschen Zeitung vom 11.02.02.

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„Vor 16 Stunden hat ein amerikanisches Flugzeug über Hiroschima, einer wichtigen japanischen Militärbasis, eine Bombe abgeworfen. Sie hatte eine Sprengkraft von mehr als 20.000 Tonnen TNT.“

Mit diesen Worten trug der Pressesprecher des Weißen Hauses am 6. August 1945 um 10.45 Uhr in Washington die offizielle Verlautbarung seines Präsidenten Harry S. Truman vor.

Die ersten Reporter stürzten schon zum Ausgang, als der Sprecher weiterlas: „Es handelt sich um eine Atombombe. Sie verkörpert die Nutzbarmachung der elementaren Kräfte des Universums.“ (…)

Am selben Tag auf Farm Hall, einem großen Landsitz in der Nähe von Cambridge in England: Der Berliner Chemiker Otto Hahn, Entdecker der Kernspaltung, war hier zusammen mit den führenden Atomforschern Deutschlands interniert. Es war um die Abendessenszeit, als der britische Major, der die Gruppe betreute, mit einer Flasche Gin in der Hand bei Hahn anklopfte und ihm vom Atombomben-Abwurf über Hiroschima berichtete.

„Ich wollte es nicht glauben“, schrieb Hahn in sein Tagebuch. Er war „unglaublich geschockt und niedergeschlagen“. Der Tod so vieler „unschuldiger Frauen und Kinder war kaum zu ertragen“.

Hahn stärkte sich mit einem Gin, bevor er zum Abendessen ging, wo der Major den anderen die Nachricht überbrachte. Im Mittelpunkt der folgenden erregten Diskussion stand der Nobelpreisträger Werner Heisenberg, Leiter der ruhmlosen deutschen Bemühungen, eine Atombombe zu bauen.

Hahn: „Wenn die Amerikaner eine Uranbombe haben, dann seid ihr alle zweitklassig. Armer alter Heisenberg!“

Heisenberg: „Haben sie das Wort Uran gebraucht?“

Hahn: „Nein.“

Heisenberg: „Dann hat es auch nichts mit Atomen zu tun . . .“

Stundenlang stritten die Wissenschaftler über Ethik und Machbarkeit der Atombombe, nannten sie „entsetzlich“ und „irrsinnig“. Sie kamen nicht darauf, wie die Amerikaner die technischen Probleme gelöst haben könnten, an denen sie gescheitert waren.

Hahn empfahl zum Abschluß der Debatte, darauf zu wetten, daß alles ein großer Bluff der Amerikaner sei. Er selbst schien davon nicht überzeugt. Er wirkte so verstört, daß Heisenberg und die anderen fürchteten, er könne sich das Leben nehmen.

Heisenberg äußerte später harsche Selbstkritik: „Eine Schande, daß wir, die Professoren, die daran gearbeitet haben, nicht einmal dahintergekommen sind, wie sie es gemacht haben.“ (Quelle:http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,169627,00.html )

Operation Epsilon : The Farm Hall Transcripts:
http://www.amazon.com/exec/obidos/ASIN/0520084993/theatomicarchive

Auszug des Farm Hall Transcripts:
http://www.atomicarchive.com/Docs/Farmhall.shtml

Deutsche Physiker haben während ihrer Internierung im englischen Landhaus Farm Hall behauptet, sie hätten die Entwicklung der Atombombe bewusst verzögert. Dazu der Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann: „Das ist reiner Mythos. Alle Fakten sprechen dagegen.“

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Dr. Heisenberg – oder wie er vielleicht doch lernte, die Bombe zu lieben

Zur Begegnung zwischen Niels Bohr und Werner Heisenberg gibt es bei „telepolis“ einen ausführlichen Beitrag von Goedart Palm.
Im Internet abrufbar unter:
http://www.heise.de//tp/deutsch/inhalt/lis/11574/1.html

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„Mehr Wahrheiten über Herrn H.“

Bücher über den deutschen Physiker Werner Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis

1. Jorge Volpi – „Das Klingsor-Paradox“

Deutschland, im Mai 1945: In der Universitätsstadt Heidelberg trifft der holländische Physiker Samuel I. Goudsmit auf den deutschen Physiker Werner Heisenberg. Dem amerikanischen Leutnant Francis Bacon erzählt Goudsmit hinterher, er habe Heisenberg das gleiche Angebot wie bei ihrer letzten Begegnung gemacht: Er habe ihn eingeladen, in den USA zu arbeiten. Heisenberg habe abgelehnt – wie damals. „Mit diesem typisch deutschen Ausdruck der Überlegenheit hat er nur gesagt: ,Nein, ich möchte nicht fortgehen. Deutschland braucht mich.‘ “

So schildert der mexikanische Schriftsteller Jorge Volpi in seinem Roman „Das Klingsor-Paradox“ die erste Begegnung der ehemaligen Kollegen Goudsmit und Heisenberg nach dem Krieg.

Samuel Goudsmit leitete damals die wissenschaftliche Abteilung der britisch-amerikanischen Alsos-Mission, die den Stand der deutschen Atomforschung in Erfahrung bringen sollte. In den letzten Wochen des Krieges bestand das oberste Ziel der Alsos-Mission darin, die zehn Wissenschaftler, die mit dem deutschen Atomprojekt in Verbindung standen, festzunehmen, bevor sie den Russen oder den Franzosen in die Hände fielen.

Mit der Verhaftung der deutschen Wissenschaftler, die im so genannten Uranverein während der Nazizeit über die wirtschaftliche Nutzung der Atomenergie forschten, wurde dieses Stück Wissenschaftsgeschichte zum Krimi. Die Engländer internierten die Deutschen in Farm Hall, einem Gebäude des britischen Geheimdienstes, das mit Wanzen gespickt war. Sechs Monate lang wurden die Gespräche der Wissenschaftler aufgezeichnet. Amerikaner und Briten wollten vor allem Klarheit darüber erlangen, ob die Deutschen noch irgendwo Forschungsmaterial versteckt hielten und ob die Wissenschaftler nach ihrer Freilassung vorhatten, für die Russen zu arbeiten. Bis Anfang der Neunziger hielten die Briten die aufschlussreichen Protokolle dieser Überwachungsaktion vor der Öffentlichkeit geheim.

Doch auch nach Veröffentlichung der Protokolle ist Heisenbergs Rolle in der Atomforschung im Dritten Reich immer noch unklar.

