Radioaktiv: Mehr als 6.000 Krebstote jährlich in der Nähe von US-Atomkraftwerken

Das Risiko an Krebs zu erkranken, steigt, je näher Menschen in der Umgebung von Atomkraftwerken wohnen. Dieses Ergebnis hat eine umfangreiche Studie der renommierten Harvard-Universität bereits im Frühjahr 2026 aufgezeigt (umweltFAIRaendern hatte berichtet). Nun kommentiert die Atom- und Strahlenschutzkommission des BUND (BASK) diese Studienergebnisse: Im Untersuchungszeitraum von 2000-2018  wurden demnach insgesamt 115.586 zusätzliche Krebstodesfälle in Wohnnähe zu Atomkraftwerken festgestellt. Das „entspricht etwa zusätzlich 6.080 Todesfälle pro Jahr in den USA“, heißt es in der Zusammenfassung der BASK.

      • umweltFAIRaendern hatte im Frühjahr 2026 über diese Studie informiert und weitere Hintergründe wie z.B. die deutsche Kinderkrebsstudie angesprochen. Mehr dazu: Neue US-Studie: Erhöhte Krebssterblichkeit in der Nähe von Atomkraftwerken. Dort auch die Links zur Harvard-Studie samt einer Presse-Zusammenfassung.
      • Die Mitglieder der BASK werden vom Bundesvorstand des BUND berufen. Nach Beratung der Stellungnahme hat der BUND diese jetzt veröffentlicht. Über die BASK und weitere Stellungnahmen und Kommentare informiert der BUND auf seiner Homepage hier.
      • Alles zum Thema Strahlenschutz auf umweltFAIRaendern.

Die Wissenschaftler*innen der Harvard Studie und auch die BASK des BUND verweisen insbesondere auch auf die im Jahr 2007 im Auftrag des Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) veröffentlichte deutsche Kinderkrebsstudie, die sogenannte KiK-Studie. Dort ist zu lesen: „Das Ergebnis: Es zeigte sich im Nahbereich um deutsche Kernkraftwerke bei Kindern unter 5 Jahren ein signifikant erhöhtes Risiko an Krebs zu erkranken.“

Diese Studie bestätigt also schon die jetzt von Harvard vorgelegten Fakten. Der Betrieb von Atomkraftwerken führt in der Umgebung auch im sogenannten „Normalbetrieb“ zu erhöhten Krebserkrankungen und Todesfällen.

Außerdem, so die BASK in ihrem jetzt veröffentlichten Papier, würden Studien zu Beschäftigten in der kerntechnischen Industrie (INWORKS) und zur medizinischen Anwendung durch CT-Untersuchungen zeigen, „dass auch sehr niedrige Strahlendosen Krebs erzeugen können. Da Atomkraftwerke auch im Normalbetrieb geringe Strahlenbelastungen in der Umgebung erzeugen, liegt die Vermutung nahe, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der Nähe des Wohnorts zu einem Atomkraftwerk und den beobachten Krebserkrankungen besteht.“ (siehe unten)

Die neue Harvard-Studie dürfte den an einer vermeintlichen Atom-Renaissance interessierten Akteuren wenig gefallen. Seit vielen Jahren wird von entsprechenden Interessensvertreter*innen daran gearbeitet, die gesundheitlichen Folgen radioaktiver Strahlung neu zu „interpretieren“. Ziel ist es, eine Art Grenz- oder Schwellwert zu definieren, unterhalb der Radioaktivität keine oder kaum Gesundheitsfolgen hätte. Wissenschaftlich belegbar ist das jedoch nicht, um Gegenteil.

      • Zu den Bemühungen, die gesundheitlichen Folgen von Radioaktivität zu verharmlosen siehe mit Blick auf die Folgen der Atomkatastrophe von Tschernobyl auch diesen Aufsatz der CO-Vorsitzenden der Internationalen Ärzt*innen für die Verhütung eines Atomkriegs – IPPNW:  Vertuscht und verharmlost

Bereits im Februar 2024 hatte z.B. die BASK des BUND gewarnt: „Keine Verharmlosung der Gesundheitsschäden durch Radioaktivität“ und darauf hingewiesen: „Neue Studienergebnisse bestätigen die Gefahren der Niedrigstrahlung“ (Siehe hier die PDF beim BUND und direkt hier.)

