Atommülllager ASSE: BUND zur Zwischenlager-Frage

In der heftig debattierten Frage, wie und wo der Standort für das benötigte Zwischenlager zur Rückholung der Atomabfälle aus der ASSE gefunden werden kann, hat jetzt die „BUND Atom- und Strahlenkommission“ (BASK) eine Stellungnahme vorgelegt. Das aus kritischen Wissenschaftler:innen zusammengesetzte Gremium berät den Bundesvorstand des BUND in Fragen der Sicherheit der Atomenergienutzung und des Strahlenschutzes. In der ASSE 2 lagert leicht- und mittelradioaktiver Atommüll. Der Salzstock ist einsturzgefährdet, außerdem droht ein unkontrollierter Wassereinbruch. Deshalb wurde vom Bundestag die Rückholung per Gesetz beschlossen. Heftiger Streit ist in der Region um die notwendigen oberirdischen Anlagen entbrannt, die bei der Rückholung benötigt werden. Einerseits eine Anlage, in der die geborgenen Abfälle neu sortiert und verpackt werden können. Andererseits braucht es ein Zwischenlager für diese Abfälle.

Streit ist in der Region ausgebrochen, nachdem die zuständige Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) mit Zustimmung des BMU für die erforderlichen oberirdischen Anlagen einen Standort direkt an der ASSE festgelegt hatte. Viele Aktive und Vertreter:innen kritisierten, dass dabei ein vereinbarter Vergleich einer standortnahen mit einer standortfernen Lösung nicht ausreichend entsprechend vereinbarter Kriterien durchgeführt worden sein. Auch Abgeordnete aus Bundes- und Landtag ebenso wie das in Niedersachsen zuständige Umweltministerium hatten Kritik. Als Kompromiss sollte ein „Beleuchtungsverfahren“ mit entsprechenden Experten besetzt, noch einmal überprüfen, ob das Vorgehen der BGE korrekt war.

Zu diesem Bericht nimmt die BUND-Kommission jetzt Stellung und kommt in einigen Punkten zu anderen Bewertungen. Dabei verweist die Kommission auch auf eine frühere Stellungnahme, die ebenfalls beim BUND online zu finden ist: Positionspapier zum Umgang mit den Abfällen in der Asse II (April 2020)

Wachsender Streit und ferne Standorte

Rund um die ASSE wachsen Stimmen, die sich gegen die oberirdischen Anlagen direkt am Atommülllager aussprechen und weiter entfernte Orte für die Konditionierung und die Zwischenlagerung fordern. Angesichts der Risiken, die mit dem Transport von Atommüll verbunden sind und auch, weil ein Standort nicht gegen andere Standorte/Bürger:innen gestellt werden kann (niemand will den Atommüll in seiner Nachbarschaft), haben Anti Atom Gruppen seit vielen Jahren ein Prinzip entwickelt: Nicht rein – Nichts raus.

An den meisten Atommeilern in der Bundesrepublik entstehen neue Zwischenlager für Atommüll bzw. werden errichtet. Örtliche Gruppen fordern dabei zwar höchste Sicherheitsstandards, aber kommen meist nicht auf die Idee, diesen Atommüll anderen vor die Tür stellen zu wollen.

Rund um die ASSE aber entwickelt sich inzwischen immer mehr eine Haltung, die von Not in my Backyard immer schwerer zu unterscheiden ist. Behörden und Betreiber machen zwar Fehler bzw. gehen immer wieder ignorant oder leichtfertig mit Verabredungen und der eingerichteten Bürger:innenbeteiligung um, die zurecht kritisiert werden müssen und die Misstrauen immer wieder neu begründen. Dass aber kann nicht rechtfertigen, den zu bergenden Atommüll anderen in den Vorgarten zu stellen.

Die Rückholung der ASSE-Abfälle war und ist bis heute trotz bundesgesetzlicher Grundlage nicht unumstritten. Auch weil Kosten von weit über fünf Milliarden Euro mit dem weltweit einzigartigen Projekt verbunden sind. Nicht nur in Behörden oder Kommissionen, sondern auch in den Gremien rund um den Begleitprozeß – und auch am sogenannten Beleuchtungsprozeß – sind inzwischen Stimmen stärker vertreten, die seinerzeit gegen die Rückholung plädiert hatten.

Der Wahnsinn der Atomenergie mit seiner ungelösten Atommüllentsorgung ist ein Dilemma – für das es am Ende keine gute Lösung geben kann (Schon deshalb darf es keinen neuen Atomstrom mehr geben). Daher sind Konflikte unter allen Umständen normal und berechtigt. Aber es muss dennoch Regeln für den Umgang geben. Nichts rein – nichts raus so eine Regel.

Atomausstieg und Strahlenschutz – Nachruf Wolfgang Köhnlein (1933-2021)

Bereits am 22. Juli 2021 verstarb der frühere Präsident und langjähriges Mitglied der Gesellschaft für  Strahlenschutz  e.V., Prof. Dr. Wolfgang Köhnlein (Münster). Er gehörte zu den wenigen etablierten Hochschullehrern, die sich vor dem Atomausstieg in Forschung und Lehre gegen die Nutzung der Atomenergie verwendeten und gegen die öffentliche Verharmlosung von Strahlenschäden. 2009 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Der Physiker und Strahlenbiologe Prof. Dr. Wolfgang Köhnlein (Münster) hat sich über sein akademisches Amt hinaus in vielfacher Weise gesellschaftspolitisch engagiert und unter anderem den BUND in Fragen der Auswirkung von Atomkriegen und zu den gesundheitlichen Folgen der sog. „friedlichen“ Verwendung der Atomenergie beraten. Der Vorsitzende Hubert Weinzierl berief ihn 1987 in die neu gegründete BUND-Strahlenkommission, weil nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl ein Expertengremium notwendig erschien, das den offiziellen Verharmlosungen der Folgen entgegentreten sollte. Köhnlein verstarb an den Folgen einer Erkrankung im Alter von 89 Jahren.

Dokumenatioan: Kritische Wissenschaft im Atomzeitalter:

Nachruf für Wolfgang Köhnlein (1933-2021)

von Inge Schmitz-Feuerhake und Horst Kuni Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. / Nov. 2021

Am 22. Juli 2021 verstarb unser langjähriges Mitglied und früherer Präsident (1995-1999) der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. (GSS) Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Köhnlein. Er gehörte zu den wenigen etablierten Hoch- schullehrern in Deutschland, die sich lange vor dem Atomausstieg in Forschung und Lehre gegen die Nutzung der Atomenergie verwendeten und gegen die öffentliche Verharmlosung von Strahlenschäden wie u.a. durch die Medizindiagnostik.

