Hochradioaktiver Atommüll in Gorleben und anderswo: Verlängerte oberirdische Lagerung und erhöhte Sicherheitsanforderungen

Wie geht es weiter mit der um viele Jahrzehnte länger andauernden oberirdischen Zwischenlagerung hochradioaktiver Atomabfälle? Nicht nur technische Fragen werden bedeutsamer, wenn diese Form der Lagerung in Castor-Behältern aufgrund der immer neuen Verzögerungen bei der Endlagerung immer länger andauert. Die Fragen, wie lange bestrahlte Brennstoffe, Brennelemente, Einbauten, Behälter und auch die Gebäude ausreichend gesichert sind, wenn statt bislang geplanter 40 Jahre die oberirdische Lagerung 100 Jahre oder mehr dauern könnte, müssen geklärt werden. Nicht nur in Gorleben und Ahaus drängen diese Fragen, denn die Altanlagen brauchen schon bald komplett neue Genehmigungen.

Behörden sind am Start, aber Ergebnisse liegen bislang nicht vor. Hinzu kommen sogenannte „zivilisatorische“ Risiken, die durch erhöhte Terrorrisiken in einer instabiler werdenden Welt entstehen. Und neuerdings zeigt der Krieg Russlands gegen die Ukraine, dass Atomanlagen zum Kampfmittel werden bzw. von schweren Kriegswaffen getroffen werden könnten (Stichworte Tschernobyl, Saporischschja).

Das zuständige Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BaSE) hatte bereits vor Monaten darauf hingewiesen, dass die Atomlager gegen diese Risiken nicht ausgelegt sind. Nun gibt es mit Chris Kühn einen neuen BaSE-Chef. Atomkraftgegner:innen fordern seit langem, eine deutlich verbesserte Sicherheitsauslegung zu entwickeln und umzusetzen. Die BI Lüchow-Dannenberg hat beim Bundesumweltministerium nachgefragt, was nun passieren soll. UmweltFAIRaendern dokumentiert die PM der BI und die Antworten aus dem BMU.

Dokumentation: Pressemitteilung der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.

Zwischenlager Gorleben: „Mauerbau reicht nicht als Schutz“

Der parlamentarische Umweltstaatssekretär Chris Kühn wechselt an die Spitze des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) und tritt die Nachfolge von Wolfram König an. Kühn hatte sich im Rahmen eines Wendlandbesuchs am 9. Oktober auf einer öffentlichen Veranstaltung in Trebel zum Thema verlängerte Zwischenlager fleißig Notizen gemacht, viele Fragen aber blieben unbeantwortet. Die Rechtshilfe Gorleben, die Bäuerliche Notgemeinschaft und die BI hakten nach. Denn 2034 verliert die Castorhalle ihre Genehmigung und die Frage ist, wie es dann in Gorleben weitergeht.

Nun kam das lang erwartete Statement seitens des Bundesumweltministeriums (BMUV). Zum einen wird betont, dass das Forschungsprogramm zur Langzeitlagerung hochradioaktiver Abfälle umfassender sei als das, was die Zwischenlagerbetreiberin BGZ verantwortet.

„Doch geschummelt wird in der Antwort, wenn behauptet wird, der seit langer Zeit geplante Mauerbau rund um das Lager sei eine Antwort auf neue Bedrohungsszenarien, die sogar mit dem Ukraine -Krieg zu tun hätten“, betont Ehmke. Voller Sorge schaue man ständig auf das umkämpfte Atomkraftwerk Saporischschja. „Krieg und Atomanlagen – das hielt man für undenkbar, das geht nicht zusammen und eine 10 Meter hohe Mauer bietet keinen Schutz.“

Es fehlten in dem  BMUV-Schreiben entsprechende Antworten auf die Nachfrage, ob und wie diese Lager gegen neue Waffensysteme, Drohnen etc. „gehärtet“ werden könnten. Auch der BI-Hinweis auf die viel kompakteren Wandstärken anderer Lagerhallen im Vergleich zu Gorleben wurde in dem BMUV-Schreiben nicht aufgegriffen.

Immerhin werde ein klein bisschen in Aussicht gestellt, dass es auch für Ahaus und Gorleben, den Lagern mit den geringsten Wandstärken, ein Überflugverbot geben könnte, was es an den kraftwerksnahen Standorten gibt, eben weil sie AKW-Standorte waren.

