Spurensuche: Atomreaktor-Versuche in Nazi-Deutschland – Haigerloch Keller-Museum

Bis zum Schluss versuchten deutsche Atomforscher unter dem Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg eine nukleare Kettenreaktion hinzubekommen. Bereits schnell nach der Entdeckung der Kernspaltung hatten verschiedene Wissenschaftler die Möglichkeiten der Kernspaltung sowohl zur Energieerzeugung als auch zur Atombombe erkannt und die entsprechenden staatlichen Stellen darüber informiert. Mehrere Forschungsgruppen, nur teilweise über den 1939 gebildeten sogenannten „Uran-Verein“ koordiniert, machten sich an die Arbeit. Während zum Kriegsende eine Gruppe um Kurt Diebner vor allem im thüringischen Stadtilm experimentierte, war eine Gruppe um Werner Heisenberg im württembergischen Hechingen und Haigerloch aktiv. Dort, in einem ehemaligen Bierkeller in Haigerloch, errichteten sie ab September 1944 einen Versuchs-Reaktor, um eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion zu erreichen. Doch das Experiment B-VIII scheiterte im Februar/März 1945. Heute zeugt in dem dortigen Atomkeller ein kleines Museum von diesen Versuchen, bemüht vor allem eines festzustellen: „Die Atombombe stand nicht auf dem Programm“. Eine Aussage, die wissenschaftlich so nicht zu halten ist.

Spurensuche: Gebaut auf den Verbrechen der Nationalsozialisten – „Versagen der jungen Bundesrepublik“

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Braune Geologen empfahlen in den 1960er Jahren die ASSE als Atommülllager.

Die immer noch notwendige Aufarbeitung der deutschen Nazi-Vergangenheit stellt  immer öfter (erneut) die Frage, wie die junge Bundesrepublik mit diesem verbrecherischen Erbe umgegangen ist und welche Rolle die Nazi-Täter beim Aufbau in der Nachkriegszeit spielten. Eine der bedeutsamsten Fragen der sogenannten 68er Generation bekommt damit neue und verdiente Aufmerksamkeit. Viele Studien und Berichte kommen zu erschreckenden Ergebnissen, die deutlich machen, wie sehr braune Täter nach 1945 nahezu nahtlos am Aufbau der westdeutschen Behörden und Verwaltungen – aber auch der Wirtschaft – beteiligt wurden und dabei sogar wiederum gegen ihre Opfer aus der Nazi-Zeit nun in der neuen Demokratie tätig wurden. Am Beispiel der Justiz spricht der zuständige Minister Heiko Maas jetzt in einer aktuellen Studie (Akte Rosenburg) von der „Perversion des Rechts während der Nazi-Zeit und das Versagen der jungen Bundesrepublik bei deren Aufarbeitung…“. Aktuelle Untersuchungen zeigen: Dieses Versagen ist nicht auf die Justiz beschränkt. In Hamburg sorgten Alt-Nazis dafür, dass das NSDAP-Vermögen nach 1945 erneut gegen die Opfer unter Kontrolle der Stadt kam und Nazi-Richter nach 1945 einfach weitermachten. Und „Braune Geologen“, die in Nazi-Deutschland die Rohstoffe für den Krieg organisierten, wurden ungestört Präsidenten einer Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und sorgten dafür, dass Atommüll im maroden Salzstock der ASSE versenkt wurde.

Spurensuche: Atomforschung in Celle, Nazi-Deutschland – Uran-Anreicherung und die Zentrifugen

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Uran-Zentrifugen im industriellen Einsatz – Die Forschung begann in Nazi-Deutschland, unter anderem in Celle.

