Nachgefragt: Neue nukleare Aufrüstung – Teilweise deutscher Urankonzern will Uran-Anreicherung erhöhen

Weltweit planen Konzerne und Staaten eine neue Form nuklearer Aufrüstung. Mini-Atomreaktoren werden mit Hochdruck in vielen Staaten erforscht und entwickelt, auch weil z.B. die Schlachtfelder der Zukunft einen enorm größeren Strombedarf haben. Statt Diesel sollen Mini-AKWs die Militärbasen künftig versorgen. Auch in entlegenen Regionen der Welt, in denen riesige Rohstoffvorkommen (Öl, Gas) erwartet werden, sollen künftig derartig neue Mini-AKWs zum Einsatz kommen. Bis solche mobilen Reaktoren überhaupt funktionieren, ist es noch ein Stück Weg. Aber die Uranindustrie rüstet schon jetzt auf, um die bis zur Grenze der Atomwaffenfähigkeit angereicherten neuen Brennstoffe herzustellen. Mit dabei der teilweise deutsche Urankonzern URENCO, der in seinem Werk in den USA in dieses Geschäft einsteigen will. Künftig sollen – so die Vision – hunderte oder gar tausende solcher neuer mobilen und modularen Mini-Reaktoren weltweit zum Einsatz kommen. Eine Bombenvision. Der Bundestagsabgeordnete Hubertus Zdebel (DIE LINKE) hat jetzt die Bundesregierung gefragt, wie es um die bereits 2019 angekündigten Ausbaupläne bei URENCO steht.

Die Atomkonzerne RWE und E.on halten gemeinsam ein Drittel der Anteile an der URENCO, die in Gronau eine Urananreicherungsanlage betreibt. Diese Uranfabrik ist wie die benachbarte Brennelementefabrik in Lingen vom Atomausstieg in Deutschland ausgenommen. Entsprechende Stilllegungsanträge im Bundestag hatten CDU/CSU und SPD wiederholt abgelehnt.

URENCO ist ein drei-staatliches Unternehmen, an dem auch Großbritannien und die Niederlande beteiligt sind. Eine Anlage der URENCO steht in den USA in New Mexico. Die Urananreicherung ist eine sogenannte Dual-Use-Technik. Sie kann nicht nur Uranbrennstoff für den Einsatz in Atomkraftwerken, sondern auch atomwaffenfähiges Uran herstellen.

Daher unterliegt die URENCO strengen internationalen Kontrollen. Über diesen Weg ist auch die Bundesregierung über den sogenannten „Vertrag von Almelo“ direkt an der Kontrolle über die Tätigkeit von URENCO beteiligt. International gilt Uran ab einer Anreicherung von 20 Prozent des spaltbaren Isotops 235 als atomwaffenfähig. Die neuen Uranbrennstoffe, die derzeit entwickelt werden, sollen bis 19,75 Prozent mit Uran235 angereichert werden.

Bei URENCO wird das spaltbare Uran für die Nutzung in herkömmlichen Atomreaktoren bisher auf maximal 3 – 5 Prozent angereichert. Rund ein Drittel des Weltmarkts wird von URENCO mit Brennstoff versorgt. Die Anlage in Gronau beliefert rund jedes zehnte AKW mit angereichertem Uran. Angesichts des absehbaren Endes dieser herkömmlichen Atomtechnik sucht URENCO neue Einsatzfelder. Dazu gehört auch die Entwicklung eines eigenen Mini-Reaktors, den der Konzern als „Uran-Batterie“ bezeichnet. (Siehe dazu Link weiter oben.)

