Geschönte Geschichte – Die Hamburger Handelskammer im Nationalsozialismus

Hanseaten unter dem Hakenkreuz-HandelskammerHamburg
Geschönte Geschichte im Buch von Uwe Bahnsen: Die Handelskammer und Hamburgs Kaufleute im Nationalsozialismus

Wie die Hamburger Handelskammer nicht nur immer wieder einseitig in die Gegenwart eingreift, sondern auch bereit ist Geschichte umzudeuten, zeigt ein Honorarvertrag mit dem „Welt-Autoren“ Uwe Bahnsen. Der hatte im März letzten Jahres ein Buch über die Handelskammer und die Kaufmannschaft unter dem Hakenkreuz veröffentlicht. Schon direkt nach der Veröffentlichung ist das Werk heftig kritisiert worden, u.a. von Detlef Garbe, Leiter der KZ Gedenkstätte Neuengamme. Beschönigend und verharmlosend wäre die Darstellung, kritisierten auch andere AutorInnen, die etwas von der Sache verstehen. Die Opposition im Plenum der Handelskammer „Die Kammer sind wir“, angetreten für mehr Transparenz, sorgte im Juli 2015 mit einer Initiative dafür, dass der Honorarvertrag öffentlich wurde. Demnach wäre das Ziel des Buches bei „voller Wahrung der historischen Tatsachen die konstruktive Rolle der Kaufmannschaft und der Kammer bei den besonderen Herausforderungen in Hamburg während der NS-Zeit zu verdeutlichen.“ Geschichte wird gemacht – nicht nur damals!

Das Buch wurde viel beachtet. Abendblatt, Welt und die taz widmeten sich in Besprechungen bzw. Artikeln dem Werk. Petra Schellen etwa schreibt in der taz (16.06.2015) unter der Überschrift: „Verbrechen hanseatisch verschleiert“ folgendes: „Der Band „Hamburgs Handelskammer im Dritten Reich“ des Journalisten Uwe Bahnsen benennt Unrecht nur zögerlich und stilisiert Hamburgs im Nationalsozialismus stark korrumpierte Kaufleute zu Helden der letzten Kriegstage. Zu Unrecht, sagen namhafte Hamburger Historiker“.  Ausführlich führt sie die Kritik von Christoph Strupp, Mitarbeiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Detlef Garbe und anderen an.

Das Abendblatt berichtete – ohne jede eigene Position oder Kritik – bereits im März 2015 vorab unter dem Titel „Die Kammer unterm Hakenkreuz„. Ebenfalls im März 2015 berichtet auch der NDR über die Veröffentlichung des Buchs im Auftrag der Handelskammer.

  • umweltFAIRaendern hatte zuletzt auch einige Artikel zur Rolle der Hamburgischen Electricitäts Werke (HEW) im Nationalsozialismus veröffentlicht. Das bis Ende der 2000er Jahre im Besitz der Stadt Hamburg befindliche Unternehmen hatte u.a. beim Bau des Kohlekraftwerks in Alt-Garge Zwangsarbeiter eingesetzt und sich lange Jahre geweigert, den Opfern eine Entschädigung zu zahlen. Siehe dazu insbesondere: Stromkonzern im Nationalsozialismus – Zwangsarbeit bei HEW und Zwangsarbeiter und HEW.

Im Juni 2015 – noch vor dem bekannt werden des Honorarvertrags zwischen Bahnsen und der Handelskammer – widmet sich „Die Zeit“ dem Thema. In einem Beitrag von Axel Schildt und Detlef Garbe wird ein Trend zu einer gewissen Verharmlosung der Verbrechen im Faschismus beschrieben und anhand unterschiedlicher Anlässe belegt. Einer dieser Anlässe ist das Buch von Bahnsen, wobei die Autoren betonen, dass sie im Rahmen dieses Zeit-Artikels keine Rezension liefern: „Das Buch kann hier nicht rezensiert werden. Unzweifelhaft ist nur, dass es, vorsichtig formuliert, nicht in allen Teilen dem aktuellen Forschungsstand entspricht und nur wenige Quellen präsentiert. Es skizziert zwar den Verbrechenskomplex der „Arisierung“ auf Basis von Frank Bajohrs Standardwerk, aber insgesamt dominiert eine sehr günstige Bewertung des Verhaltens der Hamburger Wirtschaftselite.“

