Mit Literaturtagen versucht der krisengebeutelte Stromkonzern Vattenfall einmal im Jahr von seinen Atomkraftwerken und seinem federführenden Beitrag zur Klimakatastrophe abzulenken. Das aber gelingt Vattenfall immer schlechter, weil seit nunmehr drei Jahren dem Konzern auch kulturell Paroli geboten wird. Das neue Projekt in diesem Jahr heißt in Anspielung an die alten Hamburgischen Electricitäts Werke (HEW), die von Vattenfall Anfang 2000 aufgekauft wurden: Hamburger Energie Wechsel – kurz HEW-Lesetage. Der Nautilus-Verlag, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie die GWA St. Pauli haben sich zusammengetan und werden vom 15. – 20. April mit einem Literaturprogramm von über 30 Veranstaltungen dem Vattenfall-Konzern das Greenwashing vereiteln.
Seit heute ist das komplette Programm online. Am 15. April beginnen die HEW-Lesetage mit einer Eröffnungsveranstaltung auf Kampnagel, bei der Ingo Schulze lesen und im Anschluss über „Kunst und Knechtschaft“ diskutieren wird.
Bei weiteren mehr als 30 Veranstaltungen lesen Friedrich Ani, David Chotjewitz, Frank Göhre, Merle Kröger, Dominique Manotti, Harry Rowohlt, Jochen Schimmang, Sybil Gräfin Schönfeldt, Frank Spilker, Barbara Sichtermann und viele andere. Auf der Abschlussparty im Gängeviertel am 20.4. gibt es nach einer Lesung von Katja Kullmann und Sarah Khan Musik: Frank Spilker und Frau Kraushaar machen den Abschluss zum Aufbruch!
Die Initiatoren der Lesetage unterstützen mit ihrer Aktion auch den anstehenden Volksentscheid für die vollständige Rekommunalisierung der Energienetze in Hamburg. Die werden derzeit noch von Vattenfall (Strom, Fernwärme) und E.on (Gas) betrieben, die Stadt Hamburg ist lediglich als Minderheitsaktionär mit 25,1 Prozent beteiligt. Das Bündnis „Unser Hamburg – Unser Netz“ will mit dem Volksentscheid erreichen, die Kontrolle über die Netze wieder vollständige in die öffentliche Hand zu nehmen und damit die Energiewende besser voran bringen zu können.
Auch „Lesen ohne Atomstrom“ wird in diesem Jahr wieder gegen Vattenfall antreten. Das Programm 2013 ist noch nicht veröffentlicht, aber online ist das folgende unter diesem Link zu erfahren.
Bei der CDU-Fraktion in Hamburg dürfte Halbmast geflaggt sein: Die Verfassungsklage, mit der die Christdemokraten den Volksentscheid für die vollständige Rekommunalisierung der Energienetze verbieten lassen wollten, ist gescheitert! Das Verfassungsgericht hat die Klage schlicht abgelehnt! Auch in den Konzernzentralen von Vattenfall und E.on dürfte die Stimmung schlecht sein. Denn immerhin haben sie gute Gründe davon auszugehen, dass nun am 22. September per Volksentscheid eine Mehrheit der HamburgerInnen ihnen die Rote Karte zeigt und mit ihrem Kreuz für die Initiative „Unser Hamburg – unser Netz“ stimmen wird. Bislang betreiben diese beiden Unternehmen die Netze für Strom, Fernwärme und Gas. Das Bündnis „Unser Hamburg – Unser Netz“ aus Umweltorganisationen, Kirchen, Verbraucherzentrale und Mieterverbänden hat laut einer repräsentativen Umfrage des Hamburg Abendblatt eine deutliche Mehrheit hinter sich.
Hier die Pressemeldung des Bündnisses zu dem Urteil des Hamburgischen Verfassungsgerichts:
Energienetze: Verfassungsklage der CDU nicht zulässig / Volksentscheid wird kommen!
