Atomare Terror-Risiken – Greenpeace: Schwere Sicherheitsmängel bei Atommeilern in Frankreich und Belgien

Die Risiken haben es in besonderer Weise in sich – und deshalb wählt Greenpeace Frankreich eine besondere Form, auf diese aufmerksam zu machen: Zusätzlich zu den ohnehin bestehenden Risiken beim Betrieb von Atomkraftwerken, hat der Schutz dieser Anlagen vor wachsenden Terrorgefahren eine neue Bedeutung erlangt. Im Focus eines von Greenpeace beauftragten Experten-Teams sind die mit hochradioaktiven Brennelementen vollgepackten Abklingbecken der französischen und belgischen Atomkraftwerke. Die AutorInnen verweisen auf massive Sicherheitsdefizite: Denn obwohl hier teilweise die größte Menge an Radioaktivität anfällt, sind diese Lagerbecken – anders als die Reaktorgebäude selbst – nicht mit einem verstärkten Sicherheitsbehälter versehen (SPON). Obwohl alle Informationen öffentlich zugänglich wären, veröffentlicht Greenpeace diese Studie nicht, sondern stellt sie nur einem kleinen Kreis (von Behörden und Experten) zur Verfügung. Die Organisation begründet dieses Vorgehen in einer fünfseitigen Stellungnahme (PDF).

In den Abklingbecken der französischen und belgischen Atommeiler, darunter Cattenom und Fessenheim sowie Tihange und Doel, werden hochradioaktive Brennelemente nach ihrem Einsatz im Reaktor für einige Jahre aufbewahrt und mit Wasser weiter gekühlt. Greenpeace verweist in seinem Statement darauf, dass bei der Konstruktion der Atommeiler vor vielen Jahrzehnten Angriffe von außen nur teilweise eine Rolle spielten. Eine der besonders relevanten Schwachstellen sind eben diese Abklingbecken, die in den französischen und belgischen AKWs nicht in den besonders gehärteten Sicherheitsbehälter einbezogen sind. Das wird heute zu einem wachsenden Problem. Zum „Zeitpunkt ihrer Konstruktion wurde das Risiko einer unkontrollierten Kernreaktion in den Becken vernachlässigt und sie waren nicht mit einem robusten, den Reaktoren ähnlichen Einschlussgebäude ausgestattet“, heißt es in dem Statement zur Studie. Spätestens die Anschläge vom 11. September 2001 hätten deutlich gemacht, dass Angriffe auf Nuklearanlagen auch von kriminellen Organisationen durchgeführt werden könnten. Und die Mehrfach-Katastrophe von Fukushima machte 2011 darauf aufmerksam, dass von den Brennelemente-Lagerbecken eigenständige Risiken ausgehen.

Greenpeace verweist darauf, dass in diesen Abklingbecken große Mengen hochradioaktiven Materials lagert und stellt fest, dass ein Verlust der Kühlung für diese Becken enorme Risiken birgt: „Derartige Vorfälle, ein potentielles Ziel eines Angriffs von außen, würden ähnliche Folgen haben wie ein Großunfall in einem Kernreaktor. Die EDF-Reaktorpools, deren Inventar je nach Standort um mehrere Faktoren variiert … können mehrere Hundert Tonnen Brennstoff enthalten – das entspricht bis zu drei Reaktorkernen. Die fünf Lagerbecken in La Hague enthalten insgesamt fast einhundertfünfzig 900 MWe Reaktorkerne,“ heißt es im englischen Original.

Dass diese Risiken von großer Bedeutung sind, ist laut Greenpeace allein schon daran ablesbar, dass in dem immer noch im Bau befindlichen neuen EPR-Reaktor in Flamanville inzwischen eine Stahlbetoneinhausung auch für das Abklingbecken vorgesehen ist.

  • Anti-Terror-Maßnahmen werden in Deutschland als „Störmaßnahmen oder sonstige Einwirkungen Dritter“ (SEWD) bezeichnet. Sowohl an Atomkraftwerken als auch an den Zwischenlagern mit hochradioaktiven Abfällen werden seit Jahren Nachrüstungen und andere Maßnahmen umgesetzt, um den Schutz gegen Angriffe von außen und durch sogenannte Innentäter zu reduzieren. Alles zum Thema SEWD auf umweltFAIRaendern.de

