Restrisiko – Broschüren über die Gefahren der Plutoniumfabriken in Frankreich und England

Immer wieder versuchte die deutsche Politik seit den 1950er Jahren zusätzlich zur nuklearen Uran-Linie bei der Nutzung der Atomenergie auch den Plutonium-Pfad zu realisieren. Als Forschungsanlage und damit sozusagen im Kleinen wurde dieser Pfad vor allem in Karlsruhe realisiert. Für die industrielle Linie sollten in Hanau, in Kalkar, in Gorleben und schließlich in Wackersdorf Plutonium-Fabriken entstehen. Die beiden Atomwaffenstaaten Frankreich und Großbritannien hatten mit Wiederaufbereitungsanlagen in La Hague und Sellafield solche Plutonium-Anlagen realisiert, in denen unter anderem aus abgebrannten Brennelementen von Atomkraftwerken Plutonium chemisch separiert wurde. Greenpeace hatte über die enormen Risiken dieser Anlagen eine Broschüren-Reihe „Restrisiko“ aufgelegt, die Ende der 1980 Jahre in mehren Folgen erschien. umweltFAIRaendern dokumentiert hier als Fortsetzung die Ausgaben 6 und 7, die 1990/91 veröffentlich wurden. Jahrzehntelang schickten deutsche Atomkraftwerke ihren Atommüll dort hin, – seit Jahren laufen nun die Rücktransporte des gefährlichen Atommülls. Demnächst gehen Castor-Atomtransporte zu den AKWs Brokdorf, Biblis, Philippsburg und Isar/Landshut. Früher nach Gorleben und demnächst auch erneut in das Zwischenlager Ahaus.

Zu den anstehenden Rücktransporten von Atommüll aus La Hague und Sellafield siehe:

AKW Brokdorf – Beiträge aus der Geschichte des Widerstands

Ab 1976 eskalierten die Auseinandersetzungen um den Bau des Atomkraftwerks Brokdorf in der Wilster Marsch. Während das nicht einmal 20 Kilometer entfernt in Dithmarschen gelegene AKW Brunsbüttel noch weitgehend ohne Proteste gebaut und 1976/77 in Betrieb ging, sollte Brokdorf zu einem der wichtigsten Widerstandsorte für die entstehende Anti-Atom-Bewegung werden. Demonstrationen und Klagen sorgten dafür, dass die Bauarbeiten von 1976 bis Ende 1980 vorübergehend gestoppt wurden. Die ungeklärte Entsorgung des Atommülls hatten die Richter als ein Problem angesehen und damit Gorleben auf die Tagesordnung gesetzt. Der Widerstand gegen das AKW Brokdorf war von vielfältigen Initiativen und Organisationen mit sehr unterschiedlichen politischen Positionen charakterisiert. Viele Gruppen hatten sich zu den Bürgerinitiativen Umweltschutz Unterelbe (BUU) zusammen geschlossen. Auch Organisationen wie der Kommunistische Bund, die KPD oder der Kommunistische Bund Westdeutschland waren als sogenannten K-Gruppen im Anti-Atom-Widerstand dabei, oftmals auch mit ihren Mitgliedern in den BUU-Gruppen engagiert. Vor allem von diesen Gruppen gibt es Broschüren und Dokumentationen aus der Zeit. Frei nach dem Motto „Gibt es ja alles im Internet“ dokumentiert umweltFAIRaendern.de hier einige Broschüren aus den frühen Zeiten des Widerstands gegen das AKW Brokdorf. Die PDF-Dateien sind automatisch mit einer OCR-Texterkennung bearbeitet worden.

Zuvor erschienen zur Geschichte der Kämpfe um das AKW Brokdorf und anderer Atomstandorte auf umweltFAIRaendern.de:

Das sogenannte „MAO-Projekt“ (Materialien zur Analyse von Opposition) widmet sich der Dokumentation zahlreicher Dokumente aus den K- und autonomen Gruppen vor allem aus den 70er Jahren. Zur Anti-Atom-Bewegung und den Kampf um Brokdorf sind hier viele Dokumente veröffentlicht.

Die zweite industrielle Revolution – Atomenergie gegen den „Raubbau in den Kohlegruben“ – SPD zur Atomenergie 1956

Das Schmunzeln kann man sich nicht verkneifen, wenn ausgerechnet Franz Josef Strauß (CSU), Deutschlands erster Atomminister, sich in seinen 1989 veröffentlichten „Erinnerungen“ über die SPD und ihr Atomprogramm lustig macht. Er, der Machtpolitiker, widmet sich ausführlich einem SPD-Antrag voller prosaischer Schwärmereien und Heilsversprechungen. 386 Delegierte waren vom 10.-14. Juni 1956 in München auf dem Parteitag anwesend. Unweit entsteht das auch mit der Hilfe von Strauß initiierte „Atom-Ei“ in Garching. Die SPD debattiert den Einstieg in die Atomenergie mit dem Antrag „Die zweite industrielle Revolution“ von Carlo Schmid und Leo Brandt. Die Atomenergie, so heißt es, müsse zum „Wohle der Menschheit“ dafür sorgen, dass der „Raubbau in den Kohlegruben“ künftig vermieden werden könne. Historisch ist bislang soviel klar: Diese Seite des damaligen SPD-Programms hat irgendwie nicht funktioniert.