„Kernenergieforschung in Celle 1944/45. Die geheimen Arbeiten zur Uranisotopentrennung im Seidenwerk Spinnhütte“. Das ist der Titel eines bereits 1995 veröffentlichen Buches von Hans-Friedrich Stumpf, in dem er die Aktivitäten einiger Wissenschaftler in Nazideutschland zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Celle untersucht. Ihr Chef: Paul Harteck aus Hamburg. Ihr Ziel: Die deutsche Atombombe. Ihre Absicht: Mit der Entwicklung von Ultra-Gaszentrifugen das spaltbare Uran 235 so weit anzureichern, dass es entweder direkt zur Atombombenherstellung hätte eingesetzt werden können oder aber mit einer Anreicherung von 3-5 Prozent in einem mit normalem Wasser als Moderator betriebenen Reaktor zu Plutonium verwandelt, am Ende den gleichen Zweck hätte erfüllen sollen. Doch permanenter Material- und Ressourcenmangel und immer wieder Luftschläge der Alliierten verhinderten letztlich, dass diese Forschungen erfolgreich verliefen.

Spurensuche: Auferstanden aus Verbrechen – Deutsche Atomschmiede in Karlsruhe und ein Whistleblower

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Léon Gruenbaum: Whistleblower zur Nazi-Geschichte der ehemaligen Atomforschungsanlage Karlsruhe.

Spurensuche zur Geschichte der Atomenergie in Deutschland. Erst vor kurzem ist eine neue Studie von Tilman Hanel unter dem Titel „Die Bombe als Option – Motive für den Aufbau einer atomtechnischen Infrastruktur der Bundesrepublik bis 1963“ erschienen. Darin steht auch das ehemalige Kernforschungszentrum in Karlsruhe im Zentrum der Betrachtungen. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Forschungszentrums – Dr. Léon Gruenbaum – hat jetzt von der „Vereinigung Deutscher Wissenschaftler“ posthum einen „Wistleblower-Ehrenpreis“ verliehen bekommen, weil er wichtige Informationen über Akteure in der frühen bundesdeutschen Atomforschung und ihre Verstrickung in die Nazi-Verbrechen ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt hat.

Spurensuche: Militärische Motive der deutschen Atomenergie-Politik und die Atomforscher Kurt Diebner und Erich Bagge

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Vielfältige Atomkontakte: Der Atom- und spätere Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (Mitte) und die beiden Atomforscher Kurt Diebner (links) und Erich Bagge (rechts). Foto: Montage

Am Anfang stand die Atombombe. Direkt nach der Entdeckung der Kernspaltung und der dabei frei werdenden Energie begann in Nazi-Deutschland ein vielfältiges Forschungsprogramm, mit dem der Bau einer Atombombe realisiert werden sollte. Auch in der Frühphase der jungen Bundesrepublik spielte die Atombombe bei der Entwicklung eines Atomenergieprogramms eine herausragende Rolle – allerdings aufgrund der internationalen Rahmenbedingungen mit Ausnahmen eher im Versteckten und später unter dem Mantel der zivilen Atomenergienutzung im Rahmen des „geschlossenen Brennstoffkreislaufs“. Mit diesem Text setze ich meine „Spurensuche“ über die militärischen Interessen an der Atomenergie in Nazi-Deutschland und der frühen Bundesrepublik fort (*siehe ganz unten im Text). In einer Studie hat Roland Kollert im Jahr 2000 auf die militärischen Motive an der Atomenergie in der jungen Bundesrepublik aufmerksam gemacht und zahlreiche Hinweise nicht nur mit Blick auf die Bonner Politik, sondern auch auf die wissenschaftliche Unterstützung gerichtet. Dabei berichtet er auch über die Aktivitäten der Atomforscher Erich Bagge und Kurt Diebner, die bereits in der Nazi-Zeit zusammengearbeitet und später gemeinsam die Atomforschungsanlage GKSS in Geesthacht gegründet haben.

Spurensuche: Nazi-Deutschland und die Atombombe – Kurt Diebner, Paul Harteck, schweres Wasser aus Norwegen und tote Partisanen

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Kurt Diebner (Mitte) und die Nazi-Atombombe: Tote Partisanen und Norweger für die Beschaffung von schwerem Wasser für die Forschung.

