Volksentscheid Energienetze Hamburg: Immer mehr Filz bei der SPD

Filz
Die SPD kennt sich aus.

Immer mehr Filz um den Volksentscheid. Nachdem gestern der Spiegel über stümperhafte Gefälligkeitsgutachten berichtete, meldet heute die Welt: Auch ein ehemaliger SPD-Behörden-Mitarbeiter, zuständig für die Energiepolitik in der Hamburger Wirtschaftsbehörde, sitzt jetzt bei Vattenfall und ist dort – Überraschung – mit den Energienetzen betraut. Darüber berichtet heute die Welt. Direkt vor Beginn der Verhandlungen wurde Hans-Joachim Klier (SPD) zum Berater bei Vattenfall, nachdem er jahrelang für die Stadt Hamburg in Energiefragen zuständig war. Ein Problem? Für die allein regierende SPD in Hamburg natürlich nicht.

Siehe auch: Rekommunalisierung: Die Tricks der großen Stromkonzerne

Netz-Volksentscheid in Hamburg: Verträge zwischen Senat und Konzernen rechtswidrig

logo_rgb_balkenDas Ökostrom-Unternehmen Lichtblick wirft in einer heutigen Pressemeldung dem Senat vor, rechtswidrige Verträge mit Vattenfall und E.on geschlossen zu haben. Hier die PM in voller Länge:

„Der in Hamburg ansässige Energieanbieter LichtBlick kritisiert im Vorfeld des Netz-Volkentscheids am 22. September die Energiepolitik der Stadt Hamburg. „Der Senat ist eine unheilige Allianz mit Vattenfall und Eon eingegangen. Bürgermeister Scholz verfolgt eine Energiepolitik wie in den Monopolzeiten des 20. Jahrhunderts“, kritisiert Gero Lücking, Geschäftsführer Energiewirtschaft bei LichtBlick. „Nur der Volksentscheid kann die wettbewerbsfeindliche Ehe zwischen Stadt und Konzernen wieder lösen.“

Die Kritik von LichtBlick richtet sich gegen die Verträge zwischen der Stadt und den Konzernen Vattenfall und Eon, mit denen der Senat 2012 einen Anteil von 25,1 Prozent an den Strom-, Gas- und Fernwärmenetzen erworben hatte. Die Verträge regeln jedoch nicht nur den Netzrückkauf, sondern sichern den Konzernen auch die Vormachtstellung beim Kraftwerksbau in Hamburg. Geplant sind Großkraftwerke, kleine Blockheizkraftwerke, erneuerbare Energien, Speicher und Projekte zur Elektromobilität.

„Diese Projekte einseitig mit Vattenfall und Eon umzusetzen, verletzt die Spielregeln des Wettbewerbs im liberalisierten Energiemarkt. Die Verträge sind deshalb rechtswidrig“, erläutert Lücking. Kraftwerksbauten müssen ausgeschrieben, die Vergabe im Wettbewerb der besten und kostengünstigsten Energiewende-Lösungen entschieden werden. „Energiepolitik funktioniert heute anders als in den Monopolzeiten von HEW und HeinGas. Das scheint Herr Scholz vergessen zu haben.“

Ein Beispiel sei das zwischen Eon und der Stadt vereinbarte Ziel, die Kapazität der Kraft-Wärme-Kopplung für 25 Millionen Euro bis 2021 von heute 9.000 auf 17.000 Kilowatt auszubauen. „Weder LichtBlick noch andere Wettbewerber wurden überhaupt gefragt. Dabei könnten wir das billiger“, so Lücking.

LichtBlick unterstützt die Initiative „Unser Hamburg – Unser Netz“ und wirbt für ein Ja zum Netzrückkauf. Der Energieanbieter sieht den bundesweiten Trend zur Rekommunalisierung zwar kritisch und fordert, den Flickenteppich von derzeit rund 900 lokalen Netzbetreibern auf maximal 40 leistungsstarke Einheiten zu verringern. Die Hamburger Netze sind jedoch groß genug für eine Übernahme durch die Stadt.

