Die Suche nach Hitlers „Atombombe“ – ZDF Rechereche und Doku

Gab es ihn wirklich - den Bau an Hitlers Atombombe? Copyright: ZDF/Lukas Kronsteiner
Gab es ihn wirklich – den Bau an Hitlers Atombombe? Copyright: ZDF/Lukas Kronsteiner

Das ZDF hat sich auf die „Suche nach Hitlers „Atombombe““ begeben und in Verbindung mit einer recht umfangreichen Recherche eine Dokumentation gesendet. Als wissenschaftlicher Berater u.a. mit dabei Rainer Karlsch, der mit dem Buch „Hitlers Bombe“ im Jahr 2005 für Aufsehen sorgte, weil er auf bislang wenig beachtete Atomforscher in Nazi-Deutschland abstellte und über Forschungsarbeiten berichtete, die möglicherweise auf eine Art nuklearer Waffe auf dem Prinzip der Hohlladungsexplosion (Implosion) abzielten. In dem ZDF Beitrag wird außerdem über Standorte in Österreich berichtet, wo zahlreiche unterirdische Anlagen existieren, die unter Leitung des SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Hans Kammler entstanden, – Hitlers „Geheimwaffenchef“.

  • Die ZDF-Doumentation „Die Suche nach Hitlers „Atombombe““ ist hier in der Mediathek verfügbar. Außerdem hat das ZDF eine Pressemappe über die Doku zusammengestellt, die unten im Text weitgehend dokumentiert wird. Der Westen hat ein Interview mit Stefan Brauburger, ZDF Chefredakteur Zeitgeschichte, veröffentlicht. Auch BILD widmet der ZDF-Doku einen längeren Text.
  • Update: Inzwischen ist die ZDF-Doku „Die Suche nach Hitlers „Atombombe““ auch auf Youtube zu finden (siehe auch unten!).

Für den leitenden Welt-Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte Sven Felix Kellerhoff ist das Thema eher ein Mythos; „Das Dritte Reich hatte weder Uran 235 noch Plutonium 239 in ausreichender Menge. Trotzdem geht die Legende vom deutschen Nuklearprogramm in die nächste Runde. Doch handfeste Indizien gibt es nicht“, schreibt er offenbar auf Basis der Pressemappe VOR der Ausstrahlung der Doku (wenn ich das richtig lese).

umweltFAIRaendern über die Atom(waffen)forschung in Nazi-Deutschland und der jungen Bundesrepublik:

bxUnd über Rainer Karlsch sagt er: „Zuletzt erlitt 2005 der bis dahin durchaus anerkannte Historiker Rainer Karlsch mit seinem Buch „Hitlers Bombe“ einen Totalschaden. Er hatte behauptet, Wissenschaftler um Kurt Diebner und Walther Gerlach hätten im Oktober 1944 auf Rügen und im März 1945 bei Ohrdruf in Thüringen zweimal erfolgreich Kernspaltungsbomben in der Größe späterer taktischer Nuklearwaffen getestet, also wesentlich kleiner als die US-Bomben in Hiroshima und Nagasaki. Das erwies sich als Unsinn. Karlschs Ruf war nachhaltig beschädigt.“

Unsinn ist das, was Kellerhoff hier schreibt. Nicht zuletzt Mark Walker, der seit den 90er Jahren maßgebliche Arbeiten zur Atomforschung in Nazi-Deutschland verfasst hat und in der Dokumentation ebenfalls ausführlich zu Wort kommt, hatte schon vor Jahren die wichtigsten Ergebnisse und Thesen von Karlsch unterstützt. umweltFAIRaendern hat über das Buch von Rainer Karlsch und die anschließende Kontroverse ausführlich berichtet:

Kellerhoff kritisiert weiter: „Denn was der verantwortliche ZDF-Redakteur Stefan Brauburger, ohne Zweifel ein erfahrener Geschichtsjournalist, über den Film berichtet (siehe unten, Anmerk. UFAe), macht skeptisch. Der langjährige Stellvertreter von Guido Knopp räumt auf Nachfrage ein, keinen einzigen Beweis für die Existenz deutscher Atombomben präsentieren zu können.

Kurt Diebner
Nazi-Atomwaffenforscher und Ende der 50er Jahre Gründer der bundesdeutschen Atomfoschungsanlage GKSS in der Nähe von Hamburg: Kurt Diebner

Die Zutaten des Films dürften überwiegend aus Karlschs Buch bekannt sein. Da geht es offenbar einmal mehr um Gerlach und Diebner sowie um den Waffen-SS-General Hans Kammler, der KZ-Häftlinge schuften ließ, um Fabriken für die vermeintlichen „Wunderwaffen“ unter der Erde errichten zu lassen. Und es gibt Experteninterviews, zum Beispiel mit dem US-Forscher Mark Walker, der sich schon 2005 positiv zu Karlschs Buch geäußert hatte.“

Sowohl Karlsch als auch Walker haben immer wieder eingeräumt, dass es „letzte Beweise“ bislang nicht gäbe, dass allerdings Hinweise bzw. Indizien dafür sprechen, dass es eine besondere Waffenforschung gegeben habe, bei der es um eine Mischung aus Kernspaltung und Fusion ging. Ein gänzlich anderes Prinzip in jedem Fall, als die von den USA für Hiroshima und Nagasaki entwickelten Waffen. Von Bedeutung war dabei das Hohlladungsprinzip, wie es auch bei Panzerfäusten eingesetzt werde. Demnach könnten thermo-nukleare Reaktionen durch eine enorm starke Implosion ausgelöst werden. Dazu – so die These – brauche es nur geringe Mengen Spaltmaterial.

Ob diese Technik tatsächlich funktioniert haben könnte, ist eine andere Frage, als die, ob in Nazi-Deutschland an einer solchen Bombe gearbeitet wurde. Darauf verweist auch Walker in der ZDF-Dokumentation.

Vor diesem Hintergrund ist die Kritik von Kellerhoff an der Sache vorbei, wenn er zunächst sagt: „Die USA errichteten in Oak Ridge (US-Bundesstaat Tennessee) und Hanford (US-Bundesstaat Washington) sowie an weiteren Orten gigantische Fabrikkomplexe, die so viel Strom verbrauchten wie eine Millionenstadt. Dennoch stand im Juli 1945 gerade einmal genug spaltbares Material für eine Uran- und zwei Plutoniumbomben zur Verfügung; eine vierte wäre erst um den 24. August 1945 einsatzbereit gewesen.

Weil das ZDF diese Tatsache nicht kleinreden kann, dürfte es in der Dokumentation vermutlich einmal mehr, wie schon bei Karlsch, um eine grundsätzlich andere Art von Nuklearbombe gehen. Ein angeblich „alternatives Kernwaffenkonzept“. Allerdings gibt es auch dafür nicht die Spur eines Beweises, und ob die immer wieder gleichen, dafür angeführten Informationssplitter aus dritter und vierter Hand tatsächlich als zuverlässig gelten dürfen oder nicht viel eher als reine Spekulation, ist eine Frage des Standpunktes.“

Man kann, wie Kellerhoff, die vorliegenden Quellen und Indizien als „Informationssplitter“ diskreditieren, wenn man denn unbedingt will, dass an den Untersuchungen von Karlsch, Walker und jetzt in der ZDF-Doku nicht wirklich was dran ist. Das aber hilft bei der Aufklärung allerdings recht wenig.

Dennoch ist der Hinweis von Kellerhoff bedenkenswert: „Fest steht jedenfalls: Ausnahmslos alle mehr als 2000 seit 1945 gezündeten Kernwaffen beruhten entweder auf dem Plutonium-Implosionsdesign, oft auch verwendet als Zünder für eine Fusionsbombe, oder auf Kanonenrohr-Prinzip mit Uran. Es gibt lediglich Hinweise, dass jedenfalls frühe israelische Bomben auf einer Mischung beider Konstruktionen beruhten, einer Implosionskonstruktion mit U-235 als Spaltstoff.

Aber für eine „alternative“ Konstruktionsweise, für die vielleicht gar kein Uran oder Plutonium, mindestens aber deutlich weniger als in den US-Bomben nötig wäre, gibt es kein einziges Indiz. Dabei wären wohl alle möglichen Diktaturen, bis hin zu Nordkorea und dem Iran im 21. Jahrhundert, in höchstem Maße an solchen Alternativen zur extrem aufwendigen Anreicherung von spaltbarem Uran oder zur Erbrütung von Plutonium 239 in speziellen Kernreaktoren interessiert.“

Vielleicht ein Hinweis, dass die Sache am Ende nicht funktioniert hat? Das aber widerspräche nicht den Hinweisen, dass es eine solche Forschung in Nazi-Deutschland gegeben haben könnte.

Karlsch und Heiko Petermann haben in einem Folgeband zu Hitlers Atombombe die möglichen Arbeiten von Kurt Diebner in Nazi-Deutschland unter der Rubrik „Mini-Nukes“ eingeordnet. (Leider ist die Homepage von Petermann, auf der diverse Texte dazu standen, nicht mehr online verfügbar. Das Buch „Für und Wider Hitlers Bombe“ (Buchbesprechung) aus dem Jahr 2007 setzt sich intensiv mit der gegen das 2005 veröffentlichte „Hitlers Bombe“ auseinander. Zum Thema Mini-Nukes, wie sie z.B. bei der Modernisierung der US-Atomwaffen in den letzten Jahren diskutiert wurden, siehe z.B. hier Spiegel online 2005, Ottfried Nassauer/BITS 2005, Tagesspiegel 2012 und Wikipedia 6.2.).

Foto Erich Bagge - 1985 Fusion
Erich Bagge während eines Interviews 1985 für die Zeitschrift Fusion. Bagge war bereits im Uran-Verein unter Diebner bei der Atomforschung in Nazi-Deutschland aktiv. Gemeinsam mit Diebner gründete er Ende der 50er Jahre die Atomforschungsanlage GKSS.

Im Zusammenhang mit der Fusion, ausgelöst durch extrem hohen Druck in einer Hohlladungsexplosion, ist auch ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1957 interessant, in dem u.a. anderen Kurt Diebner und Erich Bagge mit besonderen Forschungen aus der NS-Zeit erwähnt sind. In dem Artikel zu russischen und us-amerikanischen Forschungen an der Fusionsbombe unter der Überschrift Die Sonne auf Erden heißt es u.a.: „Die Meldungen der deutschen Tageszeitungen vermittelten den Eindruck als habe der Hamburger Physiker Dr. Kurt Diebner das Problem, die Sonne auf Erden scheinen zu lassen, schon weitgehend gelöst. Aber der deutsche Atomforscher, der heute die Durag-Apparatebaufirma leitet, hat sich zunächst ein viel bescheideneres Ziel gesteckt: Er will kurzzeitig hohe Temperaturen erzeugen, wie sie auch im Sterninnern herrschen, also dort, wo sich die wärmespendenden Verschmelzungsprozesse abspielen.

Schon während des letzten Krieges hatte er mit diesen Experimenten begonnen. 1939 hatte er dem Heereswaffenamt vorgeschlagen, die Uranspaltung, die Professor Otto Hahn damals gerade entdeckt hatte, für Kriegszwecke nutzbar zu machen.

Neben seiner Tätigkeit im deutschen „Uranverein“ – wie die Atomforschergruppe während des Krieges hieß – war Diebner als physikalischer Berater des OKH mit Sprengstofffragen beschäftigt gewesen und hatte an der Entwicklung der Panzerfaust Anteil. In ihr war das Prinzip der Hohlladung angewandt worden: In der Sprengladung war ein trichterförmiger Hohlraum ausgespart, so daß sich die Detonationswelle auf einen Punkt konzentrierte. In diesem Punkt wurden Temperaturen von enormer Höhe erreicht. Diebner überlegte: Konnte man diese Hitzegrade nicht zur Verschmelzung von schwerem Wasserstoff benutzen? „Ich kam auf den Trichter“, erinnert sich Diebner, „eine Hohlkugel aus Sprengstoff mit schwerem Wasser zu füllen.“

Aber der gewaltige Knall der Detonation der Kugel von etwa 40 cm Durchmesser brachte nicht das gewünschte Ergebnis. Zusammen mit dem Hamburger Atomforscher Professor, Dr. Erich Bagge möchte Diebner, diese Forschungen jetzt wiederaufnehmen.