Am 20. Dezember 1943 – kurz vor Weihnachten – sitzen die Herren Diebner, Harteck, Orlicek und einige andere in Leuna (Wikipedia) zusammen. Ihr Thema: „Übernahme der SH 200-Anlagen in Norwegen nach Mitteldeutschland“. Über dem Protokoll der Besprechung (Deutsches Museum, Geheimakten) in knallrot der Stempel: „Geheim! 1. Dies ist ein Staatsgeheimnis im Sinne §88 RStG.“ Kein Wunder: Die Herren beratschlagen, wie sie die Versorgung mit dem für die Atom(bomben)forschung dringend benötigten schweren Wasser (Deuterium) sicherstellen können. Dr. Diebner ist, so vermerkt es das Protokoll, „Bevollmächtigter für Kernphysik“. Er spricht abstrakt von „politischen Gründen“, die den Nachschub des dringend benötigten schweren Wassers aus Norwegen behindern. Was er nicht ausspricht: Mehrfach hatten norwegische Widerstandskämpfer und alliierte Luftangriffe die einzige Produktionsanlage im besetzten Norwegen bombardiert oder die Transporte angegriffen. Dabei kamen viele Menschen ums Leben und Partisanen wurden erschossen.

Spurensuche Hitlers Bombe – Atomforschung in Nazi-Deutschland – Video-Dokumentation

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Video über die Nazi-Atomforschung. Carl Friedrich von Weizsäcker (Foto: Screenshot des Videos)

Über die Entdeckung der Kernspaltung und den Stand der Atomforschung in Nazi-Deutschland berichtet eine Video-Dokumentation aus dem Jahr 1992. Darin kommen die damals noch lebenden Wissenschaftler Carl-Friedrich von Weizsäcker und Erich Bagge zu Wort, die zu den maßgeblichen Atomforschern in Nazi-Deutschland gehörten. Bagge war Mitglied der NSDAP und gründete gemeinsam mit Kurt Diebner später die Atomforschungsanlage GKSS in Geesthacht bei Hamburg.

Spurensuche Atomenergie im Faschismus: Kurt Diebner, tote KZ-Häftlinge und die Angst vor dem Zuchthaus

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Kurt Diebner, einer der führenden Köpfe der Atom-Forschung in Nazi-Deutschland. Noch 1956 hatte er offenbar Angst vor dem „Zuchthaus“.

„Bei dem Versuch mit W. Tautorus in Verbindung zu treten, zeigte sich, daß Tautorus gar nicht auffindbar war, und daß es sich um einen ehemaligen kaufmännischen Angestellten handelte, der (nach E.B.) jene Arbeiten nie gesehen hatte. Tautorus wurde (nach E.B.) von Diebner nur als Pseudonym benutzt, da „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!).“ (Quelle: Arnold, Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Straßmann (PDF), 2012, Technische Universität Ilmenau, S 14).

Bundesrepublik und Atomwaffen: „Finger am Abzug“ – Spurensuche zur Geschichte der Urananreicherung

Urananreicherung findet in Deutschland bei der URENCO statt: Technisch ist die Herstellung von atomwaffenfähigem hochangereichertem Uran möglich. Foto: Dirk Seifert
Urananreicherung findet in Deutschland bei der URENCO statt: Technisch ist die Herstellung von atomwaffenfähigem hochangereichertem Uran möglich. Foto: Dirk Seifert

Deutsche Politik, Atomenergie und Atomwaffen. Immer mehr Untersuchungen erscheinen in den letzten Jahren mit Blick auf die „Frühen Jahre“ zu diesem Thema. Das meint einerseits die Zeit im Faschismus, in die die Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann sowie Lise Meitner fällt. In der Folge gab es während des Zweiten Weltkriegs diverse Aktivitäten, eine deutsche Atombombe zu entwickeln. Anderseits erscheinen immer mehr Veröffentlichungen, die die frühe Bundesrepublik und ihre Atompolitik unter die Lupe nehmen. Dass die deutsche Politik unter Adenauer nach einem Zugriff auf die Atombombe strebte, ist heute unumstritten.