Hamburger Energienetze: Gefälligkeitsgutachten für die Genossen

Filz„Die Hamburger SPD macht Front gegen den Rückkauf der Energienetze, über den die Bürger in der Hansestadt entscheiden sollen. Dabei scheint der rote Filz wieder durch, wie das Gutachten eines norddeutschen Genossen zum Thema Fernwärmenetz zeigt“, so berichtet der Spiegel in einem aktuellen Bericht hier. Mit einer ungewohnten drastischen Art widmet sich der Spiegel einem Fall von Vetternwirtschaft, Filz und Propaganda der alleinregierenden SPD in Hamburg und ihren Genossen. Einfach selber lesen.

Volksentscheid Hamburg: Stromrebell Michael Sladek und ROBIN WOOD – Energiewende braucht Netze

„Die Energiewende in Hamburg wird nur möglich sein, wenn die Stadt gemeinsam mit ihren Bürgern die Energienetze besitzt und betreibt“, davon ist Michael Sladek überzeugt – und er spricht aus jahrzehntelanger Erfahrung. Nach der Katastrophe von Tschernobyl hatte er 1986 gemeinsam mit BürgerInnen aus Schönau (Schwarzwald) beschlossen, das örtliche Stromnetz von einem Atomkraftwerksbetreiber freizukaufen. Neun Jahre und zwei Bürgerentscheide später ging der Plan auf. Seitdem betreiben die bürgereigenen Elektrizitätswerke Schönau (EWS), dessen Mitbegründer Sladek ist, das Ortsnetz ökologisch vorbildlich und wirtschaftlich erfolgreich und bieten längst auch bundesweit Ökostrom an.

Wie die Rückeroberung der Netze für Strom, Gas und Fernwärme auch in Hamburg gelingen kann, darüber werden Michael Sladek und Florian Kubitz, Energietechnik-Ingenieur und ROBIN WOOD-Aktivist, am kommenden Donnerstag in offener Runde beim dritten „Mobilisierungs-Saloon“ zum Volksentscheid diskutieren.

Florian Kubitz wird sich dabei auch mit der Kampagne der Rückkauf-Gegner auseinandersetzen, die gezielt Ängste vor neuen Schulden schüren. „Der Rückkauf der Netze in Hamburg rechnet sich“, hält Kubitz dagegen und fordert: „Wir sollten die Profite aus dem Netzbetrieb nicht den Energiekonzernen Vattenfall und E.ON überlassen.“

Donnerstag, 12. September, „Energiewende braucht Netze“ mit Michael Sladek, Stromrebell EWS Schönau und Florian Kubitz (ROBIN WOOD). Moderation: David Siems (Journalist, u.a. Hamburger Morgenpost), Als Gäste: EnergieNetz Genossenschaft Hamburg! Beginn: 19.30 Uhr, HAMBURGER BOTSCHAFT, Sternstr. 67, Nähe U/S Bahn Sternschanze oder U-Bahn Feldstr., Wegbeschreibung: www.hamburger-botschaft.de/lage.html

Alle Informationen über die Veranstaltungsreihe von ROBIN WOOD sowie Fotos der Gäste finden Sie unter www.robinwood.de/unser-netz-hamburg und www.robinwood.de/tschuess-vattenfall.

Faktencheck Teil 2 – Ohrfeige für die SPD und Volksentscheids-Gegner – „Es geht um eine politische Entscheidung“

logo_rgb_balkenDas letzte Wochenende dürfte bei der SPD-Führung in Sachen Volksentscheid nicht so gut angekommen sein. Während der Spiegel meldet, dass die Stadt beim Abschluss der Verträge über eine Minderheitsbeteiligung von 25,1 Prozent wichtige Prüfunterlagen über den Wert des Stromnetzes und der Fernwärme von Vattenfall nicht erhalten und daher überteuerte Preise gezahlt hat, kommt im Hamburger Abendblatt Jens Meyer-Wellmann nach einem umfangreichen „Faktencheck“ zu dem Ergebnis: „Beide zur Abstimmung stehenden Varianten folgen einer inneren Logik“, haben Risiken, vor allem aber: „Es geht um eine politische Entscheidung, die viel mit der Grundhaltung des Abstimmenden zu tun hat.“

Welche politischen Interessen verfolgt die SPD?

