Atomausstieg geht weltweit voran: Taiwan legt letztes AKW still

Nimmt man Medienmeldungen für bare Münze, dann haben wir einen weltweiten Hype von AKW-Neubauten zu verzeichnen. Die Wirklichkeit ist aber eine andere. Kein Wunder bei den extrem hohen Kosten für konventionelle Reaktoren. Von den vielfach herbeigeschriebenen Small Modular Reaktoren – SMR – ganz zu schweigen. Denn davon gibt es noch so richtig keine, die sind überall in der Forschung und Entwicklung und auch hier explodieren die Kosten und es gibt erhebliche Probleme, die entsprechend hohen Anforderungen an Material und Technik in den Griff zu bekommen. Lediglich alte Reaktoren werden gern laufzeitverlängert. Mit wachsenden Sicherheitsrisiken, weil trotz aller Nachrüstungen die Kernkomponenten nicht erneuerbar sind und anfälliger werden. Gerade hat Belgien mit hohem Einsatz staatlicher bzw. steuerlicher Mittel der Bürger:innen beschlossen, die Ur-Alt-Reaktoren weiter zu betreiben. Das führt – zurecht – im Nachbarland NRW zu erheblicher Beunruhigung. Immerhin, die FDP hat das jetzt im Landtag NRW auf die Tagesordnung gesetzt. Der weltweite Trend ist, dass die Atomenergie selbst bei einigen Neubauten vor allem in autoritären Staaten seine Bedeutung bei der Stromerzeugung verliert. Jetzt hat auch Taiwan den Atomausstieg vollzogen und seinen letzten Atommeiler abgeschaltet.

Mehr Informationen zum Hintergrund:

AfD spaltet Atome und Gesellschaft – Debatte im Bundestag

Der Wirklichkeitsverlust bei der AfD kennt keine Grenzen! Weiterhin trommelt sie im Bundestag dafür, die stillgelegten Atomreaktoren, deren Rückbau teilweise bereits erheblich vorangeschritten ist, wieder in Betrieb zu nehmen. Alle vorhanden Bewertungen und Gutachten zeigen, dass dies nicht nur energiepolitischer Total-Blödsinn wäre, sondern mit Blick auf die heute geltenden Sicherheitsanforderungen auch nicht funktionieren würde. Vor allem aber: Es wäre eine der größten Steuergeld-Verschwendungen auf dem Rücken ohnehin schon benachteiligter Bevölkerungsschichten. Selbst Söder und seine CSU hatten im Rahmen der Koalitionsverhandlungen diese Forderung still und leise unter den Tisch fallen lassen, weil sie nicht nur populistisch, sondern eben völlig wirklichkeitsfremd war. Dennoch hat die AfD das Thema heute auf die Tagesordnung und dazu eine Debatte im Plenum aufgesetzt.

Linke übernehmen Umweltausschuss-Vorsitz im Bundestag

Die Linke übernimmt den Vorsitz im Umweltausschuss des Bundestages. Der aus Schleswig-Holstein stammende Lorenz Gösta Beutin, Klimapolitiker der Linksfraktion, ist heute auf der konstituierenden Sitzung zum Vorsitzenden gewählt worden. Darüber informiert die Homepage des Deutschen Bundestages mit weiteren Informationen zur Besetzung des Ausschusses, der in der letzten Legislatur von Harald Ebner von den Grünen geleitet worden ist. Für die Linke sitzen außerdem Violetta Bock (Kassel, Hessen), Fabian Fahl (Aachen, NRW) und Mareike Hermeier (Ahaus, NRW) im Umweltausschuss. Mareike Hermeier ist zudem die neue atompolitische Sprecherin der Linksfraktion. Die weiteren Mitglieder des Ausschuss sind hier zu finden:

  • Dokumentation von der Seite des Bundestages:

Lorenz Gösta Beutin leitet den Umweltausschuss

Lorenz Gösta Beutin (Die Linke) ist Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. (© DBT/Marc Beckmann)

Unter Leitung von Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Die Linke) hat sich am Mittwoch, 21. Mai 2025, der Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit des Bundestages konstituiert. Zum Vorsitzenden wählten die Abgeordneten Lorenz Gösta Beutin (Die Linke). Für Beutin stimmten 24 Mitglieder; drei stimmten gegen ihn. Es gab zehn Enthaltungen.

