Klimakatastrophe in und aus Australien: Weltweit größte Kohleminen sollen erschlossen werden

Dürren, Waldbrände, kohlemachtkrankÜberschwemmungen – immer wieder wird aus Australien vor allem über wachsende Probleme in Verbindung mit der Klimakatastrophe berichtet. Dennoch ist Australien weltweit der größte Exporteur für Kohle. Jetzt will Australien die weltweit größten Kohlevorkommen erschließen und auf dem Weltmarkt verkaufen. Darüber berichtet die Zeitung „ak – analyse+kritik“ in ihrer aktuellen Ausgabe in einem Artikel von Volker Böge. Mit freundlicher Erlaubnis der Redaktion von „analyse+kritik“ gibt es den Text aus der Printausgabe hier zum lesen:

banner6Armes reiches Australien. König Kohle regiert im Land der Königin –  Von Volker Böge

Während andernorts folgenlos über Wege zur Abwendung des Klimawandels geschwätzt wird, werden im australischen Bundesstaat Queensland die Weichen in eine ganz andere Richtung gestellt: Dort werden Mega-Kohleminen geplant und eingerichtet, die katastrophale Folgen für das globale Klima und die lokale Umwelt haben werden.

Schon heute ist Australien der weltgrößte Exporteur von Kohle. Werden die aktuellen Pläne umgesetzt, so werden sich die australischen Kohleexporte im kommenden Jahrzehnt mehr als verdoppeln. Insbesondere Indien und China gieren nach australischer Kohle. Diese kommt vor allem aus Queensland. In Zentral-Queensland liegt das Galilee Basin, eine Region bisher unerschlossener, gewaltiger Kohlevorkommen. Greenpeace Australia hat einen Bericht über das, was dort vor sich geht bzw. geplant ist, vorgelegt. (1)

Im Galilee Basin sind neun neue Mega-Kohleminen vorgesehen. Fünf davon werden größer sein als die größten heutigen Minen in Australien. Vor zehn Jahren produzierte die größte australische Kohlenmine 10 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr, die größte Mine heute produziert 20 Mio t/Jahr, und die größte der Galilee-Minen (die China Stone Mine) würde 60 Mio t/Jahr produzieren, die neun Galilee-Minen zusammen 330 Mio t/Jahr. Wenn diese Menge Kohle verfeuert wird, werden mehr als 700 Millionen Tonnen CO2 jährlich freigesetzt. Wenn das Galilee Basin ein Staat wäre, würde es damit zum siebtgrößten Emittenden von CO2 weltweit. Die Minen werden vorangetrieben von australischen Firmen im Besitz der Bergbaumagnaten Gina Rinehart (reichste Frau der Welt) und Clive Palmer (auch ziemlich reich), zum Teil im Verbund mit indischen Bergbaugesellschaften. Eine der Minen, Gina Rinehart’s Alpha-Mine, ist von den staatlichen Stellen bereits genehmigt. Auf dieser Mine werden 30 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr gefördert werden.

Verheerende Umweltschäden

Die Minen durchlaufen selbstverständlich eine staatliche Umweltverträglichkeitsprüfung. Das Angenehme dabei für die Betreiber und die australische Regierung: Der Beitrag der Minen zur Erderwärmung muss nicht berücksichtigt werden – schließlich wird die Kohle ja andernorts verfeuert. Die australische Regierung muss daher auch die CO2-Emissionen in Folge der Verbrennung der in Australien geförderten und dann exportierten Kohle im Rahmen der UN-Klimakonvention nicht angeben. So kann man weiter Lippenbekenntnisse zum Klimaschutz abgeben und gleichzeitig eine Entwicklung unterstützen, die die Erreichung von Klimaschutzzielen wie die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad Celsius faktisch unmöglich macht.

