Bis zum Schluss versuchten deutsche Atomforscher unter dem Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg eine nukleare Kettenreaktion hinzubekommen. Bereits schnell nach der Entdeckung der Kernspaltung hatten verschiedene Wissenschaftler die Möglichkeiten der Kernspaltung sowohl zur Energieerzeugung als auch zur Atombombe erkannt und die entsprechenden staatlichen Stellen darüber informiert. Mehrere Forschungsgruppen, nur teilweise über den 1939 gebildeten sogenannten „Uran-Verein“ koordiniert, machten sich an die Arbeit. Während zum Kriegsende eine Gruppe um Kurt Diebner vor allem im thüringischen Stadtilm experimentierte, war eine Gruppe um Werner Heisenberg im württembergischen Hechingen und Haigerloch aktiv. Dort, in einem ehemaligen Bierkeller in Haigerloch, errichteten sie ab September 1944 einen Versuchs-Reaktor, um eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion zu erreichen. Doch das Experiment B-VIII scheiterte im Februar/März 1945. Heute zeugt in dem dortigen Atomkeller ein kleines Museum von diesen Versuchen, bemüht vor allem eines festzustellen: „Die Atombombe stand nicht auf dem Programm“. Eine Aussage, die wissenschaftlich so nicht zu halten ist. „Spurensuche: Atomreaktor-Versuche in Nazi-Deutschland – Haigerloch Keller-Museum“ weiterlesen
Schlagwort: Diebner
Spurensuche: Militärische Motive der deutschen Atomenergie-Politik und die Atomforscher Kurt Diebner und Erich Bagge

Am Anfang stand die Atombombe. Direkt nach der Entdeckung der Kernspaltung und der dabei frei werdenden Energie begann in Nazi-Deutschland ein vielfältiges Forschungsprogramm, mit dem der Bau einer Atombombe realisiert werden sollte. Auch in der Frühphase der jungen Bundesrepublik spielte die Atombombe bei der Entwicklung eines Atomenergieprogramms eine herausragende Rolle – allerdings aufgrund der internationalen Rahmenbedingungen mit Ausnahmen eher im Versteckten und später unter dem Mantel der zivilen Atomenergienutzung im Rahmen des „geschlossenen Brennstoffkreislaufs“. Mit diesem Text setze ich meine „Spurensuche“ über die militärischen Interessen an der Atomenergie in Nazi-Deutschland und der frühen Bundesrepublik fort (*siehe ganz unten im Text). In einer Studie hat Roland Kollert im Jahr 2000 auf die militärischen Motive an der Atomenergie in der jungen Bundesrepublik aufmerksam gemacht und zahlreiche Hinweise nicht nur mit Blick auf die Bonner Politik, sondern auch auf die wissenschaftliche Unterstützung gerichtet. Dabei berichtet er auch über die Aktivitäten der Atomforscher Erich Bagge und Kurt Diebner, die bereits in der Nazi-Zeit zusammengearbeitet und später gemeinsam die Atomforschungsanlage GKSS in Geesthacht gegründet haben. „Spurensuche: Militärische Motive der deutschen Atomenergie-Politik und die Atomforscher Kurt Diebner und Erich Bagge“ weiterlesen
Die Suche nach Hitlers „Atombombe“ – ZDF Rechereche und Doku

Das ZDF hat sich auf die „Suche nach Hitlers „Atombombe““ begeben und in Verbindung mit einer recht umfangreichen Recherche eine Dokumentation gesendet. Als wissenschaftlicher Berater u.a. mit dabei Rainer Karlsch, der mit dem Buch „Hitlers Bombe“ im Jahr 2005 für Aufsehen sorgte, weil er auf bislang wenig beachtete Atomforscher in Nazi-Deutschland abstellte und über Forschungsarbeiten berichtete, die möglicherweise auf eine Art nuklearer Waffe auf dem Prinzip der Hohlladungsexplosion (Implosion) abzielten. In dem ZDF Beitrag wird außerdem über Standorte in Österreich berichtet, wo zahlreiche unterirdische Anlagen existieren, die unter Leitung des SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Hans Kammler entstanden, – Hitlers „Geheimwaffenchef“.
