Nach Rekommunalisierung: Hamburg fusioniert Strom- und Gasnetz

Vor dem Hintergrund der Energiewende und dem Umbau weg von fossilen und nuklearen Energieträgern hin zu Erneuerbaren Energien wird Hamburg in den nächsten Jahren schrittweise die beiden per Volksentscheid rekommunalisierten Gesellschaften für das Strom- und das Gasnetz fusionieren. Damit setzt Hamburg den Umbau seiner Energieversorungsstrukturen fort. Im ersten Schtitt war bereits StromnetzHamburg mit HamburgEnergie verschmolzen worden. Verbunden werden sollen zwei sehr unerschiedliche „Partner“: Während der Stromnetz-Ausbau massive Investitionen in den Umbau und die Erweiterung für die Integration erneuerbarer Energien erfordert und wächst, ist das Geschäft mit dem fossilen (Erd)Gasnetz rückläufig und in bisheriger Weise nicht mehr zukunftsfähig. Insbesondere die beiden beteiligten Gewerkschaften Ver.di und IGM Hamburg haben die Fusionspläne kritisch kommentiert. Die Linksfraktion Hamburg begrüßte die Maßnahme energiepolitisch, fordert aber vom Senat als Eigentümer eine Arbeitsplatzgarantie.

Hamburg hat nach dem Volksentscheid „Unser Hamburg – Unser Netz“ die Energienetze von Vattenfall und E.on rekommunalisiert und zu 100 Prozent wieder in öffentliche Hand genommen. Nach der Übernahme wurde zunächst Hamburg Wärme (Fernwärme, Strom) mit Hamburg Energie (Ökostrom-Anbieter) fusioniert. Nun werden die Stromnetz ehemals Vattenfall / IGM und Gasnetz ehemals E.on / Verdi schrittweise verbunden.

Nach der Rekommunalisierung ist immer mal wieder die Rede von einer weiteren Entwicklung zu einer Neuauflage von Stadtwerken, also einem integrierten Unternehmen, in dem alle Versorgungs- und Energiedienstleitungen verbunden werden. Viele Bereiche der Energieversorung und der Daseinsvorsorge könnten auf diese Weise nicht nur unternehmerisch und im Sinne des Klimaschutzes, sondern auch sozial miteinander verbunden werden.

Die beiden ersten Fusionen, die aus vier Unternehmen zu nur noch zwei öffentlichen Energieversorgungsunternehmen führen, könnte also ein Zwischenschritt sein.

Stephan Jersch kritisiert in seiner PM auch die Vorgehensweise des rot-grünen Senats, der die Fusion am Parlament vorbei und auch ohne andere Beteiligungsformate zu nutzen, auf den Weg gebracht hat. Im Sinne einer erweiterten deomkratischen Kontrolle, wie sie der Volksentscheid dem Senat als Aufgabe vorgeschrieben hat, ist dieses Senatsvorgehen in keinem Fall. Erst im August hatte die Linksfraktion mit einem Antrag eine engere Zusammenarbeit von Strom- und Gasnetz gefordert, ohne dass der Senat die  Bürgerschaft als Möglichkeit für eine vertiefte Information zu den laufenden Gesprächen im Hintergrund genutzt hat.

Weder transparent noch beteiligungsorientiert, wie Grüne und SPD im Senat die Energiewende an den Bürger:innen und am Parlament vorbei entwickeln.

Dokumentation: 7.12.2023 – PM Senat: Stromnetz und Gasnetz fusionieren: Versorgungssicheres Energienetz aus einer Hand

Die städtischen Energienetzbetreiber Gasnetz Hamburg GmbH und Stromnetz Hamburg GmbH sollen im kommenden Jahr zu einer spartenübergreifenden Netzgesellschaft fusioniert werden  Das hat die Freie und Hansestadt Hamburg als Eigentümerin der beiden stadteigenen Gesellschaften am 06.12.2023 entschieden. Vorausgegangen war ein im November 2022 gestartetes Kooperationsaudit, dessen Ergebnisse zu dieser Entscheidung geführt haben. An diesem Audit nahmen auch die beteiligten Gesellschaften im Rahmen des Projektes „Engere Kooperation der Energie- und Umweltunternehmen“ teil.

In der Vorbereitung waren Gewerkschaften und Betriebsräte eingebunden. Senator Jens Kerstan als Aufsichtsratsvorsitzender beider Gesellschaften sowie Senator Dressel als Aufsichtsratsvorsitzender der Gesellschaft für Vermögens- und Beteiligungsmanagement (HGV) haben zudem in einer Erklärung (Comfort Letter), zentrale Zusagen festgehalten, zu denen sich Politik und Unternehmen gegenüber Mitarbeiter:innen, Gewerkschaften und Betriebsräten verpflichten. Die Unterzeichnenden bekräftigen darin die bewährte Tradition der vertrauensvollen Zusammenarbeit im Sinne der Mitarbeitenden.

In der neu formierten Netzgesellschaft werden Kräfte gebündelt, um den unerlässlichen Netzausbau und -umbau für die Energiewende effizient und spartenübergreifend voranzubringen. Davon profitieren auch die Hamburger Bürger*innen und Unternehmen, die zukünftig von integrierten Versorgungs- und Netzdienstleistungen profitieren werden. Im Hinblick auf diese umfassende Aufgabe ist das Engagement aller Mitarbeitenden in den kommenden Jahren erforderlich. Ein Stellenabbau ist daher nicht vorgesehen; stattdessen wird erwartet, dass die fusionierte Gesellschaft weiterhin wachsen wird.

Jens Kerstan, Senator für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft: „Stromnetz und Gasnetz sind hervorragend aufgestellte Unternehmen, die nun gemeinsam die großen Herausforderungen einer sich rapide verändernden Energiewelt bewältigen werden. Der Rückkauf der Energienetze hat dem Senat die Möglichkeit eröffnet, einen nachhaltigen und zukunftsweisenden Pfad in der Energie- und Klimapolitik einzuschlagen. Unsere kommunalen Unternehmen nehmen heute eine Schlüsselposition bei der Realisierung der Hamburger Energiewende ein. Die Stromnetz Hamburg sowie die Gasnetz Hamburg sind heute zentrale Akteure zur Umsetzung der Hamburger Klimaschutzpolitik. Durch die Fusion wird eine nachhaltige Versorgungssicherheit der Energienetze gewährleistet und eine effiziente und wirtschaftliche Leistung aus einer Hand für alle Kund:innen geboten. Gemeinsam werden diese Unternehmen die Energiewende in Hamburg signifikant voranbringen und durch den Bau eines versorgungssicheren Energienetzes der Zukunft die nachhaltige Wärme- und Mobilitätswende sowie die umfassende Dekarbonisierung der Industrie gewährleisten.“

Andreas Dressel, Finanzsenator: „Uns war wichtig, dass wir zum einen wirtschaftlich stark mit unseren Energienetz-Unternehmen aufgestellt sind, und zum anderen dass das im engen Schulterschluss mit Gewerkschaften und Mitbestimmung geschieht. Der Weg zur Fusion von Strom- und Gasnetz soll in zwei Stufen gelingen – damit kann eine sorgfältige Integration der beiden Unternehmen und ihrer Belegschaft gewährleistet werden. Wir haben beiden Belegschaften vertreten durch die Gewerkschaften weitreichende Zusagen für das weitere Verfahren gegeben. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind die, die wir brauchen, damit die Energiewende und der Beitrag der beiden Netzgesellschaften gelingt. Ihr Einsatz und ihre Erfahrungen werden uns helfen, die Transformation und die Energiewende in den nächsten Jahren in unserer Stadt hinzukriegen. Ich danke Gewerkschaften und Betriebsräten, dass sie im Ergebnis den für sie nicht einfachen Weg der Fusion mitgehen. Wir haben in einem Comfort Letter allen Beteiligten weiter die Hand zur vertrauensvollen Zusammenarbeit gereicht.“

Der Fokus im Verfahren soll zunächst auf der gesellschaftsrechtlichen Zusammenführung liegen. Die organisatorische Zusammenführung wird behutsam und in enger Abstimmung mit der Mitbestimmung bis 2027 umgesetzt. Die zur Umsetzung der Fusion erforderlichen Beratungen in den Gremien und die dafür notwendigen Gespräche mit Stakeholdern sollen zeitnah erfolgen.

Die Entscheidung zur Fusion von Stromnetz und Gasnetz folgt auf die Umsetzung des Volksentscheids von 2013 und den vollständigen Rückkauf der Netzgesellschaften. Die Koalitionspartner SPD und GRÜNE hatten sich im Koalitionsvertrag 2020 darauf verständigt, dass die städtischen Energieunternehmen Synergien heben und stärker kooperieren sollen – auch um effektiver zum Klimaschutz beizutragen. Aus diesem Grund hat der Senat im Jahr 2021 das vierjährige Projekt „Engere Kooperation der Energie- und Umweltunternehmen“ eingesetzt, welches die Kooperationspotentiale untersuchen soll. Die Fusion der beiden kommunalen Energieunternehmen ist ein wichtiger Schritt, die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag umzusetzen und die öffentlichen Gesellschaften zukunftsfähig aufzustellen.