Die Schriftliche Frage des Abgeordneten Hubertus Zdebel im Wortlaut: „Wie ist nach Kenntnis der Bundesregierung beim teilweise deutschen Urananreicherer URENCO der Stand bei der vom Unternehmen bereits im Frühjahr 2019 angekündigten Absicht zur Herstellung des sogenannten Kernbrennstoffes „High-assay low-enriched uranium“ (HALEU)“ mit einer Anreicherung von bis zu 19,75 Prozent des spaltbaren Uran235 (Genehmigung, Aufstellung und Einrichtung der Zentrifugen, etc.; siehe auch Mündliche Frage Nr.33, Plenarprotokoll 19/151), und wann werden bei URENCO die ersten Anreicherungen von über fünf Prozent spaltbarem Uran235 für die Herstellung von HALEU in den USA erfolgen?“

Endlagersuche: BUND kritisiert NBG Geodaten-Gutachten

Im Rahmen der Endlagersuche für hochradioaktive Atomabfälle hat der BUND in einem Schreiben ein Gutachten im Auftrag des Nationalen Begleitgremiums scharf kritisiert: „NBG-Gutachten zur Verfügbarkeit geologischer Daten unzureichend. Sorgfältiger und umfangreicher Blick in den Datenraum essentiell“, heißt es in dem Brief. (Foto: Schacht Konrad, Salzgitter) UPDATE 29042021: Das NBG hat nach seiner gestrigen Sitzung heute eine PM zu den Geologiedaten veröffentlicht, die umweltFAIRaendern gleich unten dokumentiert. Darin erklärt das NBG seine Aufgaben in diesem Feld und stellt mehrere Studien zu diesem Thema vor.

Derzeit läuft die Öffentlichkeitsbeteiligung im Rahmen der ersten Phase der Endlagersuche. Im Herbst hatte das die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) den sogenannten Zwischenbericht Teilgebiete vorgelegt, der die geologisch geeigneten Formationen in der Bundesrepublik darstellen sollen. Dabei würde über 50 Prozent des geologischen Untergrunds als geeignet bezeichnet. Eine zweite Fachkonferenz Teilgebiete debattiert den Bericht im Juni und August, unterstützt durch Arbeitsgruppen, die derzeit parallel stattfinden.

Das Nationale Begleitgremium (NBG) ist nach dem Standortauswahlgesetz eine Art Überwacher des Verfahrens, aber auch zuständig, um geschützte geologische Daten und ihre Bewertung durch die Behörden bzw. Bundesgesellschaften gegenüber der Öffentlichkeit zu prüfen. Weil teilweise an den geologischen Daten Industrieunternehmen aus der Öl- und Gasbranche Rechte haben, werden diese nicht veröffentlicht, sondern nur in einem Datenraum zur Verfügung gestellt, wo zur Verschwiegenheit verpflichtete Sachverständige des NBG Einsicht nehmen dürfen. Daher kommt einem solchen Gutachten, wie in diesem Fall, ein hoher Stellenwert zu.

Berlin, 29. April 2021

Dokumentation: Nationales Begleitgremium, Pressemitteilung Nr.: 11/2021

Endlagersuche für Atommüll

NBG-Sachverständige nehmen vertrauliche Geologiedaten unter die Lupe

Das Geologiedatengesetz regelt seit dem letzten Jahr die Veröffentlichung geologischer Daten, die die Grundlage für die Auswahl eines Endlagers für hoch radioaktive Abfälle bilden. Da noch nicht alle Daten veröffentlicht werden können, weil z.B. Rechte Dritter an ihnen bestehen, sieht das Gesetz vor, dass das Nationale Begleitgremium fünf Sachverständige benennen kann, die diese Daten einsehen und der Öffentlichkeit Bericht erstatten: Wurden alle wichtigen Daten verwendet? Wurden Sie sachgerecht verwendet? Nun liegen die ersten Gutachten vor.