Das Hamburgische Verfassungsgericht hat heute die CDU-Verfassungsklage gegen den geplanten Volksentscheid zur Rücknahme der Energienetze in die Öffentliche Hand abgewiesen. Damit ist der Weg für den Volksentscheid am 22. September 2013 frei.
Das Verfassungsgericht kommt zu dem einstimmigen Beschluss, dass die Verfassungsklage unzulässig ist. Die CDU hatte im Dezember 2012 Verfassungsklage eingereicht, damit aber die Fristen für eine solche Überprüfung nicht eingehalten. Mit seiner Entscheidung folgt das Gericht der Auffassung der Initiative UNSER HAMBURG – UNSER NETZ, derzufolge eine Überprüfung der Verfassungsmäßigkeit in der Regel vor der zweiten Stufe der Volksgesetzgebung, dem Volksbegehren, zu erfolgen hat. Das Volksbegehren hatte UNSER HAMBURG – UNSER NETZ bereits im Juni 2011 mit über 116.000 Unterschriften durchgeführt.
„Wir freuen uns über das grüne Licht für den Volksentscheid. Die Hamburger Bürgerinnen und Bürger sind nun aufgefordert, über diese zentrale Weichenstellung der Energiepolitik zu entscheiden. Kommunale Netze sind gut für die Energiewende, und die Gewinne aus dem Netzbetrieb verbleiben zudem in Hamburg“, so Manfred Braasch, Theo Christiansen und Günter Hörmann, die Vertrauenspersonen von UNSER HAMBURG – UNSER NETZ.
UNSER HAMBURG UNSER NETZ wurde im Verfahren vor dem Hamburgischen Verfassungsgericht durch Dr. Till Steffen von der Kanzlei elblaw Rechtsanwälte vertreten.
Steigt Vattenfall aus der Braunkohle in der Lausitz aus? Foto: Dirk Seifert
Die Ankündigungen von Vattenfall, einen Block des 920 MW Braunkohlekraftwerk in Lippendorf bei Leipzig (Sachsen) zu verkaufen, löst heftige Reaktionen aus. Kein Wunder angesichts der in Schweden laufenden Debatte über Milliarden-Verluste, Fehlinvestitionen und den viel zu hohen CO2-Emissionen der Vattenfall-Tochter in Deutschland. Vattenfall in der Krise heißt auch: Der Konzern will 2.000 Arbeitsplätze abbauen, davon möglicherweise rund 1.000 in Deutschland. Fast die gesamte Expansions-Strategie von Vattenfall, die Anfang der 2000er Jahre zu Investitionen in fast allen Ostsee-Anrainer-Staaten führte und das Ziel verfolgte, Vattenfall zum großen Player in diesem Wirtschaftsraum zu machen, sind inzwischen gescheitert. Strategisch hat sich Vattenfall nicht nur in Deutschland völlig verhauen. (siehe auch: “Schweden empört sich über Vattenfalls Größenwahn”)
Überlegungen, die offenbar sehr ernst sind. Denn seit der Ankündigung von Vattenfall, dass Braunkohlekraftwerk in Lippendorf verkaufen zu wollen, warnen verschiedene Stimmen auch in Deutschland vor einer „Zerschlagung von Vattenfall“. Die Wirtschaftsinitiative Lausitz (WiL) bestätigt das in einer Pressemitteilung vom Montag und bezeichnet diese als: „durchaus realistische Einschätzung zur Haltung des schwedischen Staates und seiner Repräsentanten“. Der Verband stellt fest, dass der „mögliche Verkauf der Kraftwerksanteile in Lippendorf … zu großer Irritation und Verunsicherung in der Lausitz“ führe. (Mitteilung des Verbandes (PDF, die PM finden sie unten in voller Länge auf dieser Seite)
Der Verband hält die Berichte über einen (Teil)Rückzug von Vattenfall also für überaus ernst zu nehmend und macht sich Sorgen um die Beschäftigten in der Region, für die 17.000 Arbeitnehmer und ihren Familien. „Die wiederkehrenden Berichte sind für die Menschen, die direkt oder indirekt von der Braunkohle leben, unerträglich.“
