Spurensuche: Nazi-Deutschland und die Atombombe – Kurt Diebner, Paul Harteck, schweres Wasser aus Norwegen und tote Partisanen

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Kurt Diebner (Mitte) und die Nazi-Atombombe: Tote Partisanen und Norweger für die Beschaffung von schwerem Wasser für die Forschung.

Am 20. Dezember 1943 – kurz vor Weihnachten – sitzen die Herren Diebner, Harteck, Orlicek und einige andere in Leuna (Wikipedia) zusammen. Ihr Thema: „Übernahme der SH 200-Anlagen in Norwegen nach Mitteldeutschland“. Über dem Protokoll der Besprechung (Deutsches Museum, Geheimakten) in knallrot der Stempel: „Geheim! 1. Dies ist ein Staatsgeheimnis im Sinne §88 RStG.“ Kein Wunder: Die Herren beratschlagen, wie sie die Versorgung mit dem für die Atom(bomben)forschung dringend benötigten schweren Wasser (Deuterium) sicherstellen können. Dr. Diebner ist, so vermerkt es das Protokoll, „Bevollmächtigter für Kernphysik“. Er spricht abstrakt von „politischen Gründen“, die den Nachschub des dringend benötigten schweren Wassers aus Norwegen behindern. Was er nicht ausspricht: Mehrfach hatten norwegische Widerstandskämpfer und alliierte Luftangriffe die einzige Produktionsanlage im besetzten Norwegen bombardiert oder die Transporte angegriffen. Dabei kamen viele Menschen ums Leben und Partisanen wurden erschossen.

(Die Hintergründe und Kontexte des hier Dargestellten folgen unten.) Im Protokoll heißt es: „Wie Dr. Diebner auseinandersetzte, kann aus politischen Gründen die Hochkonzentrierung in Norwegen nicht weiter betrieben werden.“ Und: „Prof. Harteck erläuterte im Einzelnen die Arbeitsweise bei der dortigen SH 200-Gewinnung.“ Detailliert wird das Verfahren in Norwegen dargestellt und das verbesserte „Harteck-Suess´sche Kontaktverfahren“ erwähnt. Das diskutierte Projekt, die Anlage in Norwegen (teilweise) zu demontieren und in Deutschland wieder aufzubauen, wird als „nicht ratsam“ verworfen. Die Runde, die sich ohne Diebner und Harteck noch ein weiteres Mal am 28. Dezember trifft, einigt sich in anderer Weise: „Auf Wunsch von O.I. Keinke versprach Dr. Diebner bei der Bamag darauf zu drängen, daß der bzw. die Elektrolyseure für Weida schnellstens gebaut werden, bzw. falls diese nicht möglich ist, von Herrn Oberate-Berghaus Zeichnungen dafür anfertigen zu lassen.“

Die Hintergründe dieses Gesprächs, über die weder Diebner noch die anderen Beteiligten sprechen, zeigt u.a. eine auf Youtube verfügbare TV-Dokumentation. Darin wird einer der geplanten Angriffe von norwegischen Widerstandskämpfern in Zusammenarbeit mit den britischen Geheimdiensten auf einen Transport von schwerem Wasser nach Nazi-Deutschland nachgestellt und mit überlebenden Zeugen dokumentiert. In Norwegen sterben Menschen im Widerstand gegen eine deutsche Atombombe.

Einige Stichworte zum Hintergrund

Schnell nach der Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn, Fritz Straßmann und Lise Meitner (im schwedischen Exil) ist klar, dass es zwei Wege zur Atombombe gibt. Entweder über die Anreicherung von Uran235 oder über die Spaltung von Uran in einer „Uranmaschine“ (Atomreaktor), bei der abtrennbares Plutonium entsteht. Schon 1940 wird das Heereswaffenamt von den deutschen Atomforschern darüber informiert. Carl-Friedrich von Weizsäcker meldet bereits in dieser Phase Patente für die Plutonium-Variante an. Erich Bagge, Paul Harteck und auch Manfred von Ardenne arbeiten intensiv an der Isotopentrennung bzw. an der Urananreicherung.

