Brokdorf abgeschaltet: Tschernobyl-Gedenktag am 24. April vor dem stillgelegten AKW

Zum Jahreswechsel ist das AKW Brokdorf planmäßig stillgelegt worden und die Betriebsgenehmigung erloschen. Rund um den Bau des AKWs in den 1970er Jahren entstand eine bundesweite Anti-Atom-Bewegung. Anlass der gesellschaftlichen Mobilisierung war die Frage, welche Grenzen wir dem wirtschaftlichen Fortschritt einräumen wollten: Atommüll für Millionen Jahre? Super-GAU mit großflächigen Verstrahlungen – wie Tschernobyl uns 1986 mahnte? Und es ging um die Frage: Wenn politisch und wirtschaftlich Verantwortliche eines atomaren Wahnsinns die Grenzen des Wachstums überschreiten: Welche Verantwortung haben wir für den Widerstand und für eine nachhaltig bessere Welt? Die Grenzen des Wachstums sind heute immer noch und noch viel mehr Thema: Klimakatastrophe. Und der Krieg Russlands in der Ukraine mahnt: Tschernobyl ist überall. Am 24. April um 12 Uhr auf dem Deich am AKW Brokdorf gedenken Initiativen dem Jahrestag der  Atomkatastrophe vom Tschernobyl, der Klimakrise und dem Leid der Menschen in der Ukraine.

Dokumentation: Einladung zum Tschernobyl-Gedenktag, verbunden mit Gedanken zum Frieden und zur Klimakrise am Sonntag, dem 24. April 2022 um 12 Uhr am Deich vor dem AKW Brokdorf

Viele Jahre fand eine „Protest- und Kulturmeile“ Ende April, zum Tag des Super-GAUs von Tschernobyl statt. Das AKW Brokdorf wurde am 31.12.2021 stillgelegt. Auf unserer Feierstunde am 1.1.2022 auf dem Deich vor dem AKW wurde von vielen Teilnehmenden bedauert, wenn es keine regelmäßigen Treffen mehr geben würde, um so den Kontakt untereinander aufrecht zu halten. Das ist auch der Wunsch der Initiator*innen der Mahnwachen, die an jedem 6. eines Monats, 425 mal seit 1986, vor dem AKW Brokdorf stattgefunden haben. Mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine und deren Atomkraftwerke sowie der weiter fortschreitenden Erderhitzung sind Bedrohungen deutlich geworden, die einen Austausch unter Gleichgesinnten wichtig erscheinen lassen.

Wer von seinen Erfahrungen, Erlebnissen und Gedanken berichten möchte, hat dazu Gelegenheit. Eine Bühne und Verstärker stehen zur Verfügung. Wesentliches Anliegen des Treffens ist neben dem persönlichen Kontakt, auch weiterhin auf die Gefahren der Atomkraft, die ungeklärte Atommüllendlagerung und die Probleme beim Rückbau der AKW’s aufmerksam zu machen.

Für die Erfüllung der dann geltenden Corona-Auflagen ist jede*r selbst verantwortlich. Es wird heiße Suppe und Getränke gegen Spende geben. Darüber hinaus kann sich jede*r selbst Verpflegung mitbringen. Für musikalische Untermalung ist gesorgt.

Karsten Hinrichsen, Initiative Brokdorf-akut, Gisela Wieneke, BUND Kreisgruppe Steinburg

Atommüll-Zwischenlager: Planungen in Lubmin ungenügend – BUND legt neue Stellungnahme zum Zwischenlager vor und fordert Gesamtkonzept

DOKUMENTATION: BUND-Pressemitteilung vom 07. April 2022; Atommüll-Zwischenlager: Planungen in Lubmin ungenügend – BUND legt neue Stellungnahme zum Zwischenlager vor und fordert Gesamtkonzept – Berlin. Nach mehr als 15 Jahren gibt es nun erstmals konkrete Pläne für einen Neubau eines Zwischenlagers in der Nähe des ehemaligen Atomkraftwerks (AKW) Greifswald in der Gemeinde Lubmin. In einer heute vorgelegten Stellungnahme äußert sich der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisch zum Neubau in Lubmin. Zudem hat der Verband im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung zum Genehmigungsverfahren eine Einwendung eingereicht.

Siehe auch:

Der BUND bemängelt, dass die Planungen den notwendigen Sicherheitsanforderungen für hochradioaktive Abfälle nicht entsprechen. So wird der Zeitraum zwischen dem Auslaufen der Zwischenlager-Genehmigung und der Bereitstellung eines dauerhaften Atommüll-Lagers nicht überbrückt. Dazu sagt Antje von Broock, Bundesgeschäftsführerin des BUND: „Lubmin darf so nicht gebaut werden. Die bisherige Planung ist unzureichend und muss an die Anforderungen einer Langzeitlagerung angepasst werden.“

In den kommenden zwei Jahrzehnten verlieren alle Zwischenlagerstandorte ihre Genehmigungen. Deshalb muss die Frage nach der Langzeitlagerung grundlegend angepackt werden. Von Broock weiter. „Nun rächt sich, dass die Folgen der Atomkraft beim Einstieg in diese hoch riskante Technologie ignoriert wurden. Um diese Fehler zu heilen, müssen die verantwortlichen Behörden wenigstens jetzt weitsichtig und verantwortungsbewusst handeln. Es braucht verbindliche Voraussetzungen und deutliche Sicherheitsnachbesserungen.“

Nach den vorliegenden Unterlagen wird deutlich, dass die Aufbewahrungsgenehmigung für einige Behälter im geplanten neuen Zwischenlager ESTRAL bereits 2036 endet. Dieser Zeithorizont ist nicht deckungsgleich mit Aussagen der Bundesregierung, die frühestens 2050 mit der Inbetriebnahme eines dauerhaften Lagers für den Atommüll rechnet. Es ist unklar, was nach 2036 mit den Behältern in Lubmin passieren soll, vermutlich werden sie ungenehmigt weiter im Zwischenlager verbleiben.

