Darf der zivile Urankonzern URENCO, an dem deutsche Unternehmen beteiligt sind und über den auch die Bundesregierung samt VETO-Rechten eine Kontrollfunktion ausübt, künftig für britische Atom-U-Boote Kernbrennstoff für die Nuklear-Reaktoren herstellen? Diesen Tabubruch eines der „friedlichen“ Nutzung der Atomenergie verpflichteten Unternehmens für militärische Zwecke Uran anzureichern, hatten die beteiligten Niederlande vor wenigen Tagen öffentlich gemacht und Zustimmung bekundet. Jetzt reagiert DIE LINKE mit deutlicher Kritik an diesem Vorhaben und hat dazu eine „Schriftliche Frage“ an die Bundesregierung auf den Weg gebracht. (Foto: Screenshot von der Homepage der URENCO-Anlage in Capenhurst, UK. Dort soll die Urananreicherung für militärische Zwecke erfolgen.)
Über den Anlass und die Hintergründe dieser Geschichte hatte umweltFAIRaendern.de in den letzten Tagen hier berichtet:
In einer gemeinsam PM fordern die zuständige Bundestagsabgeordnete der Linksfraktion, Mareike Hermeier, und der zuständige Sprecher des Landesvorstands in NRW, Hubertus Zdebel, ein Veto der Bundesregierung, um zu verhindern, dass die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Nutzung der Atomenergie weiter abgebaut werden. (In NRW betreibt die URENCO eine Urananreicherungsanlage in Gronau.) Die Stellungnahme und der Wortlaut der Schriftlichen Fragen an die Bundesregierung sind unten dokumentiert.
Das dreistaatliche Unternehmen URENCO reichert Uran für sogenannten zivile Zwecke an, also für den Einsatz in Atomkraftwerken zur Stromerzeugung. Die Eigentümer sind zu je einem Drittel die Staaten UK und NL und in Deutschland gemeinsam E.on und RWE.
Weil die URENCO mit ihrem Anreicherungsverfahren per Zentrifugen technisch grundsätzlich auch in der Lage wäre, Atomwaffen-Uran herzustellen ist das Unternehmen mit dem „Vertrag von Almelo“ völkerrechtlich verbindlich auf die sogenannte die friedliche Nutzung der Atomenergie verpflichtet worden und unterliegt dem Atomwaffensperrvertrag. Mit dem Vertrag von Almelo wurde ein Kontrollrat etabliert, in dem neben UK und NL auch die Bundesregierung sitzt, um die Einhaltung nach dem Atomwaffensperrvertrag zu beaufsichtigen. Das Gremium ist mit einem Veto-Recht ausgestattet. URENCO betreibt Anlagen in Gronau, in Almelo und Capenhurst sowie in den USA.
Großbritannien hatte – wie durch den Vorgang im niederländischen Parlament vor wenigen Tagen bekannt wurde – im November 2024 bei der niederländischen Regierung angefragt, ob es Einwände gäbe, wenn URENCO (in Capenhurst, UK, siehe Screenshot Foto der Homepage) für das britische Militär Uran anreichern würde.
Ohne genauere Hintergründe preis zu geben, dürfte damit Uranbrennstoff für die nuklear angetrieben Atomwaffen-U-Boote gemeint sein. (Spekuliert wird aber auch, ob damit Uran für die Verwendung in speziellen Absorber-Brennelementen zur Herstellung von Tritium gemeint sein könnte. Tritium wird als Booster für die Verwendung in Nuklear-Sprengköpfen genutzt. Wegen der Halbwertzeiten muss es rund alle 12 Jahre erneuert werden und ist extrem aufwendig zu erzeugen. In der Natur kommt es quasi nicht vor.)
Nicht erst die Vorgänge im Iran haben in den letzten Jahren immer wieder verdeutlicht, dass vermeintlich zivile Atomenergie zur Stromerzeugung und die Verwendung zu militärischen Zwecken bis hin zur Atombombe immer schwieriger zu trennen sind. Immer mehr Staaten haben es auch über die „friedliche“ Atomenergie geschafft, in den Besitz von Atomwaffen zu kommen. Dabei spielte in der Vergangenheit auch URENCO eine Rolle, die im Ergebnis dazu führte, dass Pakistan in den Besitz von Atomwaffen gelangen konnte. Auch wenn Frankreich und die USA „amtliche“ Atomwaffenstaaten sind: In beiden Ländern wird die Herstellung von Tritium für den Einsatz in Atomwaffen derzeit bereits in zivilen Atomkraftwerken betrieben oder vorbereitet (siehe zu Tritium auf umweltFAIRaendern.de).