Jorge Volpi: „Das Klingsor-Paradox“. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Klett-Cotta, Stuttgart 2001, 510 Seiten

2. Michael Frayn – „Kopenhagen“

Viel ist darüber gemutmaßt worden, warum Heisenberg im September 1941 seinen väterlichen Freund Niels Bohr in dessen Kopenhagener Institut aufsuchte. Wollte er Bohr etwa für eine Zusammenarbeit mit den Deutschen gewinnen? Wollte er ihn aushorchen? Wollte er ihn warnen? Fest steht, dass es zwischen den beiden zum Streit kam und dass die Kränkung so tief saß, dass sie sich auch nach Kriegsende nicht mehr beseitigen ließ. Amerikanische, englische und deutsche Wissenschaftshistoriker haben unzählige Hypothesen über das Treffen entwickelt, die sich auch in Volpis Roman widerspiegeln. Der britische Dramatiker Michael Frayn hat aus dieser Begegnung ein Aufsehen erregendes Theaterstück gemacht, das zusammen mit zwölf Aufsätzen von Wissenschaftshistorikern in einem Buch herauskam.

Michael Frayn: „Kopenhagen“. Wallstein Verlag, Göttingen 2001, 270 Seiten

3. Paul Lawrence Rose – „Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis“:

Nach dem Krieg mussten Heisenberg und seine Kollegen sich nicht nur dafür rechtfertigen, dass sie während des Nationalsozialismus in Deutschland geblieben waren; sie mussten auch eine plausible Erklärung dafür finden, warum es ihnen, die als die besten Physiker der Welt galten, im Gegensatz zu den Amerikanern und Briten nicht gelungen war, die Bombe zu bauen. In den Farm-Hall-Protokollen findet sich, wenige Stunden nachdem die Internierten vom Atombombenabwurf auf Hiroschima erfahren haben, eine zynische Bemerkung von Otto Hahn: „Falls die Amerikaner eine Uranbombe haben, seid ihr alle zweitklassig.“ Vor diesem Hintergrund wird alles, was die Wissenschaftler nach dem Krieg über ihre Tätigkeit im Uranverein sagten und schrieben, zu einem vielfach interpretierbaren Text. So entstand auch die (von Heisenberg beförderte) von Robert Jungk in dem Buch „Heller als tausend Sonnen“ verbreitete Lesart, Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker hätten den Bau der Bombe mit falschen Berechnungen sabotiert.

Verklärte Jungk ihn zum heimlichen Widerstandskämpfer, so beschreibt ihn der Amerikaner Paul Lawrence Rose in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch „Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis“ als überheblichen „typisch deutschen“ Wissenschaftler und als Repräsentant der „tiefsinnigen deutschen Kultur“. Aus reiner Arroganz, so Rose, sei Heisenberg am Bau der Bombe gescheitert und habe daher im Nachhinein versucht, sich als von moralischen Überlegungen geleitet darzustellen.

Jungk hat seine Heisenberg-Legende später revidiert.

Paul Lawrence Rose: „Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis“. Aus dem Englischen von Angelika Beck. pendo Verlag, Zürich 2001, 500 Seiten, 58 Mark

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Zwei Genies und die Bombe

„Er hat es immer und immer wieder erklärt, und jedes Mal wurde es noch undurchschaubarer.“

Margarethe Bohr in Michael Frayns Theaterstück „Copenhagen“ über den deutschen Atomphysiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg.

Irgendwann zwischen Nachmittag und frühem Abend gehen in Kopenhagen zwei bedeutende Wissenschaftler miteinander spazieren. Sie durchwandern – vermutlich am 16. September 1941 – den zur Carlsberg-Brauerei gehörenden, von mächtigen Platanen, japanischen Gingkos und dichten ungarischen Silberlinden gesäumten weitläufigen Faelled-Park.

Das Gelände umschließt ein elegantes klassizistisches Schloss, ein so genanntes „Haus der Ehre“, das der allerorten gefeierte „Papst“ der Atom- und Elementarteilchen-Physik, der damals 55jährige Niels Bohr, bewohnt. Er hat Besuch von seinem ehedem besten Schüler, Werner Heisenberg, 39, aus Berlin…

Weiter unter:
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,92601,00.html

 

Das Treffen von Heisenberg und Bohr in Kopenhagen 1941 ist der Aufhänger für die Frage nach dem Verhalten der intellektuellen Elite in einem Unrechtregime – und nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Moral- Die Süddeutsche Zeitung sammelt Beiträge zu dieser Debatte auf der Webseite http://www.sueddeutsche.de/kopenhagen

 

(Quellen: ap, mdr, sz, telepolis, taz, dw, boa-archiv)
 


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Nazi-Deutschland und „Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938 – 1945“

DeutschesMuseum-GeheimdokumenteAtomNS-1
Staatsgeheimnis – Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938 – 1945 im Online-Archiv des Deutschen Museums. Auszug aus einem dort veröffentlichten Protokoll.

„Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938 – 1945“, so lautet die Überschrift von Original-Dokumenten über die Atomforschung in Deutschland aus der Nazi-Zeit, die beim Deutschen Museum online verfügbar sind. Die Dokumente geben schlaglichtartig einen Eindruck, mit welchen Fragen die Atomforscher im deutschen Faschismus und unter den Bedingungen des Zweiten Weltkriegs arbeiteten und welche Probleme sie dabei hatten. Unter den Dokumenten befinden sich auch Protokolle über „Befragungen“ der ALSOS-Mission. Dieses Kommando der USA hatte noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs die Aufgabe, die deutsche Atomforschung aufzudecken, u.a. um festzustellen, ob Nazi-Deutschland eine Atombombe entwickelte.

