Bundesrepublik und Atomwaffen: „Finger am Abzug“ – Spurensuche zur Geschichte der Urananreicherung

Urananreicherung findet in Deutschland bei der URENCO statt: Technisch ist die Herstellung von atomwaffenfähigem hochangereichertem Uran möglich. Foto: Dirk Seifert
Urananreicherung findet in Deutschland bei der URENCO statt: Technisch ist die Herstellung von atomwaffenfähigem hochangereichertem Uran möglich. Foto: Dirk Seifert

Deutsche Politik, Atomenergie und Atomwaffen. Immer mehr Untersuchungen erscheinen in den letzten Jahren mit Blick auf die „Frühen Jahre“ zu diesem Thema. Das meint einerseits die Zeit im Faschismus, in die die Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann sowie Lise Meitner fällt. In der Folge gab es während des Zweiten Weltkriegs diverse Aktivitäten, eine deutsche Atombombe zu entwickeln. Anderseits erscheinen immer mehr Veröffentlichungen, die die frühe Bundesrepublik und ihre Atompolitik unter die Lupe nehmen. Dass die deutsche Politik unter Adenauer nach einem Zugriff auf die Atombombe strebte, ist heute unumstritten.

Stefan Wenzel, grüner Umweltminister in Niedersachsen, stellte jüngst in einer Rede im Bundesrat anlässlich der Endlagersuche fest: Als „die Bundesrepublik Deutschland vor über 50 Jahren die ersten Forschungsreaktoren in den USA einkaufte, hatte man insbesondere auch die militärischen Optionen im Blick. Das geht aus Kabinettsprotokollen der Ära Adenauer, die mittlerweile veröffentlicht worden sind, eindeutig hervor.“

Militärisch brisant: Urananreicherung bei der URENCO in Gronau

Das frühe bundesdeutsche Streben nach einer eigenen Atombewaffnung, ist heute nicht mehr zu ignorieren. Militärische Interessen dürften nach Helmut Schmidt und unter der Regierung Kohl bei der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf eine Rolle gespielt haben, ermöglichte diese Anlage doch in nationaler Regie einen eigenen Zugriff auf Plutonium. Doch Ende der 80er Jahre wurde der Plan einer nationalen Wiederaufarbeitung in Wackersdorf – nach heftigen politischen Konflikten – aufgegeben. Auch die Plutoniumfabriken in Hanau, die inzwischen allesamt stillgelegt sind, spielten dabei eine Rolle.

Technisch gesehen bleibt heute als direkter Weg für die Herstellung von Atomwaffen die Urananreicherungsanlage in Gronau. Diese Anlage ist unter militärischen Gesichtspunkten mit Blick auf die Fähigkeit zur Herstellung von Atomwaffen sicherlich die brisanteste Atomanlage in der Bundesrepublik. Allerdings unterliegt die Anlage dem völkerrechtsverbindlichen „Vertrag von Almelo“ (siehe unten), der lediglich eine Anreicherung von Uran für den Einsatz in Atomkraftwerken (ca. fünf Prozent Uran 235) erlaubt, höhere Anreicherungen aber ausdrücklich verbietet (Für eine Uranwaffe wäre eine Anreicherung auf über 80 Prozent Uran 235 erforderlich).

„Finger am Abzug: Von Adenauer bis Schmidt“

Im letzten Jahr nun erschien das Buch „Schwellenmacht. Bonns heimliche Atomdiplomatie von Adenauer bis Schmidt“ von Stephan Geier. Unter dem Titel: „Finger am Abzug“ fasst Reinhard Mutz auf DeutschlandRadio Kultur das Buch in einem Satz zusammen: „Die Deutschen spielten schon an der historischen Wiege des nuklearen Zeitalters eine Schlüsselrolle, so der Historiker.“ Das Buch basiert auf der Dissertation von Geier (PDF, über 800 Seiten) an der Philosophischen Fakultät und Fachbereich Theologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (2011). Das Inhaltsverzeichnis der Buch-Ausgabe ist hier beim Verlag als PDF einzusehen.