- Über die URENCO-Urananreicherungsanlage in Gronau und die ETC informiert das zuständige Wirtschaftsministerium in NRW unter diesem Link
Dokumentation der PM der Linke von der Seite des Landesverband NRW:
Tabubruch ins Militärische bei Urenco: Was sagt die Bundesregierung? 9. Juli 2026
In der vergangenen Woche wurde über eine Mitteilung des niederländischen Außenministers Tom Berendsen an die Tweede Kamer des niederländischen Parlaments bekannt, dass die Niederlande zugestimmt haben, dass das niederländisch-britisch-deutsche zivile Urananreicherungsunternehmen URENCO für das britische Militär Atombrennstoff herstellen darf.
Auch eine Zustimmung von der deutschen Bundesregierung müsste erfolgen, denn Deutschland gehört mit den Niederlanden und Großbritannien über den Vertrag von Almelo zu den drei Kontrollmächten über die URENCO. Deswegen hat die Bundestagsabgeordnete Mareike Hermeier (Die Linke) jetzt in Abstimmung mit dem Landesvorstand der Linken in NRW eine schriftliche Frage an die Bundesregierung gestellt.
Dazu erklärt die Bundestagsabgeordnete Mareike Hermeier: „Mit einem Nein zur britischen Anfrage könnte die Bundesregierung das Projekt stoppen und untersagen, dass die zivile, der friedlichen Nutzung der Atomenergie verpflichtete URENCO für das Militär im Zusammenhang mit nuklearen Waffensystemen und Reaktorantrieben tätig werden darf. Der Vertrag von Almelo enthält das Prinzip der Einstimmigkeit, also ein Veto-Recht. Deshalb möchte ich wissen, wie sich die Bundesregierung zu dieser Anfrage der britischen Regierung positioniert hat und welche genauen Sachverhalte mit dem Anliegen, ermöglicht werden, insbesondere welche Anreicherungsgrade von Uran235 dabei vorgesehen sind. Angaben darüber hat die niederländische Regierung nicht mitgeteilt.“
Hubertus Zdebel, Mitglied im Landesvorstand der Linken in NRW ergänzt: „Seit Jahren werden die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Atomenergie immer mehr aufgeweicht. Urenco betont stets, dass das Unternehmen Uran ausschließlich für zivile Zwecke der Kernenergie, insbesondere für Atomkraftwerke, anreichert. Ein Ja zur britischen Anfrage wäre aber eine ausdrückliche Entscheidung von URENCO, ihren Anteilseignern und Kontrollstaaten, die Grenze zwischen ziviler und militärischer Anwendung zu überschreiten.
URENCO, an der die Niederlande und Großbritannien jeweils ein Drittel und die beiden deutschen Energiekonzerne RWE und E.ON das verbleibende Drittel der Anteile besitzen, reichert in der deutschen Anlage in Gronau Uran für den Einsatz in Atomkraftwerken zur Stromerzeugung an, könnte mit ihrer Zentrifugentechnik aber auch atomwaffenfähiges Uran herstellen. Die Urananreicherungsanlage ist der Schlüssel zum deutschen und EU-Griff nach der Atombombe. Auch aus diesem Grund fordern wir ihre sofortige Stilllegung.“
Dokumentation:
Schriftliche Frage der Bundestagsabgeordneten Mareike Hermeier (Fraktion Die Linke) an die Bundesregierung:
„Hat die Bundesregierung Kenntnis von der Anfrage der britischen Regierung, dass das Urananreicherungsunternehmen URENCO, an dem die deutschen Energieunternehmen PreussenElektra (E.on) und RWE mit zusammen einem Drittel der Anteile beteiligt sind und in dessen Kontrollgremium Deutschland über den Vertrag von Almelo vertreten ist, höher angereicherten Brennstoff für militärische Zwecke offenbar zum Einsatz in atomgetriebenen britischen U-Booten herstellen soll, die über eine Mitteilung des niederländischen Außenministers Tom Berendsen an die Tweede Kamer des niederländischen Parlaments bekanntgeworden ist, und wenn ja, wie positioniert sie sich zu dieser Anfrage, und welche genauen Sachverhalte werden mit dem Anliegen ermöglicht, insbesondere welche Anreicherungsgrade von Uran235 sind dabei vorgesehen?“
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