Klimaproteste gegen RWE Braunkohle: Umweltverbände solidarisch mit EndeGelände und zivilem Ungehorsam

Zahlreiche Umweltverbände und Organisationen haben heute ihre Solidarität mit den Aktionen des zivilen Ungehorsams rund um die kommenden Klimaproteste im Rheinland erklärt. Im Fokus stehen dabei die von „EndeGelände“ organisierten Aktionen, dürfte aber vermutlich auch z.B. für „Kohle erSETZEN“ gelten. An diesem Wochenende beginnt das Klima-Camp im Rheinland. Der Protest richtet sich gegen den weiteren Braunkohleabbau durch RWE in NRW und fordert von der Bundesregierung einen sofort beginnenden Ausstieg aus der Stromerzeugung mit Kohle, da sonst die Klimaschutzziele in keiner Weise erreichbar wären. Außerdem müsse das Abbaggern von Dörfern endlich gestoppt werden. BUND und andere Umweltverbände rufen außerdem zur Demonstration „Rote Linie gegen Braunkohle“ für den 26. August in Kerpen auf. Die Kundgebung darf ich netterweise moderieren.

Die Solidaritätserklärung ist hier auf der Seite von EndeGelände online, hier ist sie z.B. beim BUND zu finden. UmweltFAIRaendern dokumentiert den Text hier im Anschluss.

Solidarität mit dem Protest gegen die Kohleverstromung im August und November 2017

Die Ziele des Pariser Abkommens können ohne Kohleausstieg nicht erreicht werden

Die Regierungen dieser Welt haben in Paris beschlossen: Der Großteil der fossilen Energien muss im Boden bleiben. Denn die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas ist die Hauptursache des globalen Klimawandels. Er verursacht Dürre und Hunger, Artensterben, Wetterextreme und Überflutungen. Millionen Menschen, besonders im Globalen Süden, bedroht der Klimawandel schon heute in ihrer Existenz und zwingt sie zur Flucht.

Im November findet der UN-Klimagipfel in Bonn statt – nur 50 Kilometer entfernt vom Rheinischen Braunkohlerevier, der größten CO2-Quelle Europas. Es könnte kaum klarer verbildlicht werden: Ob es wirklich einen Wendepunkt in der internationalen Klimapolitik gibt, entscheidet sich auf der nationalen Ebene der Länder, die historisch wie aktuell die größten Verursacher des Klimawandels sind. Ein zügiger Kohleausstieg in Deutschland ist eine der Voraussetzungen dafür, dass die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad bzw. 1,5 Grad begrenzt werden kann, wie es die Weltgemeinschaft mit dem Pariser Abkommen festgelegt hat.

Gegen die zerstörerische Braunkohle wehren sich seit langer Zeit Menschen vor Ort ebenso wie Umweltverbände und andere Organisationen. Sie fordern einen nachhaltigen Strukturwandel für die Kohlereviere und zukunftsfähige Arbeitsplätze statt Kohleindustrie, denn eines ist sicher: Die Kohleverstromung hat keine Zukunft!

Gleichzeitig verstehen sich immer mehr Menschen als Teil einer globalen Bewegung für Klimagerechtigkeit. Denn sie halten es für falsch, dass wenige Menschen von dem mit Hilfe fossiler Energien erzeugten Wohlstand profitieren, viel mehr Menschen aber unter den durch ihre Emissionen verursachten Klimawandelfolgen leiden. Weltweit finden Proteste gegen fossile Infrastruktur statt.

Der Konsens der Kampagne „Ende Gelände“ betont Sicherheit und Transparenz für alle Beteiligten und schließt die Zerstörung von Infrastruktur und eine Gefährdung von Menschen durch die Aktion aus. Ziviler Ungehorsam gegen existenzielle Gefahren und Missstände hat eine lange und bedeutende demokratische Tradition. So würde es ohne den – auch ungehorsamen – Widerstand gegen Atomkraft keinen Atomausstieg geben. Die entschlossene, aber friedliche Aktion “Ende Gelände” im Jahr 2015 im Rheinland und 2016 in der Lausitz hat diese Tradition eindrucksvoll aufgenommen.

Wir, die unterzeichnenden Organisationen, sind erschüttert über die Politik des Wegschauens und die existenzielle Gefährdung von weltweit Millionen Menschen durch den Klimawandel. Wir können angesichts der bedrohlichen Klimakatastrophe nachvollziehen, wenn sich jetzt Menschen zum zivilen Ungehorsam gegen den Kohleabbau gezwungen sehen.