Vattenfall Deutschland betont zwar, man stehe zur Braunkohle, aber klar ist auch: Vattenfall-Deutschland hat im Konzern nichts mehr zu sagen. Die Entscheidungen werden allesamt in Stockholm getroffen. Und immer mehr gerät der Konzern-Vorstand mit dem Eigentümer – dem schwedischen Staat – in Konflikt:
„Schweden und Braunkohle hat scheinbar nie gepasst und passt offensichtlich immer weni-ger“, so der WiL-Vorsitzende Dr. Hermann Borghorst. „Es reicht nicht, wenn die Vattenfall-Spitze sich zur Braunkohle bekennt, gleichzeitig aber der Eigentümer das Geschäft ständig in Frage stellt. Der Eigentümer, das Königreich Schweden, ist gefordert, für Klarheit zu sorgen und aus seinem Herzen keine ‚Mördergrube‘ zu machen. Man kann nicht gutes Geld verdienen wollen und ständig wegen des Produkts mit schlechtem Gewissen herumlaufen.“
Auch die IG BCE hat am Montag hoch alarmiert auf die Meldungen aus Schweden reagiert und in seltener Deutlichkeit festgestellt: „Wenn sich diese Aktivitäten (gemeint sie die Auslandsinvestitionen, uFä) im Nachhinein als nicht profitabel herausstellen sollten und Vattenfall deswegen jetzt zu Verkäufen in Deutschland gezwungen ist, dann kann es dabei nur um einen Gesamtverkauf und nicht um Einzelverkäufe gehen (Hervorhebung uFä). Ein Auseinandernehmen des Unternehmensverbunds von Bergbau, Energie und den Tochterfirmen brächte erkennbar nur Nachteile mit sich“, sagte der stellvertretende IG BCE Vorsitzende und ebenfalls stellvertretende Vorsitzende des Vattenfall-Aufsichtsrats Ulrich Freese.“
Keine Frage: Für die Vattenfall-Beschäftigten nicht nur in der Lausitz dürften die Debatten in Schweden Anlaß zu großer Sorge um ihre Arbeitsplätze und ihre soziale Sicherheit sein. Dennoch muss man nicht nur die IG BCE kritisieren. Eine Stromerzeugung bei Vattenfall mit über 80 Prozent Braunkohle-Anteil ist in Zeiten von Klimawandel und Energiewende keine strategisch gut aufgestellte Position und die Kritik des schwedischen Mehrheitseigners ist in dieser Sache nicht neu. (siehe auch: Radio Schweden – “Vattenfall zaghaft bei grünem Strom”) Eine Debatte um neue Strategien für die Beschäftigten, über die Chancen und Risiken der Energiewende für die MitarbeiterInnen, gibt es fast nicht. So reagieren die Gewerkschaften, nicht nur die IG BCE, auf die Geschäftspolitik der Konzerne. Eigene Konzepte gibt es fast nicht.
Besonders deutlich wird das z.B. auch bei den in Berlin und Hamburg laufenden Projekten zur Rekommunalisierung der Energienetze. Das hier auch Chancen bestehen, um für die jetzt noch bei Vattenfall beschäftigten KollegInnen langfristig sichere Arbeitsplätze zu entwickeln, wird kaum diskutiert. Betont werden fast nur eventuelle Risiken für die Beschäftigten. So bleibt die Beschäftigten am Ende nur, sich jeweils den Konzern-Strategien zu unterwerfen. Dabei gibt es durchaus Ansätze für eine gewerkschaftliche Diskussion: Chancen und Risiken der Energiewende. Man muss sie nur führen! Siehe auch hier: Die Energiewende ist eine Chance für Arbeitsplätzeund hier: Verdi Berlin – Besser doch nicht rekommunalisieren!