Das Nationale Begleitgremium hat durch einen öffentlichen Aufruf fünf wissenschaftlich hochkarätige Sachverständige gewinnen können, die im März mit den ersten Aufträgen betraut wurden. Gegenstand war zum einen die Nachvollziehbarkeit der sogenannten verbalargumentativen Bewertung. Sie ist der letzte von drei Schritten auf dem Weg der Ermittlung von Teilgebieten, also Gebiete, die potentiell für einen Endlagerstandort in Frage kommen. Diesem Schritt voran gingen der Ausschluss von Gebieten, die per se nicht für ein Endlager in Frage kommen, weil dort z.B. Erdbeben auftreten können und die Ausweisung von Gebieten in der verbliebenen Fläche, in denen die Wirtsgesteine Tongestein, Kristallingestein und Steinsalz vorkommen. Anhand von Abwägungskriterien wurden diese Gebiete hinsichtlich ihrer Eigenschaften für ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle untereinander verglichen. Diese Abwägung erfolgt nicht etwa quantitativ nach einer Punkteskala, sondern qualitativ in einer beschreibenden Art und Weise, also verbalargumentativ.

NBG-Sachverständige: Geologische Datengrundlage immens, umfängliche Sichtung nur mit weiteren Institutionen möglich

Ergebnis der Untersuchungen: Wie die zuständige Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) dabei vorgegangen ist, halten die Sachverständigen grundsätzlich für nachvollziehbar. Sie äußern aber auch Empfehlungen für das weitere Verfahren. Die Datengrundlage für die Bewertung sei immens groß und eine umfängliche Sichtung wäre wohl nur in Arbeitsteilung und Kooperationen mit weiteren Institutionen möglich. Außerdem könnte bei der enorm großen Datenmenge der Einsatz von Big-Data-Anwendungen und Künstlicher Intelligenz hilfreich sein. Zu dem Schluss kommt auch ein Gutachten, in dem es um die öffentliche Verfügbarkeit der geologischen Daten ging. Außerdem ist festzustellen, dass bisher etwa 50 % der von der BGE verwendeten geologischen Daten öffentlich verfügbar sind.

NBG-Vorsitzende: „Anregungen aus der Öffentlichkeit für künftige Aufträge willkommen!“

Armin Grunwald, Ko-Vorsitzender des Nationalen Begleitgremiums, freut sich, dass die Sachverständigen ihre Arbeit aufgenommen haben, weist dabei aber auch auf den Verbesserungsbedarf hin, den die Gutachten herausstellen: „Ich denke, dass die Einschätzungen der erfahrenen Geologen einen wertvollen Beitrag im lernenden Verfahren leisten können.“

Miranda Schreurs, Ko-Vorsitzende des Nationalen Begleitgremiums: „Wir freuen uns, dass die Sachverständigen nun zum ersten Mal Einsicht in den Datenraum der BGE nehmen konnten und wir hoffen, dass die Beauftragung der Sachverständigen zur Transparenz im Verfahren beitragen kann. Dabei sind auch Anregungen für Aufträge aus der Öffentlichkeit willkommen!“

Pressekontakt

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Generalsekretär
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Kein Klima für Tschernobyl – 35 Jahre einer andauernden Atomkatastrophe

Am 26. April 1986 – vor 35 Jahren – explodierte der Block 4 im Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine. Aufgrund der enormen Temperaturen durch das Graphitfeuer wurden große Mengen Radioaktivität mit dem Wind und durch den Regen verteilt und auch weit entfernte Regionen schwer verstrahlt. Hubertus Zdebel, Sprecher für Atomausstieg bei der Linksfraktion im Bundestag erinnert: „Unter dem Einsatz ihres Lebens mussten viele zigtausend Rettungskräfte den Brand löschen und den aufgerissenen Reaktor notdürftig verschließen. Viele kamen uns Leben. Noch viel mehr Menschen mussten für immer ihre Heimat verlassen. Bis heute. Viele Kinder, noch weit entfernt vom Unglücksreaktor, erkrankten an Schilddrüsenkrebs.