„Ende Gelände“ ist ein aufrüttelndes Signal zum Ausstieg aus einer zerstörerischen Technologie, für den globalen Erhalt der Umwelt und für gelebte Solidarität mit unseren Mitmenschen weltweit, insbesondere denen, die schon heute vom Klimawandel bedroht sind. Daher erklären wir uns solidarisch mit allen Menschen in ihrem friedlichen Protest gegen die Kohle.

Unterzeichnende Organisationen

  • 350.org
  • Bawyern Allianz für Atomausstieg und Klimaschutz
  • BüfA – Bündnis für Atomausstieg und erneuerbare Energien Regensburg
  • BürgerBegehren Klimaschutz
  • buko
  • BUND
  • BUNDjugend
  • Campact
  • Inkota
  • konzeptwerk neue ökonomie
  • NaturFreunde
  • Oxfam Deutschland
  • Power Shift
  • Robin Wood
  • Umweltinstitut München
  • urgewald

Kein Klima mit Atomenergie – Zdebel unterschreibt Don´t nuke the climate

Eher im Stillen werkeln Freunde der Atomenergie, um diese Katastrophentechnik als Ausweg aus der Klimakatastrophe im Spiel zu halten. Mit Blick auf die Klimakonferenz COP23 im November in Bonn mobilisiert ein Bündnis, um dafür zu sorgen, dass sich diese Atomfreunde nicht aus Geldern und Fonds zum Klimaschutz finanzieren: „Don´t nuke the climate“ heißt die Kampagne, deren Resolution der Bundestagsabgeordnete Hubertus Zdebel (Fraktion DIE LINKE) jetzt unterschrieben hat. (Foto: MdB Zdebel mit VertreterInnen der BI Lüchow Dannenberg vor dem Pariser Klimagipfel 2015)

Zdebel: „Absurder geht es nicht: Klimakatastrophe mit dem Super-GAU-Atommüll-Wahnsinn austrieben. Die Energiewende und Klimaschutz brauchen keine Atomkraftwerke. Die Finanzquellen für Atomprojekte müssen ausgetrocknet werden.“

  • Über die Klimaproteste 2017 im Rheinland für den Ausstieg aus der Braunkohle informiert MdB Hubertus Zdebel hier. Hintergrundinformationen auf dieser Seite zu den Klimaprotesten unter diesem Link.

Das Bündnis fordert die Staaten in der UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change) auf, Ausgaben des Green Climate Fund für Technologien zu verbieten, welche die gesellschaftlichen und ökologischen Folgen des Klimawandels verschlimmern, wie Atomkraft, sogenannte „saubere“ Kohle, Großwasserkraftwerke, Gas- und Ölfracking, Wald- und Nahrungsbiomasse und REDD+ – diese werden weitgehend als falsche Lösungen angesehen und beinhalten häufig Menschenrechtsverletzungen.

G20@Hamburg – Grundrechtekomitee zur Geschichte der Eskalation eines einwöchigen Protestgeschehens

Der G20@Hamburg ist noch lange nicht vorbei. Was genau ist dabei alles passiert? Wer trägt dafür Verantwortung? Die Aufklärung läuft auf vielen Ebenen. Bitter, dass der rot-grüne Senat einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss blockiert und stattdessen nur einen unverbindlichen Sonderausschuss zur Aufklärung zulässt. Gab es Polizeigewalt und welche? Waren die Einsätze verhältnismäßig? Wie ist die Polizei und wie sind die politisch Verantwortlichen mit dem Demonstrationsrecht und Grundrechten umgegangen? Ermittlungen laufen auch gegen viele Polizeibeamte und Medien weisen auf Unstimmigkeiten der Polizeidarstellungen hin. Von den aus dem Ruder gelaufenen Aktionen in der Nacht am Donnerstag und Freitag haben sich viele distanziert, auch die Rote Flora. Bemerkenswert aber auch: Trotz einer 40 Quadratkilometer großen Demo-Verbotszone (auch Allgemeinverfügung genannt) demonstrierten viele Tausende genau dort und 76.000 bei der Abschlussdemonstration. Das Grundrechtekomitee hat jetzt einen Bericht vorgelegt, in dem die Geschichte der Eskalation während der G20-Tage in Hamburg auf Basis von zahlreichen BeobachterInnen nachgezeichnet wird.