Siehe außerdem auf umweltFAIRaendern:

Kurt Diebner ist NSDAP-Mitglied und war von Januar 1940 bis September 1942 Geschäftsführer des Kaiser Wilhelm Instituts für Physik, das in dieser Zeit dem Heereswaffenamt (HWA) unterstellt war. Erich Bagge, mit dem er später die bundesdeutsche Atomforschungsanlage GKSS bei Hamburg gründet, hilft ihm, Heisenberg und andere Wissenschaftler für den „Uranverein“ zu gewinnen.

Während das Hauptaugenmerk der Forschung über die Nazi-Aktivitäten in Sachen Atomenergie lange Zeit auf die „großen Wissenschaftler“ wie Heisenberg und Weizsäcker orientiert war, ist in den letzten Jahren Diebner mit seinem Team immer mehr in den Mittelpunkt gerückt. Seit 1939 hatte er eine eigene Atomforschungsgruppe an der Versuchsstelle des HWA in Gottow aufgebaut. Heute ist klar, dass sein Team bemerkenswerte Erfolge erzielte, die selbst Heisenberg nicht ignorieren konnte.

Rainer Karlsch hat mit seinem Buch „Hitlers Bombe“ den Verdacht untermauert, dass Diebner noch bis zum Frühjahr 1945 mittels Hohlladungen thermonukleare Reaktionen einzuleiten versuchte. Heute würde dies als Mini-Nukes bezeichnet werden. Hunderte von Menschen, vor allem KZ-Häftlinge, sollen bei einem letzten missglückten Versuch, dabei ums leben gekommen sein.

Siehe auch:  Neues über die Beteiligung der PTR an den Gottower Uranversuchen, in: Die Abteilung Atomphysik der PTR in Ronneburg und das deutsche Uranprojekt, Rainer Karlsch. (PDF)

In der Welt wird berichtet: „Bedenken soll es kaum gegeben haben, als man im September 1939 in Berlin zusammenkam. Der Kernphysiker Erich Bagge erinnerte sich später, daß alle gesagt hätten, „daß man es machen muß“. An zwanzig deutschen Forschungsinstituten wurde fortan von Heisenberg, Weizsäcker, Hahn, Bagge, Walther Gerlach, Max von Laue, Karl Wirtz und anderen an der Bombe gearbeitet. Bis Herbst 1940 lagen erste Ergebnisse vor, die zwei Wege zur Erreichung des Ziels wiesen. Zum einen handelte es sich um die Isotopentrennung zur Gewinnung von Uran 235. Im Labor war diese in der Größenordnung von millionstel Gramm geglückt, für die Bombe brauchte man allerdings mehrere Kilo dieses Stoffes.

Der zweite Weg führte über den Bau eines Kernreaktors zur Gewinnung von waffenfähigem Plutonium. Diese vielversprechende Möglichkeit ging auf die Ideen von Heisenbergs rechter Hand, von Weizsäcker, zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg räumte dieser ein: „Ja, ich hatte die Plutonium-Idee.“ Dem Buch von Rainer Karlsch zufolge sollen bereits 1941 die entsprechenden Patente für eine Plutonium-Bombe formuliert und eingereicht worden sein.“

Auch Erich Bagge weiß von der Bedeutung des schweren Wassers: „Schweres Wasser kostete soviel wie Gold“, ein Gespräch mit Erich Bagge, in: Michael Schaaf: Heisenberg, Hitler und die Bombe. Gespräche mit Zeitzeugen, GNT-Verlag, Diepholz/Berlin 2001. ISBN 978-3-928186-60-5. Bagge beschwerte sich später, dass Heisenberg und andere die Bedeutung der Urananreicherung nicht ausreichend unterstützt hätten.

Schweres Wasser, Urananreicherung? Das war auch die Sache von Paul Harteck, der von 1948 bis 1950 Rektor der Universität Hamburg war.

Schaaf, der über Paul Harteck seine Dissertation geschrieben hat, berichtet weiter: „Vom Kaiser-Wilhelm-lnstitut für Physik und der Auergesellschaft erhielt er 185 kg Uranoxyd, nahezu die gesamten damals in Deutschland zur Verfügung stehenden Vorräte und von den I.G. Farben 15 t Trockeneis in Blöcken. Am 29. Mai 1940 fand dann vor dem Hamburger Institut in der Jungiusstraße das weltweit erste Reaktorexperiment statt.