„Es gibt da einen Dreh“, meint Professor Bagge, „durch den wir die Temperatur noch erheblich erhöhen können.“ Er hofft durch diesen Kunstgriff, über den er sich nicht näher äußern will, so hohe Hitzegrade bei der Detonation eitler Hohlladung erzielen zu können daß die Verschmelzung von schwerem Wasserstoff in Gang kommt. Die deutschen Babcock-Werke haben sich bereit gefunden, die geplanten Versuche der beiden Hamburger Atomforscher zu unterstützen. Die beiden Physiker nähren sogar die kühne Erwartung, daß man ihr geplantes Wasserstoffbombenbaby dereinst zur Erzeugung von nutzbarer Energie verwenden könne.“ (Siehe auch: Diebner 1962 in der Zeitschrift Kerntechnik: „Fusionsprozess mit Hilfe konvergenter Stoßwellen….“, Kerntechnik Band 4, Heft 3, S. 89ff.)

Dabei muss berücksichtigt werden, dass derartige Forschung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg strikt verboten war. Dass aber diese Variante einer Fusionstechnik durchaus eine ernste Sache war, hatte im Jahr 2000 auch Roland Kollert in einer – natürlich ebenfalls heftig umstrittenen – Studie für die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler dargelegt. (Roland Kollert, Atomtechnik als Instrument westdeutscher Nachkriegs-Außenpolitik, Die militärisch-politische Nutzung „friedlicher“ Kernenergietechnik in der Bundesrepublik Deutschland, PDF, zur Kontroverse sind weitere Texte unten auf dieser Seite zu finden.)

Mit diesen Hinweisen bzw. Quellen – mit denen sich meines Erachtens auch die ZDF-Doku zu wenig beschäftigt, setzt sich der Welt-Autor in seinem Beitrag nicht weiter auseinander.

Kesselhoff kritisiert die ZDF-Doku auch mit Blick auf die dort als neu eingeordneten Quellen und schreibt z.B.: „Im Übrigen ist das Dokument, das im ZDF-Film präsentiert werden soll, auch keineswegs neu. Schon 2005 zitierte der US-Jurist und Historiker Stephen P. Halbrook das Dokument bei einer Tagung in Lugano; sein Vortrag ist auch im Internet veröffentlicht. Kesselrings angebliches Zitat ist sogar schon im Juni 1945 veröffentlicht worden, in der Züricher „Weltwoche„.“

Die ZDF-Dokumentation geht auch intensiv auf die vielen unterirdischen Fabrikanlagen und die Waffenforschung der Nazis ein. Dabei von herausragender Bedeutung ist der eingangs genannte SS-Mann Hans Kammler. Vor allem Anlagen in Österreich werden dabei ausführlich vorgestellt. Darunter die unterirdischen Stollen des Projekts „Bergkristall“. Auf Kammler und diese unterirdischen Anlagen, von denen es natürlich auch viele in Deutschland gab, werde ich bei anderer Gelegenheit noch mal in diesem Blog zurückkommen.

Bis dahin: Phoenix zu Kammler und hier bei Wikipedia.

Die ZDF-Doku als Video auf Youtube

Das ZDF hat zur TV-Dokumentation eine Pressemappe zusammengestellt.

Darin nimmt Stefan Brauburger, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte unter der Überschrift „Auf der Spur von Hitlers Bombe – 70 Jahre nach Hiroshima“ Stellung:

„Es ist ein weiterer wichtiger Jahrestag zu einem Ereignis, an das man nicht oft genug erinnern kann.

Die Zerstörung der beiden japanischen Großstädte, erst Hiroshima, dann Nagasaki, markiert eine Zeitenwende. Zum ersten Mal führte der Mensch der Welt vor Augen, dass er in der Lage ist, alles Leben auf der Erde auszulöschen. Mehr als 100 000 Menschen starben nach den Abwurf der beiden Bomben sofort. Weitere Hunderttausende erlagen den Folgen der nuklearen Detonationen. In späteren Jahrzehnten erreichte die Zahl der einsatzfähigen nuklearen Sprengköpfe die Dimension des Overkills.

Aber wie fing es an? Nachdem der deutsche Chemiker Otto Hahn 1938 die Kernspaltung entdeckt hatte, entfaltete die nukleare Forschung weltweit eine ungeahnte Dynamik. Im Zweiten Weltkrieg und noch bis Mitte der 1950er Jahre ging es nur um die militärische Nutzung der Kernspaltung. Der Impuls, die US-Bombe zu bauen, rührte aus der Furcht, die Deutschen könnten als erste über die neue Vernichtungswaffe verfügen. Vor den Nazis nach Amerika geflohene Physiker bedrängten den US-Präsidenten, die Atombombe zu bauen. So begann ein unerklärter Wettlauf zwischen den USA und Deutschland.

Nach dem Krieg ging die historische Forschung davon aus, die deutsche Seite habe die Entwicklung der Bombe mitten im Krieg fallengelassen, aus Mangel an Willen, Können oder Material. Hitler-Deutschland sei zu keinem Zeitpunkt in der Lage gewesen, eine Kernwaffe zu konstruieren. Angesichts der verheerenden Atombombeneinsätze gegen Japan, bereute Einstein zutiefst seine Entscheidung, den Brief zum Bau der Bombe an den amerikanischen Präsidenten unterzeichnet zu haben.

Jüngere Forschungen sprechen jedoch dafür, dass von der deutschen Atomforschung durchaus eine reale Gefahr ausging. „Das wichtigste ist meiner Meinung nach die Aussage, dass die Deutschen die deutsche Atombombe doch geschaffen haben“, bewertet der renommierte russische Militärhistoriker Wladimir Sacharow einen Bericht Marschall Schukows an Stalin vom Oktober 1945. Auch der Militärexperte im Deutschen Historischen Institut Moskau, Matthias Uhl, gibt im Interview für die ZDF-Dokumentation „Die Suche nach Hitlers ‚Atombombe‘“ Einblicke in neuere Forschungen. „Aus den russischen Dokumenten geht hervor, dass es darum ging, Raketen mit einem nuklearen Sprengkopf zu kombinieren“, so Uhl.

Die Autoren des Filmes zum deutschen Atomwaffenprojekt begeben sich auf Spurensuche. Sie richten den Blick auf Schauplätze und Akteure, die mit dem Bombenbau in Verbindung gebracht werden, gehen der Frage nach, wie knapp der Wettlauf um die vernichtende Waffe wirklich war. Dokumente, Verhörprotokolle, Zeitzeugnisse sowie Hinweise auf bislang unbekannte Anlagen unter Tage sprechen dafür, dass die Entwicklung ab 1944 immer weiter forciert wurde. Von nuklearen Tests berichten russische, amerikanische und französische Quellen.

Vor allem die „SS hat in den letzten beiden Jahren des Krieges mit aller Macht versucht, die Raketen-Waffenproduktion so weit wie möglich unter ihre Kontrolle zu bringen. Das betraf selbstverständlich auch die Entwicklung nuklearer Waffen“, sagt US-Wissenschaftshistoriker Mark Walker.

Laut jüngerer Dokumentenfunde haben kaum bekannte Gruppen von Technikern an der Waffenentwicklung gearbeitet. Dem SS-General Hans Kammler wuchs nach und nach die Rolle eines „Geheimwaffenchefs“ zu. Von mustergültigen Bombenbauplänen ist auf russischer Seite die Rede, in deutschen und amerikanischen Quellen ist von verschiedenen Wegen zur Gewinnung von Spaltstoffen und zur Entwicklung von Fusionsbomben zu lesen. . Auch eine von der US-Regierung autorisierte Darstellung von Nachforschungen auf deutschem Boden spricht von signifikanten Fortschritten beim Bau von Atombomben zu.

Doch die Suche stößt an Grenzen. Einen gegenständlichen Beweis dafür, dass die Deutschen es tatsächlich vermochten, Spaltstoff hochgradig – bis zur Waffenfähigkeit – anzureichern gibt es weiterhin nicht. Und dass sie am Ende wirklich über eine wie auch immer geartete  funktionsfähige Waffe verfügten, ist ebenfalls nicht nachweisbar. Der Film weist jedoch in Richtungen, in die es sich weiter zu forschen lohnt, zu messen, unterirdische Anlagen zu erkunden oder zu warten: auf eine baldige Öffnung noch immer verschlossener Archivbestände.“

ZITATE zum Filmprojekt „Die Suche nach Hitlers ‘Atombombe‘“

Zitat aus dem Bericht des Marschalls Schukow an Stalin vom Oktober 1945 zum Stand des deutschen Atomprojekts:

„Auf Grundlage des von uns gesammelten  Materials kann man die Schlussfolgerung ziehen, dass die Deutschen gute Resultate auf dem Gebiet der theoretischen und praktischen  Erforschung und Anwendung der Kernenergie bis hin zum Bau einer Atombombe erreicht haben“.

Zitate aus einer von der US-Regierung autorisierten Bekanntmachung für den 26. August 1945 zu den Ergebnissen aufwändiger Erkundungen im Machtbereich NS-Deutschlands. Verschiedene Spezialeinheiten und Geheimdienste hatten eine aufwändige Suche nach technischen Erfindungen und moderner Waffentechnik betrieben:

„Deutschlands Geheimprojekte während des Krieges reichen von Experimenten mit der Atombombe bis ..“

„Sie machten nicht nur signifikante Fortschritte in der Entwicklung einer Atombombe…“

Ein Bericht des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU vom 23. März 1945 beschreibt den Test einer neuartigen deutschen Bombe in Thüringen und enthält eine detaillierte Konstruktionsbeschreibung der Kernspaltungsbombe, die nach dem Implosionsprinzip funktioniert. Der Bericht wird an Stalin weitergeleitet und dem wissenschaftlichen Leiter des sowjetischen Atomprojekts, Igor Kurtschatow, zur Auswertung übergeben:

Volkskommissariat für Verteidigung der UdSSR

Hauptabteilung der militärischen Aufklärung der Roten Armee

23. März 1945, Moskau

An den Chef des Generalstabes der Roten Armee, Armeegeneral Gen. Antonov

Bericht:

Unsere zuverlässige Quelle in Deutschland meldet:

„In der letzten Zeit haben die Deutschen in Thüringen zwei große Explosionen durchgeführt. Sie fanden in einem Waldgebiet unter strengster Geheimhaltung statt. Vom Zentrum der Explosion wurden Bäume bis zu einer Entfernung von fünfhundert bis sechshundert Metern gefällt. Für die Versuche errichtete Befestigungen und Bauten wurden zerstört. Kriegsgefangene, die sich im Explosionszentrum befanden, kamen um, wobei häufig von ihnen keine Spuren blieben. Andere Kriegsgefangene, die sich in einigem Abstand zur Zentrum der Explosion aufhielten, trugen Verbrennungen an Gesicht und Körper davon, deren Grad von der Entfernung zum Zentrum abhing.

Die Tests wurden in einem entlegenen Gebiet durchgeführt. In den Versuchsobjekten gilt die höchste Geheimhaltungsstufe. Das Ein- und Ausfahren ist nur mit Spezialausweisen erlaubt. SS-Kommandos haben das Gebiet abgeriegelt und verhörten jeden, der sich diesem Gebiet näherte.

Die Bombe enthält vermutlich U235 und hat ein Gewicht von zwei Tonnen. Sie wurde auf einem speziell dafür konstruierten Flachwagen transportiert. Mit ihr zusammen wurden Tanks mit flüssigem Sauerstoff gebracht. Die Bombe wurde permanent von zwanzig SS-Männern mit Hunden bewacht.

Die Bombenexplosion wurde von einer starken Detonationswelle und der Entwicklung hoher Temperaturen begleitet. Außerdem wurde ein starker radioaktiver Effekt beobachtet. Die Bombe stellt eine Kugel mit einem Durchmesser von 130 Zentimetern dar.“

Die Bombe besteht aus:

1. Einer Hochspannungsentladungsröhre, die ihre Energie von speziellen Generatoren bezieht

2. Einer Kugel aus metallischem Uran 235

3. Einem Verzögerer

4. Einem Schutzkasten

5. Dem Sprengstoff

6. Einer Detonationsanlage

7. Einem Stahlmantel

Alle Teile der Bombe werden ineinander montiert.