In der Ankündigung zu diesem Bericht des Grundrechtekomitees heißt es: „Geschichte der Eskalation eines einwöchigen Protestgeschehens

Demonstrationsbeobachtung des Komitees für Grundrechte und Demokratie vom 2. bis 8. Juli 2017 in Hamburg zum G20

Das Komitee für Grundrechte und Demokratie legt auf der Grundlage der Demonstrationsbeobachtungen von 43 Beobachter*innen einen ersten ausführlichen Bericht über die Proteste gegen G20 in Hamburg vor und schließt sich der Forderung nach einer unabhängigen Untersuchungskommission an. (siehe Anlage)

Anders als in der ersten medialen Berichterstattung waren die Blicke der Demonstrationsbeobachter*innen auf die angekündigten Versammlungen gerichtet und nicht auf die Riots, die Randale oder den Aufstand, der die Freitagnacht im Schanzenviertel prägte. Damit stand vor allem die polizeiliche Gewalt im Mittelpunkt der Wahrnehmung, die Zumutungen vom Ignorieren des Gerichtsbeschlusses auf das Recht, ein Camp in Entenwerder zu errichten (Sonntag, 2. Juli 2017), über die gewaltsame Auflösung der friedlichen „Welcome to hell“-Demo bis zur teilweise rücksichtslosen Gewalt gegen Gruppen und Einzelne am Tag des Zivilen Ungehorsams. Und auch noch bei der Großdemonstration am Samstag musste feststellt werden, dass der Schutz des Versammlungsrechts missachtet wurde. In die Versammlung wurde immer wieder polizeilich eingegriffen.

Wir gehen davon aus, dass noch immer viele Fragen gestellt werden müssen: Wie war es möglich, dass die Polizei dermaßen außerhalb der Rechtsordnung agieren konnte? Wo ist die politische Kontrolle des Polizeiapparats geblieben? (…) Zu fragen ist auch, welche Bundesbehörden – vom Bundesministerium des Inneren, über Bundeskriminalamt und dem Bundesamt für Verfassungsschutz bis hin zum Kanzleramt – in welchem Maß Einfluss auf die Planungen im Umgang mit dem Protest genommen haben.

Wissenschaftler*innen fordern eine unabhängige Untersuchungskommission statt eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Wir unterstützen diese Forderung mit Nachdruck. Es muss eine unabhängige Kommission gebildet werden, die frei von parteipolitischen Interessen die Vorgänge aufklärt, analysiert und Schlussfolgerungen zieht. Unabhängige Sachverständige, Wissenschaftler*innen, Beobachter*innen, Rechtsanwält*innen müssen das Recht haben, auch amtliche Materialien einzusehen und Zeug*innen anzuhören.

Zugleich muss sich aber auch die linke Bewegung fragen, wie sie die Diskussionen über legitime Proteste, über Ausdrucksformen und Mittel miteinander diskutieren will. Radikale linke Kritik muss sich immer neu fragen, wie Proteste so organisiert und kommuniziert werden können, dass ihre radikale Kritik zum Ausdruck kommt, ohne sich in revolutionären Gesten zu gefallen, die der gegenwärtigen Zeit und den vielen Erfahrungen mit gewaltvollen Revolutionen nicht entsprechen.

Insofern ist auch dieser Bericht noch ein vorläufiger. Es bleibt noch viel zu tun, aber wir hoffen mit diesem Überblick einen Beitrag dafür geschaffen zu haben.“

Elke Steven, Komitee für Grundrechte und Demokratie/ Committee for fundamental Rights and Democracy

 

AG Schacht Konrad – Die etwas andere Bürgerinitiative feiert 30 Jahre Atom-Widerstand