Über das neue Unternehmen:

Die fusionierte Netzgesellschaft wird mehr als 1.478.000 Kund:innen der Hansestadt mit Strom und Gas versorgen (1.250.000 Stromkund:innen 228.000 Gaskund:innen). Rund 2.344  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beiden Unternehmen engagieren sich für die Versorgungssicherheit in Hamburg.

 

Dokumentation: IGM und Verdi in Hamburg – ENERGIE UND UMWELT

Fusion der städtischen Energie- und Umweltunternehmen Gasnetz und Stromnetz

Pressemitteilung vom 07.12.2023

Gemeinsame Pressemitteilung | IG Metall Region Hamburg und ver.di Hamburg

Der Senat hat am gestrigen Mittwoch die Fusion der Unternehmen Stromnetz Hamburg (SNH) und Gasnetz Hamburg (GNH) in zwei Schritten beschlossen. Dieser Entscheidung ist ein längerer Projektprozess vorangegangen, an dem die Betriebsräte und die zuständigen Gewerkschaften IG Metall (Stromnetz) und ver.di (Gasnetz) beteiligt waren und in dem Varianten der Zusammenarbeit von einer verstärkten Kooperation über eine Holdingstruktur bis hin zu einer Fusion geprüft wurden.

Der Hamburger Senat hat in seiner Koalitionsvereinbarung das Ziel vorgegeben, die grundsätzlichen Strategien der Hamburger Energie- und Umweltunternehmen im Sinne einer gesamtstädtischen Entwicklung aufeinander abzustimmen und zu koordinieren. Im ersten Schritt stand die Ausgestaltung der Kooperation der beiden Unternehmen Stromnetz (SNH) und Gasnetz (GNH) zur Debatte.

Die Mitbestimmung hat den Prozess des Kooperationsaudits für diese beiden Unternehmen von Beginn an kritisch und konstruktiv begleitet und mögliche Varianten der engeren Zusammenarbeit diskutiert und bewertet. Bereits heute kooperieren die Unternehmen in einigen Bereichen erfolgreich. Das Potenzial der Zusammenarbeit ist aber längst noch nicht ausgeschöpft und könnte im Sinne der Hamburgerinnen und Hamburger ohne Reibungsverluste weiter ausgebaut werden. Im Rahmen einer gesellschaftsrechtlichen Fusion rückwirkend zum 01.01.2024 werden dabei im ersten Schritt lediglich die Ebene Geschäftsführung und wenige Führungspositionen verschränkt. Die operative Fusion soll zum 01.01.2027 vollzogen werden. „Diese Variante muss sicherstellen, dass sich mit allen Management- und Mitarbeiterkapazitäten voll auf die Gestaltung der Energiewende konzentriert wird. Das sollte unser oberstes Ziel sein. Der Senat erklärt Hamburg immer wieder zur Stadt der Guten Arbeit – wir nehmen die Verantwortlichen beim Wort“, erklärt der GNH-Betriebsratsvorsitzende Thies Hansen.

Ole Borgard, stellvertretender Leiter des ver.di-Landesbezirks Hamburg, ergänzt: „Beide Unternehmen verfügen auf ihren Arbeitsfeldern über beträchtliche Innovationskraft, die es zu erhalten und zu fördern gilt. Auch in der jetzigen Konstruktion mit eigenständigen Unternehmen werden wirtschaftlich positive Effekte erzielt. Damit das in einer neuen Gesellschaft zukünftig noch besser gelingen kann, braucht es bei allen wesentlichen Entscheidungen eine enge Einbindung der Mitbestimmung und der Gewerkschaften.“

„Die jetzt beschlossene Fusion bedeutet Klarheit für die Beschäftigten. Und die seitens der Stadt gemachte Zusagen in Form eines Comfort Letters bedeuten Sicherheit für die Beschäftigten. Jetzt heißt es anpacken und die Energiewende gemeinsam gestalten. Dies kann gelingen, wenn alle sich auf das Ziel fokussieren können – Unternehmen, Betriebsrat und Gewerkschaften. Neben der rechtlichen Fusion gilt es die kommenden Jahre gemeinsam mit der Mitbestimmung die operative Fusion bis 2027 vorzubereiten.“ so Ina Morgenroth, Erste Bevollmächtigte und Geschäftsführerin der IG Metall Region Hamburg. Aus eigener Erfahrung kann SNH-Betriebsratsvorsitzender Alexander Heieis das bestätigen: „Wir wissen aus der Praxis: Viele Fusionen scheitern an internen Widerständen und führen zu Demotivation bei den Beschäftigten. Wir Hamburgerinnen und Hamburger haben schon mehrere langwierige Fusionsprozesse erlebt, etwa die Zusammenführung von Schleswag und HeinGas (6 Jahre Verhandlungen) oder die Integration von Vattenfall und der Stadt Hamburg beim Strom (4 Jahre Verhandlungen).“

Auch die Beispiele Hamburg Wasser und Wärme Hamburg/Hamburg Energie hätten eindrücklich gezeigt, dass Fusionsprozesse Ängste auslösen und Kapazitäten binden, die anderweitig dringend benötigt werden.

Seitens der zuständigen Behörden hat es im Rahmen eines Comfort Letters weitreichende Zugeständnisse in Richtung Mitbestimmung und Gewerkschaften gegeben, damit aus diesem politischen Willen der Fusion eine akzeptierte und erfolgreiche neue Gesellschaft erwachsen kann. Energie- und Klimawende first – nicht nur im Sinne der betroffenen Beschäftigten, sondern auch zum Wohl der Hamburgerinnen und Hamburger.

 

Stop Atomroute Jülich Garching -> Ahaus: BUND Delegierte NRW einstimmig: Keine unnötigen Atomtransporte mehr – Zwischenlagerung neu bewerten!

Einstimmig hat der BUND in Nordrhein-Westfalen (NRW) am vergangenen Wochenende eine Resolution beschlossen, in der der Umweltverband das Ende sinnloser (hoch)radioaktiver Atomtransporte fordert. „Keine unnötigen Atomtransporte“ lautet der Titel der Resolution, in der der Landesverband klar macht: „Nach dem endgültigen Abschalten der deutschen Atomkraftwerke muss der Atomausstieg endlich komplettiert werden: Dazu gehört die Stilllegung der Uranfabriken in Gronau und Lingen und ein verantwortbarer und möglichst sicherer Umgang mit dem Atommüll. Eine dauerhafte Lagerung an den unzureichend gesicherten Zwischenlager-Standorten in ganz Deutschland ist unverantwortlich.“ Der Umweltverband geht nicht nur auf bereits bekannte Sicherheitsrisiken bei der Atomülllagerung ein, sondern benennt auch die wachsenden Terrorgefahren und insbesondere die im Ukraine-Krieg sichtbar gewordenen neuen Risiken der Atomenergie und Atomabfalllagerung, die neue Maßstäbe bei der Atommülllagerung in Deutschland zur Folge haben müssen.

Damit spricht sich der BUND NRW auf seiner Landesdelegiertenversammlung, dem höchsten Beschlussorgan des Verbandes in NRW, dafür aus, geplante Atomtransporte von  Jülich und Garching in das Zwischenlager Ahaus zu unterbinden. Die Wortwahl „unnötige Atomtransporte“ lehnt sich an den Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung in NRW an, mit der den Wähler:innen versprochen wurde, dass die hochgefährlichen Atomtransporte unterbleiben müssten und z.B. stattdessen in Jülich ein neues, verbessertes Zwichenlager für die dortigen Abfälle errichtet werden müsste. So hatten die Grünen in NRW es auf diversen Veranstaltungen versprochen. Der BUND fordert in der Resolution sowohl für NRW aus als auch bundesweit eine deutlich verbesserte Transparenz und Bürger:innen-Beteiligung in Fragen der notwendigen Sicherheit und Sicherung beim Umgang mit dem Atommüll.

Die Betreiber der Atomanlagen in Jülich sowie schwarz-grüne Landesregierung hatten jüngst weitere Schritte zur Vorbereitung des Transports von insgesamt mehr als 150 Castorbehältern von hochradioaktivem Atommüll von Jülich nach Ahaus angekündigt. Eine Probefahrt samt Leerbehälter steht für November auf dem Programm.

Die Grünen in Düsseldorf haben offenbar alle Vereinbarungen im Koalitonsvertrag über Bord geworfen, weil Betreiber und Bundesbehörden massiv aus Kostengründen ! auf einen Transport nach Ahaus drängen (siehe dazu die Links oben). Dabei räumen die Verantwortlichen inzwischen ein, dass die ehemals für die Räumung in Jülich verantwortlichen Gründe eines mangelnden Nachweises der Erdbebensicherheit nicht mehr gegeben sind. Eine öffentlich zugängliche Bewertung der Defizite der Lagerung in Jülich, der Risiken durch die Transporte und der Situation in Ahaus gibt es nicht. Dabei wäre – wenn es nicht vor allem um Kostengründe geht – doch eine Gesamt-System-Analyse zur Bewertung mehr als sinnreich. Mit weiteren Transporten von hochradioaktivem Atommüll wird auch der Druck weiter ausgebaut, das Zwischenlager in Ahaus weiter als Dauer-Lager zu manifestieren.

