Junge Leute und Atommüll: „Endlagerkommission übt Beteiligen – Engagierter Beteiligungsdiskurs ohne Realitätsbezug“

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Auf Workshops der Atommüll-Kommission diskutieren junge Erwachsene die Atommülllagerung hochradioaktiver Abfälle für die Ewigkeit. Die Journalistin Juliane Dickel war dabei und schreibt über ihre Eindrücke auf umweltFAIRaendern.de. Foto: Juliane Dickel

Atommüll für die Ewigkeit lagern? Eine Atommüll-Kommission des Deutschen Bundestags sucht eine Antwort, wie und wo das gehen soll. Der Prozess beansprucht, die Suche nach einem „Endlager“ mit breiter Öffentlichkeitsbeteiligung und in Richtung eines gesellschaftlichen Konsenses zu betreiben. Doch das „gesellschaftliche Spaltprodukt“ Gorleben ist immer noch im Verfahren und auch die Beteiligung der Öffentlichkeit ist umstritten. Nicht nur, weil zahlreiche Umweltverbände und Anti-Atom-Initiativen die Mitarbeit in der Kommission ablehnten. Einen „Workshop mit jungen Erwachsenen“ der im November in Kassel stattfand, hat sich die (junge) Journalistin Juliane Dickel angeschaut. umweltFAIRaendern.de bringt ihren Bericht, der in wenigen Tagen auch auf ihrer Homepage erscheinen wird.

Juliane Dickel: Endlagerkommission übt Beteiligen
Engagierter Beteiligungsdiskurs ohne Realitätsbezug

Es war eine engagierte und produktive Runde, in der sich die 27 Teilnehmer des „2. Workshop mit jungen Erwachsenen“ am letzten Novemberwochenende 2015 in Kassel trafen. Sie diskutierten über die beste Form der Bürgerbeteiligung in der Standortsuche für ein sog. Endlager für radioaktive Stoffe. Man war sich einig, Beteiligung sei ein wichtiges gesellschaftliches Gut, das gefördert und zu dem Bürger animiert werden sollen. In Kleingruppen wurde engagiert und konstruktiv an Arbeitspapieren gefeilt. Ein vibrierender Prozess, bei dem diskutiert, hinterfragt und revidiert wurde und man so gar nicht den Eindruck hatte, dass sich junge Leute heute nicht für Engagement interessieren würden.

Im 1. Workshop waren mit Vorgaben der Moderation Personas entwickelt worden, repräsentative Charaktere spezifischer Zielgruppen in betroffenen Regionen. Nicht aufgenommen wurden beispielsweise Akteure aus Politik und Wirtschaft. Dies verdeutlicht: Bereits die Konzeption ist nicht angelegt als gleichberechtigte Auseinandersetzung auf Augenhöhe, sondern es geht um von oben gelenkte Beteiligung.

Atommuell-JungeErwachsene-Beteiliger-1-JDickelIm 2.Workshop wurde, nebst Diskussionen, viel Zeit auf Fortbildung in Graphic Visualisation (siehe dazu unter dem Text einige Visualierungen als Fotos, Anmerkung UmweltFAIRaendern) verwendet, eine Methode Informationen bildlich festzuhalten. Ein kreativer Prozess und Vermittlung möglicher Beteiligung- oder Anspruchstechniken. Allerdings: Warum hat man sich so stark auf Methodik und nicht auf Inhalte konzentriert? So hieß es auch seitens einiger Teilnehmer, dass die für Diskussionen angesetzte Zeit zu kurz sei.

Man weiß, wen man ansprechen will, aber nicht, wie oder was man den Angesprochenen bieten und wozu man sie animieren will. Was sind das für Formate? Bürgertreffen oder Informationen? Falls es Informationen sind, wie stellt man sie bereit? Wer stellt sie bereit? Wer interpretiert möglicherweise schwierige Papiere? Und wie will man das Gefühl vermitteln, dass diese objektiv und nicht interessensgeleitet sind? Und wieso sollten sich Personen überhaupt beteiligen, wenn sie (noch) nicht unmittelbar betroffen sind? Ist Beteiligung wirklich ein Selbstzweck? Werden die meisten nicht ohnehin erst dann aktiv, sollte plötzlich ein Standort in ihrer Nähe droht?

