Söders moderne Atomreaktoren: Made in 1959

Bayern Ministerpräsident Söder (CSU) hat sich in den letzten Jahren immer wieder durch eine eher nicht so an Fakten orientierte Pro-Atom-Haltung ausgezeichnet. Während er die Wiederinbetriebnahme von längst abgeschalteten Atomreaktoren für möglich und sinnvoll hielt, hatten die Betreiber längst abgewunken. Zuletzt hatte er sich für die neuen „Mini-Atomreaktoren“ called Small Modular Reactors (SMR) aus dem Fenster gehängt. „Es geht nicht darum, dass wie früher große Meiler hochgezogen werden. Ich spreche von kleineren, smarten Reaktoren, wie es sie in Kanada bereits gibt.“ So Söder in der Welt. Ein Grüner in Bayern hat mal nachgefragt.

Eine Nachfrage des grünen Landtagsabgeordneten Martin Stümpfig führt zum Beispiel zu dieser Aussagen bei „ingeneur.de„: „Söder möchte kleine Atomkraftwerke, „wie es sie bereits in Kanada gibt“. Doch dort befindet sich nach Angaben der kanadischen Regierung noch gar kein SMR im Betrieb. Es laufen nur vorbereitende Arbeiten für mögliche Anlagen. Realistisch gesehen könnte frühestens 2030 ein Reaktor ans Netz gehen.“ Frühestens!

  • Die Antwort aus dem Hause des bayerischen Wirtschaftsministeriums siehe gleich unten als Dokumentation.

Auch ntv reagiert mit Verweis auf dpa und berichtetBayern. Grüne: Söders kanadischer Wunsch-Atommeiler ist 66 Jahre alt. „“Markus Söder hat wieder einmal den Menschen im Land und auch dem Bayerischen Landtag bewusst Märchen erzählt. Er spricht von mehreren wundersamen smarten kanadischen Minireaktoren. In der Realität bleibt dann nur ein einziger kanadischer Reaktor, der so alt ist wie die ersten Farbfernseher und bis heute keine einzige Kilowattstunde Strom erzeugt hat“, sagte Stümpfig.“

66 Jahre alter Reaktor, der bis heute noch keinen Strom erzeugt hat. Ein solcher Umgang, wie ihn Söder hier betreibt, sollte alarmieren, denn auf der Grundlage sollten politische Entscheidungen zu Lasten von Mensch, Umwelt und Steuerzahler*innen und eigentlich auch für die Wirtschaft nicht getroffen werden. Doch in etwas nach diesem Prinzip werden inzwischen zusätzliche Milliarden-Beträge von Bund und Ländern in die Fusionstechnik gesteckt.

Auch zur Wirtschaftlichkeit der Atomenergie und neuer Reaktoren ist dort etwas zu lesen: „Söder hatte sich in den vergangenen Jahren immer wieder gegen einen Ausstieg aus der Kernkraftnutzung ausgesprochen. Er begründete dies immer wieder mit dem Bedarf an kostengünstiger Energie. Selbst die früheren Betreiber der Atommeiler erklären aber seit langem, dass Atomstrom die teuerste Form der Stromerzeugung mit bis zu 49 Cent pro Kilowattstunde ist.“

Und auch die Süddeutsche hat den dpa-Bericht über die Nachfragen der Grünen online.

In der Welt am Sonntag behauptete er, dass in Kanada bereits ein SMR in Betrieb wäre. Auf eine Anfrage zum Plenum von Martin Stümpfig, MdL, wo denn dieser SMR stehen würde, konnte die Staatsregierung nur einen Uraltreaktor aus dem Jahr 1959 benennen, der nicht mal zur Stromerzeugung geeignet ist.

Dokumentation – Die Antwort: 

Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie
27. November 2025, Anfrage zum Plenum des Herrn Abgeordneten Martin Stümpfig (BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN)

Aussage von Dr. Markus Söder zu „Mini(Atom)-Meiler“ (SMR)

Ich frage die Staatsregierung,

ist nach ihrer Kenntnis in Kanada ein Atomreaktor nach der Bauweise eines „Small
Modular Reactors“ (SMR) in Betrieb, nachdem Ministerpräsident Dr. Markus Söder im
Welt-Interview vom 15.11.25 dies mit den Worten „ich spreche von kleineren, smarten
Reaktoren, wie es sie in Kanada bereits gibt“ ausgesprochen hat, falls ja, wann wurde
dieser sogenannte Mini-Meiler nach Kenntnis der Staatsregierung in Kanada in Betrieb
genommen und ab welchen Stückzahlen würden diese Atomreaktoren nach Schät-
zung der Staatsregierung wirtschaftlich werden?

Antwort des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung
und Energie

U.a. betreibt Kanada mit dem McMaster Nuclear Reactor (MNR) an der McMasterUni-
versity einen Forschungsreaktor, der technisch und organisatorisch in mehreren As-
pekten in die Kategorie „Small Modular Reactor“ fällt (vgl. bspw. https://nuclear.mcmaster.ca/facilities-equipment/facility-list/mcmaster-nuclear-reactor, https://nuclear.mcmaster.ca/smr-research-development/#tab-content-news).. Im Übrigen wird auf die allgemeine Berichterstattung Bezug genommen.