Atommülllager Schacht Konrad? Bis heute ist das nur ein Plan. Dass das so ist, ist ohne Frage ein Verdienst auch und besonders der AG Schacht Konrad, die am 26. August ihr 30-jähriges Bestehen feiert. Natürlich bin ich Mitglied der AG und natürlich gehen die besten Wünsche nach Salzgitter! Schon seit Wochen finden Veranstaltungen statt, die dieses Jubiläum gebührend würdigen. Leicht- und mittelradioaktiver Abfall soll künftig im Schacht Konrad in Salzgitter versenkt werden. Wie bei Gorleben, hat es nie einen Alternativenvergleich gegeben und wie ASSE und Morsleben ist Konrad eine bereits benutze Rohstoffquelle, in der früher Eisenerz abgebaut wurde. Heute wäre sowas nicht genehmigungsfähig. Die AG Schacht Konrad ist eine etwas besondere Bürgerinitiative. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft sind kommunale Gebietskörperschaften, Firmen, Interessenvertretungen aus Betrieben, Landwirtschaft und Bildung, Parteigliederungen, Initiativen und Organisationen aus den Bereichen Umwelt und Frieden und natürlich Bürgerinitiativen und Einzelpersonen aus der ganzen Region. (Mitgliederliste)

Das Programm der AG Schacht Konrad Jubiläumsfeier 30Jahre  als PDF. Bundesweit ist die „AGSK“ bestens im Anti-Atom-Widerstand vernetzt. Das Leitmotto der Arbeit der AG ließe sich vielleicht so zusammenfassen: „Atommüll, der gar nicht erst entsteht, braucht auch nicht im ungeeigneten Schacht Konrad eingelagert zu werden“. Getreu einem solchen Motto sind die AktivistInnen der AGSK denn auch nicht nur an vielen Atom-Standorten immer mal gern präsent, sondern haben auch erhebliche Bedeutung bei Netzwerken wie der Atommüllkonferenz oder dem Atommüllreport.

Betrüblich an der 30-Jahr-Feier ist eigentlich nur eins: Weil ich bei den Klimaprotesten im Rheinland dabei sein werde und dort das Vergnügen habe, am 26. August die Kundgebung der Demonstration „Rote Linie gegen Braunkohle“ zu moderieren, kann ich leider in Salzgitter nicht dabei sein. Trotzdem geht ein fettes Danke für die bisherige Arbeit an die AG Schacht Konrad und die dortigen Aktiven. Und natürlich die besten Wünsche für eine erfolgreiche Arbeit in der Zukunft!

Rot-grünes Versagen und schwarz-gelbe Ignoranz – Wie in NRW der Klimaschmutz vor die Wand fährt

Aus Anlass der Braunkohleproteste, die in weniger als zwei Wochen (vom 24. bis 29. August) im Rheinischen Revier stattfinden werden, befasse ich mich in einer kleinen Artikelserie mit den Hintergründen der Klimaproteste, u.a. den Zielen des Pariser Klimaabkommens, der Ideologie des ‚grünen‘ Kapitalismus und der Analyse von Karl Marx zum Verhältnis von Kapitalismus und Ökologie. Auch DIE LINKE ist Teil des Widerstands gegen die Profitmaximierung der Energieriesen auf Kosten von Mensch und Umwelt und gegen die rückwärtsgewandte Klimapolitik der Bundesregierung. Wie schon in den letzten beiden Jahren werde ich auch Ende August als parlamentarischer Beobachter bei den Protesten im Rheinischen Revier vor Ort sein. Heute blicke ich noch einmal genauer auf das Land Nordrhein-Westfalen, das Versagen der alten rot-grünen Landesregierung und die noch stärkere klimapolitische Ignoranz der neuen schwarz-gelben Landesregierung.

  • Foto: „Das südlich von Grevenbroich gelegene Kraftwerk Neurath verursachte 2015 die zweithöchsten Treibhausgasemissionen aller europäischen Kraftwerke. Es wird maßgeblich mit Braunkohle aus dem nahegelegenen Tagebau Garzweiler betrieben, der bereits 2015 Ziel der Klimaproteste war.“ Wikipedia, CC BY-SA 3.0, Tetris L)

Das Rheinische Braunkohlerevier ist genau der richtige Ort für die anstehenden Klimaproteste. NRW kommt in Sachen Klimaschutz nämlich eine Schlüsselrolle innerhalb Deutschlands zu. Mehr als ein Drittel der bundesweiten CO2-Emissionen werden im bevölkerungsreichsten Bundesland ausgestoßen. Nicht nur sind hier mit RWE, E.ON und STEAG drei der größten Energiekonzerne ansässig. Darüber hinaus stehen im Rheinischen Revier drei der fünf Kraftwerke mit dem größten CO2-Ausstoß in Europa, die alle von RWE betrieben werden (Neurath, Niederaußem und Weisweiler). In NRW kommen drei Viertel des Stroms aus der Kohleverbrennung. Hier wird mehr Kohle verfeuert als in den Vereinigten Staaten von Amerika. RWE ist dabei der größte Klimakiller und versucht seit Jahren mit miesesten Manövern, die Energiewende zu blockieren. Wenn in Nordrhein-Westfalen der Klimaschutz scheitert, dann scheitert er in ganz Deutschland. Wenn hier stattdessen konsequent sozial-ökologisch umgebaut würde, wie es DIE LINKE fordert, hätte das Signalwirkung für die gesamte Bundesrepublik.