Spurensuche: „Hitlers Bombe“ – Nazi-Forschung und Entwicklung an einer militärischen Nutzung der Atomenergie und ein Ausblick auf die Debatte um die Atombewaffnung in der jungen Bundesrepublik Deutschland der 50er Jahre.

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Gab es eine atomare Nazi-Bombe. Ein Buch und viele Hinweise…

Hatte Hitler die Atombombe? Wie war der Stand der Forschung und Entwicklung in Sachen Atomenergie im Faschismus? Gab es eine „Explosion mit Kernenergiefreisetzung“? Und was wurde aus diesem Nazi-Wissen über die Atomspaltung in den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland? Wie waren die politischen Interessen zu einer deutschen Atombombe im Nachkriegs-Deutschland?

Ostermarsch Proteste an Uranfabrik in Gronau und in Jülich

Bundesweit finden derzeit die Ostermärsche für Frieden und Abrüstung statt. Den Auftakt in NRW machten die Demonstrationen an der Uranfabrik in Gronau und vor dem ehemaligen Atomforschungszentrum in Jülich. An der Demonstration am Karfreitag in Gronau nahmen nach Angaben der Veranstalter rund 250 Menschen teil. In Jülich kamen 50 AktivistInnen zur Protestveranstaltung. Über die Demo in Gronau zitieren die Westfälischen Nachrichten: „„Die Anlage in Gronau ist atomwaffenfähig“, warnte Peter Bastian vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomkraftanlagen bei der Auftaktkundgebung. Er warf Umweltministerin Barbara Hendricks „Doppelzüngigkeit“ vor, weil sie weitere Brennelemente-Transporte an den Pannenreaktor Tihange nicht stoppe.“ Die Europavorsitzende von „Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs“ (IPPNW), Dr. Angelika Claußen, „forderte die Bundesregierung auf, an den Verhandlungen für ein Verbot von Atomwaffen teilzunehmen, an denen sich bereits rund 130 Staaten beteiligten, „bevor es zu spät ist“. Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel Verständnis für den jüngsten Abwurf einer konventionellen Superbombe in Syrien durch die USA geäußert habe, „ist für mich ein Skandal“.“ Über die Aktion in Jülich berichtet Westcastor hier.

Latente Proliferation – Wie „friedlich“ ist die Atomenergie?

Es wird wieder über Atomwaffen debattiert. Über mehr, neue, modernisierte und die Frage, wer darüber verfügen darf. Und seitens der UN und einigen Friedensbewegten auch über einen weltweiten Bann dieser Waffen. Sogar über eine deutsche Nuklearbewaffnung wurde um den Regierungswechsel in den USA herum eine Diskussion geführt und die neue US-Regierung Trump will mächtig aufrüsten und fordert dies insbesondere auch von der EU. Die Aufregung ist irgendwie groß und moralische Entrüstung schnell auf dem Plan. In der EU sind Frankreich und Großbritannien Atomwaffenstaaten. Andere EU-Staaten betreiben demnach ein ausschließlich „ziviles“ Atomprogramm. Unter dem Stichwort „Dual-Use“ werden die Grenzen und Überschneidungen beschrieben, die der Atomenergietechnik inne sind. Dass eine solche Trennung von militärischer und ziviler Nutzung der Atomenergie nur schwerlich realitätstauglich ist, hatte Roland Kollert in seinem Buch „Politik der latenten Proliferation – Militärische Nutzung „friedlicher“ Kerntechnik in Westeuropa“ bereits 1994 anhand von Länderstudien aufgezeigt. Mit Genehmigung des Autors stellt umweltFAIRaendern dieses Buch nun als PDF komplett und in einer aktualisierten Fassung zum kostenlosen download zur Verfügung.