Strahlende Welten: Neue SMR Atomreaktoren in der EU – BUND erwidert

Gegen jede wirtschaftliche Vernunft, aber mit mächtiger Lobby und möglicherweise auch militärischen Hintergründen wird in der EU an einem Ausbau der Atomenergie gearbeitet. Nicht nur Frankreich hat daran ein massives Interesse. Obwohl Risiken von Super-GAU, Gefahren von Terror und Krieg und große Mengen Atommüll dauerhafte Belastungen für Mensch und Umwelt zur Folge haben, wird die Atomenergie als Ausweg aus der Klimakrise behandelt. Im Rahmen der sogenannten „EU SMR Initiative“ (Small Modular Reactor) hat der BUND eine Stellungnahme abgegeben.

  • umweltFAIRaendern hat über das Thema SMR, neue Atomreaktoren vielfältig in den letzten Jahren berichtet. Hintergründe und Studien sowie politische und wirtschaftliche Prozesse sind mit der Suchfunktion leicht zu finden. Besondere Risiken bei den SMR-Reaktoren wären die dafür erforderlichen höher als bisher angereicherten Uranbrennstoffe LEU+ oder auch HALEU.

Die Initiative der EU ist hier zu finden. Dort heißt es in der Zusammenfassung: „Im Februar 2024 startete die Kommission die Europäische Industrieallianz für kleine modulare Reaktoren (SMR), um den erfolgreichen Einsatz der ersten SMR-Projekte in Europa bis Anfang der 2030er Jahre sicherzustellen. Diese Initiative wird auf die Veröffentlichung des strategischen Aktionsplans der Allianz folgen und wichtige Rahmenbedingungen, potenzielle Hindernisse und konkrete Meilensteine im Hinblick auf die künftige Entwicklung und den Einsatz von SMR in Europa hervorheben.“ Dort ist die Aufforderung zur Stellungnahme online.

Der BUND Bundesverband hat dazu eine Stellungnahme eingereicht, die hier online ist. Dort heißt es zur Einleitung: „Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) begrüßt die Möglichkeit zur EU SMR Initiative Stellung zu nehmen. Insgesamt lehnt der BUND die Nutzung der unkontrollierbaren Hochrisikotechnologie Atomkraft ab und fordert die Einstellung der EU Initiative. Neben den inhärenten Gefahren ist Atomkraft nicht wirtschaftlich, sondern bedarf massiver Subventionen. Die Bauzeit von Atomkraftwerken (AKW) dauert mehrere Jahrzehnte und bindet unnötig Gelder und andere Ressourcen, die für den zeitnahen naturverträglichen Ausbau erneuerbarer Energien fehlen. Dementsprechend ist Atomkraft, inklusive der SMR-Technologie, ein Hemmnis auf dem Weg hin zu europäischer Energiesicherheit, Unabhängigkeit und Klimaneutralität. Detaillierte Ausführungen werden mit dem angehängten Dokument übersandt.“

Auch andere Stellungnahmen sind dort online. Kleine modulare Reaktoren – klimatische Entwicklung und Nutzung in Europa

Protokoll einer Ausschusssitzung: Atomtransporte Jülich nach Ahaus im Landtag NRW

Die geplanten Atomtransporte mit 152 Castor-Behältern Typ AVR von Jülich nach Ahaus werden in diesem Jahr nicht mehr stattfinden. Proteste, höchste Sicherheitsanforderungen wegen Terrorrisiken und auch der Schutz der einzusetzenden Sicherheitskräfte vor der Radioaktivität und vor allem eine Klage des BUND NRW haben zuletzt immer wieder für Verzögerungen gesorgt. Auch der Landtag in NRW ist immer mal wieder mit dem Thema befasst. Z.B. der Ausschuss für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie hatte sich Ende Oktober mit dem Thema nach mehrfachen Terminverschiebungen mit der Sache befasst. Ausgerechnet die FPD, die vor den Grünen mit der CDU in NRW regierte und zuständig war, hatte das Thema aufgerufen. Die Sitzung fand zwar öffentlich statt und wurde live gestreamt, das Protokoll liegt nun aber erst vor und öffentlich zugänglich. Eine Befassung des Verwaltungsgerichts in Berlin wird noch im Dezember erwartet.

  • Das Protokoll der Ausschuss-Sitzung im Landtag NRW ist hier als PDF online. (Siehe auch gleich unten als Auszug den Top 7 zum Thema.
  • umweltFAIRaendern hat über das Thema Atomtransporte aus Jülich und Garching nach Ahaus immer wieder berichtet. Dazu einfach die Suchfunktion auf dieser Seite benutzen.

Dokumentation:

Landtag Nordrhein-Westfalen – 39 – APr 18/1023
Ausschuss für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie 29.10.2025
80. Sitzung (öffentlich) sv

Top 7 Bis zu 152 Castortransporte von Jülich nach Ahaus genehmigt – Die Lan-
desregierung muss nun endlich Transparenz herstellen (Bericht beantragt
von der FDP-Fraktion [siehe Anlage 6])