  • Zuletzt hat der Umweltausschuss des Bundestag am 21. April über den Atomausstieg beraten. Darüber wird hier auf der Homepage des BT berichtet. In der Diskussion ging es besonders auch um die mehrfache Reaktorkatastrophe von Fukushima. In seinem Redebeitrag hatte Hubertus Zdebel erklärt, er persönlich werde sich immer an den 11. März 2011 mit dem Super-GAU in Fukushima und allen damit verbundenen Konse-quenzen erinnern. Trotz aller Meinungsverschiedenheiten seiner Fraktion mit der Bundeskanzlerin müsse man heute wieder feststellen, dass es der einzig richtige und konsequente Schritt gewesen sei, nach Fukushima den Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland einzuleiten. Er erinnert an die damaligen Proteste und die zuvor getroffenen Entscheidungen der Koalition zwischen der CDU/CSU und der FDP, die Laufzeiten zu verlängern, was in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden sollte. Mit Fukushima sei in der Atompolitik eine Wende gekommen. Der Ausstieg sei aber noch nicht vollendet worden. Nach wie vor gebe es die Uranfabriken in Gronau und auch in Lingen, die vom Atomausstieg ausgenommen worden seien.

Die Radioaktivität aus Tschernobyl bedrohte die Gesundheit der Menschen in großen Regionen nicht nur in Europa. Angesichts des enormen Risiko- und Zerstörungspotentials und dieser Tragödie für Mensch und Umwelt muss klar sein: Atomenergie ist keine Alternative in der Energiewende und für Klimaschutz. Atomenergie ist nicht nur katastrophal: Sie ist nur finanzierbar, wenn Staaten sie mit Steuergeldern unterstützen und den Konzernen am Ende die Verantwortung für den Atommüll abnehmen und die künftigen Generationen belasten,“ mahnt Zdebel.

Weiter sagt der Bundestagsabgeordnete: Atomenergie? Das ist immer auch Hiroshima, Nagasaki. Tschernobyl, Fukushima, Harrisburg, Majak, Windscale, Los Alamos, Hanford und viele andere Atomstandorte weltweit sind eine andauernde Mahnung, dass allen Heilsversprechen zum Trotz die Atomenergie ein ökologischer Irrweg ist.

Eine Explosion eines Atomreaktors im dichtbesiedelten Westeuropa würde katastrophale Folgen für die Menschen und die Umwelt haben: Große Gebiete wären langfristig unbewohnbar. Selbst wenn es nicht während des Betriebs zu großen Störfällen kommt: Die für eine Millionen Jahre tödlichen Abfälle müssten für unter technisch extrem hohen Anforderungen abgeschirmt von der Umwelt aufbewahrt werden. Anforderungen, die für alle kommenden Generationen eine ungeheure Belastung darstellt.

Tschernobyl ist noch lang nicht vorbei: Nachdem der alte Sarkophag einzustürzen drohte, musste mit internationaler Unterstützung einen neue extrem teure Schutzkonstruktion errichtet werden, um die Abschirmung der immer noch vorhandenen enormen Radioaktivität weiter abschirmen zu können. Noch immer liegen große Mengen hochradioaktiver Brennstoffe auf dem Gelände herum. Aufräumarbeiten werden noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen und weitere Milliardensummen verschlingen.“

Für Zdebel ist klar: „Atomenergie muss Geschichte werden. Wir müssen in der Bundesrepublik den Atomausstieg beschleunigen, die Uranfabriken in Gronau und Lingen endlich stilllegen und wir müssen mehr Druck in der Europäischen Union für den Atomausstieg machen. Die erneuerbaren Alternativen sind nicht nur preisgünstiger, sie sind auch friedlicher und besser für Mensch und Umwelt und haben keine Atombomben als Nebenwirkung.“

 