UmweltFAIRaendern widmet sich in unterschiedlichen Beiträgen immer wieder auch einer Spurensuche zur Geschichte der Entwicklung der Atomenergie. Es lohnt sich in jedem Fall, die Erinnerungen von Strauß zur Kenntnis zu nehmen, denn unter anderem machen die Passagen zum SPD-Programm auch klar, wie breit damals zumindest unter den Eliten bzw. den Parteien der Konsens über Einstieg in die Atomenergie war. Während Adenauer (CDU) und Strauß (CSU) für die wohl größte deutsche Atomforschungsanlage in Karlsruhe verantwortlich zeichnen, deren Stilllegung noch heute Milliardenbeträge verschlingt, sorgte die SPD in NRW maßgeblich z.B. für die Atomforschungsanlage in Jülich. Auch hier werden noch Milliardenbeträge benötigt, um die Atommüllberge soweit wie irgendmöglich sicher dauerhaft zu verwahren.

Strauß schreibt in seinen Erinnerungen (Second Hand, DLF): „Auf ihrem Münchner Parteitag von 1956, der die zweite industrielle Revolution zum Thema hatte, verabschiedete die SPD einen »Atomplan« (ab S. 228), der folgende Ziele nannte:

  • »die Erzeugung von Elektrizität aus Kernenergie hat in solchem Umfang zu erfolgen, daß die deutsche Wirtschaft nicht mehr auf die Einfuhr überteuerter Kohle angewiesen ist, der Raubbau in Kohlengruben vermieden und die schädigende Veränderung von Landschaft und Wasserversorgung beim Abbau von Braunkohle eingeschränkt werden;
  • der Aufbau und der Betrieb von Atomkraftwerken wird durch die öffentliche Hand durchgeführt, ihr Zusammenwirken mit den übrigen Elektrizitätserzeugungsunternehmen erfolgt nach langfristig festzusetzenden Plänen; die Entwicklung von Kernkraftmaschinen an Stelle der Dieselmotoren und anderer Verbrennungskraftmaschinen für feste und fahrbare Kraftstationen, für Schiffe, Flugzeuge und andere Verkehrsmittel muß den Platz Deutschlands in der Reihe der Industrievölker sichern;
  • die Verwendung der radioaktiven Isotope in Medizin, Biologie, Landwirtschaft und Industrie muß so gefördert werden, daß die großen Möglichkeiten für die Gesundheitspflege, die Züchtung neuer Pflanzenarten und die Anwendung für die technischen Produktionsprozesse auch für Deutschland voll erschlossen werden;
  • die Forschung im Bereich der Atomwissenschaft muß mit allen Kräften gefördert werden, dies darf aber nicht andere Gebiete der Wissenschaft benachteiligen;
  • die Ausbildung von Arbeitskräften aller Art, von Arbeitern und Angestellten in den neuen Energieanlagen und in allen Wirtschaftszweigen, die sich mit Kernstoffen befassen, bis zum Forscher und akademischen Lehrer muß energisch gefördert werden;
  • sowohl die mit Kernstoffen Arbeitenden als auch die gesamte Bevölkerung müssen mit allen Mitteln und mit aller Sorgfalt gegen die Strahlenwirkungen geschützt werden.«

Diese Forderungen aus dem Antrag sind auch – siehe weiter unten – bei der Friedrich-Ebert-Stiftung nachzulesen.

Strauß aus der Perspektive Ende der 80er Jahre, nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl und in einer Zeit, als in Wackersdorf die Bauarbeiten an der Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) bzw. Plutonium-Separations-Fabrik noch im Gang waren und in der SPD allmählich ein langsamer Wandel von der Atomausbau- zu einer atomkritischen Partei sich entwickelt:

„Es lohnt auch nach mehr als drei Jahrzehnten, die SPD-Beschlüsse von damals im Wortlaut nachzulesen. Selten hat man eine kritiklosere Verherrlichung der Kernkraft gefunden. Die SPD stellte fest: »Die kontrollierte Kernspaltung und die auf diesem Wege zu gewinnende Kernenergie leiten den Beginn eines neuen Zeitalters für die Menschheit ein.«

Deshalb fordere man »in großzügiger, abgewogener Planung, nicht zögernd, hin- und hergerissen von vielerlei auseinanderstrebenden Privatinteressen«, den »Anschluß an die vorausgeeilte Welt«. Deutschland habe schon fast zwei Jahrzehnte der Entwicklung auf dem Gebiet der Atomtechnik versäumt und müsse nun »so schnell wie möglich« nachholen.“

Wie kein zweiter hat Strauß nie einen Zweifel daran gelassen, dass die Atomenergie eine Art von Staatsräson für ihn darstellte. Doch anders als die „Verherrlichung“ der SPD, war Strauß vor allem auf die machtpolitische Bedeutung der Atomenergie fokussiert. Daran lässt er in seinen Erinnerungen keinen Zweifel. Über die Atomenergie will der Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen der Nazis wieder auf Augenhöhe mit den Weltmächten bringen, um insgesamt deutsche Interessenspolitik betreiben zu können.