Bericht
der Landesregierung
Vorlage 18/4157

Trotz der ablehnenden Haltung der Landesregierung würden Castortransporte in ab-
sehbarer Zeit durch Nordrhein-Westfalen rollen, betont Dietmar Brockes (FDP). Da-
her halte er deutlich mehr Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit für erforderlich.
Die Landesregierung berichte über eine abschließende Bewertung der Erbebensicher-
heit und Seismik am Zwischenlagerstandort Jülich durch das Bundesamt für die Si-
cherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) im Jahr 2022 nach langjähriger Prüfung,
mache aber keine Angaben dazu, wie das Prüfungsergebnis ausgefallen sei, worum
er nun bitte. Er gehe von der Existenz eines Gutachtens oder dergleichen aus.
Zudem bitte er die Landesregierung eingedenk ihrer Aussage, derartige Informationen
nicht breit zu streuen, im öffentlichen Interesse dennoch um Auskunft zum Zeitplan
und zum Verfahrensstand bei den Koordinierungsgesprächen, die laut Landesregie-
rung mindestens acht Wochen vor dem Transport stattfinden sollten.
Die Landesregierung habe in ihrem Bericht den zeitlichen Ablauf dargestellt und die
Verantwortlichkeiten klar benannt, schildert Norika Creuzmann (GRÜNE).
Angesichts der weltpolitischen Lage interessiere es sie, zu erfahren, ob das Zwischen-
lager Ahaus potenziellen Terrorangriffen standhalten könne bzw. wie die BGZ Gesell-
schaft für Zwischenlagerung entsprechende Sicherheitsvorkehrungen umsetze. Zu-
dem wolle sie angesichts Unmengen von Castorbehältern in Ahaus und in Garching
bei München in Erfahrung bringen, wie das BGZ die Verlängerung der auslaufenden
Transportgenehmigungen sicherzustellen gedenke
Da die Landesregierung die Beteiligungsverhältnisse von Bund und Land an der Jüli-
cher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen (JEN) im Falle eines Neubaus in ih-
rem Bericht als nicht sachgerecht beschreibe, wolle er wissen, ab wann die Landesre-
gierung angesichts des Haushaltsbeschlusses 2022, in dem sich diese nicht sachge-
rechte Aufteilung manifestiere, Kenntnis davon hatte und ob sie beabsichtige, daran
Änderungen vorzunehmen, so André Stinka (SPD).
Nach Ansicht des BASE stehe die Erdbebensicherheit einer Aufbewahrungsgenehmi-
gung für Kernbrennstoffe in Bezug auf das Zwischenlager Jülich nicht entgegen, er-
läutert StS’in Silke Krebs (MWIKE). Weitere Auskünfte dazu könne nicht die Landes-
regierung, sondern nur das BASE selbst erteilen, das Gutachten zur Erdbebensicher-
heit aus nachvollziehbaren Gründen sicherlich nicht öffentlich machen werde.
Landtag Nordrhein-Westfalen – 40 – APr 18/1023
Ausschuss für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie 29.10.2025
80. Sitzung (öffentlich) sv
Im Hinblick auf das Zwischenlager Ahaus habe die Landesregierung den Bund wie-
derholt darauf hingewiesen, dass sie eine Verlagerung von radioaktivem Material in
ein Lager mit in naher Zukunft auslaufender Genehmigung nicht für ratsam halte und
die Erstellung eines bundesweiten Gesamtkonzeptes für die Zwischenlager empfehle.
Deren Genehmigungen würden nämlich bis Mitte bzw. Ende der 2030er-Jahre erlöschen.
Obwohl sich der Bund um eine Beschleunigung im Zusammenhang mit der Endlage-
rung bemühe, werde das Verfahren noch einige Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Da-
her müsse der Bund klären – die Landesregierung habe dies kommuniziert –, für wel-
che Zwischenlager mit entsprechenden Sicherheitsstandards eine rechtzeitige Verlän-
gerung der Aufbewahrungsgenehmigung vorgesehen sei. Näheres dazu könne nur
vonseiten der BGZ als zuständige Institution des Bundes bekanntgegeben werden.
Nach Einschätzung der Landesregierung handele es sich bei der Wiedergenehmigung
von Zwischenlagern allerdings um einen komplexen Sachverhalt.
Der Hinweis auf die nicht sachgemäße Aufteilung der Mittel des Bundes und des Lan-
des für die JEN stehe im Zusammenhang mit dem Vorschlag der vollumfänglichen
Finanzierung eines Lagerneubaus am Standort Jülich durch das Land, der im Wider-
spruch zu der anteiligen Finanzierungsvereinbarung zwischen Bund und Land für die
Lagerung in Jülich stehe. Ein Neubau komme nach Ansicht der Landesregierung nur
dann infrage, wenn diese Finanzierungsvereinbarung berücksichtigt werde und die
Zeit bis zur Fertigstellung eines solchen Neubaus durch eine Verlängerung der Ge-
nehmigung für das bestehende Zwischenlager überbrückt werde.
Das Koordinierungsgespräch habe am 23. September 2025 im Polizeipräsidium in
Münster stattgefunden, ergänzt MR Dr. Mart

„Zugemüllt“: Oliver Schlaudt im Bundesamt … für nukleare Entsorgung – Eine Besinnung? Und ein Buch.

Viel zu viel ist in diesem Blog von Müll die Rede. Atommüll, Strahlenmüll. UmweltFAIRaendern.de. Ein Titel, der eigentlich viel zu groß ist, für so eine doch begrenzte Thematik. Etwas mit Atomenergie und dann noch Krieg, Terror und Atommüll. Ok. Klingt wie Hiroshima. Harrisburg. Tschernobyl. Fukushima … . Dafür gibt es ja sogar schon Bundesämter und Ministerien. Wieso will das mit dem Müll so blöd universell sein? Nicht erst, wenn es strahlt. „Zugemüllt“, ein Buch von Oliver Schlaudt, auf das – ausgerechnet – das „Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung“ (BASE) aufmerksam macht, zeigt, dass das Thema noch viel gewaltiger ist.