„Die bisherige Planung für das Zwischenlager in Lubmin ist unzureichend“, kritisiert Oda Becker, Diplom-Physikerin und Autorin der Stellungnahme. „Sehenden Auges riskiert das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) vor Ort einen unhaltbaren Zustand. Die Dauer der erforderlichen Aufbewahrung der Behälter bestimmt den Umfang der von der Behörde geforderten Sicherheitsanalysen und Einrichtungen. Eine risikoarme Zwischenlagerung ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Endlagersuche!“

Weitere Mängel sind laut BUND das Fehlen einer Reparatureinheit für defekte Castoren, sowie der unzureichende Schutz gegen Terrorangriffe mit einem Beschuss durch panzerbrechende Waffen. Abschließend betont die BUND-Vertreterin von Broock die Tragweite des Genehmigungsverfahrens in Mecklenburg-Vorpommern: „Das neue Zwischenlager Lubmin wird zum Vergleichsfall für andere Zwischenlagerplanungen in Deutschland. Aus Sicht des BUND muss ein deutlich höherer Standard gelten, als bisher geplant.“

Weiter Informationen: Die BUND-Stellungnahme finden Sie hier: www.bund.net/estral-lubmin, (Siehe auch die Stellungnahme der Physikerin Oda Becker online.)

Informationen des BUND-Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern: www.bund-mecklenburg-vorpommern.de/sammeleinwendung-lubmin/

Persönliche Einwendungen zum Genehmigungsverfahren können noch bis zum 11. April 2022 beim Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) eingereicht werden. https://www.base.bund.de/DE/themen/ne/zwischenlager/standorte/zln.html

Hintergrund: Das aktuelle Zwischenlager für hochradioaktiven Abfall am AKW Greifswald, in der Gemeinde Lubmin, kann nicht entsprechend der aktuellen Sicherheitsanforderungen etwa in Bezug auf Terrorangriffe nachgerüstet werden. Daher soll ein neues Lager in unmittelbarer Nähe entstehen – das sogenannte Ersatztransportbehälterlager (ESTRAL). Es muss die 74 Behälter mit insgesamt 585 Tonnen Schwermetall (hochradioaktiven Atommüll) und einer Aktivität von 5 *1018 Bq aufnehmen, die zurzeit am Standort lagern.

Kontakt: Angela Wolff, BUND-Expertin für Energiepolitik, Klima und Atom, Tel.: 030 27586 562, E-Mail: angela.wolff@bund.net

Lubmin ist überall: Hochradioaktive Zwischenlagerung von Atommüll – Nukleare Risiken und viele Sicherheitsfragen – Feuer auf AKW Gelände

Weil notwendiger Terrorschutz beim Atommüll-Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle baulich nicht nachgerüstet werden kann, muss in Lubmin – an der Ecke zu Nordstream –  eine neue Lagerhalle errichtet werden. Auf dem Gelände des in Rückbau befindlichen Atomkomplexes in Lubmin bei Greifswald war es am letzten Donnerstag zu einem Feuer gekommen, wie die Ostsee-Zeitung berichtet.

Das atomrechtliche Genehmigungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung für das neue Zwischenlager ist angelaufen. Im Zwischenlager Lubmin sollen die Sicherheitsfunktionen der Castorhalle wie auch der Schutz gegen Terror-Angriffe auf den neuesten Stand von Wissenschaft und Forschung gebracht werden. Allerdings: Viele der Maßnahmen bleiben geheim.

Nicht erst vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg – in dem Atommeiler und Atommüllhallen zur Kriegswaffe werden könnten – hat der BUND eine umfangreiche gesellschaftliche Diskussion über die Sicherheit der Atommülllagerung in Deutschland eingefordert. Standorte von alten Zwischenlagern wie in Gorleben oder Grafenrheinfeld werden sich daher in Lubmin mit Einwendungen beteiligen. „Dort (in Lubmin) ist eine Wandstärke von 1,85 m geplant – an den bayerischen Standorten beträgt diese lediglich 0,85 m“, heißt es in einer PM vom Schweinfurter Aktionsbündnis gegen Atomkraft (SWAB).

Frist für die Einwendungen ist entweder der 7.4. per Adresse BUND Mecklenburg-Vorpommern oder direkt bis 11. April das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BaSE).

Weil ein Endlager für die hochradioaktiven Abfälle nicht existiert, werden alle deutschen Zwischenlager in eine Laufzeitverlängerung müssen. Dafür sind die Anlagen aber bislang nicht ausgelegt.

Auch die Sicherheit des Zwischenlagers Ahaus ist auf dem Prüfstand: Einige grüne Landtagsabgeordnete aus Bayern sind heute, am 1. April, in Ahaus zu Gast, um sich das Zwischenlager anzusehen. Dort sollen künftig zusätzlich auch hochradioaktive atomwaffenfähige Atomabfälle aus dem Forschungsreaktor München-Garching eingelagert werden. Über Garching hier weitere Infos: Atomforschungsreaktor Garching – Weiterbetrieb mit russischem atomwaffenfähigem Uran

Siehe außerdem: Atomare Risiken im Ukraine-Krieg – Atomanlagen sind Angriffsziele überall!

Zum Feuer auf dem Gelände des stillgelegten AKW Greifswald siehe auch diesen Pressebericht: „Bei EWN selbst war für Fragen zu dem Brand am Donnerstagnachmittag niemand zu erreichen. Im Zwischenlager Nord auf dem ehemaligen Gelände des DDR-Kernkraftwerks „Bruno Leuschner“ sind radioaktive Stoffe gelagert – darunter auch hochradioaktive Castoren.“

Dokumentation 30.3.2022: Gemeinsame Pressemitteilung von BN Schweinfurt und Schweinfurter Aktionsbündnis gegen Atomkraft (SWAB):

Appell an die BürgerInnen, Kommunen und KommunalpolitikerInnen  – Sammeleinwendungen des BUND Mecklenburg-Vorpommern zum Neubau eines Zwischenlagers für hochradioaktiven Atommüll – ESTRAL – in Lubmin unterschreiben

BN Schweinfurt und das Schweinfurter Aktionsbündnis gegen Atomkraft (SWAB) weisen darauf hin, dass es wichtig ist, die Sammeleinwendungen des BUND Mecklenburg-Vorpommern, die bundesweit erhoben werden können, zu unterzeichnen. Das atomrechtliche Verfahren zum Neubau einer Zwischenlagerhalle für hochradioaktive Atommüll-Abfälle am AKW-Standort Lubmin kann Auswirkungen auf künftige Verfahren zur Verlängerung der Betriebsgenehmigungen für Zwischenlager an anderen Standorten haben – zum Beispiel für Grafenrheinfeld.

Das bisherige Atommüll-Lager in Lubmin kann nicht entsprechend der Anforderungen für den nuklearen Terrorschutz nachgerüstet werden, deshalb ist ein Neubau nötig.