Dabei läuft die bislang bestehende Betriebsgenehmigung für das Zwischenlager in Ahaus bereits Mitte der 2030er Jahre ebenfalls aus, sodass die dortigen Abfälle allesamt möglicherweise nochmals transportiert werden müssten. Noch vor der Genehmigung der Lagerhalle läuft bereits im Jahr 2032 die Genehmigung auch für einzelne in Ahaus eingelagerte Castor-Behälter aus und müssen von der zuständigen BGZ per Antrag in ein neues Genehmigungsverfahren gebracht werden.

  • Die staatliche BGZ sowie weitere verantwortliche Instituionen unter dem Dach des Bundesumweltministeriums bereiten sich derzeit auf die kommenden Genehmigungsverfahren für alle bundesdeutschen Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle vor. In Gorleben und Ahaus geht es los. Sachlich geht es um eine Neu-Genehmigung. Sowohl die Zwischenlager selbst, als auch die beladenen Behälter unterliegen jeweils einer Frist von 40 Jahren, nach der eine komplett neue Genehmigung nach Stand von Wissenschaft und Technik erforderlich ist. Außerdem ist der Bundestag per Atomgesetz aufgerufen, sich mit der Laufzeitverlängerung zu befassen. Spätestens ab 2028 müssten die Genehmigungsanträge von den Betreibern gestellt werden. Vorher ? müsste sich der Bundestag erklären.

Die Stadt Ahaus hat angekündigt, gegen die Atomtransporte bzw. die Einlagerung der Jülicher Abfälle im Zwischenlager zu klagen. Der Bürgermeister in Jülich hatte sogar jüngst dafür votiert, die Abfälle in Jülich in einem neuen Zwischenlager zu belassen und auf Atomtransporte zu verzichten. Ein Gelände in Jülich ist vorhanden, die Kosten für die notwendigen Investition sind im Haushalt in NRW bereits eingepreist.

Dokumentation: Die Resolution des BUND NRW von seiner Landesdelegiertenversammlung am 22. Oktober 2023 in Bielefeld hier im Wortlaut als Dokumentation: (Hier ist der Antrag 7.2.1. auf Seite 59 online als PDF zu finden: Keine unnötigen Atomtransporte mehr / Zwischenlagerung neu bewerten)

Keine unnötigen Atomtransporte mehr

Nach dem endgültigen Abschalten der deutschen Atomkraftwerke muss der Atomausstieg endlich komplettiert werden: Dazu gehört die Stilllegung der Uranfabriken in Gronau und Lingen und ein verantwortbarer und möglichst sicherer Umgang mit dem Atommüll. Eine dauerhafte Lagerung an den unzureichend gesicherten Zwischenlager-Standorten in ganz Deutschland ist unverantwortlich.
Neben den ohnehin schon bestehenden unbeherrschbaren Risiken der Atomenergienutzung und Atommülllagerung, den seit Jahrzehnten wachsenden Terrorrisiken, kommen nun weitere Dimensionen nuklearer Bedrohung hinzu: Der völkerrechtswidrige Krieg Russlands in der Ukraine hat die Gefahren eines Einsatzes von Atomwaffen deutlich erhöht. Eine neue Dimension stellt der kriegerische Angriff auf Atomanlagen dar: AKW und Atommülllager wie im ukrainischen Saporischschja und Tschernobyl werden zu Angriffszielen.

Für die Atomanlagen in Deutschland muss dies Konsequenzen haben.

Als erstes müssen hochgefährliche Atommülltransporte und die damit verbundenen Gefahren soweit wie möglich vermieden werden.

Die Delegiertenversammlung fordert daher die Landesregierung in NRW auf:

  • Keine Transporte hochradioaktiver Abfälle aus dem Forschungsreaktor FRM II in Garching bei München nach Ahaus zuzulassen.
  • Sicher zu stellen, dass die hochradioaktiven Abfälle des AVR Jülich in einem Zwischenlager in Jülich verbleiben.
  • Dafür Sorge zu tragen, dass keine schwach und mittel radioaktive Abfälle aus ganz Deutschland zu einem Distributions- und Logistikzentrum am ungeeigneten Standort Würgassen transportiert werden. Der für die Abfälle vorgesehene„Schacht Konrad“ in Niedersachsen ist grundsätzlich ungeeignet und entspricht nicht den heutigen Anforderungen an den Stand von Wissenschaft und Technik.

Die Zwischenlagerung neu bewerten

Die hochproblematische Zwischenlagerung radioaktiver Abfälle ist seit vielen Jahren in der Kritik des BUND. Seit dem 11.September 2001 ist der mangelhafte Schutz kerntechnischer Anlagen gegen terroristische Angriffe z.B. mit panzerbrechenden Waffen, Flugzeugen oder Drohnen noch deutlicher geworden. Das Urteil zur Aufhebung der Genehmigung für das Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle in Brunsbüttel hat die Mängel bestätigt, in Lubmin muss deshalb ein neues Zwischenlager gebaut werden. Auch in Jülich bestehen erhebliche Sicherheitsmängel und der Müll lagert auf Basis einer aufsichtlichen Anordnung – eine gültige Aufbewahrungsgenehmigung fehlt seit 2013.

Spätestens seitdem die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) offiziell bestätigt hat, dass die Benennung eines Standortes für ein Atommülllager erst zwischen den Jahren 2046 und 2068 erfolgt und dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist endgültig klar, dass die Zwischenlagerung der atomaren Abfälle in Deutschland neu bewertet werden muss.
Nicht wie geplant nach 40 Jahren mit Auslaufen der Genehmigung, sondern erst im nächsten Jahrhundert wird der Atommüll in ein geologisches Tiefenlager eingelagert. Die bisherigen Sicherungen und Sicherheitsmaßnahmen für die vorhandenen Zwischenlager entsprechen nicht diesen Herausforderungen.

Die Delegiertenversammlung fordert daher die Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) auf:

  • Alle Optionen für die mögliche langfristige Zwischenlagerung (Verbleib am Standort, Verbunkerung, Zusammenführung zu weniger Standorten…) ergebnisoffen und sicherheitsgerichtet zu prüfen und das Ergebnis der Prüfung einer öffentlichen Diskussion zu stellen.
  • Ein mit BGE und BASE abgestimmtes neues wissenschaftliches Forschungskonzept zur Geeignetheit der Gebäude sowie zum Alterungsprozess der Behälter und deren Inhalte vorzulegen, das auf die neuen Herausforderungen ausgerichtet ist.
  • Kontinuierliche Messungen zu Emissionen in der Abluft, zur Temperaturentwicklung an den Behältern und der Dichtheit der Behälter zu veröffentlichen.
  • Ein Reparaturkonzept vorzulegen, das eine jederzeitige Transport- und Reparaturmöglichkeit der Behälter sicherstellt.

Die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Europa machen es erforderlich, dass der BUND als größter Umweltverband sich verstärkt diesen Herausforderungen stellt.

Die Delegiertenversammlung bittet Vorstand und Geschäftsstelle ausreichend Kapazitäten und Mittel dafür zur Verfügung zu stellen.

Für den Landesvorstand
Holger Sticht

Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan: Volksentscheid zur Rekommunalisierung der Energienetze als großer Erfolg – der in der Umsetzung beinahe noch gescheitert wäre

umweltFAIRaendern dokumentiert. Rede Grüner Umweltminister, Hamburg.Rekommunal-Gemeinwohl! In voller Länge, im Original. Mit nur wenig Kommentar. Bitte was? Im September hat Hamburg den zehnten Jahrestag des erfolgreichen Volksentscheids zur Rekommunalisierung der Energienetze für Strom, Gas und Wärme gefeiert. Ein wegweisender Impuls für Demokratie, für Klimaschutz, für soziale Gerechtigung und Gemeinwohl. Initiatoren und Verbände, die den Volksentscheid „Unser Hamburg – Unser Netz“ auf den Weg gebracht hatten verananstalteten Ausblick und feierten Erfolg. Die Akademie der Wissenschaften diskutierte Gemeinwohl und Daseinsvorsorge für den Klimaschutz in einer Veranstaltung samt Grußwort vom Akademiepräsidenten und Klimaexperten Prof. Dr. Mojib Latif. Die Linksfraktion mit dem für öffentliche Unternehmen zuständigen Abgeordneten Norbert Hackbusch sorgte mit einer Großen Anfrage in der Bürgerschaft dafür, dass Rekommunalisierung und der Gewinn für Hamburg und Klimapolitik auch im Landesparlament Thema wurde. Und der Hamburger Umweltsenator Jens Kerstan machte den Erfolg nicht nur mit einer Pressemitteilung deutlich, sondern lud außerdem zum Senatsempfang für die Initiator:innen des Volksentscheids. Ein SPD-Senator fehlte, – ebenso wie ein ernsthafter sonstiger Beitrag aus den Reihen der SPD-Führung, die damals „volle Kanne“ gegen die Rekommunalisierung unterwegs war und heute (kleinlaut) einräumt, wie wichtig ist es, die Instrumente für Energie- und Klimapolitik in den eigenen Händen zu haben. UmweltFAIRaendern dokumentiert (exklusiv?) die Rede von Senator Jens Kerstan auf dem Senatsempfang am 23. September 2023. Die ist nicht nur wichtig, weil Kerstan die Erfolge der Rekommunalisierung betont. Er erzählt auch noch mal, wie knapp es war, dass die von der SPD verschuldete verspätete Übernahme ausgerechnet der besonders wichtigen Fernwärme von Vattenfall in die Hände der Stadt beinahe doch noch an den Deals der SPD-Spitze gescheitert wäre.