The Boss! NO NUKES – Born to run

No Nukes, der Moment, an dem die Atom-Uhr stillstand. Harrisburg. Three Mile Island. Der Super-Gau auf dem Weg. Fünf Minuten vor Gorleben. A little before Tschernobyl. Die Warnung vor dem nuklearen Overkill. The Boss: Bruce Springsteen und viele andere gegen Atomenergie. USA: NO NUKES! Born to run! Hier datenfreundlich statt auf Youtube direkt, was Gemeinwohl ist: https://yt.artemislena.eu/watch?v=k_4g-e8fhg4

Suche nach Invidious!

Atomenergie – Koste es was es wolle!

Unter der Überschrift „Irrer Überbietungswettbewerb“ ist auf den Seiten der BI Lüchow-Dannenberg und anderenorts ein Artikel von Detlef zum Winkel veröffentlicht, der sich mit der wahnwitzigen Kostenexplosion der Nuklearbauten im britischen Hinkley Point befasst und auch aufzeigt, mit welch einer extremen Schuldenlast der französische Atomgigant EdF mit massiver Unterstützung der Atommacht Frankreich weiter auf nukleare Expansion setzt. Das Prestigeprojekt eines Neubau-Reaktors in Flamanville sowie der Neubau im finnischen Olkiluoto sind zuvor schon finanziell vollkommen aus dem Ruder gelaufen und ausgerechnet das Projekt in Flamanville kommt und kommt nicht voran. Auch die Reaktoren dieser französischen Entwicklung, die gemeinsam in China errichtet wurden, laufen alles andere als optimal. Die Zeche für die „billige Atomenergie“ werden am Ende die Steuerzahler:innen bezahlen. Aber es braucht die zivile Atomenergie, damit die Atomwaffen in Frankreich, in Großbritannien und anderswo möglich bleiben.

umweltFAIRaendern dokumentiert von der Homepage der BI Lüchow-Dannenberg: „Irrer Überbietungswettbewerb“: Im Südwesten Englands errichtet das französische Energieunternehmen EdF das Atomkraftwerk Hinkley Point C mit zwei EPR-Reaktoren (Europäischer Druckwasserreaktor) zu je 1600 Megawatt. Die wechselvolle Geschichte dieses Projekts wird aktuell von neuen Kostenschätzungen gekrönt. Zuerst die BBC und dann auch FAZ und Spiegel nannten schwindelerregende Zahlen. Demnach kalkuliert EdF zur Zeit mit über 40 Mrd Pfund, wobei den Angaben von BBC – 46 Mrd GBP – am ehesten zu trauen ist, da die Leithammel der deutschen Medienlandschaft den Atomausstieg immer noch nicht verwunden haben. Umgerechnet sind das 54 Mrd Euro. Gemessen daran, was ein EPR ursprünglich hätte kosten sollte, ist diese Nachricht ein Volltreffer gegen die ewige Kampagne der Lobby, wonach Atomstrom sicher, sauber und billig sei.“ Je nach politischer Couleur wird mit den Zahlen jongliert: die FAZ setzt erstaunlicherweise 10 Mrd GBP weniger an als BBC und errechnet somit eine Kostensteigerung von nur einem Drittel. Argumentiert wird mit einer Inflationsbereinigung, aber sorry, so heftig sind nicht einmal die Benzinpreise gestiegen. Hier bei der BI weiterlesen…

Wachsende Proteste gegen Atommülltransporte – auch BUND NRW bereitet Klage vor – Kein Sofort-Vollzug!