In Lubmin sollen neue Maßstäbe umgesetzt werden, zum Beispiel sollen die Stahlbetonwände im Vergleich zu bereits bestehenden Atommüll-Hallen mit hochradioaktiven Abfällen deutlich verstärkt werden. Dort ist eine Wandstärke von 1,85 m geplant – an den bayerischen Standorten beträgt diese lediglich 0,85 m.

Aber wird das ausreichen? Vor dem Hintergrund der Kriegshandlungen in der Ukraine und den gezielten Angriffen gegen dortige Atomanlagen sind die Risiken der Atomenergie auch als militärische Angriffsziele erschreckend deutlich in den Focus gerückt. Die Zwischenlagerung hochradioaktiver Abfälle ist zudem immer neuen Terrorgefahren ausgesetzt. Weil es noch sehr lange kein Endlager geben wird, wird der Atommüll viel länger in den Hallen und in den Castorbehältern bleiben müssen, als es bisher vorausgesagt wurde.

Das stellt erhebliche Fragen an die Sicherheit und Sicherung der Lagerhallen, der Behälter und der Abfälle in ihrem Inneren. Bis hin zu der Frage, ob die hochradioaktiven Abfälle in den Behältern erneut kritisch werden und explodieren könnten.

Der BUND will im Rahmen des jetzt angelaufenen atomrechtlichen Genehmigungsverfahrens mit Betreibern und Behörden über die

Sicherheitsprobleme und -risiken der Atommüll-Lagerung und über die Anforderungen an Sicherheit und Sicherung bei der Genehmigung eines neuen Atommüll-Zwischenlagers diskutieren, deutliche Verbesserungen der Planungen einfordern und sich für Verbesserungen an allen betroffenen Standorten einsetzen.

Es geht nicht nur um Lubmin – es geht auch um Grafenrheinfeld!

Die unterschriebenen Einwendungslisten müssen schnell (Eingang spätestens 07.04.) an folgende Adressen abgeschickt werden:

Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Mecklenburg-Vorpommern, Wismarsche Straße 152, 19053 Schwerin oder

Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BaSE), Wegelystraße 8, 10623 Berlin.

Wir bitten – aufgrund des Zeitdrucks – um schnelle Veröffentlichung unserer Pressemitteilung.

Die Kosten der Atomenergie im Haushalt der Bundesrepublik Deutschland 2022

Der Bundestag berät den Haushalt 2022. Darin sind auch die Kosten der Atomenergie und des radioaktiven Abfalls, der quer verteilt in der Bundesrepublik in vielen oberirdischen Zwischenlagern und unter wachsenden Terrorrisiken aufbewahrt wird, weil immer noch unterirdische Endlager nicht zur Verfügung stehen oder weil die Versuchsprojekte in Morsleben und Asse II gescheitert sind. Milliarden-Beträge werden dafür und für den Rückbau ehemaliger staatlicher Atom-Förderungsanlagen Jahr für Jahr eingesetzt. Das Bundesumweltministerium war bereits in den letzten Jahren mit Kosten von rund 50 Prozent Anteil am Gesamt-Volumen im Grunde ein Atommüll-Ministerium. Doch auch das Bundesfinanzministerium unter FDP-Lindner muss teures Geld für das DDR-Erbe der Atomenergie – Stichwort Greifswald – aufwenden und sogar noch neue Atommülllager bauen. Und beim Bundesforschungsministerium sind die Kosten für die staatlichen Stilllegungs- und Rückbauprojekte bereitgestellt. Außerdem sind zahlreiche Bundesländer an den Kosten für diese Projekte beteiligt – NRW in Jülich und Karlsruhe, Berlin, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg … Wie hoch die Kosten für den militärischen Schutz bzw. die sogenannte Sicherung der Atomanlagen gegen Störmaßnahmen und sonstige Einwirkungen Dritter (SEWD) in Deutschland sind und wo die im Haushalt zu finden sind, ist eine Frage, die weiter zu prüfen wäre.

Die Kosten der Atomenergienutzung sind in 2017 vom Bundestag neu geordnet worden. Damit die Atomkonzerne Marke Eon, Vattenfall, RWE und EnBW nicht an den Kosten der Atommülllagerung „zusammenbrechen“, hatten CDU/CSU und SPD und auch die Grünen den Konzernen die dauerhaften und kaum kalkulierbaren Kostenrisiken gegen eine Einmalzahlung von rund 24 Mrd. Euro abgenommen. Dafür, so der Deal, würden die Konzerne von jeder weiteren Verantwortung im Falle weiterer Kostensteigerungen bei der Atommüllentsorung entbunden. Alle Konzerne zahlten darauf hin freudig in den neuen öffentlichen-rechtlichen Fonds ein und holten sich im Grunde sogar noch einen Teil der 24 Mrd. Euro durch Schadensersatzklagen zurück.

Nach der Neuordnung sind die Atomkonzerne finanziell noch für den Rückbau der Atommeiler zuständig und müssen den dabei anfallenden Atommüll „endlagergerecht“ übergeben. Dafür dürfen die Konzerne weiterhin die unsichere Regelung über betriebliche Rückstellungen nutzen. Statt auch diese Kosten in einen unabhängigen Fonds zu überführen, können die Atomkonzerne hier weiterhin in eigener Regie walten.

Für Kosten in der ASSE und in Morsleben sind die Atomkonzerne und der 2017 gegründete Entsorgungsfonds nicht zuständig. ASSE war als staatliches Atommüll-Forschungsprojekt deklariert worden, um die Kosten der in den 1960/70er Jahren im Aufbau befindlichen Atomenergie schönzurechnen. Morsleben hatte man von der DDR übernommen und damit noch mal eben die Atommüll-Notstand der westdeutschen AKWs überwunden, bevor es als deutsch-deutsches Atommüllerbe in staatlicher Verantwortung geschlossen wurde. Bis heute werden diese beiden komplett gescheiterten Atommüll-Endlagerprojekte mit Milliarden-Beträgen der Steuerzahler*innen finanziert. Ähnlich sieht es auch bei Stilllegung und Rückbau des ehemaligen DDR-AKW in Greifswald – sowie der Atomforschungsanlage Rossendorf – aus, die allerdings beim Bundesfinanzministererium eingegliedert sind (siehe unten).