Und mahnt den Veranstalter selbst, immer noch mal viel, viel genauer zu prüfen. Was genau ist Politik und wie kann sie das demokratisch gestalten, wenn was so unermesslich, ewig und gefährlich ist? Atomenergie ist niemals „offen“. Wer sie einsetzt, schafft tödlichen Müll beinah für die Ewigkeit. Zugemüllt: Wie geht umweltFAIRaendern in einer unverantwortlichen zugemüllten Gegenwart und nahezu ewiger Zukunft? Oliver Schlaudt ist am 15. Dezember in Berlin beim BASE.

Zugemüllt ist eine – irgendwie gestolperte und zusammengebaute – spannende und interessante Reise. Durch ober- und unterirdische und verbrannte Müllwelten – unglaubliche Dimensionen hat diese Reise, sie entdeckt so viel, was nicht erst mit der Industrialisierung und der Entstehung bürgerlicher, kapitalistischer Staaten bzw. Nationen entsteht und damit erkennbar wird. Bitterfeld. Gorleben. Ruhrgebiet. So viel Salz. Grundsätzlich und geologisch. Zeithistorisch und philosophisch. Irgendwie zwischen Reisebericht und Wissenschaft und Literatur. Naturlandschaft – Kulturlandschaft – Mülldeponie?

Kein Wunder, wenn das Cover vom Buch Swaantje Günzel in einem Foto von Henriette Pogoda zeigt: Zwischen Plastik-Müll auf einer Bank in der möglicherweise Kunsthalle Hamburg sitzend, vor einem deutschen Romantiker namens Caspar David Friedrich.

Die FAZ hat sich dem Buch gewidmet: „Philosophie und Müll : Im Abfall spiegelt sich die Welt“ mit der Unterzeile: „Der Philosoph und Ökonom Oliver Schlaudt macht sich Gedanken über den Müll und sucht ihn dort auf, wo er sich befindet. Seine Exkursionen führen ihn durch Deutschland und die europäische Kultur- und Technikgeschichte.“ (Von Uwe Justus Wenzel,

Oliver Schlaudt – Zugemüllt. Eine müllphilosophische Reise durch Deutschland – Eine etwas andere Deutschlandreise: nicht zu den Schönheiten des Landes, sondern zu seinen Mülldeponien, mit all ihrem Gestank und all ihrem sehr nachhaltigen Gift. Eine erhellende philosophische Betrachtung über die zunehmende Vermüllung unserer Welt, die wir nur zu gern verdrängen.“

Als Audio und eine Art von Lesung hat sich der Bayerische Rundfunk dem Thema und Buch von Schlaudt angenommen. Natürlich hier bei Perlentaucher.

Was hier aber eine besondere Aufmerksamkeit verdient, ist der Besuch des Autors bei der BI Lüchow Dannenberg und deren Antworten auf seinen Fragen, wie das denn ist, wenn einem in Gorleben der Atommüll quasi „auf den Füssen steht“? (das ist so ein Fotoshot aus dem Buch, Seite 152. Mit Mail vom 10.12.2025 16:19 Uhr teilt der Beck-Verlag in Person von S.B.  mit, dass die beiden folgenden Bilder auf umweltFAIRaendern mit Lizenz veröffentlicht werden dürfen. Vielen Dank.)

Es bleibt alles im Widerspruch – und da muss es auch bleiben. Wie denn sonst, bei etwas von dieser Größenordnung Einstein und das Universum, aber in Klein. Es geht nur um die Kernspaltung. Fusion kommt dann noch.

Und wo genau in diesem Umfeld kann sich Politik dann überhaupt noch bewegen? Hilflos, verzweifelt? Ignorant und durch? Es braucht nicht unbedingt die Erkenntnisse von Freud und Verdrängung. Es braucht. Ein Ende der Atomenergie, aber der radioaktive Müll bleibt! (Fotoshot, Seite 153)

„Kreist um die Neubestimmung … als Skandal, falsche Entscheidungen beenden…“ Sehr gute Idee! Philosophie über eine vermüllte Demokratie. Na, irgendwo ein Fehler im Satzbau.

Hier als Dokumentation:

BASE lädt ein: Philosophische Lesung über Müll

Anfang 15.12.2025 16:00 Uhr Ende 15.12.2025 18:00 Uhr Veranstaltungsort Berlin

BASE lädt ein: Philosophische Lesung über Müll

Müll will niemand haben – stinkend, unbrauchbar oder wie im Fall von Atommüll sogar hochgefährlich. Und doch waren genau diese Abfälle der Anlass für Oliver Schlaudt quer durch Deutschland zu reisen und Deponien, Verwertungsanlagen und Abwasserkanäle zu besichtigen.

Müll: Ungewolltes und nicht ausschlagbares Erbe

Auch das Thema Atommüll betrachtet Schlaudt intensiv – in Frankreich hat er die Bemühungen beobachtet, am Standort Bure ein Endlager einzurichten. Am 15. Dezember berichtet er im Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung von seiner ungewöhnlichen Tour.

Oliver Schlaudt ist Professor für Philosophie und Politische Ökonomie an der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Koblenz. Sein Buch „Zugemüllt. Eine müllphilosophische Deutschlandreise“ ist im C.H.Beck-Verlag erschienen.