Mit über 50 Traktoren und hunderten von Teilnehmer:innen protestierten heute Atomkraftgegner:innen in Ahaus und anderen Orten in NRW gegen drohende Atomtransporte mit hochradioaktivem und atomwaffenfähig angereichertem Uran-Müll von Jülich nach Ahaus. Von dem Aktionstag berichtet auch die Tagesschau. Die Stadt Ahaus und dort ansässige Bürger:innen klagen gegen die Einlagerung des Atommülls im Zwischenlager Ahaus. Nicht nur wegen Sicherheitsrisiken, sondern auch, weil dort die Genehmigung für den Betrieb des Zwischenlagers bereits Mitte der 2030er Jahre ausläuft und dann erneut gefährliche Atomtransporte zu einer erneuten „Zwischenstation“ rollen müssten. Ahaus-Bürgermeisterin Karola Voß laut Tagesschau : „Ich denke, es ist jetzt an der Zeit zu entscheiden, dass solcher Atommüll an den Standorten bleibt, bis man eine endgültige Lösung hat.“ Die Transporte seien ohnehin teuer und gefährlich. Zuletzt hatte sogar der Bürgermeister von Jülich plädiert, vor Ort ein neues Zwischenlager zu bauen, statt gefährliche Atomtransporte durchzuführen. Voß und die Stadt Ahaus klagen längst gerichtlich gegen die geplanten Transporte. Jetzt wird bekannt, dass auch der Umweltverband BUND in NRW eine Klage gegen die mögliche Genehmigung für die Atomtransporte vorbereitet. Zuletzt hatte sich u.a. die stellvertretende Landesvorsitzende des BUND in NRW, Kerstin Ciesla, in einem Interview in der Taz gegen diese unsinnigen Atomtransporte und die damit verbundenen Risiken geäußert.

„Sofort-Vollzug eventueller Genehmigungen muss unterbleiben“

Von großer Bedeutung wird sein, ob die Genehmigungsbehörde (Bundesamt für Sicherheit in der nuklearen Entsorgung, BASE)  den laufenden oder angekündigten Klagen eine Chance auf gerichtliche Klärung geben werden und damit auch ein Signal für die Öffentlichkeitsbeteiligung bei Umgang mit den radioaktiven Abfällen des Atomzeitalters einräumen. Wolfram König, Chef des BASE hatte immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig dieser Konsens mit der Öffentlichkeit sei. Es wäre also logisch, dass das BASE den Kläger:innen in der Weise in den atomrechtlichen Verfahren entgegenkommt, und den Sofortvollzug nicht erteilt. Darüber hinaus ist von der Landesregierung in NRW ebenso wie vom Bundesumweltministerium ein entsprechender Umgang mit den vorgetragenen Sorgen und Befürchtungen der Bevölkerung und der atomkritischen Verbände zu erwarten. Notwendig ist daher, dass entsprechende Genehmigungs-Bescheide sofort öffentlich bekannt gemacht werden und außerdem ohne Sofort-Vollzug erteilt werden. Nur so kann eine „Demokratisierung in der Atommüllpolitik“ erreicht werden und auch der Umgang mit dem Atommüll bis hin zu einem noch zu findenden Endlager als vertrauensbildende staatliche Maßnahme auf den Weg gebracht werden.

Auch der Betreiber, der in Jülich das atomare Erbe aufräumt und ebenfalls staatlicher Akteur ist, könnte sich entsprechend positionieren. Eine Erklärung, keine Atomtransporte durchzuführen, bis die rechtliche Klärung auch vor den zuständigen Gerichten stattgefunden hat, wäre ein deutliches Signal für eine demokratische und partizipative Umgangsweise mit den Bürger:innen und Kommunen und Verbänden in dieser Sache. Ein solches staatliches und (staatlich)unternehmerisches Verhalten einzufordern, wäre einerseits die Sache der Betroffenen, andererseits aber auch Sache der jeweiligen Parteien und Fraktionen in den jeweiligen Parlamenten.

BUND NRW gegen unnötige Atomtransporte

Bereits auf seiner Landesmitgliederversammlung im Oktober hatte der BUND in NRW eine Resolution gegen die unnötigen und gefährlichen Atomtransporte in NRW einstimmig beschlossen und den Landesvorstand aufgerufen. UmweltFAIRaendern hatte darüber berichtet: Stop Atomroute Jülich Garching -> Ahaus: BUND Delegierte NRW einstimmig: Keine unnötigen Atomtransporte mehr – Zwischenlagerung neu bewerten! Auch auf Bundesebene hat der BUND mit seinem Bundesarbeitskreis entsprechende Anträge zur Bundesdelegiertenversammlung im November 2023 auf den Weg gebracht.