In Mai 2012 veröffentlichte die FAZ unter dem Titel „Schwellenmacht Deutschland“ (PDF) einen Artikel von Professor Dr. Gregor Schöllgen und Dr. Stephan Geier: „Die Atompolitik der Bundesregierungen von Adenauer bis Schmidt oder die Geschichte einer Beihilfe zur Erosion des internationalen Nichtverbreitungsregimes.“

Die beiden Autoren zeigen auf, dass die Bundesrepublik seit Adenauer massiv daran gearbeitet hat, einen Zugriff auf Atomwaffen zu bekommen. Daher haben sie von Anfang an den Nichtverbreitungs-Vertrag bekämpft. „Von Konrad Adenauer bis Helmut Schmidt verhielten sich die Bundesregierungen nicht nur wie die Repräsentanten einer ambitionierten Schwellenmacht. Sie trugen auch entscheidend zur Formulierung und Interpretation jenes Nichtverbreitungsregimes bei, das die Arbeit der Atomwaffen-Kontrolleure heute so schwierig macht. Dafür hatten die Deutschen vor allem einen Grund: Der Zugang zur friedlichen Nutzung der Kernenergie und die Verfügung über die Atomwaffe waren zwei Seiten einer Medaille – jedenfalls aus Sicht derer, die sie einstweilen nicht besaßen.“

Für die Herstellung von Atomwaffen gibt es technisch im Grundsatz zwei Wege: Die Anreicherung von Uran 235 oder der Weg über die Bestrahlung von Natururan in Schwerwasserreaktoren. Dabei entsteht Plutonium, das dann abgetrennt und zur Atombombe verarbeitet werden kann.(In den heute verbreiteten Leichtwasserreaktoren muss mit rund 3-5 Prozent angereichertes Uran eingesetzt werden, um eine Kettenreaktion zu starten, in deren Folge Plutonium erzeugt wird, das dann abgetrennt werden kann).

An beiden Methoden wurde unmittelbar nach der Entdeckung der Kernspaltung in Nazi-Deutschland, den USA, England, etc. noch im Zweiten Weltkrieg gearbeitet. Mit dem Einsatz der Uranbombe in Hiroshima und der Plutoniumbombe in Nagasaki demonstrierten die USA im August 1945, dass sie beide Wege beherrschten. Im verbreiteten Verständnis von Atombomben haben sich diese Varianten festgesetzt. Doch es gibt auch kleinere Varianten, die so genannten taktischen Atomwaffen.

„Im Oktober 1956 brachte Bundeskanzler Adenauer erstmals eine atomare Bewaffnung der Bundesrepublik ins Spiel. Die strategischen Planungen der Vereinigten Staaten sahen nämlich vor, dass ein Angriff des Warschauer Paktes wenn irgend möglich durch Landstreitkräfte, also nicht zuletzt durch die Bundeswehr, aufgehalten werden sollte, ehe strategische Atomwaffen eingesetzt werden sollten. Diesen Plan hielten bundesdeutsche Politiker und Militärs nur für realistisch, falls die Bundeswehr über taktische Atomwaffen verfügte.“

Direkt weiter heißt es: „In diesem Sinne schloss die Bundesregierung im April 1958 mit Frankreich und Italien ein Abkommen über die „gemeinsame Entwicklung und Produktion von Atomsprengkörpern“.“ Ein legaler Schritt, wie die Autoren vermerken, weil sich die Selbstbeschränkung der Bundesrepublik im Rahmen des Vertrages über die Westeuropäisiche Union (WEU) „lediglich auf die Herstellung von Atomwaffen auf eigenem Territorium bezog.“ Erst de Gaulle stoppte diese Pläne. Doch für die Bundesregierung war die „Forderung nach atomarer Teilhabe auch auf dem militärischen Sektor war damit nicht erledigt“.

In dem Geheimprotokoll zu dem Abkommen wurden Rüstungsprojekte bei der Raketen- und Nukleartechnik vereinbart, außerdem gab es die Absicht, im französischen Pierrelatte eine Urananreicherungsanlage zu bauen.