Einiges ist sehr grün gefärbt, einiges vom Dauer-Pressing der Volksentscheids-Akteure fehlt. Aber Kerstan spricht von Ecken, Kanten und Kontroversen, die am Ende einen wichtigen Akt von demokratischen Engagment der Bürger:innen gegen die scheinbar Übermächtigen zur Folge hatte. Erinnern ist für die Zukunt wichtig! Tell me about Ben Schlemmermeier!

umweltFAIRaendern hat über das Jubiläum des Volksentscheids zuletzt berichtet:

umweltFAIRaendern.de dokumentiert exklusiv:

Die Rede von Hamburg Umwelt- Senator Jens Kerstan beim Senatsempfang aus Anlass des zehnten Jahrestags des Volksentscheids über den Rückkauf der Hamburger Energienetze am 23. September 2023

Sehr geehrter Herr Vizepräsident der Bürgerschaft Herr Schmitt,
Meine Damen und Herren Abgeordnete,
Und, stellvertretend für die Volksinitiative:
Sehr geehrte Herren Christiansen, Braasch, Dr. Hörmann, sehr geehrte Frau Hansen,
Lieber Theo, lieber Manfred, lieber Günter, liebe Wiebke,
Meine Damen, meine Herren, liebe Gäste!
Im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg begrüße ich Sie zum Senatsempfang anlässlich des Jubiläums zehn Jahre „Unser Hamburg – Unser Netz“.

Auch wenn ich hier den ganzen Senat vertrete, erlauben Sie mir, mit einer persönlichen Anmerkung zu beginnen. Allen, die am 22. September 2013 dabei waren, war klar, dass der gewonnene Volksentscheid für Hamburg ein historisches Datum sein würde, und so ging es auch mir, als Fraktionsvorsitzendem einer Oppositionspartei, der sich persönlich sehr für den Volksentscheid eingesetzt hatte.

Ich kann sogar sagen, mir war damals klar: Für mich wird das immer einer der wichtigsten Tage und einer der größten Erfolge in meiner gesamten politischen Laufbahn sein.

Aber: dass ich zehn Jahre später die Gelegenheit haben würde, Sie zu einem Senatsempfang einzuladen, um als zuständiger Fachsenator im Senat auf dieses Datum und seine großen, weitreichenden Wirkungen zurückzuschauen, wer hätte das damals ahnen können – ich mit Sicherheit nicht, selbst in meinen wildesten Träumen.

Deshalb darf ich Ihnen und euch sagen: Es ist mir nicht nur ein Privileg und eine besondere Ehre – sondern auch ein ganz besonderes Vergnügen.

Deshalb noch einmal: Ich freue mich sehr, Sie alle im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg zu diesem Senatsempfang aus Anlass des zehnten Jahrestags des Volksentscheids über die Energienetze begrüßen zu dürfen.

Die Mehrheit für die Vorlage von „Unser Hamburg – Unser Netz“ am 22. September 2013 war ein Wendepunkt für die Energiepolitik in unserer Stadt, aber nicht nur für die Energiepolitik, sondern weit darüber hinaus.

Mit diesem Senatsempfang wollen wir das Engagement der Bürgerinnen und Bürger würdigen, durch die dieser entscheidende Schritt damals möglich wurde. Mit der Mehrheit im Volksentscheid haben die Hamburgerinnen und Hamburger ihrer Bürgerschaft und ihrem Senat einen sehr klaren und gleichzeitig sehr umfassenden Auftrag erteilt, der, wie es sich später zeigte, gar nicht so einfach umzusetzen war.

Darum lassen Sie uns auch einen Blick darauf werfen, was die Entscheidung bis heute bewegt hat, und vielleicht auch darauf, was uns die Erfahrungen von damals in der heutigen Lage, angesichts heutiger Herausforderungen und Konflikte, noch zu sagen haben.

Dem soll insbesondere das Podium dienen; wir haben versucht, es so zu besetzen, dass verschiedene Perspektiven auf den Volksentscheid zur Geltung kommen. Denn auch die Volksinitiative war einebunte und heterogene Truppe, und vermutlich hat nicht zuletzt das ihre Stärke ausgemacht.

Der Erfolg der Volksinitiative war umso bemerkenswerter, weil ihm ein sehr ungleicher Kampf vorausgegangen war. Die Volksinitiative sah sich einer großen Koalition gegenüber aus Senat und Regierungsfraktion mit absoluter Mehrheit, zwei der vier Oppositionsfraktionen, allen maßgeblichen Wirtschaftsverbänden,  und mit sehr viel Rückenwind der veröffentlichten Meinung, und, nicht zu vergessen, einer etwas bizarren Gegen-Volksinitiative, die sich für ein „gutes“, aber auf keinen Fall für ein eigenes Netz einsetzte.

Sie alle hatten sich an die Seite des Großkonzerns Vattenfall gestellt, der gerade dabei war, ein gigantisches Kohlekraftwerk mitten in Hamburg zu errichten, um die Hamburger Fernwärme mindestens bis zur Mitte des Jahrhunderts an fossile Energien zu binden, was alle Klimaziele der Stadt ad absurdum geführt hätte.

Dieses Bündnis verfügte nicht nur über schier unbegrenzte Mittel für ganzseitige Zeitungsanzeigen und ganze Hefte als Wochenendbeilagen großer Zeitungen, und das nicht nur einmal, sondern regelhaft – das war schon derStandard. Sondern es konnte über viele Kanäle versuchen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. So endeten alle E-Mails der Handwerkskammer an Handwerksbetriebe, Kund:innen, Interessenten oder Mitarbeitende der Verwaltung mit dem knackigen,unmissverständlichen Satz: „Gegen den Volksentscheid.“ Dieses mächtige Bündnis schreckte auch nicht davor zurück, gelegentlich die Grenzen des Zulässigen zu überschreiten. Etwa als die zu Neutralität verpflichtete Stromnetzgesellschaft eine eigene Kampagne gegen ihren eigenen Rückkauf startete.

Und auch die Handelskammer musste für ihreeinseitige Parteinahme nachträglich einen harschen Rüffel vom Verwaltungsgericht einstecken. Ihr Verhalten war schlicht rechtswidrig!

Für den Volksentscheid hatte das zwar keine Folgen mehr, wohl aber für die Kammer selbst. Ohne Frage war dies der entscheidende Impuls dafür, dass die Handelskammer-Rebellen breite Unterstützung bekamen. Hatte die Kammer doch mit ihrer einseitigen Stellungnahme für den Atom- und Kohlekonzern Vattenfall gleichzeitig gegen die Interessen vieler Start-ups, kleiner und mittlerer Unternehmen und Dienstleister, die sich gerade auch im Bereich Erneuerbare Energien tummelten,verstoßen, die „not amused“ über das waren, was mit ihren Zwangsmitgliedsbeiträgen angestellt wurde.

Und auch die Minderheitsbeteiligung der Stadt an den Netzgesellschaften im November 2011 konnte man als fragwürdig ansehen. Wurde sie doch sehenden Auges eingegangen, um einen möglicherweise kommenden Volksentscheid auszubremsen. Sie hat jedenfalls für den Rückkauf der Fernwärme sehr schwierig zu überwindende Voraussetzungen geschaffen.

Die damals vorgetragenen inhaltlichen Thesen: dass der Rückkauf ein Zwei-Milliarden-Loch in den Haushalt reißen würde, dass man mit Kabeln und Rohren keine Energiepolitik machen könne, und dass mit Fernwärme sowieso kein Geld zu verdienen sei – sie erscheinen aus heutiger Sicht absurd und aus der Zeit gefallen.

Diese Thesen werden inzwischen von unseren rekommunalisierten Energieunternehmen durch ihre tägliche Arbeit abschließend und praktisch wiederlegt.

Diesem kompakten und mächtigem Block der Gegner stand „Unser Hamburg – Unser Netz“ gegenüber, als Volksinitiative getragen von einem sehr breiten und bunten Bündnis von attac bis Zukunftsrat, und repräsentiert von drei Vertrauensleuten, die man als Vertreter respektabler Organisationen nur schwer in die gewünschte extremistisch-staatsfeindliche Ecke stellen konnte.