Im lokalen Rahmen werden die Galilee-Minen verheerende Folgen für die Umwelt haben. Clive Palmer’s China First Mine (40 Mio t/Jahr) wird im Brimblebox Naturreservat eingerichtet; zahlreiche bedrohte Pflanzen- und Tierarten werden ausgelöscht werden. Die größte Gefahr besteht für das Great Barrier Reef, anerkannt von den UN als Weltnaturerbe von höchster Bedeutung. Für den Export der Kohle müssen neun neue Kohlehäfen im Gebiet des Weltnaturerbes gebaut werden, zwei davon – Abbot Point bei Bowen und Hay Point bei Mackay – werden zu den größten Kohlehäfen der Welt gehören. Diese Häfen werden in ökologisch fragilen Flussmündungen und Deltas angelegt. Der Schiffsverkehr durch das Great Barrier Reef wird dramatisch ansteigen, von rund 1.700 Schiffen heute auf rund 11.000 Schiffe im Jahr 2020. Damit vergrößert sich die Gefahr von umweltgefährdenden Unfällen.

Das Ausbaggern von Hafenanlagen und Fahrrinnen wird schwere Schädigungen der Fischbestände und der Meeresumwelt mit sich bringen, wie bereits heute der Fall in Gladstone, wo der Ausbau des Hafens zu massivem Fischsterben geführt hat. Für den Transport der Kohle von den Minen im Landesinneren zu den Häfen an der Küste müssen Hunderte von Kilometern neuer Schienenverbindungen gebaut werden. Auch das hat massive Auswirkungen auf die Umwelt und insbesondere auf landwirtschaftlich genutzte Flächen. Schließlich stellt der Kohlestaub eine beträchtliche Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung in der Nähe der Transportstrecken und der Depots in den Kohlehäfen dar.

Widerstand hat es schwer

In dichter besiedelten Gebieten wie der Hauptstadt von Queensland, Brisbane, gibt es bereits Proteste der AnwohnerInnen gegen die Kohlenzüge, die durch die Vororte fahren und eine Spur von Kohlenstaub hinter sich lassen, und gegen die riesigen Kohlehalden (900.000 Tonnen) im Hafen, die doppelt so groß sind wie das größte Fußballstadion der Millionenstadt.

Das Galilee Basin in Zentral-Queensland ist zwar ein besonders erschreckendes Beispiel für die Ausbeutung fossiler Brennstoffe in Australien, aber es steht beileibe nicht allein. Dass Australien relativ gut durch die gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Krisen kommt (wofür sich die australische Regierung permanent selbst auf die Schulter klopft) ist vor allem seinem Reichtum an natürlichen Ressourcen und dem Boom im Export derselben, vor allem nach China, zu verdanken. Nach dem Willen der australischen Regierung soll das so bleiben. Das im November 2012 von der Regierung vorgelegte Energie-Weißbuch sieht vor, alle Vorkommen an Kohle, Erdgas und anderen fossilen Brennstoffen im australischen Boden auszubeuten und in die weite Welt zu verkaufen, ohne irgendwelche Begrenzungen. Bergbau-Magnaten und Regierung argumentieren mit den Arbeitsplätzen und all den Wohltaten, die die Bergbauindustrie den australischen Gemeinden zukommen lässt – auf allen Fernsehkanälen wird man zu den besten Sendezeiten mit den entsprechenden Werbespots der Bergbau-Lobby bombardiert.

Widerstand dagegen hat es schwer. Die Minen liegen oft weit ab im australischen Outback und sind kaum zugänglich für direkten Protest. Dort allerdings, wo Menschen unmittelbar betroffen sind, bilden sich durchaus oppositionelle Strukturen, u.a. von UmweltschützerInnen, Linken und Farmern. (2) Greenpeace fordert den Stopp der Ausweitung von Kohleproduktion und -export. Das ist gut, aber nicht genug, und zugleich kaum zu realisieren. Armes reiches Australien.

Volker Böge ist Politikwissenschaftler an der University of Queensland in Brisbane.

 ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 580 vom 15.2.2013,

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Anmerkungen:

1) Der vollständige Report ist zu finden unter www.greenpeace.org/australia/galilee-report. Die folgenden Informationen stammen aus diesem Report.