Im Nachruf der Universität Münster wird hervorgehoben, dass er 2009 für sein jahrzehntelanges Engagement im Umweltschutz durch das Bundesverdienstkreuz geehrt wurde. Dazu gehörte seine Beteiligung an einer münster- ländischen Windkraftanlage.

Auch wird berichtet, dass er 1999 zum Mitglied und stellv. Vorsitzenden der deutschen Strah- lenschutzkommission SSK berufen wurde sowie 2000 als deutscher Vertreter in das internati- onale Strahlenkomitee der Vereinten Nationen UNSCEAR.

Wolfgang Köhnlein wurde 1933 in Lauerbach (Odenwald) geboren und studierte Physik an der Universität Heidelberg. Seine Doktorarbeit machte er am 1956 gegründeten Kernfor- schungszentrum Karlsruhe. Zu diesem gehörte ein neues Institut für Strahlenbiologie, dessen Direktor, der Physiker Karl Günther Zimmer parallel dazu eine ordentliche Professur für Strahlenbiologie an der Universität Heidelberg bekleidete. Zimmer wollte die strahlengeneti- sche Forschung fortsetzen, die vor dem 2. Weltkrieg am damaligen Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Buch betrieben und methodisch berühmt geworden war. Sein Doktorand Köhnlein pro- movierte 1962 an der Universität Heidelberg mit einer Arbeit über Primärwirkungen von ioni- sierender Strahlung (Bildung von Radikalen) auf lebende Materie an Hand von Bakteriopha- gen und ihrer Bestände an spezifischen Nukleinsäurebasen.

1964 erhielt er ein zweijähriges Forschungsstipendium des U.S.-amerikanischen National In- stitute of Health, das er an der Yale-Universität in New Haven, Connecticut, verbrachte. Zu- rück in Deutschland wurde er 1967 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Strahlenbio- logie der Universität Münster, angesiedelt in der medizinischen Fakultät, wo er sich 1972 für das Fach Strahlenbiologie und Biophysik habilitierte. 1975 wurde er dort zum Wissenschaftli- chen Rat und Professor für Strahlenbiologie und Biophysik ernannt.

Damit war der Höhepunkt seiner Karriere erreicht, denn nach dem Supergau im Atomkraft- werk Three Mile Island 1979, angesichts der offiziellen Vertuschungen der Umweltkontami- nationen und der Strahlenfolgen sowie der Verfolgung der wissenschaftlichen und juristischen Vertreter der Opfer, entwickelte und outete er sich als Atomenergiegegner. Zeitgemäß geriet er auf die Abschussliste der Atomlobby und sah sich hinfort auch den Schmähungen der Mainstreamwissenschaft ausgesetzt. 1994 wurde er noch zum Geschäftsführender Direktor des Instituts für Strahlenbiologie in Münster gewählt. Dieses Amt versah er im Bewusstsein, dass die Tage des Instituts gezählt sein würden, denn europaweit verschwanden solche unab- hängigen Forschungseinrichtungen, weil die Anwender ionisierender Strahlung in der Medi- zin genügend Kenntnisse über die Nebenwirkungen zu haben glaubten.

Wolfgang Köhnlein war auch in seiner Heimatgemeinde Havixbeck vielfach ehrenamtlich en- gagiert: mit seiner 2008 verstorbenen Frau Liselotte als Presbyter in der evangelischen Ge- meinde und in der Friedensinitiative Havixbeck sowie der Friedensinitiative der Nachbargemeinde Notteln.

Seine Berufung in die SSK, Beraterin des Bundesumweltministers, erfolgte unter der rot-grü- nen Regierung Gerhard Schröder (1998-2005) mit Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne), die den Ausstieg aus der Atomenergie zum Wahlkampfziel erklärt hatten. Dennoch sah Köhnlein seinem neuen Amt mit Enttäuschung und Skepsis entgegen. Er kommentierte dies in einem Schreiben vom 30.09.1999 als Präsident der GSS an die Mitglieder u.a. wie folgt:

. . . . .Wir hofften, daß die Politiker der SPD und der Grünen mit dem Ausstieg aus der Atomtechnolo- gie Ernst machen und sich für eine Verminderung der Kollektiven Strahlenbelastung einsetzen wür- den. Wiederholt haben wir Landes- und Bundespolitikern unsere Bereitschaft signalisiert, ihnen Argu- mente zu liefern und den Ausstieg wissenschaftlich zu begleiten. Wir haben wiederholt darauf hinge- wiesen, daß Wissenschaftler, die in den vergangenen Jahrzehnten für die Weiterentwicklung der Atom- industrie gearbeitet und so beruflich Karriere gemacht haben, wohl schwerlich die geeigneten Berater für einen Ausstieg aus dieser Technologie sein werden- Ähnliches gilt für Mitarbeiter in den Ministe- rien. Doch wir erhielten keine Resonanz. Auch die Vertreter der IPPNW und der Naturwissenschaft- ler-Initiative machten vergleichbare Erfahrungen. Beide Organisationen hatten in der Vergangenheit die Atom- und Rüstungspolitik scharf kritisiert. . . . . . .

Ende des Jahres 1998 hat sich dann endlich etwas auf der politischen Bühne bewegt. Nach langem Zögern und vielen internen Konsultationen und Einsprüchen teilweise auch vom Bundeskanzleramt löste der neue Umweltminister die Strahlenschutzkommission (SSK) und die Reaktorsicherheitskom- mission (RSK) auf. Dies führte zu heftigen Reaktionen einiger Berufsverbände und Interessengruppen. Es dauerte dann weitere drei Monate, bis es zur Berufung einer neuen Kommission kam. Natürlich wurde auch die GSS vom Umweltministerium gebeten, geeignete Vorschläge für eine Neubesetzung der SSK zu unterbreiten. Es wurden viele Gespräche geführt und wir hofften, daß auch mehrere Wis- senschaftler unserer Gesellschaft berücksichtigt würden. Zu unserer großen Überraschung wurde bei der Neubesetzung nicht der notwendige personelle Schnitt gemacht, der jetzt politisch möglich gewe- sen wäre, sondern 10 der alten SSK-Mitglieder wurden wiederberufen. Zu den vier neuen Mitgliedern in diesem 14 köpfigen Gremium gehören außer mir noch Herr Ch. Küppers vom Ökoinstitut in Darm- stadt, Herr Kirchner von der Uni-Bremen und Herr Schumacher vom Physiker Büro in Bremen. Bei der konstituierenden Sitzung der SSK wurde die Epidemiologin Frau Maria Blettner zur Vorsitzenden und ich zu ihrem Stellvertreter bestellt. Außerdem habe ich den Vorsitz im Ausschuß Strahlenrisiko. . .