Im BUND-NRW-Antrag heißt es z. B.: „Keine unnötigen Atomtransporte mehr – Nach dem endgültigen Abschalten der deutschen Atomkraftwerke muss der Atomausstieg endlich komplettiert werden: Dazu gehört die Stilllegung der Uranfabriken in Gronau und Lingen und ein verantwortbarer und möglichst sicherer Umgang mit dem Atommüll. Eine dauerhafte Lagerung an den unzureichend gesicherten Zwischenlager-Standorten in ganz Deutschland ist unverantwortlich. Neben den ohnehin schon bestehenden unbeherrschbaren Risiken der Atomenergienutzung und Atommülllagerung, den seit Jahrzehnten wachsenden Terrorrisiken, kommen nun weitere Dimensionen nuklearer Bedrohung hinzu: Der völkerrechtswidrige Krieg Russlands in der Ukraine hat die Gefahren eines Einsatzes von Atomwaffen deutlich erhöht. Eine neue Dimension stellt der kriegerische Angriff auf Atomanlagen dar: AKW und Atommülllager wie im ukrainischen Saporischschja und Tschernobyl werden zu Angriffszielen.“

Zwei klare Aufgaben schrieben die Delegierten dem Vorstand des BUND in NRW in das Aufgabenheft:

  • „Keine Transporte hochradioaktiver Abfälle aus dem Forschungsreaktor FRM II in Garching bei München nach Ahaus zuzulassen.
  • Sicher zu stellen, dass die hochradioaktiven Abfälle des AVR Jülich in einem Zwischenlager in Jülich verbleiben.“

Strahlendes Atomerbe: Von nuklearen Versprechungen zum extrem hochradioaktiven Gefahren- und Umweltrisiko.

In der ehemaligen Atomforschungsanlage in Jülich lagern bis heute hochradioaktive Atomabfälle, die sogar atomwaffenfähig hochangereichertes Uran enthalten. Sie stammen aus einen ehemaligen Pilotprojekt bundesdeutscher Atompropagandisten, die von unendlicher Energieerzeugung träumten und dabei fast alle Risiken ausblendeten. Der AVR Jülich, ein sogenannter Thorium Hochtemperatur Reaktor -THTR – sollte der absolute Verkaufsschlager einer bundesdeutschen nuklearen Eigenentwicklung werden, die weltweit zum Exportschlager führen sollte. Dass dafür atomwaffenfähiges Uran zum Einsatz kommen sollte, störte damals weder Regierung im Bund noch in NRW.

Weitere Hintergründe auf UmweltFAIRaendern.

umweltFAIRaendern berichtet seit Jahren über die Probleme und Risiken mit den Atomabfällen aus dem Betrieb des AVR Jülich sowie den Auseinandersetzungen und Diskussionen über verschiedene Varianten beim weiteren Umgang mit diesen Abfällen. Sei es von den Planungen ehemaliger Atomfreunde und internationaler Seilschaften, den Müll trotz massiver Sicherheitsrisiken in die USA zu verschieben bis hin zu den Debatten zu diesen Abfällen in der damaligen Endlager-Kommission von Bundestag und Bundesrat über neue atomgesetzliche Regelungen zum Umgang mit diesem Strahlenabfall. Auch über die finanziellen Auseinandersetzungen zwischen Bund und Ländern hat umweltFAIRaendern berichtet. Der Bund ist meist zu 70 Prozent an den Atomanlagen in Jülich beteiligt, das Land NRW mit oftmals 30 Prozent. Der Bund und das Land sind also beide sowohl als Betreiber, als auch als Aufsichtsbehörden und Genehmigungsbehörde mit den Atomabfällen aus Jülich befasst. Eine ungeheure Anforderung an eine demokratische und unabhängige Gewaltenteilung.

Mit unterschiedlichen Stichworten kann die Suchfunktion dieser Seite genutzt werden. Dabei ist sinnvoll, allgemeine Suchbegriffe zum Thema Atom mit möglichst konkreten, standortbezogenen oder sonst spezielleren Suchworten zu verbinden. UmweltFAIRaenern umfasst inzwischen weit mehr als 4.000 Artikel zum Thema Atomenergie-Nutzung in Deutschland, aber auch zu internationalen Entwicklungen ebenso wie der zivil-militärischen Atomenergie, also auch zu Themen wie Atomwaffen oder Entwicklung neuer Brennstoffe oder Technologien wie den SMR.

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