Das Fazit seiner Reise gilt für alle Abfallarten gleichermaßen, ob hochradioaktiver Atommüll aus den Atomkraftwerken oder Plastikverpackung nach dem Supermarkteinkauf: Der Müll ist das ungewollte Erbe, das wir nicht ausschlagen können.

Jetzt zur Lesung anmelden:

Über dieses Erbe möchten wir mit Ihnen ins Gespräch kommen. Wir laden Sie herzlich zu dieser philosophischen Lesung und Diskussion ins BASE ein.

Am Montag, den 15. Dezember von 16 – 17 Uhr
Ausklang bei Snacks und Getränken bis 18 Uhr

  • Dokumentation: Beck-Verlag zum Buch, Link siehe oben:

Schlaudt, Oliver

Zugemüllt

Eine müllphilosophische Deutschlandreise.

Die weltweit größte Untertagedeponie für gefährliche Abfälle im hessischen Heringen, ein gigantischer Abwasserkanal bei Essen, eine Tierkadaververwertungsanlage im schönen Moseltal: Oliver Schlaudt hat sich auf eine eigentümliche Deutschlandreise begeben, um verborgene, aber spektakuläre Wahrzeichen unserer Müllkultur aufzusuchen. Sein genauso verblüffender wie wunderbar erzählter Reisebericht liest sich allerdings nicht nur wie ein Fremdenführer durch deutsche Abfalllandschaften. Inmitten ihrer besonderen Müllgeschichten entwickelt Schlaudt zugleich eine Philosophie, die sich die Hände buchstäblich schmutzig macht.

Menschheitsgeschichtlich haben wir den Punkt erreicht, an dem unser Müll überall ist und wir uns allmählich mit ihm selbst vergiften. Zugleich geben wir uns sehr viel Mühe, seine beunruhigende Allgegenwart aus unserem Gesichtsfeld zu verbannen. Es wird daher Zeit, der drastischen Wirklichkeit unserer zumüllenden Lebensform ins Auge zu blicken – und mit Oliver Schlaudt eine müllphilosophische Deutschlandreise zu unternehmen. Wir besuchen unter anderem die unscheinbare, aber rettungslos zerstörte Mülllandschaft von Bitterfeld (wo Marx’ Einsicht sinnfällig wird, dass der Müll der «unheilbare Riss» im Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur ist), die BASF-Sondermülldeponie auf einer künstlichen Rheininsel (wo wir erkennen, dass wir in Sachen Müll «Cartesianer» geblieben sind, Bewohner zweier getrennter Welten) und die charmante Wurmkiste im eigenen Zuhause. Es wird klar: Der Müll ist das ungewollte Erbe, das wir nicht ausschlagen können.

Atomforschungsreaktor Garching bleibt nach Defekt abgeschaltet – Materialprobleme früher als erwartet. Einzelfehler?

Es bleibt unklar, wann der Atomforschungsreaktor in Garching bei München wieder in Betrieb gehen wird. Das ergibt sich aus den Antworten der Bayerischen Staatsregierung auf einen Anfrage grüner Landtagsabgeordneter (siehe unten). Eine zum Jahreswechsel 2025/26 geplante Inbetriebnahme wird jedenfalls nicht erfolgen können. Der neue Zentralkanal, der den defekten, undichten Kanal ersetzen muss, ist immer noch nicht fertiggestellt. Fertigungsprobleme führen zu immer neuen Verzögerungen. Außerdem räumt das zuständige Wissenschaftsministerium ein: Das zentrale Reaktor-Bauteil ist deutlich früher als „berechnet“ defekt und undicht geworden. Ohne weitere Erklärungen wird das als „Einzelfehler“ bewertet. Statt nach erwarteten 67 Zyklen, ist das Bauteil bereits nach 47 Zyklen defekt. (Foto: Reaktorbecken FRM II, W. Schuermann, TUM)

Die enormen Materialanforderungen an dieses zentrale Bauteil haben bislang verhindert, dass ein neues mit der entsprechenden Auslegung fertiggestellt werden konnte. Die ehemaligen Hersteller mussten offenbar nach ersten Umsetzungsversuchen eingestehen, die Fertigung nicht mehr durchführen zu können. Eine Firma in Österreich hatte dann mit intensiver Begleitung durch die frühere Herstellerfirma und die TUM die Konstruktion und Fertigung übernommen. Doch es gibt offenbar viele Gründe für die Verzögerungen.

Die zuständige Wissenschaftsbehörde räumt auf die Anfrage der beiden grünen Landtagsabgeordneten Claudia Köhler und Martin Stümpfig ein, dass über lange Jahre die Neubeschaffung „nicht mit höchster Priorität“ behandelt wurde. Dabei ist seit der Inbetriebnahme des Reaktors klar, dass der Zentralkanal regelmäßig erneuert werden muss. Daher war bereits 2012 ein Auftrag vergeben worden und es zeigten sich massive Probleme, um einen Ersatzkanal herzustellen, so die Darstellung des Ministeriums.