Der Inititator oder der Zünder der Bombe

Besteht aus einer speziellen Röhre, die schnelle Neutronen erzeugt. Durch spezielle Generatoren wird in der Röhre hohe Spannung geschaffen. Im Ergebnis wirken die schnellen Neutronen auf den aktiven Stoff ein.

Spaltstoff

Aktiver Stoff der Bombe ist Uran 235. Es stellt eine Kugel dar, in die durch eine Öffnung der Initiator eingeführt wird. Die Öffnung wird danach mit einem Pfropfen verschlossen, der aus Uran 235 besteht.

Der Schutzmantel

Die Urankugel wird in ein Gehäuse aus Aluminium eingeschlossen, das mit Cadmium beschichtet ist. Dies bremst die thermischen Neutronen stark ab, die vom Uran 235 freigesetzt werden und eine vorzeitige Detonation verursachen könnten.

Sprengstoff

Hinter der Cadmiumschicht befindet sich Sprengstoff, der aus porösem Trinutrotoluol besteht, das mit flüssigem Sauerstoff durchtränkt ist. Trinutrotoluol besteht aus Blöcken, die eine spezielle Form haben. Die innere Oberfläche der Blöcke hat sphärischen Durchmesser, der mit der äußeren Oberfläche des Cadmiums übereinstimmt. Zu jedem der Blöcke ist ein Detonator mit zwei Elektrozündern verlegt.

Hülle

Das Trinutrotoluol ist mit einer Schutzhülle aus einer leichten Aluminiumlegierung bedeckt. Oben auf der Hülle wird die Sprengvorrichtung befestigt.

Äußere Hülle

Oberhalb der Sprengvorrichtung wird die äußere Hülle aus gepanzertem Stahl montiert.

Haube

Auf die gepanzerte Hülle kann eine Haube aus einer leichten Legierung montiert werden, für die nachfolgende Montage der Bombe auf eine Rakete vom Typ „V“.

Der Zusammenbau der Bombe

Die Kugel, die aus metallischem Uran besteht, wird in einen Schutzbehälter platziert, der aus mit Cadmium beschichtetem Aluminium besteht, so dass die Öffnung in der Kugel mit der Öffnung im Behälter übereinstimmt. Über diese Öffnung wird der Initiator eingeführt und anschließend wird die Öffnung mit einem Pfropfen aus Uran verschlossen.
Danach wird die mit Cadmium beschichtete Aluminiumkugel mit einem Pfropfen verschlossen, auf den der letzte Trinutrotoluol-Block gelegt wird. Ferner wird über die das Trinutrotoluol deckende Öffnung flüsiger Sauerstoff gepumpt. Danach ist die Bombe einsatzbereit.

Der Zünder der Bombe

Das Zünden der Bombe wird mit Hilfe einer Hochspannungsentladungsröhre ausgeführt.
Sie erzeugt einen Neutronenstrom, der den aktiven Stoff angreift. Im Prozess der Einwirkung des Neutronenstroms auf das Uran, aus dem Element 93 freigesetzt wird, der das Zustandekommen einer Kettenreaktion beschleunigt.
Ferner bringt die Sprengvorrichtung den Sprengstoff zur Explosion, worauf ein zum Zentrum gerichteter Schlag passiert, der durch die Explosion der äußeren Schicht des Trinutrotoluols in Mischung mit flüssigem Sauerstoff ausgelöst wird. Dies erlaubt das Uran über die kritische Masse zu bringen.
Vor der Zündung wird die Urankugel mit Gamma-Strahlen, der eine Energie von nicht mehr als 6 Mio. Volt besitzen, bestrahlt, was zu einer Steigerung seiner Sprengfähigkeit führen soll.

Fazit:

Ohne Zweifel führen die Deutschen Tests einer Bombe mit großer Zerstörungskraft durch.
Im Falle ihres erfolgreichen Tests und der Herstellung solcher Bomben in ausreichender Menge werden sie über eine Waffe verfügen, die in der Lage ist, unsere Offensive zu verlangsamen.“

Leiter der Hauptverwaltung der Militärischen Aufklärung

Generalleutnant Iljitshov

4 Exemplare:

Exemplar Nr. 1    Gen. Stalin

Exemplar Nr. 2    Gen. Molotov

Exemplar Nr. 3    Gen. Antonov

Exemplar Nr. 4    zu den Akten

16 Blätter

Quelle: Schreiben des Chefs der Hauptverwaltung für militärische Aufklärung, Generalleutnant Iwan I. Ilitshov, an den Chef des Generalstabes der Roten Armee, General Antonov, vom 23.3.1945, Verteiler: Stalin, Molotov, Antonov, Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation, Fonds 93, Abteilung 81 (45), Liste 37.

Dennoch berichtet der wissenschaftliche Leiter des sowjetischen Atomprojekts, Kurchatow, im März ‘45 an Stalin, er sei wegen der relativ geringen Sprengwirkung des beschriebenen Tests nicht ganz überzeugt, dass die Deutschen eine Atombombe wie auf dem Bauplan zündeten – sondern eher einen Vorläufer, ein Testmodell.“

Außerdem sind in der ZDF-Pressemappe die folgenden Zitate aus den Interviews zum Film enthalten:

„Prof. Wladimir Sacharow, Militärhistoriker, Lomonossow-Universität Moskau

Zu Schukow-Bericht:

„Sehr interessant ist eigentlich der Bericht des Marschalls Schukow an Stalin über das deutsche Atomprojekt…Das wichtigste ist doch meiner Meinung nach die Aussage, dass die Deutschen die deutsche Atombombe doch geschaffen haben.“

Zur Quellenlage:

„Ich kann drei Gruppen von neuen Quellen zu dem Thema nennen, die GRU-Berichte, in zweiter Linie Berichte des NKWD, in dritter Linie Dokumente aus dem Dienstarchiv des Atomministeriums der UDSSR,  dort gibt es sowohl Berichte der Aufklärungsdienste als auch Verhörprotokolle der deutschen Atomphysiker.“

Zur Rolle der SS:

„Bekannt ist, dass die überwiegende Mehrheit von den deutschen hochtechnologischen Projekten, die kriegswichtig waren, am Ende des Krieges unter die Kontrolle der SS gelangten, das hatte auch mit dem Attentat des 20. Juli zu tun. Es ging um das Raketenprojekt und selbstverständlich auch das Atomprojekt. Und hier ist die Rolle von SS-General Hans Kammler wichtig. Er war der einzige Akteur in dieser Geschichte, der die Raketentechnik mit der Atomwaffe zusammenbringen konnte.“

Dr. Matthias Uhl, Historiker, Deutsches Historisches Institut Moskau

Zu Schukow-Bericht:

„Der Schukow-Bericht versuchte auf der Grundlage der Informationen, die die Rote Armee in der sowjetischen besetzten Zone Deutschlands sammeln konnte nachzuweisen, welchen Kenntnisstand und vor allem Forschungsstand die deutschen Atomwissenschaftler haben. Auf der Grundlage der gesammelten Informationen kam man schließlich zu dem Schluss, die Deutschen hätten es tatsächlich bis zur Entwicklung einer Atomwaffe geschafft.“

Zur Frage der Kombination von nuklearer Waffe und Rakete:

„Man hatte ganz klar erkannt, dass ein konventioneller Sprengkopf den militärischen Erfordernissen nicht gerecht wird, deshalb versuchte man dafür entweder Chemiewaffen-Köpfe zu entwickeln oder aber man setzte dabei auf neue, nukleare Waffen, sowohl auf die Verunreinigung durch radioaktive Substanzen, aber dachte auch selber dann bereits, bestimmte nukleare Sprengköpfe auf die Spitzen der Raketen zu setzen, das bestätigen zahlreiche sowjetische Geheimdienstberichte.“

Zur Rolle von Hitlers „Geheimwaffenchef“ Hans Kammler:

„Kammler erhält von Hitler und Himmler schrittweise immer mehr Kompetenzen bei der Entwicklung von Geheimwaffen, so dass er schließlich zu einer zentralen Person in diesem Bereich wird“.

„Er war der Mann, der dafür die notwendigen Ressourcen bündelte, um diese Projekte noch zu einem erfolgreichen Abschluss bringen zu können.“

„Kammler verfügte über ein hohes Managertalent und war bereit, ein hohes Risiko einzugehen und für die Erreichung seiner Ziele über Leichen zu gehen“.

„Es ist anzunehmen, dass Kammler in Gusen (bei Linz) versuchte, ein Zentrum für die deutsche Geheimwaffenentwicklung zu schaffen, das zeigen seine Bemühungen, sowohl Raketentechnologie, Atomtechnologie als auch Flugzeugtechnologie in diesem Raum zu konzentrieren und unter seiner Führung dort zusammenzufassen.“

Sergej Lev Davidow, russischer Kernwaffenexperte, begleitete mehrere sowjetische Atomtests

Zum beigefügten deutschen Bomben-Bauplan der GRU-Berichte

„Mich hat sehr beeindruckt, wie kenntnisreich und qualifiziert das Dokument ist. Dies kann nicht von einem normalen Agenten stammen, nur von einer speziell ausgebildeten Person, die entsprechende Kenntnisse besitzt. Da ist alles so genau beschrieben, als würde es vom Erfinder der Bombe selber kommen.“

Dazu Matthias Uhl (zum Bomben-Bauplan)

„Wir wissen ganz genau, es ist eine bewährte, überprüfte Quelle gewesen. Diese Quelle hatte Zugang zu Bereichen der SS, die mit Waffenentwicklung im Atombombenbereich vertraut war.“

Prof. Mark Walker, Wissenschaftshistoriker, Universität Schenectady / New York

Zur Rolle der SS:

„Die SS versuchte in den letzten beiden Jahren des Krieges, die High-Tech-Waffenproduktion mit aller Macht unter ihre Kontrolle zu bringen. Das betraf selbstverständlich auch die Entwicklung nuklearer Waffen. Wissenschaftler versuchten unter der Führung der SS bis zum Kriegsende, solche neuartigen Waffen herzustellen.“

Zu einem weiteren Bombentyp (neben dem Konzept der Uranbombe):

„Es ist nicht ganz klar, was es war. Ein eigener Typ von nuklearen Waffen, an denen Wissenschaftler am Ende des Krieges arbeiteten. Es ging darum, mit höchstem explosivem Druck möglicherweise sogar Fusionsreaktionen hervorzurufen unter Einbeziehung von Kernspaltung.“

„Allerdings muss gesagt werden, dass es sich hier nicht um eine Waffe wie die Hiroshima-Bombe handelte. Diese Gruppe arbeitete eben an anderen Typen.“

„Ich bin jedoch skeptisch, dass das gelang und dass sie es tatsächlich geschafft haben.“

Zur Frage der Realisierung:

„Die Frage ist, ob so etwas unter äußerst schwierigen Bedingungen kurz vor Ende des Krieges von den Deutschen bewerkstelligt werden konnte. Das heißt nicht, dass man es nicht versucht hat. Und ich lege auf diese Unterscheidung Wert. Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln dass es Menschen gab, die alles taten, um an das Ziel zu gelangen.“

Dr. Rainer Karlsch, Wirtschafts- und Unternehmenshistoriker, Berlin

Zu Äußerungen Hitlers zur neuen Waffe:

„Als Ion Antonescu Hitler besuchte, standen sowjetische Truppen bereits an der rumänischen Grenze. Der rumänische Diktator wollte am liebsten aus diesem Krieg ausscheiden. Hitler hat alles versucht um ihn an seiner Seite zu halten und hat Antoniscu über neueste Waffenentwicklungen informiert. Er sprach von einer V3 und einer V4, von einer Vernichtungswaffe die im Umkreis von 2-3 km alles zerstören sollte. Wenn wir den Zerstörungsradius berücksichtigen, kann es nur eine nukleare Waffe gewesen sein oder eine große Kohlenstaubbombe mit gewaltiger Explosionskraft, auch an so einer Entwicklung wurde in Deutschland gearbeitet.“