Wesentlich mehr kritisieren sie das Vorwort der Handelskammer in dem Buch von Bahnsen: „Das eigentliche Ärgernis ist das Vorwort der Handelskammer. Dort heißt es, sie, in jener Zeit Gauwirtschaftskammer, sei „weithin gegen ihren Willen vom NS-Regime in die Rolle eines Vollzugsorgans staatlicher Anordnungen gedrängt worden“. Zwar „musste“ sie sich 1933 von einem jüdischen Mitarbeiter trennen, doch finanzierte sie ihm „noch 1941“ die Reisekosten in die USA; auch die Handelskammer sei so „in einer dunklen Zeit den Geboten der Menschlichkeit“ gefolgt. In der Einleitung des Autors wird eingeräumt, dass die Geschichte der Handelskammer in jenen Jahren „bedrückende Beispiele fehlender Zivilcourage“ kenne, „aber genauso“ gebe es „erhebende Beispiele für Mut und Verantwortungsbewusstsein in schweren Tagen und Stunden“. Einleitung und Vorwort wären ein Leckerbissen für Linguisten. Mit dem „aber genauso“ wird die wohltätige Unwahrheit einer Ausgeglichenheit von Licht und Dunkel erzeugt, die mit der Kumpanei von NS-Regime und privater Wirtschaft nichts zu tun hat. Sollte die Führung der Handelskammer meinen, mit diesem Buch eine seriöse Aufarbeitung der eigenen Geschichte umgehen zu können, dürfte sie sich auf längere Sicht – hoffentlich – getäuscht haben.“

Wenige Tage später lässt die Zeit auch Uwe Bahnsen zu Wort (Misslungene Geschichte!) kommen. Schon die Einleitung seines Beitrags macht deutlich, dass er der vorgebrachten Kritik nichts abgewinnen kann. Es ist einer der beliebten Taschenspielertricks den er anwendet, um die Historiker Schildt und Garbe in eine dubiose Ecke zu manövrieren und sie im weiteren dann als etwas verstaubt im wissenschaftlichen Elfenbeinturm einzusperren. Während sie im kleinen elitären Club herumwerkeln, würde er, Bahnsen, sich verdient machen, die Wirklichkeit schonungslos einem großen Publikum zu erklären. Die gegen ihn vorgebrachte Kritik sei in Wahrheit lediglich ein „gekränktes Lamento“.

Bahnsen verdreht einfach mal die vorgetragenen Punkte, überhöht und verzerrt sie. Das ist zwar unlauter, aber dann muss man sich nicht allzu ernsthaft mit der Kritik befassen. In der Praxis geht das so: „Es gebe eine Verschwörung in der Stadt.  Ihr Ziel: endlich Hamburgs NS-Vergangenheit zu beschönigen. Ganz unterschiedliche Tatbeteiligte, so behaupten die beiden Historiker Axel Schildt und Detlef Garbe, hätten sich bei diesem Komplott zusammengetan: die Handelskammer, das Hamburger Abendblatt, der Norddeutsche Rundfunk, die TV-Produktionsfirma jumpmedien. Und ich, Autor des Buches Hanseaten unter dem Hakenkreuz. Dieses Buch, herausgegeben von der Handelskammer aus Anlass ihres 350-jährigen Bestehens, halten die Herren Schildt und Garbe insofern für eine der Quellen des Übels, als der kürzlich mit großem Erfolg gesendete NDR-Film Hamburg 1945 auf dessen Schlusskapiteln basierte.“

Bahnsen sieht sich als echten Antifaschisten und Widerständler, offenbar gemeinsam mit der Handelskammer. Denn: „In der Wirtschaft gab es den Versuch, mein Buch zu torpedieren.“ Ja, dann muss es ja wohl die Wahrheit sein?!

Jenseits der „Zeit-Kontroverse“ hat es weitere wissenschaftliche Besprechungen gegeben, die das Buch ebenfalls scharf kritisierten: „Mehrfach fallen grobe Widersprüche in der Argumentation des Autors auf“ oder „Regelmäßig verzichtet der Autor bei seinen Deutungen auch auf untermauernde Argumente und Quellenbelege“ und „Am meistens krankt die Studie aber an der unausgewogenen thematischen Gewichtung, wobei Bahnsen solchen Themen deutlich weniger Platz einräumt, die der Handelskammer vermutlich eher unangenehm sein könnten“, heißt es im Dezember 2015 in einer Besprechung auf „sehepunkte„, einem Portal für Geschichtswissenschaften.

  • Über das Buch informiert der Wachholtz-Verlag hier. Dort findet sich auch eine Inhaltsangabe samt Leseprobe.

Auch eine andere Besprechung kommt zu einem schlechten Ergebnis: „Eine wissenschaftlichen Maßstäben angemessene Darstellung der Geschichte der Handelskammer Hamburg in der NS-Zeit ist Uwe Bahnsen leider nicht gelungen. Eine umfassende und unabhängige Studie zur Geschichte der Kammer steht nach wie vor aus“, heißt es in einer Besprechung von Lu Seegers, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg auf „Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften„.