Ein Teil der Kosten der Atommüllentsorgung wird seit der Neuordnung 2017 durch den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsfonds KENFO geregelt. Der Fonds hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die rund 24 Mrd. von den Atomkonzernen eingezahlten Euros sich über die nächsten Jahrzehnte durch eine möglichst hohe Verzinzung des Kapitals refinanzieren lassen. Die Homepage des KENFO ist hier. Im Kuratorim des Fonds sind neben den Bundesministerien auch die Fraktionen Deutschen Bundestags vertreten.

Im Haushalt-Gesetzentwurf 2022 für das Bundesumweltministerium – zu dem in dieser Legislatur nun der Verbraucherschutz hinzukommt und dadurch direkte Vergleiche mit den letzten Jahren nicht mehr im Gesamt-Rahmen möglich sind – gehören diverse „Kapitel“ in den Zusammenhang der Atomenergie-Nutzung.

Der Gesamt-Entwurf für das BMU – auch Grün-Buch genannt, ist hier als PDF.

Die einzelnen Kapitel, die sich mit Atomfragen befassen sind:

Dem BMU zugeordnet sind auch die im Rahmen der Neuordnung der Atomenergie und der Endlagersuche gegründen staatlichen Gesellschaften mit begrenzter Haftung  Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) und Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Weitere Kosten fallen in Verbindung mit der Atomenergie außerdem bei der „Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe“ (BGR) oder im Rahmen der Endlagersuche für hochradioaktive Abfälle bei den Geologischen Diensten der Länder an.

Beim Bundesforschungsministerium findet sich die Übersicht aller staatlichen Stilllegungs- und Rückbauprojekte, die in Deutschland zum Auf- und Ausbau der nicht nur kommerziellen Nutzung von Atomkraftwerken, sondern auch z.B. für die Wiederaufarbeitung und Plutoniumherstellung oder dem Umgang mit atomwaffenfähig angereichertem Uran in Hochtemperatur-Reaktoren gebaut worden sind. Seit Jahren moniert der Bundesrechnungshof in geheimen Berichten gegenüber dem Haushaltsausschuss des Bundestages, dass die Kosten explodieren, die Projektverwaltung gravierende Mängel habe und vor allem alle Projekte enorm viel mehr Zeit erfordern, als ehemals geplant oder besser behauptet und sich die Kosten dadurch zusätzlich zu immer neuen technischen Problemen noch mal extrem verteuern. (Die Süddeutsche hatte dazu mal berichtet.)

Hier geht es um die Titelgruppe „Tgr. 80 Stilllegung und Rückbau kerntechnischer Versuchs- und Demonstrationsanlagen„. Dort finden sich Angaben zur Stilllegung der Wiederaufarbeitung Karlruhe, des THTR 300, der Rückbauprojekte der JEN in Jülich, den Forschungsreaktoren in Karlsruhe, der Stilllegung von Heißen Zellen und auch z.B. die Kosten die über 150 Behälter mit hochradioaktivem Atommüll in Jülich, für die sogar Planungen für einen Export in die USA weiterhin mit Steuergeldern finanziert wird. Auf Seite 3155 der Drucksache 20/1000 (PDF) finden sich ensprechende – wenig aussagekräftige – Angaben zu den einzelnen Sachständen, die jährliche Kosten von rund 300 Millionen Euro und derzeit geschätzte Gesamtkosten von fast 9 Mrd. Euro mit sich bringen und zu denen noch jeweils die Kosten für die beteiligten Bundesländer addiert werden müssten.

Im Finanzministerium finden sich die Atomanlagen der ehemaligen DDR bzw. dem heutigen Ostdeutschland: Die „Zuwendungen an die EWN sind der Titelgruppe 02 veranschlagt, heißt es in der Drucksache zum Bundeshaushalt unter „Finanzierung der Nachfolgeeinrichtungen der Treuhandanstalt“. „Die Zuwendungen an die EWN sind in der Titelgruppe 02 veranschlagt. Die EWN hat aufgrund von Bestimmungen des Atomgesetzes (AtG) den Nach- und Restbetrieb ihrer Kernkraftwerke sicher zu stellen. Dabei sind die Stilllegungs- und Abbaukonzepte der Kernkraftwerke Greifswald und Rheinsberg umzusetzen, sowie der Betrieb des Zwischenlagers Nord.“ (Seite 1027 der Drucksache 20/1000 (PDF) bzw. Seite 17 im Etat.)

Auch die Wismut AG – die ehemaligen Uran-Bergwerke, in den vor allem für die damalige Sowjetunion Uran gefördert worden ist, sind in diesem Etat zu finden. Angaben finden sich z.B. auf Seite 1175 der Drucksache in der Titelgruppe 01. Insgesamt werden für die Wismut-Sanierung dort Kosten von 8,9 Mrd. Euro zu lassen der Steuerzahler*innen genannt.

EURATOM: Weitere Finanzmittel in öffentlich nicht bekannter Höhe werden von der Bundesrepublik im Rahmen der Finanzierung der Europäischen Union auch für EURATOM bereitgestellt. Die Organisation der EU ist seit den 1950er Jahren dem Ausbau und der Förderung der Atomenergie verpflichtet und sorgt – wie auch die Internationale Atomenergie Organisation – dafür, dass eine interessengeleitete Atomenergiepolitik immer noch mit großer Wirkmacht in Europa und darüber hinaus vorhanden ist. Bemühungen, wenigstens den Fördercharakter von EURATOM zu streichen, sind bis heute kaum vorangekommen. Zwar läuft derzeit eine Art Überprüfung von Euratom bei der EU-Kommission. Aber Änderungen im Sinne einer Streichung des Fördercharakters sind derzeit kaum zu erwarten.

Weitere Atomenergiekosten entstehen in Zusammenhang mit der „nuklearen Teilhabe“ bei der Militärpolitik, z.B. für die Bereitstellung vom Kampfflugzeugen, die Atomwaffen der USA im Rahmen des Nato-Vertrages ins Ziel fliegen sollen. Die bislang dafür vorhandenen Tornado-Flugzeuge sollen künftig offenbar durch US-Kampfjets ausgetauscht werden. Die Atomwaffen sind am Luftwaffenstandort in Büchel stationiert.

