Spurensuche: Gebaut auf den Verbrechen der Nationalsozialisten – „Versagen der jungen Bundesrepublik“

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Braune Geologen empfahlen in den 1960er Jahren die ASSE als Atommülllager.

Die immer noch notwendige Aufarbeitung der deutschen Nazi-Vergangenheit stellt  immer öfter (erneut) die Frage, wie die junge Bundesrepublik mit diesem verbrecherischen Erbe umgegangen ist und welche Rolle die Nazi-Täter beim Aufbau in der Nachkriegszeit spielten. Eine der bedeutsamsten Fragen der sogenannten 68er Generation bekommt damit neue und verdiente Aufmerksamkeit. Viele Studien und Berichte kommen zu erschreckenden Ergebnissen, die deutlich machen, wie sehr braune Täter nach 1945 nahezu nahtlos am Aufbau der westdeutschen Behörden und Verwaltungen – aber auch der Wirtschaft – beteiligt wurden und dabei sogar wiederum gegen ihre Opfer aus der Nazi-Zeit nun in der neuen Demokratie tätig wurden. Am Beispiel der Justiz spricht der zuständige Minister Heiko Maas jetzt in einer aktuellen Studie (Akte Rosenburg) von der „Perversion des Rechts während der Nazi-Zeit und das Versagen der jungen Bundesrepublik bei deren Aufarbeitung…“. Aktuelle Untersuchungen zeigen: Dieses Versagen ist nicht auf die Justiz beschränkt. In Hamburg sorgten Alt-Nazis dafür, dass das NSDAP-Vermögen nach 1945 erneut gegen die Opfer unter Kontrolle der Stadt kam und Nazi-Richter nach 1945 einfach weitermachten. Und „Braune Geologen“, die in Nazi-Deutschland die Rohstoffe für den Krieg organisierten, wurden ungestört Präsidenten einer Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und sorgten dafür, dass Atommüll im maroden Salzstock der ASSE versenkt wurde.
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Die Suche nach Hitlers „Atombombe“ – ZDF Rechereche und Doku

Gab es ihn wirklich - den Bau an Hitlers Atombombe? Copyright: ZDF/Lukas Kronsteiner
Gab es ihn wirklich – den Bau an Hitlers Atombombe? Copyright: ZDF/Lukas Kronsteiner

Das ZDF hat sich auf die „Suche nach Hitlers „Atombombe““ begeben und in Verbindung mit einer recht umfangreichen Recherche eine Dokumentation gesendet. Als wissenschaftlicher Berater u.a. mit dabei Rainer Karlsch, der mit dem Buch „Hitlers Bombe“ im Jahr 2005 für Aufsehen sorgte, weil er auf bislang wenig beachtete Atomforscher in Nazi-Deutschland abstellte und über Forschungsarbeiten berichtete, die möglicherweise auf eine Art nuklearer Waffe auf dem Prinzip der Hohlladungsexplosion (Implosion) abzielten. In dem ZDF Beitrag wird außerdem über Standorte in Österreich berichtet, wo zahlreiche unterirdische Anlagen existieren, die unter Leitung des SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Hans Kammler entstanden, – Hitlers „Geheimwaffenchef“.

  • Die ZDF-Doumentation „Die Suche nach Hitlers „Atombombe““ ist hier in der Mediathek verfügbar. Außerdem hat das ZDF eine Pressemappe über die Doku zusammengestellt, die unten im Text weitgehend dokumentiert wird. Der Westen hat ein Interview mit Stefan Brauburger, ZDF Chefredakteur Zeitgeschichte, veröffentlicht. Auch BILD widmet der ZDF-Doku einen längeren Text.
  • Update: Inzwischen ist die ZDF-Doku „Die Suche nach Hitlers „Atombombe““ auch auf Youtube zu finden (siehe auch unten!).

Für den leitenden Welt-Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte Sven Felix Kellerhoff ist das Thema eher ein Mythos; „Das Dritte Reich hatte weder Uran 235 noch Plutonium 239 in ausreichender Menge. Trotzdem geht die Legende vom deutschen Nuklearprogramm in die nächste Runde. Doch handfeste Indizien gibt es nicht“, schreibt er offenbar auf Basis der Pressemappe VOR der Ausstrahlung der Doku (wenn ich das richtig lese).

umweltFAIRaendern über die Atom(waffen)forschung in Nazi-Deutschland und der jungen Bundesrepublik:

bxUnd über Rainer Karlsch sagt er: „Zuletzt erlitt 2005 der bis dahin durchaus anerkannte Historiker Rainer Karlsch mit seinem Buch „Hitlers Bombe“ einen Totalschaden. Er hatte behauptet, Wissenschaftler um Kurt Diebner und Walther Gerlach hätten im Oktober 1944 auf Rügen und im März 1945 bei Ohrdruf in Thüringen zweimal erfolgreich Kernspaltungsbomben in der Größe späterer taktischer Nuklearwaffen getestet, also wesentlich kleiner als die US-Bomben in Hiroshima und Nagasaki. Das erwies sich als Unsinn. Karlschs Ruf war nachhaltig beschädigt.“

Unsinn ist das, was Kellerhoff hier schreibt. Nicht zuletzt Mark Walker, der seit den 90er Jahren maßgebliche Arbeiten zur Atomforschung in Nazi-Deutschland verfasst hat und in der Dokumentation ebenfalls ausführlich zu Wort kommt, hatte schon vor Jahren die wichtigsten Ergebnisse und Thesen von Karlsch unterstützt. umweltFAIRaendern hat über das Buch von Rainer Karlsch und die anschließende Kontroverse ausführlich berichtet:

Kellerhoff kritisiert weiter: „Denn was der verantwortliche ZDF-Redakteur Stefan Brauburger, ohne Zweifel ein erfahrener Geschichtsjournalist, über den Film berichtet (siehe unten, Anmerk. UFAe), macht skeptisch. Der langjährige Stellvertreter von Guido Knopp räumt auf Nachfrage ein, keinen einzigen Beweis für die Existenz deutscher Atombomben präsentieren zu können.

Kurt Diebner
Nazi-Atomwaffenforscher und Ende der 50er Jahre Gründer der bundesdeutschen Atomfoschungsanlage GKSS in der Nähe von Hamburg: Kurt Diebner

Die Zutaten des Films dürften überwiegend aus Karlschs Buch bekannt sein. Da geht es offenbar einmal mehr um Gerlach und Diebner sowie um den Waffen-SS-General Hans Kammler, der KZ-Häftlinge schuften ließ, um Fabriken für die vermeintlichen „Wunderwaffen“ unter der Erde errichten zu lassen. Und es gibt Experteninterviews, zum Beispiel mit dem US-Forscher Mark Walker, der sich schon 2005 positiv zu Karlschs Buch geäußert hatte.“

Sowohl Karlsch als auch Walker haben immer wieder eingeräumt, dass es „letzte Beweise“ bislang nicht gäbe, dass allerdings Hinweise bzw. Indizien dafür sprechen, dass es eine besondere Waffenforschung gegeben habe, bei der es um eine Mischung aus Kernspaltung und Fusion ging. Ein gänzlich anderes Prinzip in jedem Fall, als die von den USA für Hiroshima und Nagasaki entwickelten Waffen. Von Bedeutung war dabei das Hohlladungsprinzip, wie es auch bei Panzerfäusten eingesetzt werde. Demnach könnten thermo-nukleare Reaktionen durch eine enorm starke Implosion ausgelöst werden. Dazu – so die These – brauche es nur geringe Mengen Spaltmaterial.

Ob diese Technik tatsächlich funktioniert haben könnte, ist eine andere Frage, als die, ob in Nazi-Deutschland an einer solchen Bombe gearbeitet wurde. Darauf verweist auch Walker in der ZDF-Dokumentation.