Meyer-Wellmann ist zuzustimmen, wenn er den Konflikt als eine politische Entscheidung darstellt. Umso mehr drängt sich aber dann auch die Frage auf, welche politischen Interessen die SPD mit ihren Bündnispartnern eigentlich verfolgt, wenn sie sich zugunsten der Geschäfte von Vattenfall und E.on in so starkem Maße gegen ein breites Bürgerbündnis aus Umweltorganisationen, Verbraucherzentrale, teilen der Kirche, den Mietervereinen, Verbänden aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien und zahlreichen sozialen Einrichtungen stellt.

Der Artikel von Meyer-Wellmann ist vor allem eine Ohrfeige Richtung SPD und ihrer Verbündeten von CDU, FDP bis hin zu den Kapitalverbänden. Wenn diese der Volksentscheids-Initiative vorwerfen, Märchen zu erzählen und für nichts und wieder nichts die Stadt in den finanziellen Abgrund stürzen zu wollen, erteilt Meyer-Wellmann denen nun im Abendblatt eine klare Zurechtweisung!

An vielen Stellen in seinem aktualisierten Artikel (der vor ca. zwei Wochen bereits in der Welt veröffentlicht war, siehe hier) zeigt Meyer-Wellmann auf, dass die Volksentscheids-Gegner immer wieder mit Falschdarstellungen und bewußten Manipulationen arbeiten. Ausdrücklich weißt er darauf hin, dass der Rückkauf der Energienetze nicht über den Haushalt erfolgen wird. Wie schon der Deal über den 25,1 Prozent-Anteil (oder auch die Beteiligung bei Hapag-Lloyd) würde die Finanzierung über die Hamburger Gesellschaft für Vermögensverwaltung (HGV) erfolgen. Diese Holding kontrolliert sämtliche öffentliche Unternehmensbeteiligungen und würde die Finanzierung über Kredite am normalen Kapitalmarkt betreiben – der Haushalt ist davon nicht betroffen!

Insofern ist die Propaganda, der Volksentscheid gefährde die Finanzierung von Kindergärten oder anderen sozialen Einrichtungen blanker Unsinn oder im Grunde eine Lüge. Etwas vorsichtiger formuliert es Meyer-Wellmann: „Sollte Hamburg das gesamte Netz zurückkaufen, würde dies wohl auch über Kredite laufen, die die HGV aufnimmt. Der Haushalt würde also nicht unmittelbar belastet. Das häufiger vorgebrachte Argument, der Stadt würde beim Kauf der Netze das Geld für andere Investitionen, etwa für Kitas oder Schulen, fehlen, ist deswegen nicht wirklich stichhaltig. Auf den Haushalt durchschlagen kann jede Beteiligung der Stadt jedoch über den Verlustausgleich, den die HGV jährlich bekommt.“

Einen Verlustausgleich muss der Senat aber nur vornehmen, wenn es insgesamt bei den vielen Unternehmen, die von der HGV kontrolliert werden, zu Verlusten kommt. Wenn es Gewinne gibt, werden diese von der HGV dem Haushalt zugeführt und entlasten ihn damit! Derzeit ist vor allem die Bankenkrise und die HSH Nordbank dafür verantwortlich, dass es einen Verlustausgleich durch den Haushalt gibt.