In dem Archiv finden sich Dokumente über die Forschungsarbeiten z.B. in Hamburg. Dort arbeitete eine Gruppe um den „Physikochemiker Paul Harteck – beteiligt waren Wilhelm Groth, Hans Suess, Friedrich Knauer und teilweise Johannes Jensen aus Hannover“. Diese Gruppe gehörte laut Angaben des Deutschen Museums zu den aktivsten im Uranverein. Zu den Forschungsschwerpunkten gehörten die Entwicklung einer Uranisotopentrennung und die Produktion von schwerem Wasser. Hier finden sich u.a. die folgenden Dokumente (Links verweisen auf den Server des Deutschen Museums):

Zur Urananreicherung und der militärischen Bedeutung siehe hier auf dieser Seite:

Auch über andere Atom-Forschungszentren im Nazi-Deutschland gibt es Dokumente, z.B. auch über das Forschungszentrum Gottow. Das Deutsche Museum schreibt darüber: „Nach der Berufung Heisenbergs zum Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin 1942 musste der Kernphysiker beim Heereswaffenamt (HWA) Kurt Diebner das Institut verlassen. In Gottow, auf dem Gelände der Heeresversuchsstelle Kummersdorf gelegen, sammelte er im Auftrag des HWA junge Physiker um sich.“

Kurt Diebner war Mitglied der NSDAP und hatte bis dahin maßgeblich die Atomforschung in Nazi-Deutschland koordiniert und war bis 1942 beim Heereswaffenamt eine der treibenden Kräfte des „Deutschen Uranvereins“.  Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Gruppe um Kurt Diebner möglicherweise kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Ohrdruf/Stadtfilm thermo-nukleare Explosionen herbeiführte.

Kurt Diebner hatte 1956 eine Liste der „deutschen Geheimarbeiten zur Kernenergieverwertung während des zweiten Weltkrieges 1939 – 1945“ in der Zeitschrift „Atomkerntechnik“ veröffentlicht. Allerdings nicht unter seinem eigenen Namen, sondern unter dem Pseudonym Walter Tautorus. Erich Bagge, der mit Diebner im Heereswaffenamt arbeitete und mit ihm z.B. bereits im September 1939 einen vorbereitenden „Arbeitsplan zur Aufnahme von Versuchen für die Nutzbarmachung der Kernspaltung“ verfasste, berichtete laut dem Atomphysiker Döpel später, dass Diebner unter diesem Pseudonym schrieb, weil „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!).” (Quelle: Arnold, Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Straßmann (PDF), ausführlich auch hier:

Unter dem Stichwort „Mangelwirtschaft“ findet sich beim Deutschen Museum auch dieses Dokument: Besprechungsprotokoll zwischen Vertretern der I.G. Farben und Diebner, Harteck und Suess, 04.01.1944 (2 Dokumente). Darin besprechen die Beteiligten die Probleme zur Beschaffung von „schwerem Wasser“, das als Moderator für die Atomversuche unbedingt erforderlich war. Mit den Lieferungen aus der einzigen bestehenden Anlage im besetzten Norwegen gab es aufgrund von Sabotageaktionen durch Partisanen und durch Luftangriffe der Alliierten erhebliche Probleme.

Weitere Dokumente finden sich beim Deutschen Museum über die Forschungszentren in Wien, Heidelberg, Straßburg, sowie in Leipzig und Berlin.

Zu den insgesamt veröffentlichten Dokumenten informiert das Deutsche Museum auf der Startseite des Archivs über den Kontext, wie die Dokumente in den Besitz des Museums gekommen sind und stellt außerdem fest: „Die hier wiedergegebenen 470 Dokumente sind nur ein kleiner Teil des gesamten Bestandes der geheimen Forschungsberichte, die an das Deutsche Museum übergeben wurden. Die hier vorgestellten Dokumente wurden für die Sonderausstellung vom 7. Mai 2001 bis 12. August 2001 ausgewählt.“

Vorweg steht zu lesen: „Am 29. November 1944 verhafteten Mitglieder der sogenannten „ALSOS-Mission“ in Strassburg erstmals deutsche Wissenschaftler, die im „Uranverein“ an einem geheimen Atomprogramm arbeiteten. Die amerikanische Gruppe mit dem Tarnnamen „ALSOS“ hatte die Aufgabe, den Stand der deutschen Kernforschung herauszufinden, die wichtigsten Forscher gefangen zu nehmen und entscheidende Dokumente und Apparaturen zu beschlagnahmen. Das militärische Kommando führte Oberst Boris Pash, als wissenschaftlicher Leiter fungierte der holländische Physiker Samuel Goudsmit.

Bis Ende Juli 1945 waren die Vorgaben im wesentlichen erfüllt. Obwohl deutsche Wissenschaftler umfangreiche Unterlagen vernichtet hatten, fielen der „ALSOS-Mission“ zentrale Berichte und Korrespondenzen in die Hände. Sie gaben Aufschluss über die deutschen Atomforschungen seit 1938. Die Dokumente waren meist als „geheim“ und „streng geheim“ eingestuft und hatten nur einen sehr kleinen Verteilerkreis.

Die erbeuteten Forschungsberichte wurden in die USA gebracht und ausgewertet. Erst 1970 erfolgte die Rückführung nach Deutschland. Seit 1998 sind die Geheimberichte zum deutschen Atomprogramm im Archiv des Deutschen Museums verwahrt…“

Spurensuche Atomenergie im Faschismus: Kurt Diebner, tote KZ-Häftlinge und die Angst vor dem Zuchthaus

KurtDiebner
Kurt Diebner, einer der führenden Köpfe der Atom-Forschung in Nazi-Deutschland. Noch 1956 hatte er offenbar Angst vor dem „Zuchthaus“.

„Bei dem Versuch mit W. Tautorus in Verbindung zu treten, zeigte sich, daß Tautorus gar nicht auffindbar war, und daß es sich um einen ehemaligen kaufmännischen Angestellten handelte, der (nach E.B.) jene Arbeiten nie gesehen hatte. Tautorus wurde (nach E.B.) von Diebner nur als Pseudonym benutzt, da „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!).“ (Quelle: Arnold, Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Straßmann (PDF), 2012, Technische Universität Ilmenau, S 14).

 

Kurt Diebner und die NS-Kernwaffe

Mitte der 2000er Jahre löste das von Rainer Karlsch verfasste Buch über „Hitlers Bombe“ eine umfassende Diskussion über die Atomforschung in Nazi-Deutschland zwischen 1938 und 1945 aus. Karlsch veröffentlichte nach umfangreichen Studien neue Dokumente und präsentierte Augenzeugenberichte. Waren bislang vor allem die Forschungen und (irreführenden) Darstellungen von Heisenberg, Weizsäcker (Die Zeit: Warum Hitler die Bombe nicht baute) etc. im Mittelpunkt, lenkte Karlsch die Aufmerksamkeit stärker auf die Tätigkeiten von Kurt Diebner.