Vor diesem Hintergrund ist die Kritik von Kellerhoff an der Sache vorbei, wenn er zunächst sagt: „Die USA errichteten in Oak Ridge (US-Bundesstaat Tennessee) und Hanford (US-Bundesstaat Washington) sowie an weiteren Orten gigantische Fabrikkomplexe, die so viel Strom verbrauchten wie eine Millionenstadt. Dennoch stand im Juli 1945 gerade einmal genug spaltbares Material für eine Uran- und zwei Plutoniumbomben zur Verfügung; eine vierte wäre erst um den 24. August 1945 einsatzbereit gewesen.

Weil das ZDF diese Tatsache nicht kleinreden kann, dürfte es in der Dokumentation vermutlich einmal mehr, wie schon bei Karlsch, um eine grundsätzlich andere Art von Nuklearbombe gehen. Ein angeblich „alternatives Kernwaffenkonzept“. Allerdings gibt es auch dafür nicht die Spur eines Beweises, und ob die immer wieder gleichen, dafür angeführten Informationssplitter aus dritter und vierter Hand tatsächlich als zuverlässig gelten dürfen oder nicht viel eher als reine Spekulation, ist eine Frage des Standpunktes.“

Man kann, wie Kellerhoff, die vorliegenden Quellen und Indizien als „Informationssplitter“ diskreditieren, wenn man denn unbedingt will, dass an den Untersuchungen von Karlsch, Walker und jetzt in der ZDF-Doku nicht wirklich was dran ist. Das aber hilft bei der Aufklärung allerdings recht wenig.

Dennoch ist der Hinweis von Kellerhoff bedenkenswert: „Fest steht jedenfalls: Ausnahmslos alle mehr als 2000 seit 1945 gezündeten Kernwaffen beruhten entweder auf dem Plutonium-Implosionsdesign, oft auch verwendet als Zünder für eine Fusionsbombe, oder auf Kanonenrohr-Prinzip mit Uran. Es gibt lediglich Hinweise, dass jedenfalls frühe israelische Bomben auf einer Mischung beider Konstruktionen beruhten, einer Implosionskonstruktion mit U-235 als Spaltstoff.

Aber für eine „alternative“ Konstruktionsweise, für die vielleicht gar kein Uran oder Plutonium, mindestens aber deutlich weniger als in den US-Bomben nötig wäre, gibt es kein einziges Indiz. Dabei wären wohl alle möglichen Diktaturen, bis hin zu Nordkorea und dem Iran im 21. Jahrhundert, in höchstem Maße an solchen Alternativen zur extrem aufwendigen Anreicherung von spaltbarem Uran oder zur Erbrütung von Plutonium 239 in speziellen Kernreaktoren interessiert.“

Vielleicht ein Hinweis, dass die Sache am Ende nicht funktioniert hat? Das aber widerspräche nicht den Hinweisen, dass es eine solche Forschung in Nazi-Deutschland gegeben haben könnte.

Karlsch und Heiko Petermann haben in einem Folgeband zu Hitlers Atombombe die möglichen Arbeiten von Kurt Diebner in Nazi-Deutschland unter der Rubrik „Mini-Nukes“ eingeordnet. (Leider ist die Homepage von Petermann, auf der diverse Texte dazu standen, nicht mehr online verfügbar. Das Buch „Für und Wider Hitlers Bombe“ (Buchbesprechung) aus dem Jahr 2007 setzt sich intensiv mit der gegen das 2005 veröffentlichte „Hitlers Bombe“ auseinander. Zum Thema Mini-Nukes, wie sie z.B. bei der Modernisierung der US-Atomwaffen in den letzten Jahren diskutiert wurden, siehe z.B. hier Spiegel online 2005, Ottfried Nassauer/BITS 2005, Tagesspiegel 2012 und Wikipedia 6.2.).

Foto Erich Bagge - 1985 Fusion
Erich Bagge während eines Interviews 1985 für die Zeitschrift Fusion. Bagge war bereits im Uran-Verein unter Diebner bei der Atomforschung in Nazi-Deutschland aktiv. Gemeinsam mit Diebner gründete er Ende der 50er Jahre die Atomforschungsanlage GKSS.

Im Zusammenhang mit der Fusion, ausgelöst durch extrem hohen Druck in einer Hohlladungsexplosion, ist auch ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1957 interessant, in dem u.a. anderen Kurt Diebner und Erich Bagge mit besonderen Forschungen aus der NS-Zeit erwähnt sind. In dem Artikel zu russischen und us-amerikanischen Forschungen an der Fusionsbombe unter der Überschrift Die Sonne auf Erden heißt es u.a.: „Die Meldungen der deutschen Tageszeitungen vermittelten den Eindruck als habe der Hamburger Physiker Dr. Kurt Diebner das Problem, die Sonne auf Erden scheinen zu lassen, schon weitgehend gelöst. Aber der deutsche Atomforscher, der heute die Durag-Apparatebaufirma leitet, hat sich zunächst ein viel bescheideneres Ziel gesteckt: Er will kurzzeitig hohe Temperaturen erzeugen, wie sie auch im Sterninnern herrschen, also dort, wo sich die wärmespendenden Verschmelzungsprozesse abspielen.

Schon während des letzten Krieges hatte er mit diesen Experimenten begonnen. 1939 hatte er dem Heereswaffenamt vorgeschlagen, die Uranspaltung, die Professor Otto Hahn damals gerade entdeckt hatte, für Kriegszwecke nutzbar zu machen.

Neben seiner Tätigkeit im deutschen „Uranverein“ – wie die Atomforschergruppe während des Krieges hieß – war Diebner als physikalischer Berater des OKH mit Sprengstofffragen beschäftigt gewesen und hatte an der Entwicklung der Panzerfaust Anteil. In ihr war das Prinzip der Hohlladung angewandt worden: In der Sprengladung war ein trichterförmiger Hohlraum ausgespart, so daß sich die Detonationswelle auf einen Punkt konzentrierte. In diesem Punkt wurden Temperaturen von enormer Höhe erreicht. Diebner überlegte: Konnte man diese Hitzegrade nicht zur Verschmelzung von schwerem Wasserstoff benutzen? „Ich kam auf den Trichter“, erinnert sich Diebner, „eine Hohlkugel aus Sprengstoff mit schwerem Wasser zu füllen.“

Aber der gewaltige Knall der Detonation der Kugel von etwa 40 cm Durchmesser brachte nicht das gewünschte Ergebnis. Zusammen mit dem Hamburger Atomforscher Professor, Dr. Erich Bagge möchte Diebner, diese Forschungen jetzt wiederaufnehmen.

„Es gibt da einen Dreh“, meint Professor Bagge, „durch den wir die Temperatur noch erheblich erhöhen können.“ Er hofft durch diesen Kunstgriff, über den er sich nicht näher äußern will, so hohe Hitzegrade bei der Detonation eitler Hohlladung erzielen zu können daß die Verschmelzung von schwerem Wasserstoff in Gang kommt. Die deutschen Babcock-Werke haben sich bereit gefunden, die geplanten Versuche der beiden Hamburger Atomforscher zu unterstützen. Die beiden Physiker nähren sogar die kühne Erwartung, daß man ihr geplantes Wasserstoffbombenbaby dereinst zur Erzeugung von nutzbarer Energie verwenden könne.“ (Siehe auch: Diebner 1962 in der Zeitschrift Kerntechnik: „Fusionsprozess mit Hilfe konvergenter Stoßwellen….“, Kerntechnik Band 4, Heft 3, S. 89ff.)

Dabei muss berücksichtigt werden, dass derartige Forschung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg strikt verboten war. Dass aber diese Variante einer Fusionstechnik durchaus eine ernste Sache war, hatte im Jahr 2000 auch Roland Kollert in einer – natürlich ebenfalls heftig umstrittenen – Studie für die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler dargelegt. (Roland Kollert, Atomtechnik als Instrument westdeutscher Nachkriegs-Außenpolitik, Die militärisch-politische Nutzung „friedlicher“ Kernenergietechnik in der Bundesrepublik Deutschland, PDF, zur Kontroverse sind weitere Texte unten auf dieser Seite zu finden.)

Mit diesen Hinweisen bzw. Quellen – mit denen sich meines Erachtens auch die ZDF-Doku zu wenig beschäftigt, setzt sich der Welt-Autor in seinem Beitrag nicht weiter auseinander.