„Schon während des Zweiten Weltkrieges hatten deutsche Wissenschaftler an der Entwicklung der Gasultrazentrifuge zur Anreicherung von Uran gearbeitet. Nach dem Krieg konnten sie diese Arbeit unabhängig voneinander und ungehindert fortsetzen – einer in der britischen Besatzungszone, drei andere in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Als zwei von ihnen 1956 in die Bundesrepublik heimkehrten – der dritte ließ sich in der DDR nieder -, brachten sie ihre Pläne mit.“

In einem Aufsatz von Bernd A. Rusinek heißt es dazu: „Während Steenbeck in die DDR ging, wählten Zippe und Scheffel die Bundesrepublik.“ (S. 6)

Bei Schöllgen/Geier in der FAZ heißt es weiter: „Die Vorarbeiten aus den vierziger und fünfziger Jahren sollten sich als Grundlage jener Gaszentrifuge erweisen, die seit den siebziger Jahren in einer gemeinsam von Niederländern, Deutschen und Briten betriebenen Anreicherungsanlage im niederländischen Almelo erprobt wurde. Dass sie der Prototyp der heute in Uran und andernorts verwendeten Zentrifugen werden könnte, ahnte niemand.

Warum die Briten, die anders als die Amerikaner schon während des Krieges die zivile Nutzung der Kernenergie ins Auge fassten, die Deutschen gewähren ließen, sei dahingestellt. Sicher ist, dass die amerikanische Regierung, die über die deutschen Absichten von Anfang an im Bilde gewesen sein dürfte, im Jahr 1960 die Geheimstellung dieser Technologie durch die Bundesregierung erwirkte.“

… „Auch das Veto der Briten gegen die Ausfuhr der gemeinsam mit der Bundesrepublik und den Niederlanden weiterentwickelten Gaszentrifuge nach Brasilien wurde von deutscher Seite umgangen. Anstelle des geheimen Gaszentrifugen- wird das sogenannte Trenndüsenverfahren zur Anreicherung von Uran in das Paket aufgenommen. Auch dieses Verfahren war in der Bundesrepublik entwickelt worden und fand mehr als nur einen Abnehmer. So beruhte die Anreicherungsanlage, die Südafrika in den achtziger Jahre in Betrieb nahm, auf einer Variante dieses Verfahrens. Vom Kernforschungszentrum Karlsruhe aus war es auf verschlungenen Wegen ans Kap gelangt. Mit dem angereicherten Uran wurden mehrere Atombomben bestückt. Dass Südafrika 1991 seine sechs Kernwaffen zerstörte und dem Nichtverbreitungsvertrag beitrat, gehört zu den wenigen guten Nachrichten in der Geschichte des Nichtverbreitungsregimes.“ (Zum Brasilien-Geschäft siehe auch weiter unten.)

In der Besprechung von Radkau ist außerdem folgendes zur Urananreicherung zu lesen: „Knoll, von der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt, hat ausgiebig Nachlässe von CDU-Politikern ausgewertet, aber auch Bestände der Degussa, deren Uranzentrifuge in der nuklearen Frühzeit von bundesdeutscher Seite das größte Aufsehen erregte, sowie Bestände des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (die jedoch, wie es scheint, hier kaum große Geheimnisse enthalten).“

In einem „Bewerbungsvortrag“ von Bernd A. Rusinek über die „Urananreicherung in Nordrhein-Westfalen“ (PDF) ist über die Rolle der DEGUSSA folgendes zu lesen: „Erfahrungen im Umgang mit größeren Mengen hatte allein eine Tochter der DEGUSSA. DEGUSSA stellte bis Kriegsende etwa 12 t Uranmetallpulver her. Hier entstanden die Verbindungen zwischen Akteuren und Unternehmen, die nach dem Kriege weitergeführt wurden.“ (S. 4)

Weiter schreibt Rusinek: „Im „Totalen Krieg“ wanderte die Groth´sche Zentrifuge von Hamburg nach Freiburg, Butzbach und Celle. Die amerikanische Spezialeinheit „ALSOS“, zu der sowohl der Zentrifugen-Pionier Jesse Beams wie der niederländische Emigrant Samuel Goudsmit gehörten, erreichten das Labor in Celle im April 1945. Groth wurde nach England gebracht, dort befragt, und durfte seine Zentrifugen-Studien in Hamburg weiterführen.“