- Die ZDF-Doumentation „Die Suche nach Hitlers „Atombombe““ ist hier in der Mediathek verfügbar. Außerdem hat das ZDF eine Pressemappe über die Doku zusammengestellt, die unten im Text weitgehend dokumentiert wird. Der Westen hat ein Interview mit Stefan Brauburger, ZDF Chefredakteur Zeitgeschichte, veröffentlicht. Auch BILD widmet der ZDF-Doku einen längeren Text.
- Update: Inzwischen ist die ZDF-Doku „Die Suche nach Hitlers „Atombombe““ auch auf Youtube zu finden (siehe auch unten!).
Für den leitenden Welt-Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte Sven Felix Kellerhoff ist das Thema eher ein Mythos; „Das Dritte Reich hatte weder Uran 235 noch Plutonium 239 in ausreichender Menge. Trotzdem geht die Legende vom deutschen Nuklearprogramm in die nächste Runde. Doch handfeste Indizien gibt es nicht“, schreibt er offenbar auf Basis der Pressemappe VOR der Ausstrahlung der Doku (wenn ich das richtig lese).
umweltFAIRaendern über die Atom(waffen)forschung in Nazi-Deutschland und der jungen Bundesrepublik:
- Spurensuche Hitlers Bombe – Atomforschung in Nazi-Deutschland – Video-Dokumentation
- Spurensuche Atomenergie im Faschismus: Kurt Diebner, tote KZ-Häftlinge und die Angst vor dem Zuchthaus
- Bundesrepublik und Atomwaffen: “Finger am Abzug” – Spurensuche zur Geschichte der Urananreicherung
- Atomenergie: Bonn und die Bombe (mit Link auf das kostenlose Buch als PDF!)
- Otto Hahn – Vor der Kernspaltung das Giftgas
- Nazi-Deutschland und “Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938 – 1945″
- Die Nazis, die Uranmaschine und die deutsche Atombombe
- Atomforschungsanlage GKSS – Forschung an der Atombombe?
Und über Rainer Karlsch sagt er: „Zuletzt erlitt 2005 der bis dahin durchaus anerkannte Historiker Rainer Karlsch mit seinem Buch „Hitlers Bombe“ einen Totalschaden. Er hatte behauptet, Wissenschaftler um Kurt Diebner und Walther Gerlach hätten im Oktober 1944 auf Rügen und im März 1945 bei Ohrdruf in Thüringen zweimal erfolgreich Kernspaltungsbomben in der Größe späterer taktischer Nuklearwaffen getestet, also wesentlich kleiner als die US-Bomben in Hiroshima und Nagasaki. Das erwies sich als Unsinn. Karlschs Ruf war nachhaltig beschädigt.“
Unsinn ist das, was Kellerhoff hier schreibt. Nicht zuletzt Mark Walker, der seit den 90er Jahren maßgebliche Arbeiten zur Atomforschung in Nazi-Deutschland verfasst hat und in der Dokumentation ebenfalls ausführlich zu Wort kommt, hatte schon vor Jahren die wichtigsten Ergebnisse und Thesen von Karlsch unterstützt. umweltFAIRaendern hat über das Buch von Rainer Karlsch und die anschließende Kontroverse ausführlich berichtet:
Kellerhoff kritisiert weiter: „Denn was der verantwortliche ZDF-Redakteur Stefan Brauburger, ohne Zweifel ein erfahrener Geschichtsjournalist, über den Film berichtet (siehe unten, Anmerk. UFAe), macht skeptisch. Der langjährige Stellvertreter von Guido Knopp räumt auf Nachfrage ein, keinen einzigen Beweis für die Existenz deutscher Atombomben präsentieren zu können.

