Nach dem Volksentscheid in Hamburg: Fernwärmeversorgung braucht neues Konzept

logo_rgbWie geht es in Hamburg nach dem erfolgreichen Volksentscheid über die Energienetze mit der Fernwärmeversorgung weiter? Geklärt werden muss nicht nur, wie die Übernahme der Fernwärme von Vattenfall durch die Stadt erfolgen wird. Vattenfall bestreitet das Recht der Stadt Hamburg, nach einer Neuvergabe der Konzession das Eigentum an der Fernwärme zu übernehmen. Daher müssen nun Gerichte diesen Streit klären. Betroffen davon ist unmittelbar der für den Klimaschutz und die Versorgungssicherheit erforderliche Ersatz des alten und stillzulegenden Heizkraftwerks in Wedel. Umweltverbände (darunter ROBIN WOOD) und Bürgerinitiativen fordern ein Wärmekonzept für die Stadt Hamburg und einen Vergleich von Alternativen für den Ersatz des alten Kraftwerks, um die beste Lösung für den Klimaschutz zu erreichen – natürlich im Rahmen einer rekommunalisierten Fernwärme ohne Vattenfall.

Wem gehört die Fernwärme in Hamburg?

Eigentlich könnte alles ganz einfach sein: Vattenfall respektiert das Ergebnis des Hamburger Volksentscheids und übergibt die Fernwärme an die Stadt Hamburg. Dafür spräche auch, dass die Hansestadt mit dem Vattenfall Vorgänger HEW (Hamburgische Electricitäts Werke) in Sachen Fernwärme eine so genannte „Endschaftsregelung“ vertraglich vereinbart hat: Entfällt die Konzession zum Fernwärmebetrieb, fällt das Netz wieder zurück in das Eigentum der Stadt Hamburg. Die Stadt müsste nun nach dem Volksentscheid also Vattenfall die Konzession entziehen und damit die Fernwärme übernehmen. Doch angesichts der hohen Gewinne, die mit der Fernwärme erzielt werden können, bestreitet Vattenfall die Gültigkeit dieser Regelungen in den alten Verträgen. Daher müssen nun Gerichte klären, wem die Fernwärme gehört.

Vor dem Hintergrund dieser ungeklärten Eigentumsfrage müssen für den Klimaschutz in Hamburg dennoch Maßnahmen ergriffen werden, die das alte Kohle-Heizkraftwerk in Wedel mit seinen hohen CO2-Emissionen ersetzen. Bis zum Volksentscheid gab es folgenden Plan: Vattenfall hatte gemeinsam mit der Stadt Hamburg als Minderheits-Partner vor, in Wedel ein neues gasbefeuertes GuD-Kraftwerk zu bauen und das alte Heizkraftwerk stillzulegen. Rund 500 Millionen Euro soll dieses neue Kraftwerk kosten und 2017 in Betrieb gehen. Erste Genehmigungen liegen inzwischen vor.

Vor Neubau: Alternativen für Ersatz des alten Heizkraftwerks Wedel müssen geprüft werden!

Planungen, die auch ganz unabhängig vom Ausgang des Volksentscheids von Umweltverbänden und Bürgerinitiativen kritisiert wurden: Denn vor einer Entscheidung, wie das alte Heizkraftwerk am besten zu ersetzen ist, hätte zunächst ein Wärmekonzept für Hamburg vorliegen und dann ein detaillierter Alternativen-Vergleich für den Ersatz des alten Heizkraftwerks in Wedel erfolgen müssen. Nur dann könnte die für den Klimaschutz beste Alternative auch wirklich ermittelt werden. Z.B. könnte es sinnvoller sein, mehrere kleine BHKWs und/oder Heizkessel (dezentral) in der Nähe der bestehenden Fernwärmeleitungen zu errichten, statt eines großen Kraftwerks in Wedel, das über eine lange Strecke mit dem Netz verbunden ist. Auch der Einsatz erneuerbarer Energie müsste geprüft werden. Das könnte mehr für den Klimaschutz bringen und möglicherweise sogar kostengünstiger sein.