Insofern amüsiert sich Strauß über die prosaischen oder philosophischen Darstellungen und Zukunftsbilder, die die SPD in ihrem Atomprogramm von 1956 weiter entwickelt und beschreibt:

„Die SPD fand beeindruckende Worte für den Segen, der von der Kernenergie ausgehe: »Die unerschöpflichen Energiequellen des neuen Zeitalters können entscheidend dazu beitragen, den Abstand zwischen den unterentwickelten und den entwickelten Industriestaaten zu verringern. Die Atomenergie kann zu einem Segen für Hunderte von Millionen Menschen werden, die noch im Schatten leben. Deutschland muß an der Hilfe für diese Völker mitwirken, aber auch die Lebensmöglichkeiten des eigenen Volkes verbessern . . . Die Hebung des Wohlstandes, die von der neuen Energiequelle als einem der Hauptfaktoren der zweiten industriellen Revolution ausgehen kann, muß allen Menschen zugute kommen. In solchem Sinne entwickelt und verwendet, kann die Atomenergie entscheidend helfen, die Demokratie im Innern und den Frieden zwischen den Völkern zu festigen.« Der Atomplan der SPD schloß mit der Parole »Frieden und Freiheit für alle!«“

Mit derartigen Bildern und Poesien kann Strauß ganz offenbar absolut gar nichts anfangen und kann auch nicht aufhören, die Schwärmereien der verantwortlichen SPD-Politiker weiter aufzulisten. Und in der Tat: Es ist einfach unglaublich, welche umfassende Heilswirkung der (vermeintlich friedlichen) Atomenergie – wenige Jahre nach den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki – die SPD erdichtet.

Strauß weiter: „Einer der Diskussionsredner des SPD-Parteitages war Staatssekretär Leo Brandt aus Düsseldorf, einer der bedeutendsten Förderer moderner Wissenschaft und Technik, ein Mann mit großen Verdiensten. Er stellte die Frage: »Werden wir in dem Land Albert Einsteins und Otto Hahns künftig auf dem Gebiet der Atomwissenschaft und -technik überhaupt noch mithalten können?  Deutschland bemüht sich jetzt um Anfänge auf dem Atomgebiet, nachdem Jahre unnütz versäumt worden sind.«

Carlo Schmid, einer der großen Redner im Deutschen Bundestag, dessen poetische Begabung uns immer wieder faszinierte, sagte in seiner sich daran anschließenden Rede: »Bisher gab es Muße nur für die oberen gesellschaftlichen Schichten. Künftig aber könnte es Muße für alle geben. Dann wäre das Wort des Aristoteles gegenstandslos geworden, das besagt, die höheren Schichten kämpften, regierten und philosophierten, das Volk aber habe sich auf die Arbeit zu beschränken.« Beschwörend hieß es am Schluß: »Genossinnen und Genossen, es ist Ihnen der Entwurf eines Atomplans vorgelegt worden. Seine Absätze gehen auch dort, wo sie ganz technisch zu sein scheinen, alle darauf aus, den Menschen zu retten. Wir können nicht auf die Idee des Menschen verzichten, die im Begriff der Freiheit, des Schönen und des Guten wurzelt; und wir können nicht darauf verzichten, alles zu tun, was die Wirklichkeit des menschlichen Lebens wieder mit der Idee des Menschen zur Deckung zu bringen vermöchte – denn wenn wir darauf verzichten, wären wir keine Sozialisten mehr.«“

Auszüge aus dem Atomprogramm der SPD von 1956 sind auch auch hier bei der Friedrich-Ebert-Stiftung nachzulesen und werden hier unten ebenfalls dokumentiert:

Stichtag: 10./14. Juli 1956

Die zweite industrielle Revolution (C. Schmid und LBrandt).

Die Menschheit steht an der Schwelle zur zweiten industriellen Revolution. Drei Elemente kennzeichnen sie: Die Atomenergie, die Automation und elektronische Maschinen.

Die Entfesselung der neuen Kräfte kann zur Vernichtung allen Lebens auf dieser Erde, ihre Bändigung zu nie geahntem Wohlstand für alle Menschen führen. Zum ersten Male können Armut und Hunger auf der ganzen Erde gebannt werden.

Der Parteitag verabschiedet einen Atomplan:

  • Die kontrollierte Kernspaltung und die auf diesem Wege zu gewinnende Kernenergie leiten den Beginn eines neuen Zeitalters für die Menschheit ein.
  • Die Erzeugung von Elektrizität aus Kernenergie hat in solchem Umfang zu erfolgen, daß die deutsche Wirtschaft nicht mehr auf die Einfuhr überteuerter Kohle angewiesen ist, der Raubbau in Kohlengruben vermieden und die schädigende Veränderung von Landschaft und Wasserversorgung beim Abbau von Braunkohle eingeschränkt wird;
  • der Aufbau und der Betrieb von Atomkraftwerken wird durch die öffentliche Hand durchgeführt, ihr Zusammenwirken mit den übrigen Elektrizitätserzeugungsunternehmen erfolgt nach langfristig festzusetzenden Plänen;
  • die Entwicklung von Kernkraftmaschinen an Stelle der Dieselmotoren und anderer Verbrennungskraftmaschinen für feste und fahrbare Kraftstationen, für Schiffe, Flugzeuge und andere Verkehrsmittel muß den Platz Deutschlands in der Reihe der Industrievölker sichern;
  • die Verwendung der radioaktiven Isotope in Medizin, Biologie, Landwirtschaft und Industrie muß so gefördert werden, daß die großen Möglichkeiten für die Gesundheitspflege, die Züchtung neuer Pflanzenarten und die Anwendung für die technischen Produktionsprozesse auch für Deutschland voll erschlossen werden;
  • die Forschung im Bereich der Atomwissenschaft und die Ausbildung von Arbeitskräften aller Art, müssen mit allen Kräften gefördert werden, sowohl die mit Kernstoffen Arbeitenden als auch die gesamte Bevölkerung müssen mit allen Mitteln und mit aller Sorgfalt gegen die Strahlenwirkungen geschützt werden.
  • Die deutsche Öffentlichkeit, das Parlament und die Regierung benötigen zur Beurteilung der Gesamtsituation und aller Veränderungen eine kontinuierlich arbeitende, unabhängig gutachterliche Beratung.