Diese Vielfalt, von bürgerlicher Gediegenheit bis weit in alternative, politisierte, aber parteienferne Milieus hinein, die ich als Vertreter einer Partei im Bündnis vielleicht sogar als sehr parteienkritisch wahrgenommen habe, hat der Initiative in der Auseinandersetzung einen klaren Glaubwürdigkeitsvorsprung gegeben.

Was ihr an finanziellen Mitteln gefehlt hat, hat sie durch Einsatz und Fantasie und nicht zuletzt durch die besseren Argumente wett gemacht.

Und schließlich fand die Initiative auch nicht im luftleeren Raum statt.

Die These, dass Eigennutz stets zum Allgemeinwohl führt und dass privat immer besser ist als staatlich, hatte während Finanzkrise und Bankenrettungerheblich an Strahlkraft und an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Konzessionsverträge liefen überall in Deutschland Mitte der Zehner-Jahre aus und es gab einen allgemeinen Trend zur Rekommunalisierung.

Und schließlich hatte in Hamburg auch die institutionalisierte Politik vorgearbeitet: Christian Maaß, ein junger grüner Bürgerschaftsabgeordneter und späterer Umweltstaatsrat, hatte das Thema 2007 auf die politische Agenda gesetzt und 2008 dazu immerhin einen Prüfauftrag in den schwarz-grünen Koalitionsvertrag hineinbekommen.

Aus der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt heraus haben Anja Hajduk und er als Staatsrat dem damaligen Mitarbeiter der Verwaltung Matthias Sandrock den Auftrag gegeben, diesen Punkt des Koalitionsvertrages zu bearbeiten. Dazu musste er aus allen Strukturen herausgelöst werden, da Referats- und Abteilungs- bis hin zu Amtsleitungen in der Umweltbehörde eine grundsätzliche und heftige Abneigung gegen die Idee einer Rekommunalisierung hatten. Letztlich gelang es zunächst nur, das VersorgungsunternehmenHamburg Energie neu zu gründen, als Wiedereinstieg in eine kommunale Energiewirtschaft.

Nach dem Ende von Schwarz-Grün war deshalb die Volksinitiative die einzige Chance, eine Wende in dieser entscheidenden Frage der Rekommunalisierung hinzubekommen.

Die Bürgerschaft blieb dabei aber ein entscheidendes Forum, um dem Anliegen Öffentlichkeit zu verschaffen und die Debatte voranzutreiben.

Dafür habe ich damals als Fraktionsvorsitzender die Funktion des energiepolitischen Sprechers übernommen und wir haben das Thema immer wieder auf die Tagesordnung gebracht, durch Anfragen, Anträge und Pressetermine – bis zum letzten großen Schlagabtausch in der Aktuellen Stunde der Bürgerschaft vier Tage vor der Abstimmung.

Das Ergebnis war knapp, aber eindeutig, und darauf kommt es an. 50,9 Prozent sind jedenfalls nicht schlechter als die 48 Prozent, der die SPD zu der Zeit ihre absolute Mehrheit verdankte.

Ein Selbstläufer war die Umsetzung trotzdem nicht.

Zwar hatte der Senat den Rückkauf des Stromnetzes zunächst sehr schnell und geschmeidig umgesetzt, gefolgt vom Gasnetz.

Aber das Herzstück des Volksentscheids, der Rückkauf der Fernwärme mit all den Kraftwerken und auch den Kunden – ein großer Hebel für Klimaschutz – stand lange auf der Kippe

Als ich 2015 das Amt des Energiesenators angetreten habe, wurde ich mit der Situation konfrontiert, die die Minderheitsbeteiligung des Vorgänger Senates geschaffen hatte.

Denn wohl wissend, dass ein Volksentscheid erfolgreich sein könnte, kaufte der damalige, mit absoluter Mehrheit regierende Senat unter Bürgermeister Olaf Scholz eine Minderheitsbeteiligung von 25 Prozent. Zwar wurde mit der städtischen Beteiligung 2011 eine Rückkaufoption für den Fall eines erfolgreichenVolksentscheids vereinbart – so weit, so gut – aber gleichzeitig wurde auch ein extrem hoher garantierter Mindestpreis vereinbart. Als wir uns den genauer anschauten, entpuppte sich das nicht als ein kleines,mit Haushaltstechnik zu lösendes Problem, sondern dieser Mindestkaufpreis lag so weit über dem aktuellen Unternehmenswert, dass das Haushaltsrechtden Rückkauf zuverlässig auszuschließen schien.

Auf dieser Lage hatten wir lange herumzukauen.Gleichzeitig musste meine Behörde mit Vattenfall weiter die Fernwärmeplanung für den Ersatz des Kraftwerks Wedel verhandeln. Dort gab sich der Atom- und Kohlekonzern Vattenfall auf einmal sehr geschmeidig, ein klimaschonendes Konzept aus erneuerbaren Energien, vorhandenen Abwärmequellen und einer innovativen großen Wärmepumpe in unserem zentralen Klärwerk umsetzen zu wollen.

Vattenfall schien sich auch letztlich damit abzufinden, dass das Kohlekraftwerk Moorburg nicht an das große Fernwärmenetz nördlich der Elbe angeschlossen würde. Und so war plötzlich bei Vatenfall und auch bei manchen im Senat und der Koalition die Rede davon, dass dies doch ein guterKompromiss sei: Vattenfall akzeptiert einökologisches Erzeugungskonzept, behält aber die Mehrheit an dem Unternehmen.

Unsere Hinweise, wozu ein Kompromiss – derVolksentscheid war doch erfolgreich – wurde milde belächelt und mit einem Schulterzucken abgetan.

Letzten Endes hatten wir in der Umweltbehörde damit ein Unternehmenskonzept entwickelt, mit dem wir zeigen konnten, dass eine Neuausrichtung des Unternehmens auf ökologische Wärmeversorgung auch seine Werthaltigkeit steigern würde, was uns hoffen ließ, damit die Haushaltsschranke zu überwinden. Es zeigte sich aber schnell, dass auch dieses immer noch nicht ausreichte, den enormen Mindestkaufpreis zu rechtfertigen.

Bei uns in der Behördenleitung machten sich erste Anzeichen von Depression bemerkbar, da uns immer klar war, ohne hundertprozentige Umsetzung des Volksentscheides können wir nicht weitermachen.Aber es gibt da diese wunderbare Volksweisheit: „Wenn du denkst es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“

In unserem Fall hatte das Lichtlein einen Namen Ben Schlemmermeier, Partner des Energieberatungsunternehmens LBD. Mit beeindruckender Statur und im Porsche vorfahrend,fügte er den Befürwortern des Volksentscheids eine weitere bunte Farbe zu. Kurz vor Verabschiedung der Drucksache, mit der der Senat der Bürgerschaft zur Umsetzung des Volksentscheids berichtete, und die zwar verklausuliert, aber doch erkennbar die niederschmetternde Botschaft hatte, dass ein Rückkauf trotz aller Mühen und Anstrengungen aufgrund des Haushaltsrechts leider nicht möglich ist, rief der mir bis dahin unbekannte Ben Schlemmermeier mich an und fragte mich nach allen möglichen, mir bis dahin noch nicht unter gekommene Dingen, wie z.B. Ertragswertbewertung. Wir schummelten auf dieser Grundlage in letzter Minute zwei diese Aspekte zu beleuchtende, in Auftrag zu gebende Gutachten in die Drucksache, mit denen es uns dann im weiteren Verfahren gelang,darzustellen, dass bei einer alternativen, ungewöhnlichen, aber zulässigen Bewertung zusammen mit der ökologischen Wertsteigerung ein Rückkauf auch aus Haushaltssicht möglich war.

Es wurde angesichts dieser Erkenntnisse dann eine Zeit lang doch noch ziemlich ruppig und ungemütlich. Die Gesprächsatmosphäre mit Vattenfall verschlechterte sich schlagartig, was überraschenderweise auch auf die Gespräche innerhalb der Koalition zutraf. Vorsichtig formuliert war es kein Nachteil für den Volksentscheid, dass in dieser heiklen Situation eine grüne Umweltbehördenleitung, mit voller Rückendeckung der grünen Partei und der grünenBürgerschaftsfraktion, ohne Wenn und Aber klar machte, dass diese Koalition nur bei vollständiger Umsetzung des Volksentscheids weitermachen könnte. Dem konnten sich letztlich auch Bürgermeister und Finanzbehörde nicht entziehen, so dass der Rückkauf der Fernwärme 2019 haushaltsrechtlich möglich wurde.

Nebenbei haben wir so auch gezeigt, dass Energiewende und Klimaschutz die nachhaltigen Geschäftsmodelle sind, während die fossilen Assets sich immer schneller entwerten.