Sonst kommt etwas heraus, wo zwischen gewerkschaftlichen Positionen und einer Wirtschaftsinitiative Lausitz (WiL) keine Unterschiede mehr erkennbar sind. Die Antwort der WiL auf die Krise bei Vattenfall und die Klimakatastrophe lautet: „Die WiL fordert zudem, die notwendigen Rahmenbedingungen für die Investition in ein neues, modernes, emissionsarmes Braunkohlekraftwerk zu schaffen. „Die Lausitzer bzw. die ostdeutsche Braunkohle braucht einen Betreiber, der klar zur Braun-kohle steht. Die WiL warnt vor einer Zerschlagung des Unternehmens, nur weil eine zwanghafte, imagepolierende Verringerung des CO2-Ausstoßes propagiert wird oder weil sich der Konzern an anderer Stelle übernommen hat“, so Borghorst“
Mit so einer Position in Zeiten der Energiewende muss man sich nicht wundern, wenn am Ende das System zusammen bricht. Das Interesse Schwedens, die Klimagase zu reduzieren als „zwanghafte, imagepolierende Verringerung des CO2-Ausstoßes“ und Propaganda abzutun und obendrein gleich noch ein neues klimaschädliches Braunkohlekraftwerk zu fordern, zeigt nur eines: Da hat jemand nicht begriffen, wie die Energiewende funktioniert und warum Vattenfall so tief in der Krise steckt.
Hier die PM der Wirtschaftsinitiative Lausitz vom 4. März 2013 in voller Länge:
WiL fordert Klarheit vom Eigentümer und warnt vor einer Zerschlagung der ostdeutschen Braunkohleindustrie
Die Irritationen aus Schweden zu den Braunkohletagebauen und den Braunkohlekraftwerken nehmen kein Ende. Medien aus Berlin und Brandenburg berichten aktuell: „Sogar die Zerschlagung droht“, „Schwedischer Konzern stellt ostdeutsche Braunkohle zur Disposition“, „Schweden gefällt Vattenfalls deutsche Tochter nicht mehr“. Diese durchaus realistische Einschätzung zur Haltung des schwedischen Staates und seiner Repräsentanten sowie der mögliche Verkauf der Kraftwerksanteile in Lippendorf führen zu großer Irritation und Verunsicherung in der Lausitz, vor allem bei den 17.000 Arbeitnehmern und ihren Familien. Die wiederkehrenden Berichte sind für die Menschen, die direkt oder indirekt von der Braunkohle leben, unerträglich.
„Schweden und Braunkohle hat scheinbar nie gepasst und passt offensichtlich immer weniger“, so der WiL-Vorsitzende Dr. Hermann Borghorst. „Es reicht nicht, wenn die Vattenfall-Spitze sich zur Braunkohle bekennt, gleichzeitig aber der Eigentürmer das Geschäft ständig in Frage stellt. Der Eigentümer, das Königreich Schweden, ist gefordert, für Klarheit zu sorgen und aus seinem Herzen keine ‚Mördergrube‘ zu machen. Man kann nicht gutes Geld verdienen wollen und ständig wegen des Produkts mit schlechtem Gewissen herumlaufen.“
Aus Sicht der WiL ist die Lausitzer Stromerzeugung aus Braunkohle im Energiemix mit erneuerbaren Energien (Wind, Solar, Biomasse) das Rückgrat der Lausitzer Industrie. Die regionale Wertschöpfung geht für die kommenden Jahrzehnte nur mit der Braunkohle und nicht ohne Braunkohle. Die WiL fordert zudem, die notwendigen Rahmenbedingungen für die Investition in ein neues, modernes, emissionsarmes Braunkohlekraftwerk zu schaffen.
