Von wegen Sanktionen: Russisches Atomknowhow und Uran-Brennstoff treiben weiterhin westliche Atombranche

Von wegen Sanktionen: Russisches Atomknowhow und Uran-Brennstoff treiben weiterhin westliche Atombranche

Das österreichische Umweltbundesamt hat in einem Hintergrundpapier die Rolle Russland in der westlichen Atomwirtschaft untersucht. Klaus Gufler und Franz Meister zeichnen für das Papier über den Staatskonzern Rosatom verantwortlich, in dem vom Uranabbau, über die Konversion und Anreicherung, die Brennelementeherstellung und viele weitere Industriedienstleistungen sowie Unternehmen detailliert berichtet. „Die Analyse der Rosatom-Aktivitäten bzw. Rosatom-Verflechtungen mit der EU zeigt eindeutig eine starke Abhängigkeit der EU von Rosatom. Damit erhöht die Nutzung der Kernenergie keineswegs die Versorgungssicherheit, sondern hat die Euratom Betreiberstaaten in eine Abhängigkeit von Russland gebracht. Kernenergie ist mitnichten eine „heimische“ Energie, zumal der Grundrohstoff Natururan zu über 99% importiert werden muss.“

Trotz der Boykott-Maßnahmen gegen Russland: Geht es um die Atomwirtschaft scheinen CDU/CSU, AfD, Freie Wähler und FDP nur wenige Probleme zu haben, wenn Atomgeschäfte mit Russland weitergehen, sei es um AKWs in Osteuropa mit Brennstoff zu beliefern oder aber Lieferungen von Uran nach Frankreich und Deutschland einfach weitergehen. Während diese Parteien für die Laufzeitverlängerung trommeln, gibt es von den Grünen bislang keine ernsthaften Bemühungen, die atomaren Russlandgeschäfte einzudämmen oder gar Maßnahmen, um die Atomlieferungen zur Uranfabrik in Lingen, die an diesen russischen Atomschiebereien beteiligt ist, zu unterbinden.

ZUSAMMENFASSUNG des Hintergrundpapieres als Dokumentation:

Die Analyse der Rosatom-Aktivitäten bzw. Rosatom-Verflechtungen mit der EU zeigt eindeutig eine starke Abhängigkeit der EU von Rosatom. Damit erhöht die Nutzung der Kernenergie keineswegs die Versorgungssicherheit, sondern hat die Euratom Betreiberstaaten in eine Abhängigkeit von Russland gebracht. Kernenergie ist mitnichten eine „heimische“ Energie, zumal der Grundrohstoff Natururan zu über 99% importiert werden muss.
Die staatliche Atomenergiegesellschaft Rosatom ist eine klassische Holdingstruktur und umfasst rund 300 Unternehmen. Rosatom arbeitet nicht nur in der zivilen Nutzung der Kernenergie, sondern mit 90.000 der insgesamt 275.000 Beschäftigten auch für den Kernwaffenkomplex.

Euratom Betreiberstaaten kooperieren in unterschiedlichen Formen mit Rosatom. Importiert wird russisches Natururan, russische Uranprodukte, russische Brennelemente und russische Dienstleistungen im Bereich Bau, Betrieb, Rückbau und Modernisierung von Kernkraftwerken.

Die EU muss 99,5% des Natururans importieren. Rund 20% des Urans für Betreiber aus Euratom Staaten kam 2020 aus Russland und 19% aus Kasachstan. Bezogen auf die Uranproduktion der jeweiligen Länder zeigt sich: 12% der kasachischen und ca. 90% der russischen Uranproduktion werden nach Europa exportiert. Rosatom kontrolliert neben den Minen in Russland direkt auch 22% der kasachischen Uranproduktion, wodurch Rosatom ca. 15% der globalen Uranproduktion beherrscht. Damit ist Rosatom der zweitgrößte Uranproduzent der Welt.

In der EU deckt Rosatom rund 26% der Urananreicherungsdienstleistungen ab. Rosatom exportiert angereicherte Uranprodukte unter anderem nach Frankreich, Deutschland, Spanien, Großbritannien, Belgien, Schweden, Finnland, Schweiz und Tschechien. 48% der Exporte der Rosatom im Bereich der Anreicherungsdienstleistungen gehen in diese Länder. Die Exporte in die USA, Kanada und Mexiko machen 36% der Exporte aus. Rund 30% von Rosatoms Auslandsumsatz geht auf Einnahmen aus dem Brennstoffzyklus zurück.

Im Jahr 2021 versorgte Rosatom 21 Kernreaktoren in der EU mit Brennelementen. Bulgarien, Ungarn, Slowakei und Tschechien sind zu 100% von Brennelementen von Rosatom abhängig – Finnland zu 35%. Im Zuge einer Kooperation zwischen Rosatom und Framatome werden drei Reaktoren in Westeuropa mit Brennelementen versorgt.

Verflechtungen zwischen Rosatom und europäischen Unternehmen gibt es unter anderem in Frankreich (Framatome und GE Alstom), Deutschland (Siemens und Nukem), Ungarn (Ganz EEM) und Tschechien (ARAKO). Die Verknüpfungen zwischen Rosatom, Framatome, Siemens, GE Steam Power und Alstom werden im Bereich Neubauprojekte von russischen Kernkraftwerken (z.B.: Hanhikivi in Finnland, Akkuyu in der Türkei, El Daaba in Ägypten, Leningrad II in Russland) deutlich.

Im Bereich Ersatzteile und Servicedienstleistungen spielt Rosatom vor allem bei russischen Reaktortypen in der EU eine wichtige Rolle. Auch entwickelt, liefert und modernisiert Rosatom Simulatoren für das Training der Operateure von WWER Reaktoren.

Rosatom ist wichtiger Hersteller von Werkstoffen und Legierungen (z.B.: Zirkaloy) welche auch für die kerntechnische Industrie hoch relevant sind.

Dirk Seifert

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