Diebner war zunächst im Waffenheeresamt „Chefkoordinator“ des Uranvereins, forschte aber auch selbst an konkreten Zielsetzungen zur Atomenergie. Mit dem Begriff „Bombe“ meinte Karlsch nicht eine Atombombe, wie sie die USA 1945 über Hiroshima und Nagasaki zündeten. Zum Bau einer derartigen Atomwaffe waren die deutschen Forscher aufgrund der Kriegsumstände und mangelnder Ressourcen nicht in der Lage. Was Karlsch als Hitlers Bombe bezeichnet, ist eher im Bereich einer taktischen Atomwaffe anzusiedeln. Der Historiker Mark Walker („Die Uranmaschine“) stellte fest: „Es gab keine Atombombe, es war eine Kernwaffe“ (siehe Strahlentelex, 2005, PDF). Genauer müsste man vermutlich von Mini-Nukes sprechen. Siehe dazu hier Otfried Nassauer und hier Spiegel Online.

Im März 1945 sollen im Rahmen dieser Forschungen von Diebner im thüringischen Ohrdruf/Stadtfilm bis zu 700 Menschen ums Leben gekommen sein. In einem Briefwechsel mit dem Kernchemiker Fritz Straßmann berichtet der Atomphysiker Robert Döpel – beide ebenfalls aktiv in der NS-Atomforschung – davon, dass laut Erich Bagge Kurt Diebner das Pseudonym Walter Tautorus nutze, weil dieser noch 1956 das Zuchthaus fürchtete. (Erich Bagge gründete gemeinsam mit Kurt Diebner am 18. April 1956 die  Atomforschungsanlage „Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt GmbH“ (GKSS) östlich von Hamburg.)

In dem Beitrag „Spurensuche Hitlers Bombe“ auf diesem Blog war zu den Atom-Experimenten von Diebner zu lesen: „Sie brachten in Ohrdruf eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion. Dabei wurde wohl eine Urankugel durch das synchrone Zünden vieler Sprengsätze zur Kritikalität verdichtet. Ströme an Neutronen schossen auf den Spaltstoff. Hier bleibt offen, wie genau die superkritische Anordnung erzielt wurde. Karlsch vergleicht es mit einer taktischen Kernwaffe. Ein nuklearer Ablauf, der neben Hitze und Druck radioaktive Strahlung freisetzt und Konventionelles übertrifft. Dieser Strahleneffekt gleiche dem der Neutronenwaffe. (zitiert nach: Wolfgang G. Schwanitz vom Deutschen Orient-Institut Hamburg in einer Rezension über das Buch von Karlsch.)

Zwei solcher Explosionen sollen am 3. oder 4. und am 12. März 1945 im thüringischen Ohrdruf stattgefunden haben. Zuvor habe es einen ersten Test auf der Halbinsel Bug auf Rügen am 12. Oktober 1944 gegeben. 500 – 700 Tote soll es bei dem Versuch Anfang März gegeben haben, fast alles KZ-Häftlinge.

Unter dem Stichwort/Ortsnamen „Stadtfilm“ heißt es auf Wikipedia: „Bereits im August 1943 richtete die Forschungsgruppe um Kurt Diebner ein Kernforschungslabor in den Kellergewölben der damaligen Mittelschule ein. Dort wurden Experimente zur Urankernspaltung und Brennversuche mit Uran und Deuteriumoxide durchgeführt. Dieses Labor bestand bis Anfang April 1945, als Diebner angesichts der nahenden Alliierten mit seinen Forschungsergebnissen Richtung Bayern flüchtete.“ (Stadtfilm liegt rund 26 km Luftlinie von Ohrdruf entfernt.)

Schwanitz nennt diese Explosions-Versuche einen „technologischen Nebenpfad“ und nennt die Verantwortlichen: „Ihn beschritt unter dem Reichsführer der SS Himmler und Rüstungsminister Speer eine Physiker-Gruppe um Kurt Diebner, Walther Gerlach und SS-General Hans Kammler. Während letzterer die Absicherung stellte, war Diebner seit 1939 ehrgeiziger Leiter des Referats Atomphysik im Heereswaffenamt und Organisator der deutschen Nuklearforschung. In der bisherigen Forschung galt er nur als Randfigur wie auch Gerlach, den Hermann Göring Ende 1943 mit der entsprechenden Forschung beauftragt hatte. Sie brachten in Ohrdruf eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion.“

! Definitive Belege, dass es diese Explosionen gegeben hat, sind bis heute nicht erbracht. Karlsch führt dazu Augenzeugenberichte an. Versuche, mit technischen Mitteln über das Ausmessen von Bodenproben einen Nachweis über die Explosionen zu erhalten, sind bislang ohne wirkliches Ergebnis geblieben (siehe dazu ausführlich: „Spurensuche Hitlers Bombe“).

Bereits Anfang der 1990er Jahre wird Kurt Diebner in der Forschung zusehends als Kontrahent des Nobelpreisträgers Heisenberg dargestellt. 1991 macht z.B. Wolfgang Menge den Fernsehfilm „Ende der Unschuld“ und untersucht die Rolle deutscher Wissenschaftler bei der Erfindung der Atombombe. Die Zeit berichtet darüber unter der Überschrift: „Denn sie wußten, was sie tun„.

Dort heißt es: „Kurt Diebner dagegen, Kernphysiker und Regierungsrat im Heereswaffenamt, der bis Mitte 1942 offiziell leitete, was die Wehrmacht als „Atomkackerei“ verspottete, gesteht ohne Wenn und Aber, daß die Bombe gebaut werden sollte und daß alle im Verein – mit einer Ausnahme – Parteigenossen waren. Schon bald nach dem 1. September 1939, dem Überfall auf Polen, hatte er erklärt: „Ich habe vor, eine Uranbombe zu bauen, so schnell es geht.“ Und er wußte auch, die Kettenreaktion „wird die Welt verändern“. Der Zeit-Autor Michael Schwellen erwähnt, dass Menge mit „äußerster Akribie recherchiert“ habe.

Besonders wichtig ist der Hinweis: „Die Dialoge beruhen oft auf wörtlichen Zitaten aus Tagebüchern und Interviews. Professor Erich Dagge, ein von Diebner rekrutierter Assistent Heisenbergs und auch in Farmhall interniert, stand als wissenschaftlichen Berater dem Filmteam zur Verfügung.“

Dabei unterläuft der Zeit ein nicht unwichtiger Tippfehler: Nicht Dagge, sondern Bagge muss es heißen (zu Erich Bagge und Kurt Diebner siehe weiter unten).