Die Zutaten des Films dürften überwiegend aus Karlschs Buch bekannt sein. Da geht es offenbar einmal mehr um Gerlach und Diebner sowie um den Waffen-SS-General Hans Kammler, der KZ-Häftlinge schuften ließ, um Fabriken für die vermeintlichen „Wunderwaffen“ unter der Erde errichten zu lassen. Und es gibt Experteninterviews, zum Beispiel mit dem US-Forscher Mark Walker, der sich schon 2005 positiv zu Karlschs Buch geäußert hatte.“
Sowohl Karlsch als auch Walker haben immer wieder eingeräumt, dass es „letzte Beweise“ bislang nicht gäbe, dass allerdings Hinweise bzw. Indizien dafür sprechen, dass es eine besondere Waffenforschung gegeben habe, bei der es um eine Mischung aus Kernspaltung und Fusion ging. Ein gänzlich anderes Prinzip in jedem Fall, als die von den USA für Hiroshima und Nagasaki entwickelten Waffen. Von Bedeutung war dabei das Hohlladungsprinzip, wie es auch bei Panzerfäusten eingesetzt werde. Demnach könnten thermo-nukleare Reaktionen durch eine enorm starke Implosion ausgelöst werden. Dazu – so die These – brauche es nur geringe Mengen Spaltmaterial.
Ob diese Technik tatsächlich funktioniert haben könnte, ist eine andere Frage, als die, ob in Nazi-Deutschland an einer solchen Bombe gearbeitet wurde. Darauf verweist auch Walker in der ZDF-Dokumentation.
Vor diesem Hintergrund ist die Kritik von Kellerhoff an der Sache vorbei, wenn er zunächst sagt: „Die USA errichteten in Oak Ridge (US-Bundesstaat Tennessee) und Hanford (US-Bundesstaat Washington) sowie an weiteren Orten gigantische Fabrikkomplexe, die so viel Strom verbrauchten wie eine Millionenstadt. Dennoch stand im Juli 1945 gerade einmal genug spaltbares Material für eine Uran- und zwei Plutoniumbomben zur Verfügung; eine vierte wäre erst um den 24. August 1945 einsatzbereit gewesen.
Weil das ZDF diese Tatsache nicht kleinreden kann, dürfte es in der Dokumentation vermutlich einmal mehr, wie schon bei Karlsch, um eine grundsätzlich andere Art von Nuklearbombe gehen. Ein angeblich „alternatives Kernwaffenkonzept“. Allerdings gibt es auch dafür nicht die Spur eines Beweises, und ob die immer wieder gleichen, dafür angeführten Informationssplitter aus dritter und vierter Hand tatsächlich als zuverlässig gelten dürfen oder nicht viel eher als reine Spekulation, ist eine Frage des Standpunktes.“
Man kann, wie Kellerhoff, die vorliegenden Quellen und Indizien als „Informationssplitter“ diskreditieren, wenn man denn unbedingt will, dass an den Untersuchungen von Karlsch, Walker und jetzt in der ZDF-Doku nicht wirklich was dran ist. Das aber hilft bei der Aufklärung allerdings recht wenig.
Dennoch ist der Hinweis von Kellerhoff bedenkenswert: „Fest steht jedenfalls: Ausnahmslos alle mehr als 2000 seit 1945 gezündeten Kernwaffen beruhten entweder auf dem Plutonium-Implosionsdesign, oft auch verwendet als Zünder für eine Fusionsbombe, oder auf Kanonenrohr-Prinzip mit Uran. Es gibt lediglich Hinweise, dass jedenfalls frühe israelische Bomben auf einer Mischung beider Konstruktionen beruhten, einer Implosionskonstruktion mit U-235 als Spaltstoff.