Siehe auch die folgenden Hintergrund-Texte:

Rot-Grün: „Einladungen“ an die Energiekonzerne

Umso schlimmer, dass SPD und Grüne in den vergangenen Jahren ihrer Regierungszeit viel über Klimaschutz geredet, aber nur wenig dafür getan haben. Während CDU und FDP die Energiekonzerne ganz offensiv hofieren – dazu später mehr – hatten viele Umweltorganisationen Hoffnungen in Rot-Grün gesetzt. Anfang 2013 hatte die damalige Landesregierung dann tatsächlich das bundesweit erste Klimaschutzgesetz auf Landesebene verabschiedet. Es enthielt durchaus ambitionierte Ziele, die zum Teil über diejenigen des Bundes und der EU hinausgingen. Der CO2-Ausstoß in NRW sollte bis 2020 um 25 Prozent und bis 2050 um 80 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden. Die genauen Maßnahmen sollten im Klimaschutzplan konkretisiert werden, den der damalige Landesumweltminister Johannes Remmel (B90/Die Grünen) nach langem Hickhack 2015 vorlegte.

Außer frommen Wünschen und unzähligen Verweisen auf die Verantwortung der Bundesebene blieb eine bezeichnende Formulierung Remmels im Gedächtnis, der den Kabinettsbeschluss eine „Einladung“ [H3]nannte. Die Energiekonzerne sollten sich durch sanfte Anreize eingeladen fühlen, die Energiewende voranzubringen. Auf Verbindlichkeit oder gar Druck auf die unwilligen Konzerne verzichtete Rot-Grün bewusst. Der Klimaschutz in NRW sollte schiedlich-friedlich marktkonform vonstattengehen. „Einladung“ lässt sich hier also auch anders verstehen. Für die Kohledreckschleudern in NRW bedeutete dies ein „Weiter so“ – keines der drei als größte Dreckschleudern Europas geltenden Braunkohlekraftwerke wurde unter grüner Regierungsverantwortung abgeschaltet – und in den Konzernetagen lachte man sich wieder einmal ins Fäustchen. Von der selbst ernannten Ökopartei war von nun an kein nennenswerter Widerstand mehr gegen die Energieriesen zu erwarten.

In Sachen Kohleausstieg hat sich seitdem in NRW nichts mehr getan. Da hilft auch die Verkleinerung des Braunkohletagebaus Garzweiler II nicht weiter, denn der Rahmenbetriebsplan für das Rheinische Revier gilt unverändert bis 2045. Außer Klimaschutzkosmetik hat Rot-Grün hier nichts zustande gebracht, nicht einmal eine noch so vage Ausstiegsperspektive, die für die Planungssicherheit der betroffenen Regionen so immens wichtig wäre. Ministerpräsidentin Kraft (SPD) erklärte den Kohleausstieg kurzerhand für nicht machbar, kramte dafür das bereits widerlegte Argument der gefährdeten Versorgungssicherheit hervor und es war ihr nicht einmal zu peinlich, sich als Arbeitsplatzretterin zu inszenieren. Na klar, die Hartz-IV-SPD als Arbeiterpartei. Die Parallelen zur Bundesebene sind offensichtlich: Während dort Barbara Hendricks (SPD) die Klimabesorgte mimen darf und Sigmar Gabriel (SPD) als Wirtschaftsminister ihre Klimaschutzpläne zusammenkürzte, durfte sich in NRW Remmel als grüner Klima-Onkel inszenieren, während Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) den Kontakt zu den Energiekonzernen aufrechterhielt und den Umweltminister zur passenden Zeit zurückpfiff.