Der Hamburger Dozent Dr. Wilhelm Groth ist einer der für die Urananreicherung wichtigen Wissenschaftler. Bereits 1939 hat er das Reichskriegsministerium „auf die Möglichkeit eines neuen Supersprengstoff auf Kernspaltungsbasis“ hingewiesen. „Groth nahm die Arbeiten an einer Anreicherungszentrifuge noch 1939 auf“.

In einem anderen Beitrag von Rusinek (PDF) schreibt der Autor: „Mit der Zentrifugenanreicherung befassten sich Physiker und Chemiker an den Universitäten Hamburg und Kiel. Der Hamburger Chemiker Groth konnte im Frühjahr 1941 einen hinreichenden Zentrifugen-Prototyp vorführen, der in Kooperation mit einer Rüstungsfirma weiter entwickelt wurde. Anfang 1943 gelang es, 100 Gramm auf 7 Prozent angereichertes Uran herzustellen.“ Dem Bericht zufolge arbeitete Groht nach 1945 im Ausland an der Zentrifugen-Technik weiter. „Aufgrund eines „alliierten „permit“ durfte Groth seine Zentrifugenstudien praktisch ohne Unterbrechung fortführen.“ (S. 6)

  • Es gab in Nazi-Deutschland – wie Rusinek andeutet – auch andere Wissenschaftler, die an Verfahren zur Urananreicherung gearbeitet haben. Dazu zählten z.B. auch Erich Bagge und Wilhelm Walcher sowie Kurt Diebner. Diese werden von Rusinek allerdings nicht namentlich erwähnt. Bagge und Diebner gründeten später die Atomforschungsanlage GKSS in Geesthacht. Diebner war 1957 für rund ein Jahr unter Strauß im Verteidigungsministerium (in Bonn) als Regierungsdirektor tätig. Bedeutsam waren auch die Arbeiten von Manfred von Ardenne, auf den Rusinek auch eingeht. Siehe dazu ausführlich am Schluss des bereits erwähnten Artikels Spurensuche…

Die oben erwähnten Zippe und Scheffel kamen (1955/56) mit ihren Forschungsergebnissen in die Bundesrepublik zurück. „Was hatten sie entwickelt? Eine Anreicherungszentrifuge, die leistungsfähiger und von wesentlich geringerem Energieverbrauch war als die us-amerikanische Gasdiffusion. Die Ultra-zentrifuge „SSZ“ („Selbststabilisierende Zentrifuge“ oder „Scheffel-Steenbeck-Zippe“) passte praktisch in eine Aktentasche. Was das bedeutete – auch militärisch bedeutete – brauche ich nicht zu erläutern. Scheffel und Zippe wandten sich an die Firma DEGUSSA, und zwar wandten sie sich an deren Forschungsleiter Alfred Boettcher. DEGUSSA nahm die Zentrifugen-Entwicklung auf Basis des sowjetischen Modells auf und schaltete sich in das Uran-Anreicherungsgeschäft ein.“

Im weiteren liefert Rusinek auch Hinweise, warum die Urananreicherung mit deutscher Beteiligung zunächst im niederländischen Almelo entstand. (Dabei berichtet der Autor auch von einem gescheiterten Atomprojekt zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik, das noch vor dem 5. Mai 1955 realisiert werden sollte.) Es gab eine weitere deutsch-niederländische Zusammenarbeit: „Die zweite Kooperation gelang. Es ging dabei um die Anreicherung von Uran auf Basis der Zentrifugen, wie sie in der Sowjetunion von Scheffel, Steenbeck und Zippe entwickelt worden waren.“ (S. 8).