Doch derartige Forderungen prallten am Senat und an Vattenfall ab. Bis heute liegen weder ein Wärme-Konzept noch ein Alternativen-Vergleich seitens Senat oder Umweltbehörde vor. Die Stadt hatte sich völlig einseitig an Vattenfall gebunden und eigene Planungen unterlassen. Es wird also Zeit, dass die Stadt Hamburg endlich ihre Hausaufgaben erledigt und entsprechende Maßnahmen ergreift.

Vattenfall setzt weiter auf GuD-Kraftwerk… 

Vattenfall beharrt darauf, das GuD-Kraftwerk in Wedel bauen zu wollen – und ignoriert damit weiter den Ausgang des Volksentscheids. Allerdings fehlen noch wichtige Voraussetzungen. Die erforderliche Anbindung per Gas-Pipeline ist noch längst nicht genehmigt und ist mit der Baugenehmigung verknüpft. Die aber ist noch nicht rechtskräftig. Und mit einem Bürgerentscheid im Februar 2014 entscheiden die WedelerInnen darüber, ob die Planungen nicht möglicherweise noch einmal neu begonnen werden müssen. Schon hier gibt es genug Probleme, die Vattenfall daran hindern, mit dem Bau loszulegen.

Aber für Vattenfall ergeben sich nun nach dem Volksentscheid und dem Ende der Partnerschaft mit der Stadt Hamburg weitere Probleme: Dem NDR sagte Vattenfall-Geschäftsführer Pieter Wasmuth jüngst: “”Bevor wir nicht wissen, wieviel Energie dieses Kraftwerk überhaupt produzieren soll, können wir nicht anfangen”, sagte Wasmuth. “Auch wenn die Stadt selber Eigentümer wäre, hat sie dann weitere Ausbauziele? Hält sie an denen fest, die wir mal gemeinsam definiert haben? Will sie andere Rahmenbedingungen setzen? Das sind notwendige Informationen, um zu überlegen, was man am Standort Wedel jetzt richtigerweise tut.””

Vattenfall ist offenbar verunsichert. Und richtig ist: Die Stadt muss Konzepte und Rahmenbedingungen liefern. Nicht für Vattenfall, sondern für mehr Klimaschutz!

Vattenfalls Drohung: Moorburg-Trasse

Eine Drohung von Vattenfall steht im Raum: Sollte es für den Bau des GuD-Kraftwerks in Wedel kein grünes Licht geben, will Vattenfall seine alten Planungen für die Moorburgtrasse wieder ausgraben. Damit soll eine Leitung vom noch im Bau befindlichen Steinkohlekraftwerk Moorburg unter der Elbe hindurch und mitten durch Altonas Grüngürtel für den Anschluss an das Fernwärmenetz sorgen. Das Genehmigungsverfahren für diese Trasse hat Vattenfall nach dem Minderheits-Deal mit der Stadt Hamburg “ruhen lassen”; es könnte aber wieder aktiviert werden. Klimapolitisch wäre das ein Totalschaden für Hamburg und deshalb hatte es massive Proteste gegen diese Trasse gegeben (siehe unten).

Wie belastbar diese Drohung aber ist, ist unklar. Denn schon seit rund zwei Jahren wird darüber spekuliert, dass die Moorburg-Trasse für Vattenfall viel zu teuer kommen würde und kaum wirtschaftlich wäre. Schon für das Kraftwerk Moorburg musste Vattenfall jüngst rund 500 Millionen Euro Verlust abschreiben. Allein die Baukosten für die Trasse sollen über 200 Millionen Euro betragen. Nicht zuletzt deshalb hatte Vattenfall vermutlich im Rahmen der Verhandlungen um eine Minderheitsbeteiligung an den Energienetzen mit der Stadt Hamburg und mit Blick auf die Energiewende, den Neubau eines GuD-Kraftwerks in Wedel aus dem Hut gezaubert. Eine Planung, auf die die SPD seinerzeit sofort einging, obwohl auch diese sich noch wenige Monate zuvor im Wahlkampf für den Bau der Moorburg-Trasse ausgesprochen hatte.

Moorburg-Trasse: Klimapolitischer Totalschaden

Doch selbst wenn Vattenfall die Trasse wirklich wieder auf die Tagesordnung setzen würden. Nach dem aus Sicht des Konzerns verlorenen Volksentscheid und angesichts der klimapolitischen Grausamkeiten, die eine solche Anbindung bedeuten würde, dürften die Widerstände in der Bevölkerung enorm sein. Angesichts der Krisenlage des Unternehmens und des ohnehin schweren Imageproblems dürfte das kein guter Weg für Vattenfall sein.