Die bisherigen Ausführungen sollen darlegen, dass unter der Regie von Kurt Diebner trotz vieler Widrigkeiten intensiv und zielstrebig an der Entwicklung einer Kern-Waffe für Nazi-Deutschland gearbeitet wurde. Bei den Experimenten zur Entwicklung einer solchen thermo-nuklearen Bombe kamen nach heute vorliegenden Untersuchungen möglicherweise bis zu 700 Menschen ums Leben.

Zahlreichen Forschungsberichten ist zu entnehmen, dass Diebner ein gewisses „persönliches“ Problem hatte. Immer hatte der „Praktiker“ im Schatten des großen Heisenbergs gestanden, obwohl seine Forschungen in Nazi-Deutschland durchaus mit denen von Heisenberg mithalten konnten. Z.B. erzielten seine Experimente mit einer Würfelanordnung von Uran erheblich bessere Ergebnisse auf dem Weg zu einer sich selbst erhaltenden Kettenreaktion für einen Reaktor, als die Versuche von Heisenberg. Aber Diebners Engagement für eine „Nazi-Kernwaffe“ war spätestens nach 1945 nicht sonderlich opportun und es war besser, darüber nicht allzu laut zu sprechen. Darauf verweist Karlsch in Hitlers Bombe (S. 286 ff).

Tautorus und Bagges Hinweis auf Diebners Angst vor dem Zuchthaus

Aber Diebner wollte seine „Verdienste“ offenbar nicht völlig übersehen wissen. 1956 veröffentlichte er unter dem eingangs zitierten Pseudonym  „Werner Tautorus“ eine Liste der Geheimarbeiten des Uranvereins. In seinem Buch Hitlers Bombe schreibt Karlsch: „Gewissermaßen flankierend zur Bildung der GKSS, betätigte sich Diebner als Herausgeber der Zeitschriften »Atomkernenergie« und »Kerntechnik«. Außerdem publizierte er unter Verwendung des Namens seines Durag-Geschäftspartners, Werner Tautorus, eine Liste der Geheimarbeiten des Uranvereins sowie weitere Arbeiten zur Geschichte der Kernspaltung.(98)“ (Seite 285,  „Werner Tautorus (alias Kurt Diebner), Die deutschen Geheimarbeiten zur Kernenergieverwertung während des Zweiten Weltkrieges 1939-1945, in: Atomenergie, 1956.) (Gemeinsam mit Erich Bagge gehört Diebner zu den Herausgebern und Gründern dieser Zeitschrift. Die Durag ist eine Firma, die Diebner gründete.)

Diese Veröffentlichung von Werner Tautorus spielt bei dem Zitat am Anfang dieses Artikels eine wichtige Rolle. Das Zitat stammt aus einem Brief des Kernphysikers Döpel an den Kernchemiker Straßmann, „als jemanden, „der an der Herausarbeitung der Grundlagen des ganzen Unternehmens ausschlaggebend beteiligt“ war.“ (Arnold Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Stratmann, PDF auf diesem Server, das Original steht hier als PDF online,  2012, S.1). Döpel hatte eng mit Heisenberg zusammen gearbeitet. Straßmann wiederum hatte mit Otto Hahn und Lise Meitner die Kernspaltung entdeckt (wofür Otto Hahn den Nobelpreis bekam).

Der Schriftverkehr fand zwischen 1979/80 statt.  Kurt Diebner war bereits im Juli 1964 gestorben. In der Zeitung „Atomkernenergie“ Bd. 29 hatte Erich Bagge 1977 einen Artikel  unter dem Titel „Kernenergie in Deutschland – eine historische Richtigstellung“ veröffentlicht, in dem er die Verdienste Kurt Diebners offenbar posthum herausstellen wollte (Der Artikel liegt mir leider noch nicht vor). Bagge berichtet dort offenbar über die von Diebner vorgenommenen Experimente, die Bagge zufolge erfolgreicher verlaufen wären, als die Forschungen von Heisenberg und Döpel. Döpel jedenfalls schreibt in dem Brief: „Herr Bagge behauptet dort, sein Freund Dr . K. Diebner habe im Jahre 1943 „als Erster die Realisierbarkeit einer [Uran] – Kettenreaktion überzeugend bewiesen.“ Döpel ist offenbar über diese Aussage von Bagge empört, vor allem, weil Bagge ein Experiment von Heisenberg und Döpel aus dem Mai 1942 nicht anführte. Ein Experiment, das laut Döpel erfolgreich gewesen sei und dessen Neutronen-Überschuss „über allem Zweifel lag, und die von allen Mitgliedern des „U-Vereins“ anerkannt wurde“.

Döpel nimmt offenbar Kontakt zu Erich Bagge auf und schreibt in dem Brief an Straßmann weiter: „Auf Anfrage behauptete Herr Bagge, diese Arbeit ebenso wenig zu kennen, wie Herr Diebner und verwies auf eine Liste der Deutschen Uran-Arbeiten während des Krieges von W. Tautorus. Dort fehlte unsere entscheidende Arbeit „LIV“ tatsächlich.“

Wie oben bereits beschrieben, versucht Döpel mit diesem Tautorus erfolglos Kontakt aufzunehmen. Erst dann – so steht zu vermuten – erklärt Bagge, dass es sich bei dem Namen um ein Pseudonym von Kurt Diebner handelt. Wichtig ist die Erklärung von Bagge, warum sich Diebner dazu noch 1956 veranlasst sah. Döpel schreibt, dass Diebner laut Bagge dieses Pseudonym benutzt hätte, „da „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!). Wenn „LIV“ in jenem Bericht nicht angeführt wäre, dann habe Diebner und auch er (E.B.) nichts davon gewußt.“ (Seite 14 in dem Bericht von Heinrich Arnold).

