Geheime Plutonium-Transporte: Vier Atombomben unterwegs

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Seit den 60er-Jahren lagerten 20 Kilogramm atomwaffenfähiges Plutonium im Paul Scherrer Institut in der Schweiz. Unter strengster Geheimhaltung wurde das brisante Material – gemeinsam mit mehr als 500 Gramm Plutonium aus Karlsruhe – in die USA exportiert. Foto: Betrieber

Die Plutonium-Menge für vier Atombomben ist jüngst unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen aus der Schweiz und Deutschland über den niedersächsischen Hafen in Nordenham in die USA transportiert worden. Die geheimen Atomtransporte fanden Ende Januar 2016 statt. umweltFAIRaendern hatte darüber bereits berichtet. Nach neuen Informationen der Schweizer Behörden sind aus dem dortigen Paul Scherrer Institut insgesamt rund 20 kg des in Pulverform vorliegenden Plutoniums in zwei Spezialfahrzeugen über Norddeutschland in die USA geschickt worden. Aus dem deutschen Institut für Transurane in Karlsruhe sind in einem weiteren Transport nach Angaben des BMUB mehr als 500 Gramm dieses Atomwaffen-Materials an das Department of Energy geliefert worden.

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Plutonium-Transporter: Spezialfahrzeuge der Firma DAHER. Foto: Betreiber

Das Schweizer Oltnertagblat berichtet unter der Überschrift „Geheimtransport in die USA: Bund entsorgte Plutonium für vier Atombomben“ und schreibt: „Die Aktion fand unter strengster Geheimhaltung statt: Anfang Januar dieses Jahres wurden 20 Kilogramm Plutonium – Material zur Herstellung von Atomwaffen – heimlich ausser Landes geschafft. Das Plutonium stammt aus einer Zeit, als die Schweiz die Herstellung von eigenen Atomwaffen plante. Nicht einmal der Bundesrat war im Bild.“

Am Freitag hatte das Wirtschaftsdepartement WBF auf Medienanfragen reagiert: Die Aargauer Zeitung berichtet, diese Pressemeldung ist unter dem Titel „«Transport von aufgelöstem Plutoniumlager des Bundes in die USA ist erfolgt.»“ erschienen. Die Meldung ist hier online.

„Was der Bund heimlich verschwinden liess: 20 Kilo Plutonium aus wiederaufbereiteten Brennstäben des ehemaligen Versuchsreaktors «Diorit». Aus der Zeit also, da die Schweiz die Bombe bauen wollte.“

Auch andere Schweizer Medien berichten über die geheimen Atomtransporte, die am 25. Januar in Nordenham verschifft wurden, z.B. der Tagesanzeiger. Dort ist zu lesen: „Seit den 60er-Jahren waren auf dem Areal des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) in Villigen AG heimlich 20 Kilogramm Plutonium eingelagert, wie die «Schweiz am Sonntag» berichtet. Erst Ende Januar sei das gefährliche Material abtransportiert worden. Zuerst sei es mit gepanzerten Speziallastwagen von Villigen Richtung Deutschland gebracht worden, dann mit einem Spezialschiff in die USA. «Transport von aufgelösten Plutoniumlager des Bundes in die USA ist erfolgt», bestätigt das Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) der Zeitung.“ Weiter berichtet das Blatt: „Stefan Füglister, Atomspezialist von Greenpeace, ist überrascht: «Das war Stoff für vier Atombomben.» Er führt aus: «Die Schweiz war also 50 Jahre lang im Besitz von Atombombenmaterial. Andere Länder wären dafür sanktioniert worden.» Das Plutonium stammte gemäss Artikel aus der Zeit, als die Schweiz eine Atombombe bauen wollte. Dieses Vorhaben wurde 1988 offiziell begraben.“

Außerdem heißt es: „Der Bund bestreitet, dass die Aktion hätte geheim gehalten werden sollen. Es sei vorgesehen gewesen, den Bundesrat nächste Woche zu informieren. Wegen der Anfrage der «Schweiz am Sonntag» habe diese Information vorgezogen werden müssen.“

Das berichtet auch die Aargauer Zeitung: „Grund für die seltsame Kommunikation war laut WBF-Sprecher Noë Blancpain: Zuerst musste der Bundesrat informiert werden. «Vor der Information des Bundesrates hätte Ihre Anfrage nicht umfassend beantwortet werden können, was womöglich Spekulationen und Verunsicherungen in der Öffentlichkeit ausgelöst hätte.»

