Energiewende sozial ungerecht

Pumpspeicherkraftwerk Waldensee. Speicher für die Energiewende. Foto: Dirk Seifert

Jakob Schlandt berichtet in der Frankfurter Rundschau vom 9. Juli unter der Überschrift „Energiewende – grün und ungerecht“ über die einseitige Politik der Bundesregierung, die Kosten vor allem auf die KleinverbraucherInnen abzuwälzen. Während private Haushalte und kleine Gewerbebetriebe die Hauptlasten der Kostenentwicklung zu tragen haben, werden Großunternehmen von der EEG-Umlage ausgenommen. Und für die großen Konzerne bedeuten die Erneuerbaren Energien weitere Kostenvorteile, beim Spitzenlaststrom durch die Solarenergie wie bei der Preisermittlung. Für Jakob Schlandt ist klar: „Die Industrie hingegen schweigt und genießt – denn sie profitiert. Das ist kein Zufall, sondern gezielte Politik.“

Energiewende fortsetzen – Strompreise gerechter machen

Raimund Kamm vom FORUM Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik e.V. nimmt in einem Positionspapier zu den Preisentwicklungen und deren ungerechter Verteilung Stellung. Hier seine Thesen….

I. Siegeszug des EE-Stroms – aber wir zahlen zu viel
Dieses Jahr werden wir gut 25 Prozent unseres Nettostromverbrauchs aus Erneuerbaren
Energien decken. Ein großartiger Fortschritt: Im Jahr 2000 waren es erst knapp 8 %.
Noch 1993 hatten die Stromkonzerne in großen Anzeigen geschrieben: „Sonne, Wasser
oder Wind können auch langfristig nicht mehr als 4 % unseres Strombedarfs decken.“
Wir Umweltschützer und die EE-Unternehmer haben erfolgreich gearbeitet. Jetzt werden
zu hohe Strompreise beklagt. Und das ist berechtigt. Wir müssen für gerechtere Preise
eintreten!

II. Strompreise durch staatliche Regeln immer ungerechter
In vier Bereichen führen Entscheidungen gerade der jetzigen Bundesregierung zu immer
ungerechteren Strompreisen:

  • Netzentgelte insgesamt zu hoch
  • Umlegung der Netzentgelte von Großverbrauchern auf die kleineren Verbraucher
  • Umlegung eines großen Teils der auf Großverbraucher entfallenden EEG-Umlage zum Aufbau umweltschonender Kraftwerke auf die kleinen Verbraucher. Die Großverbraucher hingegen profitieren, da der Ökostrom die Börsenstrompreise senkt und so die Großverbraucher beim Einkauf etwa 1,5 Milliarden Euro sparen.
  • Statt wie wir 2 ct/kWh Stromsteuer („Ökosteuer“), mit der die Rentenversicherungsbeiträge von Arbeitnehmern wie Arbeitgebern bezuschusst und verringert werden, müssen viele Unternehmen des produzierenden Gewerbes nur 1,2 ct/kWh zahlen.

III. Wir sollten fordern
Es macht Sinn, stromintensive Betriebe, deren Kosten zu einem großen Teil Energiekosten sind, aus internationalen Wettbewerbsgründen vorsichtig zu behandeln. Denn es wäre Unsinn, wenn die stromintensiven Metallschmelzen, Zementwerke usw. ins Ausland
abwanderten. Aber die Lobby der Großindustrie hat zu viel bei der Bundesregierung erreicht:
Sogar Braunkohlebagger sind bei der EEG-Umlage, von den Netzentgelten und
Teilen der Stromsteuer befreit worden und die Kosten wurden auf die Schultern der KMU
(kleine und mittlere Unternehmen) und Bürger umverteilt.

1. Netzentgelte um gut 10 – 30 Prozent senken
Rund 10 Prozent Kapitalverzinsung für die Stromnetze sind zu hoch. 7 bis 9 Prozent
wären für diese nicht sehr unternehmerisch risikoreichen Investitionen angemessener.
Das in Windkraftanlagen investierte Kapital erwirtschaftet durchschnittlich unter 5 Prozent. Für Solaranlagen hält Photon eine Kapitalverzinsung von 7,4 % für angemessen.
RWE/LEW, EON & Co. hingegen fordern Kapitalrenditen von 14 bis 25 Prozent.
Nachdem die vier alten Monopolisten ihre Übertragungsnetze (220 + 380 kV) an
Tennet (EON), Amprion (RWE), 50Hertz (Vattenfall) und TransnetBW (EnBW) übereignen
mussten, hat die Bundesregierung die Bundesnetzagentur im Herbst 2011 dazu
gedrängt, die Netzentgelte weiter hoch zu lassen.
Übrigens: Der erforderliche Netzumbau kann gut aus den Abschreibungen, den seit
vielen Jahren durch unterlassene Reinvestitionen angesparten Milliarden so wie zu
kleinen Teilen mit Krediten finanziert werden.