Zu Berichten über Waffentest an die Amerikaner:

„Über den Test einer neuartigen deutschen Waffe in Thüringen ist nicht nur der sowjetischen Generalstab Ende März informiert worden, sondern auch der Oberkommandierende der amerikanischen Streitkräfte Eisenhower. Er erhielt den Report eines deutschen Offiziers der diesen Test gesehen hat. Eisenhower hat das Gebiet überfliegen lassen. Es ist allerdings nichts festgestellt worden.“

Und schließlich sind der ZDF-Pressemappe zur Dokumentation „Die Suche nach Hitlers „Atombombe““ Reaktionen von Historikern zu den unterirdischen Anlagen in Österreich zu entnehmen, die neue Forschungen in dieser Sache für erforderlich halten:

„Wirbel um ZDF-Recherchen zu NS-Unterwelt in Österreich: Historiker raten zu neuen Forschungen
(Gastbeitrag von Rainer Keplinger/ORF, Redaktion „Am Schauplatz“)

Bei Recherchen für die ZDF-Dokumentation „Die Suche nach Hitlers Bombe“ ist der österreichische Filmautor Andreas Sulzer auf bislang unbekannte Bildmaterialien, Dokumente und Zeitzeugenberichte gestoßen. Diese förderten Erstaunliches zutage: Die unterirdischen NS-Anlagen bei St. Georgen an der Gusen (bei Linz) sollen weitaus größere Ausmaße gehabt haben als bisher angenommen. Die schon bisher bekannte Rüstungsfabrik “B8 Bergkristall” war demnach nur ein Teil einer weitaus größeren NS-Anlage. Der Umstand, dass dort womöglich Geheimwaffen produziert wurden, ruft jetzt besorgte Bürger auf den Plan. Auf welchem Grund wurden Siedlungen errichtet, könnten Altlasten unter Tage zur Gefahr werden, besteht die Gefahr einer Kontaminierung des Bodens? So fragen sich viele.

In der internationalen Presse schlug die Nachricht über diese NS-Anlagen 2014 hohe Wellen. Denn schon seit Jahren gibt es Mutmaßungen über nukleare Forschungen der Nazis. Die Behörden in Oberösterreich reagierten auch prompt: Eine 16köpfige Kommission – bestehend aus Historikern, Archäologen, Vertretern des Innenministeriums und des Denkmalamtes – wurde beauftragt, die Fragen nach einem größeren Stollensystem und einer eventuellen Nuklearforschung  der Nazis zu klären. Ziel war die „objektive, fachlich fundierte, wissenschaftlich methodische sowie interdisziplinäre Evaluierung durch hochrangige Experten/innen“.  Drei Monate (!) nach der Einsetzung, Ende Januar 2015, trat die Kommission mit einer eindeutigen Botschaft an die Öffentlichkeit. Keine einzige Vermutung oder Annahme habe einer wissenschaftlichen Überprüfung standgehalten, hieß es, somit  bestehe auch kein Forschungsbedarf.

Erste Kritik an diesem Gutachten kam aus den Reihen des Gusen-Gedenkdienst-Komitees. Man bemängelte, dass keine internationalen Experten hinzugezogen worden seien und auch keine Mitarbeiter des Komitees.  Journalisten der ORF-Sendung „Am Schauplatz“ hinterfragten den „Expertenbericht“. Filmemacher Andreas Sulzer stellte der ORF-Redaktion die Ergebnisse seiner Recherchen zur Verfügung: Geheimdienstakten, geoelektrische Untersuchungen des Bodens sowie eine Einschätzung eines UNSCOM-Inspekteurs für ABC-Waffen lassen darauf schließen, dass ein großes Gebiet von St. Georgen/Gusen während des NS-Regimes unterminiert wurde. Sulzer war es auch, der außerhalb des bekannten Stollensystems graben ließ – und  tatsächlich stieß man auf zwei Bauwerke. Die Behörden in Österreich wiegelten ab. Bei den ausgegrabenen Betonstrukturen handle es sich lediglich um Überreste eines Lüftungsschachtes und um eine Aufzeigerdeckung eines Schießstandes.

Lieferungen von Substanzen in das Konzentrationslager Gusen, die anhand von „Wagenkontrollbüchern“ (Buchhaltung über Bahn-Lieferungen von und nach Gusen) nachvollzogen werden können, taten die Behörden in ihrem Bericht als irrelevant ab.  Zahlreiche Einträge weisen aber auf gelieferte Komponenten hin, die sowohl für eine nuklear- als auch eine raketentechnische Rüstung sprechen. Diese Indizien werden von Nuklear-Experten, Zeitzeugen und  Dokumenten gestützt. Die ORF Sendung “Am Schauplatz” hat die unterschiedlichen Positionen zu diesem Thema beleuchtet und u.a. auf Falschbehauptungen hingewiesen, mit dem die Behörden ihren Standpunkt zu untermauern suchten, wonach keine nukleartechnischen Aktivitäten in St. Georgen/Gusen nachzuweisen seien.

Eine überhöhte radioaktive Strahlung der Region im Stollenbereich verunsichert derzeit die Bevölkerung und weckt Befürchtungen. Nicht zuletzt deshalb, weil sich direkt neben dem Eingang zu „Bergkristall“  ein Brunnen befindet, der mehrere Gemeinden mit Trinkwasser versorgt. Über dem Normalbereich liegende Strahlenwerte würden von Radon-Gas ausgehen und seien natürlichen Ursprungs, versuchen Experten zu beruhigen. Schutzmaßnahmen hat man dennoch getroffen; ein Aufenthalt im Stollen darf nur kurze Zeit erfolgen.

Ein Bergbauspezialist aus Thüringen, dessen Unternehmen 2002 mit Arbeiten an der Sicherung der Anlage befasst war, versteht die Verharmlosung des Problems nicht, er hat andere Erfahrungen gemacht: „Wir haben damals selbstständig Strahlenmessungen durchgeführt und waren erschrocken über die Höhe der Strahlenbelastung – und haben dann zum Schutz unserer Mitarbeiter, mitunter gegen die Meinung der Auftraggeberschaft, wettertechnische Maßnahmen ergriffen, um die Belastung durch Strahlung auszudünnen.”

Die Diskussion um die NS-Stollen wurde und wird in Österreich durchaus kontrovers, emotional und teilweise auch aggressiv geführt. Den Stein ins Rollen und Licht in die Sache zu bringen – dazu haben der ORF mit seiner Sendung sowie die ZDF-Recherchen beigetragen. Nur vorzunehmende wissenschaftlich/historische Untersuchungen werden letztendlich Klarheit schaffen.

 „Atomwaffen werden wir in dieser unterirdischen Welt sicher nicht finden, aber es ist möglich, dass wir hier ein Tor aufstoßen, von dem noch niemand weiß, was uns dort erwartet“, sagt der Kriegsfolgenforscher Prof. Stefan Karner. Er und auch renommierte Historiker  wie Prof. Wladimir Sacharow, Dr. Matthias Uhl, Prof. Mark Walker und Dr. Rainer Karlsch empfehlen ein wissenschaftliches Projekt mit internationalen Experten, in dem der Gesamtkomplex „Bergkristall“ neu aufgearbeitet wird.“

Uran-Verein: Bohr-Briefe an Heisenberg im Internet veröffentlicht (Februar 2002)

Uran-Verein: Bohr-Briefe an Heisenberg im Internet veröffentlicht
Diskussion um Rolle deutscher Physiker bei der Entwicklung der Atombombe für die Nazis neu entfacht

B.O.A.-NACHRICHTEN last update: boa München, Fr. 08.02.2002 – 14:00

Nach Darstellung des dänischen Atomphysikers Niels Bohr glaubte der deutsche
Physiker Heisenberg an den Sieg der Natioalsozialisten mit Atomwaffen.
Der deutsche Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker widerspricht.
Heisenberg und Weizsäcker hatten für das NS-Regime am deutschen
Atom-Projekt „Uran-Verein“ mitgewirkt.
Das Uran-Projekt
Farm Hall
Dr. Heisenberg – oder wie er vielleicht doch lernte, die Bombe zu lieben
Zwei Genies und die Bombe.
Bücher über Werner Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis.

 

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Bohr-Briefe an Heisenberg veröffentlicht

Bericht über Treffen beider Physiker zu Atomwaffenplänen der Nationalsozialisten

Fr. 08.02.02 – Der Streit um die Rolle der deutschen Physiker Werner Heisenberg (1901-1976) und Carl Friedrich von Weizsäcker während der NS-Zeit ist neu entbrannt. Auslöser sind bislang unveröffentlichte Dokumente des dänischen Atomphysikers Niels Bohr. Die beiden Deutschen sollen 1941 bei einem Treffen im damals besetzten Kopenhagen versucht haben, Bohr von der Unausweichlichkeit eines deutschen Sieges durch noch zu entwickelnde Atombomben im Zweiten Weltkrieg zu überzeugen.

Insgesamt elf Brief- und Textentwürfe des 1962 gestorbenen Bohr wurden am Mittwoch im Internet veröffentlicht. In einem 1957 oder 1958 abgefassten, aber nie abgeschickten Brief an Heisenberg schrieb Bohr: „Es hat großen Eindruck auf mich (…) gemacht, dass du und Weizsäcker eure sehr entschiedene Überzeugung zum Ausdruck gebracht habt, dass Deutschland siegen würde und es deshalb dumm von uns anderen sei, weiter auf einen anderen Ausgang zu hoffen.“

Zu den für Bohr vorher völlig unbekannten Anstrengungen Deutschlands zum Bau einer Atombombe hieß es in dem Briefentwurf: „Du sprachst in vagen Wendungen, die mir den klaren Eindruck vermitteln mussten, dass man in Deutschland unter deiner Leitung alles tat, um eine Atombombe zu entwickeln. Und dass wir nicht über Detailssprechen bräuchten, weil du so stark daran beteiligt gewesen seist und dich in den vergangen zwei Jahren mit nichts anderem beschäftigt hättest.“

Der 89-Jährige von Weizsäcker widersprach der Darstellung Bohrs. Der am Starnberger See lebende Bruder des Ex-Bundespräsidenten sagte: „Bohr ist in seiner Erinnerung einem tiefen Irrtum erlegen.“ Im September 1941 hätten Heisenberg, er selbst und andere ihre Arbeit an einer deutschen Atombombe schon ergebnislos eingestellt. „Wir waren darüber froh, denn vorher hatten wir Angst, dass wir sie für ein Scheusal wie Hitler bauen würden“, sagte er.

In Wirklichkeit soll Heisenberg den damals weltberühmten Bohr dazu bewegen haben wollen, auch die USA und Großbritannien zu einem Verzicht auf die Entwicklung vonAtomwaffen zu bewegen. „Davon wollte Bohr nichts wissen, und er hat das Gespräch sehr brüsk beendet“, erklärte von Weizsäcker. Auch Heisenberg hatte den von Bohr behaupteten Gesprächsverlauf nach Kriegsende stets bestritten und erklärt, er habe seinen Ex-Lehrer und väterlichen Freund vor allem warnen wollen.

Bohr hat den Brief geschrieben, nachdem er die dänische Übersetzung des deutschen Buchs „Heller als 1000 Sonnen“ von Robert Jungk mit der von seiner Erinnerung abweichenden Darstellung des Treffens durch Heisenberg gelesen hatte. Jungk hatte in seinem 1956 erschienenen Bestseller berichtet, Heisenberg habe Bohr zum inneren Widerstand gegen den Bau der Atombombe bewegen wollen – eine Version der Ereignisse, die noch dem Buch „Heisenberg’s War“ (1993) von Thomas Powers zu Grunde liegt. Und dieses wiederum lieferte den Stoff für das Theaterstück „Kopenhagen“ (1998) von Michael Frayn, einen Welterfolg, in dem die Geister von Niels Bohr, seiner Frau Margarethe und Werner Heisenberg darüber diskutieren, was an jenem Tag tatsächlich geschehen ist.