So auch das Kraftwerk Moorburg. Bei der Inbetriebnahme, wenige Tage vor der Pariser Klimakonferenz 2015, hatte der damalige Erste Bürgermeister noch von 40 bis 50 Jahren Laufzeit gesprochen. Nach dem Fernwärme-Rückkauf hat Vattenfall dann jedoch zu aller Erstaunen, und zumEntsetzen von manchen, die Stillegungsprämie von Herrn Altmaier eingestrichen und dann selbst das Kohlekraftwerk abgeschaltet. Auch diese vielen Millionen Tonnen CO2-Einsparung verdanken wir letztlich dem Erfolg der Volksinitiative.

Heute höre ich auf Energieminister-Konferenzen, dass wir in Hamburg doch eine geradezu idealtypische Situation für die Verwirklichung der Energiewende hätten. Tatsächlich sind unsere rekommunalisierten Unternehmen heute die entscheidenden Akteure und Treiber der Energiewende in Hamburg. Stromnetz Hamburg hat seine Investitionen vervielfacht, um den Anforderungen der Elektrifizierung in allen Sektoren gerecht zu werden. Gasnetz Hamburg kann in der Familie der Unternehmen eine neue Schlüsselrolle für den Aufbau der Wasserstoffinfrastruktur spielen. Die rekommunalisierte Wärme Hamburg und die städtische Gründung Hamburg Energie haben inzwischen zu den Hamburger Energiewerken fusioniert. Sie stemmen die gewaltige Aufgabe der Wärmewende und sind die Säulen unserer Wasserstoffprojekte.

Unsere kommunalen Energieunternehmen sind in vielen Bereichen technologisch führend. Das betrifft die Integration von Abwärme aus der Industrie oder von den Schwesterunternehmen Stadtentwässerung und Stadtreinigung genauso wie die Planungen für große Flusswasser-Wärmepumpen. Die Tiefengeothermie Wilhelmsburg ist ein riesiger Schritt für diese Form der Energiegewinnung und ein Meilenstein für die ganze Norddeutsche Region. Niemand anders als unsere städtischen Unternehmen wäre diese Wagnisse eingegangen, erneuerbare Energien zu entwickeln und marktfähig zu machen. Pivate Investoren hätten so geringe Renditen und solche technologischen Risiken nicht akzeptiert.

Risikobereitschaft aus gesellschaftlicher Verantwortung – so lässt sich vielleicht der Geist dieser Unternehmen heute am besten kennzeichnen.

Mit der Rekommunalisierung hat sich die Stadt ein ganz neues Handlungsfeld erschlossen. Energiewende und Klimaschutz sind bei den Unternehmen als Ziel fest verankert. Damit ist ein wichtiger Teil fortschrittlicher Energiepolitik unabhängig von den parteipolitischen Konjunkturen, die die Senatspolitik beeinflussen.

Dabei hat der Netze-Volksentscheid auch bleibende Spuren in der Hamburger Politik hinterlassen. Die rechtswidrige Parteinahme gegen die Volksinitiative hat dazu geführt, dass 2017 das Handelskammer-Establishment von den Kammer-Rebellen weggefegt wurde. Inzwischen sind die Verhältnisse dort schon wieder andere; aber der Alleinvertretungsanspruch der Kammer in allen Feldern der Politik in Hamburg ist damit Geschichte, und das ist aus meiner Sicht auch ganz gesund für die demokratische Verfasstheit unserer Stadtrepublik.

Geändert hat sich mit dem 22. September 2013 auch der Umgang der Politik mit Volksinitiativen. Bürgerschaft und Senat haben nicht noch einmal den harten Konflikt gesucht. „Tschüss Kohle“ und „Hamburgs Grün erhalten“ sind von der Bürgerschaft auf dem Wege von Verhandlungen übernommen worden; beide Male zum Vorteil der Stadt, und beide Male hat übrigens meine Behörde die Verhandlungspartner beraten und die konkrete Umsetzung mit erarbeitet.

Selbstverständlich sind mit dem Volksentscheid die zugrundeliegenden Frontstellungen und ideologischen Gegensätze nicht endgültig überwunden worden. Aber wir können heute festhalten:

„Unser Hamburg – Unser Netz“ hat eines der größten Infrastruktur-Projekte in der Geschichte unserer Stadt auf den Weg gebracht – und gleichzeitig die größte Rekommunalisierung in Deutschland.

Die Initiative hat einen Wandel in Gang gesetzt, ohne den wir unsere Klimaschutzziele nicht erreichen und eine zukunftsfähige Energieversorgung nicht gewährleisten könnten. Sie hat die Politik in unserer Stadt verändert; sie hat viele, sehr unterschiedliche Menschen zusammengebracht, die sich aber einig waren in ihrem Ziel und in ihrem Engagement für ihre Stadt und die erlebt haben, dass ihr Engagement etwas bewirkt hat – zum Guten!

Das scheint mir heute in der aktuellen politischen Lage eine ermutigende Botschaft zu sein. Wo aufeinmal Klimaschutz wieder in einen grundsätzlichenRechtfertigungszwang gerät und unsere freiheitlich demokratische Grundordnung von immer stärker werdenden politischen Kräften in Frage gestellt wird. Wobei man feststellen muss, dass die vehementesten Gegner einer verantwortlichen Klimapolitik sehr häufig auch die gleichen Kräfte sind, die unser demokratisches parlamentarisches System versuchen zu untergraben und in Frage stellen.

Dem steht, wie ich finde, die positive Botschaft des gewonnenen Volksentscheids „Unser Hamburg – Unser Netz“ entgegen: All die Anstrengungen, die Mühen, die Kämpfe der Bürger:innen, die sich einmischten und engagierten: sie haben sich gelohnt! Sie haben Entscheidendes bewirktund eine grundsätzliche Wende in der Energiepolitik und der politischen Kultur unserer Stadt erreicht.

Ich freue mich, dass ich heute hier stehen darf und sagen kann – und zwar, wie es meiner Rolle hier entspricht – im Namen des Senats der Freien und Hansestadt: Danke an alle, die an die Sache geglaubt und den Erfolg möglich gemacht haben. Die dafür bei Wind und Wetter auf der Straße waren oder bis tief in die Nacht am Schreibtisch. An die, die sich in der Initiative, in Verbänden, Gremien und Behörden für die Umsetzung eingesetzt haben und weiter einsetzen. Und an die natürlich, die heute in unseren städtischen Energieunternehmen daran arbeiten, das zu verwirklichen, was der Volksentscheid auf den Weg gebracht hat.

Ich freue mich auf die Gespräche, und ich wünsche mir, dass wir aus der Besinnung auf einen großen gemeinsamen Erfolg Kraft ziehen für das, was noch vor uns liegt.

Schön, dass ihr heute gekommen seid!

Vielen Dank.

Jens Kerstan, Umweltsenator der Freien und Hansestadt Hamburg. Die Rede wurde vom ihm auf dem Senatsempfang aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums des erfolgreichen Volksentscheids „Unser Hamburg – Unser Netz“ gehalten. Es gilt das gesprochene Wort.

 

Dokumentation 2: PM der Umweltbehörde zum Volksentscheid:

Zehn Jahre Rückkauf der EnergienetzeEin Gewinn für Hamburg und das Klima

Im September 2013 setzte der Volksentscheid für den Rückkauf der Energienetze in Hamburg einen entscheidenden Meilenstein für die städtische Energiepolitik. Ein Jahrzehnt nach dieser richtungsweisenden Entscheidung ziehen die zuständigen Behörden und Unternehmen ­– die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA), die Finanzbehörde, die Hamburger Energiewerke, Stromnetz Hamburg und Gasnetz Hamburg – eine positive Bilanz. Die erfolgreiche Umsetzung dieses Volksentscheids hat eine solide Grundlage für eine nachhaltige, sozial ausgewogene, klimaverträgliche und demokratisch kontrollierte Energie- und Wärmeversorgung in Hamburg geschaffen.

Ein Gewinn für Hamburg und das Klima

Der Volksentscheid im Jahr 2013 ermöglichte es den Bürgerinnen und Bürgern Hamburgs, aktiv über die Zukunft ihrer Energienetze zu entscheiden. Das Ergebnis war eindeutig: Die Energienetze sollten wieder in städtischen Besitz übergehen. Dies betrifft die Netzinfrastrukturen für Strom, Gas und Fernwärme. Der Senat hat diese demokratische Entscheidung konsequent und engagiert in die Tat umgesetzt.