2) Lokale Anti-Bergbau-Initiativen aus ganz Australien haben sich zur Allianz »Lock the Gate« zusammengeschlossen:www.lockthegate.org.au.

WEITERE INFORMATIONEN in diesem Blog zum THEMA KOHLE:

Aktion: Im Mai wollen Initiativen in Hamburg eine symbolische Hafenblockade organisieren. Damit wollen sie gegen die für 2014 geplante Inbetriebnahme des 1.600 MW Vattenfall-Kohlekraftwerk in Mooburg demonstrieren. Ein Teil der Kohle, die hier künftig verbrannt werden soll, stammt aus Kolumbien, neben Australien eines der wichtigen Exportländer. Dort bedeutet der Kohleabbau nicht nur massive Umweltverschmutzungen. In Kolumbien werden auch massive Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Kohleabbau beklagt. Hier mehr Informationen zu den Aktionen des Bündnis „Gegenstrom13“.

Außerdem: Kolumbien: “Blutige Kohle” für deutschen Strom – Menschrechtsverletzungen und Umweltzerstörung

Klimakatastrophe, Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen: Kohle für deutsche Kraftwerke aus Kolumbien

Vattenfall, Bürgerinteressen und der Klimaschutz – Dorf weg, Braunkohle her!

„First we take Berlin: Wie Bürger die Stromnetze in den Großstädten übernehmen“

Berlin-Banner130x130gAuf Telepolis schreibt Lothar Lochmaier unter der Überschrift „First we take Berlin: Wie Bürger die Stromnetze in den Großstädten übernehmen“ über „Rekommunalisierung der Energieversorgung durch Volksbegehren rückt näher – Showdown zur Bundestagswahl“.

In Berlin, in Hamburg, in Stuttgart und vielen anderen Städten steht die Rekommunalisierung der Energienetze und die Gründung kommunaler Stadtwerke wieder auf der Tagesordnung. Lochmaier schreibt. „Die von den Bürgern als bodenständig angesehenen Stadtwerke gelten gegenüber den vier Strommonopolisten als solide Alternative, um die Energieversorgung nicht nur gewinnorientiert zu betreiben. Der Trend ist kaum zu übersehen: In deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg oder auch Stuttgart regt sich die Graswurzel-Bewegung und arbeitet an dezentralen Betreibermodellen zum Eigenbetrieb der Strom- und Gasnetze.“

Den ganzen Text gibt es hier auf Telepolis: First we take Berlin: Wie Bürger die Stromnetze in den Großstädten übernehmen

Vattenfall-Krise: 1.000 Jobs weniger in Deutschland?

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Vattenfall-Krise: Arbeitsplatzabbau droht. Foto: Dirk Seifert

Die Milliardenverluste von Vattenfall in den letzten Jahren und deutliche Gewinnrückgänge haben jetzt offenbar auch für die Beschäftigten in Deutschland Konsequenzen. Nach einem Bericht des Hamburger Abendblatts sind „mehr als 1000 Jobs in Gefahr“. Erst vor wenigen Tagen waren Pläne bekannt geworden, dass Vattenfall europaweit 2.000 Stellen abbauen will. Die Hälfte davon soll nun offenbar in Deutschland gestrichen werden.

Die Spekulationen, dass die Probleme bei dem schwedischen Staatskonzern dazu führen könnten, dass sich Vattenfall insgesamt aus dem deutschen Markt zurückziehen könnte, nehmen seit Wochen immer mehr zu: Vattenfalls Stern auf dem Rückzug – Was hat dich bloß so ruiniert?

Der Abbau von Arbeitsplätzen spitzt sich nun weiter zu. Aber längst ist ein weitergehender Personalabbau im Gange: Bereits Mitte November 2011 setzte Vattenfall den Kolleginnen und Kollegen des Kundenservice das Messer auf die Brust: 900 von ihnen sollten drastische Gehaltssenkungen hinnehmen, oder sie würden verkauft, hatte der Vorstand angedroht. Im Januar 2012 einigten sich Betriebsrat und Vattenfall, dass der Kundenservice zwar im Unternehmen bleibt, aber 300 Stellen in den nächsten Jahren sozial verträglich abgebaut werden. Siehe auch hier: Vattenfall – Streit mit Beschäftigten nimmt zu!