Den Anlass zur Veröffentlichung der elf Dokumente hatte das Drama von Michael Frayn und die darauf folgende wissenschaftshistorische Debatte gegeben. Sieht Michael Frayn sich jetzt widerlegt? „Für Bohr wie für Heisenberg muss dieses Treffen wie ein Albtraum gewesen sein, mit dem sie sich immer wieder beschäftigt haben, sagt er der Süddeutschen Zeitung. „Es ist nicht verwunderlich, dass dabei am Ende zwei Varianten entstehen.“ Niels Bohr floh 1943 über England in die Vereinigten Staaten. Für deren Atomprogramm ist er kaum noch nützlich gewesen.

Die Dokumente sind in Dänisch, in einem Fall in Deutsch, sowie generell in englischer Übersetzung im Internet abrufbar unter: http://www.nbi.dk/NBA/papers/docs/cover.html
Hinweise auf die Spekulation, dass Heisenberg seinen früheren Lehrer Bohr zu einer Mitarbeit am deutschen Atombombenprojekt „Uran-Verein“ überreden wollte, geben die Dokumente allerdings nicht.

„…Wie du aus unseren Unterhaltungen in den ersten Jahren nach dem Krieg weißt, haben wir hier einen ziemlich anderen Eindruck von dem, was während dieses Besuchs geschah, als du es in Jungks Buch beschrieben hast…

…Es musste mich sehr stark beeindrucken, dass du gleich am Anfang behauptetest, du seist sicher, der Krieg werde mit Atomwaffen entschieden, wenn er nur lange genug dauere. Ich wusste zu dieser zeit überhaupt nichts von den Vorbereitungen, die in England und Amerika liefen. Als ich vielleicht ein bisschen zweifelnd schaute, fügtest du hinzu, ich müsse einsehen, dass du dich in den vergangenen Jahren nahezu ausschließlich mit dieser Frage beschäftigt hättest und nicht daran zweifeltest, dass sie (die Atombombe, Anm. d.Red.) gebaut werden könne. Deshalb ist es ziemlich unverständlich für mich, dass du denken könntest, du hättest mir einen Hinweis darauf gegeben, dass die deutschen Physiker alles tun würden, um so eine Anwendung der Atomforschung zu verhindern.“

Auszüge aus einem der jetzt veröffentlichten Briefe
von Bohr an Heisenberg (vom 26.März 1962)

 

„…Wir wussten also, dass man grundsätzlich Atombomben machen kann, haben aber den dazu nötigen technischen Aufwand eher für noch größer gehalten, als er dann tatsächlich war. Diese Situation schien uns eine besonders günstige Voraussetzung dafür, dass Physiker Einfluss auf das weitere Geschehen nehmen konnten. Denn wäre die Herstellung von Atombomben unmöglich gewesen, so wäre das Problem gar nicht entstanden; wäre sie aber leicht möglich gewesen, so hätten Physiker sicher die produktion nicht verhindern können … In dieser Lage glaubten wir, dass dieses Gespräch mit Bohr nützlich sein könne…“

Auszüge aus dem Brief von Heisenberg
an den Journalisten Robert Jungk (1958 publiziert)

 

„Er sagte mir hinterher, dass er mit falschen Vorstellungen dorthin gefahren sei. Er rechnete nicht damit, dass Bohr angesichts der deutschen Bedrohung Angst um sein Leben haben könnte und mißtrauisch gegenüber jedem Gast aus Deutschland war. Heisenberg hatte in dem Gespräch angedeutet, „wir bauen einen Reaktor“, und er signalisierte dabei nur – denn aussprechen konnte er das ja wegen der Gefahr des Geheimnisverrates nicht -, dass man nicht plante, eine Bombe zu bauen. Als Borh darauf einwand, die Kettenreaktion funktioniere doch gar nicht, und Heissenberg entgegnete, er sei überzeugt, dass es doch funktioniere, war klar wie unterschiedlich die Auffassungen der beiden über die Machbarkeit der Bombe waren. Bohr war total außer sich.“

(Hans-Peter Dürr gegenüber der FAZ, 12.02.02. Der Physiker Dürr ist Träger des alternativen Nobelpreises und einer der profiliertesten Kritiker der Atomindustrie. Dürr kam 1958 an das Göttinger Max-Planck-Institut für Physik zu Heisenberg, wo er bis zu dessen Tod im Jahre 1976 als einer der engsten Vertrauten Heisenbergs tätig war.)

 

„…Man erfährt zum ersten Mal explizit Bohrs Einschätzung über das Gespräch. Dass es damals den Anschein hatte, als ob Heisenberg und sein Reisebegleiter Carl Friedrich von Weizsäcker fest von einem Sieg Nazideutschlands überzeugt seien und dass Bohr nicht den Eindruck hatte, die deutschen Wissenschaftler wollten den Bau der Atombombe verhindern, wusste man bisher nur aus den Berichten von Bohrs Institutsmitarbeitern und seinem Sohn Aage. Direkt aus Bohrs Feder bekommt die Aussage nun größere Autorität. Gleichzeitig belegen die Schriftstücke, wie intensiv sich Bohr bis fast zu seinem Tod mit dem Gespräch und damit auch mit seiner Beziehung zu Heisenberg auseinander gesetzt hat…

…Er (Heisenberg, Anm. d.Red.) war kein Nazi. Aber er war der Chef eines der größten Forschungsvorhaben im Dritten Reich, nämlich des Uran-Projekts. Insofern galt er im Ausland als Repräsentant des Regimes auf dem Gebiet der Physik. Und als solcher wurde er auch in Dänemark wahrgenommen…

…(Bohrs Briefe) bestätigen zumindest, dass Heisenberg kein strahlender Widerstandskämpfer und keine moralische Instanz im Dritten Reich war. Er hat vielmehr seine Kompromisse mit den damaligen Machthabern geschlossen und vielfach opportunistisch gehandelt…

…Physiker verhalten sich, gutwillig ausgedrückt, in politische Dingen oft sehr naiv. Und sie sind meist so eng mit ihrer Wissenschaftswelt verhaftet, dass sie die politische Dimension ihres Tuns nicht wahrnehmen wollen. Das ist im Übrigen kein alleiniges Problem der Physik, sondern ein allgemeines Problem von geistigen und technokratischen Eliten, und zwar bis heute.“

Auszüge aus dem Interview mit dem Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann in der Wochenzeitung „Die Woche“(15.02.02). .

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Das Uran-Projekt

Das Uran-Projekt des „Dritten Reiches“ stand unter Aufsicht des Heereswaffenamtes, das einigen Dutzend Wissenschaftlern die Aufgabe übertrug, das wirtschaftliche und militärische Potential der Kernspaltung zu untersuchen, die Ende 1938 von Otto Hahn und Fritz Straßmann entdeckt worden, und danach durch ihre frühere Kollegin Lise Meitner theoretisch erläutert worden war.

Während des Blitzkrieges von September 1939 bis zu den letzten Monaten des Jahres 1941 kamen die deutschen Wissenschaftler, die gemeinsam am Uran-Projekt arbeiteten, zu dem Schluß, das nukleare Sprengstoffe in Form von reinem 238Uran und Plutonium durch Isotopentrennung beziehungsweise einen Nuklearreaktor erzeugt werden könnten.

Sobald die Beteiligten am Uran-Projekt zu wichtigen Ergebnissen gelangt waren, teilten sie diese dem Heereswaffenamt mit und betonten zugleich die Relevanz der Ergebnisse im Hinblick auf die Herstellung atomarer Waffen. Werner Heisenberg hatte z. B. gegen Ende des Jahres 1939 dem Heereswaffenamt mitgeteilt, daß isotopisches 235Uran ein starker atomarer Sprengstoff wäre. Im Sommer 1940 meldete Carl Friedrich von Weizsäcker an die gleiche Stelle, daß ein spaltbares transuranisches Element (welches die Deutschen in der Folge als Plutonium erkannten) in einem Atomreaktor erzeugt werden könne. Zu einem späteren Zeitpunkt des gleichen Jahres bezog Otto Hahn sich auf die militärische Bedeutung der Arbeit von Weizsäckers, als er dem Heer deutlich machte, daß die Erforschung transuranischer Elemente in seinem Institut Unterstützung verdiente.

Im Januar 1942 fragte das Heereswaffenamt die Wissenschaftler des Projektes zum ersten und letzten Mal, ob Atomwaffen realisierbar seien und wann mit ihnen zu rechnen sei. Die Wissenschaftler stimmten zu, daß Atomwaffen erzeugt werden könnten, daß dies aber mindestens einige Jahre in Anspruch nehmen würde.

Der Leiter der Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes Erich Schumann kam zu dem berechtigten Schluß, daß die Nuklearforschung für den Krieg, den Deutschland führte, irrelevant war und gab das Uran-Projekt in zivile Hände.

Die Arbeit wurde im Labor von etwa fünfzig vollzeit- oder teilzeitbeschäftigten Forschern fortgeführt; man untersuchte alle Aspekte der angewandten Kernspaltung. Diese Wissenschaftler waren insbesondere bemüht, die beiden starken nuklearen Sprengstoffe 235Uran und Plutonium zu analysieren und zu erzeugen.

Obwohl die Deutschen weiterhin sehr hart an Atomreaktoren und der Isotopentrennung arbeiteten, konnten sie erst am Ende des Krieges die Ergebnisse vorweisen, zu denen Amerikaner und Briten bereits im Sommer 1942 gelangt waren. Die deutschen Wissenschaftler betonten gegenüber dem nationalsozialistischen Staat auch weiterhin den militärischen Aspekt ihrer Arbeit.

Paul Harteck versuchte 1942 das Heereswaffenamt zu überzeugen, daß die Erforschung der Isotopentrennung mehr Unterstützung verdiene, da sie die besten Aussichten auf die Erzeugung nuklearer Sprengstoffe böte. Im Februar desselben Jahres hielt Werner Heisenberg einen berühmten Vortrag über „Die theoretische Grundlage für die Energieerzeugung durch Uranspaltung“ vor einem Publikum führender Vertreter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, der Staatsbürokratie, der Streitkräfte und der deutschen Industrie. Einerseits teilte Heisenberg dem Publikum mit, daß 235Uran und Plutonium nukleare Sprengstoffe mit einer „vollkommen unvorstellbaren Wirkung“ seien, auf der anderen Seite betonte der Physiker jedoch, daß die Gewinnung dieser Sprengstoffe sehr schwierig sei und daß noch viel Arbeit vor ihnen liege.

Die Mitarbeiter des Uran-Projektes ließen die Arbeit an diesen Stoffen nie ruhen. Als sich jedoch mit fortschreitender Zeit die Lage der Deutschen im Krieg verschlechterte, wurde die militärische Nutzung der Kernspaltung nicht mehr in der Öffentlichkeit diskutiert.

Bei Kriegsende wurden die meisten dieser Wissenschaftler verhaftet und von der Alsos-Mission verhört, einer wissenschaftlichen Geheimdiensttruppe der amerikanischen Streitkräfte. Ironischerweise glaubten die Deutschen, daß ihre Errungenschaft – die vollständige Trennung kleinster Mengen von 235Uran und ein Atomreaktor bestehend aus natürlichem Uran und schwerem Wasser, welche fast kritisch wurde (d.h. er ermöglichte beinahe eine Atomspaltungskettenreaktion und hielt diese aufrecht) – die Alliierten überflügelt hätte.

Die deutschen Wissenschaftler änderten abrupt ihre Meinung, als die Nachricht des Angriffs auf Hiroshima enthüllte, daß die Amerikaner Atomwaffen gebaut und eingesetzt hatten. Zehn dieser Wissenschaftler waren in England interniert. Sie wollten die Nachricht zunächst nicht glauben. Sogar nachdem sie überzeugt waren, daß die Amerikaner eine Atombombe gebaut hatten, hielten die Deutschen in Farm Hall untereinander an ihrer Argumentation fest, daß einige Aspekte ihrer Arbeit der Arbeit der Amerikaner überlegen sein könnten.