Aber für eine „alternative“ Konstruktionsweise, für die vielleicht gar kein Uran oder Plutonium, mindestens aber deutlich weniger als in den US-Bomben nötig wäre, gibt es kein einziges Indiz. Dabei wären wohl alle möglichen Diktaturen, bis hin zu Nordkorea und dem Iran im 21. Jahrhundert, in höchstem Maße an solchen Alternativen zur extrem aufwendigen Anreicherung von spaltbarem Uran oder zur Erbrütung von Plutonium 239 in speziellen Kernreaktoren interessiert.“
Vielleicht ein Hinweis, dass die Sache am Ende nicht funktioniert hat? Das aber widerspräche nicht den Hinweisen, dass es eine solche Forschung in Nazi-Deutschland gegeben haben könnte.
Karlsch und Heiko Petermann haben in einem Folgeband zu Hitlers Atombombe die möglichen Arbeiten von Kurt Diebner in Nazi-Deutschland unter der Rubrik „Mini-Nukes“ eingeordnet. (Leider ist die Homepage von Petermann, auf der diverse Texte dazu standen, nicht mehr online verfügbar. Das Buch „Für und Wider Hitlers Bombe“ (Buchbesprechung) aus dem Jahr 2007 setzt sich intensiv mit der gegen das 2005 veröffentlichte „Hitlers Bombe“ auseinander. Zum Thema Mini-Nukes, wie sie z.B. bei der Modernisierung der US-Atomwaffen in den letzten Jahren diskutiert wurden, siehe z.B. hier Spiegel online 2005, Ottfried Nassauer/BITS 2005, Tagesspiegel 2012 und Wikipedia 6.2.).

Im Zusammenhang mit der Fusion, ausgelöst durch extrem hohen Druck in einer Hohlladungsexplosion, ist auch ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1957 interessant, in dem u.a. anderen Kurt Diebner und Erich Bagge mit besonderen Forschungen aus der NS-Zeit erwähnt sind. In dem Artikel zu russischen und us-amerikanischen Forschungen an der Fusionsbombe unter der Überschrift Die Sonne auf Erden heißt es u.a.: „Die Meldungen der deutschen Tageszeitungen vermittelten den Eindruck als habe der Hamburger Physiker Dr. Kurt Diebner das Problem, die Sonne auf Erden scheinen zu lassen, schon weitgehend gelöst. Aber der deutsche Atomforscher, der heute die Durag-Apparatebaufirma leitet, hat sich zunächst ein viel bescheideneres Ziel gesteckt: Er will kurzzeitig hohe Temperaturen erzeugen, wie sie auch im Sterninnern herrschen, also dort, wo sich die wärmespendenden Verschmelzungsprozesse abspielen.
Schon während des letzten Krieges hatte er mit diesen Experimenten begonnen. 1939 hatte er dem Heereswaffenamt vorgeschlagen, die Uranspaltung, die Professor Otto Hahn damals gerade entdeckt hatte, für Kriegszwecke nutzbar zu machen.
Neben seiner Tätigkeit im deutschen „Uranverein“ – wie die Atomforschergruppe während des Krieges hieß – war Diebner als physikalischer Berater des OKH mit Sprengstofffragen beschäftigt gewesen und hatte an der Entwicklung der Panzerfaust Anteil. In ihr war das Prinzip der Hohlladung angewandt worden: In der Sprengladung war ein trichterförmiger Hohlraum ausgespart, so daß sich die Detonationswelle auf einen Punkt konzentrierte. In diesem Punkt wurden Temperaturen von enormer Höhe erreicht. Diebner überlegte: Konnte man diese Hitzegrade nicht zur Verschmelzung von schwerem Wasserstoff benutzen? „Ich kam auf den Trichter“, erinnert sich Diebner, „eine Hohlkugel aus Sprengstoff mit schwerem Wasser zu füllen.“
Aber der gewaltige Knall der Detonation der Kugel von etwa 40 cm Durchmesser brachte nicht das gewünschte Ergebnis. Zusammen mit dem Hamburger Atomforscher Professor, Dr. Erich Bagge möchte Diebner, diese Forschungen jetzt wiederaufnehmen.