Die Ausführungen dazu sind unter dem angegebenen Link bei Rusinek weiter zu lesen. Wichtig aber ist der Hinweis, dass 1960 die DEGUSSA aus der Zentrifugen-Entwicklung aussteigen musste und das Land NRW diese übernahm: „Die DEGUSSA-Aktie tat einen Sprung nach oben, aber das Unternehmen musste die Zentrifugen-Entwicklung aufgeben. Sie wurde vom Land Nordrhein-Westfalen übernommen. Es entstand die „Gesellschaft für Kernverfahrenstechnik“, später „URANIT“, dann „URENCO“, aus deren Archiv ich Teile der Materialien für diesen Vortrag bekommen habe.“ (S. 8/9)

Zur URENCO: Urananreicherung URENCO: “Die Dinge, die wir tun, könnten auch für nicht-friedliche Zwecke genutzt werden, wie z.B. Atombomben”

Bereits in den 50er Jahren war NRW in Sachen Uranzentrifugen aktiv. Rusinek berichtet, dass Groth bereits 1950 an die Universität Bonn berufen wurde. Er „brachte seine Uranzentrifugen mit.“ Finanziert wurde er vom Planungsausschuss des Bundeswirtschaftsministeriums, sodann von der in Düsseldorf gegründeten „Physikalischen Studiengesellschaft“. Auf Initiative der Landesregierung Nordrhein-Westfalen wurde Groth auch wieder mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Beyerle zusammengeführt. Die Resonanz der ‚Politik’ auf die Arbeiten war sehr groß. In seiner Regierungserklärung vom 29.2.1956 führte Ministerpräsident Steinhoff (SPD) aus, das Land wolle die Errichtung einer Trenn-Anlage nach dem Verfahren Groth unterstützen, und in einem Brief aus dieser Zeit war von einer „energischen Förderung“ durch das Land die Rede. Ende der 1950er Jahre lieferte Groth drei Zentrifugen nach Brasilien.“ (S. 4, Urananreicherung in NRW)

Brasilien? Genau. Bereits Ende der 50er Jahre betrieb die Bundesrepublik offenbar atomare Beziehungen zu Brasilien, die bis heute anhalten. 1975 wurde der deutsch-brasilianische Atomvertrag abgeschlossen, der bis heute in Kraft ist. Siehe dazu auch aktuell die Kleine Anfrage der Grünen hier (PDF) und hier etwas zum Hintergrund bei der Böll-Stiftung.

1960 wurde – wie oben bereits erwähnt – die Uran-Zentrifugen-Technik auf Druck der USA unter „Geheimschutz“ gestellt. Rusinek: „„Geheimschutz“ hieß, dass die Arbeiten an der Zentrifuge nicht mehr publiziert und Zentrifugen schon gar nicht verkauft werden durften. Professor Groth, der im Mittelpunkt der Berichte stand, sah sich außerstande, die Arbeiten fortzuführen. Er musste seine ausländischen Mitarbeiter entlassen. Der Vorstand der DEGUSSA erklärte, man sei aufgrund von Beschlüssen des Aufsichtsrates und der Gesellschafterversammlung gebunden, nur friedliche Arbeiten zu betreiben, und werde die Arbeiten an der Zentrifuge einstellen. Die Erfinder mussten ihr Patent als Geheimpatent umwidmen lassen, wodurch ihnen erhebliche Einnahmen entgingen.“ (S. 7, Interessant sind auch seine Hinweise, wie in Deutschland auf den Druck der USA reagiert wurde.)

In der Folge des Geheimschutzes wird die Zentrifugen-Technik in NRW konzentriert: „Der Bund war 100-Prozent-Financier der Gesellschaft für Kernverfahrenstechnik, bis Ende der 1960er Jahre mit Industriebeteiligung eine Nachfolgegesellschaft gegründet wurde, die Gesellschaft „URANIT“.“

In den Niederlanden, so Rusinek, wird im Prinzip ähnlich verfahren. 1968 kommen schließlich die Briten ins Boot. Diese hatten zunächst auf die Diffusion zur Urananreicherung „zur Herstellung seiner Atombomben“ gesetzt. „Überraschend teilte die britische Regierung 1968 mit, dass sie diese Pläne aufgegeben habe und sich nun an der Entwicklung der Zentrifugen beteiligen wollte. Genau das war der entscheidende Schritt, der zum Vertrag von Almelo am 4. März 1970 führte.“

