Atomrisiken nicht nur in Bayern: „Atommüll-Zwischenlager bei Terrorangriffen nicht geschützt“

„Nicht sicher vor Terroranschlägen“ (idowa) ist das Zwischenlager für hochradioaktiven Atommüll in Niederaichbach/Landshut. Mit Blick auf das Zwischenlager am AKW Grafenrheinfeld titelt der Bayerische Rundfunk: „Atommüll-Zwischenlager bei Terrorangriffen nicht geschützt“. Und die Süddeutsche Zeitung berichtet mit Bezug auf Edo Günther vom BUND Bayern: „Zugleich werfen sie den Betreibern vor, dass die Anlagen viel zu wenig gegen Flugzeugabstürze, Terroranschläge und andere Gefahren von außen gesichert seien. Das Zwischenlager am AKW Isar liegt sogar in der Einflugschneise des Flughafens München.“ Für diese Berichte sorgten zwei Veranstaltungen des BUND Naturschutz, bei denen die Atomexpertin Oda Becker über die Ergebnisse einer Studie zu den Sicherheitsmängeln bei der Zwischenlagerung hochradioaktiven Atommülls informierte. Als Sachverständige sorgten die Sicherheitsanalysen von Becker im Verfahren vor dem Oberverwaltungsgericht Schleswig maßgeblich dafür, dass die Genehmigung für das Zwischenlager Brunsbüttel wegen fehlender und mangelhafter Sicherheitsnachweise aufgehoben wurde. (Foto: Zwischenlager am AKW Isar (links im Bild))

Dem Bericht beim BR ist zu entnehmen: „Becker beschäftigt sich mit Fragen zur Sicherheit an Kernkraftwerken und Zwischenlagern und kommt zu dem Schluss, dass diese nur unzureichend gegen potenzielle Terroranschläge geschützt sind – zum Beispiel, wenn sie mit panzerbrechenden Waffen beschossen werden oder ein Flugzeug gezielt dort zum Absturz gebracht wird. „Beide Szenarien könnten zu erheblichen Freisetzungen führen,“ sagte Becker wörtlich und verwies darauf, dass dabei Radioaktivität freigesetzt werde.“

Und die SZ schreibt zum Anlass und Hintergrund: „Der Bund Naturschutz (BN) fordert höhere Sicherheitsstandards in den atomaren Zwischenlagern im schwäbischen Gundremmingen, am niederbayerischen Atomkraftwerk Isar und im unterfränkischen Grafenrheinfeld. „An allen drei Standorten befinden sich gigantische Mengen radioaktives Material, am Standort Isar ist es die zigfache Menge dessen, was 1986 bei der Atomkatastrophe in Tschernobyl freigesetzt wurde“, sagt Edo Günther von der BN-Kreisgruppe in Schweinfurt, der auch Sprecher des Arbeitskreises Atomenergie im BUND ist. „Dieser hoch radioaktive Müll wird weit über die genehmigte Zeit hinaus in den Zwischenlagern bleiben.“ Deshalb müssten dort die Sicherheitsvorkehrungen dringend verbessert werden.

Die Zwischenlager an den drei bayerischen Atomkraftwerken sind eigentlich als Übergangslösungen gedacht, bis es ein Endlager für den radioaktiven Müll aus den Anlagen gibt. Deshalb sind sie auch nur bis 2046/2047 genehmigt. Da die Suche nach einem Endlager aber nicht vorankommt, werden sie deutlich länger in Betrieb sein. Experten wie Günther schätzen, dass die Zwischenlager „wohl erst weit in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts“ geräumt werden können.“

Wie ernst die bestehenden Probleme sind, ist auch dem BR zu entnehmen: „Castorbehälter halten Kerosinbrand nicht Stand“, berichtet der Sender und schreibt: „Bislang sind die Castorbehälter so konzipiert, dass sie bei Feuer eine Temperatur von 800 Grad Celsius über eine halbe Stunde aushalten müssen. Laut Becker würde bei einem gezielten Absturz einer Verkehrsmaschine Kerosin in Brand geraten – was bis zu 1.200 Grad heiß werden könne. Das berge die Gefahr, „dass es zu Dichtungsversagen und zu erheblichen Freisetzungen kommen kann.“ Aus Sicht von Becker müssten man sich mit Beteiligung der Bevölkerung ein Zwischenlagerkonzept überlegen. Bislang gibt es kein Endlager. Die Genehmigung für das Atommüllzwischenlager am KKW Grafenrheinfeld geht bis 2046.“