Der Unfall in der Atomanlage in Tokaimura hat wieder einmal gezeigt, daß die Atomtechnologie men- schenfeindlich ist. Der Kritikalitätsunfall in einem „High Tech“ Land sollte auch uns wieder Mut ma- chen, energisch für die Beendigung dieser Technologie einzutreten. Das Interesse der Medien, die Meinung kritischer, unabhängiger Wissenschaftler zu hören, war an diesem Wochenende sehr bemer- kenswert. So waren mehrere Wissenschaftler der GSS wiederholt in Rundfunk und Fernsehen zu Wort gekommen. Noch am Unglückstag hat MONITOR das Thema aufgegriffen. Wir haben auch am Frei- tag eine Presseerklärung veröffentlicht, deren Wortlaut in der Homepage unserer Gesellschaft nach- zulesen ist.

In dieser Situation stellt sich für mich natürlich die Frage, wie es weitergehen soll. . . .

Auf der im Folgenden einberufenen Mitgliederversammlung der GSS am 20./31. Oktober 1999 wurde die Mitarbeit Köhnleins in der SSK für richtig gehalten, wenngleich er dort der einzige kritische Experte für gesundheitliche Strahlenfolgen sein würde. Eine gleichzeitige Wahrnehmung des Vorsitzes der GSS kam damit natürlich nicht mehr in Frage.

Seine Mitwirkung in der SSK bilanzierte Köhnlein später in Folge der Mehrheitsverhältnisse und mangelnder politischer Unterstützung als ergebnislos. Seinen Posten im Komitee UN- SCEAR ebenfalls, eine im Sinne der International Atomic Energy Agency IAEA arbeitenden Einrichtung, die von den Vereinten Nationen nicht nur zur Kontrolle von Kernwaffenmaterial sondern auch zur Förderung der „friedlichen“ Anwendung von Atomenergie großzügig finan- ziert wird.

Befriedigender und effektiver war trotz der Anfeindungen aber sicherlich sein langjähriges Wirken als Hochschullehrer, bei dem er die Möglichkeiten der Universität in Form von Lehr- veranstaltungen, Examensarbeiten und Forschungsprojekten für seine Aufklärungsbemühun- gen nutzte. Seine diesbezüglichen Themen waren außer Strahlenbiophysik und Strahlenfolgen in Lehr- und Fortbildungsveranstaltungen vornehmlich Forschungen zur biologischen Wir- kung von Neutronen sowie zum Dosiswirkungszusammenhang bei den Krebserkrankungen der japanischen Atombombenüberlebenden und generell im Niederdosisbereich. Letztere Ar- beiten führte er zusammen mit seinem Freund, dem Kernphysiker Rudi H. Nussbaum, em. Prof. der Portland State University (Oregon), durch.

Im Jahr 1988 – 2 Jahre nach der Tschernobylkatastrophe – organisierte er einen internationa- len Kongress an der Universität Münster: „Die Wirkung niedriger Strahlendosen“, der au- ßer von BUND1 und IPPNW2 auch vom Gesundheitsminister seines Bundeslandes NRW ge- sponsert wurde, und dessen Proceedings im Springer-Verlag erschienen. Eine weitere Publi- kation in diesem internationalen Wissenschaftsverlag gelang ihm 1990 mit den Beiträgen zu einem Symposium:“Niedrigstrahlung und Gesundheit. Medizinische, rechtliche und techni- sche Aspekte mit dem Schwerpunkt Radon“, das anlässlich des Auftretens kindlicher Leukä- miefälle in einem ehemaligen Uranabbaugebiet bei Birkenfeld (Rheinland-Pfalz) abgehalten wurde.

1989 gründete er zusammen mit 4 anderen deutschen Hochschullehrern den wissenschaftli- chen Verein Otto Hug Strahleninstitut e.V. (OHSI) und war seitdem Mitherausgeber der Reihe Berichte des Otto Hug Strahleninstitutes, in der bislang 25 Ausgaben erschienen sind. Er war außerdem Mitglied der Strahlenkommission, die der BUND nach Tschernobyl einbe- rufen hatte, um den internationalen und nationalen offiziellen Verharmlosungen entgegenzu- treten, die sowohl die Strahlenbelastung der betroffenen Bevölkerungen betrafen als auch die medizinischen Folgen. Die genannten externen Aktivitäten setzte er auch nach seiner Pensio- nierung 1998 fort.

Eine Liste seiner sämtlichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist über die Website des OHSI abrufbar (www.oh-strahlen.org). Eine Auswahl kritischer Schriften zu den Grundsatz- fragen des Strahlenschutzes sei hier angefügt:

Köhnlein W, Nussbaum RH: Neuere Erkenntnisse über die Gefährlichkeit niedriger Strahlendosen, Strahlentelex Nr. 90-91(1990) 3-11

Köhnlein W 1991, Mutagene und canzerogene Wirkung kleiner Strahlendosen, Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Biophysik, Homburg/Saar

Köhnlein W, Nussbaum RH: Reassessment of radiogenic cancer risk and mutagenesis at low doses of ionizing radiation. Adv Mutagen Res 3 (1991) 53-80

Nussbaum RH, Köhnlein W, Belsey RE: Die neueste Krebsstatistik der Hiroshima-Nagasaki-Über- lebenden. Eine unabhängige Analyse. Med Klinik 86 (1991) 99-108

Nussbaum RH, Köhnlein W: Reduzierte biologische Effektivität bei niedrigen Strahlendosen und kleinen Dosisraten: zwei veraltete Annahmen. In Lengfelder E, Wendhausen H (Hrsg), Neue Bewer- tung des Strahlenrisikos. Ges. f. Strahlenschutz e.V. 1. Int. Konferenz Kiel 1992, S. 197-207; MMV Medizin Verlag GmbH München 1993

Nussbaum RH, Köhnlein W: Inconsistences and open questions regarding low-dose health effects of ionizing radiation. Environ Health Persp 102 (1994) 656-667

 

1 Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.

2 Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.

 

Köhnlein W, Nussbaum RH: Die Aktivitäten und Empfehlungen der Internationalen Strahlen- schutzkommission (ICRP). In: Die Endlagerung radioaktiver Abfälle, 1995, Hrsg. IPPNW, S. 139-165.