Warum sich Greenpeace jetzt zu einer Veröffentlichung der Sicherheitsrisiken entschlossen hat, begründet die Umweltorganisation auch damit, dass in Frankreich quasi eine Überwachungslücke zwischen den zuständigen Behörden besteht. Klar wäre, dass die bestehenden Sicherheitsmängel durch Baumaßnahmen und Sicherheitsnachrüstungen möglichst umgehend reduziert werden müssten. Aber: „In Frankreich wird jedoch ein institutionelles Problem deutlich, das auf internationaler Ebene relativ einzigartig ist: Die Autorité de sûreté nucléaire (ASN), die Agentur für nukleare Sicherheit des Landes, ist nicht befugt, diese Art von Sicherheitsfragen zu prüfen, während die für die Überwachung der nuklearen Sicherheit zuständigen Stellen ihre Rolle im Wesentlichen auf traditionelle Schutzmethoden (Detektion, Prävention, Überwachung…) konzentrieren. Folglich scheint niemand wirklich in der Lage zu sein, die Frage der Verstärkung und der Emission von Richtlinien anzugehen“, heißt es in dem Statement.

Diese Sicherheitsmängel sind auch deshalb von Bedeutung, weil Frankreich trotz aller Risiken plant, die Laufzeit der 34 EEF-Reaktoren der 900-MWe-Reihe über die bisherige Frist von 40 Jahren hinaus zu verlängern und dabei erklärt hat, die „Sicherheit gemäß den vom ASN herausgegebenen Spezifikationen zu verstärken, um ein Sicherheitsniveau zu erreichen, das dem des EPR-Reaktors so nahe wie möglich kommt“. Außerdem sind die Kapazitäten auch der Lagerbecken für abgebrannte Brennelemente in den Wiederaufarbeitungsanlagen von Areva NC La Hague weitgehend ausgeschöpft. Greenpeace verweist auch darauf, dass es ein neues Projekt zum Bau eines oder mehrerer zentraler Lagerbecken für abgebrannte Brennelemente gibt, um das Problem mit den vollen Lagerbecken in La Hague in den Griff zu bekommen.

Zur nicht veröffentlichten Studie erklärt Greenpeace soviel: „Greenpeace Frankreich hat in diesem Zusammenhang mehrere französische und ausländische Experten mit einer Reihe von Analysen über die möglichen Risiken und Folgen „böswilliger Handlungen“ an abgebrannten Brennelementen beauftragt, die in einem technischen Bericht zusammengefasst werden. Diese Analyse konzentriert sich zunächst auf eine detaillierte Untersuchung der Bedingungen, unter denen ein nachhaltiger Verlust an Kühlleistung zu einem massiven Austritt von Radioaktivität in diesen Pools führen kann. Der Bericht beschreibt dann die Art der Bedrohung durch äußere Aggressionen, die heute plausibel ist, und behandelt im Einzelnen verschiedene Arten von Angriffen und verschiedene Aspekte, die bei der Beurteilung der Möglichkeit, sie tatsächlich in einer bestimmten Anzahl von repräsentativen Einrichtungen durchzuführen, zu berücksichtigen sind. Der Bericht weist auch auf die radiologischen Folgen hin, zu denen ein solches Szenario wahrscheinlich führen würde.“

Demnach würden zahlreiche Kriterien und Szenarien betrachtet, die für einen dauerhaften Kühlmittelverlust und die Folgen von Bedeutung sind. Die Kenntnisse darüber könnten wiederum Täter auszunutzen versuchen, um den Schaden maximieren zu können, heißt es weiter.

Terrorschutz z.B. am AKW Emsland in Lingen

Dass Anschläge nicht auszuschließen sind und Täter auch dafür geeignete Werkzeuge beschaffen können, ist auch in Deutschland bei der Sicherung von Atomkraftwerken relevant. So wurden beispielsweise an Atommeilern wie Grohnde, Lingen, Brokdorf etc. auf den Dächern rund um die Reaktorkuppeln Gestänge installiert, die offenbar die Landung von Hubschraubern verhindern sollen.

Greenpeace listet in abstrakter Form diverse Bedingungen und Möglichkeiten auf, die heute als bekannt bezeichnet werden können, nennt allgemeine Schwachstellen von Atomanlagen und spricht auch standortbezogene Eigenarten an.