Update: Die Betriebsergebnisse der letzten drei Atommeiler, die noch bis Ende 2022 am Netz sind, müssten hier noch mal ergänzt werden. Der Betrieb dieser AKWs ist inzwischen von vielen Kostenfaktoren befreit. Zu beachten ist, dass es Steuern auf Uran, wie sie selbst für Erneuerbare erhoben wurden, nicht gab bzw. nicht wirksam wurden. Auch eine wirksame Versicherung von Schäden von Nuklearanlagen – sonst ein Must-Have bei allen Industrieanlagen und Lebenswirklichkeiten der westlichen Welt – hat es nie gegeben. Auch sonst hatten Atomkonzerne enormen Steuervorteile gegenüber anderen Wirtschaftsunternehmen. Die Verbindung zwischen Staat und Stromwirtschaft war immer intensiv. Das machte Atomstrom für die Unternehmen attraktiv und für die Bürger:innen schien das günstig.

Nun aber on Top noch oben drauf: Sicherheitprüfungen und teure Nachrüstungen oder Updates wurden zuletzt schlicht unterlassen, weil sie bei nur noch wenig Laufzeit wirtschaftlich einfach zu „aufwendig“ gewesen wären. Ist ja lange genug gut gegangen, oder? Dennoch haben die Meiler Strom erzeugt, der im Vergleich zur Kohle weniger CO2-Emissionen zur Folge hatte – je nachdem, welche Techniken zur Herstellung der Kraftwerke und der Brennstoffe berücksichtigt werden. Die Methode der Urananreicherung hat erhebliche Kosten-Relevanz bei der Herstellung der Brennstoffe. Bedeutsamer aber ist der Hohe Kapitalbedarf beim Bau solcher Anlagen. Allemal, wenn die gestiegenen Anforderungen an die Qualität der eingesetzten Technologien gegenüber den industriellen Fähigkeiten deutlich hinterher gehen. Die französische Atomwirtschaft – also der Staat – weiß davon ein Lied zu singen. Aber unter allen Umständen will Frankreich Atomwaffenstatt bleiben. Dafür ist das Land bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Und setzt damit Maßstäbe, an denen sich andere in Europa orientieren. Mitreden können die, die über das Atom-Knowhow verfügen. Der Haushalt des BMU und anderer stellt sicher, dass Deutschland dieses Knowhow behält.

Die Waffen nieder! Gegen Krieg und Militarisierung! Unsere Zeitenwende muss sozial-ökologisch sein!

Neben der guten Anti-Kriegs-Arbeit und Forderungen z.B. der Internationalen Ärzt:innen zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) hat nun auch das Komitee für Grundrechte und Demokratie Position bezogen. Sofortiger Rückzug der russischen Truppen aus der Ukraine, keine Waffenlieferungen und auch keine weitere Aufrüstung mit 100-Euro-Milliarden-Paketen gehören zu den Eckpunkten eines Textes, den das Komitee jetzt auf seiner Homepage veröffentlicht hat. umweltFAIRaendern teilt viele der in dem Papier vorgetragenen Punkte …

Als Komitee für Grundrechte und Demokratie, das seit mehr als 40 Jahren in Deutschland friedenspolitisch aktiv ist, möchten wir unser Entsetzen über den völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine durch die Russische Föderation unter Präsident Wladimir Putin ausdrücken.

Das furchtbare Leid, das dieser Krieg über die Menschen in der Ukraine bringt, ist durch nichts zu rechtfertigen und zu relativieren. Wir stehen solidarisch an der Seite der Ukrainer*innen und fordern den sofortigen Stopp der militärischen Angriffe, einen Waffenstillstand und Abzug der russischen Truppen.

Auch Gegner*innen des Kriegskurses in Russland werden mit erschreckender Repression überzogen. Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges spüren Menschen weltweit, so brechen Getreideexporte aus der Ukraine und Russland weg und steigenden Nahrungsmittelpreise treffen gerade Menschen im Globalen Süden hart. Der russische Einmarsch stellt die imperialistische Aggression einer Staatsführung dar, die in einer von sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Krisen sowie geostrategischen Konflikten zerrütteten Welt ihre Machtambitionen verfolgt. Er steht im Kontext eines fossilen Kapitalismus, in dem politisch und wirtschaftlich herrschende Kräfte um Einflusssphären und Rohstoffzugänge, um Marktanteile und Machterhalt ringen – und denen die Menschen, die dabei unter die Räder kommen, herzlich egal sind.

Dieser Krieg ist ein neuer, schrecklicher Teil einer Serie menschengemachter Katastrophen, die auch durch die Verwerfungen eines zunehmend instabilen und autoritären Kapitalismus hervorgebracht werden: Börsencrashs und Rezessionen, Klimakatastrophe, bewaffnete Konflikte und Corona-Pandemie, der Aufstieg faschistischer Kräfte und der Abbau demokratischer Rechte – um nur einige der sichtbarsten Symptome zu nennen. Der Krieg Russlands fügt sich in diese globale Ordnung ein und ist zugleich ihr Resultat.

…. hier weiter Lesen:

Komitee für Grundrechte und Demokratie: Gegen Krieg und Militarisierung! Unsere Zeitenwende muss sozial-ökologisch sein!

 

 

 

…. Und auch die Politik der Bundesregierung seit Kriegsbeginn stellt keinen Bruch mit dieser Weltordnung dar. Im Falle eines russischen Sieges und der Regierungsneubildung unter Einfluss Russlands, die daraus wahrscheinlich resultieren würde, drohen sich die Bedingungen für soziale Bewegungen, Arbeiter*innen und emanzipatorische Kräfte in der Ukraine massiv zu verschlechtern. Viele Analyst*innen sagen, dass die russische Regierung den Krieg u.a. deshalb begann, um demokratische Bewegungen in der Ukraine, in Russland und in weiteren Ländern der Region zu bekämpfen.

Keine 100 Milliarden für eine Aufrüstung der Bundeswehr!

Drei Tage nach Kriegsausbruch verkündete Kanzler Olaf Scholz im Bundestag massive Mehrausgaben für das deutsche Militär. Die Bundeswehr soll mit einem schuldenfinanzierten Sondervermögen von 100 Milliarden Euro aufgerüstet werden. Zu den wichtigsten Projekten gehört der Kauf neuester Kampfflugzeuge und Panzer. Hierfür wollen Ampel-Koalition und CDU/CSU das Grundgesetz ändern. Zusätzlich soll der Rüstungsetat künftig über zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen, eine Steigerung um 40 Prozent, von 47 Milliarden (2020) auf 70 Milliarden Euro jährlich.