Neue Uranbrennstoffe für neue Atomenergie – USA forcieren Aufrüstung

Wenn es darum geht, gefährliche Dinge elegant zu verpacken, dann war die Atombranche schon immer Weltmarktführer. Nach der Atombombe kam die friedliche Kernenergie. Auch bei neuartigen Uran-Brennstoffen für noch in der Entwicklung befindliche Reaktoren ist das so: „Hochangereichertes, niedrig angereichertes Uran“ oder etwas eleganter im englischen: „High-assay low-enriched uranium“ (HALEU). Statt wie bisher 3-5 Prozent des spaltbaren Uran235 sollen die künftig in Atomreaktoren eingesetzten Brennstoffe auf bis zu 19,75 Prozent angereichert und weltweit in den Einsatz gebracht werden. Ab 20 Prozent Uran235 spricht man von atomwaffenfähigem Uran. Aus guten Sicherheits-Gründen hat man jahrzehntelang einen großen Abstand von derart hohen Anreicherungen gehalten.

Nach dem Motto USA first setzt auch die neue Biden-Regierung massiv auf den Ausbau der Atomenergie. Unter dem Mantel vermeintlicher Klima-Neutralität geht es aber vor allem auch darum, das US-Militär angesichts immer höherer Strombedarfe für die künftigen Schlachtfelder der Welt auszurüsten. Dazu gehören neue Mini-Reaktoren, die mobil sein sollen, innerhalb weniger Tage montiert werden können und die in modularer Bauweise sowohl Wärme als auch Strom für die Militärbasen der USA liefern sollen. Sie sollen für einige Jahre „wartungsfrei“ funktionieren, womit vor allem gemeint ist: Der nukleare Brennstoff soll drei bis fünf Jahre Energie erzeugen. Das Department on Energy (DOE) und die Militärs in den USA vergeben seit geraumer Zeit entsprechende Forschungs- und Entwicklungsaufträge für solche auch Small Modular Reactor (SMR) genannten Atomreaktoren.

Ein Zukunftsmarkt, wie auch der teilweise deutsche Atomkonzern URENCO glaubt. Der Urananreicherer mit Anlagen in Gronau (BRD), Almelo (NL), Capenhurst (Großbritannien) und Eunice (New Mexico, USA) hatte bereits im Frühjahr 2019 angekündigt, in seiner US-Anlage diesen HALEU-Brennstoff herstellen zu wollen. Dabei wäre es offenbar für die Bundesregierung kein Problem, wenn das US-Militär mit HALEU-Uranbrennstoff von URENCO versorgt wird,  an der die beiden deutschen Konzerne E.on und RWE gemeinsamen zu einem Drittel mit den Staaten Niederlande und Großbritannien beteiligt sind.

Über die britische Schiene des Konzerns arbeitet URENCO auch massiv gemeinsam mit kanadischen Partnern an der Entwicklung eines eigenen Mini-Reaktors, verniedlichend als Uran-Batterie bezeichnet. Auch hier soll HALUE mit dem fast waffenfähig angereicherten Uran235 zum Einsatz kommen. In Deutschland ist die URENCO mit ihrer Anreicherungsanlage im westfälischen Gronau vom Atomausstieg ausgenommen. Bemühungen im Bundesumweltministerium, die Uranfabriken in Deutschland möglicherweise doch abzuschalten, sind zuletzt allesamt gescheitert. Bemerkenswert aber, dass ein Gesetzentwurf aus dem BMU nur noch die Einschränkung von Uran-Exporten der Brennelemente-Fabrik in Lingen vorsah, nicht aber Einschränkungen für den Betrieb der Anreicherungsanlage in Gronau. Kaum verwunderlich, wenn man berücksichtigt, dass die Urananreicherung selbst nach der Einschätzung des heutigen Bundespräsidenten Steinmeier (einer) der (beiden) Schlüssel zur Atomwaffe ist  – Stichwort Iran.  In Gronau ist die Herstellung von Atomwaffenuran natürlich verboten. Technisch aber wäre es kein größeres Problem.