Als Behältnis für den Reaktor benutzte Harteck eine sogenannte „Judenkiste“. Damit bezeichnete man im Volksmund die großen Umzugskisten der Emigranten. Die Innenmaße der gut isolierten Holzkiste betrugen 2m x 2m x 2,1m. Hier hinein füllte man die Trockeneisblöcke, nachdem man vorher fünf Schächte für das Uranoxid ausgespart hatte.“ (S. 6, Anmerkung: Es ist unglaublich, wie verharmlosend hier von „Judenkiste“ und „Umzugskisten der Emigranten“  gesprochen wird. Der Text von Schaaf, den ich hier zitiere, ist nicht datiert, vermutlich aber um 1999 entstanden. Jedenfalls ist in diesem Jahr die Dissertation erschienen: Michael Schaaf: Der Physikochemiker Paul Harteck (1902–1985). Stuttgart 1999, DNB 957287119.)

Schaaf schreibt weiter: „Harteck Arbeiten im „Uranverein“ konzentrierten sich danach auf die Produktion von schwerem Wasser und die Urananreicherung mit Hilfe der  Ultrazentrifuge. Über die Bedeutung der Schwerwassererzeugung sagte Harteck 1942 auf einer Geheimkonferenz: „Nach dem Stand unserer Kenntnis brauchen wir schweres Wasser […] um die Flamme der Kettenreaktion in Gang zu bringen. Wie die Flamme einmal gezündet weiterbrennen wird, kann nur die Erfahrung lehren. Auf jeden Fall sind wir in der Lage, schweres Wasser in einem Umfang zu produzieren, so dass diese Flamme dauernd brennen kann.“

Schaaf zufolge war Harteck auch aktiv im besetzten Norwegen bei der Verbesserung der Schwer-Wasser-Herstellung beteiligt: „In der Tat gelang es Harteck, in enger Zusammenarbeit mit den Norwegern, die über die einzige großtechnische Anlage zur Herstellung von schwerem Wasser verfügten, die Schwerwasserproduktion um ein Vielfaches zu steigern, so daß selbst nach der Zerstörung der norwegischen Anlagen durch die Alliierten im Jahre 1943 zumindest genug schweres Wasser zur Verfügung stand, um beim letzten Reaktorversuch von Beisenberg im Frühjahr 1945 im schwäbischen Haigerloch eine immerhin fast siebenfache Neutronenvermehrung zu erzielen. Später errechnete man, daß der Haigerlocher Reaktor bei einer kugelsymmetrischen Anordnung kritisch geworden wäre.“

Und auch Hartecks wichtige Rolle bei der Urananreicherung beschreibt Schaaf: „Auch bei der Urananreicherung gelang es Harteck und seinen Mitarbeitern, mit der Ultrazentrifuge eine vielversprechende Technik zu entwickeln. Immer wieder führten die Kriegsereignisse jedoch zu mehrmonatigen Unterbrechungen der Arbeiten. Nach den schweren Luftangriffen auf Hamburg im Sommer 1943 wurde das Zentrifugenlabor nach Freiburg i. Br. verlagert. Schon ein Jahr später zwang dann die immer näherrückende Westfront zu einem erneuten Umzug, diesmal nach Celle. Die Ultrazentrifuge war besonders wegen ihres hohen Trennfaktors den konkurrierenden Anreicherungsverfahren überlegen, befand sich jedoch noch im Experimentierstadium, so daß sie nicht mehr zur großtechnischen Anwendung kam.“

Aus der Ultrazentrifuge wurde schließlich eines der bis heute weltweit verbreitetsten Verfahren zur Urananreicherung. Die URENCO, die u.a. in Deutschland (Gronau) eine Urananreicherungsanlage betreibt, basiert vom Prinzip her auf diesen Forschungen von Harteck und anderen. Siehe dazu ausführlich:

Es wird bis heute viel gestritten und diskutiert, wie die beteiligten Wissenschaftler in Nazi-Deutschland zur Entwicklung der Atombombe standen, ob sie dies gefördert oder  verzögert haben. Aus einer Vielzahl von Gründen, oftmals auch sehr persönlichen, sind die Darstellungen der Beteiligten nur selten wirklich glaubwürdig und mit Vorsicht zu genießen. Sie müssen eingebettet in eine Vielzahl von Ereignissen und Situationen interpretiert werden. Klar aber ist: Seit 1940 war allen deutschen Forschern in Hitler-Deutschland klar, worum es ging.