Das Gremium hat insgesamt 38 ordentliche Mitglieder. Die CDU/CSU-Fraktion ist darin mit 13 Mitgliedern, die AfD-Fraktion mit neun und die SPD mit sieben Mitgliedern vertreten. Bündnis 90/Die Grünen stellen fünf und die Fraktion Die Linke vier Mitglieder.

Die Ausschussmitglieder

CDU/CSU: Anna Aeikens, Sascha van Beek, Florian Bilic, Leif Erik Bodin, Benedikt Büdenbender, Alexander Engelhard, Thomas Gebhart, Mark Helfrich, Hans Koller, Klaus Mack, Volker Mayer-Lay, Christian Moser, Henning Otte.

AfD: Andreas Bleck, Michael Blos, Ingo Hahn, Karsten Hilse, Rainer Kraft, Manuel Krauthausen, Marcel Queckemeyer, Paul Schmidt, Martina Uhr.

SPD: Jakob Blankenburg, Helmut Kleebank, Dunja Kreiser, Isabel Mackensen-Geis, Holger Mann, Daniel Rinkert, Michael Thews.

Bündnis 90/Die Grünen: Lisa Badum, Harald Ebner, Jan-Niclas Gesenhues, Steffi Lemke, Julia Schneider.

Die Linke: Lorenz Gösta Beutin, Violetta Bock, Fabian Fahl, Mareike Hermeier.

(sas/21.05.2025)

Herausgeber

Deutscher Bundestag, Online-Dienste

Tritium für Atomwaffen aus zivilen Atomreaktoren – Umsetzung im französischen AKW Civaux angelaufen

Die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Nutzung der Atomenergie verschwimmen zunehmend. In Frankreich bereitet der staatliche Energiekonzern EDF in seinen beiden Reaktoren des (zivilen) Atomkraftwerks Civaux aktuell Testphasen zur Herstellung von Tritium vor. Das radioaktive Isotop wird für die Produktion von thermonuklearen Sprengköpfen benötigt. Der Einsatz von Lithium-6-Absorbern in den Reaktoren bildet den Kern des sogenannten TRIDENT-Projekts. Bereits vor rund einem Jahr wurden die Pläne offiziell bekannt gemacht, jetzt beginnt Schritt für Schritt die Umsetzung. (Foto: EDF)

Hinweis: Weitere Informationen zum Hintergrund unten im Text.

Tritium wurde bislang in speziellen militärischen Reaktoren erzeugt. Der Atomwaffensperrvertrag (NPT) regelt die Trennung zwischen ziviler und militärischer Nutzung. Doch diese Trennung wird zunehmend untergraben, wie auch das Beispiel USA zeigt: Dort nutzt die TVA (Tennessee Valley Authority) mit dem Reaktor Watts Bar ein ziviles AKW zur Tritiumproduktion.

Tritium hat eine Halbwertszeit von rund 12,3 Jahren und muss deshalb regelmäßig in Atomwaffen ersetzt werden. Die Produktion ist technisch anspruchsvoll und teuer. Aufgrund steigender Kosten in zivilen und militärischen Nuklearprogrammen suchen Staaten wie Frankreich oder die USA nach „Synergien“ zwischen beiden Bereichen – was jedoch die Risiken der Weiterverbreitung von Atomwaffentechnologie erhöht.

In einem Bericht der Zeitung Artikel in der „La Nouvelle Republik“ heißt es, dass der AKW-Chef von Civaux, Christophe Rieu, den Start der Tests für das Frühjahr und Spätsommer 2025 angekündigt habe. Vier Meter lange Lithiumstäbe sollen dann bestrahlt werden. Danach werde das Lithium „zerschnitten“ und zum CEA-Zentrum (Commissariat à l’énergie atomique) in Valduc (Côte-d’Or) transportiert. Block 2 ist seit dem 5. April dazu in Revision, Block 1 folge ab dem 13. September. Die Arbeiten sollen jeweils drei Monate dauern. Die Genehmigung für die industrielle Phase steht noch aus.

  • Weitere Informationen über das AKW Civaux und die Tritium-Thematik lassen sich auch hier zum Trident-Projekt vom Oktober 2024 finden (PDF, auf französisch). Siehe unten eine deutsche Zusammenfassung.

Das ganze Projekt, mit dem das französische Atomwaffenprogramm ab 2030 beliefert werden soll, läuft unter dem Namen „Trident“ (Transformation industrielle d’énergie nucléaire en tritium, übersetzt etwa: industrielle Umwandlung von Kernenergie in Tritium).