Die Anbindung des Kohlekraftwerks Moorburg an die Fernwärmeversorgung würde für weiterhin hohe CO2-Emissionen sorgen und diese für lange Jahre auf hohem Niveau festschreiben. Daher gab es schon in der Vergangenheit massiven Widerstand gegen die Moorburgtrasse. Proteste von ROBIN WOOD, der Moorburg-Stopp-Initiative und eine Klage vom BUND sorgten im Winter 2010 dafür, dass die erteilte Genehmigung zunächst aufgehoben wurde. Das gesamte Genehmigungsverfahren musste neu aufgerollt werden. Vattenfall bemühte sich jedoch, ein neues Genehmigungsverfahren in Gang zu setzen. Bis zur Ankündigung des Hamburger Senats, dass die Minderheitsbeteiligung an den Vattenfall-Energienetzen unter Dach und Fach wäre, war bereits der Erörterungstermin erfolgt. Doch mit dem Deal zwischen Stadt und Vattenfall kam der Schwenk: Statt Moorburgtrasse sollte nun ein neues gasbetriebenes und klimafreundliches GuD-Kraftwerk in Wedel gebaut werden.  Die Planungen für die Trasse wurden ausgesetzt, aber nicht beendet.

Rechtlich könnte Vattenfall also mit der Moorburg-Trasse wieder um die Ecke kommen. Aber wirtschaftliche Probleme und der nach dem Volksentscheid sicherlich noch stärkere Widerstand gegen solche klimaschädlichen Planungen sollten eigentlich auch bei Vattenfall für die Klarheit sorgen: Die Moorburgtrasse ist tot!

„Im Tal der Tränen“ – RWE baut noch mehr Arbeitsplätze ab

RWE-Konzern schwankt... Foto: Ralf Schmitz_pixelio.de
RWE-Konzern schwankt… Foto: Ralf Schmitz_pixelio.de

Nun ist es amtlich: Der kriselnde Stromriese RWE wird bis 2016 weitere 6.750 Stellen abbauen, davon 4.750 in Deutschland. Der Personalstand werde sich damit von rund 67.400 Stellen zum Jahresende 2013 auf knapp 61.000 verringern. Von 2011 bis Ende 2013 hat RWE bereits 6.200 Stellen abgebaut oder durch Verkauf abgegeben. Das sind zusammen rund 13.000 Arbeitsplätze, die RWE insgesamt als Reaktion auf die schweren Managment-Fehler abbaut. Dem österreichischen Wirtschaftsblatt ist zu entnehmen: Der neue Personalabbau verteile sich im Wesentlichen auf die Kraftwerkssparte (2.300 Stellen), die Zentralisierung von Querschnittsfunktionen mit dem Sparprogramm „RWE 2015“ (2.400 Stellen) und den geplanten Verkauf der Ölfördertochter Dea (1.400 Stellen). Deutlich gespart werden soll auch an der Tochter für erneuerbare Energien RWE Innogy (250 Stellen). Jede zehnte Stelle wird damit im RWE-Konzern innerhalb von nur fünf Jahren abgebaut.

Außerdem kündigte der Konzern laut Stern an: „Der bis Ende 2014 laufende tarifliche Kündigungsschutz könne aber angesichts der Lage auf dem Energiemarkt nicht verlängert werden.“ Der Focus berichtet: „Das Unternehmen geht durch ein Tal der Tränen“, sagte RWE-Chef Peter Terium.

Bereits vor einigen Wochen ist über diese zweite massive Einsparungsmaßnahme bei RWE spekuliert worden, weil die Gewinnentwicklung weiterhin rückläufig ist, hohe Schulden von rund 35 Mrd. Euro das Unternehmen belasten und weiterhin keine Besserung bei den Erlösen im Stromgeschäft in Aussicht ist: RWE funkt Mayday – Noch mehr Arbeitsplätze sollen weg.