2. Befreiung der Großverbraucher von den Netzentgelten vollständig aufheben

3. Die Privilegien der Großverbraucher bei der EEG-Umlage um die Milliarden
verringern, die die Großverbraucher beim Stromeinkauf durch niedrigere
Börsenstrompreise infolge des Ökostroms profitieren

IV. Und nicht vergessen: Fossil wird immer teurer
Sogar Kriege werden ums Öl geführt. Da die Vorhaben zur Neige gehen, werden Gas,
Kohle und Öl immer teurer (der Uranpreis sinkt bezeichnenderweise seit Fukushima). Die
Preise für die importierten Energiestoffe haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als
verdoppelt. Allein in den letzten fünf Jahren stiegen für die Kraftwerke die Importpreise
von Kohle und Öl um 70 %. Für Erdgas um 20 %. In der selben Zeit sanken jedoch die
Preise für PV-Anlagen um 60 %! Und Solarstrom kostet im Wesentlichen nur das Geld für
die Anlagen. Auch Windkraftwerke wurden Dank technischer Fortschritte preiswerter. Sie
sind heute je Kilowatt Leistung billiger als 1990.
Berechnet man die Kosten für Umweltschäden wie Unfallfolgen ein, ist heute schon der
Strom aus Sonne und Wind der preiswerteste. Allerdings muss man dem Sonnen- und
Windstrom auch Kosten für Speicher zuschlagen. Dennoch wird in 5 – 10 Jahren der
Strom aus Sonne und Wind sogar ohne Berechnung der Folgekosten der günstigste sein.

V. Aussicht auf Unabhängigkeit und auf sinkende Preise
Heute zahlen wir noch je Einwohner je Tag rund 3 Euro für den Import von Gas, Kohle,
Öl und Uran. Mit jeder Solar- und Windanlage wie auch mit jedem energetisch sanierten
Haus verdienen wir dieses Geld selber. Also: Regionale Wertschöpfung statt Abhängigkeit
von Urandealern, Kohlekonzernen, Ölscheichs, Gaszaren wie auch vielfach vorbestraften
Energiekonzernen in Deutschland.
Und in etwa zehn Jahren sind wir frei von Liefer- und Preisdiktaten. Da die endlichen Energiestoffe Kohle, Öl, Erdgas und Uran knapper und teurer werden, bieten nur die nach
menschlichen Maßstäben unendlich vorhandenen Erneuerbaren Energien Aussichten auf
stabile und sogar wieder sinkende Preise.

verfasst von Raimund Kamm, Juli 2012, www.atommuell-lager.de

First Solar: Sozialplan für die MitarbeiterInnen – Fördermittel werden zurückgezahlt

Laut Medienberichten werden die 1.200 Beschäftigten des Solarmodul-Herstellers First Solar in Ostbrandenburg von einer Transfergesellschaft übernommen und Abfindungen erhalten. Betriebsrat und IG Metall haben das am Sonntag in Verhandlungen mit der Unternehmensleitung von First Solar durchgesetzt. Zum Ende des Jahres stellen die beiden Werke in Frankfurt/Oder die Produktion ein. „First Solar: Sozialplan für die MitarbeiterInnen – Fördermittel werden zurückgezahlt“ weiterlesen

Wille zur Wende – IG Metall Vize zur Energiewende

Energieverschwendung im Bild: Die Kühltürme des Vattenfall-Braunkohlekraftwerks Jänschwalde/Cottbus

In der aktuellen Ausgabe der IG Metall-Zeitung äußert sich IG Metall-Vize Detlef Wetzel zur Energiewende und warum die größte deutsche Einzelgewerkschaft sich in den nächsten Monaten verstärkt mit ihr befassen will. Die IG Metall-Zeitung finden sie auch online hier (PDF), das Interview steht auf Seite 8f. Die Fragen stellte Sylvia Koppelberg.

Was hat die IG Metall vor? „Wille zur Wende – IG Metall Vize zur Energiewende“ weiterlesen

Mittelständische Wirtschaft für Atomausstieg und dezentrale Energiewende

„Trotz allen Belastungen stehen 60 Prozent der Unternehmer zum Ausstieg aus der Kernenergie.“ Das ist ein nicht ganz selbstverständliche Statement des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft. In einer Anfang Juli veröffentlichten Umfrage des Verbandes, kritisieren die Verbände aber die mangehalfte Umsetzung durch die Bundesregierung. Außerdem kritisiert der Verband scharf die einseitige Strompreispolitik, nach der immer mehr große Unternehmen von der EEG-Umlage zulasten kleiner und mittelständischer Verbraucher befreit werden.