Nach und nach, als immer mehr Informationen über das amerikanische Projekt zu ihnen durchdrangen, mußten sie zugeben, daß die Amerikaner sie übertroffen hatten. (Quelle: Mark Walker – Das Uran-Projekt http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-95/9521401m.htm ; in „Der Griff nach dem atomaren Feuer. Die Wissenschaft 50 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki“. Herausgegeben von U. Albrecht, U. Beisiegel, R. Braun und W. Buckel, Frankfurt a.M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1995. )

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Carl Friedrich von Weizsäcker
widerspricht Darstellung Bohrs

Fr. 08.02.02 – Carl Friedrich von Weizsäcker widerspricht vehement der Darstellung Bohrs in einem Interview der Süddeutschen Zeitung: Er sei mit Heisenberg in gleichsam diplomatischer Mission nach Kopenhagen gefahren. Man habe Bohr davon überzeugen wollen, dass die Deutschen in absehbarer Zeit nicht in der Lage sein würden, sich mit Atombomben zu bewaffnen. Gemeinsam müsse man nun dafür sorgen, dass der Krieg mit konventionellen Waffen beendet werde. „Bohr hat nicht verstanden, was Heisenberg wollte“, sagt Weizsäcker.

Mehr unter:
http://www.sueddeutsche.de/aktuell/sz/artikel120515.php

„Neben Max Planck und Otto Hahn gehörte Werner Heisenberg zu den wenigen renommierten Physikern, die im Nazi-Deutschland blieben, obwohl er wiederholt Angebote hatte ins Ausland zu gehen – weil er sein Land nicht im Stich lassen wollte, wie er sagte. Doch statt sich zu verkriechen und Integrale zu lösen, wurde er bereitwillig Leiter des deutschen Uran-Projekts und bereiste auch als Repräsentant der „Deutschen Kultur“ die okkupierten Gebiete. Heisenberg war mit Sicherheit kein Nazi, aber er war auch nicht der Widerstandskämpfer, zu dem ihn Robert Jungk stilisiert hat – ohne dass Heisenberg dagegen protestiert hätte. Die antisemitische Propaganda der Nazis hat ihn verstört, aber seine Reaktion war nur „akademisch“, wie es der Berliner Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann nennt. In Farm Hall zeigte er sich über die Nachricht von Hiroshima schockiert, weniger wegen politischer Konsequenzen oder menschlicher Tragödien, sondern vielmehr weil ein anderes Team als sein eigenes es geschafft hatte, die Bombe zu bauen.“ Jeanne Rubner in der Süddeutschen Zeitung vom 11.02.02.

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„Vor 16 Stunden hat ein amerikanisches Flugzeug über Hiroschima, einer wichtigen japanischen Militärbasis, eine Bombe abgeworfen. Sie hatte eine Sprengkraft von mehr als 20.000 Tonnen TNT.“

Mit diesen Worten trug der Pressesprecher des Weißen Hauses am 6. August 1945 um 10.45 Uhr in Washington die offizielle Verlautbarung seines Präsidenten Harry S. Truman vor.

Die ersten Reporter stürzten schon zum Ausgang, als der Sprecher weiterlas: „Es handelt sich um eine Atombombe. Sie verkörpert die Nutzbarmachung der elementaren Kräfte des Universums.“ (…)

Am selben Tag auf Farm Hall, einem großen Landsitz in der Nähe von Cambridge in England: Der Berliner Chemiker Otto Hahn, Entdecker der Kernspaltung, war hier zusammen mit den führenden Atomforschern Deutschlands interniert. Es war um die Abendessenszeit, als der britische Major, der die Gruppe betreute, mit einer Flasche Gin in der Hand bei Hahn anklopfte und ihm vom Atombomben-Abwurf über Hiroschima berichtete.

„Ich wollte es nicht glauben“, schrieb Hahn in sein Tagebuch. Er war „unglaublich geschockt und niedergeschlagen“. Der Tod so vieler „unschuldiger Frauen und Kinder war kaum zu ertragen“.

Hahn stärkte sich mit einem Gin, bevor er zum Abendessen ging, wo der Major den anderen die Nachricht überbrachte. Im Mittelpunkt der folgenden erregten Diskussion stand der Nobelpreisträger Werner Heisenberg, Leiter der ruhmlosen deutschen Bemühungen, eine Atombombe zu bauen.

Hahn: „Wenn die Amerikaner eine Uranbombe haben, dann seid ihr alle zweitklassig. Armer alter Heisenberg!“

Heisenberg: „Haben sie das Wort Uran gebraucht?“

Hahn: „Nein.“

Heisenberg: „Dann hat es auch nichts mit Atomen zu tun . . .“

Stundenlang stritten die Wissenschaftler über Ethik und Machbarkeit der Atombombe, nannten sie „entsetzlich“ und „irrsinnig“. Sie kamen nicht darauf, wie die Amerikaner die technischen Probleme gelöst haben könnten, an denen sie gescheitert waren.

Hahn empfahl zum Abschluß der Debatte, darauf zu wetten, daß alles ein großer Bluff der Amerikaner sei. Er selbst schien davon nicht überzeugt. Er wirkte so verstört, daß Heisenberg und die anderen fürchteten, er könne sich das Leben nehmen.

Heisenberg äußerte später harsche Selbstkritik: „Eine Schande, daß wir, die Professoren, die daran gearbeitet haben, nicht einmal dahintergekommen sind, wie sie es gemacht haben.“ (Quelle:http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,169627,00.html )

Operation Epsilon : The Farm Hall Transcripts:
http://www.amazon.com/exec/obidos/ASIN/0520084993/theatomicarchive

Auszug des Farm Hall Transcripts:
http://www.atomicarchive.com/Docs/Farmhall.shtml

Deutsche Physiker haben während ihrer Internierung im englischen Landhaus Farm Hall behauptet, sie hätten die Entwicklung der Atombombe bewusst verzögert. Dazu der Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann: „Das ist reiner Mythos. Alle Fakten sprechen dagegen.“

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Dr. Heisenberg – oder wie er vielleicht doch lernte, die Bombe zu lieben

Zur Begegnung zwischen Niels Bohr und Werner Heisenberg gibt es bei „telepolis“ einen ausführlichen Beitrag von Goedart Palm.
Im Internet abrufbar unter:
http://www.heise.de//tp/deutsch/inhalt/lis/11574/1.html

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„Mehr Wahrheiten über Herrn H.“

Bücher über den deutschen Physiker Werner Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis

1. Jorge Volpi – „Das Klingsor-Paradox“

Deutschland, im Mai 1945: In der Universitätsstadt Heidelberg trifft der holländische Physiker Samuel I. Goudsmit auf den deutschen Physiker Werner Heisenberg. Dem amerikanischen Leutnant Francis Bacon erzählt Goudsmit hinterher, er habe Heisenberg das gleiche Angebot wie bei ihrer letzten Begegnung gemacht: Er habe ihn eingeladen, in den USA zu arbeiten. Heisenberg habe abgelehnt – wie damals. „Mit diesem typisch deutschen Ausdruck der Überlegenheit hat er nur gesagt: ,Nein, ich möchte nicht fortgehen. Deutschland braucht mich.‘ “

So schildert der mexikanische Schriftsteller Jorge Volpi in seinem Roman „Das Klingsor-Paradox“ die erste Begegnung der ehemaligen Kollegen Goudsmit und Heisenberg nach dem Krieg.

Samuel Goudsmit leitete damals die wissenschaftliche Abteilung der britisch-amerikanischen Alsos-Mission, die den Stand der deutschen Atomforschung in Erfahrung bringen sollte. In den letzten Wochen des Krieges bestand das oberste Ziel der Alsos-Mission darin, die zehn Wissenschaftler, die mit dem deutschen Atomprojekt in Verbindung standen, festzunehmen, bevor sie den Russen oder den Franzosen in die Hände fielen.

Mit der Verhaftung der deutschen Wissenschaftler, die im so genannten Uranverein während der Nazizeit über die wirtschaftliche Nutzung der Atomenergie forschten, wurde dieses Stück Wissenschaftsgeschichte zum Krimi. Die Engländer internierten die Deutschen in Farm Hall, einem Gebäude des britischen Geheimdienstes, das mit Wanzen gespickt war. Sechs Monate lang wurden die Gespräche der Wissenschaftler aufgezeichnet. Amerikaner und Briten wollten vor allem Klarheit darüber erlangen, ob die Deutschen noch irgendwo Forschungsmaterial versteckt hielten und ob die Wissenschaftler nach ihrer Freilassung vorhatten, für die Russen zu arbeiten. Bis Anfang der Neunziger hielten die Briten die aufschlussreichen Protokolle dieser Überwachungsaktion vor der Öffentlichkeit geheim.

Doch auch nach Veröffentlichung der Protokolle ist Heisenbergs Rolle in der Atomforschung im Dritten Reich immer noch unklar.

Jorge Volpi: „Das Klingsor-Paradox“. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Klett-Cotta, Stuttgart 2001, 510 Seiten

2. Michael Frayn – „Kopenhagen“

Viel ist darüber gemutmaßt worden, warum Heisenberg im September 1941 seinen väterlichen Freund Niels Bohr in dessen Kopenhagener Institut aufsuchte. Wollte er Bohr etwa für eine Zusammenarbeit mit den Deutschen gewinnen? Wollte er ihn aushorchen? Wollte er ihn warnen? Fest steht, dass es zwischen den beiden zum Streit kam und dass die Kränkung so tief saß, dass sie sich auch nach Kriegsende nicht mehr beseitigen ließ. Amerikanische, englische und deutsche Wissenschaftshistoriker haben unzählige Hypothesen über das Treffen entwickelt, die sich auch in Volpis Roman widerspiegeln. Der britische Dramatiker Michael Frayn hat aus dieser Begegnung ein Aufsehen erregendes Theaterstück gemacht, das zusammen mit zwölf Aufsätzen von Wissenschaftshistorikern in einem Buch herauskam.

Michael Frayn: „Kopenhagen“. Wallstein Verlag, Göttingen 2001, 270 Seiten

3. Paul Lawrence Rose – „Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis“:

Nach dem Krieg mussten Heisenberg und seine Kollegen sich nicht nur dafür rechtfertigen, dass sie während des Nationalsozialismus in Deutschland geblieben waren; sie mussten auch eine plausible Erklärung dafür finden, warum es ihnen, die als die besten Physiker der Welt galten, im Gegensatz zu den Amerikanern und Briten nicht gelungen war, die Bombe zu bauen. In den Farm-Hall-Protokollen findet sich, wenige Stunden nachdem die Internierten vom Atombombenabwurf auf Hiroschima erfahren haben, eine zynische Bemerkung von Otto Hahn: „Falls die Amerikaner eine Uranbombe haben, seid ihr alle zweitklassig.“ Vor diesem Hintergrund wird alles, was die Wissenschaftler nach dem Krieg über ihre Tätigkeit im Uranverein sagten und schrieben, zu einem vielfach interpretierbaren Text. So entstand auch die (von Heisenberg beförderte) von Robert Jungk in dem Buch „Heller als tausend Sonnen“ verbreitete Lesart, Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker hätten den Bau der Bombe mit falschen Berechnungen sabotiert.

Verklärte Jungk ihn zum heimlichen Widerstandskämpfer, so beschreibt ihn der Amerikaner Paul Lawrence Rose in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch „Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis“ als überheblichen „typisch deutschen“ Wissenschaftler und als Repräsentant der „tiefsinnigen deutschen Kultur“. Aus reiner Arroganz, so Rose, sei Heisenberg am Bau der Bombe gescheitert und habe daher im Nachhinein versucht, sich als von moralischen Überlegungen geleitet darzustellen.

Jungk hat seine Heisenberg-Legende später revidiert.

Paul Lawrence Rose: „Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis“. Aus dem Englischen von Angelika Beck. pendo Verlag, Zürich 2001, 500 Seiten, 58 Mark

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Zwei Genies und die Bombe

„Er hat es immer und immer wieder erklärt, und jedes Mal wurde es noch undurchschaubarer.“

Margarethe Bohr in Michael Frayns Theaterstück „Copenhagen“ über den deutschen Atomphysiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg.

Irgendwann zwischen Nachmittag und frühem Abend gehen in Kopenhagen zwei bedeutende Wissenschaftler miteinander spazieren. Sie durchwandern – vermutlich am 16. September 1941 – den zur Carlsberg-Brauerei gehörenden, von mächtigen Platanen, japanischen Gingkos und dichten ungarischen Silberlinden gesäumten weitläufigen Faelled-Park.