Siehe auch: Atomkonzern RWE streicht tausende Arbeitsplätze

Wie lange noch Vattenfall? Verkauf, Teilverkauf, Börsengang

Tiefe Löcher bei Vattenfall. Auch in den Kassen.  Foto: Dirk Seifert
Tiefe Löcher bei Vattenfall. Auch in den Kassen. Foto: Dirk Seifert

Rund 25 Milliarden Euro Schulden schleppt der Vattenfall-Konzern mit sich herum. Das berichtet die Agentur Reuters. Diese Schulden sind das Ergebnis einer teuren und schlecht getimten Expansion in Europa und den Entwicklungen durch die Energiewende der letzten Jahre. Um beim Einstieg in Europa Anfang der 2000er Jahre mit den Konkurrenten E.on oder EDF auf Augenhöhe mitspielen zu können, investierte Vattenfall Reuters zufolge rund 22 Mrd. Euro in den letzten 15 Jahren. Eine Strategie, die scheiterte und die zu dem genannten Schuldenberg führte.

Die Zeche dafür zahlen zunächst die Beschäftigten bei Vattenfall. Derzeit ist von 2.500 Arbeitsplätzen, die abgebaut werden sollen, die Rede. Doch schon seit Jahren hat das Unternehmen weitere Arbeitsplätze abgebaut. Und – so muss man befürchten: Die nächste Runde der Arbeitsplatzvernichtung dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Der Grund für dieses Desaster ist nicht so sehr die Katastrophe von Fukushima, sondern eher in der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise und dem massiven Zubau von erneuerbaren Energien in Deutschland zu sehen, die dem Unternehmen jetzt schwer zu schaffen machen, weil die Strompreise im Keller sind und die konventionellen Großkraftwerke immer weniger gebraucht werden. Allzulange hat Vattenfall ebenso wie E.on und RWE nicht verstanden, dass die Energiewende zu einem viel größeren Umbruch in der Energieerzeugung beitragen würde.

Zuletzt war die völlig überteuerte Expansion in den niederländischen Markt mit der Übernahme von Nuon eine Global-Katastrophe. Reuters gibt dem Unternehmen Nuon heute noch einen Marktwert von rund drei Milliarden Euro. Aber auch die wären angesichts diverser Marktrisiken eher schwer durch einen Verkauf zu realisieren. Im Jahr 2009 hat Vattenfall jedoch stolze 8,5 Milliarden Euro für die Übernahme von Nuon auf den Tisch gelegt. Reuters: „“Nuon is probably worth 3 billion euros now, but even at that price, it will hardly attract a buyer,“ one banker said.“

Vattenfall hat inzwischen die Reißleine gezogen und wird den Konzern Anfang 2014 aufspalten. Rückzug auf das skandinavische Kerngeschäft einerseits und Abtrennung des europäischen Geschäfts andererseits. Für viele Insider ein deutlicher Hinweis, dass auch der Verkauf des Europa-Geschäfts auf der Tagesordnung steht.

Laut Reuters wird der Wert von Vattenfall derzeit auf rund 15 Mrd. Euro geschätzt. „The company and potential advisers are now starting to prepare the ground for a sale or a stock market flotation of the European business, bankers told Reuters, with some estimating the unit could be worth at least 15 billion Euros.“

Dieser Preis stammt aus dem September. Der verlorene Volksentscheid in Hamburg, nach dem Vattenfall nun das Stromnetz und die Fernwärmeversorgung an die Stadt Hamburg abgeben muss, könnte den Preis weiter drücken, weil für die Wertermittlung von Vattenfall die Verfügung über die Netze von strategischer Bedeutung ist.

Vattenfall sondiert offenbar unterschiedliche Wege, um mit möglichst geringen Verlusten aus dem Geschäft herauszukommen. Teilverkäufe wie die des Kraftwerks Lippendorf befinden sich im Verhandlungsstatus.

Der Verkauf der Braunkohle-Sparte in der Lausitz steht offenbar auch auf der Tagesordnung. Indizien dafür sind nicht nur die häufigeren Gespräche zwischen Vattenfall und der Landesregierung in Brandenburg. Offenbar interessiert sich auch ein polnischer Stromkonzern für eine Übernahme. Die Gewerkschaft IG BCE hat jüngst den Verdacht formuliert, dass Vattenfall Ende 2014 nicht mehr in der Lausitz tätig ist.