In den 2000er Jahren hatten die USA ihre letzte Uran-Anreicherungsanlage dichtgemacht und in der Folge den internationalen Anschluss bei dieser überaus anspruchsvollen Technik fast verloren. Einer der Gründe waren die großen Mengen von hochangereichertem Uran aus den Abrüstungsprogrammen mit der ehemaligen Sowjetunion. Ein anderer Grund war, dass die USA wie auch Frankreich allzu lange auf die wenig wirtschaftliche Anreicherung im Diffusionsverfahren gesetzt hatten. Eine eigenständige Technik mit den z.B. von der URENCO zum Weltmarktmaßstab gemachten Ultra-Zentrifugen ist erst in den letzten Jahren neu belebt worden. Für die USA ist entscheidend, eine nationale Uran-Anreicherung auch mit Blick auf das Atomwaffenprogramm betreiben zu können. Eine Belieferung mit Uran für militärische Zwecke – z.B. von der „ausländischen“ URENCO USA – würde dem Kern nach eine Weiterverbreitung von Atomwaffenmaterial, der sogenannten Proliferation, bedeuten und damit die Grenzen zwischen militärischer und vermeintlich friedlicher Nutzung verwischen. Das würde international natürlich erhebliche Nachahmer zur Folge haben können.

Bereits im nächsten Jahr, konkret bis Juni 2022, will Centrus Energy als US-Hersteller mit neu entwickelten Zentrifugen das erste HALEU hergestellt haben (siehe WNN). Die entsprechende Versuchsanlage mit diesen Zentrifugen Made in USA ist laut den Berichten in Piketon (Ohio) im Bau. „Centrus lizenziert und baut die Kaskade von 16 AC100M-Zentrifugen zur Demonstration der HALEU-Produktion im Rahmen eines 2019 unterzeichneten Drei-Jahres-Vertrags mit Kostenteilung in Höhe von 115 Mio. USD mit dem US Department of Energy (DOE) Office of Nuclear Energy“, heißt es bei WNN.

Einen Antrag, von jetzt bis zu 10 auf künftig fast 20 Prozent Urananreicherung aufzurüsten, hat das Unternehmen bereits gestellt. Betont wird von WNN, dass die anvisierten neuen Reaktoren allesamt noch in der Entwicklung und in den USA noch nicht kommerziell verfügbar sind: „Neun der zehn Reaktorkonzepte, die das DOE für sein Advanced Reactor Demonstration Program ausgewählt hat, sollen mit HALEU betrieben werden, so Centrus. Ziel des Centrus-Auftrags ist es, eine Technologie zu demonstrieren, die für jeden Reaktortyp – einschließlich Verteidigungsreaktoren – verwendet werden kann, der den Einsatz von HALEU-Brennstoff erfordert, der mit Technologie aus den USA hergestellt wurde.“

In der mit Deepl.com unterstützen Übersetzung des WNN-Berichts vom 23. März ist weiter zu lesen: „Die Montage aller AC100M-Gaszentrifugen ist nun abgeschlossen, teilte Centrus heute mit. Die Zentrifugen werden nun letzten Vorbereitungen unterzogen, bevor sie in die Produktionskaskade eingebaut werden. Die Konstruktions- und Engineering-Arbeiten für das Gleichgewicht der Anlagensysteme stehen kurz vor dem Abschluss und der Systembau ist in vollem Gange, sagte das Unternehmen.“

Um die Bauarbeiten zu unterstützen, hat Centrus nach eigenen Angaben seine inländische Lieferkette für Zentrifugenkomponenten und unterstützende Ausrüstung reaktiviert und seine Kapazität zur Herstellung von Zentrifugenteilen in seiner Produktionsstätte in Oak Ridge, Tennessee, wiederhergestellt. Das Demonstrationsprogramm hat bis heute mehr als 200 direkte Arbeitsplätze in Ohio und Tennessee sowie Arbeitsplätze in der Lieferkette in zahlreichen Bundesstaaten unterstützt, und die für den Kaskadenbetrieb erforderlichen Arbeitskräfte sind bereits vorhanden.