Es geht um die sogenannten „LNT-Hypothese“. Über die Bemühungen, die Wirkung radioaktiver (Niedrig)Strahlung zu verharmlosen schreiben die Autor*innen der Atom- und Strahlenkommission Inge Schmitz-Feuerhake, Wolfgang Hoffmann, Oda Becker und Christina Hacker bereits im Februar 2024:….

„Mullers Erkenntnisse führten nach dem Zweiten Weltkrieg zur Einführung der sogenannten Linear-No-Threshold-Hypothese (LNT-Hypothese) durch die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP). Deren Empfehlungen bilden die Grundlage für die aktuelle Strahlenschutzgesetzgebung in Deutschland, Europa und vielen anderen Ländern. Die LNT-Hypothese beschreibt einen linearen Zusammenhang zwischen Strahlendosis und der Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung.

Damit ist gemeint, dass bei Bestrahlung einer großen Personengruppe mit niedriger Dosis die Anzahl verursachter Schäden proportional zur Gesamtdosis ist (Summe aller Einzeldosen). Es bedeutet, dass jeweils bei halber Dosis noch der halbe Effekt zu erwarten ist – aber auch, dass es keine unschädliche Dosis bzw. Dosisschwelle (Threshold) geben kann.

Gegen die LNT-Hypothese wehren sich die Befürworter*innen der Atomenergie seit Langem. So bemüht sich auch das Strahlenkomitee der Vereinten Nationen (United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation, UNSCEAR), auf deren Datenerhebungen sich die ICRP stützt, seit 2016 eine praktische Dosisschwelle von 100 mSv für Effekte durch ionisierende Strahlung zu etablieren. Das Komitee vertritt die Ansicht, dass bei Dosen unterhalb von 100 mSv ein signifikanter Anstieg für die meisten Tumorarten nicht erkennbar sei [1]. Mit Blick auf das genetische Strahlenrisiko gehen UNSCEAR und ICRP noch weiter und vertreten die Annahme, dass es Fehlbildungen nach vorgeburtlicher Exposition (in utero) unterhalb einer Uterusdosis von 100 mSv nicht geben würde [2] und beim Menschen kein Nachweis dafür vorliege, dass Kinder von bestrahlten Eltern einen Schaden davontrügen [3].

Die deutschen Fachinstanzen für den Strahlenschutz der Bevölkerung, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und die deutsche Strahlenschutzkommission (SSK), Beraterin des Bundesumweltministeriums, haben sich jahrelang nicht klar vom Konzept von UNSCEAR und ICRP [4] distanziert, trotz einer Fülle von Studien nach Umweltkontaminationen, aus dem Berufsmilieu und nach Röntgendiagnostik der letzten zwei Jahrzehnte [5,6]. In einer 2023 veröffentlichten Stellungnahme „Vorschläge der SSK zur Weiterentwicklung von ICRP 103“ ist jetzt ein Umdenken zu erkennen [7]. (Alles Quellen sind in der verlinkten PDF zu finden!)

Dokumentation der Stellungnahme der BASK des BUND hier im Wortlaut direkt und hier als PDF beim BUND (und hier direkt):

Mehr Krebsfälle in der Nähe von Atomkraftwerken in den USA
Kommentar zur Harvard-Studie (Februar 2026)

Kommentar der Atom- und Strahlenkommission des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zur Forschungsarbeit der Harvard T.H. Chan School of Public Health, die im Februar 2026 in Nature Communications publiziert wurde.

Die Studienautor*innen haben in der Umgebung aller Atomkraftwerke in den USA im Zeitraum 2000 – 2018 eine signifikant erhöhte Krebssterblichkeit in der erwachsenen Bevölkerung festgestellt. Vorausgegangen war eine Untersuchung über die Krebsinzidenz im Bundesland Massachusetts anhand des Landeskrebsregisters im gleichen Zeitraum (i). In Massachusetts wurden im Nahbereich um sieben Atomkraftwerke in den 19 Jahren des Untersuchungszeitraums
durchschnittlich pro Jahr etwa 1.000 zusätzliche Krebserkrankungen beobachtet. Rechnerisch betrugen die Anteile an allen Krebserkrankungen in Massachusetts bedingt durch die Wohnnähe zu Atomkraftwerken bei Frauen 4,1 % (10.815 Fälle) und bei Männern 3,5 % (9.803 Fälle).