*13.12.2013: Vattenfall hat die Meldung der Berliner Zeitung dementiert, in der gemeldet wurde: Auch ein Verkauf der 20-Prozent Anteile von Vattenfall am E.on Atomreaktor Brokdorf ist offenbar vorgesehen: Vattenfall steigt aus: Anteile am AKW Brokdorf sollen verkauft werden

Vattenfall steht jedoch vor einem Dilemma: Möglicherweise kann der Verkauf nur gelingen, wenn der Konzern weitere Verluste hinnimmt. „But they also said finding a buyer for the whole unit – and even some large parts – at an acceptable price would be hard. „Vattenfall bought expensive trying to become a European champion, now they may have to sell when prices are down,“ one utilities banker said, on condition of anonymity.“ So wird für das Kraftwerk in Lippendorf derzeit nur ein Kaufpreis von zweidrittel der Baukosten geboten. Siehe oben.

Auch ein Börsengang von Vattenfall wird derzeit geprüft. Doch auch hier sind die Voraussetzungen nicht gerade rosig. Die Konkurrenten E.on und RWE stecken ebenfalls schwer in der Krise, haben aber gegenüber Vattenfall bessere Ausgangslagen.

Verschärft werden die Probleme auch, weil die hohe Schuldenlast angesichts schlechter Zukunftsprognosen zu weiteren Finanzproblemen führen kann: „The longer Vattenfall delays, however, the more its bonds could suffer, as credit rating agencies press it to deleverage. The most liquid Vattenfall bond, the 4.25 percent euro issue maturing in May 2014, has fallen steadily, shedding three percentage points over the past year to 102.4 percent of face value, while earlier this month, ratings agency Fitch cut the outlook on its A- rating for Vattenfall to negative from stable.“

Umsetzung Volksentscheid Energienetze Hamburg: Vattenfall verzögert neues Fernwärme-Kraftwerk in Wedel

Altes Kohle-Heikraftwerk in Wedel soll ersetzt werden. BürgerInnen fordern mehr Mitbestimmung. Foto: Dirk Seifert
Altes Kohle-Heikraftwerk in Wedel soll ersetzt werden. BürgerInnen fordern mehr Mitbestimmung. Foto: Dirk Seifert

Der Neubau eines Fernwärme-Kraftwerks in Wedel ist genehmigt, aber Vattenfall will mit dem Bau vorerst nicht beginnen. Der erfolgreiche Volksentscheid über die Rekommunalisierung der Energienetze kommt dem Konzern nun in die Quere. Denn auch die Fernwärmeversorgung, die bislang von Vattenfall betrieben wurde, soll jetzt in die öffentliche Hand wechseln. Vattenfall bestreitet zwar, dass die Stadt Hamburg dazu auch das Recht hat und daher wird die Eigentumsfrage vor Gericht zu erklären sein. Doch eigentlich sollte am Standort Wedel das alte kohlebefeuerte Kraftwerk gegen ein neues GuD-Heizkraftwerk ersetzt werden. Das Kraftwerk ist bis heute heftig umstritten, weil es z.b. einen Alternativenvergleich nicht gegeben hat und Vattenfall lange zeit auf einen völlig überdimensionierten Neubau setzte und die BürgerInnen in keiner Weise beteiligt wurden.

Der NDR berichtet jetzt, dass Vattenfall auf die Bremse tritt und vorerst die Aufträge für den Bau nicht auf den Weg bringen will. Doch die bisherigen Absprachen zwischen der Stadt Hamburg und Vattenfall sind nach dem Volksentscheid hinfällig: „“Bevor wir nicht wissen, wieviel Energie dieses Kraftwerk überhaupt produzieren soll, können wir nicht anfangen“, sagte Wasmuth. „Auch wenn die Stadt selber Eigentümer wäre, hat sie dann weitere Ausbauziele? Hält sie an denen fest, die wir mal gemeinsam definiert haben? Will sie andere Rahmenbedingungen setzen? Das sind notwendige Informationen, um zu überlegen, was man am Standort Wedel jetzt richtigerweise tut.““