Zu den Folgen eines nicht auszuschließenden Angriffes heißt es: „Ohne den Schutz eines gegen Angriffe geschützten Einschlusses sind die Lagergebäude der Kernkraftwerke und der Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague anfällig für Angriffe, die erhebliche Schäden verursachen können“ und stellt fest: „Bei den oben beschriebenen schlimmsten Bedingungen ist es beispielsweise wahrscheinlich, dass das gesamte im Brennstoff enthaltene Cäsium-137, der Hauptfaktor für die Strahlenexposition der Bevölkerung in einem solchen Unfallszenario, freigesetzt wird. Aufgrund der fehlenden Eindämmung des Gebäudes und der Schäden, die durch den Angriff verursacht wurden, könnte ein großer Teil des Cäsiums und anderer Radionuklide aus dem Gebäude entweichen. Diese Situation würde dazu führen, dass massiv Radioaktivität in die Umwelt gelangt.“

Mit Blick auf die Katastrophe von Fukushima und deren Verlauf kommt Greenpeace zu der Aussage: „Eine Ex-post-Analyse dieses Unfalls und die Projektion eines ähnlichen Unfalls in den in diesem Bericht erfassten Einrichtungen bestätigen, dass die Auswirkungen dieses Unfalls weit über denen der schwersten vorhersehbaren Unfälle mit Reaktorkernen liegen und mehrere Millionen Menschen in einem Umkreis von 75 bis 150 km betroffen sein könnten. Angesichts des Fehlens eines Plans zum Schutz der Bevölkerung und zur Reaktion auf Notfälle in diesem Ausmaß sowie der Unterbrechung der Nothilfe, die ein externer Angriff verursachen könnte, könnten die radiologischen Folgen einer solchen Situation noch nie da gewesen sein.“

Dokumentation Pressemitteilung Greenpeace:

Greenpeace-Studie: Atommeiler in Frankreich und Belgien zeigen schwere Sicherheitsmängel
Abklingbecken sind nicht ausreichend geschützt –

Paris (ots) – 10. 10. 2017 – Hoch radioaktive, abgebrannte Brennelemente sind in französischen und belgischen Atomkraftwerken unzureichend geschützt. Das belegt eine Studie, die Greenpeace-Frankreich heute in Paris den Behörden vorlegt. Darin bewerten sieben unabhängige Sicherheitsexperten, wie alle 58 französischen und sieben belgischen Atomkraftwerke geschützt sind. Dabei wurden vier AKW in Frankreich, darunter Cattenom und Fessenheim sowie die Reaktoren im belgischen Tihange und Doel gesondert untersucht. Die aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich zugängliche Studie belegt: Abklingbecken für abgebrannte Brennelemente, in denen die höchste radioaktive Strahlung in einem Atomkraftwerk anfällt, sind kaum geschützt. Läuft das Kühlwasser aus den Becken aus, werden große Mengen Radioaktivität freigesetzt. „Statt mit viel Geld und Aufwand an oft uralten AKW herumzudoktern, müssen Frankreich und Belgien endlich den Ausstieg aus der Risikotechnologie einleiten“, sagt Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace in Deutschland. „Die untersuchten Atommeiler gefährden Menschen in ganz Europa.“

Sicherheitskonzepte bei Atomreaktoren konzentrieren sich überwiegend auf den Reaktor. Die Abklingbecken werden hingegen kaum betrachtet, obwohl spätestens seit dem Atomunfall von Fukushima klar ist, dass diese eine große Gefahr darstellen können. In Japan bestand nach der Explosion in den Reaktoren die Gefahr, dass auch die Abklingbecken trockenfallen. Wochenlang versuchten die Behörden 2011 einen Ausfall der Wasserkühlung und dadurch eine zusätzliche radioaktive Verseuchung zu verhindern. Wäre die Radioaktivität der abgebrannten Brennstäbe in die Umwelt gelangt, hätten laut damals amtierendem Regierungschef Naoto Kan bis zu 50 Millionen Menschen im Großraum Tokio evakuiert werden müssen.

Deutsche Behörden haben reagiert – dennoch bleibt grenzüberschreitendes Risiko

Deutschland hat alte Atomreaktoren unmittelbar nach der Katastrophe von Fukushima aus Sicherheitsgründen stillgelegt. Damit ist auch die Anzahl der Abklingbecken reduziert worden. Grenznahe Reaktoren in Ländern wie Frankreich und Belgien gefährden jedoch weiterhin auch die deutsche Bevölkerung. Das französische Kraftwerk Fessenheim liegt rund 25 Kilometer von Freiburg entfernt. Von den belgischen Reaktoren in Tihange sind es rund 60 Kilometer bis Aachen. In beiden Ballungsräumen wissen die Behörden um die Gefahr.

Greenpeace hat Informationen zu den betroffenen AKW in öffentlichen Quellen recherchiert. Auf Grund der brisanten Ergebnisse macht Greenpeace Frankreich die Details lediglich den dortigen Behörden zugänglich. „Wir wollen das Risiko für die Bevölkerung nicht noch größer machen, als es ohnehin schon ist. Jetzt müssen die Behörden für die Sicherheit der Menschen sorgen. Der wirksamste Schritt dafür ist, Atomkraftwerke abzuschalten“, so Smital.

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