Perspektivisch will die Bundesregierung im Rahmen der »nuklearen Teilhabe« der NATO F-35-Tarnkappenjets anschaffen, um die US-Atomwaffen neuen Typs effizienter abwerfen zu können. Auch über eine Wiedereinführung der Wehrpflicht wird diskutiert. In militaristischer Rhetorik wird die Aufrüstung Deutschlands als unausweichliche und einzig denkbare Reaktion auf den russischen Angriff präsentiert. Damit werden innerhalb weniger Tage – mitten im Kriegsgeschehen – schwerwiegende und weitreichende Entscheidungen getroffen. All diese Vorhaben kritisieren wir auf das Schärfste.

Die Entscheidungen der Ampel-Koalition von Kanzler Scholz stellen allerdings keineswegs einen »Kurswechsel« dar. Auch zuvor rüstete Deutschland die Bundeswehr auf und trieb die militärische Integration der EU voran. Auch zuvor verkaufte Deutschland Waffen in Krisenregionen und an repressive Staaten. Auch zuvor wurde Repression nach innen (neue Polizei- und Überwachungsgesetze) und nach außen (restriktive Grenzregime) verschärft.

Stattdessen handelt es sich bei den jüngsten Entscheidungen um eine ›Kursanpassung‹, wenn auch um eine signifikante. Die Bundesregierung hat entschieden, bei Militärausgaben die finanzielle Handbremse zu lösen – eine Handbremse, die den Rüstungsetat zuvor weniger aus friedenspolitischer Vernunft unter zwei Prozent des BIP gehalten hatte, sondern wegen des machtvollen Dogmas neoliberaler ›Haushaltskonsolidierung‹.

Die Bundesregierung meint begriffen zu haben, dass der beste Kurs, um die »Sicherheit Deutschlands« im 21. Jahrhundert zu garantieren, mehr Militär, mehr Waffen, mehr Konfrontation sind – auch wenn hierfür vom Austeritätskurs partiell abgewichen werden muss. Die »Verteidigung Deutschlands und der NATO-Länder« lasse keine andere Wahl. Die Bundesregierung nutzt die berechtigte Empörung und Sorge wegen des Ukraine-Kriegs, um von Militarist*innen seit Jahrzehnten geforderte Schritte im Hau-Ruck-Verfahren durchzusetzen. Seit Jahren liegen Pläne für die gewünschten Waffensysteme und ihre Finanzierung fertig in den Schubladen von Think Tanks, Rüstungs-Lobbyist*innen und vielen Politiker*innen.

Anstatt eine verantwortliche und vernunftgeleitete Politik zu betreiben, die dem Zeitalter der Klimakatastrophe des Anthropozäns und einer sich selbst zerstörenden kapitalistischen Zivilisation demokratisch, sozial und ökologisch tatsächlich angemessen wäre, fallen Bundesregierung und große Teile der Öffentlichkeit – fast erleichtert – in überholte, aber vertraute Denkweisen der Blockkonfrontation und des Militarismus zurück.

Schockiert sind wir mithin nicht allein von den deutschen Entscheidungen für mehr Militarisierung, sondern von der breiten öffentlichen Zustimmung, die diese Kursanpassung erfährt, sowie von kriegerischer und militaristischer Rhetorik in vielen (sozialen) Medien. So unterstützten in einer Umfrage des ARD-Deutschlandtrends vom 3. März 2022 fast 70 Prozent die Erhöhung des Verteidigungsetats auf zwei Prozent.

Gegen diese Tendenzen ist eine antimilitaristische und friedenspolitische Kritik auf der Höhe der Zeit bitter notwendig. Der angekündigten Aufrüstung erteilen wir somit eine klare Absage:

  • Eine massive Erhöhung des Bundeswehretats hat keine effektiven Auswirkungen auf das aktuelle Kriegsgeschehen in der Ukraine. Neue Waffen werden erst in Jahren verfügbar sein, heizen aber schon jetzt militärische Eskalationsspiralen an. Aufrüstungs- und Abschreckungspolitiken können niemals Mittel für nachhaltigen Frieden und menschliche Sicherheit sein.

  • Der Entscheidungsprozess zur massiven Erhöhung des Rüstungsetats ist übereilt und undemokratisch. Es gab dazu weder parlamentarische noch außerparlamentarische Debatten. Weitreichende Folgen dieses Rüstungswahns sind abzusehen: Wenn mehr Geld für Waffen ausgegeben wird, wenn mehr Schulden für Rüstung gemacht werden, so sind Positionen absehbar, die für Bildung, Gesundheit, Soziales und Klimapolitik nun ›leider wirklich keine Spielräume‹ mehr sehen. Die BRD hat bereits jetzt den höchsten Verteidigungsetat aller EU-Länder. Die Ambitionen Deutschlands, sich in der globalen Weltordnung durch dieses staatliche Rüstungsprogramm ökonomisch und politisch zu positionieren, sind ebenso deutlich wie gefährlich.

Stattdessen fordern wir Maßnahmen, die Frieden und Gerechtigkeit fördern: Angesichts rechter und autoritärer Tendenzen in Gesellschaft Sicherheitsbehörden und Militär müssen demokratie- und friedensfördernde Programme sowie zivilgesellschaftliche Initiativen in Deutschland endlich dauerhaft gestärkt werden. Dem nationalistischen Taumel gilt es sich entgegenzustellen. Organisationen, die langjährige Erfahrung mit ziviler Konfliktbearbeitung haben, müssen finanziell gestärkt werden, in Deutschland und weltweit, um der Aufrüstungsspirale konstruktive Alternativen entgegenzusetzen.

Ein antimilitaristisches Nein zu Waffenlieferungen

Neben Sondervermögen und Etaterhöhung für das deutsche Militär passt die Bundesregierung ihren Kurs in einem weiteren Aspekt an. Anders als zuvor liefert sie nun Waffen in die Ukraine, direkt in ein Kriegsgebiet. Neben Handwaffen geht es um Panzerabwehrwaffen und Boden-Luft-Raketen. Unterstützten Anfang Februar 2022 in einer Umfrage des ARD-Deutschlandtrends nur 20 Prozent der Befragten einen solchen Schritt, sprang die Zustimmung in Folge des Kriegsausbruches bis Anfang März auf über 60 Prozent.