Der Mittelstands-Verband spricht sich insbesondere auch für eine dezentralere Energieversorgung aus, damit Strom bezahlbar, sicher und nachhaltig ist. Bleibe es bei der heutigen Planung, so der Verband, könnten die Strompreise bis 2030 um rund 50 Prozent steigen. „Schaffen wir dagegen eine echte Energiewende hin zur Dezentralität, können die Strompreise langfristig sogar sinken.“

Die PRessemitteilung des Bundesverbandes der mittelständischen Wirtschaft finden sie hier:

Mittelstand: Note 5 für Merkels Energiewende

Deutschlands Mittelstand ist sehr unzufrieden mit der Energiewende. Zu hohe Strompreise und eine ungerechte Verteilung der Kosten gefährden die Wettbewerbsfähigkeit der mittelständischen Unternehmen. Das könnte fatale Folgen für den gesamten Arbeitsmarkt haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Bundesverbandes der Mittelständischen Wirtschaft.

Deutschlands Mittelstand steht der Energiewende äußerst kritisch entgegen. Die tragende Säule der deutschen Wirtschaft droht unter der Last der steigenden Energiekosten einzuknicken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Unternehmerumfrage des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft (BVMW), die am 4. Juli in Berlin vorgestellt wurde. „In Deutschland explodieren die Stromkosten. Das ist ein Alarmzeichen für die Wirtschaft. Die Bundesregierung muss jetzt handeln und die Stromsteuer für alle Unternehmen senken“ sagte BVMV-Präsident Mario Ohoven in Berlin.

Jedes zweite der befragten kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) würde der Bundesregierung die Note „5“ oder „6“ für die Umsetzung der Energiewende geben. „Das sollte Frau Merkel mit Blick auf die Bundestagswahl zu denken geben“, so Ohoven weiter.

Fast 90 Prozent der befragten KMU’s erwartet höhere Energiekosten. Bei einem prognostizierten Anstieg der Energiekosten von zehn Prozent gaben 60 Prozent an, dass sie die eigenen Produktpreise erhöhen würden. Ein Drittel der Unternehmen würde sogar geplante Investitionen und Neueinstellungen zurückstellen. Ohoven warnte vor den fatalen Folgen für den Arbeitsmarkt und die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland. Wenn die Regierung bei den bisherigen Plänen bliebe, müsste mit einer Erhöhung der Strompreise um rund 50 Prozent bis 2030 gerechnet werden. Bereits jetzt zahlen Deutschlands Verbraucher, nach Österreich, die zweithöchsten Stromkosten.

Trotz dieser negativen Bewertung wird die Energiewende jedoch nicht grundsätzlich abgelehnt. 60 Prozent der befragten Unternehmen befürworten den Atomausstieg und halten die Wende dank Erneuerbarer Energien für machbar.

Die Forderungen des Mittelstandes

Der BVMW fordert allerdings eine gerechtere Verteilung der Kosten für die Energiewende. KMU’s seien gegenüber großen, energieintensiven Unternehmen klar im Nachteil. „Großunternehmen mit besonders hohem Stromverbrauch sparen dank Netzentgelt-Befreiung und besonderer Ausgleichsregelung im EEG in diesem Jahr fast eine Billion Euro“, so Ohoven. Da diese Kosten auf andere Verbraucher umgelegt werden, läge hier „eine klassische Verzerrung des Wettbewerbes zu Lasten der kleinen und mittleren Unternehmen vor“. Im Zuge der geplanten Offshore-Haftungsregelung wird außerdem befürchtet, dass bald für Strom bezahlt werden müsse, der noch gar nicht produziert wird.

Der BVMW fordert zudem eine dezentralere Energieversorgung. Damit könnten die Kosten des geplanten Netzausbaus verringert und der Einfluss der „Stromoligopole“ zurückgedrängt werden. Bei einer echten Energiewende hin zu mehr Dezentralität könnten laut Ohoven die Energiekosten langfristig sogar sinken. Der BVMW sieht die Kanzlerin auch persönlich in der Pflicht. Sie solle ihrer Chefrolle endlich nachkommen und sich für die Schaffung eines Bundesenergieministeriums einsetzen. Das forderte jedes zweite der befragten Unternehmen im Mittelstandsverband.

An der Umfrage nahmen rund 2.500 Mitgliedsunternehmen des BVMW teil. Insgesamt gibt es in Deutschland nach Angaben des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn etwa 2,8 Millionen kleine und mittlere Unternehmen. Damit zählen mehr als 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland zu den KMUs. Im Jahr 2009 entfielen auf die KMU-Unternehmen 39 Prozent des Gesamtumsatzes und 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland.

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