Die SPD fordert deshalb die Errichtung einer deutschen Atomkommission. Kernbrennstoffe können insbesondere durch Unglücksfälle oder Missbrauch große und fortwirkende Schäden an Leib, Leben und Gütern hervorbringen. Deshalb muß die Allgemeinheit über den Staat und seine Organe schärfste Kontrolle und sorgfältigste Aufsicht auf allen Gebieten der Erzeugung und Verwendung von Kernbrennstoffen ausüben.

Um dieses zu sichern, ist ein »Deutsches Organ für Kernbrennstoffe und die Überwachung ihrer Verwendung« durch Gesetz als Bundeseinrichtung zu schaffen.

Die Atomenergie kann zu einem Segen für Hunderte von Millionen Menschen werden, die noch im Schatten leben. Deutschland muß in der Hilfe für diese Völker mitwirken, aber auch die Lebensmöglichkeiten des eigenen Volkes verbessern.

Der Parteivorstand wird beauftragt, beschleunigt eine Arbeitsgemeinschaft für Forschung und Technik ins Leben zu rufen.

Die Atombombe als Option der frühen Bundesrepublik

Bis heute gibt es massive Widerstände, wenn die bundesdeutsche Atomenergiepolitik mit der Entwicklung bzw. mit Interessen an einer militärischen Option in Verbindung gebracht wird. Angesichts einiger Nobelpreisträger wie Otto Hahn und Werner Heisenberg wird sogar der Atomenergieforschung in Nazideutschland zwar nicht unbedingt das militärische Motiv abgesprochen, aber vielen der damaligen Akteure ein vermeintliches Bemühen, die Atomenergie ohne die Möglichkeit der Bombe zu entwickeln. 1957 widersprachen Wissenschaftler, darunter auch einige, die in Nazi-Deutschland mit der Atomforschung begonnen hatten, einer politischen Entwicklung unter der Regierung Adenauer und eines Ministers Strauß einer offenen militärischen Atomwaffenentwicklung in Deutschland. Eine nuklear bewaffnete Bundeswehr sollte es nicht geben. Einer friedlichen Atomenergie – mit einer massenhaften Verwendung von waffenfähigem Plutonium – stellten sie sich allerdings nicht in den Weg. Tilmann Hanel hat im Jahr 2015 sein Buch „Die Bombe als Option“ veröffentlicht, in der er seine Forschungsergebnisse über „Motive für den Aufbau einer atomtechnischen Infrastruktur in der Bundesrepublik bis 1963“ vorstellt.

Zahlreiche neue und vertiefende Quellen sind in dieser Studie enthalten und geben interessante Einblicke in die Entwicklung der frühen bundesdeutschen Nukleartechnologie. Umfangreich beschäftigt sich der Autor mit dem Umstand, dass von Anfang an ein intensives Interesse bei Wissenschaftlern, Wirtschaft und Politik vor allem für technische Entwicklungen im Vordergrund standen, bei denen ein Maximum (waffenfähiges) Plutonium erzeugt werden konnte.

Den Forschungen aus Nazi-Deutschland folgend stand zunächst vor allem die Reaktorentwicklung mit Natururan und Schwerem Wasser im Zentrum. Beachtet werden muss aber, dass Plutonium nicht nur für die militärische Nutzung als Waffe von Interesse war. Mit der Entdeckung der Kernspaltung war schnell auch eine Vision entstanden, in der Plutonium in sogenannten Brutreaktoren dauerhaft das Energieproblem der Zukunft lösen könnte. Allerdings war man in den 50er und frühen 60er Jahren  – und darauf verweist Hanel in seinem Buch wiederholt – weit davon entfernt, Plutonium als Reaktorbrennstoff einzusetzen.

Dass es also schon früh in der Bundesrepublik bei der Entwicklung der nuklearen Infrastruktur um militärische Motive ging, ist für Hanel klar und zeigt dies anhand zahlreicher Quellen auf. Er greift damit auch Thesen von z.B. Roland Kollert auf, der die Entwicklung der zivilen Atomenergie als untrennbar mit der militärischen ansieht und dies an Ländern wie Schweden, der Schweiz und anderen aufzeigt. (Siehe auch: Latente Proliferation – Wie „friedlich“ ist die Atomenergie?) Kollert hatte im Jahr 2000 mit seinen Thesen bei der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) für eine heftige Kontroverse gesorgt. Insbesondere die Kerntechnische Gesellschaft widersprach Kollert seinerzeit. (Militärische Motive der Atomenergienutzung in der frühen Bundesrepublik)

Klar allerdings auch: Angesichts der Verbrechen Nazi-Deutschlands und der Verantwortung für zwei Weltkriege war es international nicht sonderlich opportun, eine deutsche nukleare Bewaffnung offen anzustreben. Daran konnte auch der Kalte Krieg und die Einbindung Westdeutschlands in die Konfrontation mit der Sowjetunion nichts ändern. Doch die seinerzeit (ca. 1957) im geheimen stattfindenden Planungen eines Franz Josef Strauß z.B mit Frankreich und Italien bezüglich Raketenträgersystemen und einer Urananreicherungsanlage in Pierrelatte machen klar, dass es handfeste auch militärische Ambitionen gab. Und nicht vergessen werden darf, dass Deutschland sich auf internationalen Druck verpflichtet hatte, lediglich auf deutschem Boden keine Atomwaffen herzustellen. All diese Punkte greift Hanel natürlich auf.