„Es gibt da einen Dreh“, meint Professor Bagge, „durch den wir die Temperatur noch erheblich erhöhen können.“ Er hofft durch diesen Kunstgriff, über den er sich nicht näher äußern will, so hohe Hitzegrade bei der Detonation eitler Hohlladung erzielen zu können daß die Verschmelzung von schwerem Wasserstoff in Gang kommt. Die deutschen Babcock-Werke haben sich bereit gefunden, die geplanten Versuche der beiden Hamburger Atomforscher zu unterstützen. Die beiden Physiker nähren sogar die kühne Erwartung, daß man ihr geplantes Wasserstoffbombenbaby dereinst zur Erzeugung von nutzbarer Energie verwenden könne.“ (Siehe auch: Diebner 1962 in der Zeitschrift Kerntechnik: „Fusionsprozess mit Hilfe konvergenter Stoßwellen….“, Kerntechnik Band 4, Heft 3, S. 89ff.)
Dabei muss berücksichtigt werden, dass derartige Forschung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg strikt verboten war. Dass aber diese Variante einer Fusionstechnik durchaus eine ernste Sache war, hatte im Jahr 2000 auch Roland Kollert in einer – natürlich ebenfalls heftig umstrittenen – Studie für die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler dargelegt. (Roland Kollert, Atomtechnik als Instrument westdeutscher Nachkriegs-Außenpolitik, Die militärisch-politische Nutzung „friedlicher“ Kernenergietechnik in der Bundesrepublik Deutschland, PDF, zur Kontroverse sind weitere Texte unten auf dieser Seite zu finden.)
Mit diesen Hinweisen bzw. Quellen – mit denen sich meines Erachtens auch die ZDF-Doku zu wenig beschäftigt, setzt sich der Welt-Autor in seinem Beitrag nicht weiter auseinander.
Kesselhoff kritisiert die ZDF-Doku auch mit Blick auf die dort als neu eingeordneten Quellen und schreibt z.B.: „Im Übrigen ist das Dokument, das im ZDF-Film präsentiert werden soll, auch keineswegs neu. Schon 2005 zitierte der US-Jurist und Historiker Stephen P. Halbrook das Dokument bei einer Tagung in Lugano; sein Vortrag ist auch im Internet veröffentlicht. Kesselrings angebliches Zitat ist sogar schon im Juni 1945 veröffentlicht worden, in der Züricher „Weltwoche„.“
Die ZDF-Dokumentation geht auch intensiv auf die vielen unterirdischen Fabrikanlagen und die Waffenforschung der Nazis ein. Dabei von herausragender Bedeutung ist der eingangs genannte SS-Mann Hans Kammler. Vor allem Anlagen in Österreich werden dabei ausführlich vorgestellt. Darunter die unterirdischen Stollen des Projekts „Bergkristall“. Auf Kammler und diese unterirdischen Anlagen, von denen es natürlich auch viele in Deutschland gab, werde ich bei anderer Gelegenheit noch mal in diesem Blog zurückkommen.
Bis dahin: Phoenix zu Kammler und hier bei Wikipedia.
Die ZDF-Doku als Video auf Youtube
Das ZDF hat zur TV-Dokumentation eine Pressemappe zusammengestellt.