„Die Lausitzer bzw. die ostdeutsche Braunkohle braucht einen Betreiber, der klar zur Braunkohle steht. Die WiL warnt vor einer Zerschlagung des Unternehmens, nur weil eine zwanghafte, imagepolierende Verringerung des CO2-Ausstoßes propagiert wird oder weil sich der Konzern an anderer Stelle übernommen hat“, so Borghorst.
Ihr Gesprächspartner für weitere Informationen ist: Dr. Hermann Borghorst, Vorsitzender der Wirtschaftsinitiative Lausitz e.V.
Vattenfall PM 28.11.2012
Vattenfall definiert neue Nachhaltigkeitsziele
Im Rahmen einer außerordentlichen Hauptversammlung präsentierte Vattenfall heute seine neuen Nachhaltigkeitsziele. Eines der Ziele ist beispielsweise, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien bei Vattenfall über den Zuwachsraten des Marktes liegen soll. Die Ziele basieren auf den Direktiven des schwedischen Staates als Eigentümer von Vattenfall und orientieren sich an den 20/20/20-Zielen der EU.
Die Nachhaltigkeitsziele im Einzelnen:
Die Kohlendioxidemissionen von Vattenfall sollen bis zum Jahr 2020 auf 65 Millionen Tonnen reduziert werden (2010: 94 Mio. Tonnen).
Die Zuwachsrate bei den Erneuerbaren Energien soll höher ausfallen als die durchschnittlichen Wachstumsraten in denjenigen Ländern, in denen Vattenfall aktiv ist. Die Zuwachsraten werden jährlich gemessen.
Die Energieeffizienz soll sowohl intern als auch extern gesteigert werden. Messbare Ziele werden festgelegt, sobald die EU-Richtlinie für Energieeffizienz in nationale Ziele umgesetzt ist.
„Um unsere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen werden wir die Zuwachsrate bei den Erneuerbaren Energien steigern. Damit der Energiemarkt auch international funktionieren kann, braucht es aber auch eine höhere Kapazität bei der Stromübertragung und mehr Stromtrassen. Je integrierter der Strommarkt ist, desto besser werden die Bedingungen für erneuerbare Energien“, betonte Øystein Løseth, CEO von Vattenfall.
Ihr Ansprechpartner für weitere Informationen:
Stefan Müller, Vattenfall GmbH, Head of Media Relations Germany
Dürren, Waldbrände, Überschwemmungen – immer wieder wird aus Australien vor allem über wachsende Probleme in Verbindung mit der Klimakatastrophe berichtet. Dennoch ist Australien weltweit der größte Exporteur für Kohle. Jetzt will Australien die weltweit größten Kohlevorkommen erschließen und auf dem Weltmarkt verkaufen. Darüber berichtet die Zeitung „ak – analyse+kritik“ in ihrer aktuellen Ausgabe in einem Artikel von Volker Böge. Mit freundlicher Erlaubnis der Redaktion von „analyse+kritik“ gibt es den Text aus der Printausgabe hier zum lesen:
Armes reiches Australien. König Kohle regiert im Land der Königin – Von Volker Böge
Während andernorts folgenlos über Wege zur Abwendung des Klimawandels geschwätzt wird, werden im australischen Bundesstaat Queensland die Weichen in eine ganz andere Richtung gestellt: Dort werden Mega-Kohleminen geplant und eingerichtet, die katastrophale Folgen für das globale Klima und die lokale Umwelt haben werden.