  1. Hirzel Verlag Stuttgart, Leipzig

Nussbaum RH, Köhnlein W: Radiation and childhood cancer. Environ Health Persp 104 (1996) 353-354

Köhnlein W: Brustkrebs – eine vermeidbare Erkrankung? In Schmitz- Feuerhake I, Lengfelder E (Hrsg.), 100 Jahre Röntgen: Medizinische Strahlenbelastung – Bewertung des Risikos. Ges. f. Strah- lenschutz e.V. 2. Int. Konferenz Berlin 1995. S.19-27. Berichte des Otto Hug Strahleninstitutes Nr. 15- 18, 1997

Köhnlein W, Schmitz-Feuerhake I: Abschätzung der Spätschäden durch diagnostisches Röntgen in Deutschland. In Schmitz-Feuerhake I, Lengfelder E (Hrsg), 100 Jahre Röntgen: Medizinische Strah- lenbelastung – Bewertung des Risikos. Ges. f. Strahlenschutz e.V. 2. Int. Konferenz Berlin 1995. S. 78-

  1. Berichte des Otto Hug Strahleninstitutes Nr. 15-18, 1997

Köhnlein W, Ges. f. Strahlenschutz e.V.: Detmolder Leitlinien zum Strahlenschutz. Strahlentelex Nr. 278- 279 (1998) 2-7

Köhnlein W, Neumann W, Schmitz-Feuerhake I, Ziggel H: Gesundheitsgefahren durch radioaktiv kontaminierte Oberflächen von Brennelementtransportbehältern. Berichte des Otto Hug Strahleninsti- tutes Nr. 19-20, 1998, 43-74

Köhnlein W, Nussbaum RH, Chronic Low-Dose External Radioactive Exposure: False Alarm or Public Health Hazard? Medicine and Global Survival 5 (1998) 14-21

Köhnlein W, Nussbaum RH: Chronische Belastung durch kleine externe Strahlendosen; Falscher Alarm oder eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit? Arzt und Umwelt 11 Heft 2 (1998) 102-108

Köhnlein W: Überlegungen zur biologischen Wirkung von Neutronenstrahlung und deren Bewer- tung. Strahlentelex Nr. 602-603 (2012) 10-13

Wolfgang Köhnlein war in allem, wovon er überzeugt war, unnachgiebig, offen und direkt. Auf unsachliche Anfeindungen hat er sich nicht eingelassen. Wer das Glück hatte, Wolfgang näher kennenzulernen, war von einer empathischen Persönlichkeit tief beeindruckt.

Was ist dran an kleinen Atomreaktoren? Kurzer Faktenscheck über neue nukleare Heilsbringer

In immer neuen Intervallen wird über die Atomenergie als Heilsbringer einer neuen nuklearen Energiezukunft geschrieben und lobbyiert. Wieder einmal werden zivile Segnungen versprochen und eher weniger berichtet, dass es starke militärische Interessen an diesen neuen Reaktoren gibt. Da wird von Klimaschutz fabuliert, obwohl klar ist, dass die neuen – real noch gar nicht existierenden – Wunderwerke viel zu spät kämen, wenn sie denn – mit unglaublichen Milliardeninvestitionen – überhaupt je funktionieren werden. Aber: Es lässt sich mit Steuergeldern und Atommachts-Ambitionen einfach sehr viel Geld verdienen. Karin Wurzbacher, lange Jahre beim Münchener Umweltinstitut aktiv, hat sich in einer Stellungnahme mit den Versprechungen und Risiken der sogenannten Small-Modul-Reaktoren (SMR) auseinandergesetzt. UmweltFAIRaendern dokumentiert den Text mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Digitalisierte Schlachtfelder brauchen mehr Strom – und daher fördern z.B. die USA oder auch Russland die Entwicklung solcher Mini-AKWs, die bis heute fast nur als Konzepte vorliegen, nicht aber als reale Reaktörchen. Dabei geht es im militärischen Anwendungsfall natürlich nicht ums Klima und auch nicht nur um Strom- und Wärmeerzeugung. Auch als Antriebe für die U-Boote oder Flugzeugträger von Atomwaffenstaaten oder solchen, die es mal werden wollen, werden sie benötigt. Doch darüber spricht man lieber nicht so gern – auch nicht darüber, dass in diesen neuen Reaktoren, sollten sie jemals funktionieren, die Grenzen zum militärischen Missbrauch enorm verschärft werden.

Viele tausende solcher kleiner Atomreaktoren müssten in aller Welt verteilt werden. Reaktörchen, in denen in vielen Fällen atomwaffenfähiges Spaltmaterial verwendet wird. Die sind nicht nur nukleare Angriffsziele (und müssten entsprechend geschützt werden), sondern möglicherweise auch die Einstiegsdroge zur eigenen (dreckigen) Atomwaffe. Dr. Angelika Claußen, Europa-Vorsitzende der internationalen Ärzteorganisation IPPNW hat jüngst im Zusammenhang mit den vom französischen Präsidenten Macron angekündigten Atomplänen eindringlich auf die militärische Dimension hingewiesen: „Präsident Macron geht es auch um die Modernisierung von Frankreichs Atomwaffen. Das zeigt ein Zitat aus Macrons Rede bei seinem Besuch 2020 in der Atomschmiede le Creusot: „Ohne zivile Atomenergie gibt es keine militärische Nutzung und ohne militärische Nutzung gibt es keine zivile Atomenergie.“ Im Klartext: Ohne eine Atomwirtschaft auf dem neuesten technischen Stand kann Frankreich sein Atomwaffenarsenal nicht weiter ausbauen und modernisieren – das ist auch friedenspolitisch alarmierend.“

Dokumentation:

Small Modular Reactors (SMRs): Klimaretter oder Rettungsanker der untergehenden Atomindustrie?

*Autorin: Karin Wurzbacher, Januar 2022

Kleine modulare Atom-Reaktoren

Sogenannte SMRs können alles Mögliche sein: verkleinerte Versionen von bestehenden Atomkraftwerken (AKW) wie Leichtwasserreaktoren, bis hin zu völlig neuen Entwürfen, für die es bis jetzt noch keine oder keine ausreichenden Erfahrungen gibt. Unter SMRs subsummiert man im Allgemeinen Reaktoren mit einer elektrischen Leistung kleiner als 300 MWe und einer thermischen Leistung kleiner als 1.000 MWth. Eine allgemeingültige Definition für Reaktoren oder Konzepte, die unter SMRs verstanden werden, gibt es nicht. Als „modular“ werden die Minireaktoren bezeichnet, weil die einzelnen standardisierten Module, so die Idee, zentral in Serie hergestellt und am jeweiligen Einsatzort relativ schnell montiert werden können, was im Falle einer Massenproduktion kürzere Bauzeiten und geringere Kosten bedeuten würde. Sie sollen vielfältig eingesetzt werden, z.B. für die Elektrifizierung entlegener Orte, für militärische Operationen, als Ersatz für Kohlekraftwerke, als Heizkraftwerke, als Schiffsantriebe, in Kombination mit Erneuerbaren Energien, in Meerwasserentsalzungsanlagen, sogar auf dem Mond.