In der neuen Arbeit wurde die Krebssterblichkeit im Nahbereich um alle US-amerikanischen Atomkraftwerke und die an der US-Grenze gelegenen kanadischen Atomkraftwerke berechnet. Wieder zeigte sich ein Anstieg des Risikos, je näher die Bevölkerung an einem Atomkraftwerk angesiedelt war, insbesondere im 10 km Umkreis. Rechnerisch entfielen auf den untersuchten Umkreis um die Atomkraftwerke in den verschiedenen Altersgruppen zwischen 0,4 % bei Männern im Alter von 35-45 Jahren und 2,1 % bei Frauen im Alter von 55-64 Jahren aller Krebstodesfälle. Über beide Geschlechter und alle Altersgruppen hinweg ermittelten die Autor*innen im Untersuchungszeitraum (2000-2018) insgesamt 115.586 (56.964–173.326) zusätzliche Krebstodesfälle in Wohnnähe zu Atomkraftwerken, das entspricht etwa zusätzlich 6.080 Todesfällen pro Jahr in den USA.

Die Autor*innen weisen darauf hin, dass ihre Ergebnisse nur eine Korrelation zeigen und keine Kausalität belegen können. Ein erhöhtes Krebsrisiko um Atomkraftwerke bestätigen aber viele Untersuchungen auch in anderen Ländern. Die Autor*innen weisen unter anderem auf die KiKK-
Studie („Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken“) aus Deutschland hin, in der erhöhte Leukämieraten bei Kleinkindern in der Nähe der deutschen Atomkraftwerke festgestellt wurden(ii).

In Studien zu Beschäftigten in der kerntechnischen Industrie (INWORKS)(iii) und zur medizinischen Anwendung durch CT-Untersuchungeniv wurde gezeigt, dass auch sehr niedrige Strahlendosen Krebs erzeugen können. Da Atomkraftwerke auch im Normalbetrieb geringe Strahlenbelastungen
in der Umgebung erzeugen, liegt die Vermutung nahe, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der Nähe des Wohnorts zu einem Atomkraftwerk und den beobachten Krebserkrankungen besteht.

  • (i) Alwadi, Y., Evans, J.S., Schwartz, J. et al. Residential proximity to nuclear power plants and cancer incidence in Massachusetts, USA (2000–2018). Environ Health 24, 92 (2025). https://doi.org/10.1186/s12940-025-01248-6
  • (ii) Spix C, Schmiedel S, Kaatsch P, Schulze-Rath R, Blettner M: Case-control study on childhood cancer in the vicinity of nuclear power plants in Germany 1980-2003. European Journal of Cancer 44 (2008)
    275-284
  • (iii) Richardson DB, Leuraud K, Laurier D, Gillies M, Haylock R, Kelly-Reif K, Bertke S, Daniels RD, Thierry-Chef I, Moissonnier M, Kesminiene A, Schubauer-Berigan MK. Cancer mortality after low dose exposure to ionising radiation in workers in France, the United Kingdom, and the United States (INWORKS): cohort study. BMJ. 2023 Aug 16;382:e074520. doi: 10.1136/bmj-2022-074520. PMID: 37586731; PMCID: PMC10427997.
  • (iv) Hauptmann M, Daniels RD, Cardis E, Cullings HM, Kendall G, Laurier D, Linet MS, Little MP, Lubin JH, Preston DL, Richardson DB, Stram DO, Thierry-Chef I, Schubauer-Berigan MK, Gilbert ES, Berrington de Gonzalez A. Epidemiological Studies of Low-Dose Ionizing Radiation and Cancer:
    Summary Bias Assessment and Meta-Analysis. J Natl Cancer Inst Monogr. 2020 Jul 1;2020(56):188-200. doi: 10.1093/jncimonographs/lgaa010. Erratum in: J Natl Cancer Inst Monogr. 2023 May 4;2023(61):e1. doi: 10.1093/jncimonographs/lgac027. PMID: 32657347; PMCID: PMC8454205. **

Die wissenschaftliche Er- und Ausarbeitung des Kommentars erfolgte durch die Atom- und Strahlenschutzkommission (BASK) des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Dieses Gremium setzt sich aus vom Bundesvorstand berufenen Wissenschaftler*innen zusammen, die den BUND fachlich beraten.

Kontakt: Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V.,  Stand: Juni 2026

 

 

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