Auch viele linke und kritische Stimmen, viele Genoss*innen von uns, können und wollen sich der vorgetragenen Logik nicht entziehen. Sie unterstützen Waffenlieferungen offen oder schweigen zu dieser Frage betreten. Wir können das Hadern linker und friedenspolitischer Kräfte gegenüber Waffenlieferungen in die Ukraine verstehen. Einigen von uns geht es genauso. Wir sind skeptisch gegenüber Stimmen von beiden Seiten der Debatte, die dies für ein simples, einfach zu entscheidendes Problem halten.

Sich mit den sozialen Bewegungen sowie demokratischen und linken Kräften in der Ukraine und Russland solidarisch zu erklären, heißt ernst zu nehmen, was emanzipatorische Akteur*innen aus der Region sagen. Und tatsächlich kritisieren ukrainische und russische Linke die westliche Linke massiv für ihre Fixierung auf die NATO und die Unfähigkeit zu erkennen, dass auch ein Akteur wie die russische Regierung ›eigenständig imperialistische‹ Politik verfolgen kann.

Zudem unterstützen und fordern viele Linke und Antiautoritäre aus der Ukraine Waffenlieferungen aus dem Westen. Dem muss sich eine antimilitaristische Linke und die Friedensbewegung in Deutschland unserer Ansicht nach aber nicht notwendigerweise und bruchlos anschließen. Doch es gilt für uns, auch diese Stimmen nicht einfach zu übergehen.

Sie nennen verschiedene ›linke‹ Argumente für Waffenlieferungen: Der Angriff auf die Ukraine sei die imperialistische Aggression eines autoritären Staates gegen einen ökonomisch wie militärisch sehr viel schwächeren Staat, in dem erkämpfte Freiheiten extrem eingeschränkt zu werden drohen. Diese hätte ohne die Hilfe von außen keine militärische Chance, der Aggression und den Konsequenzen ihres möglichen Erfolges zu widerstehen. Man dürfe die Menschen in der Ukraine schlicht nicht im Stich lassen – erst recht nicht, wenn sie selbst entscheiden, sich dem Aggressor auch militärisch entgegen stellen zu wollen. Eine Verteidigung gegen den russischen Angriff, und damit auch ihre militärische Unterstützung, könne als Kampf um die künftigen Bedingungen politischer und sozialer Emanzipationsbestrebungen in der Ukraine, Russland und in anderen Ländern der russischen Einflusszone begriffen werden.

Einerseits schließen wir uns diesen Argumenten an. Bei genauer Betrachtung sind die obigen Ausführungen jedoch weniger Argumente für Waffenlieferungen, sondern für die grundsätzliche Unterstützung der Selbstbestimmungsrechte der Menschen in der Ukraine und für einen erhofften Rückzug Russlands.

Ob die aktuell geplanten Waffenlieferungen in dem extremen Ungleichgewicht tatsächlich im militärischen Kräfteverhältnis einen Unterschied machen, ist zu bezweifeln. Eine logische Konsequenz wäre dann eine massive Mobilisierung von Waffen, um das Ungleichgewicht auszugleichen oder einen militärischen Sieg Russlands möglichst lange hinauszuzögern. Eine solidarische Unterstützung muss jedoch nicht militärisch sein, sondern kann zivile humanitäre und finanzielle Hilfestellungen umfassen.

Ein weiteres Argument ist, dass auch in anderen Situationen zumindest einige linke Kräfte keine Probleme mit Waffenlieferungen gehabt haben, etwa während der Kampagne »Waffen für El Salvador« in den 1980ern Jahren oder, in jüngerer Zeit, bei der Ausrüstung der kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) in Rojava. Ausschlaggebender Unterschied ist jedoch, dass es sich in der aktuellen Situation um Waffenlieferungen von einer Regierung an eine andere handelt und nicht um emanzipatorische Freiheitskämpfer*innen ohne nationalstaatliche Interessen.

Gleichzeitig sprechen friedenspolitische und antimilitaristische Argumente gegen Waffenlieferungen, was die Mehrheit von uns zu einer Ablehnung von Waffenlieferungen in die Ukraine führt:

  • Eine Verlängerung der kriegerischen Auseinandersetzungen und mehr Waffen im Konfliktgebiet führen nicht notwendig zu einem Einlenken Russlands, sondern befeuern möglicherweise die kriegerische Eskalationsspirale und schließen mögliche Dialogräume. Letztlich ist für uns schwer abzusehen, was Putin an den Verhandlungstisch bringen wird und was ihn zu einer weiteren Eskalation treibt, es kursieren dazu unterschiedlichste Analysen.

  • Die zugesagten Waffenlieferungen ändern nichts an der militärischen Überlegenheit der Russischen Föderation in diesem Krieg, die sogar über Atomwaffen verfügt. Ein Sieg Russlands wird zwar hinausgezögert, aber damit wird der Krieg voraussichtlich verlängert und führt letztendlich zu mehr Zerstörung, Tod und Leid.

  • Durch Waffenlieferungen werden weitere Waffen in den regionalen und internationalen Kriegskreislauf eingespeist. Ein Unterschied zwischen Verteidigungs- und Angriffswaffen existiert dabei nicht, das heißt, Waffen dienen niemals allein zur Selbstverteidigung, sondern können immer auch zum Angriff genutzt werden.

  • Der Verbleib der Waffen ist nicht zu kontrollieren. Waffen könnten zum Beispiel an nationalistische und extrem rechte Kräfte gelangen, aus Russland, der Ukraine oder anderen Ländern, aus denen Rechte und Neonazis zum Kämpfen in die Ukraine reisen.

  • Waffen töten Menschen – egal welcher Nationalität.

Anstatt Aufrüstung und andere militärische Mittel zu wählen, sollten wirtschaftliche und zivile Wege, wie etwa Sanktionen gegen russische Kapitalist*innen ausgeschöpft werden. Allerdings treffen viele der verhängten Sanktionen eher die breite Bevölkerung als die herrschenden Kreise, was möglicherweise sogar zu stärkerer Unterstützung der betroffenen Menschen in Russland für Präsident Putin führen könnte. Bestehende Auslandsvermögen russischen Ursprungs werden bisher nicht angetastet, sind sie doch oft massiv mit globalen und westlichen Ökonomien verquickt, allen voran mit dem Finanz-, Immobilien- und Luxussektor.