Das Öko-Institut in Darmstadt hat in einem Gutachten im Auftrag des BASE (Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung) insgesamt 136 SMR-Konzepte identifiziert /1/. Die Autoren haben die Konzepte eingeteilt in „wassergekühlte Konzepte“ und „nicht-wassergekühlte Konzepte“. Zu den „nicht-wassergekühlten Konzepten“ zählen Hochtemperaturreaktor-Konzepte, Konzepte mit schnellem Neutronenspektrum, Salzschmelzereaktoren, also Konzepte ohne Proliferationsresistenz (Vermeidung der Verbreitung von waffenfähigem Material). Und dann sind da noch Mikroreaktoren mit einer elektrischen Leistung bis 10 MWe, die insbesondere im militärischen Bereich auf Interesse stoßen.

Sicher, preiswert, flexibel, klimaneutral?

Aufgrund explodierender Kosten und extrem langer Bauzeiten von neu zu bauenden AKWs und aufgrund gleichzeitig sinkender Kosten von erneuerbaren Energien steht die Atomindustrie unter Druck. Seit langem ist bekannt, dass die Uranreserven schrumpfen. Für eine Renaissance der Atomkraft fehlt der nötige Uran-Brennstoff. Die Atomindustrie setzt deshalb verstärkt auf kleine AKWs und auch auf Thorium anstelle von Uran. Thorium kommt in der Erdkruste häufiger vor als Uran, ist aber kein Spaltstoff. Unter Neutronenbeschuss muss es erst in spaltbares Material (U-233) verwandelt werden.

Laut Internationaler Atomenergie-Organisation (IAEO) könnten SMR-Anlagen als „zuverlässige und erschwingliche Energiequelle“ helfen, Treibhausgasemissionen zu reduzieren. /2/ „Die einzigartigen Eigenschaften von SMRs in Bezug auf Effizienz, Flexibilität und Wirtschaftlichkeit können sie in die Lage versetzen, eine Schlüsselrolle bei der sauberen Energiewende zu

spielen.“ Weltweit würden gemäß IAEO derzeit 84 solcher Reaktoren in 18 Ländern in der Entwicklung oder im Bau sein. Genannt werden vor allem die USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Russland, China und Japan. Diese Staaten wollen SMRs zukünftig als „emissionsarme Übergangslösung zum Erreichen ihrer Klimaschutzziele“ betreiben.

Halten die propagierten „einzigartigen Eigenschaften“ der SMRs einer Überprüfung stand?

  1. Die Mini-AKWs sollen so sicher zu betreiben sein, dass im Falle eines Unfalls keine Evakuierung notwendig ist.

Aber: Zwar ist die Gesamtfreisetzung einer einzigen Anlage im Falle eines Unfalls gering, mit der hohen Anzahl der SMRs, die für die benötigte elektrische Leistung gebaut werden müssten, erhöht sich jedoch das Risiko. Die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls steigt mit der Anzahl der SMRs. Auch der Objektschutz wird problematischer. Kann und sollte die Energiewende wirklich so vollzogen werden?

  1. SMRs sind angeblich so flexibel, dass sie je nach Stromnachfrage schnell zu- oder abgeschaltet werden können.

Aber: Das gilt offensichtlich nur, wenn andere Energieformen, wie z.B. Erneuerbare Energien, in die Konzepte mit eingeplant werden, denn Atomkraftwerke sind grundsätzlich nicht flexibel zu betreiben.

  1. Auch Rückbau und Entsorgung würden kein Problem darstellen.

Aber: Die Ewigkeitslasten aus dem Uranabbau und die bislang ungelöste Endlagerung der anfallenden hochradioaktiven Abfälle werden gern verschwiegen.

  1. SMRs sollen billiger und sicherer Strom erzeugen als die bestehenden AKWs.

Aber: Kostenreduktion erreicht man entweder durch Objekt-Vergrößerung oder durch Erhöhung der Stückzahlen. Die Verkleinerung von AKWs wird die Stromerzeugung eher verteuern. Helfen würden nur große Stückzahlen sowie die Reduktion von Sicherheitseinrichtungen. Hohe Stückzahlen sind kaum zu erwarten. Die neuen Unternehmen und die traditionellen AKW-Bauer kämpfen um den gleichen Markt. Die Preise für Strom aus Erneuerbaren Energien sind zudem unschlagbar niedrig und können von keiner anderen Erzeugungsart erreicht werden.

  1. Last but not least: Sie sollen das Klima retten, da sie im Betrieb, allerdings nur im Betrieb, kein CO2 ausstoßen.

Aber: Bei einer Gesamtbetrachtung mit allen Vorketten und der Atommüll-Entsorgung lässt sich nicht belegen, dass SMRs als klimaneutral gelten können. Um gegen den Klimawandel etwas ausrichten zu können, müssten zudem zehntausende solcher Mini-AKWs gebaut werden.

Altbekannte Konzepte

Zur Bestätigung der Machbarkeit wird gern darauf verwiesen, dass Russland bereits zwei Mini- AKWs (Gesamtleistung 70 MWe) an Bord eines Eisbrechers nach Sibirien gebracht hat, um dort eine abgelegene Gegend mit Strom zu versorgen. Die Atommacht Russland ist, wie andere Atommächte auch, im Besitz atomar betriebener U-Boote. Aufgrund ihres Einsatzzwecks müssen U-Boot-Reaktoren (klassische Druckwasserreaktoren geringer Leistung) sehr kompakt sein. Das Reaktorkonzept an sich ist nicht neu.

Auch in den USA bedient man sich der heutigen Reaktorkonzepte. Der Bau eines 600 MWe AKWs aus insgesamt 12 Mini-Leichtwasserreaktoren mit einer Leistung von je 50 MWe wurde bereits zertifiziert (NuScale Power). Auch hier: Das Reaktor-Konzept ist nicht neu. Es handelt sich um konventionelle Leichtwasser-Reaktortechnologie. Neu ist nur eine Idee von NuScale, einen Reaktor (Zusammenschluss von mehreren Mini-AKWs) mit einer Gesamtleistung von 60 MWe in einem unterirdischen kühlenden Wasserbecken zu installieren, um eine Katastrophe bei Ausfall der Sicherheitssysteme zu verhindern.