Kesselhoff kritisiert die ZDF-Doku auch mit Blick auf die dort als neu eingeordneten Quellen und schreibt z.B.: „Im Übrigen ist das Dokument, das im ZDF-Film präsentiert werden soll, auch keineswegs neu. Schon 2005 zitierte der US-Jurist und Historiker Stephen P. Halbrook das Dokument bei einer Tagung in Lugano; sein Vortrag ist auch im Internet veröffentlicht. Kesselrings angebliches Zitat ist sogar schon im Juni 1945 veröffentlicht worden, in der Züricher „Weltwoche„.“

Die ZDF-Dokumentation geht auch intensiv auf die vielen unterirdischen Fabrikanlagen und die Waffenforschung der Nazis ein. Dabei von herausragender Bedeutung ist der eingangs genannte SS-Mann Hans Kammler. Vor allem Anlagen in Österreich werden dabei ausführlich vorgestellt. Darunter die unterirdischen Stollen des Projekts „Bergkristall“. Auf Kammler und diese unterirdischen Anlagen, von denen es natürlich auch viele in Deutschland gab, werde ich bei anderer Gelegenheit noch mal in diesem Blog zurückkommen.

Bis dahin: Phoenix zu Kammler und hier bei Wikipedia.

Die ZDF-Doku als Video auf Youtube

Das ZDF hat zur TV-Dokumentation eine Pressemappe zusammengestellt.

Darin nimmt Stefan Brauburger, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte unter der Überschrift „Auf der Spur von Hitlers Bombe – 70 Jahre nach Hiroshima“ Stellung:

„Es ist ein weiterer wichtiger Jahrestag zu einem Ereignis, an das man nicht oft genug erinnern kann.

Die Zerstörung der beiden japanischen Großstädte, erst Hiroshima, dann Nagasaki, markiert eine Zeitenwende. Zum ersten Mal führte der Mensch der Welt vor Augen, dass er in der Lage ist, alles Leben auf der Erde auszulöschen. Mehr als 100 000 Menschen starben nach den Abwurf der beiden Bomben sofort. Weitere Hunderttausende erlagen den Folgen der nuklearen Detonationen. In späteren Jahrzehnten erreichte die Zahl der einsatzfähigen nuklearen Sprengköpfe die Dimension des Overkills.

Aber wie fing es an? Nachdem der deutsche Chemiker Otto Hahn 1938 die Kernspaltung entdeckt hatte, entfaltete die nukleare Forschung weltweit eine ungeahnte Dynamik. Im Zweiten Weltkrieg und noch bis Mitte der 1950er Jahre ging es nur um die militärische Nutzung der Kernspaltung. Der Impuls, die US-Bombe zu bauen, rührte aus der Furcht, die Deutschen könnten als erste über die neue Vernichtungswaffe verfügen. Vor den Nazis nach Amerika geflohene Physiker bedrängten den US-Präsidenten, die Atombombe zu bauen. So begann ein unerklärter Wettlauf zwischen den USA und Deutschland.

Nach dem Krieg ging die historische Forschung davon aus, die deutsche Seite habe die Entwicklung der Bombe mitten im Krieg fallengelassen, aus Mangel an Willen, Können oder Material. Hitler-Deutschland sei zu keinem Zeitpunkt in der Lage gewesen, eine Kernwaffe zu konstruieren. Angesichts der verheerenden Atombombeneinsätze gegen Japan, bereute Einstein zutiefst seine Entscheidung, den Brief zum Bau der Bombe an den amerikanischen Präsidenten unterzeichnet zu haben.

Jüngere Forschungen sprechen jedoch dafür, dass von der deutschen Atomforschung durchaus eine reale Gefahr ausging. „Das wichtigste ist meiner Meinung nach die Aussage, dass die Deutschen die deutsche Atombombe doch geschaffen haben“, bewertet der renommierte russische Militärhistoriker Wladimir Sacharow einen Bericht Marschall Schukows an Stalin vom Oktober 1945. Auch der Militärexperte im Deutschen Historischen Institut Moskau, Matthias Uhl, gibt im Interview für die ZDF-Dokumentation „Die Suche nach Hitlers ‚Atombombe‘“ Einblicke in neuere Forschungen. „Aus den russischen Dokumenten geht hervor, dass es darum ging, Raketen mit einem nuklearen Sprengkopf zu kombinieren“, so Uhl.

Die Autoren des Filmes zum deutschen Atomwaffenprojekt begeben sich auf Spurensuche. Sie richten den Blick auf Schauplätze und Akteure, die mit dem Bombenbau in Verbindung gebracht werden, gehen der Frage nach, wie knapp der Wettlauf um die vernichtende Waffe wirklich war. Dokumente, Verhörprotokolle, Zeitzeugnisse sowie Hinweise auf bislang unbekannte Anlagen unter Tage sprechen dafür, dass die Entwicklung ab 1944 immer weiter forciert wurde. Von nuklearen Tests berichten russische, amerikanische und französische Quellen.

Vor allem die „SS hat in den letzten beiden Jahren des Krieges mit aller Macht versucht, die Raketen-Waffenproduktion so weit wie möglich unter ihre Kontrolle zu bringen. Das betraf selbstverständlich auch die Entwicklung nuklearer Waffen“, sagt US-Wissenschaftshistoriker Mark Walker.

Laut jüngerer Dokumentenfunde haben kaum bekannte Gruppen von Technikern an der Waffenentwicklung gearbeitet. Dem SS-General Hans Kammler wuchs nach und nach die Rolle eines „Geheimwaffenchefs“ zu. Von mustergültigen Bombenbauplänen ist auf russischer Seite die Rede, in deutschen und amerikanischen Quellen ist von verschiedenen Wegen zur Gewinnung von Spaltstoffen und zur Entwicklung von Fusionsbomben zu lesen. . Auch eine von der US-Regierung autorisierte Darstellung von Nachforschungen auf deutschem Boden spricht von signifikanten Fortschritten beim Bau von Atombomben zu.

Doch die Suche stößt an Grenzen. Einen gegenständlichen Beweis dafür, dass die Deutschen es tatsächlich vermochten, Spaltstoff hochgradig – bis zur Waffenfähigkeit – anzureichern gibt es weiterhin nicht. Und dass sie am Ende wirklich über eine wie auch immer geartete  funktionsfähige Waffe verfügten, ist ebenfalls nicht nachweisbar. Der Film weist jedoch in Richtungen, in die es sich weiter zu forschen lohnt, zu messen, unterirdische Anlagen zu erkunden oder zu warten: auf eine baldige Öffnung noch immer verschlossener Archivbestände.“

ZITATE zum Filmprojekt „Die Suche nach Hitlers ‘Atombombe‘“

Zitat aus dem Bericht des Marschalls Schukow an Stalin vom Oktober 1945 zum Stand des deutschen Atomprojekts:

„Auf Grundlage des von uns gesammelten  Materials kann man die Schlussfolgerung ziehen, dass die Deutschen gute Resultate auf dem Gebiet der theoretischen und praktischen  Erforschung und Anwendung der Kernenergie bis hin zum Bau einer Atombombe erreicht haben“.