Das Gelände umschließt ein elegantes klassizistisches Schloss, ein so genanntes „Haus der Ehre“, das der allerorten gefeierte „Papst“ der Atom- und Elementarteilchen-Physik, der damals 55jährige Niels Bohr, bewohnt. Er hat Besuch von seinem ehedem besten Schüler, Werner Heisenberg, 39, aus Berlin…

Weiter unter:
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,92601,00.html

 

Das Treffen von Heisenberg und Bohr in Kopenhagen 1941 ist der Aufhänger für die Frage nach dem Verhalten der intellektuellen Elite in einem Unrechtregime – und nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Moral- Die Süddeutsche Zeitung sammelt Beiträge zu dieser Debatte auf der Webseite http://www.sueddeutsche.de/kopenhagen

 

(Quellen: ap, mdr, sz, telepolis, taz, dw, boa-archiv)
 


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Atommülllager ASSE: Strahlenschrott aus der Nazizeit und militärisches Erbe?

ASSE-RoWoAktion-Sylverster2011-001Liegt im absaufenden Atomlager ASSE auch das radioaktive Erbe aus der Nazizeit? Im Juli 2011 berichteten zahlreiche Medien: „Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ vom 29. Juli 1974 zitiert den damaligen stellvertretenden Asse-Betriebsleiter Alwin Urff mit den Worten: „Als wir 1967 mit der Einlagerung begannen, hat unsere Gesellschaft als erstes radioaktive Abfälle aus dem letzten Krieg versenkt, jene Uranabfälle, die bei der Vorbereitung der deutschen Atombomben anfielen“, sagte Urff. „Die mussten wir nämlich aus Betonbunkern in der Nähe von München herausholen, wo sie seinerzeit deponiert worden waren, weil man damals ja nicht wusste, wo in drei Teufels Namen man das Zeug denn lassen sollte.““ (zitiert nach Verivox, dpad)

Ob das zutreffend ist, ist bis heute unklar. Auch im Abschlussbericht des Parlamentarischen Untersuchungsberichts zur ASSE gibt es keine weitere Aufklärung. Die Euratom habe jede Zusammenarbeit zur Aufklärung verweigert, teilen die Grünen im niedersächsichsen Landtag dazu mit (siehe unten).

Doch der Verdacht, dass der Nazi-Atommüll in der ASSE gelandet sein könnte, führt dazu, dass die Grünen im Abschlussbericht zur ASSE auf die „Kernspaltung in Nazideutschland“ und die militärischen Ambitionen der Nachkriegsregierungen in der Bundesrepublik sowie die in Deutschland im Einsatz befindlichen atomaren Sprengköpfe der USA eingehen.

Dabei werfen sie auch die Frage auf, ob die ASSE möglicherweise zur Lagerung und Wartung von atomaren Sprengköpfen mit kurzer Reichweite genutzt wurde? In dem Bericht heißt es: Im Jahr 1967 verfügte das US-Militär über 31.255 atomare Sprengköpfe. (322) Nur für einen kleineren Teil gab es weit reichende Trägerwaffen. Ein Teil dieser Sprengköpfe dürfte in der Nähe des „eisernen Vorhangs“ zum Einsatz mit Kurzstreckenraketen, Geschützen, Minen und kleineren “taktischen” Raketenwerfern vorgehalten, gelagert bzw. gewartet worden sein. (323)

Ob bei der Auswahl des Bergwerks die Lage der Asse in der Nähe der deutsch-deutschen Grenze eine Rolle gespielt hat, ist unbekannt. Dass militärische Forschung in der Asse betrieben worden wäre, „ist keinem ehemaligen IfT-Mitarbeiter bekannt“, heißt es von Seiten des Bundesforschungsministeriums. Ein eindeutiges Dementi klingt anders.

Der Historiker Detlef Möller dokumentiert ein Schreiben des ehemaligen Leiters der Asse an das Bundesschatzamt, heute Bundesfinanzministerium, wo es heißt: „Wir wissen, dass es Bedenken gibt die Asse zu nutzen, aber Sie wissen auch, das es höchst gewichtige Gründe gibt, sie trotzdem zu nutzen.“ (324)

Von welchen „höchstgewichtigen Gründen“ die Rede war ergibt sich aus den vorliegenden Quellen nicht. Einen weiteren Hinweis auf bislang nicht bekannte Funktionen der Asse birgt ein Artikel von Prof. Gerhard Richter-Bernburg, Präsident der BfB (Bundesanstalt für Bodenforschung), der 1977 in Bezug auf die Asse von Endlagerung radioaktiver Abfälle und von der „Zwischenlagerung von zeitweilig aus dem Produktionsgang genommenem Material hoher Aktivität“ (325) sprach.“ (Quelle siehe unten)

Es bleiben Fragen.

Der Focus berichtete bereits im Sommer 2011: „Die dem BfS vorliegenden Unterlagen schließen eine Einlagerung von Atommüll aus der NS-Zeit zumindest nicht aus. Aus der Dokumentation, die der bis Ende 2008 verantwortliche Asse-Betreiber „Helmholtz Zentrum München“ dem BfS übergeben habe, gehe in der Regel nicht hervor, wo und warum eingelagerte Abfälle entstanden seien. „Fakt ist, dass in der Asse auch Uran eingelagert wurde“, sagte BfS-Sprecher Nording weiter.“

Nazi-Atommüll im Meer versenkt?

Eine bemerkenswerte Interpretation der Äußerungen von Urff liefert laut Verivox,dpad ein Strahlenschutzexperte, der namentlich nicht genannt werden will. Demnach „hat Urff mit seiner Aussage nicht gemeint, dass der Müll in das Bergwerk gebracht wurde. Vielmehr habe er ausdrücken wollen, dass die alten Uranrückstände vor Beginn des Asse-Betriebs im Meer versenkt worden seien. Ausgeschlossen erscheint das nicht.“ Das Online-Portal schreibt weiter: „Denn bereits im Frühjahr 2009 bestätigte die niedersächsische Landesregierung Informationen der Grünen, dass im Mai 1967 deutscher Atommüll aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe 400 Kilometer von der portugiesischen Küste entfernt verklappt wurde. Die rund 180 Tonnen schwach radioaktive Abfälle wurden den Angaben zufolge aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe angeliefert und im Emder Hafen auf das britische Schiff „Topaz“ verladen. Bei der Aktion seien gleichzeitig mehrere Hundert Tonnen niederländischer, belgischer und französischer Atommüll versenkt worden.

Nach Angaben der Grünen im niedersächsischen Landtag weigerten sich damals Schauerleute im Hafen, das Schiff zu beladen. Erst daraufhin habe das Gewerbeaufsichtsamt Radioaktivitätsmessungen veranlasst. Hinweise, dass es sich bei den aus Karlsruhe abgeschickten und im Meer versenkten Abfällen teilweise um Reste des NS-Urans handeln könnte, gab es bislang jedoch nicht.“

Der vollständige grüne Abschlussbericht zum Parlamentarischen Untersuchsungsausschuss des niedersächsischen Landtags über die ASSE steht hier zum download bereit (PDF).

 

Hier gibt es das Kapitel 11 (die oben genannten Seiten 78 – 80) über atomare Begehrlichkeiten aus der Nazi-Zeit und der frühen Bundesrepublik direkt zum Nachlesen:

11. Politischer Kontext: Aufrüstung, Atomforschung und kalter Krieg

11.1 Kernspaltung im Nazideutschland

Die Nutzung der Atomtechnologie zum Bau einer Atombombe und die Produktion von Strom mit Hilfe von Kernreaktoren sind zwei Seiten einer Medaille. Auch das Desaster in dem Salzbergwerk Asse II bei Wolfenbüttel ist ohne einen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte dieser Technologie kaum zu verstehen.

Auf die militärische Bedeutung der Kernspaltung von Uran verwiesen der Leiter des Physikalisch-Chemischen Instituts der Universität Hamburg, Prof. Paul Harteck und sein Assistent Dr. Wilhelm Groth in einem Schreiben vom 24.4.1938 an das Heereswaffenamt. Zugleich hob man dort auf die „kriegsentscheidende Bedeutung“ einer Waffe ab, die einem Land eine „nicht einzuholende Überlegenheit“ verleihen könne. Die Göttinger Professoren Georg Joos und Wilhelm Hanle wandten sich in der gleichen Angelegenheit am 22.4.1939 an den Reichsforschungsrat im Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, das von Bernhard Rust geleitet wurde. Dieser veranlasste kurze Zeit später über die Physikalischtechnische Reichsanstalt in Braunschweig die Gründung des Uranvereins, der die Aktivitäten der deutschen Atomforscher zusammenfassen sollte und den Bau einer „Uranmaschine“, mithin eines Kernreaktors anstrebte.310

Das Heereswaffenamt gründete einen zweiten Uranverein, der am Kaiser-Wilhelm-Institut das Uranprojekt verfolgte. Bereits am 6.12.1939 berichtete Heisenberg dem Heereswaffenamt, dass die Voraussetzungen für einen Kernbrennstoff bisher unbekannter Zerstörungskraft geschaffen seien, wenn nahezu reines Uran235 hergestellt werden könne.

Wie weit diese Arbeiten letztlich vorangetrieben wurden und wie weit die Arbeiten zum Bau einer Bombe bis zum Ende des zweiten Weltkrieges entwickelt waren, ist heftig umstritten. Reste dieser Forschungsarbeiten sind offenbar kurioserweise auch in die Asse verbracht wurden. Der stellvertretende Betriebsleiter der Asse wurde am 29.7.1974 verblüffend offen in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) mit den Worten zitiert: „Als wir 1967 mit der Einlagerung begannen, hat unsere Gesellschaft als erstes radioaktive Abfälle aus dem letzten Krieg versenkt, jene Uranabfälle, die bei der Vorbereitung der deutschen Atombombe anfielen.“311

11.2 Forderungen nach atomarer Bewaffnung

Trotz der Erklärungen im Rahmen der Pariser Verträge, in denen die Bundesrepublik auf die Herstellung von ABC-Waffen verzichtete, blieb in den frühen Jahren der Bundesrepublik die Haltung zum Besitz von Atomwaffen unklar. Nach der Radford-Krise verabschiedete das Bundeskabinett312 eine Richtlinie, die vorsah den Bau von Atomwaffen auch auf deutschem Boden voranzutreiben, obwohl die Bundesrepublik in den Pariser Verträgen „freiwillig“ verzichtet hatte. Adenauer wird im Protokoll der Kabinettssitzung vom 19.12.1956 mit den Worten zitiert: „Der Bundeskanzler weist auf einen Bericht der „Neuen Zürcher Zeitung“ hin, wonach der Kongress der Vereinigten Staaten den Einsatz von Atomwaffen beschließen müsse. Eine solche Beschlussfassung sei doch irreal. Das gleiche gelte für den einstimmigen Beschluss der NATO. Es sei daher dringend erforderlich, daß die Bundesrepublik selbst taktische Atomwaffen besitze.“ In einer bis 2002 als Verschlusssache eingestuften Protokollnotiz des Bundeskabinetts vom 9.1.1957 wird Adenauer aus der Sitzung vom 19.12.1956 mit den Worten zitiert: „Es müsse also gefordert werden, den Aufbau der Bundeswehr im Einklang mit den Verpflichtungen beschleunigt durchzuführen, eine Zusammenfassung Europas voranzutreiben und nukleare Waffen in der Bundesrepublik herzustellen.“313

Verteidigungsminister Strauß beharrte 1959 auf einer „Strategie der Abschreckung“, die den „Besitz von Atomwaffen und die Entschlossenheit zum Einsatz einschloss“.314

Im Jahr 1960 kam die Forderung nach atomaren Waffen von Generälen der Bundeswehr. Im Bundestagswahlkampf 1965 erklärte Strauß: „der liebe Gott hat nicht festgelegt, dass die Kontrolle über die für uns so entscheidenden Atomwaffen nur Engländern, Amerikanern und Franzosen vorbehalten ist“.315

1965 begannen in Genf die Verhandlungen über einen Atomwaffensperrvertrag. Adenauer und Strauß sahen in dem Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen einen „Morgenthau-Plan im Quadrat“ bzw. ein „Versailles von kosmischen Ausmaßen“ und bestätigten damit indirekt die „hidden agenda“ hinter dem Atomprogramm der Regierung Adenauer, schreibt der Biograph von Bundesforschungsminister Hans Matthöfer 316

Demnach hatte die Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt „den Status einer nuklearen Schwellenmacht“, die im Begriff stand, im Kernforschungszentrum Karlsruhe eine von Hoechst projektierte Wiederaufarbeitungsanlage für Kernbrennstoffe zu bauen und damit die letzte noch bestehende Lücke im Kreislauf einer möglichen deutschen Bombenproduktion zu schließen. Das Atomministerium hatte durch seine Forschungspolitik wesentlich dazu beigetragen, diese Option offen zu halten.