Nicht-wassergekühlte SMR-Konzepte

Die verfolgten vielfältigen Konzepte sind zum Teil ein alter Hut, zum Teil ganz neu, zum Teil stehen sie nur auf dem Papier. Für angeblich innovative Konzepte, wie Salzschmelze- oder helium- bzw. natriumgekühlte Reaktoren, gehen die Ideen und Entwürfe bis auf die 1950er Jahre zurück.

Gravierende Probleme sind bereits in der Frühzeit aufgetreten. Auch Reaktortypen, für die es noch keine industrielle Erfahrung gibt, werden diskutiert (USA) oder entwickelt (China). Praxistauglich werden diese Typen möglicherweise erst in etwa 20 Jahren sein, was zur Rettung des Klimas zu spät kommen würde. Neu sind kleine thermische Neutronenreaktoren als auch schnelle Neutronenreaktoren. Genannt werden zudem Konzepte mit geschlossenem Brennstoffkreislauf, oder Konzepte, die Atommüll als Brennstoff nutzen, oder Konzepte, die mit passiven Sicherheitssystemen ausgestattet sind und ohne Strom und Personal funktionieren würden. Einige der nicht wassergekühlten Konzepte setzen höhere Urananreicherungen ein, nutzen Plutoniumbrennstoff oder die Wiederaufarbeitungstechnologie. Die weltweite Verbreitung dieser Anlagen, noch dazu in hoher Stückzahl, würde die Proliferationsrisiken deutlich steigern.

Schnelle Neutronenreaktoren: Damit reagierte die Atomindustrie auf die Verknappung der Ressource Uran. Die Idee ist, den Kernbrennstoff mittels schneller Neutronen besser auszunützen. Statt Wasser dient Natrium als Kühlmittel. Der Reaktorkern besitzt eine innere Spalt– und eine äußere Brutzone. So ergibt sich die Möglichkeit, Plutonium zu erbrüten. Ein bekanntes Problem bei natriumgekühlten Reaktoren besteht darin, dass Natrium in Kontakt mit Wasser heftig reagiert und bei Kontakt mit Sauerstoff zu brennen beginnt. Der natriumgekühlte Schnelle Brüter in Kalkar ging nie in Betrieb und endete als Freizeitpark /3/. In den USA ist ein schneller natriumgekühlter Reaktor geplant, gekoppelt mit einem flexiblen Wärmespeicher, der Wärme aufnehmen und bei Bedarf wieder abgeben könne. (TerraPower).

Hochtemperaturreaktoren: Diesen Reaktortyp zeichnen hohe Temperaturen aus. Es gilt: Je höher die Temperatur, umso höher der Wirkungsgrad. So kann auch Prozesswärme bereitgestellt werden. Der Brennstoff und die Spalt- und Brutprodukte sind in Graphit eingeschlossen. In heliumgekühlten Kugelhaufenreaktoren, wie dem THTR (Thorium-Hochtemperatur-Reaktor) in Hamm Uentrop und dem Testreaktor AVR in Jülich gab es ständig beschädigte Brennstoffkugeln /4/. In den späten 1980er Jahren versuchte schon die Fa. Siemens einen kleinen Hochtemperaturreaktor (HTR-Modul) mit einer thermischen Leistung von 200 MWth vergeblich auf den Markt zu bringen. In einem standortunabhängigen Genehmigungsverfahren versuchte sie dafür eine sogenannte „Typen- oder Bauartgenehmigung“ zu erlangen. Geblieben von diesen Vorhaben ist der stillgelegte Versuchsreaktor AVR in Jülich und sein Atommüll, für dessen Entsorgung noch nicht einmal ein genehmigtes Zwischenlager zur Verfügung steht. Derzeit finden in den USA und China Entwicklungen zu HTR-Mikroreaktoren statt.

Salzschmelzereaktoren: Das Kühlmittel ist eine Salzschmelze. Die Folge: Bei Kontakt mit Salzschmelze ist die Materialbeanspruchung hoch. Salzschmelze kann einen Reaktorkern mit festen Brennelementen kühlen. Wenn die Salzschmelze zu heiß wird, schaltet sich der Reaktor ab. In der Salzschmelze befinden sich in gelöster Form der Brennstoff sowie Spalt- und Brutprodukte. Der gesamte Reaktorinhalt (Brennstoff, Kühlflüssigkeit, Spaltprodukte) zirkuliert in einem geschlossenen Kreislauf zwischen Reaktorgefäß und Wärmetauscher. Über einen weiteren Kreislauf wird die Wärme zum Dampferzeuger außerhalb des Containments geführt. Spaltprodukte können im laufenden Betrieb entfernt werden.

Hier dockt auch die Idee an, die abgetrennten Spaltprodukte durch ein P&T-Verfahren (Partitionierung und Transmutation) weniger schädlich zu machen /5/.

Der Reaktortyp kann zudem als Brutreaktor und mit permanenter Wiederaufarbeitung betrieben werden. Atomwaffenfähige Spaltstoffe können so gewonnen werden /6/. Es gibt drei unterschiedliche Konstruktionsprinzipien: Single Fluid (nur ein Flüssigsalz-Kreislauf), Two Fluid (zwei Kreisläufe mit Flüssigsalz) und Dual Fluid (zwei Kreisläufe mit unterschiedlichen Flüssigkeiten) /7/. Allerdings: Bis heute wurden, soweit bekannt, lediglich zwei kleinere Forschungsreaktoren gebaut.

Terrapower will einen 345 MW Flüssigsalzreaktor bauen. Da ein externer Wasserkreislauf den Generator antreiben soll, besitzt er die Merkmale eines Dual-Fluid-Reaktors. Die Anlage soll ein Kohlekraftwerk ersetzen und so ausgelegt werden, dass überschüssige Energie aus Wind- und Solaranlagen zwischengespeichert werden kann. Das soll die Gesamtleistung auf 500 MWe steigern. In China, am Rand der Wüste Gobi, soll in Kürze ein Testreaktor (Thorium- Flüssigsalzreaktor) mit einer Leistung von 2 MWe in Betrieb gehen. Das Projekt wird von Bill Gates (Terrapower) unterstützt. Mit einem funktionierenden Leistungsreaktor ist frühestens in 2030 zu rechnen. Terrapower verfolgt seit 2006 auch den Bau eines sogenannten Laufwellenreaktors TWR, /8/.