Sollte alles funktionieren, so könnte die Urananreicherung wie international üblich in modularer Weise, sogenannten Kaskaden, ausgebaut werden. Um nicht direkt von militärischen Anwendungen zu sprechen, wird bei der Urananreicherung nun zwischen kommerziellen und/oder „US-Regierungszwecken“ unterschieden. Die Weiter-Entwicklung der US-Zentrifugen-Technik ist nach einem vorläufigen Aus erst unter der Regierung Trump wieder vorangetrieben worden. Eine Politik, die auch die Regierung Biden jetzt fortsetzt.

Wer von Atomenergie spricht – will oder duldet Atomwaffen: Kein Klima mit Atomwaffen-Energie

Großbritannien erweitert sein Atomwaffenarsenal. Die internationale Kampagne zur Ächtung von Atomwaffen und Friedens-Nobelpreisträger ICAN hatte vor kurzem auf entsprechende Pläne verwiesen. Auch hier bei Telepolis wurde berichtet. Die Briten gehören in Westeuropa auch zu den (fast) letzten, die noch neue Atomkraftwerke bauen. Man könnte auch sagen, bauen müssen, denn ohne, wäre das erforderliche Knowhow mitsamt der entsprechenden Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen für die Atombewaffnung kaum zu erhalten. Weltweit wird hinter dem Stichwort Klimaschutz und vermeintlich „friedlicher“ Atomenergie die militärische Atomwaffen-Energie aufgerüstet.

Die Meldungen einer Aufrüstung der britischen Atomwaffen kommt nicht von ungefähr. Zahlreiche Entscheidungen sind mit diesem umfangreichen Projekt verbunden. Dazu gehört auch, dass die britische Regierung den Bau des mit enormen staatlichen Subventionen geförderten Atommeilers in Hickley Point auf den Weg gebracht hat, obwohl der Bau eines neuen Reaktors im französischen Flamanville und im finnischen Olkiluoto zum krassen Finanzdesaster für französische Staatskonzerne wurde. Richtig: Auch Frankreich ist Atomwaffen-Staat. Miliardensummen kostete das die französischen Bürger:innen und die Brit:innen müssen künftig nun für das Atomwaffenprogramm entsprechend die Zeche zahlen. Der Ausbau der neuerbaren Energien wäre wirtschaftlich kostengünstiger und weder Super-Gau noch Atommüll für Generatioen und Atomraketen wären zu fürchten. Warum das Militär die zivile Atomkraft braucht (PDF), erklärt Eva Stegen hier in einem Vortrag für ausgestrahlt.

Wer heute noch Atomkraftwerke baut, hat nicht Klimaschutz, sondern Atomwaffen oder die Option darauf, im Visier. Denn in der Champions-League der Weltmächte musst du Atomwaffe können. Sonst bist du Zweite Liga oder Uno. Das sagen sich auch Staaten wie Polen, die Türkei und …. vielleicht auch die Vereinigten Arabischen Emirate? Der erste von vier neuen Atommeilern ist in der aufstrebenden Macht VAE in Betrieb gegangen. Gebaut von Südkorea, mit angereichertem Uran der teilweise deutschen URENCO mit einem Firmensitz im westfälischen Gronau und einem Zerfikat der dem Ausbau der Atomenergie verpflichteten Internationalen Atomenergie Agentur. Natürlich ist jeder Gedanke, dass die VAE auch nur im Traum an Atomwaffen denken könnten, abwegig und nur hypothetisch. Saudi-Arabien will ja auch die Atomwaffe nur dann, wenn der Iran sie hat. Und der will natürlich keine und verfügt eben deshalb über die rein optionalen Wege zur Plutonium- ebenso wie zur Uran-Bombe. Als würden Nordkorea, Pakistan, Indien, Israel … nicht reichen.