Schwarz-Gelb: Protektionismus für die Energiekonzerne

Während die rot-grüne Landesregierung also auf ganzer Linie versagte und keines ihrer klimapolitischen Wahlversprechen umsetzen konnte, gelten bei der neuen Landesregierung aus CDU und FDP nochmal ganz andere Maßstäbe. Denn Laschet, Lindner und Co. wollen mit Klimaschutz eh möglichst wenig zu tun haben, weshalb das Wort „Klimaschutz“ auch direkt aus der amtlichen Bezeichnung des Umweltministeriums gestrichen wurde, das nun nur noch „Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz“ heißt. Dessen neue Amtsinhaberin ist Christina Schulze-Föcking (CDU), bis zum Amtsantritt eine stolze Massentierhalterin aus dem Münsterland, die prompt für die Haltungsbedingungen auf dem Hof ihres Mannes in die Kritik geriet. Der Akzent im Ministerium wird sich nun deutlich vom Klimaschutz in Richtung Agrarlobby und Heimattümelei verschieben. Das ohnehin gescheiterte Landesklimaschutzgesetz und den handzahmen Klimaschutzplan von Rot-Grün wollen CDU und FDP direkt wieder einkassieren, da ihnen selbst das zu viel ist. An der Kohleverstromung will Schwarz-Gelb ohne Einschränkungen festhalten.

In fast schon trumpesker Manier hatte die FDP bereits im Landtagswahlkampf die geplante Energiewende als „teure Ideologie“ beklagt. Stattdessen setze man auf eine „marktwirtschaftliche Lösung der Energiewende“ (O-Ton Christian Lindner während der Vorstellung des schwarz-gelben Koalitionsvertrags). Schwarz-Gelb predigt das neoliberale Dogma, dass der Markt die Dinge von selbst regeln werde: „Planwirtschaftliche Ausbaupfade für erneuerbare Energien werden wir nicht festsetzen.“ (Koalitionsvertrag, S. 41) Mit anderen Worten: Die liberalkonservative neue Landesregierung ist absolut planlos beim Klimaschutz und auch noch stolz darauf. Die Ziele des Pariser Klimaabkommens, zu dem sich CDU und FDP dem Worte nach bekennen, wird sie auf diese Art und Weise krachend verfehlen.

Mit Druck auf der Straße das klimapolitische Rollback verhindern

Dass wirksamer Klimaschutz marktförmig als „grüner“ Kapitalismus inszeniert nicht gelingt, hatte ich bereits in der letzten Woche versucht zu erläutern. Der Witz ist nun aber, dass die neue NRW-Landesregierung es mit der Marktsteuerung der Energiewende selbst offenbar nicht so ernst meint. Zumindest scheint bei ihr der Markt nur aus den Energiekonzernen RWE und Co. zu bestehen, weshalb ich vom Protektionismus der Energieriesen spreche. Den Ausbau der Windenergie will Schwarz-Gelb nämlich drastisch reduzieren, und zwar mit dem vorgeschobenen Argument, dass man auf die Bedürfnisse von Mensch und Landschaften Rücksicht nehmen müsse, wie FDP-Chef Lindner beteuerte. Im Rheinischen Braunkohlerevier scheint mit den Menschen, die unter der Luftverpestung und den Umsiedelungen leiden, und mit den Mondlandschaften hingegen alles in Ordnung zu sein. Ein durchsichtiges Manöver des FDP-Strahlemanns, der Politik in guter alter FDP-Manier als Erfüllungshilfe für die Interessen der Großkonzerne interpretiert.

Nicht nur die landeseigenen Klimaschutzziele, die Laschet und Lindner keinen Pfennig wert sind, werden deutlich verfehlt. Auch die Ziele des Pariser Klimaabkommens kann Deutschland nur erreichen, wenn der Kohleausstieg sofort beginnt. DIE LINKE fordert daher einen sozial flankierten Ausstiegsplan, der nicht nur vorsieht, dass spätestens 2035 das letzte Kraftwerk vom Netz sein muss, sondern auch, dass ein Strukturwandelfonds von Bund und Ländern mit mindestens 250 Mio. € jährlich eingerichtet wird. Der Strukturwandel darf nicht auf dem Rücken der Belegschaften ausgetragen werden, sondern RWE und Co. – die jahrelangen Profiteure – müssen zur Kasse. Genug Anlass also für kreative und entschlossene Proteste der Klimabewegung. Nur mit Druck von der Straße kann die Rollback-Politik der neuen Landesregierung gestoppt werden. Bereits in wenigen Tagen, am 18. August, beginnt das Klimacamp im Rheinland.

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