Schon heute ist Australien der weltgrößte Exporteur von Kohle. Werden die aktuellen Pläne umgesetzt, so werden sich die australischen Kohleexporte im kommenden Jahrzehnt mehr als verdoppeln. Insbesondere Indien und China gieren nach australischer Kohle. Diese kommt vor allem aus Queensland. In Zentral-Queensland liegt das Galilee Basin, eine Region bisher unerschlossener, gewaltiger Kohlevorkommen. Greenpeace Australia hat einen Bericht über das, was dort vor sich geht bzw. geplant ist, vorgelegt. (1)
Im Galilee Basin sind neun neue Mega-Kohleminen vorgesehen. Fünf davon werden größer sein als die größten heutigen Minen in Australien. Vor zehn Jahren produzierte die größte australische Kohlenmine 10 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr, die größte Mine heute produziert 20 Mio t/Jahr, und die größte der Galilee-Minen (die China Stone Mine) würde 60 Mio t/Jahr produzieren, die neun Galilee-Minen zusammen 330 Mio t/Jahr. Wenn diese Menge Kohle verfeuert wird, werden mehr als 700 Millionen Tonnen CO2 jährlich freigesetzt. Wenn das Galilee Basin ein Staat wäre, würde es damit zum siebtgrößten Emittenden von CO2 weltweit. Die Minen werden vorangetrieben von australischen Firmen im Besitz der Bergbaumagnaten Gina Rinehart (reichste Frau der Welt) und Clive Palmer (auch ziemlich reich), zum Teil im Verbund mit indischen Bergbaugesellschaften. Eine der Minen, Gina Rinehart’s Alpha-Mine, ist von den staatlichen Stellen bereits genehmigt. Auf dieser Mine werden 30 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr gefördert werden.
Verheerende Umweltschäden
Die Minen durchlaufen selbstverständlich eine staatliche Umweltverträglichkeitsprüfung. Das Angenehme dabei für die Betreiber und die australische Regierung: Der Beitrag der Minen zur Erderwärmung muss nicht berücksichtigt werden – schließlich wird die Kohle ja andernorts verfeuert. Die australische Regierung muss daher auch die CO2-Emissionen in Folge der Verbrennung der in Australien geförderten und dann exportierten Kohle im Rahmen der UN-Klimakonvention nicht angeben. So kann man weiter Lippenbekenntnisse zum Klimaschutz abgeben und gleichzeitig eine Entwicklung unterstützen, die die Erreichung von Klimaschutzzielen wie die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad Celsius faktisch unmöglich macht.
Im lokalen Rahmen werden die Galilee-Minen verheerende Folgen für die Umwelt haben. Clive Palmer’s China First Mine (40 Mio t/Jahr) wird im Brimblebox Naturreservat eingerichtet; zahlreiche bedrohte Pflanzen- und Tierarten werden ausgelöscht werden. Die größte Gefahr besteht für das Great Barrier Reef, anerkannt von den UN als Weltnaturerbe von höchster Bedeutung. Für den Export der Kohle müssen neun neue Kohlehäfen im Gebiet des Weltnaturerbes gebaut werden, zwei davon – Abbot Point bei Bowen und Hay Point bei Mackay – werden zu den größten Kohlehäfen der Welt gehören. Diese Häfen werden in ökologisch fragilen Flussmündungen und Deltas angelegt. Der Schiffsverkehr durch das Great Barrier Reef wird dramatisch ansteigen, von rund 1.700 Schiffen heute auf rund 11.000 Schiffe im Jahr 2020. Damit vergrößert sich die Gefahr von umweltgefährdenden Unfällen.
Das Ausbaggern von Hafenanlagen und Fahrrinnen wird schwere Schädigungen der Fischbestände und der Meeresumwelt mit sich bringen, wie bereits heute der Fall in Gladstone, wo der Ausbau des Hafens zu massivem Fischsterben geführt hat. Für den Transport der Kohle von den Minen im Landesinneren zu den Häfen an der Küste müssen Hunderte von Kilometern neuer Schienenverbindungen gebaut werden. Auch das hat massive Auswirkungen auf die Umwelt und insbesondere auf landwirtschaftlich genutzte Flächen. Schließlich stellt der Kohlestaub eine beträchtliche Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung in der Nähe der Transportstrecken und der Depots in den Kohlehäfen dar.