  • Viele wichtige Texte und Informationen zu Atomwaffen, Aufrüstung und Militär findet sich auf der Homepage des Berliner Informations-Center for Transatlantic-Security – BITS, das der im letzten Jahr verstorbene Ottfried Nassauer gegündet hatte. Dort finden sich viele Texte, die sich unabhängig mit der Aufrüstung der Bundesrepublik, der USA und in der NATO auseinandersetzen. Dort auch viele Berichte über die als Modernisierung beschönigte Umrüstung der US-Atomwaffen.

Greenpeace schaut in Sachen Atomwaffen-Energie auf Büchel und nennt die Sache beim Namen: „Eine fast deutsche Atombombe„. In Büchel in der Eifel sind die US-Atomwaffen stationiert, die von deutschen Tornado-Flugzeugen und Bundeswehrpiloten ins Ziel geflogen werden: „Formal gehört die Atombombe zwar den USA. Doch de facto wäre es eine Bombe von deutschem Boden“, schreibt Greenpeace. Die Atomwaffen sind zwar vermutlich derzeit wegen Sanierungsarbeiten (Kleine Anfrage DIE LINKE, PDF) ausgelagert, aber nicht aus Deutschland abgezogen, wie ICAN und Greenpeace fordern. Über die „Atomwaffen in Deutschland“ hat Greenpeace diese Studie erstellen lassen (PDF).

Für die Option in Sachen Atomwaffen sollte aber auch bedacht werden: Mit atomwaffenfähigem Uran hantiert die Bundesrepublik im Forschungsreaktor in München-Garching. Mit über 90 Prozent hochreinem Waffen-Uran, Made in Russland, zu Brennelementen in Frankreich verarbeitet. Experten aus Garching waren laut Süddeutscher Zeitung für die Bundesregierung in Sachen Atom-Deal mit dem Iran beteiligt. Waffenfähiges Uran? Die Technik dafür, dieses brisante Material herzustellen, hat die Bundesrepublik mit Standorten in Jülich und Gronau. Unter dem Firmenlogo von URENCO und Enrichment Technoloy Company (ETC) werden Zentrifugen hergestellt, in denen spaltbares Uran235 angereichert werden kann. Erlaubt ist in der Bundesrepublik Urananreicherung für Atomkraftwerke. Aber technisch braucht es nur geringe Veränderungen, um auch in Gronau atomwaffenfähiges Material herzustellen. Und so sitzt Deutschland wegen Garching und Gronau mit dem erforderlichen Knowhow und dem Potential zur Atomwaffe in den internationalen Verhandlungen der Weltmächte mit am Tisch, wenn man über das Atomprogramm im Iran verhandelt. Dieses Potential der URENCO ist auch Armin Laschet bekannt, der eine Stilllegung dieser Uranfabrik in Deutschland ablehnt, weil sie beiträgt, einen Platz an den Tischen der Großmächte sicherzustellen.

Die Risiken nuklearer Katastrophen steigen aber nicht nur, weil staatliche Amibitionen in die Atomenergie weltweit zunehmen. Auch die Gefahren terrorristischer Anschläge gegen Atomanlagen nehmen weltweit zu. Das jedenfalls ist aus den Planungen bundesdeutscher Atombehörden zu schlussfolgern. Im Rahmen der Abwehr gegen „Störmaßnahmen oder sonstigen Einwirkungen Dritter“ (SEWD) werden Atomanlagen überall in der Republik sicherheitstechnisch nachgerüstet. Höhere und dickere Mauern sollen Angriffe mit panzerbrechenden Waffen oder gezielten Flugzeugabstürzen abwehren. Alles unter strikter Geheimhaltung. Man will ja niemanden damit beunruhigen, dass nicht nur technisches Versagen, sondern auch ein Terror-Angriff Grund einer radioaktiven Katastrophe sein könnte. Als Terrorziele gelten inzwischen auch medizinische Strahlenquellen. Eine neue Richtlinie zur Terrorabwehr bei solchen Strahlenquellen ist erst zum Jahreswechsel in Kraft getreten.

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