Entscheidend für ein tieferes Verständnis der Kommunikation und Planungen Westdeutschlands an der Grenze zur Atomwaffe war, dass angesichts der Nazi-Verbrechen der ehemalige Kriegsgegner Deutschland mit größter diplomatischer Geduld zu agieren hatte, um eine einhellige Front zwischen den Siegermächten und den Alliierten zu verhindern. Eine deutsche Atombombe war damals für alle Seiten trotz Kaltem Krieg von der Sowjetunion über Frankreich und Großbritannien bis hin zu den USA undenkbar.

Schon vor dieser Kulisse war klar, dass alle atomtechnischen Diskussionen und Planungen angesichts ihrer immer vorhandenen Nähe zur Atomwaffe in der Bundesrepublik unter einer extrem diplomatischen Sprache versteckt werden mussten. Das Wissen darum, dass die nukleare Technik zwischen ziviler und militärischer Nutzung so gut wie nicht zu trennen war, ermöglichte Sachkundigen die militärische Option auch dann einzubeziehen oder zu thematisieren, wenn nur über vermeintlich zivile Dinge gesprochen wurde. Es ist – ohne das hier zu vertiefen – schon sehr auffällig, wie sehr die Beteiligten immer wieder Anlagen-Bezeichnungen oder Begrifflichkeiten entwickelten, die vom Dual-Use-Charakter ablenkten und den Atomwaffen-Aspekt ausblendeten oder verharmlosten.

  • Mit diesen Sprachcodes hat sich dankenswerter Roland Kollert ausführlich befasst, siehe dazu auch hier: Spurensuche: Militärische Motive der deutschen Atomenergie-Politik und die Atomforscher Kurt Diebner und Erich Bagge. Wichtig ist hier sicher aber auch, worauf Wilfried von Bredow in der FAZ zu sprechen kommt. Es bleibt ein Problem, ob es sich tatsächlich um Codes handelt oder Wissenslücken mit Vermutungen ersetzt werden und zu falschen Schlussfolgerungen führen. Das mag im Konkreten für die eine oder andere Person zu Fehldeutungen führen. Dass aber militärische Ambitionen in Sachen nuklearer Waffen für die deutsche Politik beim Aufbau des Atomprogramms nicht zentrale Bedeutung hatten, dürfte ernsthaft nicht bezweifelt werden.

Hanel zeigt auf, dass die ersten Atomprogramme in Westdeutschland vor allem Reaktoren mit Natururan und Schwerem Wasser favorisieren und hier vor allem die Plutonium-Erzeugung in Menge und Reinheit im Vordergrund steht. Bis in die Mitte der 1960er Jahre hinein werden in den entstehenden Atomforschungseinrichtungen – vor allem in Karlsruhe – alle Technologien geplant bzw. installiert, die für die Erzeugung von waffenfähigem Plutonium und dessen Be- oder Verarbeitung erforderlich sind. Was am Ende nicht gelingt: Deutschland ist in der Lage mit Blick auf für Atomwaffen erforderliche Mengen Plutonium zu erzeugen und zu verarbeiten. Der Aufbau einer Plutoniumwirtschaft gelingt aber nicht.

Was der Politik in der Bundesrepublik auch nicht gelingt: Sie kann für die Technik einer vor allem auf Plutonium-Erzeugung ausgerichteten Entwicklung die Energiekonzerne nicht gewinnen. Während Chemiekonzerne und Anlagenbauer sich am Einstieg in die Atomenergie beteiligen, bleiben die Stromerzeuger mit ihren kostengünstigen Kohlekraftwerken weitgehend außen vor. In Kahl und Niederaichbach entstehen erste Versuchsanlagen – aber keine Schwerwasser-Anlagen! Erst als Druckwasserreaktoren auf Basis leicht angereicherten Urans mit entsprechender Förderung der USA und weiteren staatlichen Hilfsleistungen (Haftung, Entsorgung, Finanzierung) ab Mitte der 60er Jahre die Entwicklung stärker dominieren, steigen die Energieunternehmen in die nukleare Stromerzeugung ein.

Ein Verständnis über den staatlichen Umgang mit der militärischen Seite der Atomenergie ist spätestens mit der Entwicklung des „Atoms for Peace“ Programms der USA und dann dem Atomwaffensperrvertrag klar geregelt. Kaum ein Staat würde heute offen eine Atombewaffnung anstreben, sondern diese immer hinter zivilen Interessen einer Stromerzeugung verstecken.