In der Folge stellt sich heraus, dass Bagge offenbar nicht so ganz die Wahrheit erzählt hat. Insgesamt zwei Jahre dauert die Korrespondenz mit Bagge offenbar. Am Schluss stellte sich für Döpel heraus, „daß E. Bagge und K. Diebner in ihrer im Mai 1957 plublizierten Broschüre „Von der Uranspaltung bis Calder Hall“ die Leipziger Arbeit von K. und R. Döpel und W. Heisenberg selbst (im positiven Sinne!) an vier Stellen zitiert haben ( S. 27; S. 40; S. 41 oben; S. 42 oben). Auf S. 41 schrieben die Herren Bagge und Diebner 1956/57: „Der in den Wintermonaten 1941/42 (in Wirklichkeit März-Mai 1942) durchgeführte Leipziger Versuch von Döpel ergab zum ersten Mal eine über die Meßfehlergrenze hinausgehende positive on1-Produktion“; aber etwa in der gleichen Zeit ließen sie die „Tautorus“-Liste erscheinen, in der sie LIV nicht mehr kannten!!“

Döpel war über diese Dinge hell empört und spricht abschließend davon, dass er einen „solchen Skandal“ in der „Deutschen Physik“ seit der „Rupp“-Affäre 1930-1935 bis heute nicht erlebt“ habe.  (Interessant dürfte sein, ob Döpel mit Erich Bagge schriftlich über diese Vorgänge im Kontakt standen und ob es diese Briefe noch gibt.)

Ich zitiere diese Passage aus dem Briefwechsel von Döpel mit Straßmann in dieser Ausführlichkeit, weil zumindest in dieser Darstellung der Eindruck entsteht, dass Erich Bagge sich gegenüber Diebner einerseits freundschaftlich verbunden, ja selbst nach dessen Tod noch „verpflichtet“ fühlte. Das wiederum ist von Bedeutung, wenn Bagge andererseits gegenüber Döpel auf die Ängste von Diebner verweist, der offenbar noch 1956 fürchtete, dass seine Forschungen im Faschismus zu „Zuchthaus“ hätten führen können. Bagge und Diebner müssen also durchaus enger befreundet gewesen sein, wenn Bagge über diese Dinge wusste. Unklar ist, ob Bagge über die Experimente in Ohrdruf informiert war.

Bagge spricht dabei davon, dass die „Liste“ der geheimen Uranarbeiten der Grund für diese Angst gewesen wäre. Zu vermuten ist, dass es nicht so sehr diese Liste selbst war, die Diebner Sorgen machte – wenn denn der Hinweis von Bagge zutreffend ist. Bereits in dem 2005 veröffentlichten Buch Hitlers Bombe schreibt auch Rainer Karlsch – wie dargelegt – zu dem von Diebner verwendeten Pseudonym Werner Tautorus. Karlsch kannte zu diesem Zeitpunkt die von Arnold 2012 veröffentlichten Briefe von Döpel an Straßmann vermutlich noch nicht.

Aber Karlsch schreibt mit Blick auf eine stattliche Anzahl von Patentanmeldungen, die von Diebner, Bagge, Winterberg(*) und anderen gehäuft ab 1955 angemeldet werden. Einige dieser Patentschriften stehen aus Sicht von Karlsch in Zusammenhang mit den Experimenten in Ohrdruf. (* Winterberg ist offenbar ein Mitarbeiter von Diebner bei der von ihm nach 1945 gegründeten Firma Durag.)

Riskante Patentanmeldungen und Gründe zum Schweigen

„Besonders interessant sind zwei zurückgezogene Patentanmeldungen von Diebner und Winterberg zu »Verfahren zur Zündung thermonuklearer Reaktionen mittels konvergenter Detonationsverdichtungsstöße« und zu einem »Verfahren zur elektromagnetischen Zündung thermonuklearer Kernbrennstoffe«. (102) Im Anspruch der ersten Patentschrift heißt es, das Verfahren eigne sich zur »Zündung von thermonuklearen Kernbrennstoffen«, die geeignet seien für Sprengungen und für »ballistische Ladungen, insbesondere kleine Wasserstoffbomben, sowie für industrielle Zwecke.« (103)  Offensichtlich waren Diebner und Winterberg mit diesen Patentanmeldungen zu weit vorgeprescht. Dies muss ihnen bald klar geworden sein, und so zogen sie die Patentschriften zurück. 1961 folgten weitere Patentanmeldungen auf dem Gebiet der  Kernfusion, nun aber mit eindeutig zivilem Nutzen. (104)“ (Karlsch, S. 286)

Karlsch stellt fest, dass von diesen „Hintergründen der Kernwaffentests“ in Deutschland und den „Geheimnissen der Konstruktion der Bombe“ nur ein kleiner Personenkreis Kenntnis hatte. Gute Voraussetzungen also auch für die späteren Patentanmeldungen.

Zu diesem Kreis zählt Karlsch „Gerlach, Haxel und Diebner sowie einige ihrer Mitarbeiter. Keiner von ihnen erwähnte später gegenüber Dritten die Tests in Thüringen.“

Weiter heißt es: „Für ihr Schweigen hatten die Wissenschaftler triftige Gründe. Beim Test am 3. März 1945 waren einige hundert Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge ums Leben gekommen. Wer dafür die Verantwortung trug, wissen wir nicht. Kammler ließ jedenfalls die Spuren beseitigen und die Toten verbrennen.

Gerlach und Diebner hatten offensichtlich Angst, dass man sie als Kriegsverbrecher anklagt. Ohrdruf – auch dieser Ortsname symbolisierte die Verbrechen des NS-Regimes.“ (S. 286, zu dem erwähnten Kammler: Hans Kammler war SS-General und für die Experimente in Ohrdruf zuständig, siehe dazu auch die Seiten des Bergbauvereins Ronneburg.)

Die Ausführungen von Karlsch sind an dieser Stelle sicherlich eher spekulativ, Belege für eine „offensichtliche Angst“ führt er selbst in diesem Zusammenhang nicht an. Allerdings könnte man die Hinweise von Bagge, von denen Döpel in dem Schriftverkehr mit Straßmann berichtet und die von Arnold 2012 veröffentlich wurden, als konkreten Hinweis verstehen, dass Karlsch richtig liegt. Die Sorge von Kurt Diebner, dass ihm mit den bis zu 700 getöteten Menschen in Folge seiner Kernwaffen-Experimente in Ohrdruf als Verantwortlicher „Zuchthaus“ drohen könnte, ist zumindest nachvollziehbar.

Kurt Diebner und Erich Bagge, Nazi-Atom-Forscher.