Zugleich wäre ein Vorgehen gegen russische Vermögen erstens zielgerichtet und zweitens erfolgversprechend, weil dieser Personenkreis weit eher als die unterdrückte Bevölkerung einen Weg finden könnte, sich bei ihrem Präsidenten Gehör zu verschaffen, zumal sie kaum Vorteile vom Krieg haben dürften. Der französische Ökonom Thomas Piketty schlägt eine saftige Besteuerung hoher Privatvermögen russischer Staatsangehöriger im Ausland vor (ab einer Million Euro, 10-20 Prozent pro Jahr). Piketty kalkuliert, dass die rund 20.000 betroffenen Angehörigen der russischen Elite hochmotiviert wären, die russische Regierung von ihrem Kriegskurs abzubringen.

Ein derzeit an mehreren Orten Deutschlands zu beobachtender pauschaler Ausschluss russischer Personen aus dem Kunst- und Kulturbetrieb sowie diversen Gewerben ist dagegen unsolidarisch und rassistisch und trifft oft gerade jene, die sich seit Jahren gegen die Regierung Putin engagieren und die wir als unsere Verbündeten begreifen sollten.

Offene Fluchtwege und solidarische Aufnahme in Deutschland für alle

Wir freuen uns über die riesige Hilfsbereitschaft, die Flüchtende aus der Ukraine aktuell erfahren, ebenso wie über die verringerten bürokratischen Hürden, die ihnen ein Ankommen etwas erleichtern. Gleichzeitig schauen wir als langjährig solidarisch Aktive auch mit schwerem Herzen auf den selektiven Charakter dieser neuen Großzügigkeit.

Vielfach wird in den vergangenen Wochen berichtet, dass Menschen aus afrikanischen Ländern, aus Syrien, Afghanistan und weiteren Ländern nicht aus der Ukraine ausreisen dürfen bzw. ihnen die Einreise nach Polen verweigert oder erschwert wird. Auch Menschen ohne Ausweisdokumente dürfen nicht aus der Ukraine ausreisen. Hiervon sind auch 40.000 in der Ukraine lebende Roma stark betroffen, die auf ihrer Flucht massiven Antiziganismus durch Helfer*innen in den Nachbarländern der Ukraine, aber auch in Deutschland erfahren.

Wir haben nicht vergessen, dass die polnische Regierung zeitgleich Grenzzäune baut, dass die EU vielerorts Geflüchtete in elenden Lagern gefangen hält, illegale Pushbacks durchführt und Menschen an ihren Grenzen erfrieren und ertrinken lässt. Und auch an deutschen Grenzen häufen sich die Berichte über racial profiling in Zügen und Privatfahrzeugen gegenüber Geflüchteten aus der Ukraine. Wir fordern offene Fluchtwege für alle.

  • Die Aufnahme von Geflüchteten aus der Ukraine darf nicht nur Bürger*innen der Ukraine umfassen und nicht nach rassistischen Kriterien wie Aussehen, Sprache oder Pass gefällt werden.

  • Wir fordern offene Grenzen und solidarisieren uns mit allen, die sich der Kriegslogik entziehen, ob aus Russland, der Ukraine, Belarus oder anderen Ländern. Ukrainischen Männern und trans Frauen, die nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden wollen, muss das Verlassen der Ukraine ermöglicht und Asyl in Deutschland gewährt werden. Kriegsdienstverweigerung ist Menschenrecht!

  • Es braucht legale Fluchtmöglichkeiten für die tausenden Exilant*innen und Deserteure aus Russland, Belarus und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken.

  • Die solidarische Aufnahme von ukrainischen Geflüchteten in Deutschland darf nicht zu einer weiteren Benachteiligung anderer Geflüchteten-Gruppen führen, die aus vorgeschobenen ›Kapazitätsgründen‹ weniger in Deutschland erwünscht sind. Die geltende Einteilung in ›echte‹ und ›falsche‹ Geflüchtete darf nicht erweitert, sondern muss beendet werden.

Unsere Zeitenwende: Wirkliche Sicherheit braucht eine sozial-ökologische Transformation und radikale Demokratie!

Olaf Scholz‘ Begriff einer »Zeitenwende« ist irreführend, denn die kriegerische Eskalation ist eine logische Konsequenz der sich zuspitzenden Zustände. Die ökonomische und ökologische Vielfachkrise des globalen Kapitalismus führt zu Ressourcenkonflikten und Fluchtbewegungen, zu erbitterten Kämpfen um wirtschaftliche Macht und imperiale Einflusssphären. Die sozialen Verwerfungen weltweit und der Aufstieg faschistischer Kräfte werden sich weiter verstärken, sollte nicht endlich umfassend und systematisch umgesteuert werden.

Der jüngste Bericht des Weltklimarats (IPCC) von Februar 2022 warnt, dass »ein kurzes und sich schnell schließendes Zeitfenster verbleibt, um eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft für alle zu sichern«. Der Bericht prophezeit, dass die Welt bis 2040 kränker, hungriger, ärmer und gefährlicher werden wird und ruft zu schnellem, entscheidenden Handeln auf.

Den deutschen Kohleausstieg zu verschieben, weiter auf den ebenso klimaschädlichen fossilen Energieträger Gas zu setzen oder gar den beschlossenen Atomausstieg infrage zu stellen, sind deshalb genau die falschen Schlüsse aus der sich zuspitzenden Situation. Das Festhalten an Atomkraft, Kohleabbau und Gasimporten heizt nicht nur den Klimawandel weiter an, es führt auch zu Abhängigkeiten von Rohstofflieferanten und Lieferketten und damit zu Erpressbarkeit in militärischen Konflikten.

Dies zeigt, dass kein Weg daran vorbeiführt, Verbräuche zu senken und so schnell wie möglich komplett auf erneuerbare Energien umzustellen. Die geplante Aufrüstung, ebenso wie der Ausbau fossiler Infrastruktur wären Schritte weg von der notwendigen sozial-ökologischen Transformation. Dies macht weitere Kriege und den globalen Kollaps wahrscheinlicher. Die Pläne der Bundesregierung gutzuheißen bedeutet in letzter Konsequenz, den Klimakollaps und die sich daraus ergebenden Kriege zu akzeptieren. Dem stellen wir uns entgegen.

Wir sagen: Unsere Zeitenwende muss sozial-ökologisch und antimilitaristisch sein. Eine Zeitenwende, die darauf zielt, die globalen Krisen auf der Basis von Menschenrechten, Diplomatie und radikaler Demokratie zu lösen – durch Bedingungen also, die durch eine tiefgehende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft erst möglich würden.

×