Bedeutsam für das Verständnis bei der Entwicklung der Atomenergie und dem Umgang in der Bundesrepublik dürfte sein, was Hanel mit dem Hinweis auf Äußerungen von Heinz Krekeler, von 1958 bis Februar 1964 erster deutscher Vertreter in der Euratom-Kommission, beschreibt:

„Zu dieser Interpretation passt auch die Reaktion Krekelers auf ein Zitat des französischen Premierministers Debre, wonach Nationen ohne eigene Kernwaffen nurmehr eine Satellitenrolle in der internationalen Politik zukomme. „Ich halte diese Auffassung f[ür] töricht“, so Krekeler an Adenauer (und in fast gleichem Wortlaut zuvor schon an Außenamts-Staatssekretär Carstens 282), weil die militärische Verwertung der Kernenergie schließlich nur eine Anwendung dieser Technik [ist], welche von jedem Land mit einer entwickelten Atomwirtschaft ohne weiteres verwirklicht werden kann. Ich glaube allerdings, dass es für das Kräftegleichgewicht wesentlich ist, ob ein Land auf die militärische Verwertung der Kernenergie verzichten muss, weil es dazu technisch nicht in der Lage ist, oder ob seine Regierung freiwillig davon Abstand nimmt. Wenn die Bundesrepublik mit Rücksicht auf das Bündnis mit den Vereinigten Staaten von der Herstellung eigener Kernwaffen Abstand nimmt, dann kann dies ihrem Rang keinen Abbruch tun, wenn es sich um einen freiwilligen, durch keine technische Rückständigkeit herbeigeführten Verzicht handelt. „283“

Eine Betrachtung, derer sich mindestens politische Vertreter noch heute sehr bewusst sind. So lehnte jüngst NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) mit Blick auf Forderungen nach einer Schließung der Urananreicherungsanlage der URENCO in Gronau dies ab, weil dadurch der außenpolitische Status Deutschlands – z.B. bei den Verhandlungen mit dem Iran – gefährdet wäre. Eine Stilllegung der Urananreicherung in Gronau wäre aus seiner Sicht fatal für die außenpolitischen Interessen Deutschlands, die mit dieser Anlage untermauert und gestärkt werden: „Das (die Stilllegung, UmweltfAIRaendern) würde bedeuten, dass Deutschland auch nicht mehr Mitglied der Internationalen Atomenergiebehörde und dann auch nicht an Gesprächen mit dem Iran beteiligt wäre.“ Aus: http://www.wz.de/home/panorama/viel-kritik-an-laschets-belgienreise-1.2632298. (sachlich ist das falsch was Laschet hier sagt, aber es ist klar was er meint!)

Es ist zutreffend, dass in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in der frühen Bundesrepublik die Frage einer Reaktorentwicklung mit möglichst großer Plutoniummenge im Mittelpunkt steht. Der zweite Weg zu einer Atombombe über die Urananreicherung war in dieser Phase zumindest nicht im Fokus. Hanel verweist auf S. 172 – gestützt auf Radkau, dass diese Urananreicherung im militärischen Sinn nur untergeordnete Bedeutung bzw. Aufmerksamkeit hatte. Dabei wird ausgerechnet auf Heisenberg Bezug genommen. Ob das aber zutrifft, was Hanel hier als Bewertung vorlegt, könnte man durchaus in Frage stellen.

Hanel schreibt in seinem Buch: „Zum Ende des Abschnitts soll nun ein weiteres und theoretisch besonders heikles Gebiet der bundesdeutschen Atomforschung umrissen werden, obgleich es letztlich in Bezug auf Bestrebungen zu einer unabhängigen Atomrüstung der Bundeswehr keine entscheidende Rolle spielte. Trotz der Förderung speziell des Natururan-Schwerwasserreaktors wurde in der Bundesrepublik in Karlsruhe und Jülich wie auch von Konzernen der Versuch unternommen, Uran mit Hilfe verschiedener Verfahren zur Isotopentrennung anzureichern, was nicht nur eine unabhängige Versorgung für den Betrieb von Leichtwasserreaktoren versprach, sondern zumindest theoretisch auch einen direkten Weg zu atomwaffenfähigem Material. Neben dem in Karlsruhe erforschten Trenndüsenverfahren war dafür besonders die in Jülich und bei den Firmen AEG und Degussa erprobte Zentrifugentechnik von Relevanz. 245

Tatsächlich erfuhr insbesondere die bundesdeutsche Zentrifugenforschung 1960 gehörige Aufmerksamkeit der nationalen wie internationalen Presse, als das Degussa-Verfahren auf Druck der USA zum Schutz vor einer möglichen Auswertung durch andere Länder von der Bundesregierung unter Geheimschutz gestellt wurde; der Vorgang wurde in der Öffentlichkeit als Hinweis auf eine möglicherweise bevorstehende bundesdeutsche Atomwaffenentwicklung gewertet. 246

Doch schon der „Spiegel“ betitelte seinen entsprechenden Bericht mit der spöttisch anmutenden Überschrift „Das Staatsgeheimnis“ und stellte fest, dass Heisenberg das Verfahren für „ziemlich bedeutungslos“ halte.247 Tatsächlich waren, wie Radkau schon 1983 feststellte, „rüstungspolitische Erwägungen und ’nationale‘ Ambitionen offenbar dort am wenigsten vorhanden, wo sie am meisten vermutet wurden: bei den Arbeiten auf dem Gebiet der Isotopentrennung. [ . . . ] In den damaligen Bonner Atomplanungen, die sich überwiegend auf die Linie der Natururan-Plutonium-Strategie bewegten, kam der Isotopentrennung kein hoher Stellenwert zu. „248 Bei Auswertung weiterer, zwischenzeitlich zugänglich gewordener Akten fand sich keinerlei Hinweis darauf, dass dieses Urteil revisionsbedürftig sein könnte. Angesichts der strikten Tabuisierung aller auf eine militärische Anwendbarkeit hindeutenden Aspekte der Schwerwasserreaktorlinie erscheint die mangelnde machtpolitische Relevanz der Urananreicherung auch insofern plausibel, als dieser direkteste und damit offensichtliche Weg zur Bombe nur schwerlich der Taktik der bundesdeutschen Atomstrategen entsprach. Insofern soll es hier bei der kurzen Erwähnung der Arbeiten bleiben.“