Mikroreaktoren

Die Entwicklung von Mikroreaktoren findet hauptsächlich in den USA und China statt. Mikroreaktoren sind gemäß IAEA SMR-Konzepte mit einer elektrischen Leistung von weniger als 10 MWe. Sie haben den Vorteil, dass sie ortsungebunden, flexibel und mobil einsetzbar sind. Da sie kompakt gebaut sind, können sie bequem (Straße, Bahn, Flug) transportiert werden. In der Vergangenheit kamen Mikroreaktoren im Wesentlichen im militärischen Bereich, in U-Booten und Schiffen, zum Einsatz. Im kommerziellen Bereich spielten sie bisher keine Rolle. Allenfalls in Nischen, z.B. als Ersatz für Diesel-Generatoren, könnten sie an Bedeutung gewinnen. Der niedrige Leistungsbereich der Mikroreaktoren ermöglicht passive Kühlsysteme. Die Mikroreaktoren laufen einige Jahre auf Volllast, dann muss der Reaktorblock ausgetauscht werden (Westinghouse). Der Einsatz im militärischen Bereich, wie z.B. zur Versorgung der eigenen Truppen in Einsatzgebieten (auch in Europa), ist nicht mehr auszuschließen. Grundsätzlich kommen die Konzepte aller Reaktortypen dafür in Frage.

Das MMR-Konzept der Firma UNSC greift auf das HTR-Konzept zurück. Der Brennstoff kann ähnlich wie im HTR in TRISO-Partikeln vorliegen (TRISO-Partikel bestehen aus einem runden Kern aus 20 % angereichertem Uran, umgeben von mehreren Schichten zur Aufnahme der Spaltprodukte.). Das Kühlmittel ist Helium. Die Betriebsdauer des Reaktorkerns beträgt 20 Jahre und er darf in dieser Zeit nicht geöffnet werden.

Die Firma Urenco entwickelt ein U-Battery-Konzept, das sich ebenfalls am HTR orientiert. Die TRISO-Partikel sind dazu in einem Graphitzylinder eingebettet. Das Kühlmittel ist auch hier Helium.

Für den Typ Aurora Powerhouse wurde 2020 in den USA ein Genehmigungsantrag gestellt. Es handelt sich um einen schnellen Brüter mit metallischem Brennstoff und passiver Kühlung.

In der kritischen Gesamtbewertung des Öko-Instituts heißt es: „Keine der diskutierten Technologien ist derzeit und absehbar am Markt verfügbar. Gleichzeitig werden sie mit ähnlichen Versprechen wie zu den Reaktoren in den 1950er und 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts angepriesen.“

Karin Wurzbacher, Januar 2022

Quellen:

/1/ Sicherheitstechnische Analyse und Risikobewertung einer Anwendung von SMR-Konzepten (Small Modular Reactors), Öko-Institut, Ch.Pistner et al., BASE-001/21, urn:nbn:de:0221-2021030826028, siehe https://www.base.bund.de/DE/themen/kt/kta-deutschland/neue_reaktoren/neue-reaktoren_node.html und hier als PDF zum download: https://www.base.bund.de/SharedDocs/Downloads/BASE/DE/berichte/kt/gutachten-small-modular-reactors.pdf?__blob=publicationFile&v=6

/2/ www.iaea.org

/3/ https://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Kalkar

/4/ https://www.chemie-schule.de/KnowHow/Kernkraftwerk_THTR-300

/5/ Sicherheitstechnische Analyse und Risikobewertung von Konzepten zu Partitionierungs- und Transformationsanlagen für hochradioaktive Abfälle, BOKU Wien, Dr. F.Frieß et al. BASE-002/21, URN:nbu:de:0221-2021030826033, Berlin März 2021 Siehe auch hier bei BASE: https://www.base.bund.de/DE/themen/kt/kta-deutschland/p_und_t/partitionierung-transmutation.html und hier direkt als PDF: https://www.base.bund.de/SharedDocs/Downloads/BASE/DE/berichte/kt/gutachten-partitionierung-und-transmutation.pdf?__blob=publicationFile&v=7

/6/ https://de.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%BCssigsalzreaktor

/7/ https://de.wikipedia.org/wiki/Dual-Fluid-Reaktor

/8/ https://de.wikipedia.org/wiki/Laufwellenreaktor

I feel the earth move – A naturale Woman – Carole King! Happy Birthday!!

Since the begining, da waren Stimmen, da waren Melodien, Singer, Songwriter Freundschaften, da war Carole King. Da waren viele neue Dinge, schwierige Dinge, Aufgaben, Herausforderungen, da waren Grenzen, die überschritten werden mussten, damit es besser wird. Da war ich nur wenig älter als 11. Der erste Cassetten-Rekorder, gebraucht. Da war ein Röhrenradio, mit Mittelwelle. Da was AFN Bremerhaven und BfBS: Da war Carole King. I´ve got a friend! Will you still love me tomorrow? Und da war nicht nur Tapestry sondern auch Simple Things. Und das war unter allen Umständen eine Natural Woman. Was immer das sein mag. Aretha Franklin hat das in einem ultimativen Statement in die Welt eingebrannt und -gesungen. Herzlichen Glückwunsch Carole King, für diese Seele, für diese Songs und für diese wunderschönen Weltmelodien – für alle! You make me feel … !

(Foto: Youtube – Video Screenshot – Kennedy Center hounours Carole King)

 

 

 

Stoppt Wirtschaftsminister Habeck französisch-russischen Atomdeal in deutscher Uranfabrik?

Immer wieder hatten die Grünen und auch die SPD die Stilllegung der beiden deutschen Uranfabriken gefordert. Im neuen Koalitionsvertrag für die Bundesregierung ist davon aber nicht mehr die Rede. Die Anlagen in Lingen und Gronau verfügen über unbefristete Genehmigungen und sind damit vom Atomausstieg ausgenommen. Sie versorgen weltweit AKWs mit Uranbrennstoffen. Statt klare Ansagen zur Stilllegung zu machen, muss das Bundeswirtschaftsministerium unter Robert Habeck nun sogar entscheiden, ob sich der russische Atomkonzern Rosatom mit seiner Tochter TVEL an der französischen Framatome in Deutschland mit 25 Prozent beteiligten darf. Framatome betreibt die wirtschaftlich angeschlagene Uranfabrik in Lingen. Anti-Atom-Gruppen, darunter auch der BUND Deutschland und die IPPNW haben jetzt per Brief und Presse die Grünen Ministerien in der Bundesregierung aufgefordert, den Atom-Deal zu untersagen und die Stilllegung auf den Weg zu bringen.