Jens Kerstan, Senator für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft: „Mit der Entscheidung zur Rekommunalisierung der Energieunternehmen und der Netze hat Hamburg auf ganzer Linie gewonnen. Wir konnten damit vor zehn Jahren den Grundstein für den zügigen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen legen und die Energie- und Klimapolitik wieder aktiv gestalten. Heute sind es die städtischen, kommunalen Akteure, die die Schlüsselrolle bei der Umsetzung der Hamburger Energiewende spielen. Die städtischen Unternehmen führen unter der Kontrolle des Senats energiepolitische Projekte gemeinwohlorientiert durch und müssen keine hohen Renditen für international operierende Konzerne abführen. Im Gegenteil: Die Gewinne und die Wertschöpfung dieser Gesellschaften kommen ganz Hamburg zugute. Wir arbeiten mit unseren Energieunternehmen an der Wärmewende und sind mit vielen Projekten bundesweit Vorreiter wie bei der Nutzung von industrieller Abwärme, großindustriellen Wärmepumpen, Power-to-Heat-Anlagen oder der Fernwärmeleitung unter der Elbe. Auch der Ausbau einer Wasserstoffwirtschaft mit dem Green Hydrogen Hub Moorburg und dem Wasserstoffindustrienetz bringen wir mit unseren Unternehmen voran. Die Hamburger:innen haben beim Volksentscheid zur Rekommunalisierung weise und zukunftsorientiert entschieden. Ich bin stolz darauf, was wir mit unseren Energieunternehmen aus dieser bahnbrechenden Entscheidung gemacht haben.“

Finanzsenator Andreas Dressel: „Wir haben den Volksentscheid beherzt umgesetzt und können nun nach zehn Jahren erste positive Ergebnisse sehen, auch wenn es für eine Schlussrechnung sicherlich noch zu früh ist. Natürlich ist es in der Zeit der Energiekrise und Klimawende heute besser, dass die Stadt im Fahrersitz nun die Richtung bestimmen kann. Wir haben jetzt starke städtische Unternehmen, die gut aufgestellt sind – und sind damit auch im bundesweiten Vergleich ganz vorne. Das steht politisch auf der Habenseite. Klar ist natürlich, dass es bei den Unternehmen auch wirtschaftlich langfristig tragfähige Geschäftsmodelle geben muss. Die Stadt hat für den Kauf von Strom-, Gas- und Fernwärmegesellschaften mit allen Anschaffungsnebenkosten bisher 1,93 Milliarden Euro investiert. Von 2012 bis heute haben die Unternehmen rund 647 Millionen Euro an die Stadt abgeführt, es sind also etwa ein Drittel der Einnahmen wieder hereingekommen. Nun gilt es, diese Erfolgsgeschichte in den kommenden Jahren fortzuführen.“

Christian Heine, Sprecher der Geschäftsführung, Hamburger Energiewerke: „Der Rückkauf der Netze hat sich für Hamburg, seine Bürgerinnen und Bürger, und das Klima gelohnt. Allein bei den Hamburger Energiewerken investieren wir bis 2027 1,9 Milliarden in die Energie- und Wärmewende in unserer Stadt. Wir leisten so den größten Einzelbeitrag zu Hamburgs Klimazielen aber auch einen erheblichen Beitrag zur regionalen Wertschöpfung. Über Investitionen in Hamburgs Zukunft wird wieder vor Ort entschieden! Es ist nicht mehr die höchste internationale Rendite, die den Ausschlag gibt, wo wichtige Infrastrukturprojekte umgesetzt werden.“

Andreas Cerbe, Geschäftsführer Stromnetz Hamburg: „Der Rückkauf der Hamburger Stromnetz war nach dem Volksentscheid ein Meilenstein für die Stromnetz Hamburg und weitsichtig für die absehbaren Herausforderungen im Energiemarkt. Gemeinsam mit unseren Schwesterunternehmen haben wir einen nachhaltigen und zukunftsorientierten Kurs eingeschlagen; die Energiewende stets fest im Blick. Die umfassende Elektrifizierung aller Sektoren bedeutet einen deutlichen systemischen Wechsel der Energieversorgung in Hamburg, die auch unsere Stromnetze fordert. Eine zukunftsfähige Netzinfrastruktur steht im Zentrum unseres Handelns, damit wir gemeinsam mit den Bürger*innen die nachhaltige Wärme- und Mobilitätswende vorantreiben können.“

Michael Dammann, Technischer Geschäftsführer, Gasnetz Hamburg: „Mit der Rückkehr der Energienetze in städtische Hand hat Hamburg den Weg für die städtische Energiewende geebnet. Projekte wie die integrierte Netzplanung versammeln die relevanten Akteure hinter einem Ziel. Wir betrachten Gas, Strom und Wärme als integriertes System und könne so für die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt klimafreundliche und zugleich volkswirtschaftlich sinnvolle Versorgungslösungen schaffen. Für die Dekarbonisierung der Industrie mit Wasserstoff hat Gasnetz Hamburg mit dem städtischen Eigentürmer einen starken politischen Rückhalt. So leistet unser Unternehmen einen zentralen Beitrag zum Klimaschutz in Hamburg.“

Eine Vorbildfunktion für die Daseinsvorsorge
Die Rekommunalisierung der Energienetze in Hamburg ist ein Vorbild für eine gemeinwohlorientierte Daseinsvorsorge. Dieses Modell fördert nicht nur die effektive Umsetzung öffentlicher Aufgaben, sondern unterstützt zudem die Verwirklichung wichtiger klimapolitischer Ziele.Durch die Rekommunalisierung behält die Stadt die Kontrolle über die Wertschöpfung und gewährleistet dadurch ihre Ausrichtung am Gemeinwohl. Zudem bietet ein städtischer Fernwärmeanbieter einen wirkungsvollen Schutz vor Preisübertreibungen, da er nicht auf Gewinnmaximierung aus ist. Darüber hinaus ergeben sich sinnvolle Synergien mit weiteren öffentlichen Unternehmen.

Erfolgsbeispiele
In den vergangenen zehn Jahren nach dem Netzerückkauf haben die städtischen Energiegesellschaften Stromnetz Hamburg (SNH), Gasnetz Hamburg (GNH) und die Hamburger Energiewerke (HEnW) beeindruckende Erfolge erzielt. Die Transformation für ein nachhaltiges Energieinfrastruktursystem wurde eingeleitet, die Förderung erneuerbarer Energien intensiviert und öffentliche Ladeinfrastrukturen für Elektromobilität etabliert.. Zusammen haben diese Unternehmen die Versorgungssicherheit während der Energiekrise des letzten Jahres gewährleistet, gemeinsam die integrierte Netzentwicklungsplanung (iNEP) und mit dem Energiepark Hafen ein zentrales Projekt zum Kohleausstieg  in Hamburg vorangetrieben.

SNH hat sich als Vorreiter im Carve-out-Prozess aus dem Vattenfall-Konzern etabliert und erfolgreich Netzservice, Metering und DSO zu einem großen Verteilungsnetzbetreiber fusioniert. Zusätzlich hat SNH in intelligente Stromnetztechnologien investiert und unterstützt die Mobilitätsstrategie der Stadt durch den Ausbau von öffentlichen Ladestationen und Landstromanschlüssen für Schiffe. GNH spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Wasserstoff-Industrie-Netzes HH-WIN und unterstützt so die Dekarbonisierung der Hamburger Industrie. HEnW treiben die Transformation der Fernwärme, den Kohleausstieg bis 2030 und den Ausbau erneuerbarer Energien in der Stadt aktiv voran. Projekte wie die Nutzung von Geothermie in Wilhelmsburg, die Integration von Abwärme aus Aurubis oder die Nutzung von Abwasserwärme aus dem Klärwerk Dradenau haben dabei deutschland- und europaweite Strahlkraft.

 

10 Jahre Volksentscheid „Unser Hamburg Unser Netz“ – Ein Zwischenstand über Daseinsvorsorge, Klima und Demokratie zur Rekommunalisierung der Energienetze

Am 22. September jährt sich zum 10. Mal der Jahrestag des Volksentscheids „Unser Hamburg – Unser Netz“. Nach heftigen Auseinandersetzungen mit dem Hamburger Senat unter Führung von Olaf Scholz, gegen eine Mehrheit im Landesparlament, der Hamburgischen Bürgerschaft und den großen Wirtschaftskonzernen unter der Regie der Handelskammer erhielt am 22. September 2013 ein Bündnis aus Bürgerinitiativen, Umwelt-, Sozial- und Kirchenorganisationen für den Vorschlag zur vollständigen Rekommunalisierung der Hamburger Strom- und Gasnetze sowie der Fernwärme eine Mehrheit der Stimmen der Hamburger:innen. Die Atom- und Kohlekonzerne Vattenfall und E.on mussten die jeweiligen Netze an die Stadt Hamburg übergehen7verkaufen. In drei Schritten erfolgte die Übernahme, die erst 2019 mit der Übernahme der Fernwärme vollzogen wurde – mit einigen Lücken. Zahlreiche Veranstaltungen fanden und finden aus Anlass des Jahrestages statt, Medien wie z.b. Abendblatt (Folgen des Entscheids) und Mopo (Paywall) haben berichtet. umweltFAIRaendern veröffentlicht hier einen Rückblick auf die politische Vorgeschichte zur Entstehung der Volksentscheids-Initiative, betrachtet den Verlauf von der Initative in 2010 bis zum Entscheid im September 2013 und lässt die damaligen Vertrauensleute Manfred Braasch, Theo Christiansen und Günter Hörmann in aktuellen persönlichen Statements auf 10 Jahre Unser Hamburg – Unser Netz zurück- und ausblicken.