Erich Bagge und Kurt Diebner hatten bereits frühzeitig Kontakt. In dem Artikel „Eine Waffenschmiede? Kernwaffen- und Reaktorforschung am Kaiser Wilhelm Instititut (KWI) für Physik“ (PDF) schreibt Mark Walker (im Jahr 2005): 1939 war das KWI vom Heereswaffenamt (HWA) übernommen worden. Damit verbunden war die Absicht, das KWI „in den Dienst der Rüstungsforschung zu stellen“. Und: „Kurt Diebner, ein Physiker aus der Forschungsabteilung des HWA, wurde zum geschäftsführenden Direktor des KWI für Physik ernannt.“ (Walker, Eine Waffenschmiede?, S. 9)

Diebner wendet sich an „einen jungen Kernphysiker seiner Bekanntschaft“, um Unterstützung bei der Einstellung weiterer wissenschaftlicher Mitarbeiter für das KWI für Physik zu bekommen. Dieser junge Kernphysiker ist Erich Bagge (S. 10). Bagge empfiehlt Diebner Werner Heisenberg als führenden theoretischen Physiker in Deutschland, bei dem Bagge seine Doktorarbeit geschrieben hat. Ein Vorschlag, den Diebner aufgreift. Walker hält fest: …“aber zunächst war Diebner in erster Linie damit beschäftigt, die Kernspaltung für militärische Zwecke zu erschließen und dankbar, daß sich ein Physiker von Heisenbergs Format und Ansehen seinem Projekt angeschlossen hatte. (9)“ (S. 10)

Bagge befasst sich derweil nach Walker am KWI für Physik mit „einer neuen Trennungsmethode von Uran, der „Isotopenschleuse“ und verweist dabei auf eine Veröffentlichung aus 1942: „Erich Bagge, „Über die Möglichkeit einer Anreicherung der leichten Uranisotope mit der Isotopenschleuse“, 16. März 1942, ADM, G-124.“ (S. 13)

Wie auch viele andere Forscher ist sich Diebner frühzeitig (39/40)  der Möglichkeiten zur Nutzung der Atomenergie als Sprengstoff bzw. Waffe bewusst. Bereits im März 1939 hatte der französische Physiker Frédéric Joliot-Curie auf diese Möglichkeit hingewiesen. Spätestens im April 1939 ist das auch zahlreichen deutschen Wissenschaftlern bekannt. Die Gründung des „Uranvereins“ läuft an. Ausgehend vom Reichserziehungsministerium (!) wird die Physikalisch Technische Reichsanstalt einbezogen, die eine Expertenkonferenz organisiert. Auch das Oberkommando des Heeres wird aktiv, nachdem es von Paul Harteck (Hamburg) und seinem Assistenten Wilhelm Groth in einem Brief vom 24. April 1939 über die Möglichkeiten der Kernspaltung für die Entwicklung von Sprengstoffen informiert worden war, deren Wirkung die von konventionellen Sprengstoffen um ein Vielfaches übertreffen wird.

Bei Wikipedia ist unter dem Stichwort „Uranprojekt“ (18.05.2014) weiter zu lesen: „Dieser Brief landete letztendlich bei Kurt Diebner, dem Fachmann des Heeres für Sprengstoffe und Kernphysik. Dieser forderte umgehend Mittel beim Heer an, um in Kummersdorf südlich Berlins ein Versuchslabor einrichten zu können. Diebner wurde daraufhin zum Leiter einer neu eingerichteten Kernforschungsabteilung im Heereswaffenamt ernannt. Gleichzeitig befahl die Heeresleitung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, ihre Uranforschungsversuche unverzüglich einzustellen. Fortan galten alle Äußerungen zu Uranreaktoren und Uranwaffen als geheim.[3]

Auch hier ist von der gemeinsamen Arbeit zwischen Diebner und Erich Bagge zu lesen: „Im September 1939, also gleich nach Kriegsbeginn, wurden Deutschlands führende Kernphysiker nach Berlin in das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik zitiert. Diebner entwarf zusammen mit dem Kernphysiker Erich Bagge am 20. September 1939 ein Programm mit Titel „Vorbereitender Arbeitsplan zur Aufnahme von Versuchen für die Nutzbarmachung der Kernspaltung“, das die Forschungsarbeiten koordinieren sollte.“ (Quelle siehe oben: Uranprojekt bei Wikipedia, Anmerkung zu dem Beitrag bei Wikipedia: Auffällig an dem Text ist, dass die von Karlsch und anderen vorgelegten Forschungsergebnisse sehr pauschal abgetan werden: „Es gibt keine Beweise dafür, dass gegen Kriegsende kleinere Kernwaffentests unternommen wurden, wie gelegentlich behauptet.“)

  • 1957 veröffentlichte der Rowohlt-Verlag ein Buch von Bagge, Diebner, Jay mit dem Titel „Von der Uranspaltung bis Calder Hall“. Auf dieses Buch wurde in den Briefen von Döpel an Straßmann weiter oben hingewiesen. Dort wird „Über die Verfasser“ Erich Bagge und Kurt Diebner berichtet, nachzulesen in diesem Auszug aus dem Buch als PDF.) In dem Buch schreiben Bagge und Diebner „Zur Entwicklung der Kernenergieverwertung in Deutschland“, darunter das Kapitel „Fortschritt und Hemmung im Zeichen des Krieges“. In diesem Aufsatz gibt es auch ein Kapitel 4. „Aus dem Internierungs-Tagebuch“. Darin wird aus dem Tagebuch von Erich Bagge berichtet. In dem Buch wird der Zeitraum von April 1945 bis März 1946 berichtet. Bagge ebenso wie Diebner waren mit acht weiteren am deutschen Atomprogramm beteiligten Wissenschaftlern von den Briten für rund ein Jahr in Farm Hall interniert worden.
  • In Farm Hall wurden die Wissenschaftler abgehört, einen Auszug der Abhörprotokolle über die Tage des 6./7. August 1945, dem Tag an dem die erste Atombombe der USA über Hiroshima, Japan, explodierte, ist hier unter dem Titel: Heimlich aufgezeichnete Unterhaltungen deutscher Kernphysiker auf Farm Hall (6./7. August 1945) als PDF nachzulesen.
  • 1958 führte Carlheinz Hollmann vom NDR ein Interview mit Erich Bagge, das hier online als AUDIO bereit steht.