Dass all diese Kritik mehr als nur berechtigt ist, zeigt sich dann, als im Juli die Initiative „Die Kammer sind wir“ dafür sorgt, dass der Honorarvertrag zwischen Handelskammer und dem Autoren in anonymisierter Fassung bekannt wird (hier: Transparenz-Initiative). Diese Initiative ist seit dem Frühjahr 2014 als Opposition im Plenum der Handelskammer vertreten und streitet für eine Demokratisierung und für mehr Transparenz der Handelskammer. Wie wichtig das ist, macht auch der Vertrag deutlich. Denn dort ist jetzt für alle nachzulesen, dass es in der Tat darum ging, eine bestimmte Geschichte zu erzählen: „Herausgeber und Autor stimmen darin überein, dass es das Ziel dieses Werkes ist, bei voller Wahrung der historischen Tatsachen die konstruktive Rolle der Kaufmannschaft und der Kammer bei den besonderen Herausforderungen in Hamburg während der NS-Zeit zu verdeutlichen. Dies betrifft insbesondere die Kapitel-12, 13 und 14 Ober die Großangriffe auf Hamburg im Juli/August 1943, die kampflose Übergabe der Stadt Anfang Mai 1945 und die ersten Monate danach.“ Außerdem ist dem Vertrag zu entnehmen: „Nur wenn der Autor dieser Vertragspflicht in vollem Umfang nach bestem Wissen und Gewissen genügt hat, trägt der Herausgeber alle Kosten einer eventuell erforderlichen Rechtsverteidigung.“

Das ist – anders als es Bahnsen in seinem Zeit-Statement behauptet – eine klare Zielfestlegung, in welche Richtung die Geschichte gedeutet werden soll. Im Auftrag der Handelskammer beteiligt sich der Autor Bahnsen damit an der Schönfärbung der Rolle der Handelskammer und führender Kaufleute im Nationalsozialismus. In der Folge ist es dann auch ziemlich unwichtig wenn Bahnsen betont, die Kammer hätte sich nicht weiter eingemischt. Das brauchte sie bei dieser Auftragsfestlegung ja auch nicht mehr.

Als der Auftrag der Handelskammer veröffentlicht wird, greift die Zeit in einem Artikel von  Hanna Grabbe und Oliver Hollenstein das Thema erneut auf und berichtet darüber unter dem Titel „Ganz schön konstruktiv„.

Die Zeit greift den zitierten Satz auf und konzentriert sich in dem Artikel dann auf den zweiten Teil: „Aber dann, im zweiten Teil des Satzes, wird deutlich, warum es die Selbstverständlichkeit braucht. Bahnsen solle die „konstruktive Rolle der Kaufmannschaft und der Kammer bei den besonderen Herausforderungen in Hamburg während der NS-Zeit“ verdeutlichen, heißt es dort.

Konstruktiv? Das bedeutet „aufbauend, entwickelnd“, ein modernes, durchweg positiv besetztes Wort, ein bisschen schwammig. In diesem Fall wirft es Fragen auf: Kann ein Werk, das als „kritische Aufarbeitung“ der Geschichte einer Institution verkauft wird, deren „konstruktive Rolle“ verdeutlichen? Wie kann man unter Wahrung fachlicher Standards vorher die Richtung der Interpretation festlegen? Und kann ein Autor, der so eine Formulierung unterschrieben hat, überhaupt noch frei arbeiten?“

Die Zeit-AutorInnen beleuchten diese „Ausrichtung“ und schreiben weiter: „Der Vertrag legt nun jedoch nahe, dass die günstige Bewertung kein Zufall war. Besonders in den Kapiteln über die Großangriffe 1943 in Hamburg, die kampflose Übergabe der Stadt sowie die Monate nach dem Krieg solle die „konstruktive Rolle“ verdeutlicht werden, heißt es in Paragraf 1 des Vertrags. Liest man die entsprechenden Kapitel mit dem Wissen um diese Klausel, findet man zahlreiche fragwürdige Formulierungen.“

Anhand mehrerer Textpassagen zeigen Grabbe und Hollenstein auf, wie Bahnsen diese konstruktive Rolle der Hamburger Wirtschaftsbosse darstellt. Sie kommen zu einem Ergebnis: „Was hängen bleibt: Die Nazis kamen als Schicksal über honorige Kaufleute. Unternehmer sind Pragmatiker, die mit Tatkraft ihre Chancen nutzen; die Handelskammer ist eine Institution, die das Wohl ihrer Mitglieder im Blick hat und ihnen im Kampf gegen die Bürokratisierung hilft. Diese Geschichte dürfte der Handelskammer gefallen. Es ist ihre Interpretation derselbigen. Bahnsen hat seinen Vertrag erfüllt.“

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