Zitate aus einer von der US-Regierung autorisierten Bekanntmachung für den 26. August 1945 zu den Ergebnissen aufwändiger Erkundungen im Machtbereich NS-Deutschlands. Verschiedene Spezialeinheiten und Geheimdienste hatten eine aufwändige Suche nach technischen Erfindungen und moderner Waffentechnik betrieben:

„Deutschlands Geheimprojekte während des Krieges reichen von Experimenten mit der Atombombe bis ..“

„Sie machten nicht nur signifikante Fortschritte in der Entwicklung einer Atombombe…“

Ein Bericht des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU vom 23. März 1945 beschreibt den Test einer neuartigen deutschen Bombe in Thüringen und enthält eine detaillierte Konstruktionsbeschreibung der Kernspaltungsbombe, die nach dem Implosionsprinzip funktioniert. Der Bericht wird an Stalin weitergeleitet und dem wissenschaftlichen Leiter des sowjetischen Atomprojekts, Igor Kurtschatow, zur Auswertung übergeben:

Volkskommissariat für Verteidigung der UdSSR

Hauptabteilung der militärischen Aufklärung der Roten Armee

23. März 1945, Moskau

An den Chef des Generalstabes der Roten Armee, Armeegeneral Gen. Antonov

Bericht:

Unsere zuverlässige Quelle in Deutschland meldet:

„In der letzten Zeit haben die Deutschen in Thüringen zwei große Explosionen durchgeführt. Sie fanden in einem Waldgebiet unter strengster Geheimhaltung statt. Vom Zentrum der Explosion wurden Bäume bis zu einer Entfernung von fünfhundert bis sechshundert Metern gefällt. Für die Versuche errichtete Befestigungen und Bauten wurden zerstört. Kriegsgefangene, die sich im Explosionszentrum befanden, kamen um, wobei häufig von ihnen keine Spuren blieben. Andere Kriegsgefangene, die sich in einigem Abstand zur Zentrum der Explosion aufhielten, trugen Verbrennungen an Gesicht und Körper davon, deren Grad von der Entfernung zum Zentrum abhing.

Die Tests wurden in einem entlegenen Gebiet durchgeführt. In den Versuchsobjekten gilt die höchste Geheimhaltungsstufe. Das Ein- und Ausfahren ist nur mit Spezialausweisen erlaubt. SS-Kommandos haben das Gebiet abgeriegelt und verhörten jeden, der sich diesem Gebiet näherte.

Die Bombe enthält vermutlich U235 und hat ein Gewicht von zwei Tonnen. Sie wurde auf einem speziell dafür konstruierten Flachwagen transportiert. Mit ihr zusammen wurden Tanks mit flüssigem Sauerstoff gebracht. Die Bombe wurde permanent von zwanzig SS-Männern mit Hunden bewacht.

Die Bombenexplosion wurde von einer starken Detonationswelle und der Entwicklung hoher Temperaturen begleitet. Außerdem wurde ein starker radioaktiver Effekt beobachtet. Die Bombe stellt eine Kugel mit einem Durchmesser von 130 Zentimetern dar.“

Die Bombe besteht aus:

1. Einer Hochspannungsentladungsröhre, die ihre Energie von speziellen Generatoren bezieht

2. Einer Kugel aus metallischem Uran 235

3. Einem Verzögerer

4. Einem Schutzkasten

5. Dem Sprengstoff

6. Einer Detonationsanlage

7. Einem Stahlmantel

Alle Teile der Bombe werden ineinander montiert.

Der Inititator oder der Zünder der Bombe

Besteht aus einer speziellen Röhre, die schnelle Neutronen erzeugt. Durch spezielle Generatoren wird in der Röhre hohe Spannung geschaffen. Im Ergebnis wirken die schnellen Neutronen auf den aktiven Stoff ein.

Spaltstoff

Aktiver Stoff der Bombe ist Uran 235. Es stellt eine Kugel dar, in die durch eine Öffnung der Initiator eingeführt wird. Die Öffnung wird danach mit einem Pfropfen verschlossen, der aus Uran 235 besteht.

Der Schutzmantel

Die Urankugel wird in ein Gehäuse aus Aluminium eingeschlossen, das mit Cadmium beschichtet ist. Dies bremst die thermischen Neutronen stark ab, die vom Uran 235 freigesetzt werden und eine vorzeitige Detonation verursachen könnten.

Sprengstoff

Hinter der Cadmiumschicht befindet sich Sprengstoff, der aus porösem Trinutrotoluol besteht, das mit flüssigem Sauerstoff durchtränkt ist. Trinutrotoluol besteht aus Blöcken, die eine spezielle Form haben. Die innere Oberfläche der Blöcke hat sphärischen Durchmesser, der mit der äußeren Oberfläche des Cadmiums übereinstimmt. Zu jedem der Blöcke ist ein Detonator mit zwei Elektrozündern verlegt.

Hülle

Das Trinutrotoluol ist mit einer Schutzhülle aus einer leichten Aluminiumlegierung bedeckt. Oben auf der Hülle wird die Sprengvorrichtung befestigt.

Äußere Hülle

Oberhalb der Sprengvorrichtung wird die äußere Hülle aus gepanzertem Stahl montiert.

Haube

Auf die gepanzerte Hülle kann eine Haube aus einer leichten Legierung montiert werden, für die nachfolgende Montage der Bombe auf eine Rakete vom Typ „V“.

Der Zusammenbau der Bombe

Die Kugel, die aus metallischem Uran besteht, wird in einen Schutzbehälter platziert, der aus mit Cadmium beschichtetem Aluminium besteht, so dass die Öffnung in der Kugel mit der Öffnung im Behälter übereinstimmt. Über diese Öffnung wird der Initiator eingeführt und anschließend wird die Öffnung mit einem Pfropfen aus Uran verschlossen.
Danach wird die mit Cadmium beschichtete Aluminiumkugel mit einem Pfropfen verschlossen, auf den der letzte Trinutrotoluol-Block gelegt wird. Ferner wird über die das Trinutrotoluol deckende Öffnung flüsiger Sauerstoff gepumpt. Danach ist die Bombe einsatzbereit.

Der Zünder der Bombe

Das Zünden der Bombe wird mit Hilfe einer Hochspannungsentladungsröhre ausgeführt.
Sie erzeugt einen Neutronenstrom, der den aktiven Stoff angreift. Im Prozess der Einwirkung des Neutronenstroms auf das Uran, aus dem Element 93 freigesetzt wird, der das Zustandekommen einer Kettenreaktion beschleunigt.
Ferner bringt die Sprengvorrichtung den Sprengstoff zur Explosion, worauf ein zum Zentrum gerichteter Schlag passiert, der durch die Explosion der äußeren Schicht des Trinutrotoluols in Mischung mit flüssigem Sauerstoff ausgelöst wird. Dies erlaubt das Uran über die kritische Masse zu bringen.
Vor der Zündung wird die Urankugel mit Gamma-Strahlen, der eine Energie von nicht mehr als 6 Mio. Volt besitzen, bestrahlt, was zu einer Steigerung seiner Sprengfähigkeit führen soll.

Fazit:

Ohne Zweifel führen die Deutschen Tests einer Bombe mit großer Zerstörungskraft durch.
Im Falle ihres erfolgreichen Tests und der Herstellung solcher Bomben in ausreichender Menge werden sie über eine Waffe verfügen, die in der Lage ist, unsere Offensive zu verlangsamen.“

Leiter der Hauptverwaltung der Militärischen Aufklärung

Generalleutnant Iljitshov

4 Exemplare:

Exemplar Nr. 1    Gen. Stalin

Exemplar Nr. 2    Gen. Molotov

Exemplar Nr. 3    Gen. Antonov

Exemplar Nr. 4    zu den Akten

16 Blätter

Quelle: Schreiben des Chefs der Hauptverwaltung für militärische Aufklärung, Generalleutnant Iwan I. Ilitshov, an den Chef des Generalstabes der Roten Armee, General Antonov, vom 23.3.1945, Verteiler: Stalin, Molotov, Antonov, Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation, Fonds 93, Abteilung 81 (45), Liste 37.