Walker schreibt: „Im Februar 1942 erstellte Diebner mit Wissenschaftlerkollegen einen umfangreichen Übersichtsbericht über das Uranprojekt unter dem Titel „Energiegewinnung aus Uran“. (39) Das Bemerkenswerte an diesem Bericht ist seine detaillierte, doch gleichzeitig zurückhaltende Erörterung nuklearer Sprengstoffe.“ (S. 22)

Weiter zitiert er aus diesem Bericht von Diebner und anderen: „Wenn sie – wie man nach den Laboratoriumsversuchen erwarten muß – erfolgreich ist, sind der Weiterentwicklung drei Aufgaben gestellt:

1. Die Ausgestaltung der Maschine zu einem technisch brauchbaren Apparat.
2. Die technische, zumal wehrtechnische Verwendung der Maschine
[Schiffsantrieb; U-Bootsmaschine; Flugzeuge und Landfahrzeuge; feststehende
Energiequelle; Quelle durchdringender Strahlung und radioaktiver Substanzen
für die physikalischen und medizinisch-biologischen Gebiete].
3. Die Herstellung eines Uransprengstoffs. […] (40)“

Wenngleich das hier angeführte noch keine Realität war, sondern nur eine Auflistung der Möglichkeiten; bereits 1942 sind den deutschen Forschern die Anwendungsmöglichkeiten also völlig bewusst: Schiffsantriebe, Atomreaktoren als U-Boot-Antrieb, als Atomkraftwerk und die Atombombe.

Walker berichtet über die Waffen-Experimente von Kurt Diebner und Walther Gerlach:

„Mit Gerlachs Unterstützung setzte Diebners Team seine Arbeiten fort. In einem letzten Reaktorversuch, G-IV, wurde eine kugelsymmetrische Anordnung von Uranwürfeln verwendet. (73) Möglicherweise war dieser Versuch kurzfristig sogar erfolgreich, endete aber offenbar mit einem Unfall. Neuesten Erkenntnissen zufolge waren einige von Diebners Wissenschaftlern in den letzten verzweifelten Kriegsmonaten einen entscheidenden Schritt vorangekommen und es war ihnen gelungen, eine Kernwaffe zu bauen und zu testen. (74)

Diese Waffe war nicht mit den Atombomben zu vergleichen, die im folgenden August über Japan abgeworfen werden sollten. Vielmehr wurde hierbei versucht Sprengstoff in Form von Hohlladungen einzusetzen, um Kernspaltung in kleinen Proben entscheidend angereicherten Urans hervorzurufen und Kernfusion in einer kleinen Menge Lithiumdeuterid. Es ist nicht eindeutig erwiesen, ob diese Apparatur dergestalt funktionierte, daß sie es schaffte, Kernreaktionen zu produzieren. Zweifellos jedoch entwickelte und testete eine Gruppe deutscher Wissenschaftler nach eigenem Dafürhalten eine Kernwaffe. Diebner und Gerlach hielten diese Waffe und den damit verbundenen Test streng geheim. Keiner der anderen am Uranprojekt beteiligten Wissenschaftler, noch nicht einmal Heisenberg und Weizsäcker, erfuhren etwas davon.“ (S.  33, vergleiche die Fußnoten in der verlinkten PDF).

Nach dem Krieg – Patente und die Gründung der GKSS

Weiter schreibt Karlsch über Diebner und auch sein Verhältnis zu Erich Bagge: „Diebner war ein vielseitiger Mensch. Am erstaunlichsten war seine emsige Tätigkeit als Patentanmelder. Zumeist war er der Ideengeber, während Bagge die Möglichkeiten seines Universitätslabors zur Prüfung der Erfindungen nutzte. An einzelnen Erfindungen wirkte auch sein junger Mitarbeiter Friedwardt Winterberg mit. (99) Als Patentanmelder fungierten neben den Genannten auch Mitglieder der Familie Diebner, Mitarbeiter der Durag und andere Personen. Die Erlöse aus den Patenten wurden zu 90 Prozent zwischen Bagge und Diebner geteilt. Auch Ingenieur Schlottau, der in Diebners Team gearbeitet hatte, wurde mit zehn Prozent an den Erlösen beteiligt. Die Patentanmeldungen konzentrierten sich auf drei Gebiete: technische Apparate, Kernreaktoren und Kernfusionsprozesse. (100)“

Insgesamt 18 Patentschriften von Diebner und Bagge sind ab Mai 1955, als das alliierte Forschungsverbot augehoben wurde, im Umfang mehrerer hundert Seiten verfasst worden, darunter laut Karlsch auch solche zu Kernfussionsprozessen. „Man fragt sich unwillkürlich, wie es möglich war, dass zwei Wissenschaftler unmittelbar nach dem Fall des Forschungsverbotes derart viele Patentschriften einreichen konnten. Sie müssen daran schon seit längerer Zeit gearbeitet haben.“ (S.285). Diebner habe demnach auf seine Erfahrungen in Gottow zurück gegriffen. Dabei sei auch ein „zweistufiger Kernreaktor“ 1955 als Patent dabei gewesen, „der dem Brüten von Plutonium diente“.

1956 gründen Diebner und Bagge gemeinsam die bereits erwähnte Atomforschungseinrichtung GKSS in Geesthacht, östlich von Hamburg. Hier sollen offiziell nukleare Antriebe für Handelsschiffe entwickelt werden.

Im Jahr 2006 feierte die GKSS ihr 50 jähriges bestehen. In dem Jubiläums-Bericht auf der Homepage der 2010 zum Helmholtz-Zentrum Geesthacht umbenannten Atomforschungsanlage zu diesem Jubiläum ist über die Gründungsväter nichts mehr zu lesen. Lediglich in dem Link zu einer PDF (Broschüre) wird im Kapitel über die Gründung das Original eines Protokolls abgebildet. Mit Datum vom 29. Juli 1955 wird dort über die Bestellung eines Vorstands der „Studiengesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffahrt und Industrie“ berichtet. Lediglich in diesem Protokoll sind „Professor Dr. Bagge und  Dr. Kurt Diebner“ angeführt. Über ihre Geschichte oder sonstige Umstände der Gründung der Atomforschungsanlage wird mit keiner Silbe eingegangen.

1989 war eine Broschüre erschienen: GKSS – … Dort wird sich intensiv seitens der Herausgeber mit der Geschichte der Atomforschungsanlage auseinandergesetzt. Unter anderem auch in einem Kapitel „Geesthacht – Das braune Atomzentrum“. Die Broschüre lohnt bis heute der Lektüre und steht hier als PDF zum download bereit. Insbesondere wird sie auch im Lichte neuerer Studien zur bundesdeutschen Atom-Politik in den 50er und folgenden Jahren erneut interessant. In einem Übersichtsartikel wird die Broschüre auch in diesem Text vorgestellt: Atomforschungsanlage GKSS – Forschung an der Atombombe?

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