Laut Abendblatt wird der Aufsichtsrat von Vattenfall am 7. März zu einer Strategiesitzung zusammenkommen. „Es geht um viel an diesem Tag. Denn der schwedische Staatskonzern hat sich in den vergangenen Jahren durch immer neue Zukäufe verschuldet. Jetzt zieht Vattenfall-Chef Øystein Løseth die Notbremse. Um zu sparen, sollen nach Informationen des Abendblatts auch Stellen gestrichen werden. Mehr als tausend Mitarbeiter könnten in Deutschland betroffen sein – auch in Hamburg. Vattenfall versucht jedoch, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden.“

Gestern war bekannt geworden, dass Vattenfall bereits seit November letzten Jahres mit zwei Banken den Verkauf eines 920 MW-Blocks des Braunkohlekraftwerk im sächsischen Lippenstedt sondiert. Dabei geht es Vattenfall nicht nur um die Erlöse aus dem Verkauf, um die Bilanzen zu verbessern, sondern auch darum, dass „400 Mitarbeiter an den neuen Eigentümer übergeben“, berichtet das Abendblatt. Interessenten gibt es aber noch nicht.

Die Beschäftigten bei Vattenfall sollen für den 7. März Proteste in Berlin angekündigt haben.(siehe hier die Seite der Verdi-Betriebsgruppe Berlin)

Gespannt sein darf man, wie die Gewerkschaften Verdi, IG BCE und die IG Metall weiter reagieren. Aktuell laufen bei Vattenfall Tarifverhandlungen, bei denen es nicht nur um mehr Gehalt geht, sondern auch darum, dass Vattenfall betriebsbedingte Kündigungen bis zum Jahr 2020 ausschließt. Die ersten beiden Verhandlungsrunden sind bislang ergebnislos verlaufen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Meldungen dürfte das keine leichte Aufgabe für die Gewerkschaften werden. Bereits im Dezember 2012 hatte die die Verdi-Betriebsgruppe von Vattenfall in Berlin in einem Flugblatt die Konzernstrategie von Vattenfall kritisiert (PDF): „Mit der Verlagerung der Konzernsteuerung nach Schweden erscheint Vattenfall nach außen und innen immer führungs- und konzeptloser. Die Zentralisierung der Konzernstruktur wirkt kontraproduktiv in Zeiten einer Energiewende mit ausgeprägt dezentralem Charakter.“ Ohne es weiter zu erläutern stellte die Betriebsgruppe fest, dass weitere Probleme drohen: „Ein weiterer teurer Managementfehler, den am Ende wieder die Beschäftigten bezahlen müssen, bahnt sich an.“ (Hier das Flugblatt „Vattenfall auf dem Irrweg“ der Verdi-Betriebsgruppe zum download).

Auch für das Personal bei Vattenfall zeichnet die Betriebsgruppe ein dramatisches Bild: „Auf klarem Kurs bleibt Vattenfall beim Umgang mit den Mitarbeitern. Permanent wird die Belegschaft mit Plänen zum Personalabbau – und in dessen Folge – auch mit betriebsbedingten Kündigungen bedroht. Zeitgleich wird die Ausbildung in Frage gestellt. Für alle wahrnehmbar werden die Unternehmen weiter strukturell zerschlagen. Endzeitstimmung bei den Kolleginnen und Kollegen!“

So offenkundig der Druck der Konzernleitung angesichts der Krise bei Vattenfall ist: Alternativen jenseits von Vattenfall kommen bei den Betriebsräten und deren Gewerkschaften nicht an: In Hamburg und Berlin haben sich starke Bürgerbündnisse auf den Weg gemacht, die heute noch von Vattenfall betriebenen Stromnetze und in Hamburg zusätzlich noch das gesamte Fernwärmenetz samt Kraftwerken und Kunden vollständig zu rekommunalisieren. Während in Berlin derzeit das Volksbegehren läuft, ist in Hamburg klar, dass es am 22. September zum Volksentscheid kommen wird.