Dennoch berichtet der wissenschaftliche Leiter des sowjetischen Atomprojekts, Kurchatow, im März ‘45 an Stalin, er sei wegen der relativ geringen Sprengwirkung des beschriebenen Tests nicht ganz überzeugt, dass die Deutschen eine Atombombe wie auf dem Bauplan zündeten – sondern eher einen Vorläufer, ein Testmodell.“

Außerdem sind in der ZDF-Pressemappe die folgenden Zitate aus den Interviews zum Film enthalten:

„Prof. Wladimir Sacharow, Militärhistoriker, Lomonossow-Universität Moskau

Zu Schukow-Bericht:

„Sehr interessant ist eigentlich der Bericht des Marschalls Schukow an Stalin über das deutsche Atomprojekt…Das wichtigste ist doch meiner Meinung nach die Aussage, dass die Deutschen die deutsche Atombombe doch geschaffen haben.“

Zur Quellenlage:

„Ich kann drei Gruppen von neuen Quellen zu dem Thema nennen, die GRU-Berichte, in zweiter Linie Berichte des NKWD, in dritter Linie Dokumente aus dem Dienstarchiv des Atomministeriums der UDSSR,  dort gibt es sowohl Berichte der Aufklärungsdienste als auch Verhörprotokolle der deutschen Atomphysiker.“

Zur Rolle der SS:

„Bekannt ist, dass die überwiegende Mehrheit von den deutschen hochtechnologischen Projekten, die kriegswichtig waren, am Ende des Krieges unter die Kontrolle der SS gelangten, das hatte auch mit dem Attentat des 20. Juli zu tun. Es ging um das Raketenprojekt und selbstverständlich auch das Atomprojekt. Und hier ist die Rolle von SS-General Hans Kammler wichtig. Er war der einzige Akteur in dieser Geschichte, der die Raketentechnik mit der Atomwaffe zusammenbringen konnte.“

Dr. Matthias Uhl, Historiker, Deutsches Historisches Institut Moskau

Zu Schukow-Bericht:

„Der Schukow-Bericht versuchte auf der Grundlage der Informationen, die die Rote Armee in der sowjetischen besetzten Zone Deutschlands sammeln konnte nachzuweisen, welchen Kenntnisstand und vor allem Forschungsstand die deutschen Atomwissenschaftler haben. Auf der Grundlage der gesammelten Informationen kam man schließlich zu dem Schluss, die Deutschen hätten es tatsächlich bis zur Entwicklung einer Atomwaffe geschafft.“

Zur Frage der Kombination von nuklearer Waffe und Rakete:

„Man hatte ganz klar erkannt, dass ein konventioneller Sprengkopf den militärischen Erfordernissen nicht gerecht wird, deshalb versuchte man dafür entweder Chemiewaffen-Köpfe zu entwickeln oder aber man setzte dabei auf neue, nukleare Waffen, sowohl auf die Verunreinigung durch radioaktive Substanzen, aber dachte auch selber dann bereits, bestimmte nukleare Sprengköpfe auf die Spitzen der Raketen zu setzen, das bestätigen zahlreiche sowjetische Geheimdienstberichte.“

Zur Rolle von Hitlers „Geheimwaffenchef“ Hans Kammler:

„Kammler erhält von Hitler und Himmler schrittweise immer mehr Kompetenzen bei der Entwicklung von Geheimwaffen, so dass er schließlich zu einer zentralen Person in diesem Bereich wird“.

„Er war der Mann, der dafür die notwendigen Ressourcen bündelte, um diese Projekte noch zu einem erfolgreichen Abschluss bringen zu können.“

„Kammler verfügte über ein hohes Managertalent und war bereit, ein hohes Risiko einzugehen und für die Erreichung seiner Ziele über Leichen zu gehen“.

„Es ist anzunehmen, dass Kammler in Gusen (bei Linz) versuchte, ein Zentrum für die deutsche Geheimwaffenentwicklung zu schaffen, das zeigen seine Bemühungen, sowohl Raketentechnologie, Atomtechnologie als auch Flugzeugtechnologie in diesem Raum zu konzentrieren und unter seiner Führung dort zusammenzufassen.“

Sergej Lev Davidow, russischer Kernwaffenexperte, begleitete mehrere sowjetische Atomtests

Zum beigefügten deutschen Bomben-Bauplan der GRU-Berichte

„Mich hat sehr beeindruckt, wie kenntnisreich und qualifiziert das Dokument ist. Dies kann nicht von einem normalen Agenten stammen, nur von einer speziell ausgebildeten Person, die entsprechende Kenntnisse besitzt. Da ist alles so genau beschrieben, als würde es vom Erfinder der Bombe selber kommen.“

Dazu Matthias Uhl (zum Bomben-Bauplan)

„Wir wissen ganz genau, es ist eine bewährte, überprüfte Quelle gewesen. Diese Quelle hatte Zugang zu Bereichen der SS, die mit Waffenentwicklung im Atombombenbereich vertraut war.“

Prof. Mark Walker, Wissenschaftshistoriker, Universität Schenectady / New York

Zur Rolle der SS:

„Die SS versuchte in den letzten beiden Jahren des Krieges, die High-Tech-Waffenproduktion mit aller Macht unter ihre Kontrolle zu bringen. Das betraf selbstverständlich auch die Entwicklung nuklearer Waffen. Wissenschaftler versuchten unter der Führung der SS bis zum Kriegsende, solche neuartigen Waffen herzustellen.“

Zu einem weiteren Bombentyp (neben dem Konzept der Uranbombe):

„Es ist nicht ganz klar, was es war. Ein eigener Typ von nuklearen Waffen, an denen Wissenschaftler am Ende des Krieges arbeiteten. Es ging darum, mit höchstem explosivem Druck möglicherweise sogar Fusionsreaktionen hervorzurufen unter Einbeziehung von Kernspaltung.“

„Allerdings muss gesagt werden, dass es sich hier nicht um eine Waffe wie die Hiroshima-Bombe handelte. Diese Gruppe arbeitete eben an anderen Typen.“

„Ich bin jedoch skeptisch, dass das gelang und dass sie es tatsächlich geschafft haben.“

Zur Frage der Realisierung:

„Die Frage ist, ob so etwas unter äußerst schwierigen Bedingungen kurz vor Ende des Krieges von den Deutschen bewerkstelligt werden konnte. Das heißt nicht, dass man es nicht versucht hat. Und ich lege auf diese Unterscheidung Wert. Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln dass es Menschen gab, die alles taten, um an das Ziel zu gelangen.“

Dr. Rainer Karlsch, Wirtschafts- und Unternehmenshistoriker, Berlin

Zu Äußerungen Hitlers zur neuen Waffe:

„Als Ion Antonescu Hitler besuchte, standen sowjetische Truppen bereits an der rumänischen Grenze. Der rumänische Diktator wollte am liebsten aus diesem Krieg ausscheiden. Hitler hat alles versucht um ihn an seiner Seite zu halten und hat Antoniscu über neueste Waffenentwicklungen informiert. Er sprach von einer V3 und einer V4, von einer Vernichtungswaffe die im Umkreis von 2-3 km alles zerstören sollte. Wenn wir den Zerstörungsradius berücksichtigen, kann es nur eine nukleare Waffe gewesen sein oder eine große Kohlenstaubbombe mit gewaltiger Explosionskraft, auch an so einer Entwicklung wurde in Deutschland gearbeitet.“

Zu Berichten über Waffentest an die Amerikaner:

„Über den Test einer neuartigen deutschen Waffe in Thüringen ist nicht nur der sowjetischen Generalstab Ende März informiert worden, sondern auch der Oberkommandierende der amerikanischen Streitkräfte Eisenhower. Er erhielt den Report eines deutschen Offiziers der diesen Test gesehen hat. Eisenhower hat das Gebiet überfliegen lassen. Es ist allerdings nichts festgestellt worden.“

Und schließlich sind der ZDF-Pressemappe zur Dokumentation „Die Suche nach Hitlers „Atombombe““ Reaktionen von Historikern zu den unterirdischen Anlagen in Österreich zu entnehmen, die neue Forschungen in dieser Sache für erforderlich halten:

„Wirbel um ZDF-Recherchen zu NS-Unterwelt in Österreich: Historiker raten zu neuen Forschungen
(Gastbeitrag von Rainer Keplinger/ORF, Redaktion „Am Schauplatz“)

Bei Recherchen für die ZDF-Dokumentation „Die Suche nach Hitlers Bombe“ ist der österreichische Filmautor Andreas Sulzer auf bislang unbekannte Bildmaterialien, Dokumente und Zeitzeugenberichte gestoßen. Diese förderten Erstaunliches zutage: Die unterirdischen NS-Anlagen bei St. Georgen an der Gusen (bei Linz) sollen weitaus größere Ausmaße gehabt haben als bisher angenommen. Die schon bisher bekannte Rüstungsfabrik “B8 Bergkristall” war demnach nur ein Teil einer weitaus größeren NS-Anlage. Der Umstand, dass dort womöglich Geheimwaffen produziert wurden, ruft jetzt besorgte Bürger auf den Plan. Auf welchem Grund wurden Siedlungen errichtet, könnten Altlasten unter Tage zur Gefahr werden, besteht die Gefahr einer Kontaminierung des Bodens? So fragen sich viele.