Darin nimmt Stefan Brauburger, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte unter der Überschrift „Auf der Spur von Hitlers Bombe – 70 Jahre nach Hiroshima“ Stellung:
Spurensuche: Nazi-Deutschland und die Atombombe – Kurt Diebner, Paul Harteck, schweres Wasser aus Norwegen und tote Partisanen

Am 20. Dezember 1943 – kurz vor Weihnachten – sitzen die Herren Diebner, Harteck, Orlicek und einige andere in Leuna (Wikipedia) zusammen. Ihr Thema: „Übernahme der SH 200-Anlagen in Norwegen nach Mitteldeutschland“. Über dem Protokoll der Besprechung (Deutsches Museum, Geheimakten) in knallrot der Stempel: „Geheim! 1. Dies ist ein Staatsgeheimnis im Sinne §88 RStG.“ Kein Wunder: Die Herren beratschlagen, wie sie die Versorgung mit dem für die Atom(bomben)forschung dringend benötigten schweren Wasser (Deuterium) sicherstellen können. Dr. Diebner ist, so vermerkt es das Protokoll, „Bevollmächtigter für Kernphysik“. Er spricht abstrakt von „politischen Gründen“, die den Nachschub des dringend benötigten schweren Wassers aus Norwegen behindern. Was er nicht ausspricht: Mehrfach hatten norwegische Widerstandskämpfer und alliierte Luftangriffe die einzige Produktionsanlage im besetzten Norwegen bombardiert oder die Transporte angegriffen. Dabei kamen viele Menschen ums Leben und Partisanen wurden erschossen. „Spurensuche: Nazi-Deutschland und die Atombombe – Kurt Diebner, Paul Harteck, schweres Wasser aus Norwegen und tote Partisanen“ weiterlesen
Nazi-Deutschland und „Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938 – 1945“

„Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938 – 1945“, so lautet die Überschrift von Original-Dokumenten über die Atomforschung in Deutschland aus der Nazi-Zeit, die beim Deutschen Museum online verfügbar sind. Die Dokumente geben schlaglichtartig einen Eindruck, mit welchen Fragen die Atomforscher im deutschen Faschismus und unter den Bedingungen des Zweiten Weltkriegs arbeiteten und welche Probleme sie dabei hatten. Unter den Dokumenten befinden sich auch Protokolle über „Befragungen“ der ALSOS-Mission. Dieses Kommando der USA hatte noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs die Aufgabe, die deutsche Atomforschung aufzudecken, u.a. um festzustellen, ob Nazi-Deutschland eine Atombombe entwickelte.
In dem Archiv finden sich Dokumente über die Forschungsarbeiten z.B. in Hamburg. Dort arbeitete eine Gruppe um den „Physikochemiker Paul Harteck – beteiligt waren Wilhelm Groth, Hans Suess, Friedrich Knauer und teilweise Johannes Jensen aus Hannover“. Diese Gruppe gehörte laut Angaben des Deutschen Museums zu den aktivsten im Uranverein. Zu den Forschungsschwerpunkten gehörten die Entwicklung einer Uranisotopentrennung und die Produktion von schwerem Wasser. Hier finden sich u.a. die folgenden Dokumente (Links verweisen auf den Server des Deutschen Museums):
- Wilhelm Groth / Paul Harteck: Stand der Arbeiten zur Trennung der Isotope U235 und U238, 05.06.1940
- Stand der Arbeiten zur Trennung der Isotope des Präparats 38, 03.12.1941
- Wilhelm Groth: Stand der Arbeiten zur Herstellung einer Ultrazentrifuge, Dezember 1941
Zur Urananreicherung und der militärischen Bedeutung siehe hier auf dieser Seite:
Auch über andere Atom-Forschungszentren im Nazi-Deutschland gibt es Dokumente, z.B. auch über das Forschungszentrum Gottow. Das Deutsche Museum schreibt darüber: „Nach der Berufung Heisenbergs zum Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin 1942 musste der Kernphysiker beim Heereswaffenamt (HWA) Kurt Diebner das Institut verlassen. In Gottow, auf dem Gelände der Heeresversuchsstelle Kummersdorf gelegen, sammelte er im Auftrag des HWA junge Physiker um sich.“
Kurt Diebner war Mitglied der NSDAP und hatte bis dahin maßgeblich die Atomforschung in Nazi-Deutschland koordiniert und war bis 1942 beim Heereswaffenamt eine der treibenden Kräfte des „Deutschen Uranvereins“. Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Gruppe um Kurt Diebner möglicherweise kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Ohrdruf/Stadtfilm thermo-nukleare Explosionen herbeiführte.