Einen Überblick über die Veranstaltungen zum 10. Jahrestag von Unser Hamburg Unser Netz hier: Zehn Jahre Volksentscheid “Unser Hamburg Unser Netz” – damals gegen Scholz und Vattenfall – heute: Bürgerschaft, Senat, NGOs und Wissenschaft bilanzieren rekommunalisierte Energienetze

Der „Hamburger Energietisch“ hat sich nach dem Volksentscheid gegründet, war neben anderen Akteuren auch im ersten Netzebeirat vertreten, die von der Bürgerschaft als eine Art Begleitgremium zur Umsetzung des Volksentscheids auf Initiative der SPD-Fraktion etabliert worden war. (UmweltFAIRaendern hat dazu vielfach berichtet.) Der Energietisch legt eine kritische Bilanz vor, die hier online nachzulesen ist. Siehe auch hier Hinweise bei der Energienetz-Genossenschaft Hamburg, die während der Volksinitiative entstanden ist. Der Hamburger Landesverband vom Bundesverband Wind Energie e.V. (BWE) hat hier Stellung genommen.

UmweltFAIRaendern hat sich über die Jahren intensiv mit der Umsetzung der Rekommunalisierung befasst und sorgt dafür, dass die Homepage der damaligen Kampagne weiterhin unter www.unser-netz-hamburg.de online verfügbar ist. Alles zum Thema „Unser Hamburg Unser Netz“ auf umweltFAIRaendern.

10 Jahre Volksentscheid Unser Hamburg Unser Netz – Günter Hörmann – ehemals Vertrauensperson für die Verbraucherzentrale Hamburg

Zwischenstand, Teil 5: Günter Hörmann, damals von der Verbraucherzentrale Hamburg, war für die Volksinitiative Unser Hamburg Unser Netz eine der drei von dem Bündnis benannten Vertrauenspersonen, die aufgrund der rechtlichen Regelungen für derartige Beteiligungsverfahren vorgeschrieben sind. Zehn Jahre nach dem Volksentscheid blickt er im folgenden auf den Volksentscheid vom 22. September 2013 zurück. Statementes aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums des Volksentscheids zur Rekommunalisierung der Hamburger Energienetze von den beiden weiteren Vertrauenspersonen gibt es hier:  Manfred Braasch, damals Geschäftsführer des BUND Hamburg, sowie Theo Christiansen, damals „Diakonie und Bildung des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises Hamburg-Ost“. Siehe außerdem: Zwischenstand, Teil 1: 10 Jahre Volksentscheid Unser Hamburg Unser Netz – Aspekte der Vorgeschichte der Initiative für die Rekommunaliserung der Energienetze und Zwischenstand, Teil 2: 10 Jahre Volksentscheid Unser Hamburg Unser Netz – Der Kampf um Energienetze in öffentlicher Hand

Günter Hörmann, August 2023: „Die Verbraucherzentrale Hamburg hat die Volksinitiative für den Rückkauf der Energienetze seit Beginn unterstützt. Begründet hat sie ihr Engagement mit dem Interesse der Verbraucher*innen an Klimaschutz, Wettbewerb, Verbraucherschutz und an soliden Finanzen der Stadt. Dass die Netze keineswegs klimaneutral sind, sondern eine wichtige Rolle für den Klimaschutz spielen können, hat sich inzwischen herumgesprochen. Wettbewerbspolitisch betrachtet sind Energienetze ein natürliches Monopol. Betreiber natürlicher Monopole aber sollten grundsätzlich nicht private Unternehmen sein. So liegt die Wasserversorgung ebenfalls in Hamburg in Händen der Stadt. Um dies sicher zu stellen, war vor Jahren allerdings eine Volksinitiative erforderlich: Unser Wasser Hamburg – unterstützt von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Während die Netze ein natürliches Monopol sind, das auch wirtschaftlich als Monopol betrieben wird, in dem also kein Wettbewerb existiert, haben wir es bei dem durch die Netze geleiteten Gas und Strom mit einem Wettbewerbsmarkt zu tun. Bei der Fernwärme sind nur erste Schritte zur Öffnung für den Wettbewerb zu verzeichnen.

Die Energienetze in Hamburg aber wurden bis zur Rekommunalisierung von dem jeweils größten Anbieter und zugleich Produzenten betrieben (Vattenfall bei Strom und Fernwärme, Eon beim Gas).

Nach Überzeugung der Verbraucherzentrale ist die Netzneutralität am besten zu sichern, wenn die Verteilnetze in Händen der Kommune sind. So ist am besten gewährleistet, dass der Netzbetreiber neutral gegenüber anderen Marktteilnehmern und gegenüber Verbrauchern ist. Bis zur Rekommunalisierung hatten wir in Hamburg nicht nur private Monopole im Netzbetrieb, sondern die Mutter- oder Schwestergesellschaften dieser Monopolisten waren zugleich – noch dazu marktbeherrschende — Vertreiber von Energie und damit Wettbewerber der anderen Nutzer/Anbieter.

Ist aber ein privater Konzern zugleich Netzbetreiber und Energieversorger, ist die Versuchung groß, andere Anbieter zu diskriminieren, überhöhte Netzentgelte zu berechnen, Verbraucher beim Wechsel zu behindern und Finanzmittel aus dem Netzbetrieb für den eigenen im Wettbewerb stehenden Konzern zu missbrauchen. Über diese Aspekte wacht zwar die Bundesnetzagentur. Die kann aber nicht alles aufdecken und kann überdies häufig nur nachträglich reparieren.

Dass die beschriebene Versuchung real war, zeigt zum Beispiel die Tatsache, dass die Bundesnetzagentur für Eon Hanse und Vattenfall bei der Überprüfung der Netzentgelte Gas und Strom seinerzeit – nachträglich – deutliche Überhöhungen festgestellt hatte.

Ein weiteres Beispiel ist der Missbrauch von Mitteln aus dem Netzbetrieb für eine Imagekampagne im Interesse des Konzerns. Die Verbraucherzentrale hat Vattenfall seinerzeit wegen einer Werbekampagne erfolgreich abgemahnt, bei der mit Mitteln aus dem Netzbetrieb mitten in einer Strompreiserhöhungswelle Imagewerbung für die Marke Vattenfall geschaltet wurde, ohne deutlich darauf hinzuweisen, dass es sich um das Netzunternehmen handelte. Ein solches Verhalten verzerrt den Wettbewerb und benachteiligt andere Stromanbieter. Zugleich schadet es den Verbrauchern, weil hier unberechtigt Ausgaben in die Kostenberechnung für die Netzentgelte eingehen, die dann wieder in den Strompreis der Verbraucher einfließen. Die Bundesnetzagentur leitete auf Intervention der Verbraucherzentrale dann ein Verfahren gegen Vattenfall wegen Verstoßes gegen das Energiewirtschaftsgesetz ein. Das Gesetz geht davon aus, dass ein Netzbetreiber eigentlich gar keine Werbung machen muss, da er ja Betreiber eines Monopols ist. Wenn aber ein Netzbetreiber Werbung macht, der Teil eines integrierten Konzerns ist, schreibt das Gesetz vor, dass er strikt die eigene Identität kenntlich zu machen hat und jegliche Verwechslung mit dem konzerneigenen Energielieferanten zu verhindern hat.

Zehn Jahre nach dem erfolgreichen Volksentscheid hat sich aus Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher der Rückkauf als Gewinn erwiesen. Denn es gibt weder Anzeichen dafür, dass private Anbieter von Strom und Gas durch die städtischen Netzbetreiber diskriminiert werden, noch dafür, dass überhöhte Netzentgelte verlangt werden, noch, dass Mittel aus den Netzgesellschaften für Belange der städtischen Energieunternehmen missbraucht werden. Zudem werden die Konsumenten als Steuerzahler durch Gewinnabführungen der Netzgesellschaften an die Stadt entlastet. Doch ein Wermutstropfen fällt in den Becher der Freude: Zwar liegt es grundsätzlich im Verbraucherinteresse, dass auch das größte Fernwärmenetz in kommunaler Hand ist. Aber auch dann bleibt es dabei, dass der Fernwärmenetzbetreiber zugleich als Wärmeanbieter Monopolist innerhalb des eigenen Netzes ist.

Verbraucher mit Fernwärme können – anders als bei Strom und Gas – nicht den Lieferanten wechseln. Sie sind gleichsam gefangene Kunden. Das häufig vorgebrachte Gegenargument, der Verbraucher könne sich ja schließlich für eine andere Wärmeart entscheiden, ist nicht stichhaltig. Es kann ohnehin nicht für Mieter gelten, die von der Entscheidung ihres Vermieters für die Wärmeart abhängig sind. Aber auch Hauseigentümer können nicht ohne größere Investitionen und ohne einen längeren Vorlauf auf Holz, Öl oder eine andere Art der Wärmeerzeugung umstellen. Erforderlich ist also eine Öffnung und effektive Marktüberwachung des Fernwärmemarktes. Doch hier ist nicht so sehr Hamburg, sondern der Bundesgesetzgeber gefordert.“

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