JungeErwachsene-Beteiliger-3-JDickelTeilgenommen haben fünf Experten aus der Beteiligungs-Branche und 14 sehr engagierte junge Erwachsene, unter ihnen u.a. angehende Ingenieure aus dem Bereich der Reaktortechnik. Nicht anwesend waren junge Menschen aus bereits betroffenen Regionen wie Lüchow-Dannenberg oder der Gegend um Asse und Konrad, die schon von klein auf mit der Auseinandersetzung konfrontiert wurden und Formen, aber auch Probleme der Partizipation oder des Protestes kennen.

Die Organisatoren sagten, sie hätten nicht dezidiert danach gesucht und auch die meisten Anwesenden fanden es nicht unbedingt notwendig, da es ja insbesondere um Beteiligung an sich ginge. Der Denkfehler des „weißen Flecks“. Man geht in der Standortsuche von einer weißen Landkarte und einem ganz neuen Prozess aus, lässt aber außer Acht, dass es keine „weißen Köpfe“ gibt. Die Verankerung dieses Themas in der Bevölkerung ist ein wichtiger Punkt in der zukünftigen Auseinandersetzung und hierauf nicht einzugehen macht die Frage nach guter Beteiligung obsolet. Auch der gefallene Begriff Prozessgeschädigte [es sei nicht gesagt, dass er von allen Teilnehmenden so akzeptiert wurde], zeigt eine gewisse Distanzierung von den „armen Geschädigten“ und verkennt das Problem bzw. die Erfahrungen, die diese Praxisbeteiligten zu bieten haben (unabhängig davon, ob sie sich überhaupt in einen solchen Workshop unter Kommissionsaufsicht berufen fühlen würden). Es wird der Eindruck vermittelt, als gäbe es eine rationale Form der Auseinandersetzung zu der die Leute nur motiviert werden müssten. Die Idee eines urteilsfreien Dialogs ist ehrenwert, aber bei diesem emotionsgeladenen Thema in Deutschland nicht möglich.

Ebenfalls keine Rolle spielte das Thema Atom. Beim 1.Workshop seien die politisch geplanten Phasen dargestellt worden. Ansonsten gehe es ja um Beteiligung also solche. Ist das möglich? Beteiligung vorgeben ohne den Auseinandersetzungsprozess beleuchtet zu haben? Viele der jungen Menschen und Beteiligungspraktiker sehen das so.

Baut die ganze Endlagersuche also darauf, „dass die jungen Erwachsenen keine Vorgeschichte haben mit der Standortsuche“, wie der Veranstaltungsmoderator meinte und „unbefangen auf das Thema gucken.“? Die Workshop-Macher jedenfalls setzten darauf und die engagiert mitarbeitenden jungen Erwachsenen haben es so akzeptiert. Umgekehrt lehnten Anti-Atom-Bündnisse und Initiativen eine Beteiligung an der Kommission gerade deswegen ab, weil es keine Auseinandersetzung mit den Fehlern der Vergangenheit gibt. Und ob sich die hier geübte Geschichtslosigkeit bei der über Jahrzehnte heftig umkämpften und heute noch an vielen Punkten strittigen Frage des Umganges mit den strahlenden Altlasten gesamtgesellschaftlich durchhalten lässt, darf bezweifelt werden. Das Konzept, dass die Endlagerkommission hier u.a. mit Hilfe junger Erwachsener durchführt, und dessen Legitimierung sie wahrscheinlich auch dienen soll (Gütesiegel: „von der nachfolgenden Generation mitentschieden“), dürfte dann an seine Grenzen stoßen, wenn es nicht mehr darum geht zur Beteiligung zu animieren, sondern wenn sich in betroffenen Regionen handfeste und wohlbegründete Interessen zu Wort melden.

Visualisierte Diskussion: Diese Zeichnungen zur Debatte im Workshop mit jungen Erwachsenen vom November wurden der Atommüll-Kommission auf ihrer Sitzung im Dezember in Berlin vorgestellt. Bild klicken zum vergrößern.

 

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