In der internationalen Presse schlug die Nachricht über diese NS-Anlagen 2014 hohe Wellen. Denn schon seit Jahren gibt es Mutmaßungen über nukleare Forschungen der Nazis. Die Behörden in Oberösterreich reagierten auch prompt: Eine 16köpfige Kommission – bestehend aus Historikern, Archäologen, Vertretern des Innenministeriums und des Denkmalamtes – wurde beauftragt, die Fragen nach einem größeren Stollensystem und einer eventuellen Nuklearforschung  der Nazis zu klären. Ziel war die „objektive, fachlich fundierte, wissenschaftlich methodische sowie interdisziplinäre Evaluierung durch hochrangige Experten/innen“.  Drei Monate (!) nach der Einsetzung, Ende Januar 2015, trat die Kommission mit einer eindeutigen Botschaft an die Öffentlichkeit. Keine einzige Vermutung oder Annahme habe einer wissenschaftlichen Überprüfung standgehalten, hieß es, somit  bestehe auch kein Forschungsbedarf.

Erste Kritik an diesem Gutachten kam aus den Reihen des Gusen-Gedenkdienst-Komitees. Man bemängelte, dass keine internationalen Experten hinzugezogen worden seien und auch keine Mitarbeiter des Komitees.  Journalisten der ORF-Sendung „Am Schauplatz“ hinterfragten den „Expertenbericht“. Filmemacher Andreas Sulzer stellte der ORF-Redaktion die Ergebnisse seiner Recherchen zur Verfügung: Geheimdienstakten, geoelektrische Untersuchungen des Bodens sowie eine Einschätzung eines UNSCOM-Inspekteurs für ABC-Waffen lassen darauf schließen, dass ein großes Gebiet von St. Georgen/Gusen während des NS-Regimes unterminiert wurde. Sulzer war es auch, der außerhalb des bekannten Stollensystems graben ließ – und  tatsächlich stieß man auf zwei Bauwerke. Die Behörden in Österreich wiegelten ab. Bei den ausgegrabenen Betonstrukturen handle es sich lediglich um Überreste eines Lüftungsschachtes und um eine Aufzeigerdeckung eines Schießstandes.

Lieferungen von Substanzen in das Konzentrationslager Gusen, die anhand von „Wagenkontrollbüchern“ (Buchhaltung über Bahn-Lieferungen von und nach Gusen) nachvollzogen werden können, taten die Behörden in ihrem Bericht als irrelevant ab.  Zahlreiche Einträge weisen aber auf gelieferte Komponenten hin, die sowohl für eine nuklear- als auch eine raketentechnische Rüstung sprechen. Diese Indizien werden von Nuklear-Experten, Zeitzeugen und  Dokumenten gestützt. Die ORF Sendung “Am Schauplatz” hat die unterschiedlichen Positionen zu diesem Thema beleuchtet und u.a. auf Falschbehauptungen hingewiesen, mit dem die Behörden ihren Standpunkt zu untermauern suchten, wonach keine nukleartechnischen Aktivitäten in St. Georgen/Gusen nachzuweisen seien.

Eine überhöhte radioaktive Strahlung der Region im Stollenbereich verunsichert derzeit die Bevölkerung und weckt Befürchtungen. Nicht zuletzt deshalb, weil sich direkt neben dem Eingang zu „Bergkristall“  ein Brunnen befindet, der mehrere Gemeinden mit Trinkwasser versorgt. Über dem Normalbereich liegende Strahlenwerte würden von Radon-Gas ausgehen und seien natürlichen Ursprungs, versuchen Experten zu beruhigen. Schutzmaßnahmen hat man dennoch getroffen; ein Aufenthalt im Stollen darf nur kurze Zeit erfolgen.

Ein Bergbauspezialist aus Thüringen, dessen Unternehmen 2002 mit Arbeiten an der Sicherung der Anlage befasst war, versteht die Verharmlosung des Problems nicht, er hat andere Erfahrungen gemacht: „Wir haben damals selbstständig Strahlenmessungen durchgeführt und waren erschrocken über die Höhe der Strahlenbelastung – und haben dann zum Schutz unserer Mitarbeiter, mitunter gegen die Meinung der Auftraggeberschaft, wettertechnische Maßnahmen ergriffen, um die Belastung durch Strahlung auszudünnen.”

Die Diskussion um die NS-Stollen wurde und wird in Österreich durchaus kontrovers, emotional und teilweise auch aggressiv geführt. Den Stein ins Rollen und Licht in die Sache zu bringen – dazu haben der ORF mit seiner Sendung sowie die ZDF-Recherchen beigetragen. Nur vorzunehmende wissenschaftlich/historische Untersuchungen werden letztendlich Klarheit schaffen.

 „Atomwaffen werden wir in dieser unterirdischen Welt sicher nicht finden, aber es ist möglich, dass wir hier ein Tor aufstoßen, von dem noch niemand weiß, was uns dort erwartet“, sagt der Kriegsfolgenforscher Prof. Stefan Karner. Er und auch renommierte Historiker  wie Prof. Wladimir Sacharow, Dr. Matthias Uhl, Prof. Mark Walker und Dr. Rainer Karlsch empfehlen ein wissenschaftliches Projekt mit internationalen Experten, in dem der Gesamtkomplex „Bergkristall“ neu aufgearbeitet wird.“

Staatliche Atom-Verwaltung: Milliardenschwere Kostensteigerungen – Undurchsichtige Aufsicht

Asse-RadladerDas atomare Abenteuer der Bundesrepublik wird verdammt teuer. Nicht nur bei der Stilllegung, dem Rückbau und der Lagerung der Strahlenabfälle aus den kommerziellen Atomreaktoren wachsen die Kosten immer mehr. Auch bei den staatlichen Atomforschungsanlagen und deren Stilllegungsprozess kommt es auch aufgrund von intransparenten Ministeriums-Zuständigkeiten und weitgehend wirkungslosen Kontrollkonstruktionen zu gewaltigen Kostensteigerungen, für die die SteuerzahlerInnen zur Kasse gebeten werden. Der Rechnungshof übt scharfe Kritik und bilanziert verbunden mit Verbesserungsvorschlägen das staatliche Atom-Verwaltungs-Desaster.

Der Bundesrechnungshof hat im April dem Haushaltsausschuss einen Bericht vorgelegt, der es in sich hat. Bereits Ende April hatte die Süddeutsche Zeitung darüber berichtet. Mehr als 20 Stilllegungsprojekte aus dem staatlichen Bereich der Atomforschung gibt es, Schwerpunkte sind in Karlsruhe und Jülich, hinzu kommt die GKSS bei Geesthacht. Da wird nicht nur festgestellt, dass sich die bislang geplanten Kosten für den Rückbau der Atomforschungsreaktoren und die Lagerung des Atommülls mal eben um 2,6 auf 4,2 Milliarden Euro erhöht haben und weiter explodieren könnten. Der staatlichen Verwaltung dieses Desaster attestiert der Rechnungshof faktisch das komplette Versagen, das bis heute anhält und an dessen Änderung die Prüfer trotz entsprechender Zusagen und Maßnahmen aus dem Forschungs- und dem Finanzministerium nicht glauben mögen. Den Empfehlungen des Rechnungshofs zu einer Neustrukturierung der gesamten Steuerung und Kontrolle jedenfalls mögen offenbar um ihre Bedeutung fürchtende Beamte in ihren Führungsoptionen nicht folgen. Zum Schaden der SteuerzahlerInnen.