Kurt Diebner hatte 1956 eine Liste der „deutschen Geheimarbeiten zur Kernenergieverwertung während des zweiten Weltkrieges 1939 – 1945“ in der Zeitschrift „Atomkerntechnik“ veröffentlicht. Allerdings nicht unter seinem eigenen Namen, sondern unter dem Pseudonym Walter Tautorus. Erich Bagge, der mit Diebner im Heereswaffenamt arbeitete und mit ihm z.B. bereits im September 1939 einen vorbereitenden „Arbeitsplan zur Aufnahme von Versuchen für die Nutzbarmachung der Kernspaltung“ verfasste, berichtete laut dem Atomphysiker Döpel später, dass Diebner unter diesem Pseudonym schrieb, weil „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!).” (Quelle: Arnold, Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Straßmann (PDF), ausführlich auch hier:
Unter dem Stichwort „Mangelwirtschaft“ findet sich beim Deutschen Museum auch dieses Dokument: Besprechungsprotokoll zwischen Vertretern der I.G. Farben und Diebner, Harteck und Suess, 04.01.1944 (2 Dokumente). Darin besprechen die Beteiligten die Probleme zur Beschaffung von „schwerem Wasser“, das als Moderator für die Atomversuche unbedingt erforderlich war. Mit den Lieferungen aus der einzigen bestehenden Anlage im besetzten Norwegen gab es aufgrund von Sabotageaktionen durch Partisanen und durch Luftangriffe der Alliierten erhebliche Probleme.
Weitere Dokumente finden sich beim Deutschen Museum über die Forschungszentren in Wien, Heidelberg, Straßburg, sowie in Leipzig und Berlin.
Zu den insgesamt veröffentlichten Dokumenten informiert das Deutsche Museum auf der Startseite des Archivs über den Kontext, wie die Dokumente in den Besitz des Museums gekommen sind und stellt außerdem fest: „Die hier wiedergegebenen 470 Dokumente sind nur ein kleiner Teil des gesamten Bestandes der geheimen Forschungsberichte, die an das Deutsche Museum übergeben wurden. Die hier vorgestellten Dokumente wurden für die Sonderausstellung vom 7. Mai 2001 bis 12. August 2001 ausgewählt.“
Vorweg steht zu lesen: „Am 29. November 1944 verhafteten Mitglieder der sogenannten „ALSOS-Mission“ in Strassburg erstmals deutsche Wissenschaftler, die im „Uranverein“ an einem geheimen Atomprogramm arbeiteten. Die amerikanische Gruppe mit dem Tarnnamen „ALSOS“ hatte die Aufgabe, den Stand der deutschen Kernforschung herauszufinden, die wichtigsten Forscher gefangen zu nehmen und entscheidende Dokumente und Apparaturen zu beschlagnahmen. Das militärische Kommando führte Oberst Boris Pash, als wissenschaftlicher Leiter fungierte der holländische Physiker Samuel Goudsmit.
Bis Ende Juli 1945 waren die Vorgaben im wesentlichen erfüllt. Obwohl deutsche Wissenschaftler umfangreiche Unterlagen vernichtet hatten, fielen der „ALSOS-Mission“ zentrale Berichte und Korrespondenzen in die Hände. Sie gaben Aufschluss über die deutschen Atomforschungen seit 1938. Die Dokumente waren meist als „geheim“ und „streng geheim“ eingestuft und hatten nur einen sehr kleinen Verteilerkreis.
Die erbeuteten Forschungsberichte wurden in die USA gebracht und ausgewertet. Erst 1970 erfolgte die Rückführung nach Deutschland. Seit 1998 sind die Geheimberichte zum deutschen Atomprogramm im Archiv des Deutschen Museums verwahrt…“