Für die Beschäftigten könnte das bedeuten, jenseits einer privatwirtschaftlich organisierten Aktiengesellschaft mit dem Streben nach hohen Gewinnmargen wieder im öffentlichen Bereich tätig zu sein. In einem kommunalen Unternehmen, dass nicht maximalem Profit verpflichtet ist, sondern der Daseinsvorsorge. (Siehe auch: Heinz-J. Bontrup und Ralf-M. Marquardt, Arbeitspapier derBöckler-Stiftung, “Chancen und Risiken der Energiewende” (download als PDF).)

Doch mit dieser Perspektive tun sich die Gewerkschaften schwer, die sonst gern die Energieversorgung als Bereich der Daseinsvorsorge immer wieder als wichtigen Grundpfeiler betonen.

Gewerkschaften, Energiewende und Rekommunalisierung:

Rekommunalisierung – Schweres Thema ausgerechnet für Gewerkschafter

Die Energiewende ist eine Chance für Arbeitsplätze

Chancen und Risiken der Energiewende

 

Vattenfalls Stern auf dem Rückzug – Was hat dich bloß so ruiniert?

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Vattenfall auf dem Rückzug? Das Deutschland-Engagement des schwedischen Stromkonzern steht offenbar in den Sternen. Foto: Dirk Seifert

Der schwedische Stromkonzern Vattenfall ist schwer angeschlagen und könnte sich auch aus seinem Geschäft in Deutschland zurückziehen. Offenbar gibt es immer mehr Stimmen, bis hinein in die schwedische Regierung, die eine solchen Rückzug fordern. Hohe finanzielle Verluste von rund vier Milliarden Euro, sinkende Gewinne in Deutschland und den Niederlanden aufgrund überteuerter Investitionen, geringer Stromnachfrage und sinkender Strompreise machen dem Unternehmen schwer zu schaffen.

Von eigentlich keiner Seite wird bestritten, wie kritisch die Lage bei Vattenfall derzeit ist und dass die Debatte um einen Rückzug ernst zu nehmen ist. Wie heftig die Probleme sind, zeigt sich z.B. daran, dass sich jetzt auch der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft IG-BCE und  Vattenfall Aufsichsrats-Vize Ulrich Freese gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters äußert: „Vattenfall hat in den letzten Jahren in anderen europäischen Ländern enorme Zukäufe getätigt“… „Wenn sich diese Aktivitäten im Nachhinein als nicht profitabel herausstellen sollten und Vattenfall deswegen jetzt zu Verkäufen in Deutschland gezwungen ist, dann kann es dabei nur um einen Gesamtverkauf und nicht um Einzelverkäufe gehen.“ Ein Auseinandernehmen des Unternehmensverbunds von Bergbau, Energie und den Tochterfirmen brächte nur Nachteile mit sich, mahnte Freese.“ Und Reuters schreibt außerdem mit Bezug auf Fresse: „Die Gewerkschaft IG BCE warnte davor, dass eine Zerschlagung des Vattenfall-Konzerns die Energiewende in Deutschland schwächen könnte.“

Eine solche Warnung macht aber nur Sinn, wenn es bei Vattenfall tatsächlich ernst zu nehmende Debatten um einen Rückzug gibt – sonst würde ein Gewerkschafter solche Statements nicht machen! Wenn aber Gewerkschaftsobere derart deutlich werden, muss es bei Vattenfall mehr als nur hoch her gehen. Und: Interessant, das Fresse dann gleich den vollständigen Rückzug ins Spiel bringt und davor warnt, nur einzelne Scheiben aus dem Deutschland-Geschäft abzutrennen.