Eines der gravierenden Probleme in dem Dschungel aus Zuständigen, Behörden, staatlichen Unternehmen, Gutachtern und Akteuren: “Entweder keine Kontrolle – oder doppelte“ – stellt Michael Bauchmüller in der Süddeutsche Zeitung unter dem Titel: „Rückbau von Forschungseinrichtungen – Nukleares Milliardengrab“ fest.

Nicht zuletzt das trägt dazu bei, dass der Rechnungshof feststellt: „Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hatte zuvor dem Haushaltsausschuss berichtet, dass die Beseitigung dieser nuklearen Altlasten nicht vor dem Jahr 2063 abgeschlossen sein und nach jetzigem Stand weitere Bundesmittel von 4,2 Mrd. Euro erfordern wird. Dies stellt gegenüber der letzten dem Parlament vorgelegten Schätzung, die einen Abschluss der Arbeiten bis zum Jahr 2035 unterstellte, einen Mehrbedarf von 2,6 Mrd. Euro dar.“

Das Bundesministerium für Finanzen (BMF) und das Bundesforschungsministerium (BMBF) haben in diesem Bereich staatlicher Atomverwaltung Verantwortung. Betroffen sind vor allem die ehemaligen Atomforschungszentren in Jülich (AVR und FZJ) und in Karlsruhe (WAK), außerdem in Geesthacht (HZG). Die staatlichen EnergieWerkeNord (EWN), die zunächst vor allem für die Stilllegung der DDR-Atomanlagen bei Lubmin/Greifswald zuständig waren, sind inzwischen zu einer Art Projekt-Holding für Jülich und Karlsruhe (in unterschiedlichem Umfang) zuständig geworden; in der Debatte war/ist auch eine Beteiligung in Geesthacht. Beteiligt sind außerdem Einrichtungen wie die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS).

Anders als bei den kommerziellen Atomanlagen lässt sich die Stilllegung der Atomforschungsanlagen nicht in Serie organisieren. Für viele der Anlagen und Komponenten müssen spezielle Verfahren entwickelt werden. Das macht die Stilllegung dieser Anlagen grundsätzlich teurer. Hinzu kommt, dass die Zuständigkeiten nicht einheitlich geregelt bzw. nicht sonderlich sinnvoll gegliedert sind. Während in einigen Fällen das Finanzministerium Eigentümer und für die Mittelvergabe gegenüber den Einrichtungen zuständig ist, ist bei anderen Anlagen vor allem das Forschungsministerium zuständig.

Eine Ahnung bekommt man, wenn der Rechnungshof z.B. schreibt:

„Das BMBF stellt den Rückbaueinrichtungen Haushaltsmittel des Bundes als Zuwendungen zur Verfügung. Es verfügt damit über das zuwendungsrechtliche Instrumentarium, um die Mittelverwendung zu überwachen. Wesentlichen Einfluss auf die operative Gestaltung des Rückbaus hat es hingegen nicht. Über viele Jahre setzte es für die ihm obliegenden Aufgaben nur geringe personelle Kapazitäten ein. Seit dem Jahr 2013 lässt es sich dabei von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit mbH (GRS) unterstützen.

Die bedeutsamen Rückbaueinrichtungen WAK und AVR sind unter dem Dach der Energiewerke Nord GmbH (EWN) zusammengefasst, die wiederum als Bundesbeteiligung dem Geschäftsbereich des BMF zugeordnet ist. Die gesellschaftsrechtlichen Möglichkeiten einer Konzernsteuerung hat die EWN bisher noch kaum eingesetzt; operative Entscheidungen treffen die Rückbaueinrichtungen weitgehend in eigener Verantwortung. Eine konsequente Vereinheitlichung von Qualitätsanforderungen im EWN-Verbund steht noch aus. Die mit der Bündelung unter dem Dach der EWN verfolgten Synergieeffekte sind auch nach Einschätzung des Unternehmens selbst nicht umfassend genutzt worden.

Möglichkeiten, die haushalts- und zuwendungsrechtliche Verantwortung des BMBF mit den Eigentümerfunktionen im Geschäftsbereich des BMF zu verzahnen, sind vielfach ungenutzt geblieben.“

Natürlich drückt sich der Rechnungshof auf jeder der insgesamt 54 Seiten seines Berichts höflich und gepflegt aus. Immer wieder wird auf seit Jahren andauernde Bemühungen verwiesen, in die staatliche Atom-Stilllegungs-Verwaltung eine vernünftigere und kostengünstigere Struktur reinzubekommen. Vorschläge hat es dabei offenbar viele gegebenen, die aber angesichts der grundsätzlichen Behörden-Struktur, die bislang unangetastet blieb, nicht wirklich Erfolge brachte. Das oben genannte Beispiel EWN ist nur einer der Versuche, die laut Rechnungshof bis heute nicht die erhofften Ergebnisse brachten.

Dabei räumt der Bericht zugunsten der Betreiber und der staatlichen Atomverwaltung in den beteiligten Ministerien ein, dass viele der Stellschrauben im Atommüll-Bereich von den beteiligten Akteuren direkt nicht beeinflussbar sind. Gemeint sind damit z.B. die Verzögerungen bei der Inbetriebnahme des für die dauerhafte Lagerung leicht- und mittelradioaktiver Abfälle geplanten Schacht Konrads in Salzgitter. Die Verzögerungen schlagen auf die Rückbauprojekte direkt zurück und führen zu Kostenerhöhungen, z.B. weil Personal weiter vorgehalten werden muss oder neue Zwischenlager für die Lagerung der entsprechenden radioaktiven Abfälle gebaut werden müssen.

Nur ein Schlaglicht auf die Absurditäten, die mit teurem Steuergeld getrieben werden: „Das BMBF bestätigt in seiner Stellungnahme die Notwendigkeit, Planungs- und Steuerungsinstrumente zu verbessern. Hierüber seien alle Beteiligten im Gespräch. Es erkennt an, dass in den letzten Jahren durch eine optimierte Haushaltsplanung Mehrkosten hätten vermieden werden können; hierzu hätten aber nicht nur seine Haushaltsentscheidungen, sondern auch Versäumnisse der Rückbaueinrichtungen beigetragen. Das BMBF hält den dadurch entstandenen Schaden für niedriger als von der WAK geschätzt. Eine eigene detaillierte Kenntnis aller Kostenfaktoren hat es jedoch nicht. Wir halten es daher weiter für plausibel, dass Schaden in der genannten Höhe entstanden ist.“ (Seite 8 des Berichts)

Gravierende Mängel bei der Gesamtkostendarstellung (trotz Verbesserungen), fehlende Transparenz und sogar mangelnde Kostenbeteiligung der an den Forschungsanlagen beteiligten Bundesländer würden ein übriges dazu beitragen, dass das Kostendesaster in den letzten Jahren sich nicht reduziert, sondern eher vergrößert hat.

So kommt der in seinen Formulierungen eher dezente Rechnungshof gegenüber dem Haushaltsausschuss zu der Empfehlung: „Nach Einschätzung des Bundesrechnungshofes bedarf es einer durchgreifenden Verbesserung, Vereinheitlichung und Straffung der Planungs-, Steuerungs- und Kontrollprozesse, um die dem Bund obliegenden Aufgaben der Stilllegung und des Rückbaus nuklearer Forschungs- und Versuchsanlagen zielgerichtet und wirtschaftlich wahrnehmen zu können.“ Und geht dann ins Detail….

Es ist kaum zu fassen, wenn der Rechnungshof trotz einiger Maßnahmen der Ministerien feststellt: „Der Bundesrechnungshof erkennt an, dass diese Schritte in die richtige Richtung zielen. Er vermag aber nicht zu erkennen, dass sie in der bestehenden Struktur zu ausreichenden Ergebnissen führen, um grundlegende Defizite des Prozesses zu beseitigen.