Laut Rieu und dem Bericht von LNR sollen die AKW selbst frei von Militär bleiben. Die erforderlichen Tätigkeiten auf der Anlage werden von der EDF vorgenommen. Er betont aber, dass die Sicherheit der Anlage unter Kontrolle der Atomaufsichtsbehörde (ASN) bleibt und schon jetzt von Ordnungskräften streng überwacht werde.

Weiter heißt es dort: „Wir werden bereits von der Gendarmerie überwacht. Es wird natürlich eine verstärkte Überwachung geben, da die Transporte des Lithiums unter Begleitung stattfinden.“ Als Folge des militärischen Auftrags werden auf der Anlage zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, teilte der AKW-Chef mit. Gewinne erwartet er aus diesem Geschäft nicht, allerdings werden die zusätzlichen Kosten wohl von den entsprechenden militärischen Stellen in Frankreich übernommen.

Neben TRIDENT plant EDF ein weiteres Projekt zur Herstellung von Neutronenquellen für den Start neuer Reaktoren. Hierbei sollen Americium-241 und Neptunium-237 in versiegelten Kapseln bestrahlt werden. Auch diese Tests sind für Herbst 2025 angesetzt. Lauf LNR werden für die Herstellung medizinischer Produkte in den Atomkraftwerken in Civaux bereits 30 Mitarbeiter:innen beschäftigt.

UmweltFAIRaendern hat wiederholt über die Problematik der zivilen Tritium-Herstellung für militärische Zwecke berichtet. Das Büro des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Hubertus Zdebel (*) hatte in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre auf entsprechende Aktivitäten in den USA hingewiesen, die auch von der Tagesschau aufgegriffen wurden.

(*) Der Autor dieses Artikels hatte zwischen 2014 und September 2021 für den damaligen MdB Hubertus Zdebel gearbeitet. Die Homepage-Artikel im Zusammenhang mit der Atomenergie-Thematik aus diesem Zeitraum sind inzwischen in UmweltFAIRaendern.de integriert und damit weiterhin verfügbar. Sie lassen sich über den Tag Atom-BT recherchieren und sind im genannten Zeitraum meist zu erkennen, weil kein Foto verknüpft ist.

Hintergrund: Der Konflikt im Iran um die Urananreicherungstechnik ist so eine Dual-Use-Technik, bei der Atomwaffentechnik und Atomstrom miteinander verschwimmen. Denn in diese Anlagen kann ohne weiteres waffentaugliches Uran hergestellt werden. Auch Deutschland betreibt eine solche Anlage in Gronau im Eigentum von URENCO. Nur über umfangreiche Kontrollverfahren kann sichergestellt werden, dass  kein Atomwaffenmaterial erzeugt wird. Allerdings lässt der Atomwaffensperrvertrag zu, dass Forschung mit hochangereicherten Material zulässig ist. Deutschland betreibt einen Atomforschungsreaktor in München Garching – den FRM II – in dem atomwaffenfähiges Uran zum Einsatz kommt. Unter anderem auf diese Aktivitäten und die Zulässigkeit im Atomwaffensperrvertrag bezieht sich der Iran, wenn er auf die eigene Urananreicherung besteht.

Zusammenfassung aus der oben genannten PDF-Info/Newsletter per ChatGPT

Die Newsletter Nr. 21 (Oktober 2024) der Commission Locale d’Information (CLI) des Kernkraftwerks Civaux informiert über zwei bedeutende Projekte, die die Rolle der Anlage erweitern:


Projekt TRIDENT – Tritiumproduktion für die nationale Verteidigung

Das Projekt TRIDENT zielt darauf ab, Tritium durch die Bestrahlung von Lithium-6 in Reaktor 2 des Kernkraftwerks Civaux zu produzieren. Die experimentelle Phase soll Mitte 2025 beginnen und über einen Reaktorbetriebszyklus von 18 Monaten laufen. Nach der Bestrahlung werden die keramischen Lithium-6-Pellets an das Commissariat à l’énergie atomique (CEA) überführt, wo das Tritium extrahiert und analysiert wird. Eine positive Bewertung könnte den Übergang zur industriellen Produktion ermöglichen. Der Projektentwurf wird im Herbst 2024 der Autorité de Sûreté Nucléaire (ASN) zur Genehmigung vorgelegt.