UPDATE: Wie üblich berichtet Vattenfall nur die Hälfte der Wahrheit. Die Genehmigung für den Kraftwerksbau liegt zwar vor, ist aber noch nicht rechtssicher, weil noch Widersprüche erhoben werden können. Außerdem steht die Baugenehmigung in Verbindung mit der Genehmigung für die erforderliche Gaspipeline, die in einem eigenen Verfahren läuft und noch nicht abgeschlossen ist bzw. möglicherweise noch nicht einmal beantragt ist. Und  am 23. Februar wird dann noch ein Bürgerentscheid in Wedel stattfinden, bei dem es um die Öffentlichkeitsbeteiligung im Verfahren und den Bebauungsplan der Stadt Wedel geht. Kerstin Lueckow, Sprecherin der Bürgerinitiative „Stopp! Kein Mega-Kraftwerk in Wedel“ ist in der SHZ dazu nachzulesen. Alles Rahmenbedingungen, die ebenfalls für einen konkreten Baubeginn von größerer Bedeutung sind – die Vattenfall aber nicht anspricht und lediglich auf die Hamburger Politik verweist.

Richtig ist: Die Stadt Hamburg muss nun – ohne Vattenfall – ein Wärmekonzept entwickeln und prüfen, welche auch klimapolitisch sinnvollen Lösungen für die Fernwärme anstehen. Nicht nur, aber auch, um das alte Kohleheizkraft-Werk Wedel vom Netz nehmen zu können. Allerdings: Die Alternative muss nicht zwingend in Wedel am Standort des bisherigen Kraftwerks entstehen.

Schon vor längerer Zeit hatten Bürgerinitiativen in Wedel, aber auch die Hamburger Initiativen rund um den Volksentscheid ein Wärmekonzept von der Stadt Hamburg verlangt und eine echte Alternativen-Prüfung, um für Wedel die beste Ersatzlösung zu finden.

Kurz nach dem Volksentscheid hat der BUND Hamburg diese Forderungen erneuert:  „Überfällig ist aus Sicht des BUND ein Wärmekonzept für Hamburg. Dies hatte die SPD-Fraktion bereits vor mehr als zwei Jahren eingefordert (siehe Drucksache 20/1229). Bislang hat die zuständige Fachbehörde BSU aber nichts Entsprechendes vorgelegt. Ausgehend vom Basisgutachten zum Masterplan Klimaschutz (2010) muss die BSU die Eckpunkte für eine dezentrale und stärker auf Erneuerbare setzende Fernwärmeversorgung festschreiben. Wichtig sind zudem neue gesetzliche Rahmenbedingungen, die den zu leistenden Beitrag der Fernwärme für den Klimaschutz in der Hansestadt festlegen.“

Seit längerer Zeit widersetzt sich der SPD-Senat diesem Ansinnen, auch aus den eigenen Reihen,  weil er als Minderheitspartner voll auf Vattenfall gesetzt hat. Die Stadt hat sich mit dieser Linie der SPD einseitig dem Konzern ausgeliefert. Nun muss der SPD-Senat umfangreiche Hausaufgaben nicht nur bei der Umsetzung des Volksentscheids erledigen, sondern im Grunde eine eigene Energiepolitik für die Stadt auf die Beine stellen.

Die eigentliche Botschaft des erfolgreichen Volksentscheids ignoriert Vattenfall konsequent weiter. Mit einer massiven Werbekampagne hatte sich das Unternehmen gegen den Volksentscheid gestemmt und auf nahezu allen Werbeflächen sich als „Partner der Stadt“ angebiedert. Dem hat der Volksentscheid eine Abfuhr erteilt: eine Mehrheit der HamburgerInnen hat sich gegen Vattenfall als Partner ausgesprochen und die kommunale Netze inkl. der Fernwärme plädiert. Vor diesem Hintergrund stünde es Vattenfall gut an, diese Mehrheitsentscheidung endlich zu akzeptieren, die Fernwärmeversorgung der Stadt Hamburg zu übergeben und sich zurück zu ziehen.

Außerdem dürfte für Vattenfall auch ein Problem sein, dass unklar ist, wie es mit dem Eigentum an der Fernwärme weiter geht. Vattenfall bestreitet die Gültigkeit einer  noch zwischen der alten HEW und der Stadt Hamburg vertraglichen Regelung, nach der die Fernwärme an die Stadt Hamburg in jedem Fall zurückfällt. Diese Frage muss nun gerichtlich entschieden werden: Was aber passiert, würde Vattenfall nun einfach das neue Kraftwerk in Wedel bauen und das Gericht aber entscheiden, dass die Fernwärme zurück an die Stadt Hamburg geht? Dann säße Vattenfall auf einem Kraftwerk, könnte die Wärme aber nicht in das Netz einspeisen.  Aus diesem Dilemma kommt der Konzern derzeit nicht raus.