Dokumentation: 

Bündnis AgiEL – AtomkraftgegnerInnen im Emsland
Elternverein Restrisiko Emsland
Réseau Sortir du nucléaire, Frankreich
Ecodefense, Russland
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
IPPNW – Internationale Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkriegs / Ärzt*innen in sozialer Verantwortung
Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU)
Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg
Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad
Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen

Pressemitteilung vom 4. Februar 2022

Trinationale Resolution gegen franz.-russ. Atomdeal in Lingen:
126 Organisationen fordern von Bundesregierung Stoppsignal

Brief an Bundesminister Habeck und Lemke:
„Kein Einstieg von Rosatom in Brennelementefertigung“

126 Organisationen aus Deutschland, Frankreich, Russland und mehreren weiteren europäischen Ländern fordern von der Bundesregierung in einer Resolution, das geplante Joint Venture zwischen dem französischen Atomkonzern Framatome und einer Tochter des russischen Atomkonzerns Rosatom zur Brennelementeproduktion im emsländischen Lingen zu verhindern. Dazu haben sie einen Brief an Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und Bundesumweltministerin Steffi Lemke geschrieben. Über den brisanten Atomdeal muss die Bundesregierung womöglich schon in den nächsten Tagen entscheiden.

„Die Resolution ist ein dringender Appell an die Bundesregierung, den französisch-russischen Brennelemente-Deal zu untersagen. Die Pläne von Framatome und Rosatom untergraben den für Ende 2022 in Deutschland anvisierten Atomausstieg und sind ein gefährlicher Türöffner für die russische Atomindustrie. Was wir tatsächlich brauchen, ist ein verbindlicher Stilllegungsfahrplan für die Brennelementefertigung in Lingen und die Urananreicherung im nahegelegenen Gronau,“ so Alexander Vent vom Bündnis AgiEL – AtomkraftgegnerInnen im Emsland.

Kritik am geplanten Joint Venture von Framatome und Rosatom sowie an der französischen Atompolitik kommt auch von Charlotte Mijeon vom französischen Netzwerk Réseau Sortir du nucléaire: „Präsident Macron kündigte im Herbst 2021 den Bau von neuen Atomreaktoren an. Er möchte auch in der EU die Atomenergie wieder salonfähig machen. Dazu holt er ausgerechnet die russische Atomindustrie mit ins Boot. Das ist sehr gefährlich und führt in die völlig falsche Richtung. Wir setzen darauf, dass die Bundesregierung ihre ablehnende Haltung zur weiteren Nutzung der Atomenergie auch in Lingen zeigt.“

Der Träger des Alternativen Nobelpreises 2021, Vladimir Slivyak, von der russischen Umweltorganisation Ecodefense, ergänzt: „Wir lehnen die Beteiligung der russischen Atomindustrie an der Brennelementeproduktion in Deutschland strikt ab. Wir brauchen international ein Zeichen für den Ausbau erneuerbarer Energien – weg von Atom, Kohle und Gas. Das Beharren auf der Atomkraft ist ein gefährlicher Irrweg.“

Antje von Broock, BUND-Geschäftsführerin, erklärt zum geplanten Framatome-Rosatom-Deal in Lingen: „Der Atomausstieg ist erst dann vollendet, wenn auch die beiden Uran-Fabriken in Deutschland geschlossen werden. Durch die geplante französisch-russische Atomunion würde aber der Weiterbetrieb der Lingener Atomanlage zementiert werden. Damit würde Deutschland dazu beitragen, dass europäische Schrott-AKWs weiterlaufen können. Wir fordern die Bundesregierung auf, den Deal zu stoppen – alles andere wäre insbesondere für die Grünen ein Glaubwürdigkeitsproblem.“

Die Brennelementefabrik in Lingen beliefert derzeit international umstrittene Risikoreaktoren wie z. B. Tihange und Doel in Belgien, Cattenom in Frankreich, Leibstadt in der Schweiz sowie Olkiluoto 3 in Finnland. Auch der niederländische Reaktor Borssele wird von Lingen beliefert sowie Reaktoren in Großbritannien, Schweden und Spanien.

In diesem Zusammenhang äußert Dr. Angelika Claußen, Europa-Vorsitzende der Friedensnobelpreisträgerin IPPNW, scharfe Kritik an der von der EU angestrebten Förderung von Atomkraft: „Präsident Macron will der Atomenergie ein grünes Label verschaffen, weil er dringend Milliarden für seine maroden Atomanlagen benötigt. Aber es geht ihm auch um die Modernisierung von Frankreichs Atomwaffen. Das zeigt ein Zitat aus Macrons Rede bei seinem Besuch 2020 in der Atomschmiede le Creusot: „Ohne zivile Atomenergie gibt es keine militärische Nutzung und ohne militärische Nutzung gibt es keine zivile Atomenergie.“ Im Klartext: Ohne eine Atomwirtschaft auf dem neuesten technischen Stand kann Frankreich sein Atomwaffenarsenal nicht weiter ausbauen und modernisieren. Framatome in Lingen ist Bestandteil dieser Politik – und: Auch Rosatom ist im Auftrag der russischen Regierung an militärischen Projekten beteiligt. Das ist für Lingen alarmierend.“

Resolution „Keine Brennelementekooperation Framatome/Rosatom in Lingen – Brennelementeproduktion beenden – Atomausstieg voranbringen!“ (pdf):
https://www.bi-luechow-dannenberg.de/wp-content/uploads/2022/02/Kein-Joint-Venture-Framatome-Rosatom-in-Lingen.pdf

Brief an Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und Bundesumweltministerin Steffi Lemke: „Geplantes Joint Venture Framatome-Rosatom in Lingen“
https://www.bi-luechow-dannenberg.de/wp-content/uploads/2022/02/Brief-Brennelemente-Joint-Venture-Lingen-BMWK-BMUV-030222.pdf

Kontakte:

Alexander Vent, Bündnis AgiEL, Tel. 0157-59690000
Vladimir Slivyak, Ecodefense/Russland, Tel. 0178-1792352
Charlotte Mijeon, Réseau Sortir du nucléaire/Frankreich, Tel. +33-6-64660123
Dr. Angelika Claußen, IPPNW, Tel. 0172-5882786
Angela Wolff, BUND, Tel. 030-27586562

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