In der taz ist zu lesen: „Überraschend teilte die Bayerische Staatsregierung in ihrer Antwort mit, dass der Auftrag für den Kanal, der regelmäßig erneuert werden muss, bereits 2012 erfolgte. 2,5 Jahre waren eingeplant, aber auch nach 13 Jahren ist es nicht gelungen, das wichtige Ersatzteil für den „wissenschaftlichen Leuchtturm Europas“ (TU-Präsident Thomas Hofmann) herzustellen, geschweige denn einzubauen. Jahrelang gab es Probleme, eine geeignete Firma zu finden, Schwierigkeiten mit dem Material und insbesondere mit den Schweißverfahren.“

Auch ein weiterer Aspekt wirft Fragen auf. Die Behörde stellt ausdrücklich fest: „Die mögliche Einsatzzeit des Zentralkanals hängt von der tatsächlichen Neutronenbestrahlung ab. Auf Grundlage der Berechnungen, die bei der Errichtung des FRM II vorgelegt wurden, wurde ein Austausch nach rund 67 Betriebszyklen erwartet. Der jetzige Austausch wurde aufgrund des Einzelfehlers bereits nach 47 Zyklen erforderlich.“

Worauf sich die Aussage „Einzelfehler“ stützt, bleibt in der Antwort unklar. Aber: Offenkundig hat der Einsatz der mit über 90 Prozent angereicherten atomwaffenfähign Uran-Brennelemente bei der Betriebsweise in Garching dazu geführt, dass der Zentralkanal deutlich früher als berechnet und erwartet undicht wurde. Das verweist entweder auf Materialfehler bereits bei der Herstellung, auf eine (unerwartetet und deutlich frühere) Materialveränderung während des Betriebs oder auf falsche Annahmen zum Einfluss der (Neutronen)Strahlung auf den Kanal.

Der Reaktor war trotz massiver internationaler Protest im März 2004 in Betrieb gegangen. Pro Jahr wären drei Forschungszyklen mit je einem Brennelement machbar gewesen.

Dokumentation PM der Grünen Abgeordneten Claudia Köhler und Martin Stümpfig im Landtag Bayern: 

FRM II steht weiter still

13 Jahre nach der Bestellung:  Ersatz für den Zentralkanal immer noch nicht fertig

München (20.11.2025) Überraschendes förderte eine Schriftliche Anfrage der Abgeordneten Markus Büchler, Claudia Köhler und Martin Stümpfig zum aktuellen Zustand des Garchinger Forschungsreaktors FRM II zu Tage. Klar ist nun: der Garchinger Reaktor wird – entgegen mehrfachen Ankündigungen – auch in diesem Jahr wieder nicht in Betrieb gehen. Ursache ist ein seit fast vier Jahren defekter Zentralkanal, dessen Ersatz bis heute weder fertiggestellt noch eingebaut ist.

„Verblüffend ist vor allem, dass die erste Auftragserteilung für einen neuen Ersatzkanal bereits im Jahr 2012 erfolgte, also vor mehr als 13 Jahren“, so Dr. Markus Büchler, Landtagsabgeordneter der Grünen aus Oberschleißheim. Diese frühe Auftragserteilung sei einerseits logisch, da allen Beteiligten bewusst war, dass der Zentralkanal regelmäßig erneuert werden muss. „Völlig unverständlich ist aber, wieso es in 13 Jahren nicht gelungen ist, ein weiteres Exemplar dieses Zentralkanals herzustellen, etwas was ja offensichtlich vor mehr als 20 Jahren noch möglich war“, so Dr. Büchler weiter. „Das verstärkt die Zweifel am Management des FRM II, die in den letzten Jahren ja auch durch einen erheblich verzögerten Brennelementetransport und durch einen Radioaktivitätsunfall weitere jahrelangen Stillstandszeiten zu verantworten haben.“

Trotz der Beantwortung der Schriftlichen Anfrage bleibt aus Sicht der Grünen Abgeordneten weiterhin vieles unklar, so Claudia Köhler MdL, haushaltspolitische Sprecherin ihrer Fraktion: „Warum brauchte man nach der festgestellten Leckage am Zentralkanal fast eineinhalb Jahre, um die Entscheidung zu treffen, dass dieser Kanal ausgetauscht werden soll? Warum hat man das Know-how der Herstellung eines Zentralkanals nicht gesichert, wenn klar war, dass man dieses Bauteil mehrfach wechseln muss? Wer ist dafür verantwortlich, dass man diesem Thema über acht Jahre „nicht mit höchster Priorität“ verfolgt hat, obwohl es offensichtlich erhebliche technische Probleme gab?“

Claudia Köhler, MdL stellt weiterhin in Frage, ob die TU München und die Bayerische Staatsregierung überhaupt in der Lage sind am FRM II eine Forschungsumgebung zu schaffen, die eine solide Neutronenforschung ermöglicht. „Rund 400 Mitarbeiterende, darunter 130 WissenschaftlerInnen verdienen ihr Geld an einem seit 2020 stillstehenden Reaktor und ein hoher zweistelliger Millionenbetrag wird jährlich für eine ungenutzte Forschungseinrichtung ausgegeben. Und die Zukunft ist weiter ungewiss.“

Anlage:
Antwort der Schriftlichen Anfrage (SAN)

Siehe auch hier direkt: Fragen und Antworten.

Schriftliche Anfrage der Abgeordneten Claudia Köhler, Dr. Markus
Büchler, Martin Stümpfig, Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, vom
02.09.2025 „Zum Ersatz des Zentralkanals am Forschungsreaktor
FRM II in Garching“

Sehr geehrte Frau Präsidentin,

die Schriftliche Anfrage beantwortet das Staatsministerium für Wissen-
schaft und Kunst auf Basis einer Stellungnahme der TUM wie folgt.