Dahinter steckt offenbar die Sorge, dass Vattenfall – insbesondere nach dem Scheitern der Pläne für eine unterirdische Lagerung von CO2 – sich aus dem Braunkohle-Geschäft zurück ziehen könnte und damit vor allem Ostdeutschland und die Lausitz verscherbeln würde. Schon im Dezember 2012 hatte es hier erheblichen Wirbel gegeben. (Siehe: Vattenfall Braunkohle – Wirre Kommunikation und Rekordergebnis für die Klimakatastrophe). Vattenfall war von seinem Aktionär, der schwedischen Regierung, wegen seiner hohen CO2-Emissionen und viel zu wenig Investitionen in Erneuerbare Energie schwer kritisiert worden. In Ostdeutschland wurde dies als Ausstieg aus der Braunkohle aufgefasst und Vattenfall versuchte mühselig zu erklären, dass man weiter an der Braunkohle festhalten werden.

Ein Eiertanz, der nicht zu verstehen war. Heutige Pressemeldungen, nach denen Vattenfall bereits seit November den Verkauf eines sächsischen Braunkohle-Kraftwerks-Block sondiert (siehe unten), werden diese Reaktion mehr als verständlich. Offenbar wächst bei der IG BCE, die vor allem in Ostdeutschland/Lausitz im Braunkohlebergbau bei Vattenfall betroffen ist, die Sorge, dass es zum Kahlschlag kommen könnte.

Vattenfall hat inzwischen auch angekündigt, europaweit 2.000 Arbeitsplätze abbauen zu wollen. (Siehe auch hier: Vattenfall – Streit mit Beschäftigten nimmt zu!)

Tatsächlich scheinen sich immer mehr Stimmen in Schweden dahin gehend zu äußern, dass es möglicherweise besser wäre, das Vattenfall-Abenteuer in Deutschland zu beenden. „Das sozialdemokratische „Aftonbladet“ nennt ihn (den Konzern Vattenfall) einen „arroganten Umweltschurken““, berichtet das Handelsblatt. Auch den schwedischen Grünen scheint das klimaschädliche Wirken von Vattenfall in Deutschland nicht zu gefallen. Vor allem aber schreibt das Handelsblatt: „Vereinzelt wird auch im Regierungslager für einen Verkauf der deutschen Beteiligungen plädiert. „Es ist hoffnungslos für ein Staatsunternehmen, bei uns den schwedischen Vorgaben für die Klimapolitik zu folgen und in Deutschland denen deutscher Politiker“ seufzte der liberale Wirtschaftspolitiker Carl B. Hamilton im Rundfunk. Sein Wunsch: „Hauptsache, sie können teuer verkaufen.““

Seit Wochen stehen Regierungspolitiker in der schwedischen Presse ebenso unter Druck wie das Vattenfall-Managment selbst: Konkreter Anlass ist der Kauf des niederländischen Stromkonzerns Nuon im Jahr 2009, der sich jetzt auf die Gewinne von Vattenfall deutlich negativ auswirkt. Der Preis gilt als völlig überteuert: “Der Kaufpreis von über zehn Milliarden Euro war von vielen Seiten als zu hoch kritisiert worden. Nach der Übernahme sei Vattenfall deshalb regelmäßig hinter den Gewinnerwartungen zurückgeblieben.” Radio Schweden berichtet: “Die schwedische Regierung hat jegliche Verantwortung beim Vattenfall-Geschäft in den Niederlanden abgewiesen.“ (siehe hier). Allerdings: Damit ist die Sache nicht vom Tisch: Denn der für Nuon gezahlte Preis ist selbst laut Aussage des seit Ende 2009 amtierenden Vattenfallchefs Öystein Löseth, der bei Vertragsabschluss noch für Nuon arbeitete, viel zu hoch gewesen.” (Siehe: “Schweden empört sich über Vattenfalls Größenwahn”) Das wird noch einiges zu klären sein, wer für die enorme Fehlinvestition verantwortlich ist.