Widerstand hat es schwer
In dichter besiedelten Gebieten wie der Hauptstadt von Queensland, Brisbane, gibt es bereits Proteste der AnwohnerInnen gegen die Kohlenzüge, die durch die Vororte fahren und eine Spur von Kohlenstaub hinter sich lassen, und gegen die riesigen Kohlehalden (900.000 Tonnen) im Hafen, die doppelt so groß sind wie das größte Fußballstadion der Millionenstadt.
Das Galilee Basin in Zentral-Queensland ist zwar ein besonders erschreckendes Beispiel für die Ausbeutung fossiler Brennstoffe in Australien, aber es steht beileibe nicht allein. Dass Australien relativ gut durch die gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Krisen kommt (wofür sich die australische Regierung permanent selbst auf die Schulter klopft) ist vor allem seinem Reichtum an natürlichen Ressourcen und dem Boom im Export derselben, vor allem nach China, zu verdanken. Nach dem Willen der australischen Regierung soll das so bleiben. Das im November 2012 von der Regierung vorgelegte Energie-Weißbuch sieht vor, alle Vorkommen an Kohle, Erdgas und anderen fossilen Brennstoffen im australischen Boden auszubeuten und in die weite Welt zu verkaufen, ohne irgendwelche Begrenzungen. Bergbau-Magnaten und Regierung argumentieren mit den Arbeitsplätzen und all den Wohltaten, die die Bergbauindustrie den australischen Gemeinden zukommen lässt – auf allen Fernsehkanälen wird man zu den besten Sendezeiten mit den entsprechenden Werbespots der Bergbau-Lobby bombardiert.
Widerstand dagegen hat es schwer. Die Minen liegen oft weit ab im australischen Outback und sind kaum zugänglich für direkten Protest. Dort allerdings, wo Menschen unmittelbar betroffen sind, bilden sich durchaus oppositionelle Strukturen, u.a. von UmweltschützerInnen, Linken und Farmern. (2) Greenpeace fordert den Stopp der Ausweitung von Kohleproduktion und -export. Das ist gut, aber nicht genug, und zugleich kaum zu realisieren. Armes reiches Australien.
Volker Böge ist Politikwissenschaftler an der University of Queensland in Brisbane.
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2) Lokale Anti-Bergbau-Initiativen aus ganz Australien haben sich zur Allianz »Lock the Gate« zusammengeschlossen:www.lockthegate.org.au.
WEITERE INFORMATIONEN in diesem Blog zum THEMA KOHLE:
Aktion: Im Mai wollen Initiativen in Hamburg eine symbolische Hafenblockade organisieren. Damit wollen sie gegen die für 2014 geplante Inbetriebnahme des 1.600 MW Vattenfall-Kohlekraftwerk in Mooburg demonstrieren. Ein Teil der Kohle, die hier künftig verbrannt werden soll, stammt aus Kolumbien, neben Australien eines der wichtigen Exportländer. Dort bedeutet der Kohleabbau nicht nur massive Umweltverschmutzungen. In Kolumbien werden auch massive Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Kohleabbau beklagt. Hier mehr Informationen zu den Aktionen des Bündnis „Gegenstrom13“.
Auf Telepolis schreibt Lothar Lochmaier unter der Überschrift „First we take Berlin: Wie Bürger die Stromnetze in den Großstädten übernehmen“ über „Rekommunalisierung der Energieversorgung durch Volksbegehren rückt näher – Showdown zur Bundestagswahl“.
In Berlin, in Hamburg, in Stuttgart und vielen anderen Städten steht die Rekommunalisierung der Energienetze und die Gründung kommunaler Stadtwerke wieder auf der Tagesordnung. Lochmaier schreibt. „Die von den Bürgern als bodenständig angesehenen Stadtwerke gelten gegenüber den vier Strommonopolisten als solide Alternative, um die Energieversorgung nicht nur gewinnorientiert zu betreiben. Der Trend ist kaum zu übersehen: In deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg oder auch Stuttgart regt sich die Graswurzel-Bewegung und arbeitet an dezentralen Betreibermodellen zum Eigenbetrieb der Strom- und Gasnetze.“