Geschönte Geschichte der Handelskammer im Nationalsozialismus – Eine bislang unveröffentlichte Antwort auf Uwe Bahnsen: Misslungene Entgegnung!

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Die Handelskammer im Nationalsozialismus – Über ein beschönigendes Auftrags-Werk und eine kaum geführte, aber notwendige Debatte.

Über ihre Rolle im Nationalsozialismus hatte die Hamburger Handelskammer eine Auftragsarbeit bei dem Journalisten Uwe Bahnsen bestellt. Herausgekommen ist etwas, das Wissenschaftler wie der Chef der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Detlef Garbe, als „geschönte Geschichte“ massiv kritisierten. Der durch eine Initiative der Handelskammer-Reformer „Die Kammer sind wir“ später veröffentlichte Werkvertrag zeigte: Die beschönigende Darstellung war ausdrücklich bestellt. Lediglich Petra Schellen in der taz-Nord und die „Zeit“ (Hanna Grabbe und Oliver Hollenstein) räumten einer kritischen Debatte über das Buch „Hanseaten unter dem Hakenkreuz – Die Handelskammer Hamburg und die Kaufmannschaft im Dritten Reich“ Raum ein. Auf eine Kritik von Detlef Garbe und dem Leiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH), Axel Schildt, erwiderte Bahnsen mit der Überschrift: „Misslungene Geschichte“. In einem Beitrag im Jahrbuch 2015 erwähnt Axel Schildt eine bislang nicht veröffentlichte, gemeinsam mit Detlef Garbe verfasste Erwiderung (Misslungene Entgegnung) auf Bahnsen. UmweltFAIRaendern veröffentlicht diese Erwiderung mit Erlaubnis nun erstmals im vollen Umfang.

Dokumentation: Detlef Garbe, Axel Schildt: Misslungene Entgegnung!

„In der Zeit Nr. 25 erschien die Replik von Uwe Bahnsen auf unseren Artikel über neue, im Kern aber alte Versuche, die nationalsozialistische Vergangenheit zu beschönigen. Die vom Präses der Handelskammer bei der Vorstellung des Jubiläumsbandes „Wir handeln für Hamburg – 350 Jahre Handelskammer Hamburg“ am 17. Juni angekündigte „angemessene Antwort“ war dies jedoch nicht.

Weder der Hinweis darauf, dass Herr Bahnsen im Unterschied zu seinen Kritikern über die Kriegszeit auch aus eigenem Erleben sprechen könne, noch die Seitenhiebe auf vermeintlichen Dünkel und Wirkungslosigkeit der akademischen Wissenschaft oder die Erwähnung von weiter gehenden Versuchen der inhaltlichen Einflussnahme aus „Kaufmannskreisen“ auf sein Buchprojekt, denen es sich zu erwehren galt, tragen zur Sache selbst bei. Und schon gar nicht der Verweis auf Auflagenhöhen und gute Quoten, die im Unterschied zu den historischen Quellen sicher keinen Beleg für die Stimmigkeit von Geschichtsbildern liefern können.

Wohl weiß Herr Bahnsen auch durchaus Zutreffendes zu benennen, insbesondere teilen wir seine Feststellungen über das Nachleben der „Kaufmann-Legende“ und weiterhin bestehende Forschungsbedarfe gerade auch zu den Aspekten misslungener Vergangenheitsaufarbeitung in den Nachkriegsjahrzehnten. Die Fragen, weshalb Hamburgs Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann nie vor Gericht gestellt wurde, sein bis 1945 erworbenes Vermögen retten und in Hamburg bis zu seinem Tode 1969 als unbescholtener Bürger leben konnte, weisen in die richtige Richtung. Allerdings haben Fachhistoriker, etwa Frank Bajohr, gerade hierzu durchaus schon beachtliche Forschungsergebnisse veröffentlicht. Ohne deren Vorarbeiten könnten Journalisten auch keine populären Schriften verfassen.

Doch ist ja nicht die Person des Hamburger Gauleiters strittig, selbst in dem apologetischen Doku-Drama des NDR über die Rettung Hamburgs 1945 blieb die Rolle Kaufmanns wohlweislich ausgeklammert. Gegenstand der Auseinandersetzung sind vielmehr Fragen nach der Verantwortung des gesellschaftlichen Umfelds, insbesondere der Eliten aus Verwaltung und Wirtschaft. Aber gerade diesen Komplex umgeht Bahnsen; er äußert sich zu keinem der Punkte, auf die wir unsere Kritik an beschönigenden Tendenzen in seinem Buch „Hanseaten unter dem Hakenkreuz“ und mehr noch an den durch das Buch initiierten medialen Formaten stützen. Und so antwortet Herr Bahnsen trotz vieler Worte in seiner Entgegnung auf die konkreten Fragen nicht, von denen hier nur noch einmal drei zentrale kurz benannt werden sollen:

Ist es richtig, dass die zu Hauptakteuren der Rettung Hamburgs 1945 erklärten Personen, namentlich Generalmajor Alwin Woltz und Generaldirektor Albert Schäfer, zuvor Mitverantwortung trugen für die Herrschaftsstabilisierung bzw. für Rüstungsproduktion und Zwangsarbeitereinsatz?

Ist es richtig, dass die Gauwirtschaftskammer vor der Übergabe der Stadt an die Briten die Häftlinge des KZ Neuengamme und der Außenlager aus Hamburg entfernt wissen wollte, von denen dann Tausende auf Todesmärschen und den von Karl Kaufmann als KZ-Ausweichlager organisierten Schiffen „Cap Arcona“ und „Thielbek“ starben?

Ist es richtig, dass der NDR bei dem Film „Hamburg 1945 – Wie die Stadt gerettet wurde“ außer Bahnsen als historischem Berater nur den Chefredakteur der Preußischen Allgemeinen Zeitung einbezog, der in seinem Buch von 1990 über das Kriegsende in Hamburg den Gauleiter Kaufmann entlastete?

Wir sehen in Bahnsens Buch eine Waagschalenmentalität, die das Wirken der Kammer im NS-Regime durch den Verweis auf das Handeln einzelner ehrbarer Kaufleute in der Gesamtschau weichzeichnet. Die Handelskammer, in deren Auftrag das Buch abgefasst wurde, erscheint als Institution „unter dem Hakenkreuz“, als ein passives Opfer der politischen Verhältnisse.

Wir meinen, dass es endlich an der Zeit ist, die nicht eben ruhmreiche Vergangenheit auch der Kammer im „Dritten Reich“ endlich umfassend zu untersuchen und, siebzig Jahre nach dessen Ende, auf die Wiederbelebung von Legenden zur heldenhaften Rettung Hamburgs durch die nationalsozialistischen Herrschaftseliten zu verzichten. Das war der Grund, weshalb wir uns zu Wort gemeldet haben.“

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