Selbst die Kommunikations-Abteilung bei Vattenfall Deutschland bestätigt, dass die Debatte über einen Rückzug von Vattenfall aus Deutschland sehr ernst zu nehmen ist: „Vattenfall-Sprecher Banek meint: „Die Debatte ist absolut relevant, ob wir statt eines internationalen Konzerns wieder ein skandinavischer Regionalversorger sein sollen.““, zitiert das Handelsblatt.

Als Begründung werden nicht nur massive finanzielle Verluste und daraus resultierende Probleme genannt. Auch die völlig unterschiedlichen Anforderungen und Realitäten zwischen Schweden und Deutschland werden betont: In Schweden soll auch über 2020 hinaus der Anteil der Atomenergie rund 50 Prozent betragen und Vattenfall soll mit dem Neubau von Atomkraftwerken seinen Beitrag leisten. In Deutschland ist der Atomausstieg beschlossene Sache und die nach Fukushima abgeschalteten AKWs Brunsbüttel und Krümmel stellen nicht nur einen finanziellen Verlust dar. Die Pannenserien in diesen AKWs und kommunikative Fehler bis hin zu Falschdarstellungen haben Vattenfalls Image in Deutschland weitgehend ruiniert. Meldungen, dass Vattenfall weiter auf Atomkurs ist, versteht in Deutschland niemand mehr.

Umgekehrt ist man in Schweden mehr als nur irritiert, dass Vattenfalls Engagement in Deutschland wegen der enorm hohen Braunkohleverbrennung dazu führt, dass ein schwedisches Unternehmen europaweit zu den schlimmsten Klimasündern gehört. Auch hier räumt der deutsche Vattenfall-Sprecher ein, dass es massive Probleme mit dem Headquarter in Schweden gibt. Das Manager-Magazin zitiert: „Es ist in Schweden kaum zu vermitteln, warum wir in Deutschland auf Braunkohle setzen müssen“, räumt Vattenfalls Kommunikationschef Ivo Banek ein.

Über 80 Prozent des Vattenfall-Strom in Deutschland wird in der besonders klimaschädlichen Braunkohleverbrennung erzeugt. Dabei wird die Braunkohle im Tagebau abgebaut, große Landstriche vor allem in der Lausitz verwüstet und Dörfer abgerissen und Menschen vertrieben, wenn sie dem Abbau im Wege sind. Wiederholt protestierten Betroffene aus der Lausitz in Stockholm. (Siehe: Vattenfall – Ganze Dörfer müssen weg und Radio Schweden – “Vattenfall zaghaft bei grünem Strom” und Vattenfall, Bürgerinteressen und der Klimaschutz – Dorf weg, Braunkohle her!)

Als aktuellen Hinweis, wie tiefgreifend Vattenfalls Probleme und wie ernst die Debatte um einen Rückzug aus dem Deutschland-Geschäft sind, wird in den hiesigen Medien darin gesehen, das Vattenfall den Verkauf des Block R des Braunkohlekraftwerks im sächsischen Lippenstedt sondiert. Der Block hat eine Leistung von 920 MW. Diese Sondierung, so das Manager-Magazin „habe bereits im November mit zwei Investmentbanken“ begonnen.

Immer wieder war in den letzten Jahren darüber spekuliert worden, dass Vattenfall aufgrund seiner enorm hohen CO2-Emisssionen und den Forderungen aus Schweden, diese endlich deutlich zu senken, Kraftwerksbeteiligungen abstoßen würde. Zuletzt musste Vattenfall sogar einräumen, dass die Klimaschutz-Verabredungen mit der Stadt Berlin kaum einzuhalten wären. Nun wird aus Spekulationen möglicherweise Realität.

Allerdings wäre ein solcher Verkauf, wenn er denn angesichts des Stromüberangebots, der sinkenden Strompreise und dem Ausbau der Erneuerbaren Energien überhaupt gelingt, nur ein kleiner Schritt, der das Problem noch lange nicht löst. Denn gerade erst ist in Boxberg ein neuer Braunkohle-Kraftwerksblock in Betrieb genommen worden und in 2014 soll in Hamburg-Moorburg ein 1.600 MW Steinkohlekraftwerk ans Netz gehen.