In dieser Phase Ende der 60er und Anfang der 70er gibt es Auseinandersetzungen innerhalb von Euratom um eine gemeinsame Urantrennanlage. Frankreich hatte Anfang der 60er Jahre in Pierrelatte für sein Atomwaffenprogramm eine Anlage nach dem Prinzip der Diffusion gebaut. Für eine zivile Anlage sollte dieses Verfahren ebenfalls zum Einsatz kommen. „An der 1973 gegründeten Urantrenngesellschaft „EURODIF“ beteiligten sich Frankreich, Spanien, Italien und Belgien, aber Großbritannien, die Niederlande und die Bundesrepublik hielten an ihren Projekten fest“ und gründeten schließlich die URENCO auf Basis der Ultra-Gaszentrifugen-Technik.

Interessant ist dabei der Hinweis von Rusinek: „Die Bundesregierung wollte „voreiligen Vorschlägen“ der Franzosen nicht kritiklos zustimmen. Zitat: „Deutschland ist gerade daran interessiert, Kernbrennstoffe geringer Anreicherung zu erhalten, während die Franzosen wegen der militärischen Anwendung starke Anreicherungsgrade brauchen.““ Die Quelle, aus der das Zitat stammt, ist leider nicht angegeben.

Die personellen Kontinuitäten von den Nazi-Forschern bis hinein in die Bundesrepublik sind bei Rusinek aufgezeigt. Er fasst dies am Schluss seines Vortrages nochmal zusammen und fügt hinzu: „die staatliche Förderung lief zwischen „Drittem Reich“ und Nachkriegszeit dergestalt ohne Stocken weiter, dass in den eingesehenen Unterlagen über die Förderung der Uran-Anreicherung die Zuschüsse von Heereswaffenamt und Reichsforschungsrat, später von Bundes- und Landesministerien einfach zusammengerechnet wurden.“ (S. 10)

Und mit Blick auf die Rolle von Nordrhein-Westfalen bei der Urananreicherung stellt Rusinek fest: „Ohne Zweifel können wir das nordrhein-westfälische Wunschprojekt Uran-Anreicherung nicht innerhalb der Landesgrenzen betrachten; geographisch nicht und politisch auch nicht. Vielmehr sehen wir, wie das Land in dem betrachteten Sektor ab Mitte der 1960er Jahre immer mehr an Einfluss verliert. Die Entscheidungen über den Fortgang der Anreicherungsarbeiten fassten andere.“

Zwischenergebnis

Wie brisant die Urananreicherungstechnik ist, zeigt ein Statement von Franz-Walter Steinmeier (SPD) als Außenminister im Jahr 2007: “Die Urananreicherung ist ein klassischer Weg, um nuklearen Brennstoff herzustellen. Diese aufwändige Technologie ist aber auch der Schlüssel zu Atomwaffen. Man muss also Wege finden, wie jeder Staat Kernenergie uneingeschränkt friedlich nutzen kann, ohne dass damit der Griff nach der Bombe möglich wird. Der Atomwaffensperrvertrag geht auf dieses Problem bislang nicht ein.” (Siehe hier Auswärtiges Amt). Allerdings sprach Steinmeier damals nicht von der URENCO und der deutschen Anlage in Gronau. Er bezog sich auf die international wachsenden atomaren Begehrlichkeiten des Irans und Nordkoreas und die Mängel des Atomwaffensperrvertrages.

Steinmeier damals weiter: “Die Anreicherung von Uran beherrschen im industriellen Maßstab nur wenige Staaten. Es ist nachvollziehbar, dass immer mehr Länder sich aus der Lieferabhängigkeit von angereichertem Brennstoff befreien und selbst Uran anreichern wollen. Damit steigt aber auch die Gefahr des Missbrauchs.”

Die Urananreicherungsanlagen der URENCO stehen derzeit zum Verkauf. Siehe dazu ausführlich: URENCO Gronau: Risiko Atomwaffen-Technik und die deutsche Atom-Politik

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