Der Spiegel berichtet bereits 1957: „… UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG. Vom gespaltenen Atom zum gespaltenen Gewissen – Die Geschichte einer menschheitsgefährdenden Waffe“:  „Bagge erinnert sich: „Von den jüngeren Herren äußerten sich einige: ‚Ja, die Amerikaner haben eben zusammengearbeitet und haben es auch geschafft.'“ Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß Bagge und der ihm befreundete Kollege Diebner selbst diese jüngeren Herren gewesen sind.“ Weiter schreibt der Spiegel: „Am Abend des 6. August (1945 in FarmHall/GB) war niemand nach solchen Späßen zumute. Niemand konnte einschlafen. Bagge und Diebner erregten sich noch über die verpaßten Bomben-Chancen,..“

Bereits 1940 schrieb Harteck gemeinsam mit seinem Assistenten Wilhelm Groth „einen Brief an das Kriegsministerium. Hierin wies er auf die Möglichkeit hin, „Sprengstoffe von einer Wirkung herzustellen, welche um Größenordnungen den derzeit in Verwendung befindlichen überlegen ist“ und daß dasjenige Land, welches von der neuen Möglichkeit der Energieerzeugung, „zuerst Gebrauch macht, den anderen gegenüber ein kaum einholbares Aktivum aufzuweisen hat“. (Siehe Schaaf, S. 4)

  • Quellenhinweis: Zum schweren Wasser auch: http://tiara013.wordpress.com/2014/12/06/die-deutsche-atombombe/: „Die norwegische Firma “Norsk Hydro” produzierte v.a. Kunstdünger, Schwerwasser war ein Nebenprodukt. Deutschland versuchte dieses dort zunächst zu kaufen, der französische Geheimdienst war aber schneller und hatte alle Vorräte aufgekauft (was eine Warnung war, dass Kriegsgegner ebenfalls daran arbeiteten bzw. davon wussten). Nach der deutschen Besetzung Norwegens wurde dort eine Schwerwasseranlage für das deutsche Atomprogramm geschaffen. 1943 wurde diese durch Sabotage, wahrscheinlich von Geheimdiensten der Alliierten, beschädigt; dann von Bomben der Alliierten (USA/GB) zerstört. Auch der Abtransport des schon hergestellten Schwerwassers wurde angegriffen. Danach wurden die Leunawerke in Merseburg mit der Schwerwasserproduktion beauftragt.“

1967 ist im Spiegel unter der Überschrift So groß wie eine Ananas zu lesen:

„Bei Kriegsausbruch produzierte nur eine einzige Firma den Stoff in wirtschaftlich bedeutenden Mengen; unglücklicherweise war es ein Werk der norwegischen Hydroelektrischen Gesellschaft („Norsk-Hydro“) in Vemork bei Rjukan.

Das Werk, an einem Steilhang unter dem Wasserfall Rjukan-Foss gelegen, diente vorrangig der skandinavischen Kunstdünger-Produktion und lieferte Schwerwasser nur als Nebenprodukt. Zwischen 1934 und 1938 hatte es lediglich 40 Kilogramm hergestellt, und auch Ende 1939 betrug der monatliche Ausstoß nicht mehr als zehn Kilogramm.

Doch die Deutschen benötigten nun dringend größere Mengen. Am 15. Januar 1940 schrieb Harteck an Heisenberg: Er halte die Produktion von schwerem Wasser für ebenso wichtig wie die von Uran. Und auch Heisenberg hatte inzwischen errechnet, daß man mehrere Tonnen schweren Wassers benötigte, um einen Reaktor in Betrieb setzen zu können.

Falls Norwegen sich weigern sollte, diesen Bedarf zu decken — so teilte Diebner dem Heereswaffenamt mit -, müßte das Schwerwasser wohl oder übel in Deutschland hergestellt werden. Das aber würde bedeuten: hunderttausend Tonnen Kohle für eine Tonne schweren Wassers.“

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