  • Die derzeit laufenden Nachrüstungen an den Zwischenlagern werden auch als „Härtungen“ unter dem Begriff „Störmaßnahmen oder sonstige Einwirkungen Dritter“ (SEWD) gefasst und unterliegen strenger Geheimhaltung. Grundlage für diese Maßnahmen sind Lageeinschätzungen der deutschen Sicherheitsbehörden und Geheimdienste. Alles zum Thema SEWD auf umweltFAIRaendern.de. Wie dabei teilweise von staatlichen Stellen umgegangen wird, zeigt sich beispielsweise auch daran, welche Risiken eigentlich betrachtet werden. Als Reaktion auf die vom OVG Schleswig aufgehobene Genehmigung für das Zwischenlager in Brunsbüttel, bei der der nicht ausreichend berücksichtigte Absturz des A380 eine bedeutsame Rolle spielte, haben die Atomaufsichten von Bund und Ländern kurzerhand die Sache neu geregelt und nun nur noch den A340 zum Maßstab erklärt. Siehe dazu: AKW Brokdorf: Absturz einer A380 spielt keine Rolle – Grüner Minister Habeck lehnt Antrag auf Stilllegung ab. Dort ist u.a. zu lesen: „Die Behörde bezieht sich dabei auf Vorgaben des Länderausschusses für Atomkernenergie, der davon ausgeht, dass der A340 „in der Regel als exemplarischer Flugzeugtyp angesehen werden kann“.“ Dieser Länderausschuss für Atomkernenergie – Hauptausschuss – (an dem natürlich auch der Bund beteiligt ist), hat am 31. August 2016 einen Beschluss zum Thema „Rechtlicher Rahmen der Beurteilung des Szenarios ,Terroristischer Flugzeugabsturz‘ durch die Exekutive“ gefasst und im September im Amtlichen Bundesanzeiger teilweise veröffentlicht (PDF).“

Die Gutachterin nimmt auch zu den an nahezu allen Zwischenlagern laufenden Nachrüstungen Stellung: „Eine geplante Mauer an den Längsseiten des Gebäudes würde aus Sicht von Becker keinen Schutz bei Terrorangriffen bieten. Zudem ist sie der Ansicht, dass eingelagerte Castorbehälter mit abgebrannten Brennelementen zur Sicherheit vor Angriffen von außen nochmals ummantelt werden und die Gebäude baulich verstärkt werden müssten.“

Über die Veranstaltung in Schweinfurt (Grafenrheinfeld) berichtet die Main-Post: „Wir müssen hingucken, nicht weggucken“, sagt Babs Günther vom Schweinfurter Aktionsbündnisses gegen Atomkraft. Und damit die Öffentlichkeit hinguckt, hat man die Physikerin zu einer Informationsveranstaltung ins Kolping-Bildungszentrum in Schweinfurt eingeladen. Rund 50 Interessierte sind gekommen. Unter ihnen Bürgermeister, Stadträte und Gemeinderäte der Anliegergemeinden, Vertreter von Vereinen und Verbänden und besorgte Bürger.“ Und auch hier die Kritik von Oda Becker am Konzept der heutigen Zwischenlager: „Becker sieht Defizite nicht nur bei der Sicherung, sondern vor allem bei der Sicherheit der Zwischenlager. Als diese gebaut wurden, hatte man Terroranschläge noch nicht auf dem Schirm. Und als BELLA (Brennelementbehälterlager) im Februar 2006 in Grafenrheinfeld in Betrieb ging, glaubte man noch, dass Castoren kein attraktives Ziel für Terroristen seien. Heute ist das anders. „Das BKA sagt, dass in Deutschland Anschläge auf Atomanlagen nicht mehr auszuschließen sind.“

Laut Becker ist eine „bewaffnete Terrorgruppe (ist) in der Lage, in die Halle einzudringen“, heißt es in der Main-Post. „Die Atommüll-Zwischenlager sind bei Terrorangriffen nicht geschützt, sagt Diplom-Physikerin Oda Becker. „Man braucht nicht viel TNT, um die 55 Zentimeter starke Decke des Zwischenlagers zu sprengen“, verdeutlicht Becker die Gefahr. 2010 hätten sich Behörden und Betreiber zwar auf die Nachrüstung der Zwischenlager mit zusätzlichen Mauern und Schleusen am Eingangsbereich verständigt, doch der Schutz gegen potenzielle Terrorangriffe sei auch mit diesen baulichen Nachbesserungen nur unzureichend. Für Grafenrheinfeld seien sie zudem noch gar nicht genehmigt. „Eine bewaffnete und entschlossene Terrorgruppe ist in der Lage, in die Halle einzudringen“, ist Becker überzeugt. Auch vor einem gezielten Flugzeugabsturz seien die Castoren nicht geschützt. Laut Becker halten sie einer Temperatur von 800 Grad Celsius über 30 Minuten stand. Wenn Kerosin in Brand gerät, entstehen aber Temperaturen von bis zu 1200 Grad Celsius. Die Dichtungen an den Castordeckeln könnten versagen und erhebliche Radioaktivität freigesetzt werden. „Das Risiko ist zu groß, wir müssen jetzt handeln.““

Mit dem „Durchmauscheln“ in Sachen Sicherheit bei der Zwischenlagerung müsse endlich Schluss sein. Die Main-Post informiert ihre LeserInnen auch über die möglichen Alternativen, um die es jetzt geht: „Drei Optionen werden für ein neues Zwischenlagerkonzept diskutiert: Entweder alle vorhandenen Zwischenlager bleiben bestehen und weitere werden noch gebaut, oder es werden nur an ausgewählten Standorten welche errichtet, oder aber man baut ein großes Zwischenlager als Eingangslager am vermutlichen Endlager. Dort würden dann nach Rückbau aller AKWs 1900 Castorbehälter stehen und auf ihre Endlagerung warten. „Die Leute dort werden durchdrehen“, hält Becker diese Lösung für unrealistisch. Welche Variante letztlich die risikoärmste für Mensch und Natur ist, das müsse in einem öffentlichen Prozess ermittelt werden, an dem die Menschen an den Zwischenlager-Standorten beteiligt werden. „Wir müssen jetzt, 2018, damit anfangen“, mahnt Becker, „um noch rechtzeitig reagieren zu können.““

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