Schon bei seinen früheren Analysen hatte er das Auseinanderfallen von Finanzierungsverantwortung, Entscheidungskompetenzen und Kontrollmöglichkeiten als Ursache für Unwirtschaftlichkeiten beschrieben. Die Trennung zwischen der Zuwendungsfinanzierung durch das BMBF und der operativen Steuerung durch die Rückbaueinrichtungen unter der Verantwortung von EWN und BMF lässt nicht zu, dass diese Funktionen wirksam zusammengeführt werden. Das BMBF betreibt die Weiterentwicklung des Instrumentariums mit dem Ziel, die Finanzierungs- und Überwachungsaufgaben des Zuwendungsgebers besser wahrnehmen zu können. Um die sachgerechte Steuerung eines hochkomplexen Prozesses sicherzustellen, für den die öffentliche Hand die Verantwortung und damit verbundenen erheblichen finanziellen Risiken trägt, ist dieser Ansatz nach unserer Sicht nur bedingt geeignet.
Grundlegende Verbesserungen wären daher am besten in einer verantwortlichen
Gestaltung des Prozesses „aus einer Hand“ umzusetzen.“

Erstmal in Schwung gekommen, schreibt der Rechnungshof weiter: „Dies setzt insbesondere voraus, dass die Finanzierung, die strategische Entscheidungskompetenz und die Steuerungsgewalt über die weiter zu bündelnden Projekteinrichtungen nur einem Bundesministerium zugeordnet werden. Das BMBF will diese Empfehlung prüfen, hält einen solchen grundlegenden Schritt aber für umso weniger notwendig, je weiter die Fortentwicklung der Planungs- und Controllinginstrumente voranschreitet. Diese – optimistische – Sichtweise teilt der Bundesrechnungshof nicht. Die jetzt angekündigten Verbesserungen waren seit Langem notwendig und möglich; dennoch ist es in der bisherigen Struktur nicht gelungen, eine zielgerichtete Steuerung des Rückbauprozesses sicherzustellen und Synergieeffekte wirksam zu nutzen.“

Und selbst das alles – was vom Ministerium abgelehnt wird – reicht noch nicht einmal: „Unabhängig von der möglichen Optimierung der Prozessschritte sollte die Transparenz der Projektverläufe und des daraus resultierenden Mittelbedarfs verbessert werden. Der Bundesrechnungshof hält es für erforderlich, dass das BMBF die Vollständigkeit und Konsistenz der Angaben im Haushaltsplan sicherstellt. Es sollte zudem statt des bisherigen Berichtsformats an den Haushaltsausschuss einmal jährlich vor den Haushaltsberatungen einen Bericht vorlegen, der aktuelle, für den erwarteten Mittelbedarf und die Einschätzung der Risiken bedeutsame Entwicklungen beschreibt.“

Und zu den Kosten, die andere beibringen müssten, mahnt der Bericht an: „Mit Blick auf die verursachergerechten Kostenverteilung hält der Bundesrechnungshof es für unverzichtbar, auch künftig eine angemessene Beteiligung privater Gesellschafter und der Länder an dem Prozess der Stilllegung und des Rückbaus von nuklearen Versuchsanlagen sicherzustellen.“

All das bisher angeführte stammt lediglich aus der Zusammenfassung des Rechnungshof-Berichts. Macht man sich die Mühe, den weiteren Bericht im Detail zu lesen, kommt man aus der Fassungslosigkeit kaum noch heraus. Je genauer die Hintergründe über die inkonsequenten – oder man könnte auch sagen ignoranten – Vorgehensweisen dargelegt werden, desto empörter und absurder wird es.

Klar ist: Es sind Steuergelder, die hier auf eine Art und Weise zum Selbstbedienungs-Inventar gemacht werden, deren sparsamen und effizienten Einsatz offenbar die gesamte Atomgemeinde zwischen Ministerien, Forschungseinrichtungen und Gutachter-Instituten niemand für irgendwie bedeutsam erachtet. Niemand in diesem Komplex muss persönliche Konsequenzen fürchten und nur selten erblicken diese skandalösen Sachverhalte das Licht der Öffentlichkeit. Außerdem gilt natürlich: Irgendwo muss das Zeug ja hin; kann man ja nicht einfach liegen lassen. Der Dumme ist der Steuerzahler, der die Zeche für Inkompetenz, Selbstbedienung und Eitelkeiten zu zahlen hat.

Atomforschungsreaktor Berlin: Mangelnder Katastrophenschutz und teure Experimente – Zdebel fragt nach

Vor wenigen Tagen wurde der Atomforschungsreaktor am Berliner Wannsee wieder in Betrieb genommen, nach dem er wegen Rissen seit November 2013 abgeschaltet und repariert werden musste. Im Jahr 2019 soll der Forschungsreaktor endgültig abgeschaltet werden. Bürger-Initiativen fordern die sofortige Stilllegung der Anlage, von der große radiologische Gefahren für die Berliner Bevölkerung ausgehen. Zu den Unfall-Risiken und den Folgen für den Katastrophenschutz in der Bundeshauptstadt hat der Bundestagsabgeordnete Hubertus Zdebel eine Kleine Anfrage auf den Weg gebracht. Nach Fukushima laufen zwar Anpassungen beim Katastrophenschutz für Atomkraftwerke. Pläne, dies bei den Forschungsreaktoren ebenfalls in Angriff zu nehmen, fehlen aber bislang.

Insgesamt ist der Katstrophenschutz rund um Atomanlagen eher als Katastrophe zu bezeichnen: Laut taz vom 24. Oktober 2014 „traten bei einer geheimen Übung der Krisenstäbe von Bund und Ländern eklatante Mängel zutage.“ Dort heißt es weiter: „Nach einer simulierten Atom-Katastrophe im AKW Emsland wurde die Bevölkerung erst zu einem Zeitpunkt gewarnt, zu dem die radioaktive Wolke bereits Millionen Menschen erreicht hätte.“ ()

Außerdem fragt der Sprecher für Atomausstieg der Bundestags-Fraktion DIE LINKE die Bundesregierung in einer weiteren Kleinen Anfragen zum Einsatz eines Hochfeldmagneten, der jetzt für teures Geld und mit zahlreichen Verzögerungen für Experimente in dem zum Helmholtz-Zentrums Berlin gehörenden Forschungszentrum in Betrieb genommen werden soll. Die Fragen zum Hochfeldmagneten sind hier als PDF, der ENTWURF der Kleinen Anfrage zum Katastrophenschutz und dem Forschungsreakor sind hier.

Spurensuche: Nazi-Deutschland und die Atombombe – Kurt Diebner, Paul Harteck, schweres Wasser aus Norwegen und tote Partisanen

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Kurt Diebner (Mitte) und die Nazi-Atombombe: Tote Partisanen und Norweger für die Beschaffung von schwerem Wasser für die Forschung.

Am 20. Dezember 1943 – kurz vor Weihnachten – sitzen die Herren Diebner, Harteck, Orlicek und einige andere in Leuna (Wikipedia) zusammen. Ihr Thema: „Übernahme der SH 200-Anlagen in Norwegen nach Mitteldeutschland“. Über dem Protokoll der Besprechung (Deutsches Museum, Geheimakten) in knallrot der Stempel: „Geheim! 1. Dies ist ein Staatsgeheimnis im Sinne §88 RStG.“ Kein Wunder: Die Herren beratschlagen, wie sie die Versorgung mit dem für die Atom(bomben)forschung dringend benötigten schweren Wasser (Deuterium) sicherstellen können. Dr. Diebner ist, so vermerkt es das Protokoll, „Bevollmächtigter für Kernphysik“. Er spricht abstrakt von „politischen Gründen“, die den Nachschub des dringend benötigten schweren Wassers aus Norwegen behindern. Was er nicht ausspricht: Mehrfach hatten norwegische Widerstandskämpfer und alliierte Luftangriffe die einzige Produktionsanlage im besetzten Norwegen bombardiert oder die Transporte angegriffen. Dabei kamen viele Menschen ums Leben und Partisanen wurden erschossen. „Spurensuche: Nazi-Deutschland und die Atombombe – Kurt Diebner, Paul Harteck, schweres Wasser aus Norwegen und tote Partisanen“ weiterlesen

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