Nach Ansicht mancher Beobachter diente der Atomwaffensperrvertrag daher ausdrücklich auch dem Ziel, eine atomare Bewaffnung der Bundesrepublik zu unterbinden. Der Hoechst Vorstandsvorsitzende Karl Winnacker überreichte im Namen des deutschen Atomforums am 24.2.1967 dem Forschungsministereine Stellungnahme die u.a. feststellte: 317 „das grundsätzliche Verbot der Anwendung atomarer Sprengsätze durch kernwaffenlose Staaten auch für friedliche Zwecke“ sei „problematisch“.

Deutschland leistete heftigen Widerstand gegen das zunächst beabsichtigte Verbot des Baus von Wiederaufarbeitungsanlagen und Urananreicherungsanlagen. Die Einführung der Kernbrennstoffflusskontrolle durch IAEA und EURATOM war schließlich ein Kompromiss, der Deutschland trotz Sperrvertrag den Bau aller nuklearen Anlagen ermöglichte. Schließlich unterzeichnete die sozial-liberale Bundesregierung den Atomwaffensperrvertrag am 28. November 1969.

Deutschland ratifizierte den Vertrag nach weiterenheftigen politischen Kontroversen aber erst im Jahr 1973. Deutschland war in der Folgezeit jedoch trotz Ratifizierung verantwortlich für die Umgehung und den Bruch des Atomwaffensperrvertrages; bspw. durch Verletzung der Retransfer-Beschränkung im Fall des Verkaufs von Anreicherungs- und von Wiederaufarbeitungsanlagen an Brasilien.318

11.3 Wiederaufbau nuklearer Forschungskapazitäten

Nach dem Krieg wurde das Know-how von den Alliierten, aber auch in Deutschland zum Aufbau der Atomindustrie genutzt. Seit 1951 drängte eine Reihe von Atomforschern mit Heisenberg an der Spitze bei der Bundesregierung darauf, zielstrebig den Wiedereinstieg in die Kerntechnik zu betreiben. Erste Forderungen aus der Wirtschaft kamen 1953 vom Bundesverband der chemischen Industrie. Federführend war hier der Hoechst-Chef Karl Winnacker, der während des Nazi-Regimes für die IG Farben die Forschung zur Herstellung von schwerem Wasser betrieben hatte.

Nach dem Abschluss der Pariser Verträge, wo Adenauer eine Verzichtserklärung auf die Herstellung von ABC-Waffen unterzeichnete, hoben die Alliierten im Mai 1955 das nukleare Forschungsverbot für die Bundesrepublik auf. Bereits im Oktober 1955 wurde Franz-Josef Strauß Bundesminister des Ministeriums für Atomfragen.Im Juli 1956 wurde die Kernreaktorbau- und Betriebsgesellschaft in Karlsruhe als Keimzelle des Forschungszentrums Karlsruhe und die Kernforschungsanlage Jülich gegründet.

11.4 Organisation des Manhattan-Projekts als Vorbild für deutsche Kernforschung

„Beim Aufbau der deutschen Kernforschung orientierte man sich an den erfolgreichen, in kurzer Zeit entstandenen großen militärischen Forschungsstätten. Diese Institutionen wurden vom Staat finanziert und verwaltet. Die Privatindustrie war als Dienstleister, Zulieferer und Betreiber vertraglich eingebunden. Eine staatliche Koordinierung oder Weisungskompetenz in unternehmerischen Konzeptionen wurde von der Industrie als wenig hilfreich erachtet. Die Steuerungsmöglichkeiten des Staates lagen daher vornehmlich in der Bereitstellung und Bewilligung projektbezogener Fördermittel, in der Grundfinanzierung der staatlichen Forschungseinrichtungen und in der atomrechtlichen Genehmigungs- und Aufsichtskompetenz“.319

Als deutscher Partner einer gemeinsamen deutsch-französisch-britischen Vertriebsorganisation, der United Reprocessors GmbH (URG), wurde im September 1970 die Kernbrennstoffwiederaufarbeitungsgesellschaft (KEWA) von den Gesellschaftern der Gesellschaft für die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (GWK) gegründet.320

Gesellschafter der KEWA waren die Hoechst AG, Bayer AG, Gelsenberg und Nukem. Die KEWA führte später ein Suchverfahren für den Standort einer großen Wiederaufarbeitungsanlage und eines Endlagers für Atommüll durch. Chefgeologe für das KEWA-Auswahlverfahren zur Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll am Standort der damals geplanten weltgrößten Wiederaufarbeitungsanlage war Prof. Dr. Gerd Anger von der Universtät Clausthal, der bei der BAYER AG tätig war.

In München war bereits 1957 der erste deutsche Forschungsreaktor FRM in Betrieb gegangen. Die fünf ersten Forschungsreaktoren wurden in Großbritannien und den USA eingekauft. In Frankfurt ging im Jahr 1958 der Forschungsreaktor FRF-1 in Betrieb. In Geesthacht ging 1958 der Forschungsreaktor FRG-1 in Betrieb. Als erster deutscher Reaktor, der nach eigenem Konzept und in eigener Verantwortung betrieben wurde, ging in Karlsruhe 1961 der Forschungsreaktor FR 2 in Betrieb, der als „Dual-Use Reaktor“ galt. Es folgten etliche weitere, darunter der Schwerwasser moderierte MZFR in Karlsruhe (1965), der Siedewasserreaktor Kahl (1960), der Hochtemperaturreaktor AVR in Jülich (1966) und ein schneller Brutreaktor KNK-II in Karlsruhe (1977).321

Die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe wurde 1971 in Betrieb genommen. In Jülich und Gronau entstanden Kapazitäten zur Uranreicherung. Aus Karlsruhe und Jülich kamen später die größten Lieferungen mit radioaktiven Abfällen in die Asse.

Faktisch besaß die Bundesrepublik Anfang der siebziger Jahre mit dem FR II Reaktor, der Wiederaufarbeitungsanlage und Gaszentrifugen zur Urananreicherung alle technischen Anlagen und auch das Know-how zum Bau von Atomwaffen.

Im Jahr 1967 verfügte das US-Militär über 31.255 atomare Sprengköpfe.322
Nur für einen kleineren Teil gab es weit reichende Trägerwaffen. Ein Teil dieser Sprengköpfe dürfte in der Nähe des „eisernen Vorhangs“ zum Einsatz mit Kurzstreckenraketen, Geschützen, Minen und kleineren „taktischen“ Raketenwerfern vorgehalten, gelagert bzw. gewartet worden sein.323

Ob bei der Auswahl des Bergwerks die Lage der Asse in der Nähe der deutsch-deutschen Grenze eine Rolle gespielt hat, ist unbekannt. Dass militärische Forschung in der Asse betrieben worden wäre, „ist keinem ehemaligen IfT-Mitarbeiter bekannt“, heißt es von Seiten des Bundesforschungsministeriums. Ein eindeutiges Dementi klingt anders.

Der Historiker Detlef Möller dokumentiert ein Schreiben des ehemaligen Leiters der Asse an das Bundesschatzamt, heute Bundesfinanzministerium, wo es heißt: „Wir wissen, dass es Bedenken gibt die Asse zu nutzen, aber Sie wissen auch, das es höchst gewichtige Gründe gibt, sie trotzdem zu nutzen.“324

Von welchen „höchstgewichtigen Gründen“ die Rede war ergibt sich aus den vorliegenden Quellen nicht. Einen weiteren Hinweis auf bislang nicht bekannte Funktionen der Asse birgt ein Artikel von Prof. Gerhard Richter-Bernburg, Präsident der BfB, der 1977 in Bezug auf die Asse von Endlagerung radioaktiver Abfälle und von der „Zwischenlagerung von zeitweilig aus dem Produktionsgang genommenem Material hoher Aktivität“ 325 sprach.

Alle Versuche des 21. Untersuchungsauschusses über die Kontrolle der bei EURATOM im Rahmen von Art. 3, Abs 1 des Kernwaffensperrvertrages geführten Kernbrennstoffbilanzen die Sicherheitskontrollen (Safeguards) mit den gemeldeten Kernbrennstoffbilanzen der Asse und der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe abzugleichen, sind an der Behörde gescheitert, obwohl die Kontrollen zu diesem Zweck eingerichtet wurden. Durch einen solchen Abgleich hätte mehr Sicherheit über in die Asse eingelagerte Kernbrennstoffmengen gewonnen werden können und jeglicher Verdacht der Proliferation von kernwaffenfähigem Material hätte ausgeräumt werden können.

Anmerkungen:
310: Kernenergieforschung in Celle 1944/45, 1995, S. 22/23
311: SZ, 12.7.2011
312: Protokoll der Sitzung des Bundeskabinetts vom 19.12.1956, Bundesarchiv/Militärarchiv (BA-MA), Bm1/48957 S. 389, zitiert nach Abelshäuser, Nach dem Wirtschaftswunder, Bonn 2009
313: Auszug aus dem Kurzprotokoll über die 164. Kabinettssitzung der Bundesregierung am 19.12.1956, BW1/48957b BMVg RII4
314: Bulletin, hrsg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, 16.4.59
315: Bild, 9.9.65
316: Nach dem Wirtschaftswunder, Werner Abelshauser, Bonn 2009
317: Atomwirtschaft 12, 1967, p 121
318 : Joachim Radkau/Joachim Gruber: http://www.acamedia.info/politics/nonproliferation/references/radkau.htm
319 : Die Wiederaufarbeitung von bestrahlten Kernbrennstoffen in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt 2003,Wolfgang Issel
320 : Die Wiederaufarbeitung von bestrahlten Kernbrennstoffen in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt 2003,Wolfgang Issel
321 : Stilllegung und Rückbau kerntechnischer Anlagen, 3. Auflage, Aachen 2009
322 : SZ, 05.05.2010
323:  Spiegel 31/1963
324 : Detlev Möller, Endlagerung radioaktiver Abfälle in der Bundesrepublik Deutschland, Hrsg. Hans-Joachim Braun, Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Ffm 2009
325 : Gerhard Richter-Bernburg, bild der wissenschaft, 12-1977

Die Atombombe kam aus Deutschland – Ein Bericht von RBB

Radioaktiv-07.jpgBereits vor 1945 forschten Physiker in Deutschland intensiv an der Atomenergienutzung. Die Entwicklung von Reaktor-Prototypen ebenso wie die militärische Nutzung spielten dabei eine Rolle. Im Zentrum dabei stand der Uran-Verein, der die deutschen Forscher zusammen fasste. Ausführlich berichtet Rainer Karlsch in seinem 2005 veröffentlichten Buch „Hitlers Bombe: Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche“ (siehe hier auf Wikipedia). Darin versucht Karlsch nachzuweisen, dass es möglicherweise im März 1945 im deutschen Faschismus zu einer Explosion mit Kernenergiefreisetzung kam. In der Folge der Veröffentlichung kam es zu einer heftigen Kontroverse.

Eines der Unternehmen, das im Rahmen dieser Forschungen und Entwicklung eine bedeutsame Rolle spielte, waren die Auer-Werke in Oranienburg, in der Nähe von Berlin. Für die Alliierten stellten die Auer-Werke ein herausragendes Ziel dar. Ein Beitrag des öffentlich-rechtlichen Senders RBB befasst sich mit dem faschistischen Atomprogramm. Der ist auf YouTube online anzusehen:

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