1a) Wann wurde die Undichtigkeit des Zentralkanals das erste Mal
festgestellt und von wem?
1b) Wann wurde die Staatsregierung davon informiert?
2a) Wann wurde von wem festgestellt, dass eine Reparatur nicht
möglich ist und ein Austausch des Kanals erforderlich ist?
2b) Wann wurde die Staatsregierung davon informiert?

Aufgrund des Sachzusammenhangs werden die Fragenblöcke 1 und 2 zu-
sammen beantwortet.

Die Undichtigkeit am Zentralkanal der Forschungs-Neutronenquelle Heinz-
Maier-Leibnitz (FRM II) wurde am 19.01.2022 durch das automatische De-
tektionssystem festgestellt. Der automatisch generierte Befund wurde durch
Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst weitere Prüfungen am 20.01.2022 bestätigt.

Es handelt sich um eine ge-
ringfügige interne Undichtigkeit ohne Bezug ins Freie. Der Befund hatte
keine Auswirkungen auf die Sicherheit der Neutronenquelle, das Betriebs-
personal und die Umgebung. Radioaktivität wurde nicht freigesetzt.
Das Ereignis wurde dem Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und
Verbraucherschutz (StMUV) am 20.01.2022 schriftlich gemäß Atomrechtli-
che Sicherheitsbeauftragten- und Meldeverordnung – AtSMV als Melde-
pflichtiges Ereignis ME 01/2022 gemeldet. Das Bayerische Staatsministe-
rium für Wissenschaft und Kunst (StMWK) wurde am gleichen Tag infor-
miert. Am 21.01.2022 erfolgte eine Veröffentlichung auf der Internetseite
des StMUV und des FRM II.

In der Folge wurde am 07.06.2023 durch den Betreiber der Austausch des
Zentralkanals als Maßnahme festgelegt. Das StMUV als atomrechtliche
Aufsichtsbehörde wurde am selben Tag (07.06.2023) schriftlich darüber in-
formiert.

3a) Wann wurde der Auftrag zur Fertigung eines neuen Zentralka-
nals vergeben?
3b) Wurde mit der Auftragserteilung eine Terminsetzung mit dem
Hersteller vereinbart?
3c) Wenn ja, welcher Termin wurde vereinbart?
4a) Falls ein Termin vereinbart wurde: Was war der Grund bzw. die
Gründe dafür, dass der Termin vom Hersteller nicht eingehalten
wurde?
4b) Wann wurde der Zentralkanal an die TU München geliefert?
4c) Wann hat der Einbau des Zentralkanals begonnen?
5a) Welche weiteren Gründe gibt es dafür, dass die vielfältigen An-
kündigungen der TU München zur Wiederinbetriebnahme des
Reaktors nicht eingehalten wurden?
5b) Ist es richtig, dass der zuletzt öffentlich genannte Termin einer
Wiederinbetriebnahme zum Jahresende 2025 wiederum nicht
eingehalten werden kann?
5c) Wenn ja, was ist die Ursache dafür?

Aufgrund des Sachzusammenhangs werden die Fragenblöcke 3, 4 und 5
zusammen beantwortet.

Die ursprüngliche Bestellung eines neuen Zentralkanals erfolgte bereits am
30.03.2012. Die Lieferung war seitens des Auftragsnehmers für Herbst
2014 vorgesehen. Das Einhalten des geplanten Liefertermins war insbe-
sondere von der Verfügbarkeit des geeigneten Materials und dessen Verar-
beitung abhängig. Hierbei ging es im Wesentlichen um die technisch sehr
komplexe Bearbeitung bzw. Verbindung von Material, welches exakt auf die
Anforderungen des Anlagenbetriebs abgestimmt sein musste. Die Ferti-
gung des Zentralkanals stellt eine hochspezialisierte und sicherheitsrele-
vante Produktion dar, die entsprechend mit besonderen fachlichen und or-
ganisatorischen Anforderungen verbunden ist. Dementsprechend wurde die
ursprüngliche Lieferzeit von der Technischen Universität München (TUM)
als realistisch eingeschätzt.

Jedoch verzögerte sich die Lieferung bzw. die Fertigstellung, was im We-
sentlichen auf mehrere, größtenteils externe Faktoren zurückzuführen war,
darunter die Verfügbarkeit geeigneter Fertigungsmaschinen, Materialien
und Prüftechnik, die Einbindung spezialisierter Dienstleister sowie die Si-
cherstellung der erforderlichen Fachkräfte. Darüber hinaus erforderte das
Projekt einen erheblichen Koordinationsaufwand zwischen den beteiligten
Partnern, wobei die wirtschaftliche Attraktivität für die beteiligten Unterneh-
men begrenzt war.

Die Verzögerung der Fertigung bis zum Jahr 2023 war insbesondere auf
die Herstellung der sogenannten Kompensatoren zurückzuführen, die über
einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren von umfangreichen Entwick-
lungs- und Qualifizierungsarbeiten begleitet war. Der Ablauf lässt sich im
Wesentlichen wie folgt zusammenfassen:

• 2012 bis 2016: Nach der Auftragsvergabe wurden erste Fertigungs-
und Schweißversuche (WIG-Schweißen). Trotz zahlreicher Versu-
che – über 200 Schweißungen – konnten aufgrund von Material- und
Drahtproblemen keine stabilen Ergebnisse erzielt werden.