Nicht nur die Reduzierung der absurd hohen CO2-Emissionen für Vattenfall Deutschland stellt ein kaum lösbares Problem dar. Hinzu kommt, dass auch massive finanzielle Probleme damit verbunden sind.

Vor allem das im Bau befindliche Steinkohlekraftwerks Moorburg könnte Vattenfall zusätzlich teuer zu stehen kommen: Aufgrund von Bauverzögerungen von über zwei Jahren, hohen Umweltauflagen und weitgehenden Einschränkungen bei der Kühlwasserentnahme aus der Elbe sowie der entgegen ehemaligen Planungen nicht mehr möglichen Fernwärmeauskopplung, haben sich die Herstellungs- und Betriebskosten deutlich verteuert. Ob dieses Kraftwerk jemals wirtschaftlich betrieben werden kann, steht derzeit in den Sternen und vieles spricht dafür, dass dieses Kraftwerk die Bilanzen von Vattenfall zusätzlich schwer belasten wird.

Damit nicht genug: In Berlin und Hamburg droht dem Unternehmen der Verlust der Stromnetze, in Hamburg auch der Verlust des gewinnträchtigen Fernwärmenetzes samt der mit ihm verbundenen Erzeugungsanlagen einschließlich aller Kunden.

In Hamburg wird darüber im September ein Volksentscheid stattfinden, der die Energienetze der Hansestadt wieder zu 100 Prozent in die öffentliche Hand bringen will. Und eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Hamburger Abendblatt kommt im Februar zu dem Ergebnis, das 64 Prozent der HamburgerInnen diese Forderung unterstützen. In Berlin läuft noch bis Juni ein Volksbegehren, um Vattenfall das Stromnetz abzunehmen und kommunale Stadtwerke zu gründen. Selbst in Schweden geht man davon aus, dass Vattenfall keine Chance hat, die Netze als Geschäftsbereich zu retten. Der Sender Radio Schweden stellte jüngst im Grunde beschönigend auf seiner Homepage fest: “Die Energiewende in Deutschland wird den staatlichen schwedischen Energiekonzern Vattenfall vermutlich sein Stromnetz in Berlin kosten.“ (siehe: Berlin: Kein Stromnetz mehr für Vattenfall?!)

Siehe auch: Vattenfall – Kein Partner für Hamburg

Kleiner Kulturtipp zum Schluss: Die Sterne – Was hat dich bloß so ruiniert?

Vattenfall: Eine Milliarde Euro für die Klimakatastrophe

Braunkohle-Cottbus-LacomaVattenfall meldet einen weiteren Beitrag für die Klimakatastrophe: In Boxberg ist nun eine neuer Block eines Braunkohlekraftwerks offiziell in Betrieb gegangen. Laut Mitteldeutscher Zeitung: „In die Anlage mit 675 Megawatt wurden rund eine Milliarde Euro investiert, wie der Energiekonzern Vattenfall am Donnerstag in Boxberg mitteilte.“ Braunkohle ist die klimaschädlichste Variante der Stromproduktion. Über 80 Prozent seines Stroms erzeugt Vattenfall in dieser Form. Der Betrieb der Anlage schreibt die CO2-Emissionen aus wirtschaftlichen Gründen für einen Zeitraum von rund 40 Jahren fest. Mit Energiewende, erneuerbaren Energien und Klimaschutz haben Braunkohlekraftwerke nichts zu tun!

Siehe auch: Vattenfall – Ganze Dörfer müssen weg.

Außerdem in diesem Blog:

“Schweden empört sich über Vattenfalls Größenwahn”

Radio Schweden – “Vattenfall zaghaft bei grünem Strom”

Vattenfall Braunkohle – Wirre Kommunikation und Rekordergebnis für die Klimakatastrophe

Kolumbien: “Blutige Kohle” für deutschen Strom – Menschrechtsverletzungen und Umweltzerstörung

 

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