Klar ist aber auch: Trotz der unklaren Rechtslage in Sachen Fernwärme und Rekommunalisierung braucht es aus klimapolitischen Gründen jetzt eine Debatte und Vorschläge, wie es denn in Sachen Ersatz des alten Heizkraftwerks Wedel weiter gehen soll. Das ist vor allem Sache der Stadt Hamburg und die Umweltbehörde muss nun endlich reagieren, ein Wärmekonzept vorlegen und einen echten Alternativenvergleich für den Ersatz von Wedel auf den Weg bringen.

Um Haaresbreite: Volksentscheid für die Rekommunalisierung in Berlin gescheitert

bannervolksentscheidberlinEs waren nur wenige – aber entscheidende Stimmen, die am Ende fehlten. Der Volksentscheid für die Rekommunalisierung der Stromnetze in Berlin und für die Gründung von kommunalen Stadtwerken ist knapp gescheitert. Das Quorum konnte nicht erreicht werden, d.h. es nahmen insgesamt zu wenige BerlinnerInnen an der Wahl teil. Nur knapp über 20.000 Stimmen fehlten. Am Ende bleibt manchmal nur ein Wort: Bitter!

Die Enttäuschung rund um den „Berliner Energietisch“ dürfte groß sein. Auf vielfältige Art und Weise hatte das Bündnis in den letzten Wochen für eine Teilnahme und für ein Ja zum Volksentscheid mobilisiert. Vergeblich. Zwar haben fast durchweg über 80 Prozent derjenigen, die abgestimmt haben, mit JA für den Volksentscheid gestimmt. Außerdem konnten offenbar mehr Menschen als bei vorherigen Volksentscheiden mobilisiert werden. Aber mit knapp unterhalb von 600.000 Stimmen konnte das Quorum von rund 621.000 nicht erreicht werden.

Siehe auch hier den Kommentar von mir im Blog von ROBIN WOOD.

Laut Berliner Morgenpost sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), dass das Scheitern des Strom-Volksentscheids eine Bestätigung für die Linie des rot-schwarzen Senats sei. „Die Vorarbeiten zur Gründung eines Stadtwerks würden von den Berlinern anerkannt, erklärte er am Sonntag. Die breite öffentliche Debatte habe gezeigt, wie wichtig das Thema sei. „Das sollten wir alle als Rückenwind zur Umsetzung der Energiewende verstehen“, sagte Wowereit. Wichtig sei, dass der öffentliche Einfluss bei der Daseinsvorsorge gestärkt werde, ohne aber wirtschaftlich unvertretbare Risiken einzugehen.“

Mindestens ein Dank an den Berliner Energietisch, dass es diese „breite öffentliche Debatte“ überhaupt gegeben hat, fehlt leider beim Bürgermeister.

In den Chefetagen von Vattenfall dürfte große Erleichterung herrschen. Nachdem vor wenigen Wochen der Volksentscheid in Hamburg erfolgreich war, war erwartet worden, dass der angeschlagene Konzern auch in Berlin das Netz verlieren würde. Vattenfall hat mit großem Werbemittel-Aufwand gegen ein Ja zum Volksentscheid mobilisiert. Obwohl der Konzern erhebliche Gewinne mit dem Stromnetz erzielt, war vielfach davon gesprochen worden, dass die Übernahme des Stromnetz für die Stadt Berlin zum Risiko werden könnte.

Nach einem überaus erfolgreichen Volksbegehren im Sommer hatte der Berliner schwarz-rote Senat den Termin für den Volksentscheid nicht wie zunächst gedacht auf den 22. September – parallel zur Bundestagswahl und zum Volksentscheid in Hamburg – gelegt, sondern trotz deutlicher Mehrkosten für den 3. November anberaumt. Diese Entscheidung des SPD/CDU-Senats war heftig kritisiert worden. Siehe dazu: Berliner Volksentscheid: SPD-CDU-Senat für Vattenfall und gegen mehr Demokratie

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