⚛️ Neues Projekt zur Produktion von Neutronenquellen

Zusätzlich zum TRIDENT-Projekt plant EDF in Zusammenarbeit mit dem Staat und dem CEA die Entwicklung eines neuen Bestrahlungsdienstes zur Herstellung von Neutronenquellen, die für den Start zukünftiger Reaktoren erforderlich sind. Dieses Projekt umfasst zwei Technologien: ([PDF] N° 21 Octobre 2024 Le projet Trident Le nouveau projet d’irradiation …)

  • GSD-Projekt mit Americium-241: Americium-241, ein Nebenprodukt des Brennstoffrecyclings, wird in versiegelten Kapseln in 4 Meter langen Hüllrohren bestrahlt. (October 2024 Newsletter – Unit – FPS – APS Engage)
  • FILIERE-Projekt mit Neptunium-237: Neptunium-237 wird verwendet, um Plutonium-238 zu erzeugen. Die Bestrahlung erfolgt ebenfalls in versiegelten Kapseln innerhalb von 4 Meter langen Hüllrohren.

Die experimentelle Bestrahlung für beide Projekte ist für Herbst 2025 in Reaktor 1 geplant und soll über einen Zyklus von 18 Monaten laufen. Die Ergebnisse werden vom CEA ausgewertet, um die Machbarkeit einer industriellen Produktion zu beurteilen.


🔒 Auswirkungen auf den Betrieb und die Umwelt

Die CLI betont, dass diese neuen Aktivitäten keine Auswirkungen auf die Stromproduktion haben und die bestehenden Genehmigungsgrenzen für Tritiumemissionen in die Vienne nicht überschreiten sollen.


📅 Weitere Informationen

  • Verteilung von Jodtabletten: Die staatlichen Stellen informierten über die im September 2024 gestartete Kampagne zur Verteilung von Jodtabletten.
  • Öffentliche Generalversammlung der CLI: Geplant für den 11. Dezember 2024 von 14:00 bis 17:00 Uhr im Festsaal von Dienné.

Für weitere Details und aktuelle Entwicklungen empfiehlt es sich, die offiziellen Dokumente der CLI de Civaux sowie der Autorité de Sûreté Nucléaire (ASN) zu konsultieren.

 

 

Unnötige und gefährliche Atommüll-Transporte – Risiken und Kosten Jülich – Ahaus

Über eine Veranstaltung in Ahaus mit dem Betreiber des Atommülllagers mit hochaktiven Abfällen in Jülich, die ab dem Sommer in das Zwischenlager transportiert werden sollen, berichtet unter anderem die Münsterland-Zeitung. Auch das Neue Deutschland greift das Thema auf. Ein Video der Veranstaltung der Stadt Ahaus ist auf Youtube online anzusehen. In einem weiteren, aber noch nicht online findbaren Artikel der Münsterland-Zeitung wird ausführlich über die Kosten der Atomtransporte und der unterschiedlichen Varianten der Lagerung berichtet. Dort wird von der Möglichkeit gesprochen, dass nicht, wie bislang geplant, jeweils nur ein gepanzerter Spezial-LKW je Transport zum Einsatz kommt, sondern möglicherweise sogar drei. Nach Informationen von umweltFAIRaendern.de gibt es insgesamt vier dieser Spezialfahrzeuge, die jeweils über 130 Tonnen (ohne Ladung) wiegen.  Die Gewerkschaft der Polizei hatte die geplante Serie von über 150 Atomtransporten mit der brisanten Fracht als „unverhältnismäßig“ bezeichnet. Anti-Atom-Gruppen haben weitere Proteste angekündigt. Der BUND in NRW will gegen eine Genehmigung für die Atomtransporte eine Klage einreichen.

  • Die Münsterland-Zeitung (hinter Paywall), Neues Deutschland. Das Video auf Youtube. In den letzten Tagen und Monaten hat umweltFAIRaendern vielfältig über das Thema informiert und berichtet. Siehe dazu unter anderem hier über „unnötige Atomtransporte„. Siehe zu den Kosten auch:
  • Atommüll Jülich – NRW : Bundesrechnungshof und der Beschluss im Haushaltsausschuss 2022
  • Bei den Kostenbetrachtungen gibt es viele Lücken und Unklarheiten. In den meisten Szenarien werden die Kosten für die anstehenden Polizei- und Überwachungseinsätze nicht betrachtet. Dazu befinden sich weitere Angaben in dem genannten Artikel der Münsterland-Zeitung, der im Moment noch nicht online ist und der auf Recherchen der Linken zurückgeht.Allein die Einsätze für Polizei- und Sicherheitskräfte könnten sich je Transport auf etwa 500.000 Euro bis eine Million Euro belaufen.

 

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