Hanel sollte sich an den von ihm selbst zitierten Krekeler erinnern, nach dem es ausreicht, die Option auf den Bau der Atomwaffe zu besitzen! Genau dies ist die Urananreicherung. (Hanel geht vor allem auf die Entwicklungen beim Kernforschungszentrum Karlsruhe ein und streift Garching, Geesthacht (GKSS) und Jülich immer mal wieder in sehr knapper Weise. Daher kommt er bei diesen Anlagen, die außerhalb seines direkten Focus liegen, zu vielleicht eher summarischen Feststellungen, die vielleicht nicht immer ausreichend kritisch hinterfragen…)

Allen Beteiligten war vollkommen klar, dass eine Urananreicherungsanlage immer auch die Möglichkeit einer Herstellung von waffenfähigem Uran bedeutete. Der Bau und Betrieb einer solchen Anlage musste also in jedem Fall unter ein strenges Kontrollregime gestellt werden. Und die Bundesrepublik ging den Weg einer Partnerschaft mit Großbritannien und den Niederlanden, als einer Dreistaatlichkeit, um den Bau einer deutschen Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau zu realisieren. Mit ihnen und der Euratom wurden der Vertrag von Almelo vereinbart, in dem die Herstellung von waffenfähigem Uran untersagt wurde. Was aber bleibt ist: Deutschland kann Uran-Atomwaffe. Es geht bei der Urananreicherung also ebenso wie in den von Hanel im Plutoniumpfad aufgezeigte Möglichkeit! Warum Hanel dies mit Blick auf die Urananreicherung so kurzatmig abtut, ist irgendwie nicht richtig nachvollziehbar.

Dennoch: Hanel legt mit seinem Buch weitere Quellen und Fakten vor, die die These, die militärische Option der Atomenergie habe bei der frühen bundesdeutschen Politik im Vordergrund gestanden, stützt. Er konzentriert seine Arbeit zwar auf die Zeit bis 1963, wirft aber auch einen Blick auf die Jahre bis zur späten Ratifizierung des Atomwaffensperrvertrages durch die erste Große Koalition. Daher bleibt die – gescheiterte – kommerzielle Umsetzung der Plutoniumwirtschaft mit der Mox-Fertigung in Hanau durch Siemens, dem Bau des Schnellen Brüters in Kalkar und der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf in diesem Forschungsbericht noch außen vor. Auf diese Anlagen bzw. Infrastruktur richtet auch Hanel seinen Forschungsblick. Ob er in einer nächsten Arbeit das vielleicht angeht?

Hanel kommt summarisch zu dem Ergebnis (S. 248): Die Hauptthese der vorliegenden Arbeit, wonach die von der bundesdeutschen Regierungspolitik angestrebte Option auf den Bau von Atomwaffen die treibende Kraft hinter dem Aufbau einer nationalen Kerntechnikinfrastruktur darstellte, hat sich als zutreffend erwiesen. Eine gezielte Ausrichtung der bundesdeutschen Atomentwicklung im militärischen Interesse ist, entgegen dem entsprechenden Forschungsergebnis Radkaus 19 und in Bestätigung von Kollerts Arbeitspapier, 20 zu erkennen.“

Und Hanel beschreibt Kontinuitäten: „Die Entstehungsgeschichte der bundesdeutschen Kerntechnikinfrastruktur steht in der Tradition deutscher Großforschung. In der Gemeinschaftsarbeit der Industrie, 21 dem Verhalten und der Einbindung der Wissenschaftler, der staatlichen Finanzierung von auf militärische Ziele ausgerichteter Forschung, der Autarkieorientierung bei gleichzeitiger Marktferne, 22 der engen Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft und generell der Struktur eines militärisch-industriell-wissenschaftlichen Komplexes 23 sind über die personelle Ebene hinaus Kontinuitäten zu erkennen, welche von der Zeit des Ersten Weltkrieges über Weimarer Republik, NS-Zeit, Zweiten Weltkrieg und die „Stunde Null“ mitten hinein in die Geschichte der Bundesrepublik deuten und die Grundlage für eine Kernkraftnutzung im heute bekannten Maßstab legten.“

Hanel lehnt die Atomenergie wegen ihrer elementaren Risiken grundsätzlich ab. Eine echte Trennung von ziviler und militärischer Nutung gibt es nicht und das zeigt er detaillreich und anhand vieler Quellen auf. Nicht jede seiner Schlussfolgerungen muss man teilen und nicht jede seiner Deutungen muss zutreffend sein. Dass aber bereits die frühe Bundesrepublik, kaum entstanden aus den Verbrechen des Nazi-Regimes, vor allem in der Politik bereits in den 50er Jahren an einer Atomwaffen-Option aktiv arbeitet, dürfte inzwischen ausreichend belegt sein.

Anhand der gewählten Anlagen muss auch den Beteiligten in Wirtschaft und Wissenschaft klar gewesen sein, dass sie immer auch die militärische Seite mit unterstützten, selbst wenn man möglicherweise auch andere, energiewirtschaftliche Perspektiven mit der Entwicklung der Atomenergie in den Vordergrund stellte und wollte. Man musste schon die Augen vor dem verschließen, was da mit einer mindestens Dual-Use-Option an den Start gebracht wurde.