Das Plutonium war seit den 60er-Jahren auf dem Areal des heutigen Paul-Scherrer-Instituts (PSI) gelagert worden, heisst es. Der Bundesrat habe im Jahr 2014 im Rahmen des «Nuclear Security Summit»-Prozesses beschlossen, das Lager aufzulösen und «damit zur weltweiten Sicherung von Nuklearmaterial beizutragen».“

Unklar bleibt angesichts dieser Berichte, warum der Bundesrat dennoch über die Transporte offenbar nicht informiert war.

Wie umweltFAIRaendern bereits berichtet hatte, stehen die Plutonium-Transporte aus Deutschland und der Schweiz im Zusammenhang mit internationalen Abkommen vor allem der Atomwaffenstaaten USA und Russland. Danach wird  Atomwaffen-Material von diesen Staaten im Rahmen des Nuclear Security Summit zurückgenommen und soll außerhalb der Atomwaffenprogramme „beseitigt“ werden. „Der Nuclear Summit ist eine 2009 von US-Präsident Barack Obama gestartete Initiative mit dem Ziel, im Kampf gegen den Nuklearterrorismus weltweit Atombombenmaterial sicherzustellen“, schreibt die Aargauer Zeitung dazu.

„Für Füglister wirft der Fall Fragen auf. «Es ist rätselhaft, warum die Schweiz dieses Material so lange aufbewahrte. Das tut man ja nur, wenn man einen Verwendungszweck zu haben glaubt.» Offiziell wurden die Schweizer Atombombenpläne laut Füglister 1988 aufgegeben. Dagmar Baroke, Sprecherin des PSI, hält dagegen: «Aufgrund der veränderten Forschungslandschaft versuchte das 1988 gegründete PSI seit Beginn der 1990er-Jahre, das Lager aufzulösen und das Plutonium einer anderweitigen sicheren Lagerung zuzuführen. Mehrere Initiativen in diese Richtung blieben ohne konkretes Ergebnis.» Gemäss PSI war die Internationale Atomenergieagentur IAEA «seit Jahrzehnten» informiert darüber, dass beim PSI Plutonium lagerte.“

Die AZ stellt weitere Fragen: „Warum wird das Plutonium nicht in der Schweiz gesichert und dann später tiefengelagert? Dagmar Baroke: «Es kann nicht in einem zukünftigen Tiefenlager entsorgt werden, da ein Tiefenlager nur zur Lagerung von radioaktiven Abfällen vorgesehen ist, nicht aber für unbenutzte Kernbrennstoffe.» Die geheime Entsorgungsaktion kostet den Bund rund 10 Millionen Franken, wie die PSI-Sprecherin ausführt. Das Schweizer Plutonium wird jetzt auf der Savannah River Site, einem militärischen Sperrgebiet des US-Energieministeriums, aufbewahrt. «Der Beitrag der Schweiz zu Nonproliferation wird am kommenden 9Nuclear Security Summit: Ende März in Washington international vorgestellt», hält der Bund fest.“

Die Schweizer Behörden hatten zuvor in Mitteilungen an Abgeordnete den Eindruck erzeugt, dass es in der Schweiz gar kein Plutonium mehr gäbe. „SP-Nationalrätin Munz wird nächste Woche eine Interpellation einreichen. Sie will unter anderem wissen: «Gibt es in der Schweiz noch weitere Plutoniumlagerbestände?» Was das PSI betrifft, gebe es dort kein Bundesplutonium mehr, wie Sprecherin Baroke versichert.“

++ Ein Text zur Bildunterschrift, welches hier nicht dokumentiert ist: „Im Eidgenoessischen Institut fuer Reaktorforschung EIR in Wuerenlingen wird im Mai 1959 der Schwerwasserreaktor „Diorit“ eingebaut. Langsam wird der Reaktortank in den Abschirmungsmantel eingefuehrt. Der Tank wird die Uranstaebe und das schwere Wasser aufnehmen. Der Reaktor bei Wuerenlingen vom Typ „Diorit“ ist der erste Schwerwasser-Atomreaktor in der Schweiz. Die Planung der Versuchsreaktoren „Diorit“ und „Saphir“ wurde 1955 unter der Leitung der Reaktor AG begonnen, die 1960 in das EIR (Eidgenoessisches Institut fuer Reaktorforschung) ueberfuehrt wurde.“

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