Keine Atomtransporte durch Hamburg – 1989/90

1989: Atomtransporteblockade im Hamburger Hafen

Der Betrieb von Atomkrafwerken wäre ohne die zahllosen Atomtransporte nicht vorstellbar. Ende der 80er Jahre – die AKWs waren fertiggebaut und in Betrieb – rückten diese gefährlichen Transporte in den Focus der Anti-Atom-Bewegung. Ihren hochradioaktiven Atommüll schickten die deutschen Betreiber von den AKWs mit Castortransporten zu den Plutoniumfabriken in Frankreich (La Hague) und nach England (Sellafield). Das wurde damals als Entsorgung bezeichnet.

Atommüll auf Geisterfahrt. Hochradioaktive Brennelemente per Castor vom AKW Brunsbüttel auf dem Weg nach Frankreich. Foto: Dirk Seifert

Aber nicht nur diese Transporte waren für den Betrieb der AKWs erforderlich: Für die Herstellung von Brennelementen mußte Uran transportiert werden. Als Urandioxid wurde es zu Anlagen gebracht, die es zu Uranhexafluorid (UF6) verarbeiteten. So konnte es angereichert und später zu Urantabletten werden und für die Brennstäbe genutzt werden.

Dass dies ein System von weltweiten Atomtransporten darstellte, wurde im Zusammenhang mit Plutoniumtransporten über die Häfen von Lübeck nach Schweden ca. 1988 deutlich. Während diese Transporte für massive Proteste sorgten, zeigte sich: Zahllose weitere Atomtransporte mit Uranprodukten kamen aus oder über Deutschland Richtung Schweden und von dort wurden Uranprodukte nach Deutschland, Frankreich oder in die Schweiz verschickt.

Die „Godewind“ im Hamburger Hafen entlädt ihre atomare Fracht. Der LKW mit dem strahlenden Material wird am Anleger blockiert.

Die Proteste sorgten schließlich dafür, dass die Lübecker Häfen für Atomtransporte nicht mehr in Frage kamen. Stattdessen rollten diese Atommaterialien ab 1989 durch den Hamburger Hafen. Das gesamte Atomgeschäft von und nach Schweden wickelte jetzt der Frachter „Godewind“ ab. Immer wieder kam es zu Protesten und Blockaden im Hafen, wurden Transporte mit Uranoxid, UF6 oder frische Brennelemente an der Weiterfahrt gehindert. Zusätzlich durchfuhren hochradioaktive Castortransporte die Hansestadt, mitten durch die dichtbesiedelte Großstadt und den Hauptbahnhof. Diese Risiken hatte bis dahin kaum jemand auf dem Zettel, die Medien reagierten mit Berichten über diese Seite des atomaren Wahnsinns.

In den Auseinandersetzungen um die Atomtransporte durch Hamburg forderten die Anti-Atom-Gruppen die Umweltbehörde auf, aktiv zu werden. Als Antwort auf ein Flugblatt der Initiativen „Keine Atomtransporte durch Hamburg (1989)“ (PDF) reagierte die Umweltbehörde schließlich mit einer Bürgerinformation: „Kernbrennstofftransporte durch Hamburg (1989)“ (PDF).

Die Umweltbehörde Hamburg schließt in ihrer Bürgerinformation auch schwere Unfälle bei Atomtransporten nicht aus: „Unfälle beim Transport von Kernbrennstoffen sind möglich. So kam es in den USA, in Großbritannien, aber auch in der Bundesrepublik zu Unfällen bei Transporten von radioaktiven Stoffen. ln einigen Fällen wurde dabei Radioaktivität freigesetzt.“

Und sie beschreibt, welche Folgen das haben kann, würde es zu einem solchen Unfall kommen: „Bis zu einer Entfernung von ca. einem Kilometer kann die maximal mögliche Dosis so hoch werden, dass das Gebiet langfristig unbewohnbar wäre. Das Gebiet, innerhalb dessen eine Dekontamination erforderlich werden kann, erstreckt sich dann bis zu etwa sechs Kilometer vom Unfallort“.

Auch vor den Gesundheitsrisiken warnt die Behörde: „Das Risiko einer Krebserkrankung, die auch erst Jahre später ausbrechen kann, wird dadurch langfristig erhöht. Bei einem schweren Unfall mit Freisetzung bestimmter radioaktiver Stoffe (z.B. Uranhexafluorid) besteht am Unfallort akute Lebensgefahr.“

Pressekonferenz über die Studie zu den Atomtransporten über das Gebiet der Freien und Hansestadt Hamburg. Umweltsenator Jörg Kuhbier (SPD, links), Wolfgang Neumann und Ulrike Fink (Gruppe Ökologie)

Außerdem hatte die Umweltbehörde eine umfassende Studie bei der damaligen Gruppe Ökologie in Auftrag gegeben. Diese bilanzierte sämtliche Atomtransporte durch Hamburg, betrachte die Strecken, untersuchte Unfallmöglichkeiten und -Risiken und machte Vorschläge vor allem für den Strahlenschutz bei den Beschäftigten im Hamburger Hafen. Die Bundesbahn – zuständig vor allem für die brisanten Castortransporte – verweigerte die Zusammenarbeit.

Die Atomtransporte mit der „Godewind“ konnten Ende 90/Anfang 91 schließlich erfolgreich verhindert werden. Der Hamburger Arbeitskreis gegen Atomanlagen bilanzierte die Aktivitäten gegen die Atomtransporte seinerzeit in der Broschüre „DIE GROSSE VERLADE – Atommüll auf Geisterfahrt“ (PDF). Allerdings: Die Atomtransporte von und nach Schweden finden weiterhin statt – per LKW auf der Autobahn, und meist Nachts durch den Hamburger Elbtunnel, werden die Atomtransporte über einen Hafen in Dänemark verschifft.

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