• 2017 bis 2019: Es folgten umfangreiche Materialanalysen, die u. a.
von der BAM (Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung) be-
gleitet wurden. Trotz alternativer Verfahren wie Elektronenstrahl-,
Laser- und CMT-Schweißen gelang zunächst kein zufriedenstellen-
des Ergebnis.

• Ab 2020: Einführung des Rührreibschweißverfahrens, das erstmals
technisch vielversprechende Ergebnisse zeigte. Die Umsetzung
wurde jedoch durch Probleme bei der Umformung und bei der Naht-
qualität erschwert. Zugleich traten bei älteren Blechen Oxid- und Ga-
seinschlüsse auf, weshalb die Herstellung neuer Bleche beim Her-
steller in Österreich veranlasst wurde.

• 2021 bis 2023: Parallel erfolgte eine Optimierung mehrerer
Schweißverfahren (Rührreib-, WIG-, Laser- und Elektronenstrahl-
schweißen). 2023 konnten erstmals zwölf Kompensatorzylinder aus
neuem, speziell qualifiziertem Aluminium erfolgreich hergestellt wer-
den.

Rückblickend wurde das Projekt zwischen 2012 und 2019 nicht mit höchs-
ter Priorität behandelt, da man seitens des FRM II zunächst davon ausging,
dass der Zentralkanal keine kritische Problemstellung darstellen würde und
andere Projekte höhere Dringlichkeit besaßen (siehe auch Antworten zu
Frage 7a) und b)). Im Jahr 2023 wurde zudem klar, dass der Auftragneh-
mer, der bereits den Original-Zentralkanal gefertigt hatte, die erforderlichen
Ressourcen nicht mehr bereitstellen konnte. Es mussten daher für wesentli-
che Aspekte der Fertigung neue Partner gefunden werden, deren Betreu-
ung zusätzlich von der TUM übernommen werden musste.

Ab 2024 begann die Serienfertigung der Kompensatoren. Zunächst kam es
bei Umformversuchen zu Problemen mit der Bruchdehnung, deren Ursache
auf fehlerhafte Prüfparameter zurückzuführen war. Nach deren Korrektur
konnten die Umform- und Verfahrensprüfungen im Jahr 2025 erfolgreich
abgeschlossen werden. Zwischen April und Juli 2025 wurden bei der Fach-
firma acht Kompensatoren gefertigt, wärmebehandelt und geprüft; sieben
Stück wurden im Juli 2025 ausgeliefert, der achte befindet sich derzeit in
Nachbearbeitung.

Während der gesamten Fertigungszeit stand die TUM in engem Austausch
mit den beteiligten Unternehmen und begleitete mehrere Qualifikations-,
Entwicklungs- und Beschaffungsschritte. Grund dafür ist die hohe Komple-
xität der Herstellung entsprechender Spezialteile, die von den Herstellern
inzwischen allein nicht bewältigt werden kann.

Eine abschließende Lieferung des vollständigen Zentralkanals erfolgte bis-
her nicht, weshalb zum aktuellen Zeitpunkt noch keine definitive Auskunft
über den Zeitpunkt der erneuten Inbetriebnahme der Anlage erfolgen kann.

6a) Ist es richtig, dass es zur Herstellung des ursprünglichen Zen-
tralkanals weder bei der TU München noch beim damaligen Her-
steller eine vollständige Dokumentation gibt?

Nein.

6b) Wenn ja, wer ist dafür verantwortlich?
Siehe Antwort auf Frage 6a).
7a) Ist es richtig, dass ein (regelmäßiger) Austausch des Zentralka-
nals schon zu Zeit der Inbetriebnahme absehbar war?
7b) Wenn ja, wann hat man damals mit einem ersten Austausch ge-
rechnet?

Aufgrund des Sachzusammenhangs werden die Fragen 7a) und 7b) zu-
sammen beantwortet.

Die mögliche Einsatzzeit des Zentralkanals hängt von der tatsächlichen
Neutronenbestrahlung ab. Auf Grundlage der Berechnungen, die bei der
Errichtung des FRM II vorgelegt wurden, wurde ein Austausch nach rund
67 Betriebszyklen erwartet. Der jetzige Austausch wurde aufgrund des Ein-
zelfehlers bereits nach 47 Zyklen erforderlich.

8a) Wie hoch waren die erwarteten Kosten für die Herstellung des
Zentralkanals zum Zeitpunkt der Auftragsvergabe?
Zu den ursprünglich veranschlagten Kosten können keine Auskünfte erteilt
werden, da es sich hierbei um vertrauliche und dem Schutzbereich des Auf-
tragnehmers unterliegende Informationen handelt.
8b) Bei welchem Kostenstand ist man aktuell?

Aktuell belaufen sich die bisher angefallenen Gesamtkosten zur Beschaf-
fung des neuen Zentralkanals auf rund 2 Mio. Euro. Diese Summe umfasst
im Wesentlichen Gutachterleistungen, Materialbeschaffung und die Beauf-
tragung externer Fachfirmen. Interne Personal- und Reisekosten des
FRM II sind hierin nicht enthalten. Bis zur vollständigen Fertigstellung und
dem Einbau des Zentralkanals werden zusätzliche Ausgaben von etwa
0,5 Mio. Euro erwartet. Da der Einbau durch Eigenpersonal des FRM II er-
folgt, fallen nur

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