Netzbetrieb bietet hohen Deckungsbeitrag

Auch gegen das Argument, dass die vollständige Rekommunalisierung nur Kosten zur Folge habe, sonst aber nur Risiken bringe, stellt Meyer-Wellmann fest: „Soll heißen: Wer das Netz professionell bewirtschaftet, kann mit ordentlichen Gewinnen rechnen.“ Zuvor zitiert er Roland Broemel, Juniorprofessor für Öffentliches Recht und Wirtschaftsrecht an der Uni Hamburg. Der sagt nicht nur, dass sich die Kosten für die Übernahme amortisieren werden, sondern auch, dass „für effizient arbeitende private Netzbetreiber (…) der Netzbetrieb einen hohen Deckungsbeitrag“ leistet. Siehe dazu auch: Vattenfall und der Volksentscheid: “Die Netze als rettender Anker”.

SPD-Deal bedeutet Ausverkauf der lukrativen Fernwärme

Im neuen Faktencheck widmet sich Meyer-Wellmann ausführlich nun auch der Fernwärme, die bei dem Volksentscheid von größter Bedeutung ist und in den letzten Monaten meist „übersehen“ worden ist. Die Vielzahl an Hinweisen, die der Abendblatt-Autor zusammenträgt, unterstreicht im Grunde die Position der Volksentscheids-Initiative in vollem Umfang. „Da es weder einen wirklich freien Markt noch eine Regulierung bei der Fernwärme gibt, sind die Gewinnmargen sehr hoch. Das zeigt sich auch daran, dass der SPD-Senat für seinen Anteil an der Vattenfall-Fernwärme allein 325 Millionen der 543,5 Millionen Euro bezahlen musste, die er für den 25,1-Prozent-Anteil an allen Netzen auf den Tisch legte“, schreibt Meyer-Wellmann.

Ausführlich geht er auch darauf ein, dass die SPD-Mehrheit mit dem Minderheitsdeal mit Vattenfall auch den vollständigen Verzicht auf die Fernwärme betreibt, also künftig auf das Recht verzichtet, die Fernwärme übernehmen zu können. Vattenfall widerspricht in dieser Frage einer vertraglichen Regelung aus dem Jahr 1994 mit den HEW. Dieser Verzicht des SPD-Senat würde die Fernwärme samt Kraftwerke unwiederbringbar Vattenfall überlassen. Meyer-Wellmann: „Der Scholz-Senat jedoch verzichtete in seinem Vertrag mit Vattenfall faktisch darauf, diesen Streit auszufechten – und damit auf die Möglichkeit, das extrem lukrative Fernwärmenetz zurückzukaufen.“

Wichtig an dieser Stelle auch: Vor allem mit der Fernwärme lässt sich für den Klimaschutz eine Menge bewegen, denn hier kann direkt auf die Wärmeerzeugung in den Kraftwerken und auch den Verbrauch eingewirkt werden. Hinzu kommt, dass die Einspeisung von Wärme aus Erneuerbaren Energien derzeit aufgrund des Vattenfall-Monopols nicht möglich ist. Ein städtischer Eigentümer könnte hier besonders viel für die Energiewende und den Klimaschutz tun!

Gewinnträchtige Energienetze – Gewinne für Vattenfall und E.on

Über die Gewinne aus den Netzen schweigen der SPD-Senat und vor allem Vattenfall betont auffällig. In den letzten Jahren aber hat es regelmäßig allein im Vattenfall-Stromnetz Gewinne von über 40 Millionen Euro gegeben. Die Fernwärmeversorgung, zu der auch die Kraftwerke, deren Wärme- und Stromverkauf sowie die KundInnen zählen, soll in den letzten Jahren bis zu 60 Millionen Euro eingebracht haben. Und während die Geschäftsberichte der gemeinsamen Gesellschaft zwischen Vattenfall und der Stadt Hamburg für Strom und Fernwärme immer noch nicht veröffentlicht sind, hat E.on gerade den Geschäftsbericht für 2012 vorgelegt. Über 17 Millionen Euro Gewinn hat das gemeinsame Gas-Unternehmen insgesamt gemacht. Während E.on davon über 13 Millionen einsteckt, erhält die Stadt Hamburg aufgrund der von der SPD gemachten Verträge lediglich einen Anteil von 1,69 Millionen Euro!

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