Dokumentation: IM WORTLAUT – Göttinger Erklärung der 18 Atomwissenschaftler

„Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichneten Atomforscher
mit tiefer Sorge. Einige von ihnen haben den zuständigen Bundesministern ihre Bedenken schon
vor mehreren Monaten mitgeteilt. Heute ist die Debatte über diese Frage allgemein geworden. Die
Unterzeichneten fühlten sich daher verpflichtet, öffentlich auf einige Tatsachen hinzuweisen, die
alle Fachleute wissen, die aber der Öffentlichkeit noch nicht hinreichend bekannt zu sein scheinen.

1. Taktische Atomwaffen haben die zerstörende Wirkung normaler Atombomben. Als
„taktisch“ bezeichnet man sie, um auszudrücken, daß sie nicht nur gegen menschliche Siedlungen,
sondern auch gegen Truppen im Erdkampf eingesetzt werden sollen. Jede einzelne taktische
Atombombe oder -granate hat eine ähnliche Wirkung wie die erste Atombombe, die Hiroshima
zerstört hat. Da die taktischen Atomwaffen heute in großer Zahl vorhanden sind, würde ihre
zerstörende Wirkung im ganzen sehr viel größer sein. Als „klein“ bezeichnet man diese Bomben nur
im Vergleich zur Wirkung der inzwischen entwickelten „strategischen“ Bomben, vor allem der
Wasserstoffbomben.

2. Für die Entwicklung der lebensausrottenden Wirkung der strategischen Atomwaffen ist
keine natürliche Grenze bekannt. Heute kann eine taktische Atombombe eine kleinere Stadt
zerstören, eine Wasserstoffbombe aber einen Landstrich von der Größe des Ruhrgebiets zeitweilig
unbewohnbar machen. Durch Verbreitung von Radioaktivität könnte man mit Wasserstoffbomben
die Bevölkerung der Bundesrepublik wahrscheinlich heute schon ausrotten. Wir kennen keine
technische Möglichkeit, große Bevölkerungsmengen vor dieser Gefahr zu schützen.

Wir wissen, wie schwer es ist, aus diesen Tatsachen die politischen Konsequenzen zu
ziehen. Uns als Nichtpolitikern wird man die Berechtigung dazu abstreiten wollen; unsere Tätigkeit,
die der reinen Wissenschaft und ihrer Anwendung gilt und bei der wir viele junge Menschen
unserem Gebiet zuführen, belädt uns aber mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen dieser
Tätigkeit. Deshalb können wir nicht zu allen politischen Fragen schweigen. Wir bekennen uns zur
Freiheit, wie sie heute die westliche Welt gegen den Kommunismus vertritt. Wir leugnen nicht, daß
die gegenseitige Angst vor den Wasserstoffbombe heute einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung
des Friedens in der ganzen Welt und der Freiheit in einem Teil der Welt leistet. Wir halten aber
diese Art, den Frieden und die Freiheit zu sichern, auf die Dauer für unzuverlässig, und wir halten
die Gefahr im Falle des Versagens für tödlich.

Wir fühlen keine Kompetenz, konkrete Vorschläge für die Politik der Großmächte zu
machen. Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, daß es sich heute noch am
besten schützt und den Weltfrieden am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den
Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet. Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichneten bereit, sich
an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu
beteiligen.

Gleichzeitig betonen wir, daß es äußerst wichtig ist, die friedliche Verwendung der
Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwirken.“

Göttingen, 12. April 1957

Prof. Dr. Fritz Bopp; Prof. Dr. Max Born, Nobelpreisträger (Physik); Prof. Dr. Rudolf Fleischmann;
Prof. Dr. Walter Gerlach; Prof. Dr. Otto Hahn, Nobelpreisträger (Chemie); Prof. Dr. Otto Haxel;
Prof. Dr. Werner Heisenberg, Nobelpreisträger (Physik); Prof. Dr. Heinz Meier-Leibnitz; Prof. Dr.
Josef Mattauch; Prof. Dr. Friedrich-Adolf Panech; Prof. Dr. Wolfgang Paul; Prof. Dr. Wolfgang
Riezier; Prof. Dr. Fritz Straßmann; Prof. Dr. Wilhelm Walcher; Prof. Dr. Carl Friedrich v.
Weizsäcker; Prof. Dr. Karl Wirtz.

Liebesgrüße aus Österreich – 40 Jahre kein AKW Zwentendorf

Im November ist es 40 Jahre her, dass die ÖsterreicherInnen für blankes Entsetzen bei der Atomindustrie sorgten. Ab jetzt wird das gefeiert (siehe auch hier). Mehr als 10.000 Menschen waren beim Shutdown-Festival dabei. Nach heftigen politischen Auseinandersetzungen und einer beispiellosen Medienkampagne der Wirtschaft entscheiden die BürgerInnen per Volksentscheid: Das fertig gebaute AKW Zwentendorf vom Typ Siedewasserreaktor (AKW Brunsbüttel) darf nicht ans Netz. Die Atomwirtschaft in Österreich war am Ende. Bis heute hat sich in dem Alpenland eine überaus atomkritische Haltung kultiviert, die dafür sorgt, dass AKW-Projekte in Großbritannien ebenso entschlossen attakiert werden wie die Projekte in den Nachbarstaaten. Die Polit-Band „Die Schmetterlinge“ sangen später auf dem Album Herbstreise – Lieder zur Lage: „Liebesgrüße aus Österreich (Zwentendorf). Global2000 informiert hier über Zwentendorf.

Der Songtext ist hier zu finden.

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